unsere jugend
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Mr. Sozialpädagogik: Hans-Uwe Otto wird 68
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Roland Merten
Er ist der große Unbekannte der Sozialpädagogik, obwohl ihn jeder kennt. Nur ein ganz kleiner Kreis von Freunden und Schülern hat (mehr oder minder großen) Einblick in sein Privatleben gewonnen. Und anders als von anderen Hochschullehrern sind von ihm fast keine Veröffentlichungen oder Interviews erschienen, die seine Person zum Gegenstand haben. Im krassen Gegensatz dazu steht seine Bekanntheit innerhalb der akademischen Sozialpädagogik. Wie kein Zweiter hat er in den zurückliegenden rund fünfunddreißig Jah-ren zur inhaltlichen Entwicklung dieses Feldes beigetragen und darüber hinaus dafür gesorgt, dass die Sozialpädagogik ihren festen und unstrittigen Platz in der Wissenschaftslandschaft erhalten hat.
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82 uj 2 (2008) Mr. Sozialpädagogik: Hans-Uwe Otto wird 68 Er ist der große Unbekannte der Sozialpädagogik, obwohl ihn jeder kennt. Nur ein ganz kleiner Kreis von Freunden und Schülern hat (mehr oder minder großen) Einblick in sein Privatleben gewonnen. Und anders als von anderen Hochschullehrern sind von ihm fast keine Veröffentlichungen oder Interviews erschienen, die seine Person zum Gegenstand haben. Im krassen Gegensatz dazu steht seine Bekanntheit innerhalb der akademischen Sozialpädagogik. Wie kein Zweiter hat er in den zurückliegenden rund fünfunddreißig Jahren zur inhaltlichen Entwicklung dieses Feldes beigetragen und darüber hinaus dafür gesorgt, dass die Sozialpädagogik ihren festen und unstrittigen Platz in der Wissenschaftslandschaft erhalten hat. Insofern spiegeln sich in der beruflichen Biografie Hans-Uwe Ottos die Auf- und Umbrüche der akademischen Erziehungswissenschaft wider: Etablierung der (Sozial-)Pädagogik als Wissenschaft an Universitäten und zugleich deren Veränderung zu einer modernen Sozialwissenschaft. Heinrich Roths Forderung nach einer „Realistischen Wendung“ der Erziehungswissenschaft liegt vier Jahre vor Otto erster größerer Publikation und zwei Jahre nach der Etablierung der Sozialpädagogik innerhalb des neu gegründeten Diplom- Studiengangs. Hans-Uwe Otto ist ein Kind dieser Zeit - im besten Sinne. Ihm ging und geht es um eine sachliche Fundierung der Sozialpädagogik via Empirie und eine systematische Integration dieser Erkenntnisse via Theorie. Oder, um es mit Heinrich Roth zu sagen: „Es geht nicht um Enttheoretisierung, sondern Entideologisierung der Pädagogik, um die Stärkung ihres Sachverstandes zur Minderung ihrer Ideologie-Anfälligkeit“ (Roth 1967, 188). Diese programmatische Ausrichtung hat der Sozialpädagogik gut getan. Aber so begründet, wie dieser Anspruch inhaltlich auch erscheinen mag, so wenig selbstverständlich war er seinerzeit und so wenig realisiert ist er vielerorts heute noch. Wie sehr die seinerzeitige Herausforderung, nämlich anspruchsvolle Theoriearbeit mit solider empirischer Forschung zu verbinden, bei Otto realisiert wird, zeigt ein Blick in sein reiches Berufsleben. Bereits 1971 wird mit seinem ersten Buch, das er zusammen mit Kurt Utermann herausgegeben hat, eine Diskussion um die Professionalisierung der Sozialen Arbeit angestoßen, die sich in der historischen Rückschau jedoch gegen die Verfechter einer sozialpädagogischen Professionalität wendet. Es sind Beiträge dieses Buches, auf die sich das Bundesverfassungsgericht in seiner Begründung bezieht (vgl. BVerfGE 33, 367 [381]), um Sozialarbeitern einen eigenständigen Zeugnisverweigerungsansp ruch zu verwehren. Es gehört zur Tragik dieses Diskurses, dass vieles (wenngleich nicht alles) von dem, was das Verfassungsgericht eingefordert hat, 1991 durch die Veröffentlichung von „Sozialarbeit zwischen Routine und Innovation“ (Berlin/ New York 1991) eingelöst wird. Was der Sozialen Arbeit bis heute noch fehlt, ist eine Kammer, die mit standesrechtlichen Befugnissen ausgestattet ist. Wie sehr eine solche professionelle Selbstregulationsinstanz nötig wäre, zeigen die in letzter Zeit gehäuften Fälle, in denen Kindeswohlgefährdungen Strafgerichten Anlass gegeben haben, das Verhalten von SozialarbeiterInnen kritisch zu überprüfen; entgegen der (ver-)öffentlich(t)en Meinung nicht immer zu ungunsten der Angeklagten. Mit dem Bundeskongress Soziale Hans-Uwe Otto wird 68 Unsere Jugend, 60. Jg., S. 82 - 83 (2008) © Ernst Reinhardt Verlag München Basel uj 2 (2008) 83 Arbeit sollte hier ein Instrument ins Leben gerufen werden, das gleichsam die notwendige fachpolitische Vorarbeit leistet. Auch hier war Hans-Uwe Otto federführend. Nicht nur die Geburtsstunde des Bundeskongresses Soziale Arbeit fand in Bielefeld in Haus Neuland statt. Auch die Theorie-AG, in der seit rund 30 Jahren am ersten Dezemberwochenende arrivierte und aufstrebende Vertreter des Faches sich treffen, um über neueste Theorieentwicklungen innerhalb der Sozialpädagogik in einen kritischen Austausch zu kommen, ist sein „Kind“ - ebenso die von ihm gegründete Empirie-AG, die ebenfalls auf eine mehr als 15-jährige Geschichte zurückblicken kann. Nicht nur aus diesen Kreisen kommen Impulse, die befruchtend auf die weitere Entwicklung der Sozialpädagogik gewirkt haben und weiterhin wirken. Die eigene Produktivität und die von ihm traktierten Themen nötigen zur Positionierung - so oder so. Wer sich die riesige (und vermutlich unvollständige) Publikationsliste Ottos, die anlässlich seines 68. Geburtstags zusammengestellt worden ist, einmal genauer ansieht, der vermag die Breite des theoretisch und empirisch durchmessenen Spektrums zu erahnen, das die Sozialpädagogik als Disziplin bietet und das Hans- Uwe Otto in all den Jahren seine Hochschullehrertätigkeit bearbeitet hat. Allein die Quantität nötigt schon Respekt ab, mehr noch aber der analytische Anspruch und die intellektuelle Hartnäckigkeit. Dass er für dieses Werk mit zwei Ehrendoktorhüten ausgezeichnet wurde, ist Ausdruck höchster Anerkennung in einem mit Auszeichnungen äußerst sparsamen Fach. Im Januar ist Hans-Uwe Otto nun 68 geworden; eigentlich kein besonderes Datum - sollte man meinen. Es ist aber genau das Alter, in dem man in Nordrhein- Westfalen spätestens als Hochschullehrer aus dem aktiven Dienst ausscheiden muss. Die Betonung liegt auf müssen! Denn dass jemand wie Hans-Uwe Otto, ein veritabler Workaholic, einfach so aussteigt, das ist unvorstellbar. Insofern überrascht es auch nicht, dass er wohl als „Senior“-Prof. weiterarbeiten wird - wobei das „Senior“ lediglich Platzhalter für einen Rechtsstatus ist, mit dem Inhaber dieser Position hat es nichts zu tun. Man darf gespannt sein auf die Fülle dessen, was er in den nächsten Jahren alles noch vorlegen wird, und zwar eingedenk der Tatsache, dass er von seinen sonstigen akademischen Verpflichtungen befreit ist… Hans-Uwe Otto wird der Sozialpädagogik also erhalten bleiben, das ist die gute Nachricht! Gerade in schwierigen Zeiten, und die Zeit des Bologna-Prozesses ist für die Sozialpädagogik besonders schwierig, kommt es darauf an, entschiedene und hartnäckige Streiter für die Sache mit im Boot zu halten. Das ist Hans-Uwe wie kein Zweiter - und wie zu hoffen bleibt: ad multos annos! Literatur Otto, H.-U., 1999: Die Jahre der sozialwissenschaftlichen Grundlegung der Sozialen Arbeit. In: Homfeldt, H. G./ Merten, R./ Schulze- Krüdner, J. (Hrsg.): Soziale Arbeit im Dialog ihrer Generationen. Baltmannsweiler, S. 32 - 38 und S. 220 - 221 Otto, H.-U., 2005: Für eine Soziale Arbeit, die der sozialen Gerechtigkeit, der Teilhabe und der Demokratie verpflichtet ist (Interview mit Dieter Kreft). In: Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit, 56. Jg., H. 2, S. 65 - 69 Roth, H., 2 1967: Die realistische Wendung in der Pädagogischen Forschung. In: Röhrs, H. (Hrsg.): Erziehungswissenschaft und Erziehungswirklichkeit. Frankfurt am Main, S. 179 - 191 Prof. Dr. Roland Merten Friedrich-Schiller-Universität Jena Lehrstuhl für Sozialpädagogik und außerschulische Bildung 07737 Jena Hans-Uwe Otto wird 68
