eJournals unsere jugend61/3

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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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2009
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Das freie Kinderspiel im Freien. Nostalgie oder Notwendigkeit?

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2009
Christiane Richard-Elsner
Das, was vor Jahrzehnten noch der Inbegriff von Kindheit war, das freie Kinderspiel im Freien mit Naturmaterialien, dem Fußball oder dem Puppenwagen, Streit und Versöhnung, Banden und Buden, auf der Straße, im Hinterhof, in der Natur, ist aus dem Alltag fast ganz verschwunden. Zu Unrecht, denn es stärkt wesentliche Kompetenzen der Kinder.
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uj 3 (2009) 123 Unsere Jugend, 61. Jg., S. 123 - 131 (2009) © Ernst Reinhardt Verlag München Basel freies kinderspiel Das freie Kinderspiel im Freien - Nostalgie oder Notwendigkeit? Christiane Richard-Elsner Das, was vor Jahrzehnten noch der Inbegriff von Kindheit war, das freie Kinderspiel im Freien mit Naturmaterialien, dem Fußball oder dem Puppenwagen, Streit und Versöhnung, Banden und Buden, auf der Straße, im Hinterhof, in der Natur, ist aus dem Alltag fast ganz verschwunden. Zu Unrecht, denn es stärkt wesentliche Kompetenzen der Kinder. Das freie Kinderspiel im Freien war bis in die siebziger Jahre hinein für die meisten Kinder und Eltern selbstverständlicher Teil der Kindheit, und das mindestens seit dem Ersten Weltkrieg (Behnken 2006; Muchow 1998). Aber auch vorher gehörte es zur Kindheit selbst in Schichten, in denen Kinderarbeit selbstverständlich war, z. B. im ländlichen Raum (Mutschler 1985). Freies Kinderspiel im Freien war ein charakteristisches Merkmal für Kindheit, ebenso wie Fürsorge durch die Eltern, Erziehung durch Eltern, Schule und andere Autoritätspersonen oder Mitarbeit im Alltag. Kinder spielten nachmittags und in den Ferien mit den Materialien, die sie in ihrer Umgebung vorfanden. Kennzeichen des freien Kinderspiels im Freien Spiel wird hier als kreative Selbstorganisation menschlicher Wesenskräfte gesehen (Miller-Kipp 2005). Das untersuchte Kinderspiel wird in diesem Beitrag als freies Spiel im Freien, als freies Kinderspiel und, um einen handlicheren Begriff zu benutzen, als Draußenspiel bezeichnet und wird in diesem Beitrag als mit folgenden Merkmalen ausgestattet verstanden: 1) Von Eltern und anderen Betreuungspersonen weitgehend unbeobachtetes und unbeeinflusstes Spiel Beim freien Spiel im Freien gibt es keine erwachsene Betreuungsperson, die bewusst das Spiel der Kinder beaufsichtigt und steuernd oder schlichtend eingreift. Das freie Spiel im Kindergarten oder viele Spielsituationen auf dem Spielplatz, bei denen Erwachsene die Kinder beaufsichtigen und begleiten, fallen deshalb nur bedingt unter die hier aufgestellte Definition. Der selbstständig zurückgelegte Schulweg mit der Möglichkeit, selbstständig die Kontakte zu MitschülerInnen oder anderen Personen auszubauen, die Umgebung zu beobachten und zu untersuchen, weist dagegen sehr viel mehr Merkmale des freien Kinderspiels im Freien auf. Dr. Christiane Richard- Elsner Jg. 1962; Dr.-Ing., freie Mitarbeit für den Deutschen Kinderschutzbund (Bundesverband und Landesverband NRW), Schwerpunkte: Freies Kinderspiel im Freien, Bewegungsmangel, Gesundheit 124 uj 3 (2009) freies kinderspiel 2) Selbstbestimmtes Spiel in Bezug auf Ziel, Zeit, Ort, Materialien und SpielpartnerInnen im Rahmen der vorgefundenen Randbedingungen Das Draußenspiel folgt den kurzfristigen Zielen des Kindes oder der Dynamik einer Kindergruppe, Spiele werden begonnen und beendet ohne von außen vorgegebene Zielstellungen. 3) Kreative Nutzung von natürlichem und anthropogenem Material und des eigenen Körpers Die Materialien werden der natürlichen und sozialen Umgebung (von Ästen, Sand, Wasser bis hin zu Müll, Geräten der Erwachsenenwelt und Spielzeug) entnommen, die ein Kind vorfindet. Die Materialien werden teilweise so verwendet, wie sie für den Erwachsenengebrauch vorgesehen sind (z. B. ein Hammer, um ein Baumhaus zu bauen). Meist werden die Materialien aber kreativ in völlig neuen Kontexten eingesetzt (z. B. ein Sieb als Kopfbedeckung). 4) Spiel unter Einsatz des ganzen Körpers, einschließlich aller Sinne Beim freien Kinderspiel im Freien werden alle Sinne eingesetzt. Phasen ausgiebiger Bewegung und Toben gehören dazu; sie wechseln sich ab mit Phasen ruhigen Spiels in den unterschiedlichsten Körperhaltungen. 5) Spiel vorwiegend im Freien, häufig in der Wohnumgebung Nur im Freien finden Kinder die Möglichkeit vor, die Schauplätze im Verlauf des Spiels schnell zu wechseln, kreativ zu nutzen und ihren Bewegungsdrang auszuleben. Die Möglichkeit, im Freien zu spielen, ist heute nur noch sehr eingeschränkt gegeben. Auch die Wohnung oder das Kinderzimmer bieten Möglichkeiten zum freien Kinderspiel, aber nicht auf Dauer, denn freies Kinderspiel lebt von der Wahlfreiheit der Spielorte und Spielmaterialien. 6) Beobachtung und Beeinflussung der natürlichen und sozialen Umgebung Beim freien Kinderspiel im Freien können Kinder ihre natürliche und soziale Umgebung beobachten. Außerdem beeinflussen sie sie, indem sie Materialien entnehmen und kreativ nutzen, aber auch, um selbstständig Kontakte zu anderen Kindern und zu Erwachsenen, z. B. zu NachbarInnen, aufzubauen. Die Veränderung der Umgebung durch Kinder wird heute oft nicht mehr als normal hingenommen, sondern durch Verbote oder Gefährdung der Kinder unterbunden. Die Kontaktaufnahme zu Erwachsenen wird von den meisten Eltern nicht gern gesehen, da diese durch die heutige Anonymität der Wohnumgebung Reaktionen anderer Erwachsener nicht einschätzen können. 7) Spiel von Kindern zwischen etwa vier und vierzehn Jahren Spiel wird im pädagogischen Sinn heute meist mit dem Kleinkind- und Vorschulalter verbunden. So bieten Waldkindergärten die Möglichkeit für Kinder im Vorschulalter, Natur relativ frei zu erleben. Aber auch ältere Kinder haben ein intensives Spielbedürfnis. 8) Erweiterung des Aktionsradius mit zunehmendem Alter durch eigene Kraft und Interessen Vierjährige spielen anders und in einem räumlich engeren Rahmen als Vierzehnjährige. Da jedes Kind andere genetische und soziale Prägungen hat, gleichen sich zwar viele Spiele in einer bestimmten Altersstufe, aber jedes Kind folgt im freien Kinderspiel im Freien seinen eigenen Interessen. Manche Kinder spielen überwiegend wettkampf- und bewegungsorientierte Spiele. Andere verwirklichen häufig handwerklich aufwendige Projekte, und wieder andere spielen viele Rollenspiele. Einige wichtige Gründe für den Rückgang der Spielaktivität im Freien Die Kindheit in Gesellschaften, die durch den westlichen Lebensstil geprägt sind - das sind neben den Industriestaaten auch zunehmend wohlhabende Schichten in Entwicklungs- und Schwellenländern -, ist gekennzeichnet durch Verinselung, Verhäuslichung und Pädagogisierung (Beck-Gernsheim 1997, 97ff). Kinder halten sich meist an Orten auf, die für Kinder geplant sind, uj 3(2009) 125 freies kinderspiel wie Bildungseinrichtungen, oder auch an Stätten des Konsums wie Kaufhaus, Kino oder Freizeitpark. Diese Inseln können sie häufig nicht aus eigener Kraft erreichen. Sie verbringen viel Zeit in den geschlossenen Räumen von Bildungseinrichtungen, aber vor allem in der elterlichen Wohnung, und dort meist im Kinderzimmer. Medienkonsum spielt eine große Rolle. Kinder gehen fast nur mit von Erwachsenen für Kinder konzipierten Materialien um oder gehen Aktivitäten nach, die von Erwachsenen geleitet werden und in denen oft Ziele durch Erwachsene vorgegeben sind. Mittel- und Oberschichtskinder erfahren eher pädagogisch gelenkte Förderung (Henry-Huthmacher 2008). Kinder der unteren sozialen Schichten verbringen ihre Freizeit vorwiegend mit Unterhaltungselektronik. Kinder spielen deutlich weniger im Freien als noch vor Jahrzehnten. Dies ist bedingt durch Prozesse, die durch die Industrialisierung ausgelöst wurden, aber auch durch die Rezeption der Ideen der Aufklärung. Vordergründig liegt die Ursache für den Rückgang der selbstbestimmten Aktivitäten von Kindern im Freien vor allem in der Verringerung anregungsreicher und gefahrarm bespielbarer Umgebungen und Aktionsräume (Blinkert 1993) sowie in der Konkurrenz durch den Medienkonsum. Fehlende Spielräume Aktionsräume stehen nur noch in geringem Maß zur Verfügung. Das Haupthindernis für Kinderspiel im Freien ist der Straßenverkehr. Kamen 1950 in der alten Bundesrepublik zahlenmäßig drei Kinder auf ein Auto, so lag 2000 das Verhältnis in Deutschland bei vier Autos pro Kind. Sowohl fahrende als auch parkende Autos hindern am Spiel. Ein noch größeres Bewegungshindernis ist die Straße als Grenze. Verkehrswege zerstückeln den Lebensraum von Kindern oft so weitgehend, dass ein Spiel auf Freiflächen außerhalb der Wohnung unmöglich wird. Auch ohne den zunehmenden Raumbedarf von Fahrzeugen sind die für Kinder zugänglichen Freiflächen seit der Industrialisierung und vor allem seit dem Zweiten Weltkrieg kleiner und anregungsärmer geworden. Durch die zunehmende Arbeitsteiligkeit und Rationalisierung der Gesellschaft sind kaum „wilde Ecken“ vorhanden. Restgrünflächen werden von Hunden besetzt. Auf den offiziellen Spielplätzen ist es nicht möglich, die Kreativität mit Wasser, Feuer, Baumhütten und Fußballspielen auszuleben und auszutoben. Dies gilt auch für viele Gärten und Freiflächen von Mehrfamilienwohnanlagen. Medienkonsum Der Konsum von Unterhaltungselektronik durch Kinder steigt immer weiter an. Im Durchschnitt verbringen Jungen im Alter von über elf Jahren fast vier Stunden und Mädchen fast drei Stunden mit elektronischen Medien (Opper u. a. 2007). Bereits viele Kinder besitzen eigene Fernseher oder Computer, über die sie frei verfügen können. Die vor den elektronischen Medien verbrachte Zeit fehlt für körperliche Bewegung, die Übung von Sprachfertigkeit und Kreativität und für das Training von Sozialverhalten. Viele Studien zeigen, dass es hier einen Zusammenhang gibt. Körperlich inaktive Kinder (Kurth u. a. 2007) oder Kinder, die über wenig Freiräume verfügen (Blinkert 2004), nutzen verstärkt die elektronischen Medien. Lerninhalte aus der Schule, die zunächst im Arbeitsspeicher des Gehirns abgelegt werden, gelangen weniger in das Langzeitgedächtnis, da sie durch die stärkeren Reize der elektronischen Medien verdrängt werden. 126 uj 3 (2009) freies kinderspiel Geringe Wertschätzung des freien Spiels Negative Prozesse und Lebensbedingungen, bedingt durch die Industrialisierung, können bewusst verändert werden, und sie werden es auch. So hat z. B. der enorme finanzielle Aufwand, mit dem Kläranlagen und Abwasserleitungen gebaut wurden, bewirkt, dass die Wasserqualität in unseren Flüssen besser ist als in den letzten hundert Jahren. Denkmalschutzsatzungen bewirken, dass Gebäude, die vordergründig unpraktisch oder nutzlos sind, erhalten bleiben. Die Tatsache, dass Kinder wenig draußen spielen können, wird jedoch in Kauf genommen. Es ist also die geringe Wertschätzung, die das freie Kinderspiel im Freien erfährt, die dazu führt, dass es eine niedrige Priorität bei der Gestaltung unserer Gesellschaft hat. Pädagogisierung Ist das Spiel draußen also nicht mehr so wichtig? Das Draußenspiel war in den letzten Jahrhunderten Bestandteil der Sozialisation vor allem der unteren gesellschaftlichen Schichten. Die Förderung der Kinder durch Erwachsene auch außerhalb der Schule hingegen war seit der Aufklärung ein Privileg des gehobenen und des Bildungsbürgertums. Diese gesellschaftliche Gruppe stellte bis vor dem Ersten Weltkrieg nur eine schmale Schicht von weniger als 10% der Bevölkerung dar (Budde 2006). Kontakte der eigenen Kinder zu denen der unteren Schichten wurden begrenzt. Jene waren die „Straßenkinder“, schmutzig, ungebildet und grob. Mit dem zunehmenden Wohlstand und der Verbürgerlichung der Industriegesellschaft gelangten diese Vorstellungen in immer breitere Bevölkerungsschichten. Viele Menschen gehen also davon aus, dass das optimale Fördern durch Erwachsene ausreicht, um aus Kindern konstruktive Erwachsene zu machen. Zudem ist es mit einem höheren Status versehen als das freie Spiel im Freien. Mit dieser Argumentation nun wird es leichter, ohne schlechtes Gewissen die Außenwelt für die Zwecke der arbeitsteiligen, mobilen Erwachsenen der Industriegesellschaft umzugestalten, also wenig spielgerecht zu gestalten. Positive Aspekte des freien Kinderspiels: wissenschaftliche Erkenntnisse Qualität und Intensität des Erlebens Nach einer Befragung von Reidl u. a. befürworten über 90 % der Eltern freies Kinderspiel im Freien (Reidl u. a. 2005). Die meisten Erwachsenen, die als Kind draußen gespielt haben, verbinden damit intensive positive Erinnerungen an konkrete Sinneserfahrungen und die damit verbundenen Gefühle und Erlebnisse. Dies entspricht einem eigentlich gar nicht intendierten Ergebnis der Befragungen von Kindern, die Reidl u. a. durchführten. Der Sinn der Interviews war schlicht und einfach, Strichlisten über die Tätigkeiten der Kinder am Nachmittag zu führen. Eine Gruppe Kinder befand sich in einer Wohngegend mit Spielplätzen. Die andere Gruppe fand in einer vergleichbaren Wohnlage geeignete Aktionsräume zum Draußenspiel vor. Die Kinder der letztgenannten Gruppe berichteten ausführlich von ihren Erlebnissen, Beobachtungen, ihren Spielideen und kleinen Vorkommnissen, während die andere Gruppe lediglich ihre Tätigkeiten wie Schaukeln oder Klettern aufzählte (Reidl u. a. 2005). uj 3(2009) 127 freies kinderspiel Ethnologische Erkenntnisse EthnologInnen stellen fest, dass sich Kinder in nomadisierenden Jäger- und Sammlergesellschaften in der Welt der Erwachsenen und der anderen Kinder nach Belieben bewegen (Kamei 2005). Mitarbeit zum Lebensunterhalt wird in diesen Gesellschaften im Gegensatz zu bäuerlichen Gesellschaften von Kindern kaum verlangt. Sie sind häufig in Kindergruppen zusammen und imitieren die Tätigkeiten der Erwachsenen, ohne von ihnen dazu angeleitet zu werden. In vielen Gesellschaften beschaffen sie somit im Spiel einen mal mehr, mal weniger großen Teil ihrer Nahrung, ohne dazu verpflichtet worden zu sein. Erwachsene investieren so gut wie keine Arbeit in die formale Erziehung der Kinder, eine für uns zunächst befremdlich erscheinende Tatsache. Menschen lebten bis zur Entwicklung des Homo sapiens sapiens und auch noch bis vor 10.000 Jahren ausschließlich in Jäger- und Sammlergesellschaften. Dies ist die Umgebung unserer biologischen Entwicklung (environment of evolutionary adaptedness). Unter diesen Bedingungen entwickelte sich also der Mensch einschließlich seiner Gehirnstrukturen. Selbst wenn wir dies aufgrund der Tatsache relativieren, dass heutige Jäger- und Sammlergesellschaften oder die, die EthnologInnen in den letzten Jahrzehnten beobachteten, auch eine ebenso lange Entwicklungsgeschichte durchgemacht haben wie wir, sollte es uns zumindest vorsichtig machen, wenn wir Kindern heute so gut wie keinen unbeobachteten Freiraum mehr zugestehen. Erkenntnisse aus der Gehirnforschung Damit korrespondiert, dass die Gehirnforschung in den letzten Jahren die Bedeutung der Entwicklung des Stirnlappens oder präfrontalen Cortex für uns Menschen herausgestellt hat. Das neuronale Netzwerk, das unser Gehirn bildet, wächst durch Erfahrung. Reize durch Sinneseindrücke und motorische Erfahrung führen zu einer immer größeren Komplexität an neuronalen Verschaltungen. Besonders häufig benutzte Pfade werden myelinisiert und damit schneller und leistungsfähiger (Spitzer 2002). Im erwähnten Stirnlappen werden Eigenschaften wie Selbstwirksamkeit, Empathiefähigkeit und das Sozialverhalten, also die Sicht von sich selbst und der eigenen Stellung in der Welt, gespeichert. Durch eigene positive vielfältige Erfahrungen, etwas geschafft zu haben - und zwar mit Freude -, wird diese Region entwickelt. Es kommt also auf die eigenen Erfahrungen an (Hüther 2003). Freies Spiel im Freien - notwendig für die Entwicklung von Kindern Im freien Kinderspiel im Freien können Kinder viele Erfahrungen machen, um sich selbst zu spüren und die eigenen Grenzen spielerisch immer weiter auszudehnen. In diesem Beitrag wird davon ausgegangen, dass diese Erfahrungen nicht nur nützlich, sondern sogar notwendig sind. Denn immer mehr Angebote für Kinder dienen nicht dazu - wie der im Bürgertum schon fast klassische Klavier- und Ballettunterricht -, ein Plus an kreativen Ausdrucksmöglichkeiten für Kinder zu liefern, die ansonsten körperlich, geistig und seelisch stark sind. Sondern viele Fördermaßnahmen kompensieren Entwicklungsstörungen, die auch durch das Fehlen des Draußenspiels bedingt sind. 128 uj 3 (2009) freies kinderspiel Bewegung Die am besten erfassbare Folge des fehlenden freien Spiels im Freien ist Bewegungsmangel. Darüber ist in den letzten Jahren viel publiziert worden. So sind 15% der Kinder und Jugendlichen in Deutschland übergewichtig (Kurth u. a. 2007). Kinder, die zu wenig Bewegungsübung haben, leiden an Haltungsschäden oder Koordinationsschwierigkeiten und haben eine geringere körperliche Fitness. Da sie über eine unzureichende Körperbeherrschung verfügen, steigt das Verletzungsrisiko. Der Zusammenhang von Übergewicht mit Diabetes und Herz-Kreislaufkrankheiten wird in immer neuen Studien eindruckvoll bestätigt (McMurray 2008). Die Kosten, die allein der Bewegungsmangel ausmacht und ausmachen wird, sind immens; bereits heute sind Rückenleiden die häufigste Ursache für Krankheiten am Arbeitsplatz. Die Kosten durch krankheitsbedingte Fehltage aufgrund von Rücken- und Gelenkerkrankungen lagen in Deutschland 2001 bei 18 Milliarden Euro (Seitz u. a. 2001). Bereits heute gibt es 6 Mio. DiabetikerInnen in Deutschland, ihre Zahl steigt zur Zeit jährlich um 5 %. Diabetes II, früher Alterszucker genannt, mit Kosten von über 59 Milliarden Euro (2001) für die Krankenkassen und aufgrund von Arbeitsausfall (www.diabetes-news.de, 2005), befällt auch schon junge Leute oder Kinder (McMurray 2008). Seelische und geistige Fähigkeiten Mangelnde körperliche Fitness wirkt sich auch auf die geistige Fitness aus. Ein Zusammenhang zwischen Konzentrationsschwierigkeiten und Problemen bei der Körperkoordination kann hergestellt werden (Graf u. a. 2003). Darüber hinaus stärkt körperliche Bewegung das seelische Gleichgewicht durch die Ausschüttung von stimulierenden Neurotransmittern (Christen 2005). Beim freien Spiel im Freien gehen Kinder in der selbst gewählten Tätigkeit auf, sie sind völlig auf ihr Vorhaben konzentriert. Diese Funktionslust, oder auch Flow genannt, wird häufig mit Glücksempfinden verbunden (Cszikszentmihalyi 2003). Freies Spiel im Freien vermittelt ein Gefühl für die eigene Kraft. Denn Erwachsene, die sowieso alles besser können, sind nicht anwesend. Sozialverhalten Freies Spiel ist auch im Hinblick auf das Miteinander von Kindern ein Abenteuer. Keine Erzieherin oder Mutter ist in der Nähe, die Konflikte beobachtet und regelt. Kinder können riskante Durchsetzungsstrategien testen, denn es ist ja Spiel, und nach einer Zeit gehen die Kinder in die Erwachsenenwelt zurück. Es ist aber zugleich Ernst, denn die Freude am Spiel soll ja erhalten bleiben, und das bedeutet, dass man es sich mit den SpielkameradInnen nicht ganz verderben sollte. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Hypothese aufstellen, dass die Freude am gemeinsamen Spiel, an dem gemeinsamen Vorhaben Kinder zu konstruktivem Verhalten anleitet, anders als in Cliquen, die gelangweilt in einer reizlosen Umgebung die Zeit nur mit dem Darstellen von Statussymbolen verbringen. Da die Auswahl der Spielkameraden beim freien Spiel im Freien weniger von den Eltern kontrolliert wird, gibt es auch weniger Selektion nach sozialer Schicht und Herkunft. Draußenspiel bietet damit auch die Chance zur Selbstverständlichkeit im Umgang mit denen, die anders sind, z. B. mit Behinderten oder mit Kindern unterschiedlicher ethnischer Herkunft. uj 3(2009) 129 freies kinderspiel Naturerleben Kinder spielen gern in der Natur. Dort finden sie Materialien und Raum zum kreativen Spiel und sind, eine für Kinder wichtige Tatsache, unbeobachtet (Gebhard 2006). Positives Ergebnis ist, dass Kinder, die in der Natur spielen, ein realistisches, auf Sympathie beruhendes Verhältnis zur Natur entwickeln. Für Kinder, die keine Gelegenheit haben, eigenständig im Wald zu spielen, ist er entweder eine grüne Fassade für gelenkte Sportaktivitäten oder ein empfindliches und bedrohtes System, das möglichst nicht angerührt werden sollte (Brämer 2006). Es wird in diesem Beitrag noch weitergegangen und die Hypothese aufgestellt, dass das freie Spiel im Freien den Zugang zum Verständnis der Naturwissenschaften ebnet. Die Grundlagen für den Umgang mit Naturwissenschaften werden durch Tun und Begreifen gelegt, durch ganz konkrete Sinneseindrücke von kalt und warm, glatt und rau, nass und trocken, schwer und leicht und durch das Wachsen an den Chancen, aber auch dem Widerstand, den in der Umgebung vorgefundene Materialien bieten, wenn man sie sich aneignen und kreativ nutzen möchte. Das sind die Grundlagen, auf denen Abstraktion im Schulunterricht erfolgen kann. Entlastung der Eltern Eltern von Kindern, die kaum eigenen Freiraum haben, sind stark gefordert: Die Verinselung von Kindern erfordert, dass sie Terminplaner und TaxifahrerInnen für ihre Kinder sind. Die Verhäuslichung bringt mit sich, dass sie ihre Kinder in ihrem Aktivitätsdrang hindern müssen, um einigermaßen spannungsfrei in der engen Wohnung mit ihnen auszukommen, und selbst dann erträgt man sich nur dank der elektronischen Medien. Die Pädagogisierung erfordert, dass Eltern zu FörderexpertInnen für ihre Kinder werden. Diesem Anspruch werden viele Eltern nicht gerecht, vor allem nicht in bildungsfernen Schichten. Vielleicht ist die vielfach diagnostizierte Erziehungsunfähigkeit die Überforderung der Eltern durch die heutige Organisation von Kindheit. Die Betrachtung der Elternrolle in Jäger- und Sammlerkulturen sollte uns zumindest vorsichtig machen, wenn wir verlangen, dass Eltern die ständig beflissenen PädagogInnen sein sollen. Aus ihrer Erfahrung stellen viele Eltern und ErzieherInnen (oft resigniert) fest, dass Kinder auch nicht bereit sind, sich ständig nach gut gemeinten Ratschlägen der Eltern zu richten, sondern dass sie auf eigenen Erfahrungen bestehen. Die Möglichkeit zum freien Spiel im Freien entlastet also auch Eltern. Schlussfolgerung Aus dem Vorstehenden wird abgeleitet, dass das Reformpotenzial unserer aufgeklärten spätindustriellen Gesellschaft genutzt werden sollte, um dem freien Kinderspiel im Freien wieder einen hohen Stellenwert zu verschaffen. Dabei tritt es nicht in Konkurrenz zu sinnvollen und gelenkten Förderaktivitäten. Allein die Reduktion des Konsums von Unterhaltungselektronik bietet weiten zeitlichen Freiraum für das Draußenspiel. Es wird davon ausgegangen, dass das freie Spiel im Freien sowohl für die körperliche, geistige als auch seelische Entwicklung von Kindern von großem Vorteil ist. Es gibt u. a. Raum für die - für ihre Entwicklung notwendige - körperliche Bewegung, fördert Eigeninitiative und Kreativität, ein positives Selbstwertgefühl und reduziert die Abhängigkeit von Konsum. Die optimale Entwicklung dieser Eigen- 130 uj 3 (2009) freies kinderspiel schaften wird als essenziell angesehen, um in der zukünftigen immer stärker globalisierten Welt seinen Platz zu finden. Wenn das Draußenspiel ein akzeptierter Bestandteil der Kindheit ist, dann ist auch die Freistellung des dafür notwendigen Freiraums kein unüberwindliches Hindernis. Schließlich gehörte das tägliche freie Spiel im Freien in Deutschland noch vor einigen Jahrzehnten selbstverständlich zur Kindheit. Bereits jetzt vorhandene Freiflächen, Gärten und Parks sollten selbstverständlich für Kinder nutzbar sein. Darüber hinaus bieten Städte, die aufgrund des demografischen Wandels schrumpfen, die Möglichkeit, Brachflächen für das Kinderspiel zu öffnen. Auch der Ansatz, wohnortnahe Freiflächen als Naturerfahrungsräume ohne Naturschutzbeschränkungen für Kinder zum Spiel und auch zum Verändern nutzbar zu machen, sollte verfolgt werden (Schemel 2001). Ob wir in wenigen Jahren das Auto aufgrund von Klimawandel, Ressourcenknappheit und aus gesundheitlichen Erwägungen noch so stark nutzen wie heute, ist fraglich. Der Anonymität der Wohnumgebung wirken bereits jetzt Initiativen entgegen wie gemeinschaftliche Wohnprojekte (Viering 2008) oder Mehrgenerationenhäuser (Diller 2006). Waldkindergärten, Abenteuerspielplätze und Erlebnispädagogik sind sinnvoll, erreichen aber bisher nur einen Bruchteil der Kinder und häufig gerade nicht die sozial benachteiligten. Resümee ist, dass es als sinnvoll erachtet wird, dem freien Kinderspiel im Freien wieder einen höheren Stellenwert in der Pädagogik einzuräumen. Das ist ein wichtiger Schritt dahin, dass das Draußenspiel wieder ein gesellschaftlich akzeptierter und geschützter Bestandteil der Kindheit wird und die Nutzung des öffentlichen Raums stärker den Bedürfnissen der Kinder entgegenkommt. Literatur Beck-Gernsheim, E., 1997: Die Kinderfrage - Frauen zwischen Kinderwunsch und Unabhängigkeit. München Behnken, I., 2006: Urbane Spiel- und Straßenwelten. Weinheim Blinkert, B., 2004: Quality of the City for Children: Chaos and Order. In: Children, Youth and Environment, 14. Jg., H. 2, S. 99 - 112 Blinkert, B., 1993: Aktionsräume von Kindern in der Stadt. Eine Untersuchung im Auftrag der Stadt Freiburg. Pfaffenweiler Brämer, R., 2006: Natur obskur - Wie Jugendliche heute Natur erfahren. München Budde, G., 2006: Das Bürgertum. In: Die Zeit: Welt- und Kulturgeschichte. Band 8. Hamburg, S. 389 - 414 Christen, P./ Jaussi, R., 2005: Biochemie. Berlin/ Heidelberg Cszikszentmihalyi, M., 1999: Flow - das Geheimnis des Glücks. Stuttgart Die Kosten des Diabetes mellitus (KoDiM) - Kostenexplosion durch Folgeerkrankungen. www. diabetes-news.de/ news/ nachrichten-2005/ kosten-explosion-folgeerkrankungen.htm, 24. 11. 2005, 2 Seiten Diller, A., 2006: Mehrgenerationenhäuser - intergenerative Aktivitäten in unterschiedlichen Institutionstypen. Eine Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. www.mehrgenerationenhaeuser.de/ coremedia/ generator/ mgh/ de/ __ Downloads/ DJI__MGH__Abschlussbericht. pdf, 20. 5. 2006, 181 Seiten Gebhard, U., 2003: Die Vertrautheit der Welt - Zur Bedeutung kindlicher Naturbeziehungen. In: Gebauer, K./ Hüther, G. (Hrsg.): Kinder brauchen Spielräume. Düsseldorf, S. 96 - 118 Graf, C./ Koch, B./ Klippel, S./ Büttner, S./ Coburger, S./ Christ, H./ Lehmacher, W./ Bjarnason- Wehrens, B./ Platen, P./ Hollmann, W./ Predel, H. G./ Dordel, S., 2003: Zusammenhänge zwischen körperlicher Aktivität und Konzentration im Kindesalter - Eingangsergebnisse des CHILT-Projekts. In: Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 54. Jg, H. 9, S. 242 - 246 Henry-Huthmacher, C., 2008: Eltern unter Druck. Ergebnisse einer empirischen Studie. In: Vogel, B. (Hrsg.): Die politische Meinung. Sankt Augustin Hüther, G., 2003: Was ein Kind beim Spielen alles lernt und was dabei in seinem Gehirn passiert. In: Gebauer, K./ Hüther, G. (Hrsg.): Kinder brauchen Spielräume. Düsseldorf, S. 7 - 16 Kamei, N., 2005: Play among Baka Children in Cameroon. In: Hewlet, B. S./ Lamb, M. (Hrsg.): Hunter-Gatherer Childhoods. New Brunswick, S. 343 - 359 uj 3(2009) 131 freies kinderspiel Kurth, B.-M./ Schaffrath-Rosario, A., 2007: Die Verbreitung von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland - Ergebnisse des bundesweiten Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGs). In: Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz, 50. Jg, H. 5/ 6, S. 736 - 743 McMurray, R. G./ Bangdiwala, S. I./ Harrell, J. S./ Amorim, L. D., 2008: Adolescents with metablic syndrome have a history of low fitness and physical activity levels. www.dynamic-med. com/ content/ pdf/ 1476-5918-7-5.pdf, 4. 4. 2008, 6 Seiten Miller-Kipp, G., 2005: Zufall, Selbstorganisation und Kreativität. In: Bilstein, J./ Winzen, M./ Wulf, C. (Hrsg.): Anthropologie und Pädagogik des Spiels. Weinheim/ Basel, S. 273 - 291 Muchow, M./ Muchow, H. H./ Zinnecker, J. (Hrsg.), 1998: Der Lebensraum des Großstadtkindes. Weinheim Mutschler, S., 1985: Ländliche Kindheit in Lebenserinnerungen. Familien- und Kinderleben in einem württembergischen Arbeiterbauerndorf in der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Tübingen Opper, E./ Worth, A./ Wagner, M./ Bös, K., 2007: Motorikmodul (MoMo) im Rahmen des Kinder- und Gesundheitssurveys des RKI (KiGGS). In: Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz, 50. Jg, H. 5/ 6, S. 879 - 888 Reidl, K./ Schemel, H.-J./ Blinkert, B., 2005: Naturerfahrungsräume im besiedelten Raum. Nürtinger Hochschulschriften Nr. 24. Nürtingen Schemel, H.-J., 2001: Erleben von Natur in der Stadt - die neue Flächenkategorie „Naturerfahrungsräume“. In: Zeitschrift für Erlebnispädagogik, 12. Jg, H. 21, S. 3 - 13 Seitz, R./ Schweikert, B./ Jakobi, E./ Tschirdewahn, B./ Leidl, R., 2001: Ökonomisches Rehabilitationsmanagement bei chronischen Rückenschmerzen. In: Schmerz, 15. Jg., H. 6, S. 448 - 452 Spitzer, M., 2002: Lernen. Heidelberg/ Berlin Viering, J., 2008: Die Schweine-Investoren sind wir. In: Die Zeit, Nr. 1 Die Autorin Dr. Christiane Richard-Elsner Schöneberger Straße 15 10963 Berlin E-Mail: christiane.richard-elsner@cityweb.de 2008. 224 Seiten. Mit 53 Zeichnungen und Fotos (978-3-497-01961-8) kt Handys müssen draußen bleiben. Und dann: hinein ins Abenteuer! Denn richtig spannend wird’s erst, wenn kaum Hilfsmittel aus der Zivilisation zur Verfügung stehen. Im Naturcamp übernachten die Kinder und Jugendlichen in selbstgebauten Hütten. Sie hangeln sich an Seilen über Schluchten und Gewässer, fangen Fische ohne Angel und lernen, giftige von essbaren Pflanzen zu unterscheiden. Knotenkunde, Strickleitern und Floße bauen, klettern, sich abseilen und orientieren, Feuer machen - all das gehört dazu. Für den Ernstfall proben die Kinder, wie sie Kranke transportieren können. Lagerfeuerabende runden das Naturerlebnis ab. Wildnistrainings gibt es für Eltern mit Kindern und für Erwachsene. a www.reinhardt-verlag.de