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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Ressourcen- und kompetenzorientierte Beratungsinstrumente für jugendliche MigrantInnen auf dem Weg in den Arbeitsmarkt
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Eva Fleischer
Silvia Exenberger
Die Join In a Job!-Methode unterstützt migrantische Jugendliche bei der Integration in den Arbeitsmarkt. In diesem Beitrag wird das mehrstufige Beratungsverfahren vorgestellt.
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uj 3 (2009) 109 Unsere Jugend, 61. Jg., S. 109 - 118 (2009) © Ernst Reinhardt Verlag München Basel integration Ressourcen- und kompetenzorientierte Beratungsinstrumente für jugendliche MigrantInnen auf dem Weg in den Arbeitsmarkt Eva Fleischer/ Silvia Exenberger Die Join In a Job! -Methode unterstützt migrantische Jugendliche bei der Integration in den Arbeitsmarkt. In diesem Beitrag wird das mehrstufige Beratungsverfahren vorgestellt. Ausgangslage Von den rund acht Millionen EinwohnerInnen Österreichs sind ca. 11 %, also fast 900.000 Personen, im Ausland geboren. Im Bundesland Tirol, in dem die Beratungsinstrumente entwickelt und angewandt wurden, beträgt der Ausländeranteil 10 % (Weiss 2006). Die MigrantInnen stammen hauptsächlich aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens und der Türkei und weisen einen relativ niedrigen Altersdurchschnitt auf (Biffl 2004). Die Altersstruktur der migrantischen Personen zeigt sich deutlich in der Schulstatistik: In Wien hat beispielsweise mehr als ein Drittel (35 %) aller SchülerInnen eine nicht-deutsche Muttersprache, wobei eine Segregation im Bildungsverhalten zu beobachten ist (Heckl 2007). Migrantische Jugendliche sind in den Pflichtschulen sowie in der Sonderschule und in den berufsbildenden mittleren Schulen überrepräsentiert. Das deutet darauf hin, dass migrantische Jugendliche ihre Schullaufbahn mit dem Pflichtschulabschluss beenden und im Anschluss daran häufiger als ÖsterreicherInnen sofort ins Erwerbsleben eintreten (Biffl 2004). Das heißt weiter, dass für den bereits erwähnten höheren Anteil von jugendlichen MigrantInnen im Vergleich zur sonstigen Bevölkerung die Situation am engen Lehrstellenmarkt sich besonders prekär gestaltet. Folglich haben jugendliche MigrantInnen mit ihren spezifischen Problemlagen eine wachsende Bedeutung als KundInnen des AMS (Arbeitsmarktservice - das führende Dienstleistungsunternehmen öffentlichen Rechts am Arbeitsmarkt in Dr. Eva Fleischer Jg. 1963; Diplom-Sozialarbeiterin, Studium der Pädagogik und Politikwissenschaft in Innsbruck, Dozentin am Management Center Innsbruck, Studiengang Soziale Arbeit Dr. Silvia Exenberger Jg. 1972; Studium der Psychologie in Innsbruck, Klinische und Gesundheitspsychologin, beschäftigt bei SOS- Kinderdorf International, Programme Development 110 uj 3 (2009) integration Österreich, vergleichbar den Arbeitsagenturen). Eine Studie der KMU Forschung Austria (ein Institut für sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Forschung mit Fokus auf kleinen und mittleren Unternehmen) zeigt, dass trotz relativ hoher Zufriedenheit der migrantischen Jugendlichen mit den AMS-Dienstleistungen folgende Optimierungsbereiche im Beratungsprozess definiert werden können (Heckl 2007): • mehr Zeit pro KundIn, • ausführlichere Erstgespräche, • kontinuierliche Betreuung durch eine Person, • Verbesserung der mangelnden Sprachkenntnisse der Jugendlichen, • Weiterbildung der AMS-MitarbeiterInnen zur Überwindung kultureller Unterschiede, • Unterstützung der Jugendlichen beim Berufsfindungsprozess. Die Join-In a Job! -Methode, die im Folgenden vorgestellt wird, entspricht diesen Forderungen zur Gänze und könnte zu einer zielgruppenorientierten Beratung von jugendlichen MigrantInnen entscheidend beitragen. Die Beratungsmethode entstand im Rahmen des von der EU-Gemeinschaftsinitiative Equal geförderten Projekts Join In (www.join-in.at), das im Sommer 2007 abgeschlossen wurde. Im Rahmen des Teilprojekts „Interkulturelle Clearing- und Beratungsinstrumente“ begleitete eine Entwicklungsgruppe mit ExpertInnen aus der Sozialen Arbeit die Erarbeitung und Erstevaluation dieser Instrumente, die als Buch mit CD-ROM publiziert wurden (Exenberger u. a. 2007). Der Fokus dieses Beitrags liegt auf der Darstellung der Leitorientierungen, des Innovationsgehalts der Methodenkombination sowie auf einer genaueren Beschreibung des Clearingverfahrens und der beruflichen Beratung im engeren Sinn. Für den dazugehörenden Case-Management- Ansatz wird auf die Publikation verwiesen. Join in a Job! - die Methode Leitorientierungen Ausgangspunkt war der Gedanke, dass die Kompetenzen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu wenig geschätzt werden - von möglichen ArbeitgeberInnen ebensowenig wie von ihnen selbst. Darüber hinaus werden die Jugendlichen vielfach stereotypisierend betrachtet, Defizite und Bedürfnisse werden pauschal zugeschrieben. Die Intention war deshalb, berufliche Beratung anzubieten, die auf den tatsächlichen Bedarf zugeschnitten ist. Generell wurden drei zentrale Voraussetzungen für gelingende Laufbahnberatung in der Sozialarbeit an die Zielgruppe angepasst: • „Die Entwicklung der Teilkarriere ,Arbeit‘ wird gefördert durch das Gelingen anderer Teilkarrieren“ (Alber 2005, 552). Diese anderen Teilkarrieren sind: „Ausbildung/ Beschäftigung, Finanzen, Soziales Netz, Gesundheit, Freizeitverhalten, Legalität, Zivilkompetenz, Wohnen“ (ebd.). Die Teilkarrieren beeinflussen sich gegenseitig und sind bei der Beratung zu berücksichtigen. Gerade bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund sind die legalen Voraussetzungen für Erwerbsarbeit zwingend mit zu bedenken (Arbeitsbewilligung, Staatsbürgerschaft …). Wenn die grundlegenden Bedürfnisse (Wohnen, gesicherter Aufenthaltsstatus …) nicht gesichert sind, kann keine zielführende berufliche Beratung stattfinden, hier muss sozialarbeiterische Betreuung/ Case Mangement vorangestellt werden. • „Übereinstimmung von Person und Tätigkeit fördert die berufliche Entwicklung“ (ebd.). Damit ist nicht eine bloße Übereinstimmung von gewünschten Tätigkeiten mit uj 3(2009) 111 integration den vorhandenen Kompetenzen gemeint, sondern auch das Ansprechen der „Motive, Bedürfnisse, Ziele und Werte“ der Person. Diese Grundorientierungen dienen als inneres Leitsystem in der beruflichen Entwicklung. In der Beratung sind immer wieder bewusst Stationen eingebaut, wo diese Themen angesprochen werden, damit Wertorientierungen artikuliert werden können. • „Freiräume fördern berufliche Entwicklung und Orientierung“ (ebd.). Beschäftigungsverhältnisse und Karriereverläufe sind zunehmend unsicher und immer weniger vorhersagbar. Umso wichtiger wird, dass sich Jugendliche aktiv und eigenverantwortlich mit veränderten Umweltbedingungen auseinandersetzen. Diese Haltung erfordert Lernschritte, die in einer förderlichen Lernsituation (fehlerfreundlich, sicher, angstfrei) stattfinden sollten. Deshalb sind Freiwilligkeit und Eigenverantwortung zentrale Prinzipien der Beratung. Innerhalb dieses groben Rahmens wurden weitere Leitlinien formuliert und umgesetzt: Die Orientierung an der Biografie ermöglicht das Verstehen der beruflichen Grundorientierung, der leitenden Werte und Motive. So erfolgt der Einstieg in den Beratungsprozess mit Methoden der Biografiearbeit, das Thema Werte wird beim Entscheidungsprozess für einen Beruf aufgegriffen. Die Lebenswelt wird ganzheitlich angesprochen, das heißt neben schulischen und beruflichen Leistungen und Erfahrungen sollen auch die in der Freizeit, im Beruf, in der Familie, im Ehrenamt und durch den Migrationshintergrund erworbenen Stärken erfasst werden. Der Migrationshintergrund wird bei allen Arbeitsschritten explizit thematisiert. Dieser wird bewusst als mögliche Quelle von Stärken gesehen. So werden Sprachkompetenzen differenziert erhoben, auch interkulturelle Kompetenzen sind ein eigenes Thema. Die Jugendlichen werden zu Selbstverantwortung und Selbstreflexion (Empowerment) durch Eigenarbeitsphasen und entsprechende Tools aktiviert. Jugendliche sind die ExpertInnen für sich selbst, sie sollen ihre Berufswegeplanung selbst in die Hand nehmen. Die Entwicklung eines individuellen Lebensentwurfs hat allerdings je nach Schicht und kulturellem Hintergrund unterschiedliche Priorität und wird manchmal als Zumutung begriffen. Das Schwergewicht liegt auf Selbstdeutungen und der Selbstrekonstruktion der eigenen (beruflichen) Biografie. Damit bleibt die Deutungsmacht bei den Jugendlichen. Elemente der Fremdwahrnehmung werden nicht als objektive Wahrheiten über die Jugendlichen präsentiert, sondern als Anlass zur Selbstreflexion genommen. Freiräume sind gesichert durch ein Setting, das Freiwilligkeit bei den Jugendlichen voraussetzt und vonseiten der BeraterInnen restriktionsfrei gestaltet werden soll. Da der Beratungsablauf von den Jugendlichen ein hohes Maß an Reflexion und Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben, den Wünschen und der eigenen Geschichte erfordert, sind Freiwilligkeit sowie die Zusicherung von Anonymität unverzichtbar für den Erfolg der Beratung. Durch die Einzelberatung soll ebenfalls eine angstfreie Atmosphäre gesichert werden. Allerdings kann die Konstellation JugendlicheR - BeraterIn an einzelnen Stellen im Prozess durch die Eltern oder andere wichtige Bezugspersonen erweitert werden. Ob dies sinnvoll und erwünscht ist, muss gemeinsam mit den Jugendlichen abgeklärt werden. Die Einbindung der Eltern kann die Voraussetzung sein, dass die Jugendlichen überhaupt an der Beratung teilnehmen dürfen (insbesondere Mädchen) bzw. dass die nächsten Schritte durch die Verankerung im familiären Netz leichter realisierbar sind. 112 uj 3 (2009) integration Die Instrumente der Join In a Job! -Methode sind großteils in deutscher Sprache verfasst. Ausschlaggebend dafür war, dass für die Integration in den österreichischen Arbeitsmarkt Deutschkenntnisse Grundvoraussetzung sind. Das heißt, Bewerbungsschreiben und Lebenslauf sollten auf Deutsch erstellt werden. Die Jugendlichen sollten ihre Anliegen und Kompetenzen auch in deutscher Sprache argumentieren können. Da die Beratungsthemen auch persönliche Themen berühren, kann eine Beratung in der Muttersprache wünschenswert sein - BeraterInnen mit Migrationshintergrund sind in dieser Hinsicht ideal. Dies kann besonders bei den Elterngesprächen wichtig sein, da die Sprachkenntnisse der Eltern, insbesondere der Mütter, oftmals von denen der Jugendlichen abweichen. Beratung in der Muttersprache kann hier vertrauensbildend wirken. Falls die Sprachkenntnisse nicht ausreichen und keine muttersprachlichen BeraterInnen verfügbar sind, sollten je nach Ressourcen der Beratungsstelle DolmetscherInnen hinzugezogen werden. Dabei sollte darauf geachtet werden, dass diese mehr als eine rein wörtliche Übersetzung leisten, denn es geht um die Vermittlung von komplexen Sinninhalten. „Ein Satz wie „Ich habe mir meinen Kopf erkältet“ ist für deutschsprachige BeraterInnen nicht zu verstehen, wenn sie nicht wissen, dass er die Bedeutung hat: ‚Ich bin verrückt geworden! ’“ (Schlippe/ El Hachimi/ Jürgens 2004, 80). Auch das Geschlecht sollte bei der Wahl der DolmetscherInnen berücksichtigt werden. Innovationsgehalt in der Methodenkombination Das Neue an der Methode liegt in dem mehrstufigen Verfahren, in dem nach einer Klärungsphase (Basisbzw. Intensiv-Clearing) für die jeweils unterschiedlichen Bedürfnislagen adäquate Angebote gemacht werden. Dabei wird zwischen drei Arten von Unterstützungsbedarf unterschieden, die jeweils unterschiedliche Unterstützungsleistungen erfordern: • Information: Geringer Unterstützungsbedarf liegt bei Jugendlichen vor, die ein stabiles soziales Umfeld haben und die sich bereits klare Gedanken zum gewünschten Arbeitsfeld gemacht haben. Ihr Hauptanliegen ist Information. • Beratung: Jugendliche mit einem mittleren Unterstützungsbedarf verfügen über eine stabile Lebenssituation. Sie haben jedoch keine ausreichende Klarheit über ihre Ressourcen und Kompetenzen, die beruflichen Ziele sind unklar. Für diese Jugendlichen wird ein längerer Beratungsprozess angeboten. • Betreuung: Bei einem hohen Unterstützungsbedarf weisen die Jugendlichen in einem oder mehreren Lebensbereichen außerhalb des Feldes Beruf/ Ausbildung aktuelle Problemlagen auf. Für diese Jugendlichen sind sozialarbeiterische Unterstützungsangebote zur sozialen Integration notwendig, bevor die Arbeitssuche thematisiert und durchgeführt werden kann. Den Ausgangspunkt des Beratungsprozesses bildet das einstündige Basis-Clearing. Das Basis-Clearing bildet die Entscheidungsgrundlage dafür, ob KlientInnen nur einen Informationsbedarf aufweisen oder ob in einzelnen Lebensbereichen Problemlagen vorliegen, die ausführlich in einem Intensiv-Clearing bearbeitet werden sollten. Beim Intensiv-Clearing wird bei jenen Themenfeldern, bei denen sich beim Basis- Clearing Probleme andeuteten, mit differenzierten Fragen und diagnostischen Methoden in die Tiefe gegangen. Im Anschluss daran wird gemeinsam ein Hilfeplan erstellt. Anhand des Intensiv-Clearings kann auch entschieden werden, ob der Unteruj 3(2009) 113 integration stützungsbedarf überwiegend im Bereich der beruflichen Beratung oder im Bereich der Betreuung/ des Case Managements liegt, und je nach Situation schließen dann weitere Schritte an. Das Clearingverfahren Das Basis-Clearing entspricht im Prozessablauf des Case Managements einem Screening und das Intensiv-Clearing einem Assessment. Die folgende Beschreibung soll diesen Unterschied und den Aufbau des gesamten Clearingverfahrens verdeutlichen. Basis-Clearing Das Basis-Clearing wird beim ersten Kontakt mit den Jugendlichen eingesetzt, um einen Überblick über die Situation zu gewinnen. Dabei wird der Migrationshintergrund mittels expliziter Fragen durchgängig angesprochen und somit dessen Bedeutung für den Arbeitsmarkt hervorgehoben. Das Basis-Clearing besteht aus vier Teilen: Stammdaten/ Auftragsklärung, Leitfragen, Handlungsbedarf, Aktionsplan. Im Sinne einer Auftragsklärung werden die Jugendlichen eingangs gefragt, mit welchem Anliegen sie in die Beratung kommen, zusätzlich werden die wichtigsten Stammdaten erhoben. Die Frage nach den Dokumenten ist dabei zentral für die weitere Vorgangsweise, denn sie gibt direkt Aufschluss über den arbeits- und aufenthaltsrechtlichen Status der Jugendlichen. Die Leitfragen stellen das „Herzstück“ des Basis-Clearings dar. Sie schließen direkt an die Auftragsklärung und Stammdatenerhebung an und bestehen aus den neun Themenfeldern Dokumente und rechtliche Aspekte, Wohnsituation, Ausbildung und Kompetenzen, Migration/ Leben in Österreich, Berufstätigkeit, finanzielle Situation, Gesundheit, soziale Beziehungen, Hilfesysteme und Institutionen. Insgesamt ist das Ergebnis des zweiten Teils des Basis-Clearings - der Leitfragen - eine Rekonstruktion der Biografie der Jugendlichen, die gemeinsam mit der/ dem BeraterIn erstellt wird. Dabei wird auf das „Hier und Jetzt“ und auf Vergangenes im Leben der Jugendlichen eingegangen, um ein ganzheitliches Bild der Lebenslage entstehen zu lassen und zu erkennen, inwieweit das Leben der Jugendlichen von ihrem Migrationshintergrund geprägt ist. Der dritte Teil „Handlungsbedarf“ wird parallel zu den Leitfragen erarbeitet. Während des Gesprächs halten die BeraterInnen ihre Eindrücke zu den einzelnen Themenfeldern fest: Wo sind Unklarheiten aufgetreten, wo liegen Ressourcen, wo gibt es Schwierigkeiten? Diese Informationen sind für den letzten Teil des Basis-Clearings - den Aktionsplan - relevant, der den Ausgangspunkt für weitere Schritte darstellt. Dort werden gemeinsam mit den Jugendlichen Interventionen und Ressourcen überlegt, um anschließend eine Prioritätenliste zu erstellen, in der die Schwierigkeiten/ Probleme der Jugendlichen hierarchisch festgehalten und gemeinsam Lösungsmöglichkeiten erarbeitet werden. Die Lösungsmöglichkeiten sollten so gewählt werden, dass die Jugendlichen selbst ein möglichst großes Ausmaß an Verantwortung dafür übernehmen können. Den Abschluss des Basis-Clearings bildet die Entscheidung über den Unterstützungsbedarf der Jugendlichen. Diese gemeinsame Entscheidung ist die Grundlage für die Beendigung einer Beratung oder für eine weitere Zusammenarbeit, bei der das Intensiv-Clearing zum Einsatz kommt. 114 uj 3 (2009) integration Intensiv-Clearing Das Ziel des Intensiv-Clearings ist festzustellen, ob mittlerer oder umfangreicher Unterstützungsbedarf vorliegt. Das heißt, es wird entschieden, ob Jugendliche zur Integration in den Arbeitsmarkt eine berufliche Beratung brauchen oder ob vorher dringende soziale Probleme gelöst werden sollten. Es werden jene Themenfelder bzw. Lebensbereiche aufgegriffen, die sich im Rahmen des Basis-Clearings als problematisch erwiesen haben. Das Grundgerüst des Intensiv-Clearings entspricht dem des Basis-Clearings. Zusätzliche Instrumente beim Intensiv- Clearing sind „Arbeitsblätter“ und „Vertiefende Instrumente“. In der Regel werden keine Stammdaten erhoben, denn die Institution bzw. Beratungsstelle, bei der das Intensiv-Clearing zur Anwendung kommt, hat auch das Basis-Clearing durchgeführt. Mithilfe der Leitfragen wird ein konkretes Bild über die Problemlage der Jugendlichen skizziert, sodass darauf aufbauend ein detaillierter Hilfeplan erstellt werden kann. Ergänzend dazu können Arbeitsblätter eingesetzt werden, die von den Jugendlichen in Form einer Hausaufgabe ausgefüllt werden. Sie geben einen chronologischen Überblick zu spezifischen Lebensbereichen (z. B. Ausbildung und Kompetenzen) und machen deutlich, wo eventuell vergessene Ressourcen liegen oder wo es Lücken (z. B. in der Ausbildung) gibt. Eine weitere Ergänzung zu den Leitfragen stellen die vertiefenden Instrumente dar. Sie helfen, mehr über die Einbindung der Jugendlichen in ein soziales Netz und das soziale Umfeld, ihre Biografie und die Stellung der Jugendlichen in der Familie zu erfahren. Die im Intensiv-Clearing angewandten Verfahren wurden von Pantucek (2005) übernommen, das heißt, sie wurden durch migrationsspezifische Aspekte angereichert. Wie bei dem Basis-Clearing werden auch beim Intensiv-Clearing Leitfragen und Handlungsbedarf parallel verwendet. Es wird jedoch nicht nur die „Sicht der BeraterIn“ festgehalten, sondern zusätzlich auch die „Sicht der/ des Jugendlichen“, und nach Möglichkeit wird eine „Außensicht“ (z. B. psychologisches Gutachten) eingeholt. Im besten Fall gibt es insgesamt drei Perspektiven zu einem Lebensbereich. Vor allem das Festhalten der Problemsicht der Betroffenen und der Fachkräfte ist als Chance zu sehen, Handlungsalternativen multiperspektivisch zu erschließen (Wolff 2002). Das Machtgefälle zwischen Jugendlichen und BeraterInnen wird relativiert, da bei unterschiedlichen Auffassungen zu einem Problem auch die BeraterInnen ihre Standpunkte gegenüber den Jugendlichen vertreten müssen und ihre Sichtweisen somit nicht als „alleingültig“ verstanden werden. Das gegenseitige „Richtigstellen“ von Auffassungen und Aussagen hilft vor allem, auch kulturspezifische Missverständnisse herauszuarbeiten. Die Erarbeitung eines gemeinsamen Verständnisses bezüglich einer Sachlage ist von größter Wichtigkeit für die Erstellung eines Hilfeplans. Diese Verständigung über Unterschiede in Problemsichten, die möglicherweise aus kulturellen Unterschieden resultieren, erfordert eine hohe Reflexionskompetenz bei den BeraterInnen (Schlippe/ El Hachimi/ Jürgens 2004). Das Hinzuziehen von Dokumenten kann unter Umständen Verständigungsschwierigkeiten objektivieren bzw. unterschiedliche Ansichten in ein anderes Licht rücken. Werden am Ende des Basis-Clearings gemeinsam mit den Jugendlichen grobe Handlungsschritte in Form eines Aktionsplans festgehalten, so wird beim Intensiv- Clearing ein detaillierter Hilfeplan entwickelt, bei dem Aufgaben bzw. Meilensteine uj 3(2009) 115 integration gesetzt werden, um vorher definierte Teilziele zu erreichen. Diese relativ einfach zu erreichenden Meilensteine sind von besonderer Wichtigkeit für Jugendliche, da sie auch Erfolgserlebnisse sind und dadurch motivierend wirken. Nach Abschluss des Intensiv-Clearings steht fest, wie mit den Jugendlichen weiter gearbeitet wird. Abhängig davon, ob die Jugendlichen eine intensive Beratung für eine Arbeitsmarktintegration brauchen oder längerfristig betreut werden sollen, folgen die Angebote der Berufsbox oder des Case-Management-Ansatzes, auf den hier nicht näher eingegangen wird. Die Berufsbox Die Berufsbox ist eine gesprächsorientierte Methode zur Identifizierung, Wertschätzung, Beschreibung und Dokumentation von Kompetenzen. Der Fokus liegt auf der Kompetenzbeschreibung im Dialog, nicht in der Kompetenzfeststellung. Übliche Berufsorientierungstests sowie das Einholen von Fremdwahrnehmungen durch vertraute Personen ergänzen das Verfahren. Das Ziel der Berufsbox ist die bewusste Berufswahl und die optimale Vorbereitung der Jugendlichen auf die Bewerbungssituation. Die erarbeiteten Ergebnisse sind im Bewerbungsprozess direkt einsetzbar, z. B. bei der Erstellung von Bewerbungsunterlagen oder als Argumentationstraining für Vorstellungsgespräche. In die Konzeption der Berufsbox sind Erfahrungen aus ähnlichen Verfahren eingeflossen wie • der Kompetenzwerkstatt (Lang-von Wins/ Triebel 2006, 164), • der Kompetenzenbilanz (ebd., 62 - 132), • dem Sprachen- & Qualifikationsportfolio für MigrantInnen und Flüchtlinge (Plutzar/ Haslinger 2005), • dem Beratungsmethodenset JobTools (Pascher u. a. 2005), • dem Berufswahlpass (www.berufswahlpass.de/ ), • der Kompetenzbilanz für MigrantInnen (Jaeckel/ Erler 2003) sowie dem • KOM(petenzen)PASS (Brunnbauer 2004). Die Berufsbox gibt es als Jugendlichen- und als Beraterversion in Form von Ordnern. Die Jugendlichenversion soll als persönliche Arbeitsmappe den Jugendlichen zur Verfügung gestellt werden. Darin befinden sich die Standardarbeitsblätter und Arbeitsanleitungen, die sich persönlich an die Jugendlichen wenden. Die Arbeitsblätter sollen dann in der Mappe der Jugendlichen verbleiben. Diese Arbeitsmappe soll über den konkreten Beratungsprozess hinaus den Jugendlichen als Mappe für Bewerbungen und Dokumente dienen, da die Erfahrung gezeigt hat, dass viele Jugendliche keine systematische Sammlung ihrer Unterlagen haben. In der Beraterversion sind die einzelnen Themenbereiche und Arbeitsaufgaben genau erläutert. Durch Methodenvielfalt, die Variationen oder Vertiefungen ermöglicht, kann auf kulturelle und/ oder geschlechtsspezifische Zugänge zu Themen angemessen reagiert werden. Zusätzlich gibt es Elternbriefe auf Deutsch, Englisch, Türkisch, Bosnisch/ Kroatisch/ Serbisch, die die Eltern über den Inhalt und das Ziel der Beratung informieren sollen. Diese können an die jeweilige Institution angepasst werden. Der Aufbau der Berufsbox entspricht den Abläufen der Berufsorientierung: • Erarbeiten der Stärken und Interessen der Jugendlichen und Belegen der Stärken: Mithilfe einer Reihe von Arbeitsblättern werden die bisherigen Lernerfahrungen und die sich daraus ergebenden Stärken systematisch beleuchtet. 116 uj 3 (2009) integration Dabei wird besonders auf informelle Lernerfahrungen sowie auf den Migrationshintergrund als Quelle von Kompetenzen eingegangen. Zusätzlich werden durch Fragebögen Fremdwahrnehmungen eingeholt und reflektiert. • Entwicklung von Berufswünschen und Wünschen zu Arbeitsbedingungen, Abgleich von Stärken und beruflichen Anforderungen: In diesem Themenbereich geht es um die Berufsorientierung im engeren Sinn. Die Jugendlichen setzen sich mit ihren Berufswünschen auseinander, recherchieren zu den Wunschberufen und entwickeln daraus konkrete, realistische Schritte in Richtung Beruf. Bei manchen mündet der Umsetzungsplan in einen Ausbildungsschritt, und die Beratung wird abgeschlossen. Bei den anderen folgt die Beratung zum Bewerbungsprozess. • Bewerbungsprozess: Die Jugendlichen finden in diesem Abschnitt Tipps für die Bewerbung, Beispiele und Anleitungen für Bewerbungsschreiben und Lebenslauf, Arbeitsblätter zur Vorbereitung für ein Bewerbungsgespräch und zur Verwaltung von Bewerbungen. Die Berufsbox wird durch eine Dokumentensammlung ergänzt. Hier finden Schul- und Dienstzeugnisse und amtliche Dokumente (Meldezettel usw.), die für Bewerbungen wichtig sind, ihren Platz. Es sollen aber auch Leistungsnachweise von Arbeiten in der Schule oder im Freizeitbzw. ehrenamtlichen Bereich abgelegt werden. Damit werden Stärken dokumentiert, die in Zeugnissen nicht aufscheinen. Ein Anhang mit nützlichen Adressen und Links komplettiert die Mappe. Die Berufsbox ist in der Vollform eine Kurzberatung mit mehreren Beratungsterminen, der Zeitbedarf beträgt ca. sechs bis zehn Stunden, zusätzlich muss noch Zeit für Eigenarbeit aufgewendet werden. Weiters können noch ein bis zwei Kurztermine mit Eltern oder anderen Bezugspersonen in der Anfangs- und Endphase zur Verankerung der Ergebnisse im familiären Netzwerk dazukommen. Es ist aber auch möglich, nur einzelne Bausteine aus der Berufsbox zu bearbeiten. Der Zeitaufwand ist dann entsprechend geringer. Die Dauer wird auch beeinflusst von • den Sprachkenntnissen der Jugendlichen (je nachdem ist mehr oder weniger Übersetzungs- und Erklärungsbedarf nötig), • der Lebenserfahrung (je weniger Erfahrungen vorliegen, desto schwieriger ist es, Kompetenzen zu erarbeiten) und • der Fähigkeit, selbstständig zu arbeiten (je nachdem können mehr oder weniger Arbeitsaufgaben in Eigenarbeit erledigt werden). Erste Erfahrungen mit der Berufsbox zeigen positive Effekte. Durch den biografischen Ansatz, insbesondere die Rekonstruktion des eigenen Lebensweges, werden Erinnerungen wach, neue Zusammenhänge sichtbar. Ein stärkenorientierter Blick auf sich selbst ist eine neue Erfahrung, die sich positiv auf den Selbstwert auswirkt. Durch die Fragen wird ein Prozess der Selbstreflexion angestoßen, dies betrifft insbesondere Fragen nach den Kompetenzen, die durch den Migrationshintergrund erworben werden können, oder auch differenzierte Fragen nach Sprachkompetenzen. Ein Problemfeld liegt allerdings in der Sprache. Dies betrifft nicht nur einzelne missverständliche Begrifflichkeiten, sondern überhaupt die Fähigkeit, die eigenen Gedanken auf Deutsch auszudrücken. Dies erfordert eine hohe Kompetenz bei den BeraterInnen, durch Vorschläge und Beispiele das Finden passender Wörter zu erleichtern. Das Ringen um die Begriffe ist harte Arbeit, die aber letztlich positiv wirkt. uj 3(2009) 117 integration „Das war schon gut - seit wann bin ich hier, bis wann war ich hier in der Türkei. Der Rückblick und die Formulierung für mich war ganz schwierig, aber wenn ich schreibe, dann weiß ich. Ich hab nicht so oft und tief gedacht, was ist wichtig für mich in türkischer Kultur und was ist jetzt in österreichischer Kultur. Und wo bin ich? Wo gehöre ich hin? Wenn man tief denkt, dann merkt man viele Kleinigkeiten, so ist es … Noch nicht so gut in der Formulierung, aber im Kopf ist es ganz klar geworden, ich fühle mich ganz stark.“ (Ayse) Ausblick Die Join In a Job! -Methode ist ein Verfahren, das am tatsächlichen Bedarf der Jugendlichen mit Migrationshintergrund ansetzt. Die Kombination von Clearing und intensiver beruflicher Beratung kommt den Wünschen der Jugendlichen entgegen, wie sie in der zu Beginn zitierten Studie artikuliert werden. In Österreich gibt es nur wenig Angebote, die diesen Kriterien entsprechen. Der Arbeitsmarktservice hat den Schwerpunkt in einer Vermittlungsberatung, tiefgehende Beratung wird z. T. von spezialisierten Beratungsstellen für MigrantInnen geleistet. Diese Angebote sind jedoch keineswegs flächendeckend und erreichen oftmals die Zielgruppe der Jugendlichen nicht in dem gewünschten Maß. Dies liegt zum einen daran, dass die bestehenden Beratungsstellen oft - auch aufgrund von beschränkten Ressourcen - auf Beratung zu rechtlichen Fragen spezialisiert sind, zum anderen werden diese Beratungsstellen als Orte für die Eltern, nicht jedoch für die Jugendlichen wahrgenommen. Zielgruppenspezifische Öffentlichkeitsarbeit findet kaum statt. Wünschenswert wäre die Integration solcher Beratungsansätze in die alltägliche Praxis des AMS oder eine Institutionalisierung der Überweisung an einschlägige Beratungsstellen. Für beide Optionen ist gleichermaßen wichtig, dass ausreichende Mittel vorhanden sind, damit kompetenzorientierte berufliche Beratung nicht den Rahmen der vorgesehenen Beratungszeit sprengt. Der ressourcen- und kompetenzorientierte Ansatz der Join In a Job! -Methode stärkt in mehrfachem Sinn. Die Jugendlichen werden sich ihrer Stärken bewusst, sie begreifen ihren Migrationshintergrund als mögliche Quelle von Kompetenzen und treffen damit reflektierter Berufsentscheidungen. Damit kann Beratung ein wichtiger Faktor für eine gelingende Integration in den Arbeitsmarkt werden. Literatur Alber, M., 2005.: Eignungsfeststellung oder Kompetenzdialog? Anmerkungen zu Ansätzen der Kompetenzeinschätzung bei arbeitssuchenden Jugendlichen und Erwachsenen. In: neue praxis, 35. Jg., H. 5, S. 550 - 554 Biffl, G., 2004: Chancen von jugendlichen Gastarbeiterkindern in Österreich. In: WISO, 27. Jg., H. 2, S. 37 - 56 Brunnbauer, E., 2004: KOM(petenzen)PASS. Bozen. www.provinz.bz.it/ berufsbildung/ weiterbildung-meisterausbildung/ kompetenzenpass. asp, 13. 6. 2008, 137 Seiten Exenberger, S./ Fleischer, E./ Maier, M./ Schober, P. (Hrsg.), 2007: Join In a Job! Instrumente zur beruflichen Beratung jugendlicher MigrantInnen. Innsbruck/ Wien/ Bozen Heckl, E./ Dörflinger, C./ Dorr, A., 2007: Analyse der KundInnengruppe Jugendliche mit Migrationshintergrund am Wiener AMS Jugendliche. KMU Forschung Austria, Austrian Institute for SME Research. www.kmuforschung.ac.at/ de/ Projekte/ AMS%20Jugendliche/ Endbe richt_AMSBeratung.pdf, 15. 6. 2008, 64 Seiten Jaeckel, M./ Erler, W., 2003: Handreichung zur Kompetenzbilanz. Leitfaden für Multiplikator/ innen. München Lang-von Wins, T./ Triebel, C., 2006: Kompetenzorientierte Laufbahnberatung. Berlin 118 uj 3 (2009) integration Pantucek, P., 2005: Soziale Diagnostik. Verfahren für die Praxis Sozialer Arbeit. Wien/ Köln/ Weimar Pascher, U./ Rass-Turgut, S./ Uske, H., 2005: . Bausteine eines Informations- und Beratungskonzepts für die berufliche Integration von Migrantinnen und Migranten. Düsseldorf. www. teil4.de/ intqua/ pdf/ bibbi.pdf, 13. 3. 2008, 115 Seiten Plutzar, V./ Haslinger, I., 2005: . Sprachen & Qualifikationsportfolio für MigrantInnen und Flüchtlinge. Wien Schlippe, A. v./ El Hachimi, M./ Jürgens, G., 2004: Multikulturelle systemische Praxis. Heidelberg Weiss, A., 2006: Bildungschancen von jugendlichen MigrantInnen in Tirol. Equal-Projekt Join In. Zwischenbericht im Rahmen des Moduls 4. Institut für Soziologie, Universität Innsbruck Wolff, R., 2002: Beratung im Kontext der Jugendwohlfahrt - Qualitätsentwicklung und Qualitätsstandards. Vortrag auf der Fachtagung „kinder.achten.beachten.begutachten“, Linz, 27. - 28. 2. 2002. www.stangl-taller.at/ 50JAHRE/ REFERENTEN/ Wolff.pdf, 16. 6. 2008, 15 Seiten Die Autorinnen Mag. Dr. Eva Fleischer Dr.-Stumpf-Straße 112/ 20 A-6020 Innsbruck E-Mail: eva.fleischer@gmx.net Dr. Silvia Exenberger Hugo-Wolf-Straße 1 A-6020 Innsbruck E-Mail: silviaexenberger@yahoo.de
