unsere jugend
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Das Projekt „Knast trotz Jugendhilfe?“
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Projektbericht
Im Mittelpunkt der dialogischen Entwicklungen steht das ehrenamtliche Beteiligungsprojekt "Knast trotz Jugendhilfe?", in dem Arnd Richter bereits mehrere Jahre mit jungen Inhaftierten der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wiesbaden individuelle Empfehlungen und Botschaften an die Jugendhilfe und Jugendpolitik erarbeitet. Richter ist Pädagoge, Mitglied des Jugendhilfeausschusses und hat seine Rolle im Projekt als Zeichner, Figurenschnitzer und Funktionär der Jugendhilfe festgelegt. Die Erfahrungen der Inhaftierten mit ihren "Lebenswegen ins Gefängnis" sieht er als einen besonderen Wert an, der durch geeignete Zusammenarbeit mit interessierten Inhaftierten für die Jugendhilfe genutzt werden sollte. Sein Hobby, das Zeichnen und Figurenschnitzen, dient ihm als kommunikatives Hilfsmittel bei den Einzelgesprächen und der Gruppenarbeit mit den Inhaftierten. Der im Folgenden abgedruckte Text "Adoptiveltern, habt Mut zur Zärtlichkeit!" dient als ein Beispiel für inzwischen mehr als 80 Botschaften, die von den inhaftierten Autoren mit den eigenen Erfahrungen begründet und von Arnd Richter mit einem Silhouettenportrait oder einer Figurenskizze versehen regelmäßig den Einladungen zu den Sitzungen des Wiesbadener Jugendhilfe-ausschusses beigefügt werden.
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uj 2 (2008) 79 projektbericht „knast trotz jugendhilfe“ Im Mittelpunkt der dialogischen Entwicklungenstehtdas ehrenamtlicheBeteiligungsprojekt „Knast trotz Jugendhilfe? “, in dem Arnd Richter bereits mehrere Jahre mit jungen Inhaftierten der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wiesbaden individuelle Empfehlungen und Botschaften an die Jugendhilfe und Jugendpolitik erarbeitet. Richter ist Pädagoge, Mitglied des Jugendhilfeausschusses und hat seine Rolle im Projekt als Zeichner, Figurenschnitzer und Funktionär der Jugendhilfe festgelegt. Die Erfahrungen der Inhaftierten mit ihren „Lebenswegen ins Gefängnis“ sieht er als einen besonderen Wert an, der durch geeignete Zusammenarbeit mit interessierten Inhaftierten für die Jugendhilfe genutzt werden sollte. Sein Hobby, das Zeichnen und Figurenschnitzen, dient ihm als kommunikatives Hilfsmittel bei den Einzelgesprächen und der Gruppenarbeit mit den Inhaftierten. Der im Folgenden abgedruckte Text „Adoptiveltern, habt Mut zur Zärtlichkeit! “ dient als ein Beispiel für inzwischen mehr als 80 Botschaften, die von den inhaftierten Autoren mit den eigenen Erfahrungen begründet und von Arnd Richter mit einem Silhouettenportrait oder einer Figurenskizze versehen regelmäßig den Einladungen zu den Sitzungen des Wiesbadener Jugendhilfeausschusses beigefügt werden. Das Projekt „Knast trotz Jugendhilfe? “ beteiligt sich auch am „Tag der Jugend“ in Wiesbaden. An diesem Tag können vor allem Schulklassen das Rathaus kennenlernen, eigene Projekte präsentieren, Kontakte mit den KommunalpolitikerInnen und der Stadtverwaltung herstellen und sich kreativ zu aktuellen kommunalpolitischen Themen äußern. Die aktuellsten Botschaften der Inhaftierten werden auch im Rahmen des „Tages der Jugend“ ausgestellt, ergänzt durch eine Befragung der Inhaftierten mit dem Titel „Aus den Erfahrungen meines Lebensweges in den Knast möchte ich Schülern und anderen jungen Menschen vor allem sagen …“. Zu diesen Empfehlungen nehmen die SchülerInnen schriftlich Stellung, die die Inhaftierten zurückerhalten. Das Gleiche erfolgt zu den Aussagen „Über alte Menschen denke ich …“ und „Mein Alter wünsche ich mir so …“, wieder mit der Bitte an die SchülerInnen verbunden, dazu Stellung zu nehmen. Eine Auswahl aus dieser Befragung wird u. a. mit Hilfe von Schulklassen der Helene-Lange- Schule interessierten alten Menschen in Wiesbaden weitergegeben, zur Kenntnis und Beteiligung an diesem dialogischen Prozess zwischen den Generationen. Videodokumentationen vom „Tag der Jugend“ werden mit Interviews der StadtpolitikerInnen für die Inhaftierten von der Mediengruppe der Justizvollzugsanstalt und den „Cyberstylers“ des Jugendzentrums „Georg-Buch-Haus“ erstellt und den StadtpolitikerInnen, Inhaftierten und Gästen im Rahmen von Präsentationsveranstaltungen in der Justizvollzugsanstalt vorgestellt. Der Jugendhilfeausschuss hat sich mit Hilfe der Aussagen projektbeteiligter Inhaftierter mit Migrationshintergrund mit Das Projekt „Knast trotz Jugendhilfe? “ - dialogische Entwicklungen mit jungen Inhaftierten, SchülerInnen, alten Menschen und KommunalpolitikerInnen Unsere Jugend, 60. Jg., S. 79 - 81 (2008) © Ernst Reinhardt Verlag München Basel 80 uj 2 (2008) dem Thema „Familienehre, Ehrenmorde“ befasst unter der Fragestellung, ob es dazu in Wiesbaden Handlungsbedarf gibt. Der Fachausschuss „Erzieherische Hilfen“ des Hessischen Landesjugendhilfeausschusses hat das Projekt zum Anlass genommen, um mit zuständigen ExpertInnen Berührungspunkte und Kooperationsmöglichkeiten zwischen Jugendhilfe und Strafvollzug zu erörtern. Das Projekt „Knast trotz Jugendhilfe? “ wurde von der Arbeitsgemeinschaft Jugendhilfe (AGJ) mit dem „Deutschen Kinder- und Jugendhilfepreis 2006“ (Hermine-Albers-Preis, Kategorie Praxispreis) ausgezeichnet. Inzwischen hat der Verein HujA e.V. (Hilfe und Unterstützung junger Arbeitsloser), der in den 90er Jahren partizipatorische Workcamps in Rumänien und Weißrußland durchgeführte, seine Satzung inhaltlich erweitert und die Trägerschaft des Projektes „Knast trotz Jugendhilfe? “ übernommen. Seine eigene „Botschaft“, dass es nötig und lohnend ist, mehr mit jungen Menschen und weniger für sie zu arbeiten, sieht Arnd Richter in der bisherigen Projektentwicklung bestätigt. Kontakt über Arnd Richter: arnd.u.r.richter@web.de Als ich zwei Jahre alt war, hat sich mein Vater aufgehängt. Meine leibliche Mutter ist labil und alkoholkrank. Ich wurde mit fünf Jahren zwangsadoptiert, noch in der alten DDR in Neustrelitz. Meinen sechs Jahre älteren Bruder kenne ich erst seit kurzem. Meine Adoptiveltern haben keine eigenen Kinder. Sie haben sich mit mir Mühe gegeben, aber sie haben immer beide gearbeitet, mein Vater als Heizungsinstallateur, meine Mutter als Köchin, früher in einem Restaurant, jetzt in einem Altersheim in Dillenburg. Meine Mutter war nie vor 2 Uhr zu Hause, da war ich schon aus der Schule. Ich habe mich nicht richtig geliebt gefühlt. Auch mein Vater schafft es nicht, mich einmal in den Arm zu nehmen. Nach dem Freitod meines leiblichen Vaters war ich noch drei Jahre in Kinderheimen, bevor ich adoptiert wurde. Ich erinnere noch, dass ich einmal mit meinem Bett zusammengekracht bin und dass ich nachts vor den dunkelbraunen Vorhängen Angst hatte. Auch war ich beim Essen in der Kantine immer der Letzte, da wurden beim Essen Trickfilme gezeigt. Meine künftigen Adoptiveltern haben mich da einige Male besucht und mich im Trabi mit nach Strelitz genommen, damit ich mich an mein neues Zuhause gewöhne. Vom Kindergarten erinnere ich, dass mich meine Mutter immer auf dem Fahrrad gebracht und geholt hat. Meine Schultüte war, glaube ich, etwas klein. In der Schule habe ich viel geredet und nie Schularbeiten gemacht. Mit neun Jahren zogen wir um nach Dillenburg. Mein Vater war schon kurz nach der Wende dahin gefahren, hat gearbeitet und eine Mietwohnung organisiert. Der Umzug kam ganz plötzlich und Botschaft von Enrico D., Justizvollzugsanstalt Wiesbaden: „Adoptiveltern, habt Mut zur Zärtlichkeit! “ projektbericht „knast trotz jugendhilfe“ uj 2 (2008) 81 hat mich geschmerzt. Meinen Opa und meine Oma habe ich sehr vermisst. Zum Glück sind wir viel nach Neustrelitz gefahren und haben da am Haus meines Onkels gearbeitet. Besonders neu war in der Schule, dass auf Kleidung Wert gelegt wurde, Markenartikel, da konnte ich nicht mithalten. Als ich 13 war, wurde ich das erste Mal erwischt, als ich Spielzeug klaute. Bei Schlägereien, in die ich öfter geriet, habe ich meistens verloren. Mit 16 fing ich an zu rauchen. Mit 17 habe ich den qualifizierten Hauptschulabschluss geschafft und dann ein Jahr einen Grundlehrgang Metall gemacht. Die mit 19 begonnene Lehre als Konstruktionsmechaniker habe ich dann wegen Drogen abgebrochen. Wegen räuberischer Erpressung habe ich 2 Jahre und 4 Monate bekommen. Hier mache ich in den nächsten Wochen meine Zwischenprüfung als Metallbauer und Konstruktionstechniker und hoffe, Mitte November entlassen zu werden. Dann werde ich von „SiT“ (Selbsthilfe im Taunus ) weiter betreut. Ich möchte nach der Lehre Maschinenbautechnik studieren. Wenn ich in Deutschland keine Arbeit finde, gehe ich nach England, Norwegen, Finnland oder Grönland. Ich will mich weiterbilden, eine gute Frau finden und zwei bis drei Kinder haben. Ich werde weiter Kraft- und Extremsport betreiben mit Fallschirmspringen. Ich will zufrieden alt werden und nicht meinen Entscheidungen nachtrauern. Ich wünsche mir viele gute Freunde, ein Eigenheim und eine Weltreise. Warum ich straffällig wurde? Das Leben ist wie ein See, durch den man schwimmen muss. Er ist voller Boote, die einem den Weg weisen können. Wenn man nicht weiterkommt, strampelt man immer noch und hält sich am falschen Boot fest. Geprägt haben mich wohl viele Enttäuschungen und die Beobachtung anderer Menschen, besonders hier im Knast. Ich kann mich gut einfühlen, bin kontaktfreudig, kann gut arbeiten und habe ein technisches Verständnis. Ich brauche aber Zeit, um verstanden zu werden und Vertrauen zu haben. Für die Erziehung meiner Kinder ist mir wichtig, dass ich meinen Stress aus der Arbeit nicht bei ihnen rauslasse, dass ich mein Nein-Sagen verständlich mache, dass ich viel mit ihnen kuschele. Ich würde ihnen auch von meinen Erfahrungen erzählen. projektbericht „knast trotz jugendhilfe“
