Psychologie in Erziehung und Unterricht
3
0342-183X
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/peu2026.art15d
3_073_2026_4/3_073_2026_4.pdf101
2026
734
Editorial: Transfer im schulischen Kontext: Interaktion von Forschung, Politik und Praxis
101
2026
Annika Teerling
Markus Sebastian Feser
Isabell Hußner
Ronja Sowinski
Die Frage, wie wissenschaftliche Erkenntnisse zur Verbesserung von Bildungsprozessen beitragen können, hat in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Angesichts aktueller Herausforderungen des Bildungssystems – von der Förderung grundlegender fachlicher und digitaler Kompetenzen Lernender bis zu Fragen der Bildungsgerechtigkeit in einer sich stets wandelnden Gesellschaft – wird verstärkt diskutiert, wie Bildungsforschung, -praxis, -politik und -administration nachhaltig zusammenwirken können. Dabei wird deutlich, dass der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse nicht als linearer Prozess verstanden werden kann, in dem in der Forschung Wissen produziert wird, das in der Praxis umgesetzt wird. Vielmehr erfordert ein erfolgreicher Transfer von fundierten wissenschaftlichen Erkenntnissen die vertrauensvolle Zusammenarbeit unterschiedlicher Stakeholder, die gemeinsame Ziele aushandeln, an die Grenzen ihres jeweiligen Wissens gelangen und gemeinsam neues Wissen generieren, um so Transferprozesse im schulischen Kontext effektiv zu gestalten.
3_073_2026_4_0002
Psychologie in Erziehung und Unterricht, 2026, 73, 222 -223 DOI 10.2378/ peu2026.art15d © Ernst Reinhardt Verlag Transfer im schulischen Kontext: Interaktion von Forschung, Politik und Praxis Annika Teerling, Markus Sebastian Feser, Isabell Hußner & Ronja Sowinski IPN - Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik Editorial Die Frage, wie wissenschaftliche Erkenntnisse zur Verbesserung von Bildungsprozessen beitragen können, hat in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Angesichts aktueller Herausforderungen des Bildungssystems - von der Förderung grundlegender fachlicher und digitaler Kompetenzen Lernender bis zu Fragen der Bildungsgerechtigkeit in einer sich stets wandelnden Gesellschaft - wird verstärkt diskutiert, wie Bildungsforschung, -praxis, -politik und -administration nachhaltig zusammenwirken können. Dabei wird deutlich, dass der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse nicht als linearer Prozess verstanden werden kann, in dem in der Forschung Wissen produziert wird, das in der Praxis umgesetzt wird. Vielmehr erfordert ein erfolgreicherTransfer von fundierten wissenschaftlichen Erkenntnissen die vertrauensvolle Zusammenarbeit unterschiedlicher Stakeholder, die gemeinsame Ziele aushandeln, an die Grenzen ihres jeweiligen Wissens gelangen und gemeinsam neues Wissen generieren, um so Transferprozesse im schulischen Kontext effektiv zu gestalten. Den Auftakt des Themenheftes bildet ein Stichwortbeitrag von Martina Diedrich, Kai Maaz, Benjamin Edelstein und Petra Strähle vom DIPF - Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation, in dem die Autor: innen eine systemische Transformation des Bildungssystems fordern. Diese Transformation setzt die koordinierte Zusammenarbeit von Bildungspolitik, -verwaltung, -forschung und -praxis voraus und zielt auf die Entwicklung gemeinsamer Handlungsfähigkeit ab. Hans Anand Pant, Annika Teerling, Isabell Hußner, Markus Sebastian Feser, Ronja Sowinski, Andrea Bernholt, Silke Rönnebeck, Moritz Krell, Knut Neumann und Ilka Parchmann vom IPN - Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik bieten anschließend in ihrem Beitrag mit dem integrativen Transferprozessmodell eine Systematisierung an, die zum einen verschiedene Transferphasen und unterschiedliche Forschungstypen integriert und die zum anderen Transparenz im Hinblick auf die möglichen Interaktionen der Stakeholder bei Transferprozessen im schulischen Kontext schafft. Ausgehend von diesem konzeptionellen Rahmen versammelt das Themenheft weitere Beiträge, die unterschiedliche Facetten von Transfer im schulischen Kontext beleuchten. Die Beiträge greifen dabei unterschiedliche Ebenen von Transferprozessen auf - von theoretischen Modellierungen über konkrete Transfervorhaben bis hin zu Perspektiven für zukünftige Weiterentwicklung transferorientierter Bildungsforschung. Der Beitrag von Annika Teerling, Rebekka Stahnke, Bettina Rösken-Winter und Olaf Köller vom IPN - Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik bzw. der Universität Münster widmet sich einer konkreten Anwendung des integrativen Transferprozessmodells von Pant und Kolleg: innen. Hier zeichnen die Autor: innen den Transferprozess im Rahmen des Versuchs einer synoptischen Evaluation einer Programmlinie zur Schulentwicklung von impakt schulleitung zu Startchancen retrospektiv nach. Dabei wird zum einen der Transferprozess in seiner Gesamtheit und als Forschungsgegenstand aufgezeigt und zum anderen die Komplexität ebensolcher Pro- Editorial 223 zesse, die phasenabhängigen Herausforderungen und Interaktionen der Stakeholder verdeutlicht. Die Relevanz der Interaktion von Stakeholdern aus Bildungsforschung und -praxis wird auch in dem englischsprachigen Beitrag von William R. Penuel, Anna-Ruth Allen, Helen Baynum und Anna Foster von der University of Colorado Boulder thematisiert. Die Autor: innen zeigen anhand eines Beispiels die Chancen von Research Practice Partnerships innerhalb von Transferprozessen auf. Dabei wird insbesondere auf das Potenzial von vertrauensvoller Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis verwiesen, im Rahmen derer die Beteiligten an die Grenzen ihres Wissens stoßen und gemeinsam neues Wissen generieren können. Abschließend betrachtet Susanne Prediger vom Deutschen Zentrum für Lehrkräftebildung Mathematik am IPN - Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik und Technische Universität Dortmund in ihrem Hot Topic wiederum das Potenzial, das die wissenschaftliche Begleitung des Startchancen- Programms für die Erforschung von Transferprozessen bietet. Hierbei erscheint insbesondere die Übertragung des Ansatzes lernprozessbegleitender Diagnosen vielversprechend, um im Rahmen datengestützter Unterrichtsentwicklungsprozesse zum einen das professionelle Lernen von Lehrkräften und zum anderen institutionelles Lernen zu adressieren. In ihrer Gesamtheit verdeutlichen die Beiträge dieses Themenhefts, dass Transfer im schulischen Kontext weder als unidirektionale Weitergabe von forschungsbasiertem Wissen an die Bildungspraxis noch als rein technische Implementationsaufgabe verstanden werden kann. Vielmehr erweist sich Transfer als ein vielschichtiger Prozess, der von der Zusammenarbeit unterschiedlicher Stakeholder sowie der kontinuierlichen Reflexion und wissenschaftlichen Begleitung lebt. So zeigen die Beiträge, dass Transferprozesse nicht nur Gegenstand praktischer Gestaltungsbemühungen, sondern auch wissenschaftlicher Analyse sind. Die Erforschung von Transfer im schulischen Kontext kann unter anderem einen wichtigen Beitrag leisten, Bedingungen erfolgreichen Zusammenwirkens von Bildungsforschung, -praxis, -administration und -politik besser zu verstehen und eine systemische Transformation bzw. Transferbemühungen im schulischen Kontext evidenzbasiert weiterzuentwickeln. Die in diesem Themenheft versammelten Beiträge liefern hierzu unterschiedliche theoretische sowie empirische Perspektiven und Zugänge. Annika Teerling Markus Sebastian Feser Isabell Hußner Ronja Sowinski IPN - Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik Olshausenstr. 62 24118 Kiel
