unsere jugend
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Die Akademisierung der ErzieherInnenausbildung
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Hilde von Balluseck
Unsere Jugend hat zwei ausgewiesene Autorinnen gebeten, kurze Statements zur Frage der Akademisierung der Erzieherausbildung zu verfassen. Hier der Beitrag von Hilde Balluseck. Die Frage, warum eine Akademisierung der ErzieherInnenausbildung stattfand, ob sie sinnvoll ist oder nicht und was daraus folgt, ist falsch gestellt. Vielmehr ist zu fragen, wie es möglich ist, dass eine gesellschaftlich so bedeutende Tätigkeit, die – wie man allen Kompetenzbeschreibungen entnehmen kann – enorm viel Wissen erfordert und darüber hinaus Persönlichkeitsmerkmale wie eine pädagogische Haltung, auch Habitus genannt, nicht früher an Hochschulen etabliert wurde (ausführlich dazu Balluseck 2008 a).
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uj 11+12 (2008) 479 Unsere Jugend, 60. Jg., S. 479 - 481 (2008) © Ernst Reinhardt Verlag München Basel kindertagesbetreuung Die Akademisierung der ErzieherInnenausbildung Hilde von Balluseck Unsere Jugend hat zwei ausgewiesene Autorinnen gebeten, kurze Statements zur Frage der Akademisierung der Erzieherausbildung zu verfassen. Hier der Beitrag von Hilde Balluseck. Die Frage, warum eine Akademisierung der ErzieherInnenausbildung stattfand, ob sie sinnvoll ist oder nicht und was daraus folgt, ist falsch gestellt. Vielmehr ist zu fragen, wie es möglich ist, dass eine gesellschaftlich so bedeutende Tätigkeit, die - wie man allen Kompetenzbeschreibungen entnehmen kann - enorm viel Wissen erfordert und darüber hinaus Persönlichkeitsmerkmale wie eine pädagogische Haltung, auch Habitus genannt, nicht früher an Hochschulen etabliert wurde (ausführlich dazu Balluseck 2008 a). Dafür gibt es vor allem fünf Gründe: • Das fehlende Bewusstsein für die Bedeutung von Bildung in der frühen Kindheit. Erst in den letzten Jahrzehnten wurde durch neurowissenschaftliche und psychologische Forschung deutlich, wie wichtig diese Phase für die Persönlichkeitsbildung und den Wissensaufbau ist, obgleich große Pädagogen wie z. B. Fröbel dies auch schon vor mehr als 150 Jahren wussten. • Die Definition der Betreuung und Erziehung von kleinen Kindern als Aufgabe, die am besten von Müttern bzw. Frauen erfüllt werden kann. Da nicht Fachlichkeit, sondern Weiblichkeit das ausschlaggebende Qualifikationsmerkmal für den Beruf der Erzieherin war, konnte der Beruf so lange unterschätzt und unterbezahlt bleiben. • Die Zuordnung der Kindertagesbetreuung zum Fürsorge- und nicht zum Bildungssystem verhinderte eine gemeinsame Strategie von LehrerInnen und ErzieherInnen im Hinblick auf gesellschaftliche Anerkennung und entsprechende Bezahlung. • Die Angst der politischen RepräsentantInnen vor einer tariflichen Neueinordnung der ErzieherInnen verhinderte erste Versuche zur Akademisierung in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts. • Die fehlende Durchlässigkeit zwischen (Fach-)Schulsystem und Hochschulen und das fehlende Interesse der Universitäten am Beruf der Erzieherin trugen ebenfalls zu einer verlangsamten Entwicklung bei. Prof. Dr. Hilde von Balluseck Prof. Dr. rer. pol., bis 2007 Professorin an der Alice Salomon Hochschule Berlin, emeritiert seit 1. 10. 07, Vorstandsmitglied des Fröbel e. V., verantwortliche Redakteurin des Internet- Portals ErzieherIn.de bei Socialnet 480 uj 11+12 (2008) kindertagesbetreuung • Die unterschiedlichen Qualifikationsstandards für die Träger von Kindertageseinrichtungen wurden erst sehr spät zum bildungspolitischen Thema. Warum es nun trotz allem zu einer Akademisierung kam, lässt sich folgendermaßen beschreiben: Kindertageeinrichtungen gelten nicht mehr als Einrichtungen für vernachlässigte Kinder, deren Mütter arbeiten gehen „müssen“ wie noch in der Adenauer-Ära, sondern als Chance für alle Kinder, gemeinsam Bildungserfahrungen zu machen. Heute wird anerkannt - was für viele Frauen schon früher Realität war -, dass weibliche Erwerbstätigkeit „normal“ ist, dass also für Mütter Möglichkeiten geschaffen werden müssen, ihre Kinder während ihrer Arbeitszeit gut unterzubringen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wurde insbesondere aufgrund sinkender Geburtenzahlen und im Vergleich zu anderen EU-Ländern zum Thema. Die Qualitätsstandards für Kindertageseinrichtungen geraten von daher stärker ins Blickfeld von Öffentlichkeit, Politik und Forschung. Immer mehr Eltern wünschen sich in der frühen Entwicklungsphase ihrer Kinder eine qualifizierte Unterstützung von Entwicklungs- und Bildungsprozessen. Damit einher gehen zusätzliche Anforderungen an die Kompetenzen von ErzieherInnen. Diese müssen heute die Bildungsprozesse von Kindern begleiten, die Eltern unterstützen, auf die Vielfalt in Kindergruppen - im Hinblick auf Geschlecht, Migrationshintergrund, Krankheit und Behinderung, aber auch Schicht/ Klasse - eingehen können und alle Kinder gleichermaßen unterstützen. Neben einem ganzheitlichen Bildungsideal, das sie realisieren sollen, sind sie aber auch für den Schutz derjenigen Kinder mit verantwortlich, deren Lebenswelt keine optimalen Bedingungen des Aufwachsens ermöglicht. Kindertageseinrichtungen wie auch Schulen öffnen sich heute dem Sozialraum, bilden keine abgeschotteten Einheiten mehr. Auch für diese Öffnung in Form von Kooperationen und Projektarbeit brauchen ErzieherInnen Qualifikationen. Schließlich haben sich Kindertageseinrichtungen in den letzten Jahren zu selbstständigen betrieblichen Einheiten entwickelt, die auch eine betriebswirtschaftliche Perspektive erfordern. Diese Anforderungen, so könnten die Fachschulen argumentieren, ließen sich auch dort realisieren, wenn denn - wie in wenigen Bundesländern üblich - die Hochschulreife die Zugangsvoraussetzung zur Ausbildung darstellt. Es gibt aber zwei Gründe, die es nicht erlauben, bei der Fachschulausbildung stehen zu bleiben: das Gender-Argument und die Forschung. Gender Traditionell ist der ErzieherInnenberuf ein Frauenberuf. Dies ist ein wesentlicher Grund für seine fehlende Wertschätzung. Weil Erziehung und Bildung von Kindern als wichtige Aufgabe allmählich ins Bewusstsein auch der Bildungspolitik geraten, gibt es die Chance einer Aufwertung dieser Arbeit. Das Argument des in der EU vorherrschenden akademischen Niveaus ist in diesem Kontext nur ein zusätzliches. Weibliche Arbeit wurde lange genug im Verborgenen, ohne gesellschaftliche Anerkennung, geleistet. Der Beruf der Erzieherin bedeutet aber nicht in erster Linie, als Frau weibliche Qualitäten einzubringen. Diese Auffassung muss abgelöst werden von einer Anerkennung von Fachlichkeit, von Kompetenzen, die beide Geschlechter erwerben können. Es ist nicht unbedingt erforderlich, dass Männer in diesen Beruf gehen - hier setze ich mich von vielen Fachleuten ab. Jedoch ist es aufgrund der Gleichstellung der Geuj 11+12 (2008) 481 kindertagesbetreuung schlechter erforderlich, dass auch Männern die Ausbildung einer Fachlichkeit zugestanden wird, die für den ErzieherInnenberuf maßgeblich sein sollte. Forschung und Praxis Es wird allgemein beklagt, dass der Status der frühpädagogischen Forschung in Deutschland sehr schwach ist (vgl. Krüger/ Lütke- Entrup 2008; Rabe-Kleberg 2008). Forschung findet aber nur dann intensiv statt, wenn Lehrstühle an Hochschulen geschaffen werden. Dann erst werden auch Drittmittelprogramme etabliert, ohne die Forschung in Deutschland derzeit nicht arbeiten kann. Frühpädagogische Forschung an Hochschulen macht jedoch nur Sinn, wenn sie mit und in der Praxis geschieht. Studiengänge ermöglichen einen intensiven Kontakt zwischen HochschullehrerInnen, Studierenden und pädagogischen Fachkräften in der Praxis. Die Studierenden sind dann sozusagen die MittlerInnen zwischen Praxis und Hochschule. Dafür brauchen sie und die pädagogischen Fachkräfte, die mit Kindern arbeiten, einen forschenden Blick und darüber hinaus forscherische Kompetenzen (vgl. Nentwig-Gesemann 2008). Diese Kompetenzen werden an Hochschulen, nicht an Fachschulen erworben. Literatur Balluseck, H. von, 2008 a: Der Kontext der akademischen ErzieherInnenausbildung. In: Balluseck, H. von/ Kruse, E./ Pannier, A./ Schnadt, P. (Hrsg.): Von der ErzieherInnenausbildung zum Bachelor-Abschluss - Mit beruflichen Kompetenzen ins Studium. Berlin (im Erscheinen) Balluseck, H. von, 2008 b: Frühpädagogik als Beruf und Profession. In: Balluseck, H. von (Hrsg.): Professionalisierung der Frühpädagogik. Opladen/ Farmington Hills (im Erscheinen) Krüger, H./ Lütke-Entrup, M., 2008: Der akademische Arbeitsmarkt für Frühpädagogen. In: Thole, W./ Roßbach, H.-G./ Fölling-Albers, M./ Tippelt, R. (Hrsg.): Bildung und Kindheit. Pädagogik der Frühen Kindheit in Wissenschaft und Lehre. Opladen/ Farmington Hills, S. 317 - 328 Nentwig-Gesemann, I., 2008: Rekonstruktive Forschung in der Frühpädagogik. In: Balluseck, H. von (Hrsg.): Professionalisierung der Frühpädagogik. Opladen/ Farmington Hills (im Erscheinen) Rabe-Kleberg, U., 2008: Zum Verhältnis von Wissenschaft und Profession in der Frühpädagogik. In: Balluseck, H. von (Hrsg.): Professionalisierung der Frühpädagogik. Opladen/ Farmington Hills (im Erscheinen) Die Autorin Prof. Dr. Hilde von Balluseck Viktoria-Luise-Platz 5 10777 Berlin balluseck@asfh-berlin.de
