Psychologie in Erziehung und Unterricht
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0342-183X
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/peu2026.art21d
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Praxis psychologischer Beratung und Intervention: Gesprächsführung mit Kindern bei Verdacht auf sexuelle Gewalt – Ein Trainingskonzept für die universitäre Lehramtsausbildung
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Marie Merschhemke
Elsa Gewehr
Frieda Mensing
Simone Pülschen
Schulen spielen im Rahmen von Prävention und Aufarbeitung sexueller Gewalt eine wichtige Rolle. Damit Schulen zu sicheren Schutzräumen werden und Lehrkräfte als kompetente Ansprechpersonen agieren können, sind die Qualifizierung und Sensibilisierung von Lehrkräften durch die Thematisierung sexueller Gewalt in der Aus- und Fortbildung eine notwendige Voraussetzung. Die Inhalte des hier vorgestellten Trainings für Lehramtsstudierende basieren auf Ergebnissen evidenzbasierter Forschung, insbesondere auf Empfehlungen der forensisch-psychologischen Befragungspraxis, die für den schulischen Bereich adaptiert wurden. Der Schwerpunkt des Trainings in Seminarform liegt auf der Gesprächsführung mit potenziell betroffenen Schülerinnen und Schülern, wobei neben der Vermittlung relevanten Wissens konkrete Handlungsempfehlungen und praktische Übungen im Vordergrund stehen.
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Psychologie in Erziehung und Unterricht, 2026, 73, Preprint Online DOI 10.2378/ peu2026.art21d © Ernst Reinhardt Verlag n Praxis psychologischer Beratung und Intervention Gesprächsführung mit Kindern bei Verdacht auf sexuelle Gewalt - Ein Trainingskonzept für die universitäre Lehramtsausbildung Marie Merschhemke 1 , Elsa Gewehr 2, 3 , Frieda Mensing 1 , Simone Pülschen 1 1 Europa Universität Flensburg 2 Macromedia University of Applied Sciences 3 Psychologische Hochschule Berlin Zusammenfassung: Schulen spielen im Rahmen von Prävention und Aufarbeitung sexueller Gewalt eine wichtige Rolle. Damit Schulen zu sicheren Schutzräumen werden und Lehrkräfte als kompetente Ansprechpersonen agieren können, sind die Qualifizierung und Sensibilisierung von Lehrkräften durch die Thematisierung sexueller Gewalt in der Aus- und Fortbildung eine notwendige Voraussetzung. Die Inhalte des hier vorgestellten Trainings für Lehramtsstudierende basieren auf Ergebnissen evidenzbasierter Forschung, insbesondere auf Empfehlungen der forensisch-psychologischen Befragungspraxis, die für den schulischen Bereich adaptiert wurden. Der Schwerpunkt des Trainings in Seminarform liegt auf der Gesprächsführung mit potenziell betroffenen Schülerinnen und Schülern, wobei neben der Vermittlung relevanten Wissens konkrete Handlungsempfehlungen und praktische Übungen im Vordergrund stehen. Schlüsselbegriffe: Kinderschutz an Schulen, Sexualisierte Gewalt gegen Kinder, Lehrkräftetraining, Lehramtsausbildung Conversations With Children When Suspecting Sexual Abuse - A Training Concept for Prospective Teachers Summary: Schools play a crucial role in the prevention of child sexual abuse. The qualification and sensitization of teachers by addressing sexual violence within teacher education programs is an important condition to ensure schools as safe spaces and to prepare teachers as competent contact persons for children. The teacher training presented is based on pedagogical and forensic psychological research evidence as well as best-practice guidelines for forensic interviews, which were adapted to the school context. The seminar training offers relevant knowledge, best-practice recommendations and action-oriented exercises while focussing on communicative skills and conducting conversations with potentially abused children. Keywords: Child protection in schools, child sexual abuse, teacher training, teacher education Lehrkräfte als potenzielle Ansprechpersonen für von sexueller Gewalt betroffene Kinder Die Rolle der Schule im Rahmen von Prävention und Aufarbeitung sexueller Gewalt wird in den letzten Jahren immer stärker diskutiert (Miosga & Schele, 2018; Pülschen, 2022). Bundesweit gibt es Initiativen, die darauf abzielen, Schutzkonzepte an Schulen flächendeckend umzusetzen und Lehrkräfte für die damit verbundenen Aufgaben zu schulen (zum Beispiel „Schule gegen sexuelle Gewalt“). Damit bei einem Verdachtsfall von sexuellem 2 Marie Merschhemke, Elsa Gewehr, Frieda Mensing, Simone Pülschen Kindesmissbrauch professionell gehandelt wird, bedarf es einer entsprechenden Ausbildung von Lehrkräften. Diese sollte bereits im Rahmen der Lehramtsausbildung erfolgen (Lohse, Beckmann & Ehlers, 2021; UBSKM, 2017). An dieser Stelle setzt das hier vorgestellte Training für Lehramtsstudierende an. Das zweitägige Blockseminar, das online oder in Präsenz absolviert werden kann, zielt darauf ab, angehenden Lehrkräften Wissen zur Gesprächsführung sowie relevante Handlungskompetenzen für den Fall eines Verdachts auf sexuellen Missbrauch zu vermitteln. Die Kultusministerkonferenz (KMK) spricht sich bereits seit dem Jahr 2010 für ein gemeinsames und entschlossenes Vorgehen bei der Vorbeugung und Aufarbeitung von sexuellen Missbrauchsfällen und Gewalthandlungen in Schulen aus (Kultusministerkonferenz, 2010; 2012; 2020). Eine offene Reflexion und Diskussion von Schulkultur, Selbst- und Fremdwahrnehmung sollen ebenso wie Sexualerziehung und Programme zur „Stärkung der Persönlichkeit“ (Kultusministerkonferenz, S. 3, 2010) fest verankerte Bestandteile des Lebens und Lernens an Schulen sein (Kultusministerkonferenz, 2010). Dabei spielen auch die Entwicklung und Implementierung institutioneller Schutzkonzepte eine zentrale Rolle. Schutzkonzepte sind ein Zusammenspiel aus Analyse und Modifikation bestehender Strukturen, festen Vereinbarungen und Absprachen zum Umgang und Verhalten sowie klaren Definitionen der Werte und Kultur einer Institution oder Organisation (Kappler, Hornfeck, Pooch, Kindler & Tremel, 2019). In vielen Bundesländern sind die Erarbeitung und Verankerung individueller Schutzkonzepte an Schulen bereits vorgeschrieben. So wurde beispielsweise in Schleswig-Holstein das Schulgesetz 2021 geändert und die Entwicklung von Präventions- und Interventionskonzepten zum Thema Gewalt in Schulen verpflichtend eingeführt (SchulG SH, 2021, § 4, Abs. 10). Um Schulen als sichere Schutzräume auszubauen, fordert die Kultusministerkonferenz (2010; 2020) explizit die Qualifizierung und Sensibilisierung von Lehrkräften durch die thematische Auseinandersetzung mit sexueller Gewalt in der Aus- und Fortbildung. Bereits im Studium sollen Wissensbestände zu Themen wie Sexualität und sexuelle Gewalt verankert werden (Arbeitsgruppe Runder Tisch, 2011). Bisher zeigen Studien, dass sich viele Lehrkräfte für den Umgang mit Verdachtsfällen sexueller Gewalt nicht ausreichend vorbereitet sehen (Baginsky, 2003; Baginsky & Macpherson, 2005; Greytak, 2009; Kindler, 2014), ihnen das Wissen fehlt, um in entsprechenden Situationen angemessen zu reagieren (McKee & Dillenberger, 2009; Márquez-Flores, Márquez-Hernández & Granados-Gámez, 2015) oder kein Wissen über Handlungsmöglichkeiten vorliegt (Glammeier, 2019). Die zielgerichtete Vermittlung von Wissen und Handlungskompetenz kann dazu beitragen, Lehrkräfte auf diese Herausforderungen vorzubereiten. Leitideen für die Entwicklung eines Trainingskonzeptes Das handlungsorientierte Training in Seminarform wurde im Rahmen des BMBF-geförderten Verbundprojektes „ViContact“ an der Europa-Universität Flensburg (EUF) in Kooperation mit Expertinnen und Experten der Psychologischen Hochschule Berlin (PHB) und der Schwerpunktprofessur für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) entwickelt. Die Wirksamkeit des Trainings in Seminarform sowie einer weiteren virtuellenTrainingskomponente wurde im Rahmen einer randomisiertkontrollierten Evaluationsstudie untersucht (Krause et al., 2024), wobei das Training in Seminarform insbesondere die Nutzung von empfohlenen Fragen, wie offenen, nicht-suggestiven und kindgerechten Fragen, positiv beeinflussen konnte. In Selbstberichtsfragebögen steigerte das Training zudem die Selbstwirk- Gesprächsführung mit Kindern bei Verdacht auf sexuelle Gewalt 3 samkeit der Trainingsteilnehmenden im Umgang mit Missbrauchsverdachtsfällen (Self-efficacy in addressing suspected cases of child sexual abuse [CSA-SE]; Mensing, Gewehr, Merschhemke & Pülschen, 2024). Ebenfalls konnte eine Reduktion der problematischen Einstellung, Missbrauchsverdachtsfälle rein intuitiv erkennen und aufklären zu können (Cognitions and emotions about child sexual abuse [CECSA]; Gewehr, Volbert, Merschhemke, Santtila & Pülschen, 2025), gezeigt werden, die wiederum mit suggestivem Frageverhalten assoziiert ist (Gewehr, Merschhemke, Pülschen, Pülschen & Volbert, 2025). Die Inhalte des Trainings basieren auf Ergebnissen evidenzbasierter Forschung, wie sie für die Vermittlung von Kompetenzen bei angehenden Lehrkräften häufig gefordert wird (Seidel et al., 2020). Kernelemente dabei sind Empfehlungen der evidenzbasierten, forensisch-psychologischen Befragungspraxis, u. a. in Anlehnung an die revidierte Version des NICHD-Protokolls (La Rooy et al., 2015), ein gut evaluierter Gesprächsleitfaden für Gespräche mit Kindern im forensischen Kontext, und europaweite Empfehlungen zur Gesprächsführung mit Kindern (Korkman et al., 2025). Entsprechende Empfehlungen wurden im vorliegenden Training für informelle Erstgespräche mit Kindern adaptiert, die etwa im schulischen, medizinischen oder Kinderschutzkontext geführt werden (vgl. Tamm, Gewehr & Volbert, 2022). Themenspezifische Fortbildungen zu sexueller Gewalt geben (angehenden) Lehrkräften bisher einen Orientierungsrahmen für das Handeln im Verdachtsfall (z. B. das Ulmer Trainingsmodell; Fegert, Hoffmann, König, Niehues & Liebhardt, 2015). Speziell ausgerichtete Lehrkräftetrainings zur verdachtsabklärenden Gesprächsführung in Form eines Seminars lagen bisher jedoch nicht vor. Ein für Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte konzipierter digitaler Kurs zum Schutz von Schüler: innen vor sexuellem Missbrauch, „Was ist los mit Jaron“ (https: / / www.was-ist-los-mit-jaron.de/ ) thematisiert ebenfalls die Notwendigkeit, potenziell betroffene Kinder anzusprechen, vermittelt aber wenig konkrete Gesprächsführungstechniken und ist bisher noch nicht auf seine Wirksamkeit oder Akzeptanz untersucht worden. Das hier entwickelte handlungsorientierte Training zeichnet sich durch einen regelmäßigen Wechsel zwischen Präsentationseinheiten der Trainingsleitung und Phasen der Teilnehmendenaktivierung in Form von Plenumsfragen, Gruppendiskussionen, Übungen in Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit, Videos und Quizelementen aus. Diese kombinierten Lehrmethoden können die Lernqualität verbessern (Kolesnikova, 2016) und zu einer dauerhaften Verhaltensänderung bei Studierenden führen (Stück et al., 2020). Auch die Wirksamkeit der Vorführung eines Demonstrationsvideos mit gelungener Gesprächsführung zur Verbesserung der Gesprächsführungskompetenz der Teilnehmenden konnte bereits empirisch nachgewiesen werden (Haginoya, Yamamoto & Santtila, 2021). Trainingsinhalte, -organisation und -materialien Beim hier vorgestellten Training in Seminarform handelt es sich um ein Blockseminar, das online oder in Präsenz stattfinden kann, zwei aufeinanderfolgende Tage umfasst und etwa 13 Stunden dauert. Das Training ist in sieben Module mit den folgenden Inhalten unterteilt. ◾ Modul Begriffsbestimmung und Phänomenologie sexuellen Kindesmissbrauchs: Definitionen, Informationen zu Prävalenzraten und möglichen Folgen von Missbrauchserfahrungen ◾ Modul Verfahrensschritte bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung - Rechtliche Grundlagen und Handlungsleitlinien für Lehrpersonen: Anleitung zum Vorgehen von Lehrkräften im Verdachtsfall 4 Marie Merschhemke, Elsa Gewehr, Frieda Mensing, Simone Pülschen ◾ Modul Mitteilungsverhalten von Kindern nach Erfahrungen sexuellen Missbrauchs und Wege zur Förderung der Offenbarungsbereitschaft: Faktoren und Prozesse, die Offenbarungsbereitschaft von Kindern und Jugendlichen beeinflussen; Lehrkräfte als vertrauensvolle Ansprechpersonen ◾ Modul Urteilsbildung: Reflexion der eigenen Haltung und eigener Vorannahmen ◾ Modul Gesprächsrelevante Kompetenzen - Wie Kinder erinnern und berichten: Informationsverarbeitung bei Kindern und Anfälligkeit von Erinnerungen von Kindern für Verzerrungen und Suggestion ◾ Modul Gesprächsführung: Methoden der ergebnisoffenen und unterstützenden Gesprächsführung ◾ Modul Dokumentation: Informationen zur korrekten Dokumentation von Verdachtsmomenten und Gesprächen Die für das Training entwickelten Grundlagentexte, Übungsmaterialien, Grafiken und Ablaufdiagramme sind Teil eines Handbuchs (Pülschen, Gewehr & Merschhemke, 2024), das ergänzend zum Training in Seminarform entwickelt wurde. Für die Trainingsleitung enthält das Handbuch darüber hinaus allgemeine Informationen zur Durchführung des Seminars, Arbeitsblätter sowie eine aufbereitete Power- Point-Präsentation zu jedem Modul. Einsatzmöglichkeiten und Weiterentwicklungen Das vorliegende Training ist eine mögliche Antwort auf die vielfach geäußerte Forderung, (angehende) Lehrkräfte für den Umgang mit potenziellen Kindeswohlgefährdungen besser zu schulen (Lohse, Beckmann & Ehlers, 2021; Kappler et al., 2019; Arbeitsgruppe Runder Tisch, 2011; Kultusministerkonferenz, 2010). In der Veranstaltungsform eines Blockseminars ist das Training an universitäre Rahmenstrukturen angepasst. Es ist standortunabhängig und lässt sich in die jeweiligen hochschulcurricularen Vorgaben der Bundesländer integrieren. In der hier vorgestellten Form richtet sich das Training zur Gesprächsführung an Lehramtsstudierende. Weitere Überarbeitungen des Trainings bieten Varianten für den Kinderschutzkontext sowie für andere Professionen an (Gewehr & Pülschen, 2025). Zusätzlich wird die Veranstaltungsform des Blockseminars in eine modulare Kursstruktur mit mehreren Einheiten umgewandelt und besser an die Veranstaltungsstrukturen von Fortbildungen für Lehrkräfte angepasst. Darüber hinaus werden die Inhalte des Trainings zur Gesprächsführung auf die Bedarfe von Fachkräften in Beratungsstellen zugeschnitten. Literatur Arbeitsgruppe Runder Tisch (2011). Abschlussbericht Runder Tisch. Sexueller Kindesmissbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und im familiären Bereich. Zugriff am 27. 8. 2022 unter https: / / www.bmj.de/ SharedDocs/ Downloads/ DE/ Fachinformationen/ Abschlussbericht_RTKM.pdf; jsessionid=D969B532477712E196B381C464B88D AE.2_cid334? __blob=publicationFile&v=5 Baginsky, M. (2003). 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