eJournals unsere jugend61/11+12

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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2009
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Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen im Heim

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2009
Irmgard Schroll-Decker
Thomas Müller
Anna Wesemann
Wohlbefinden ist zum Massenphänomen der westlichen Industrienationen geworden. In Form von Wellness, Wohlfühlfaktoren, Nahrungs- und Pflegemitteln sowie Reiseangeboten drängt es sich täglich vielen Menschen geradezu auf.
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490 uj 11+12 (2009) Unsere Jugend, 61. Jg., S. 490 - 504 (2009) © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen im Heim Irmgard Schroll-Decker/ Thomas Müller/ Anna Wesemann Wohlbefinden ist zum Massenphänomen der westlichen Industrienationen geworden. In Form von Wellness, Wohlfühlfaktoren, Nahrungs- und Pflegemitteln sowie Reiseangeboten drängt es sich täglich vielen Menschen geradezu auf. wohlbefinden im heim Wohlbefinden als Ergebnis der Hilfen zur Erziehung Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen im Heim dagegen ist kein Selbstverständnis - zumindest nicht auf den ersten Blick. Nicht alle Kinder und Jugendlichen, die in einer stationären Einrichtung untergebracht sind, leben freiwillig dort. Einige sind ihren Familien entzogen worden, andere plagen Heimweh und Sehnsucht nach den Eltern und Familienangehörigen. Für wieder andere bedeutet eine Unterbringung dagegen seelische und psychische Entlastung, das Ende einer anhaltenden Traumatisierung, Vernachlässigung oder Verwahrlosung. Bei Kindern und Jugendlichen, die im Rahmen einer Hilfe zur Erziehung nach Sozialgesetzbuch VIII vollstationär oder teilstationär untergebracht sind, beeinflussen die einrichtungsspezifischen Rahmenbedingungen sowie der erzieherische Umgang die positiven und negativen Kognitionen und Emotionen. In Bayern waren im Jahr 2005 knapp 31.000 Kinder und Jugendliche stationär oder teilstationär in einer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung nach § 34, § 35 oder § 41 des SGB VIII untergebracht (vgl. Mitteilungen des Bayerischen Landkreistages 2008). Diese Hilfen zur Erziehung haben das Ziel, die Kinder und Jugendlichen durch strukturiertes Alltagserleben und spezifische Angebote in ihrer Entwicklung zu fördern. Die Betreuung ist angezeigt, wenn anhaltende Schwierigkeiten eines Kindes oder die Situation in dessen Familie eine gesunde Entwicklung verhindern, gefährden oder diese bereits geschädigt haben. Dabei werden basierend auf einem individuellen, biografischen Verständnis der Situation intensive ganzheitliche Hilfestellungen erarbeitet. Eingesetzt werden Methoden der Gruppenpädagogik, intensive Individualpädagogik, therapeutische Behandlungsansätze, Eltern- und Familienarbeit nach dem systemischen Ansatz sowie Umfeldarbeit. Die enge Verbindung von Pädagogik, Therapie und Alltag in einem strukturierten Milieu wird betont. Ziel ist es, die Entwicklung der betreuten Kinder und Jugendlichen zu fördern und in Zusammenarbeit mit der Herkunftsfamilie eine Rückführung des Kindes zu erreichen. Ist dies nicht möglich, wird die Vorbereitung auf ein eigenständiges Leben angestrebt. In halbjährigen Hilfekonferenzen finden sich alle am Erziehungsprozess beteiligten Personen ein, um unter fachlicher Anleitung die einzelnen Schritte zu planen und entsprechende Instrumente und Maßuj 11+12 (2009) 491 wohlbefinden im heim nahmen aufeinander abzustimmen. Ziel des Vorgehens ist es, zur persönlichen Entwicklung und zum Wohlbefinden des jeweiligen Kindes oder Jugendlichen beizutragen. Wohlbefinden bei stationärer und teilstationärer Unterbringung von Kindern und Jugendlichen Wenn Erziehungsberechtigte in Kooperation mit ExpertInnen der Jugendhilfe in öffentlicher oder freier Trägerschaft eine teilstationäre oder stationäre Unterbringung für Kinder und Jugendliche als geboten erachten, dann erfolgt dies zu ihrem Wohl. Die damit einhergehenden Veränderungen des Lebensorts und der sozialen Bezugspersonen geschehen mit der Absicht, zu den bisherigen Sozialisations- und Erziehungsbedingungen begleitende, ergänzende oder kompensatorische Prozesse zu ermöglichen. Um das Wohl der Kinder und Jugendlichen zu fördern, gilt es, das Wohlbefinden zu steigern. Inwieweit sich Kinder und Jugendliche aber in ihrem erzieherischen Setting wohlfühlen, wird häufig nur aus der Warte derjenigen interpretiert, die als VertreterInnen der Jugendhilfe, der Einrichtung oder anderer Beteiligter mit den Kindern interagieren. Beobachtungen und Artikulationen werden oft „stellvertretend gedeutet“. Intendiertes versus subjektiv definiertes Wohlbefinden Wie es dem jeweiligen Kind oder Jugendlichen ergeht, wird anhand von Beobachtungen der professionell an der Hilfe zur Erziehung Mitwirkenden und punktuellen subjektiven Äußerungen des Leistungsempfängers erfasst. Bisher gibt es wenige Erkenntnisse darüber, welche Faktoren für das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen als Zustandsbeschreibung ausschlaggebend sind. Diese sehr unbestimmte, aber subjektiv weitreichende Beschreibung der Empfindung über die Lebensqualität im stationären und teilstationären Kontext ist der Anlass für die im Folgenden referierte Studie. Wohlbefinden ist wesentlich abhängig von Kontexten und dadurch situationsbezogen. Dabei lassen sich als kognitive Anteile z. B. die Haltung gegenüber dem Heim, die Meinung zur Gestaltung bzw. zum Ausmaß von Freizeit oder die Ein- Dr. Irmgard Schroll-Decker Jg. 1958; Diplom-Pädagogin (Univ.), Professur für die Lehrgebiete Sozialmanagement und Bildungsarbeit an der Hochschule für angewandte Wissenschaften, Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften Regensburg Dr. phil. Thomas Müller Jg. 1975; Schulleiter der St. Vincent-Schule Regensburg, Private Schule zur Erziehungshilfe Anna Wesemann Jg. 1983; Diplom-Sozialpädagogin (FH), Offene Kinder- und Jugendarbeit 492 uj 11+12 (2009) wohlbefinden im heim schätzung von Mitsprachemöglichkeiten bei Entscheidungen beschreiben. Für die emotionalen Anteile lassen sich z. B. die Freude über bestimmte Ereignisse, Spaß an Aktionen oder auch individuelle Empfindungen und Beschwerden ausmachen. Das allgemeine subjektive Empfinden der Kinder und Jugendlichen ist genauso bedeutsam für ihr Wohlbefinden wie erlebte Unterstützung beim Erreichen von Zielen. Über den aktuellen Heimkontext hinaus ist es zudem wichtig, zwischen aktuellem und habituellem Wohlbefinden zu unterscheiden, um so Aussagen über die Güte und die Kontinuität einer individuellen Entwicklung treffen zu können. Definitionen von Wohlbefinden in einer Jugendhilfeeinrichtung Hascher (2004) hat eine Studie zum Wohlbefinden in der Schule vorgelegt, deren Resultate aus einer Fragebogenerhebung stammen. Ihre Studie basiert vor allem auf einem Wohlbefindensbegriff, der die Diversität der existierenden Wohlbefindensbegriffe berücksichtigt und synchronisiert. Dabei spielen Glück und Zufriedenheit, positive wie negative Emotionen ebenso wie das körperliche Befinden und das Nicht-Vorhandensein von Beschwerden eine bedeutsame Rolle. In diesem Zusammenhang gilt es zu betonen, dass Wohlbefinden nicht nur aus positiven und negativen Emotionen besteht, sondern auch objektive wie subjektive Faktoren enthält (vgl. Hascher 2004, 69f). Zudem haben nicht nur emotionale, sondern auch kognitive Aspekte einen wichtigen Anteil daran, dass Wohlbefinden entstehen kann und erlebt wird. Dem Erklärungsmodell von Hascher (2004) entsprechend, bilden sich Emotionen in Abhängigkeit von vier zentralen Faktoren: dem Ereignis, dem Kontext, der momentanen Verfassung der Person und den jeweiligen emotionalen Schemata. Wesemann (2009, 50f) entwickelte in Analogie zum Wohlbefindensbegriff, so wie er insbesondere für den schulischen Kontext ausdifferenziert wurde, eine Definition für die Kinder- und Jugendhilfe. Demnach bezeichnet Wohlbefinden einen „Gefühlszustand, bei dem positive Emotionen und Kognitionen gegenüber dem Heim als solchem, den Personen im Heim (Erwachsenen und Kindern) sowie dem eigenen Aufenthalt im Heim bestehen und gegenüber negativen Emotionen und Kognitionen dominieren“. Diese Komponenten resultieren aus Bewertungen von situativen Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen. Das Wohlbefinden kann temporär und aktuell gesehen werden. Ebenso gibt es eine habituelle Form, die sich bei den Betroffenen verankert hat. „Heim“ wird hier als Kurzform für stationäre und teilstationäre Unterbringungsformen verstanden. Die nachfolgende Tabelle 1 verdeutlicht die Komponenten des Wohlbefindens, die in Anlehnung an Hascher (2004, 149) festgelegt wurden, sowie die Fragen, wie sie im Interviewleitfaden abgebildet werden. Das explorative, qualitative Design der Studie Die vorliegende Studie beabsichtigt, das Wohlbefinden aus der Bewertung der Kinder und Jugendlichen zu eruieren. Deshalb entschieden sich die VerfasserInnen für ein exploratives Vorgehen. Bewusst wurde auf eine schriftliche Befragung verzichtet. Zum einen liegt kein valider Fragebogen zur Erfassung des Wohlbefindens im Heimkontext vor, zum anderen erschien der direkte Kontakt zu den befragten Kindern und Jugendlichen die erwarteten differenzierten Antworten besser erfassen zu können. uj 11+12 (2009) 493 wohlbefinden im heim In Anlehnung an die Faktoren des Fragebogens zum Wohlbefinden in der Schule, die Hascher (2004, 226 - 228) verwendet, wurden die Fragen für ein leitfadengestütztes Interview entworfen. Die Formulierung der Fragen orientierte sich ausnahmslos daran, dass sie von der Altersgruppe der Kinder und Jugendlichen verstanden werden konnten. Daneben sollten die Faktoren (Kognition - Emotion) möglichst genau getroffen werden, die als wohlbefindensrelevant definiert waren. Die altersgerechte Formulierung der Fragen wurde etlichen Pre-Tests unterzogen. Tab. 1 Wohlbefindenskomponenten Fragen im Interviewleitfaden 1. Positive Einstellungen und Gefühle gegenüber der Einrichtung Du wohnst hier im Heim in der Gruppe XY: • Wie findest du es, hier im Heim zu wohnen? • Verstehst du, warum du hier bist? 2. Anerkennung und Freude in der Einrichtung Du bist mit anderen in deiner Gruppe, da gibt es bestimmt Dinge, die dir besonders wichtig sind. • Hast du das Gefühl, du kannst in der Gruppe Dinge, die dir wichtig sind, verändern? • Gab es in der letzten Zeit auch mal was, wofür du gelobt worden bist oder worüber du dich besonders gefreut hast! 3. Selbstwert und Selbstbewusstsein der Kinder und Jugendlichen Seit wie vielen Jahren bist du jetzt hier? In dieser Zeit hat sich sicherlich einiges verändert. • Bist du damit zufrieden, was du für dich bisher erreicht hast? • Was empfindest du, wenn du an deine Zukunft hier im Heim denkst? 4. Sorgen der Kinder und Jugendlichen wegen und während der Unterbringung Du hast dir gemeinsam mit den Erziehern ja bestimmte Entwicklungsziele gesetzt … • Machst du dir manchmal Gedanken darüber, ob du deine Ziele, die du dir in der Gruppe gesetzt hast, erreichst? • Hast du manchmal das Gefühl, dass du mit deinen Erziehern nicht mehr klarkommst? 5. Körperliche Beschwerden in der Einrichtung oder in den Übergangsphasen Erzähl’ mir doch mal, welche Regelung es bei dir gibt, nach Hause zu gehen. • Wie geht es dir, wenn du zu Hause warst und dann wieder hierher kommst? • Woran merkst du dann, dass es dir nicht gut/ schlecht geht? Woran glaubst du, liegt das? Was kannst du tun, damit es dir wieder besser geht? 6. Soziale Probleme in der Einrichtung Erzähl’ mir doch mal von deinen Freunden im Heim. • Kommst du mit deinen Freunden gut zurecht? • Hast du oft Streit mit anderen hier? • Woran liegt es/ hast du eine Erklärung dafür, dass/ warum du oft Stress mit anderen hast? 494 uj 11+12 (2009) wohlbefinden im heim In die Studie wurden Kinder und Jugendliche einer Jugendhilfeeinrichtung von 11 bis 14 Jahren aufgenommen, die sich in den stationären und teilstationären Gruppen der Einrichtung befanden. Die Überlegungen zur Konstruktion des Gesprächsleitfadens beförderten diese Entscheidung. Eine altersunabhängige Vollerhebung einzelner Gruppen hätte eine altersstufenadäquate Variation der Fragen erforderlich gemacht, da in der Einrichtung 6bis 19- Jährige untergebracht sind. Darunter hätte aus Sicht der VerfasserInnen die Vergleichbarkeit der Ergebnisse gelitten. Zum Zeitpunkt der Befragung befanden sich 40 Kinder und Jugendliche dieser Altersspanne in der ausgewählten Einrichtung, wovon 36, davon 27 männliche und neun weibliche, in die Untersuchung eingingen. In einem Fall wurde die Befragung verweigert, ein Adressat konnte aufgrund einer krankheitsbedingten und zwei aufgrund unerlaubter Abwesenheit nicht befragt werden. Die Teilnahme an den Interviews war freiwillig und erstreckte sich auf den Zeitraum von Anfang Juni bis Ende Juli 2008. Die Interviewerin war den Befragten nicht bekannt. Sie vereinbarte die Termine mit den GruppenerzieherInnen (Wesemann 2008, 57). Die Interviews wurden in den Räumen der jeweiligen Gruppen durchgeführt. Die Gesprächsdauer variierte zwischen 10 und 20 Minuten. Ein Viertel (9) der Interviewten wohnte in einer therapeutisch-stationären Gruppe, ein Viertel (9) in einer Tagesgruppe. 13 Kinder und Jugendliche waren in heilpädagogischen Gruppen, vier in einer 5-Tages- Gruppe und ein Interviewter in einer Jugendwohngruppe untergebracht. Damit sind alle Wohnformen der Einrichtung repräsentiert. Zehn Kinder und Jugendliche lebten kürzer als ein Jahr und neun länger als vier Jahre in der Einrichtung. Jeweils sechs Befragte waren zwischen einem Jahr und drei und vier Jahren und fünf Jugendliche zwischen zwei und drei Jahre in einer stationären oder teilstationären Gruppe untergebracht. Die Interviews wurden alle auf Tonband aufgezeichnet und anschließend transkribiert. Das Textmaterial wurde den Stufen der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2008) folgend komprimiert und den wohlbefindensrelevanten Kategorien zugeordnet. Befragungsergebnisse Positive Empfindung und Einstellung zur Einrichtung Die Befragten zeigten insgesamt viele positive Emotionen und Kognitionen der jeweiligen stationären oder teilstationären Unterbringung gegenüber. In Tabelle 2 sind die Nennungen zusammengefasst. Die Kinder und Jugendlichen geben sowohl ihre abgestuften generalisierten positiven emotionalen Stimmungen der Einrichtung gegenüber wie auch die spezifischen Emotionen wegen oder infolge von besonderen Konstellationen (FreundInnen haben, sich sicher fühlen) zum Ausdruck. Ebenso deutlich sprechen sie auch negative Gefühle an: Ein Teil der Äußerungen ist unspezifisch, andere beziehen sich auf besondere Gegebenheiten wie z. B. die Zimmerbelegung, die Regeln, den Personalwechsel usw. In sehr vielen Äußerungen erklären die Befragten rational, wieso sie sich in der Einrichtung aufhalten. Im Verhältnis dazu sind diejenigen, die ein generalisiertes Unverständnis für den Aufenthalt in der Einrichtung angeben, eher gering. Anerkennung, Mitwirkung und Freude Für das Zusammensein mit anderen, häufig nicht Gleichaltrigen, sind Strukturen und Regeln notwendig. Das pädagogische uj 11+12 (2009) 495 wohlbefinden im heim Setting enthält z. B. Vereinbarungen, die von den Kindern und Jugendlichen eingehalten werden müssen. Daneben gibt es auch Bereiche, die partizipativ gestaltet werden, in denen sich die Bedürfnisse und Vorlieben der Befragten abbilden. Kogni- Tab. 2 Emotionen Kognitionen Positive qualitative Aussage mit Bezug auf die Einrichtung 14 Verständnis mit Angabe von Gründen 22 Positive qualitative Aussage mit Einschränkung 6 Schulische Probleme als Erklärung 16 Mittelmäßig bewertete qualitative Aussage 8 Verhaltensauffälligkeiten als Erklärung 14 Verbesserung im Vergleich zur vorherigen Situation 2 Familiäre Konflikte/ schwieriges Elternhaus als Erklärung 12 Gefühl von Sicherheit und Wohlbefinden 3 Aufenthaltsanordnung durch Jugendamt/ Justiz als Erklärung 9 Im Heim zu Hause sein 3 Verbale und körperliche Aggression als Erklärung 8 Ansprechende Freizeitgestaltung 9 Straftatbestand als Erklärung 3 Zufriedenheit mit dem Zimmer 4 Um etwas zu lernen als Erklärung 5 Taschengeld als Bonus 1 Medikation/ Krankheit/ Behinderung als Erklärung 3 FreundInnen als positiver Faktor 9 Schwierigkeiten mit der Pflegefamilie als Erklärung 6 Unterstützung und Hilfe 5 Auf eigenen Wunsch als Erklärung 3 Gruppenwechsel in Aussicht 1 Elterliche Entscheidung als Erklärung 2 Optimistische Entwicklungseinschätzung 3 Verständnis ohne Angabe von Gründen 3 Sich daran gewöhnt haben 3 Fehlendes Verständnis 9 Wunsch nach mehr Aufenthalt zu Hause 9 Gleichgültigkeit, Desinteresse … 3 Probleme mit strengen Regeln/ Konsequenzen 9 Probleme mit Zimmer- und GruppenbewohnerInnen (generell und spezifisch) 7 Probleme mit Personalwechsel 2 Einzelnennungen von fehlenden/ unzufrieden stellenden Faktoren (Haustiere, finanzielle Mittel, Essen) 4 Negative qualitative Aussage mit Bezug zur Einrichtung 5 Keine klare Einschätzung 3 496 uj 11+12 (2009) wohlbefinden im heim tiv sind den Kindern und Jugendlichen bestimmte Strukturen unterschiedlich präsent. Emotional können sie ihre Freude zum Ausdruck bringen, wenn im Zusammenleben etwas besonders gelungen ist.Tendenziell ist den Aussagen der Befragten zu entnehmen, dass sie die Möglichkeiten der Mitwirkung bei Angelegenheiten, die ihnen wichtig sind, kennen, sie zu nutzen wissen, aber auch die Grenzen der Mitsprache begreifen. Einige Äußerungen deuten darauf hin, dass es auch eine skeptische Haltung gibt, inwieweit Einfluss geltend gemacht werden kann. Sehr deutlich vermögen die Kinder und Jugendlichen zum Ausdruck zu bringen, ob, wann und wie sie sich freuen bzw. wofür sie Anerkennung geerntet haben. Einzelne zeigen auch hier, dass sie Freude nicht empfinden, kein Lob erhalten oder solches nicht empfinden (können). Selbstzufriedenheit und Zukunftsaussichten Der Aufenthalt in einer Jugendhilfeeinrichtung ist darauf angelegt, den Selbstwert und das Selbstbewusstsein der Kinder und Jugendlichen zu stabilisieren. Die Frage nach der Zufriedenheit mit der bisherigen Entwicklung impliziert, ob sich Verhaltensweisen schon verfestigt haben. Zudem Tab. 3 Schwerpunkte des Zusammenlebens, Mitwirkung (Häufigkeit) Freude über Erfolg/ Anerkennung und Lob (Häufigkeit) • Es gibt Möglichkeiten, etwas zu verändern (generell) (18) • Lob für etwas … mit Nennung des konkreten Bezugs (27) • Mitspracherechte wichtig und vorhanden (generell) (13) • Rein quantitative Aussagen (z. B. immer wieder werde ich gelobt) (4) • Ein Antrag kann geschrieben werden (4) • Verhalten wird positiv bewertet, z. B. Mithelfen und freiwillige Dienste als Anlass (19) • Vorhandensein von Gruppenstunde/ besprechung, Kinderkonferenz, Kinder-/ Jugendparlament (20) • Am/ im Sport Freude empfinden (6) • Die ErzieherInnen sind das Sprachrohr für die Verwirklichung von Vorschlägen (6) • Leistungen im schulischen Bereich (17) • Soziales Kompetenztraining (1) • Freude über Ausflüge/ Aktionen (11) • Aggressives Durchsetzen (1) • Freude über spezifische Einzelereignisse (4) • Veränderungen sind mit Einschränkungen möglich (7) • Möchte kein Lob/ kann nicht damit umgehen (3) • Es bestehen Vorbehalte gegenüber der Wirksamkeit der Mitsprache (5) • Weiß ich nicht (2) • Manches ist nicht zu verändern, da strukturell bedingt, z. B. Gruppenzusammensetzung (10) • Erhalte kein Lob (4) • Weiß nicht (2) uj 11+12 (2009) 497 wohlbefinden im heim ist der Blick nach vorne ausschlaggebend für die eigene Gefühlslage. Die Aussagen über eine positive Gesamt- oder Teilentwicklung in der Einrichtung dominieren. Dennoch gibt es auch subjektive Anzeichen von Befragten, die klar machen, dass sie mit dem, was sie bisher erreicht haben, unzufrieden sind bzw. sich sogar Sorgen machen. Dies spiegelt sich auch in Aussagen über die Zukunftsaussichten wider. Es gibt einen erheblichen Anteil an Äußerungen, die bange in die Zukunft blicken, eher keine Bewertung abgeben oder sich nicht konkret festlegen möchten. Für viele besteht jedoch auch Anlass, mit Blick auf die bisherige Entwicklung Optimismus zu äußern. Sorgen der Kinder und Jugendlichen bezüglich ihrer Entwicklung Die Kinder und Jugendlichen sind mehr oder weniger aktiv in die Jugendhilfegespräche und die jeweiligen Zielsetzungen einbezogen. Sie wissen darum, dass die Ausgestaltung der Jugendhilfemaßnahme vom Zielerreichungsgrad abhängt. Und den Kindern ist klar, dass sie mit sozialpädagogischem Fachpersonal zu tun haben, das absichtsvoll handelt. 18 Beiträge der Kinder und Jugendlichen schätzen die Entwicklungsziele als realistisch ein, und weitere 11 Aussagen verneinen deshalb, dass Anlass für Sorge bestehen müsste. Ein Drittel der Befragten Tab. 4 Zufriedenheit mit dem bisherigen Verlauf (Häufigkeit) Zukunftsaussichten (Hoffnungen und Ängste) bezüglich Aufenthalt (Häufigkeit) • Zufrieden mit der bisherigen Entwicklung (29) • Positive Zustandsbeschreibung und Aussichten (generell und spezifisch) (10) • Eine Verbesserung des Verhaltens trat ein (16) • Es ist „normal“ (3) • Eine schulische Verbesserung trat ein (10) • Freudige Zukunftsaussichten (5) • Keine (feststellbare) Veränderung, z. B. wegen zu kurzer Anwesenheit (7) • Negative Zustandsbeschreibung (generell und spezifisch) (5) • Abbau der Aggression hat stattgefunden (4) • Aufenthalt ist zu lang und Wunsch nach Ausscheiden aus dem Heim (10) • Probleme/ Sorgen wegen spezifischer Punkte (2) • Das Heim wird als unterstützend eingeschätzt (10) • Unzufrieden mit sich selbst, generell (8) • Kein Gedanke an die Zukunft (9) • Zukunftsangst (4) • Neutral - keine Festlegung (3) • Zufrieden mit der Zukunft im Heim (6) • Antwort ohne Bezug zur Frage (1) 498 uj 11+12 (2009) wohlbefinden im heim Tab. 5 Sorgen bezogen auf die Entwicklungsziele (Häufigkeit) Sorgen bezogen auf Probleme mit den professionellen Bezugspersonen (Häufigkeit) • Schwierigkeiten bezogen auf die Zielerreichung (12) • Positives Verhältnis zu den ErzieherInnen (29) • Keine Gedanken über Entwicklungsziele (12) • ErzieherInnen sind Ansprech- und Kontaktpersonen (14) • Ziele können erreicht werden (18) • Die ErzieherInnen erfahren nicht alles (5) • Keine Sorgen nötig (11) • ErzieherInnen sind streng (10) • Sorgen vorhanden (6) • Es gibt Streit/ Konflikte mit den ErzieherInnen (9) • Ziel ist die Veränderung des Verhaltens (12) • Das Verhältnis ist zu den meisten ErzieherInnen schlecht (5) • Der/ die IntensivbetreuerIn ist die wichtigste Bezugsperson (6) • Die ErzieherInnen unterstützen (2) • Das Verhältnis zu einzelnen ErzieherInnen ist schlecht (7) • Probleme beim Erzieherwechsel/ bei Personalveränderungen (5) Tab. 6 (Belastende) Empfindung beim Übergang von Familie und Einrichtung (Häufigkeit) Eigene Bewältigungsmuster (Häufigkeit) • Übergang ist normal, gehört dazu (9) • Kein Bewältigungsmuster parat (19) • Übergang verläuft gut (4) • Ablenkung/ Beschäftigung (10) • Positive Aussage, weil … (5) • Kontakt zu FreundInnen suchen (3) • Vorfreude auf einzelne Aspekte (7) • Verdrängung (3) • Ambivalent/ diffuse Beschreibung (7) • Nichtstun als Strategie (3) • Negative Aussage, weil … (13) • Trauern (2) • Traurigkeit/ Heimweh (10) • Wutausbruch (1) • Übergang ist Gewöhnungssache (4) • Abwarten/ Zeit verstreichen lassen (5) • Die Zeit zu Hause ist zu wenig (3) • Zu Hause gibt es mehr Freiheiten (2) • Rückkehr in die Einrichtung ist schwieriger, wenn längerer Aufenthalt zu Hause (2) • Keine Angabe (1) uj 11+12 (2009) 499 wohlbefinden im heim macht Angaben darüber, dass sie ihr Verhalten im Allgemeinen verändern müssten. 12 Redebeiträge bringen zum Ausdruck, dass es Probleme bei der Zielerreichung gibt, und 6-mal werden Sorgen angeführt. Insgesamt gesehen beziehen sich viele Aussagen darauf, dass die Kinder und Jugendlichen weitgehend sorgenfrei mit ihren ErzieherInnen auskommen, sie sie als Ansprech- und Kontaktpersonen wählen, was insbesondere für die IntensivbetreuerInnen zutrifft. Es gibt etliche Kinder und Jugendliche, die mit den ErzieherInnen insgesamt oder mit einzelnen weniger zurechtkommen. Mögliche Erklärungen für Reibungspunkte mit den Professionellen sind deren Strenge und unterschiedliche Auffassungen in Form von Konflikten. Als Konsequenz berichten manche KlientInnen davon, dass die ErzieherInnen nicht alles erfahren, also nicht als Vertrauensperson gewählt werden. Vor allem die Beendigung von Beziehungen bei Personalwechsel scheint sich bei den Kindern und Jugendlichen auch als negatives Gefühl manifestiert zu haben. Körperlich-seelische Beschwerden beim Übergang und eigene Bewältigungsmuster Die Nennungen zeigen, dass sich ein Großteil der Kinder und Jugendlichen mit den Besuchsregelungen inzwischen arrangiert hat, den Übergang als „normal“, „gut“ bzw. als „Gewöhnungssache“ bezeichnet. Einige können ihre Gefühle nicht genau beschreiben, machen eher diffuse Angaben. Vorfreude als allgemeines bzw. als gezielt auf eine Ursache bezogenes Empfinden konnte immerhin von 12 Befragten geäußert werden (in beiderlei Richtung). Zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen konnten Traurigkeit und Heimweh als Begleitumstand der Rückkehr von ihrer Familie als allgemeines Gefühl und besondere Ursachen und Begründungen anführen. Als ersten Impuls nannten viele Kinder, dass sie nicht wüssten, was sie gegen die sie belastende Situation des Übergangs tun sollten. Viele konnten in einer folgenden Aussage dann doch eine Ablenkung (Beschäftigung, Kontakt, nicht darüber nachdenken) als hilfreich anführen. Einige wenige Aussagen benannten ganz konkrete Gefühle wie traurig oder wütend sein. Schwierigkeiten im sozialen Umgang Das Zusammenleben mit anderen Heranwachsenden in einem strukturierten Erziehungssetting ist für die Klientel aufgrund ihrer Vorgeschichte oft eine besonders anstrengende Aufgabe. Die subjektive Bewertung des sozialen Eingebundenseins und der damit einhergehenden Stressquellen kann Aufschluss über die soziale Dimension des Wohlbefindenskonstrukts geben. Tendenziell geben die Befragten an, eher mehr FreundInnen als weniger oder keine zu haben. Die Aussagen zum Streitaufkommen halten sich die Waage. Ca. die Hälfte der Äußerungen beinhaltet positive Erfahrungen des Zusammenlebens, betont die gemeinsamen Aktivitäten, die Integration und die angenehmen Beziehungen zueinander. Es gibt jedoch auch ebenso zahlreiche Äußerungen über provokative, aggressive Verhaltensweisen, über Ausgegrenzt-Sein und eindeutige personenbezogene Aversionen. Den Kindern und Jugendlichen ist zu einem Großteil nicht klar, woran die zwischenmenschlichen Spannungen liegen könnten. Die am häufigsten genannte Ursache wird im unmittelbaren Zusammenleben auf engem Raum gesehen. Sich pro- 500 uj 11+12 (2009) wohlbefinden im heim voziert zu fühlen, mit Aggressionen konfrontiert oder übergangen zu werden sowie Meinungsverschiedenheiten werden als Stressoren im Umgang miteinander genannt. Interpretation der Ergebnisse Positive Einstellungen und Gefühle gegenüber der Einrichtung Im Zusammenhang mit der Frage nach einer positiven Haltung dem Heim gegenüber zeigten sich oft Bezüge zu kontextuellen Einflussfaktoren wie Freundeskreis und Freizeitgestaltung. Es kann angenommen werden, dass diesen Rahmenbedingungen gerade im Kontext des Heims ein besonderer Stellenwert zukommt. Gemeinsame Aktivitäten und die Zugehörigkeit zu einem Freundeskreis innerhalb der Einrichtung scheinen mit der positiven Einstellung gegenüber dem Heim zu korrelieren. Äußerungen zu Gefühlen der Sicherheit oder „zu Hause“ zu sein kamen ebenfalls, wenn auch zu geringem Anteil, in der Antwortpalette vor. Möglicherweise ist bei den Kindern, die außerhalb ihrer Familien leben und in ihrer Vergangenheit familiäre Probleme erlebten, das Bedürfnis nach Sicherheit besonders ausgeprägt. Mit dem Ausdruck „zu Hause sein“ werden in der Regel angenehme und positive Gefühle assoziiert. Diese Aussagen könnten bedeuten, dass eine gewisse emotionale Bindung im positiven Sinne zum Heim besteht. Die Ergebnisse zeigen, dass die Leistungen der Hilfe zur Erziehung als positiv bewertet und auf ansprechende Weise umgesetzt werden. Eine Einschränkung positiver Gefühle oder ein Grund für negative Gefühle wurde häufig auf die Abwesenheit von Angehörigen bzw. der Herkunftsfamilie bezogen. Der Wunsch nach mehr Zeit im Kreis Tab. 7 Auskommen mit den MitbewohnerInnen/ FreundInnen in der Einrichtung (Häufigkeit) Erklärungsmuster für die Probleme (Häufigkeit) • Äußerung über viele FreundInnen in der Einrichtung (25) • Keine Angaben (13) • Äußerung über wenige FreundInnen in der Einrichtung (10) • Keine Gründe (1) • Äußerung über geringes Streitaufkommen (11) • Probleme im Zimmer und mit dem Zusammenleben/ Toleranz (12) • Äußerung über hohes Streitaufkommen (11) • Regeln werden gebrochen (3) • Positiver Umgang, soziale Integration, gutes Auskommen (11) • Meinungsverschiedenheiten (6) • Wohlfühlen in der Gruppe (5) • Jemand anderes will sich durchsetzen (4) • Aggression, Ärger, Provokation (10) • Provokation (9) • Ausgeschlossen, allein sein (6) • Verbale/ körperliche Aggression (8) • Eindeutige Antipathien (8) • Gemeinsame Aktivitäten (4) uj 11+12 (2009) 501 wohlbefinden im heim der Angehörigen könnte verdeutlichen, wie wichtig der Einbezug der Eltern in die Heimarbeit ist. Auf alle Fälle zeigte sich in der Untersuchung, dass sich auch die Rahmenbedingungen auf die Einstellung und die Gefühle dem Heim gegenüber auswirken und damit letztlich wahrscheinlich auch das Wohlbefinden beeinflussen. Beschreibungen der Mittelmäßigkeit könnten aus einem rationalen Abwägen der Vor- und Nachteile im Heim oder aber aus einer Gefühlsunsicherheit resultieren. In keiner Antwort fanden sich aktuelle Gemütsbeschreibungen oder Hinweise auf momentane Meinungen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit kann man davon ausgehen, dass es sich bei den Angaben um zeitlich länger andauernde Einstellungen und Emotionen handelt und somit um eine Aussage habituellen Wohlbefindens. Viele Kinder drückten Verständnis für den Heimaufenthalt, für die Gründe und Ursachen aus. Nicht unweigerlich impliziert sind allerdings Aussagen des Gutheißens. Das kognitive Wissen könnte aber einen Einfluss auf die Bewertung der Maßnahme haben und sich gleichzeitig auf die verschiedenen Beziehungsebenen auswirken. Viele Interviewte sprachen die Gründe direkt an. Man könnte dadurch auf eine gelungene Verarbeitung, auf Reflexivität und Entwicklungsreife schließen. Die Antworten, die Veränderung als Ziel des Heimaufenthalts beinhalten, könnten darauf deuten, dass die Betroffenen einen Sinn in der Maßnahme erkennen. Allerdings gaben auch manche Kinder und Jugendlichen an, nicht zu verstehen, warum sie im Heim seien. Es wäre möglich, dass vor allem diese Befragten größere Entwicklungsdefizite und personenbezogene Probleme aufweisen, dass sie anderen Personen Schuld zuweisen und keine oder nur geringe Fähigkeiten der Selbstreflexion besitzen. Viel Freiraum für Interpretationen lassen auch Aussagen der Neutralität. Sie könnten dafür sprechen, dass eine Verarbeitung vermieden werden soll oder sie nach außen keine Schwächen signalisieren möchten. Ein signifikanter Zusammenhang zwischen den Initiatoren der Maßnahme und den Auswirkungen auf das Verständnis ist nicht feststellbar. Anerkennung und Freude in der Einrichtung Es zeigte sich, dass die Mehrzahl aller Befragten das Gefühl hatte, Veränderungen einleiten und beeinflussen zu können sowie ihren Lebensalltag im Heim durch Mitspracherechte mit gestalten zu können. Foren der Partizipation sind in die Strukturen des Heims in Form von Kinderkonferenzen, Kinderparlament, Gruppenbesprechungen und GruppensprecherInnen eingegliedert. Deutlich wurde auch, dass die Art der Mitwirkung innerhalb der Gruppen variiert und dementsprechend als unterschiedlich wirksam wahrgenommen wird. Einige Interviewte äußerten Zweifel, dass ihre Veränderungsanregungen und Themen ausreichend aufgegriffen oder mit der notwendigen Ernsthaftigkeit besprochen würden. Auch positive und wertschätzende Rückmeldungen der Umwelt sind für das Wohlbefinden im Heim ausschlaggebend. Die meisten Befragten konnten Situationen des Lobs und der Anerkennung benennen. Viele gaben genaue Beispiele an, für was sie gelobt wurden, und einige machten auch quantitative Angaben. Man könnte daraus auf einen gewissen Stolz der Kinder und Jugendlichen auf ihre Leistungen schließen, sei es im schulischen Bereich oder hinsichtlich der Hilfe und des erwünschten Verhaltens im Heimalltag. Die Erhebung zeigte auch, dass es Kinder und Jugendliche gibt, die mit Lob nicht gut umgehen können. Es ließ sich jedoch 502 uj 11+12 (2009) wohlbefinden im heim eindeutig feststellen, dass die erhaltenen positiven Rückmeldungen gut erinnert werden. Auch Freude ist ein die Genese von Wohlbefinden konstituierender Faktor. In mehreren Theorien zum Wohlbefinden werden Freude, Glück und Wohlbefinden sogar einheitlich verwendet. Die von den Befragten angegebenen Gründe beziehen sich dabei zum Teil auf Zufriedenheit mit sich selbst und den eigenen Leistungen; zum anderen aber auch auf kontextuelle Rahmenbedingungen, die dazu führen, dass man sich freut. Damit könnte man einen indirekten Einfluss situativer Faktoren auf das Wohlbefinden bestätigen. Es konnte aber auf alle Fälle erhoben werden, dass sich so gut wie alle Befragten in vergangener Zeit über Lob oder Ereignisse freuten. Das Erleben dieser Aspekte ist ein wichtiger Beitrag zum Wohlbefinden. Man könnte davon ausgehen, dass je öfter und intensiver qualitativ hochwertig eingestufte Empfindungen erlebt werden, sich umso wahrscheinlicher habituelles Wohlbefinden entwickelt. Für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen unter den Bedingungen biografisch belasteter Kontexte sowie den verschiedenen Dimensionen des Heimalltages ist dies von nicht zu unterschätzender Bedeutsamkeit. Selbstwert und Selbstbewusstsein der Kinder und Jugendlichen Das Erlangen von Wohlbefinden ist geprägt vom eigenen Selbstwert, einem starken Selbstbewusstsein und der positiven Bewertung eigener Leistungen. Aus der Untersuchung geht hervor, dass die meisten Befragten mit sich und ihren bisher erreichten Leistungen zufrieden sind. Die Auflistung von Veränderungen in verschiedenen Bereichen auch anhand von Beispielen bestätigt dies. Daraus könnte man schließen, dass die pädagogischen Anforderungen der Hilfen zur Erziehung, unter anderem auch die Hilfen zur Selbsthilfe, erfolgreich umgesetzt werden. Positive Veränderungen im Heimkontext führen möglicherweise zu einer positiven Einstellung gegenüber der Maßnahme an und für sich, zum Erleben angenehmer Gefühle und damit zu habituellem Wohlbefinden. Befragte, die von Unzufriedenheit oder ausbleibenden Veränderungen sprachen, gaben zum Teil an, es läge an ihnen selbst. Zukunftserwartungen und -empfindungen stehen mit dem Veränderungsbewusstsein und der Zufriedenheit in engem Zusammenhang. Das heißt, die Kinder und Jugendlichen blicken positiv in die Zukunft, wenn sie in der Vergangenheit positive Entwicklungen erleben konnten. Dabei spielen Vergleiche des Ist- und Sollzustands ebenso eine Rolle wie das Erleben der Sinnhaftigkeit der Maßnahme. Einige Interviewte blickten besonders positiv in die Zukunft: Eine entscheidende Rolle spielten dabei die im Heim erlebte Unterstützung und die darauf aufbauende angenehme schulische bzw. berufliche Perspektive. Die zeitliche Dimension spielt aber ebenfalls eine Rolle für Zukunftsempfindungen. Das heißt, es wurde deutlich, dass die geschätzte zukünftige Aufenthaltsdauer Auswirkungen auf die Antworten hatte. So scheint ein sichtbares Ende der Maßnahme das Erleben positiver Gefühle zu beeinflussen, hingegen eine noch nicht absehbare Beendigung der Maßnahme eher negative Gefühle hervorzurufen. Sorgen der Kinder wegen und während ihrer Unterbringung Sorgen- und Belastungsfreiheit sind neben den positiven Faktoren eine wichtige Einflussgröße auf das Wohlbefinden. Es zeigte sich, dass die Hälfte der Befragten dem Erreichen der individuellen Ziele positiv geuj 11+12 (2009) 503 wohlbefinden im heim genübersteht. Allerdings lässt sich auch konstatieren, dass Schwierigkeiten und Sorgen in diesem Bereich auftraten. Manche Kinder scheinen sich überfordert zu fühlen und sind auf die Unterstützung und Hilfe des Erziehungspersonals angewiesen. Überforderung oder die Angst, es nicht zu schaffen, würden das Wohlbefinden negativ beeinflussen. Die Kehrseite könnte allerdings bedeuten, dass Entwicklungsziele, deren Erreichen die Kinder und Jugendlichen als sehr leicht empfinden, ihre Bedeutsamkeit verlieren. Beide Aspekte verdeutlichen die Notwendigkeit, Entwicklungsziele mit allen Kindern und Jugendlichen regelmäßig zu evaluieren und, falls notwendig, Ansprüche zurückzuschrauben und in kleineren Schritten weiterzuarbeiten. Die Differenziertheit der Aussagen lässt aber gleichzeitig auf die hohe Transparenz der Entwicklungsziele schließen. Im Zusammenhang von Sorgen im Heim ist die Qualität der Beziehung zwischen ErzieherInnen und Betreuten besonders bedeutsam. Eine gelungene Beziehung zwischen Personal und Klientel ist notwendig, damit die Kinder und Jugendlichen lernen, dass tragfähige Beziehungen möglich sind. Die Mehrheit der Interviewten betonte eine positive Beziehung. Das Erziehungspersonal wurde von einigen als AnsprechpartnerInnen benannt. Dies könnten Zeichen für eine gelungene Beziehungsarbeit sein. Interessant war festzustellen, dass sich zu Einzelpersonen des Personals unterschiedlich starke - positive wie negative - Beziehungen aufgebaut haben. IntensiverzieherInnen als den einzelnen Kindern und Jugendlichen speziell zugesprochene Bezugspersonen weisen einen besonders hohen Status auf. Vereinzelt lassen sich Antipathien feststellen, bei denen anzunehmen ist, dass sie von einzelnen Erzieherpersönlichkeiten sowie deren Umgang mit Regeln und Distanzverhalten abhängig sind. Körperliche Beschwerden in der Einrichtung oder in den Übergangsphasen In Bezug auf das Heim und speziell auf die Situation des Zurückkehrens nach einem Elternaufenthalt lassen sich keine Auffälligkeiten bezüglich körperlicher Beschwerden feststellen. Die Kinder und Jugendlichen scheinen keine schwerwiegenden psychosomatischen Symptome entwickelt zu haben. Trennungsschmerzen treten wahrscheinlich in einem normalen Maß auf. Gefühle der Trauer deuten vielleicht auf Verarbeitungsmechanismen hin. Umgekehrt könnte aber auch überlegt werden, ob es den Kindern an ausreichenden Bewältigungsmöglichkeiten im Zusammenhang mit dem Trennungsschmerz mangelt. Es bleibt zu fragen, inwieweit die Stabilität habituellen Wohlbefindens den Umgang mit diesen Situationen bestimmt. Es wäre denkbar, dass der Umgang mit den Besuchen bei den Eltern und das damit verbundene Wiederkommen in das Heim bei relativ stabilem habituellen Wohlbefinden leichter verarbeitet werden können und eventuell durch aktuelles Befinden ausgelöste Schwankungen ausgeglichen werden. Soziale Probleme in der Einrichtung Die Antworten in Bezug auf das Streitpensum laufen in zwei Richtungen auseinander: Entweder ist von sehr wenigen Konflikten die Rede oder von „manchmal“ bis „sehr oft“. Ein hohes Streitpensum ließe sich womöglich durch die Persönlichkeitsmerkmale der Kinder und Jugendlichen erklären, die im Heim aufgrund ihres deutlich erhöhten sozial-emotionalen Förderbedarfs erzogen werden. In diesen Fällen scheinen Konflikte auch weniger extrem bewertet zu werden, als es möglicherweise 504 uj 11+12 (2009) wohlbefinden im heim bei „anderen“ Kindern und Jugendlichen der Fall wäre. Folglich würden sich Konflikte nicht generell negativ auf das Wohlbefinden auswirken. Belasteter scheinen die Befragten zu sein, die nicht in hohem Maße sozial integriert sind. Gefühle wie Alleinsein und Ausgeschlossen-Sein könnten auftreten, womit die Grundlage der positiven emotionalen Beziehungen für das Wohlbefinden möglicherweise gefährdet wäre. Ausblick Die vorliegenden Ergebnisse liefern einen ersten Zugang zum Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen in einer stationären und teilstationären Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe. Dennoch ist die zugrunde liegende Fragestellung bei Weitem nicht umfassend beantwortet. Im Anschluss an die hier gewonnenen Ergebnisse ließen sich weitere Altersgruppen befragen. Ein Vergleich einzelner Altersgruppen ließe Einsichten über altersspezifische Fragestellungen, Bedürfnisse und Bedingungen im Zusammenhang des Erlebens von Wohlbefinden zu. Zudem ließe sich die Frage des Wohlbefindens auch aus einer Gender-Perspektive heraus angehen. In Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen findet sich oftmals ein deutlicher Überhang an Jungen. Dies hat Auswirkungen auf das Wohlbefinden beider Geschlechter. Zudem wäre es lohnenswert, sich den einzelnen Dimensionen von Wohlbefinden intensiver zu widmen, um über Teilaspekte genauere Aussagen zu erhalten und das Handlungsmandat der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen auf eine noch festere Basis stellen zu können. Aus den gewonnenen Ergebnissen wären hierfür allem voran die Bedeutsamkeit der BezugserzieherInnen, die Transparenz der Entwicklungsziele und die Möglichkeiten der Mitbestimmung seitens der Kinder und Jugendlichen von Interesse. Literatur Hascher, T., 2004: Wohlbefinden in der Schule. Münster u. a. Mayring, P., 10 2008: Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. Weinheim/ Basel Mitteilungen des Bayerischen Landkreistages 4/ 2008 München Wesemann, A., 2009: Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen in einer stationären Jugendhilfeeinrichtung. Regensburg (unveröff. Diplomarbeit) Die AutorInnen Dr. Irmgard Schroll-Decker Hochschule für Angewandte Wissenschaften - Fachhochschule Regensburg Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften Seybothstraße 2 93053 Regensburg Tel.: 0941/ 9431091 irmgard.schroll-decker@soz.fh-regensburg.de Dr. phil. Thomas Müller St. Vincent-Schule Regensburg Merkurstraße 31b 93051 Regensburg th.ml@gmx.de Anna Wesemann Engelburgergasse 17 93047 Regensburg wesemann.anna@regensburg.de