eJournals unsere jugend60/3

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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2008
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Frauen in sozialer Verantwortung: Antonie (Toni) Nopitsch

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2008
Manfred Berger
Zum großen Teil waren es Frauen, die Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit/Sozialpädagogik und ihrer Nachbarwissenschaften maßgeblich beeinflussten. Sie haben Akzente gesetzt und Impulse gegeben, die bis heute nachwirken. Leider sind viele von ihnen im Laufe der Zeit immer mehr in Vergessenheit geraten. Manfred Berger stellt in "Unsere Jugend" solche bahnbrechenden Frauen in unregelmäßiger Folge vor.
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uj 3 (2008) 125 Antonie Nopitsch war nicht nur eine bedeutende Frau für die evangelischen Frauen in der Kirche, sie war ebenso eine bedeutende Frau für die interkonfessionelle Organisation von Frauen in der freien Wohlfahrtspflege. Ihr gelang ein bis heute (leider) sich nicht mehr wiederholendes sozialpolitisches „Experiment“, nämlich die Zusammenarbeit unterschiedlicher Träger auf dem Gebiet der Sozialen Arbeit. Mit aktiver Unterstützung von Elly Heuss-Knapp, der Frau des ersten Bundespräsidenten der BRD, gründete Antonie Nopitsch 1950 die „Elly- Heuss-Knapp-Stiftung Deutsches Müttergenesungswerk“, mit Sitz in Stein bei Nürnberg. Träger dieser neuen Institution von Frauen für Frauen waren (und sind bis heute) die Arbeiterwohlfahrt, der Paritätische Wohlfahrtsverband, das Deutsche Rote Kreuz, die Katholische Arbeitsgemeinschaft für Müttergenesung e.V. und schließlich die Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Müttergenesung e.V. Der Zweck der Stiftung wurde wie folgt definiert: „Sie dient… außer der Werbung für die Idee der Müttergenesung insbesondere zur Durchführung von Erholungskuren für bedürftige Mütter in Müttergenesungsheimen und zur Unterhaltung und Errichtung solcher Heime“ (zitiert nach Nopitsch 1970, 168). Frauen in sozialer Verantwortung: Antonie (Toni) Nopitsch Manfred Berger Zum großen Teil waren es Frauen, die Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit/ Sozialpädagogik und ihrer Nachbarwissenschaften maßgeblich beeinflussten. Sie haben Akzente gesetzt und Impulse gegeben, die bis heute nachwirken. Leider sind viele von ihnen im Laufe der Zeit immer mehr in Vergessenheit geraten. Manfred Berger stellt in „Unsere Jugend“ solche bahnbrechenden Frauen in unregelmäßiger Folge vor. Quelle: Ida-Seele-Archiv Unsere Jugend, 60. Jg., S. 125 - 128 (2008) © Ernst Reinhardt Verlag München Basel porträt 126 uj 3 (2008) Antonie Nopitsch wurde als Geschäftsführerin des Müttergenesungswerkes (1962 bis 1965 geschäftsführende Vorsitzende), das bis heute Kuren und Erholung anbietet, eingesetzt. Als solche legte sie, neben dem organisatorischen und finanziellen Auf- und Ausbau, besonderen Wert auf die Weiterarbeit an konzeptionellen Aufgaben: „Die Erfahrung, daß der Erfolg der Müttergenesungskuren nicht nur von der Möglichkeit des Ausspannens und einer guten medizinischen Betreuung abhängt, sondern vor allem auch von der Verarbeitung menschlich-seelischer Probleme, ließ Toni Nopitsch besonders auf die Arbeit der Kurleiterinnen sehen. Schon früh wurden sie in den damals neuen Methoden sozialer Gruppenarbeit und Einzelfallhilfe fortgebildet. Das Müttergenesungswerk arbeitete modellhaft mit einem Konzept, das später in modifizierter Form auch von anderen Trägern von Rehabilitationsmaßnahmen übernommen wurde. Daneben wurden präventive medizinische Maßnahmen aufgegriffen und spezielle Kuren für besonders belastete Zielgruppen unter den Frauen, wie z. B. Fabrikarbeiterinnen und Mütter behinderter Kinder, eingerichtet“ (Diestel 1986, 290). Da das große Lebensthema der promovierten Nationalökonomin, die von ihren Mitarbeiterinnen liebevoll und mit gebührendem Respekt „Doktorin“ genannt wurde, die Hilfe für Mütter war, begründete sie bereits 1933 den „Bayerischen Mütterdienst“ in Stein bei Nürnberg. Es gelang ihr, die „Vereinigung Evangelischer Frauenverbände in Bayern“ für die Idee organisierter Erholungsmaßnahmen (Mütterfreizeiten) und Fortbildungsangebote (Mütterschulen) zu gewinnen, die sich schnell eines großen Zuspruchs erfreuten. „Im Winter 1933/ 34 wird die Müttererholung ergänzt durch die Einrichtung von ,Mütterschulen‘ … In Nürnberg wird eine ,Fliegende Mütterschule‘ eingerichtet: In den Gemeinden der verschiedenen Stadtteile werden Kurse zu praktischen und grundsätzlichen Fragen des Familienlebens angeboten, die offensichtlich auf eine große Resonanz stoßen. So laufen im Dezember 1933 gleichzeitig 40 Kurse mit je 20 - 30 Teilnehmerinnen. Die Lehrkräfte arbeiten ehrenamtlich, nur arbeitslose Lehrerinnen erhalten ein Entgelt. Nach weiteren Verhandlungen erreicht Toni Nopitsch die kirchliche Anerkennung zur Ausbreitung der Arbeit in der gesamten Landeskirche“ (Diestel o. J., 15). Als die Nazis an die Macht kamen, kämpfte Antonie Nopitsch um den Erhalt ihrer Mütterarbeit, die allgemein immer mehr in die Hände nationalsozialistischer Organisationen überging. Verstärkt betonte sie in Briefen und Petitionen die religiöse Seite der Frauenarbeit und versuchte, diese „als systemstabilisierend und politisch harmlos darzustellen und die politische Infragestellung des Totalitätsanspruch des Nationalsozialismus zu verwischen, gleichzeitig aber auch die politischen Interessen (z.B. keine Unruhe unter der Bevölkerung in Kriegszeiten) geschickt zu nutzen. So gelang es ihr, die Beschlagnahmung von Erholungshäusern und die Schließung von Dienststellen zu verhindern“ (Hofmann 2006, 439). Neben dieser offiziellen Strategie, die den Totalitätsanspruch der nationalsozialistischen Machthaber nicht deutlich genug kritisierte oder gar in Frage stellte, Manfred Berger Jg. 1944; Leiter des Ida-Seele-Archivs zur Erforschung der Geschichte der Sozialen Arbeit/ Sozialpädagogik porträt uj 3 (2008) 127 sind bei Antonie Nopitsch durchaus Elemente eines als Dissens einzustufenden Verhaltens nachweisbar, das aber im Nachhinein nicht unbedingt als Widerstand glorifiziert werden kann. So umging sie Versammlungs- und Druckverbote. Ab 1936 gab sie die monatlich erscheinende Zeitschrift „Schriftenreihe für die Evangelische Mutter“ heraus, die sich „bewusst von deutsch-christlichen Ideen absetzt[e]“ (Diestel o. J., 17). Die Ausgabe, die sich mit dem fünften Gebot „Du sollst nicht töten“ befasste, wurde von den Nazis beschlagnahmt, die auch die Weiterführung der gesamten Schriftenreihe verboten. Doch die Schriftenreihe wurde weiterhin publiziert, „die Bogen oft hinter Hitlerbildern verborgen, wenn die Polizei die Druckerei kontrollierte“ (Diestel 1986, 269). Darüber hinaus lehnte Antonie Nopitsch ein Angebot ab, eine Stelle innerhalb einer Parteiorganisation der NSDAP zu übernehmen. Als Begründung gab sie an, dass „diese Arbeit keinen christlichen Charakter mehr gehabt hätte“ (Hofmann 2000, 134). Nach 1945 entwickelt sich der „Bayerische Mütterdienst“ (heute: „FrauenWerk Stein e.V.“) zu einer beachtlichen Wohlfahrtsorganisation, die in den 1960er Jahren über 100 Mitarbeiterinnen beschäftigte und Arbeitsbeziehungen zu über 600 Gemeinden in der Evang.-Luth. Landeskirche in Bayern unterhielt. Darüber hinaus wirkte die Arbeit richtungsweisend bei der Neugestaltung der Frauenarbeit in anderen Landeskirchen der Bundesrepublik (West) und des Dachverbandes der Evangelischen Frauenarbeit in Deutschland (Müller/ Weigelt/ Zorn 2000, 482f). A ntonie Nopitsch erblickte am 3. August 1901 in Traunstein/ Oberbayern das Licht der Welt. Sie wuchs in einer traditionell evangelisch-liberal geprägten Familienatmosphäre auf. Ihre beiden Brüder starben im jungen Mannesalter. Der Vater, er war Tierzuchtinspektor, nahm seine kleine Tochter oft mit, wenn er von Alm zu Alm wanderte und die Sennen und Sennerinnen darüber belehrte, wie der Milchertrag zu steigern sei. In München absolvierte sie die „Höhere Mädchenschule“ und legte dort auch schließlich nach mehreren missglückten Versuchen 1920 als Externe und einziges Mädchen das Abitur ab. Anschließend studierte Antonie Nopitsch an der Münchener Universität Nationalökonomie, die seinerzeit die einzige wissenschaftliche Disziplin war, um als Frau nach dem Studium eine gehobenere Anstellung in der Sozialen Arbeit zu erhalten. Im Jahre 1925 promovierte Antonie Nopitsch mit dem Thema „Die japanische Auswanderung: Eine Studie ihrer Entwicklung und ihre Ursachen“. Nach einem Auslandaufenthalt in England am Quäker-College „Woddbrooke“ in Birmingham hospitierte sie u. a. am Vormundschaftsgericht, am Jugend-,Arbeits-undWohlfahrtsamt, schließlich in der Polizei- und in der Krankenhausfürsorge. 1927 erhieltAntonie Nopitsch eine Anstellung als Dozentin an der von der „Diakonissenanstalt Neuendettelsau“ neu gegründeten „Sozialen Frauenschule“ in Nürnberg. Dort unterrichtete sie das Fach Volkswirtschaftslehre (einschließlich Sozialversicherung und Arbeitsrecht, Staats- und Verwaltungsrecht, Rechts- und Verwaltungskunde), das den Schwerpunkt im Fächerkanon der Sozialen Frauenschule bildete. Unstimmigkeiten mit der Schulleiterin sowie der Zentrale des Diakonissenhauses führten zu ihrer Kündigung. Doch Antonie Nopitsch ging mit Energie ein neues Projekt an - die Arbeit mit Frauen und Müttern, der sie sich zeitlebens verbunden fühlte. Nicht vergessen werden dürfen Antonie Nopitschs 1945 geknüpfte Kontakte zu den „Unites Church Women“ in den USA, die sie im Herbst 1948 besuchte. Von ihrer Reise brachte sie - sozusagen als „Souvenir“ - den „Weltgebetstag der Frauen“ (jeporträt 128 uj 3 (2008) weils am ersten Freitag in der Passionszeit) mit in die Heimat, dessen Umsetzung in den bayerischen evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden in überraschend kurzer Zeit gelang und der sich in den kommenden Jahrzehnten zur größten ökumenischen Bewegung in Deutschland entwickelte. Aus gesundheitlichen Gründen trat Antonie Nopitsch 1965 von der aktiven Arbeit zurück und übertrug die meisten ihrer Aufgaben an ihre Freundin und Lebenspartnerin Liselotte Nold, einer jung verwitweten Pfarrersfrau, die „die Arbeit durch die Turbulenzen der Jahre nach 1968 zu führen und den Weg zu bahnen [hatte] für den Dialog mit einer neuen Generation der Frauenbewegung, die eine umfassende Gesellschafts-, Kirchen- und Theologiekritik übte“ (Müller/ Weigelt/ Zorn 2000, 485). Antonie Nopitsch starb am 10. Januar 1975 in einem Nürnberger Krankenhaus. Für ihren Einsatz für Frauen und Mütter wurde sie mehrmals von Staat und Kirche ausgezeichnet, beispielsweise mit dem „Bayerischen Verdienstorden“ und der „Wichernplakette“ der Inneren Mission. Literatur Diestel, G., 1986: Antonie Nopitsch 1901 - 1975. Die Fürsprecherin der Frauen und Mütter. In: Leipziger, K. (Hrsg.): Helfen in Gottes Namen: Lebensbilder aus der Geschichte der bayerischen Diakonie. München, S. 257 - 312 Diestel, G., o. J.: Antonie Nopitsch - Person und Werk. In: FrauenWerk Stein e.V. (Hrsg): Erinnerungen an Dr. Antonie Nopitsch, 3. August 1901 bis 10. Januar 1975. Festschrift aus Anlass des 100. Geburtstages von Dr. Antonie Nopitsch, der Gründerin des Bayerischen Mütterdienstes. Stein Hofmann, B., 2000: Gute Mütter - starke Frauen. Geschichte und Arbeitsweise des Bayerischen Mütterdienstes. Stuttgart/ Berlin/ Köln Hofmann, B., 2006: Antonie Nopitsch (1901 - 1975). In: Hauff, A. v. (Hrsg.): Frauen gestalten Diakonie. Band 2: Vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Stuttgart, S. 532 - 550 Müller, G./ Weigelt, H./ Zorn, W. (Hrsg.), 2000: Handbuch der Geschichte der evangelischen Kirche in Bayern. Band 2: 1800. St. Otillien Nopitsch, A., 1970: Der Garten auf dem Dach. Erinnerungen. Nürnberg Der Autor Manfred Berger Am Mittelfeld 36 89407 Dillingen manfr.berger@t-online.de porträt