unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2010.art48d
4_062_2010_11+12/4_062_2010_11+12.pdf111
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Frühkindliche Bindung und Kindertagesbetreuung
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2010
Joachim Rosenkranz
Erfahrungen mit Bindung hat jeder schon gemacht - im Guten oder im Schlechten, zumeist wahrscheinlich in beidem, je nachdem. Im Alltagserleben hat Bindung häufig etwas mit Gefühlen von Zuneigung zu tun, mit Vertrauen in andere Personen, erlebter Geborgenheit oder Sehnsucht danach. Aber eben auch damit, dass auf all dieses kein durchgängiger Verlass ist, Vertrauen enttäuscht wird oder sogar unerfüllt bleibt.
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uj 11+12 (2010) 479 Unsere Jugend, 62. Jg., S. 479 -492 (2010) DOI 10.2378/ uj2010.art48d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel frühkindliche bindung Frühkindliche Bindung und Kindertagesbetreuung Joachim Rosenkranz Erfahrungen mit Bindung hat jeder schon gemacht - im Guten oder im Schlechten, zumeist wahrscheinlich in beidem, je nachdem. Im Alltagserleben hat Bindung häufig etwas mit Gefühlen von Zuneigung zu tun, mit Vertrauen in andere Personen, erlebter Geborgenheit oder Sehnsucht danach. Aber eben auch damit, dass auf all dieses kein durchgängiger Verlass ist, Vertrauen enttäuscht wird oder sogar unerfüllt bleibt. In der Bindungsforschung, vor allem dann, wenn es um die ersten Lebensjahre eines Kindes geht, wird unter Bindung etwas ganz Ähnliches verstanden, nämlich das enge emotionale Band zwischen einem Kind und seiner Mutter (bzw. einer stabilen Betreuungsperson), das beide über Raum und Zeit hinweg verbindet, das artspezifisch angelegt ist und durch soziales Lernen seine weitere Ausprägung erfährt (Bowlby 1969; Schaffer/ Emerson 1964). Bindung, Bindungsverhalten, Bindungsqualität - genau das sind auch die wichtigsten Gegenstände und Thematiken der Bindungstheorie. Ihre Grundlegung erfuhr die Bindungstheorie in den 50er Jahren durch den englischen Kinderpsychiater John Bowlby. Bowlby war einer der ersten Forscher innerhalb der Verhaltenswissenschaften, der fachübergreifend arbeitete. Insofern sind in die Bindungstheorie Bestandteile unterschiedlicher theoretischer Ansätze eingeflossen. Sie reichen von der Evolutionstheorie, über die Ethologie, die Psychoanalyse, die Kognitionspsychologie bis hin zur Kybernetik. Bowlby wusste sehr genau, wovon er sprach, wenn es um das Thema Bindung ging, denn er hatte in seiner Arbeit als Kinderpsychiater die verheerenden Auswirkungen von längerfristigen Trennungen auf die Befindlichkeit von Kindern kennengelernt. Ihr eigentlich empirisches Fundament erhielt die Bindungsforschung aber erst durch die kanadische Forscherin Mary Ainsworth, mit der Bowlby über viele Jahre hinweg erfolgreich zusammenarbeitete. Ainsworth hatte schon in den frühen 60er Jahren eine Untersuchung mit Säuglingen in Uganda durchgeführt und dabei festgestellt, dass die Kinder nach Abwesenheit der Mutter in unterschiedlicher Weise auf ihr Wiedererscheinen reagierten: Die meisten Kinder suchten sofort die Nähe der Mutter auf, die sie, nach Ainsworth, vor- Joachim Rosenkranz Dipl.-Psychologe, Entwicklungspsychologe, bis 2010 Mitarbeiter des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin, Abt. Neonatologie, Universitätsklinikum Heidelberg 480 uj 11+12 (2010) frühkindliche bindung her als „sichere Basis“ (engl. „secure base“) kennengelernt hatten, von der aus man die interessante Umgebung ungefährdet erkunden (explorieren) konnte. Wenn diese von der Autorin als „sicher gebunden“ bezeichneten Kinder von ihrer Mutter in den Arm genommen und getröstet wurden, ließen sie sich rasch wieder beruhigen. Andere Kinder hingegen ließen sich nach Trennung von der Mutter nur sehr schwer beruhigen, und wiederum andere schienen gar keine Notiz von der Rückkehr der Mutter zu nehmen („unsicher gebundene“ Kinder, Ainsworth 1967). Durch derartige Beobachtungen wurde die Bindungstheorie um wesentliche Aspekte erweitert, sodass schon bald eine zunächst noch allgemein gehaltene Beschreibung des Bindungsgeschehens vorgenommen werden konnte. Danach geht die Bindungstheorie davon aus, dass im frühen Interaktionsgeschehen zwischen Mutter und Kind aufseiten des Kindes zwei Verhaltenssysteme beteiligt sind, das Bindungsverhalten und das Explorationsverhalten. Beide Systeme sind zueinander als komplementär zu sehen, d. h., wenn sich das Kind in einer bestimmten Situation sicher und geborgen fühlt, kann es sich von seiner Mutter entfernen und seine Umgebung explorieren. Fühlt es sich hingegen bedroht, hat Angst oder empfindet anderweitigen Stress, zeigt es Bindungsverhalten, indem es nach der Mutter ruft, schreit, ihre Nähe aufsucht oder sich an sie anklammert, wobei das Explorationsverhalten gleichzeitig vollständig eingestellt wird (Ainsworth 1973). Gelingt es der Mutter im weiteren Verlauf dann, das Kind zu beruhigen, tritt das Bindungsverhalten wieder in den Hintergrund und das Erkunden der Umwelt kann von Neuem begonnen werden. Grossmann/ Grossmann (2008) sprechen in diesem Zusammenhang auch von einer „Bindungs-Explorations- Balance“ und grenzen „Bindung“ als überdauernde Verbundenheit zwischen Mutter und Kind von „Bindungsverhalten“ ab, das in bestimmten Situationen (Bedrohung, Stress etc.) immer wieder neu aktiviert wird. Aus diesen frühen Beobachtungen entwickelte Ainsworth nun ein Messinstrument, das es erlaubt, interindividuelle Unterschiede in der Bindungsqualität von Kindern unter quasi-experimentellen, immer gleichbleibenden Bedingungen einzuschätzen: Das sog. „Fremde-Situation“- Verfahren (engl. „Strange Situation“). Die „Fremde Situation“ besteht aus acht aufeinanderfolgenden Episoden, in deren Verlauf das Kind in zunehmender emotionaler Belastung mit zwei Trennungs- und zwei Wiedervereinigungssituationen so konfrontiert ist, dass Bindungsverhalten sicher ausgelöst, aber trotzdem auch genügend Gelegenheit zur Erkundung der fremden Umgebung geboten wird (Ainsworth/ Wittig 1969; zu weiteren Messinstrumenten zur Einschätzung von Bindungsqualitäten vgl. Überblick bei Gloger-Tippelt 2008). Aufgrund der zu beobachtenden Verhaltensunterschiede, die die Kinder in der „Fremden Situation“ während der Episoden der Trennung und Wiedervereinigung zeigen, ergeben sich zunächst die drei bekannten Bindungsklassifikationen A, B und C, wobei die A-Bindung für „unsicher-vermeidend“ gebundene, die B-Bindung für „sicher“ gebundene und die C- Bindung für „unsicher-ambivalent“ gebundene Kinder (Ainsworth u. a. 1978) steht. Da sich immer wieder herausstellte, dass ca. 15 % der Fälle schwierig zu klassifizieren sind, wurde später vor allem aufgrund der Arbeiten von Main/ Solomon (1986) ein weiteres Bindungsmuster „D“ hinzugefügt, das als „desorganisierte Bindung“ bezeichnet wird. Das für die jeweiligen Bindungsmuster A, B, C, D typische kindliche Interaktionsverhalten ist in Tabelle 1 zusammengefasst. uj 11+12 (2010) 481 frühkindliche bindung Die sichere Bindung (B) lässt sich also abgrenzen von den beiden unsicheren, aber organisierten Bindungen (A bzw. C) sowie von der unsicheren, aber desorganisierten D-Bindung. Die Häufigkeitsverteilungen für die einzelnen Bindungstypen schwanken je nach kulturellem Kontext (s. u.). Für Deutschland ergab sich auf der Basis mehrerer Studien im Mittel folgende Verteilung: 45 % B-, 27,7 % A-, 6,9 % C- und 19,9 % D-Klassifikationen (Gloger-Tippelt u. a. 2000). In diesem Zusammenhang ist es wichtig festzuhalten, dass sich in der Bindungsqualität eines Kindes zu einer Bezugsperson primär die Art und Güte dieser Beziehung widerspiegelt und es sich dabei nicht etwa um ein individuelles (Persönlichkeits-) Merkmal des Kindes handelt. Die „Inneren Arbeitsmodelle“ Die meisten BindungsforscherInnen gehen davon aus, dass die frühkindlichen Bindungserfahrungen und die daraus hervorgehenden Erwartungshaltungen ihren Niederschlag in sogenannten „Inneren Arbeitsmodellen“ finden („internal working Bindungsstrategie/ Bindungsmuster Beschreibung typischer Verhaltensweisen des Kindes Unsicher-vermeidend (A) Explorationsverhalten überwiegt gegenüber Bindungsverhalten; wenig emotionale Orientierung/ Rückversicherung zur Mutter i. S. einer Sicheren Basis; bei Trennung zeigt Kind kaum Reaktionen (wenig Weinen oder suchende Blicke); macht seine emot. Belastung nicht deutlich; bei Wiedervereinigung Vermeidung von Blick- und Körperkontakt; Orientierung vorrangig auf Spielsachen. Sicher (B) Mutter wird bei Exploration als Sichere Basis benutzt; bei Trennung zeigt Kind seine emot. Belastung (Weinen, Rufen), bei Wiedersehen aktives Begrüßen durch Vokalisation und Hinkrabbeln zur Mutter; Kind sucht Körperkontakt, lässt sich leicht beruhigen und fährt bald mit Exploration fort. Unsicher-ambivalent (C) Kind zeigt hohe emotionale Belastung; wenig Exploration; bei Trennung heftiger Protest, starkes Weinen; bei Wiedervereinigung Schwanken zwischen Nähesuchen, Quengeln und Ärgerausbrüchen; Kind bei Wiedervereinigung nach Trennung nur schwer zu beruhigen, sucht Nähe zur Mutter und weist sie gleichzeitig mit Ausdrücken von Ärger zurück (ambivalent). Desorganisiert (D) Ängstliches Schwanken zwischen Exploration und Nähesuchen; Abwenden des Kopfes bei gleichzeitiger Annäherung, wodurch weder Vermeidung noch Trostsuchen gelingt; Vermeidung und Protest gegen Trennung werden gleichzeitig gezeigt; oftmals auch bizarre Verhaltensweisen wie Erstarren, Im-Kreis-Drehen, an der Mutter vorbei laufen etc. Tab. 1: Bindungsstrategien und sie kennzeichnende Verhaltensweisen von ca. 12 - 18 Monate alten Kinder in der „Fremden Situation“ 482 uj 11+12 (2010) frühkindliche bindung models“, Bowlby 1969). Diese inneren Arbeitsmodelle sind mentale Repräsentationen vergangener Bindungserfahrungen, die es dem Kind erleichtern, neue Beziehungsangebote zu interpretieren und sich entsprechend darauf einzustellen. Im ersten Lebensjahr unterliegen die Arbeitsmodelle noch einer flexiblen „Anpassung“, je nachdem welche Erfahrungen das Kind mit der physischen und emotionalen Verfügbarkeit der Mutter in Situationen der Trennung, des Verängstigtseins, des Trostspendens oder des Erkundens macht. Grundsätzlich können verschiedene innere Arbeitsmodelle zu verschiedenen Personen (Vater, Geschwister, Peers etc.) aufgebaut werden, die sich mit zunehmendem Alter und bindungsrelevanten Erfahrungen dann immer mehr stabilisieren (Überblick bei Bretherton/ Munholland 2008). Erklärungsansätze für die unterschiedlichen Bindungsstrategien Es ist nicht verwunderlich, dass man sich nach dem Herauskristallisieren der vier Bindungsstrategien zugleich auch dafür interessiert hat, warum die Kinder in der Fremden Situation so unterschiedliche Reaktionen und Verhaltensweisen auf ein doch immer gleichbleibendes Setting zeigen. Mit dieser Frage rückt das Elternverhalten in den Fokus der Betrachtung, denn man ging zunächst davon aus, dass es die mütterliche Feinfühligkeit (engl. „sensitivity“) sei, die zu einer sicheren Mutter-Kind- Bindung führe. Feinfühligkeit wurde dabei als angemessene, prompte und konsistente Reaktion der Mutter auf das Bedürfnis des Kindes nach Nähe, Schutz oder Erkundung definiert, wodurch vor allem negative Emotionslagen des Kindes reguliert werden sollen. Ainsworth u. a. (1978) hatten in einer früheren Arbeit eine hohe Korrelation (r = .78) zwischen Feinfühligkeit und sicherer Bindung festgestellt, ein Befund, der später in dieser Höhe allerdings von keiner weiteren Studie bestätigt werden konnte. Mit ihrer Metaanalyse konnten De Wolff/ van IJsendoorn (1997) nach Einbezug von über 60 Studien zum Thema mütterliche Sensitivität dann aber zeigen, dass verschiedene Studien zwar einen (moderaten) Zusammenhang zwischen Feinfühligkeit und späterer Bindungssicherheit gefunden hatten (r = .20), dass dieser im Mittel aber nicht stärker ausgeprägt ist, als dies auch bei anderen Aspekten der Mutter- Kind-Interaktion der Fall ist. D. h. neben mütterlicher Feinfühligkeit ließen sich auch für einige weitere elterliche Verhaltensweisen Zusammenhänge mit einer sicheren Bindungsbeziehung belegen, wie z. B. für reziprokes und sich wechselseitig verstärkendes Mutter-Kind-Verhalten (synchrony; mutuality), für die unterstützende Haltung und die positive Einstellung der Mutter zum Kind sowie für das Ausmaß mütterlicher Anregung (emotional support; positive attitude; stimulation) (vgl. De Wolff/ van IJsendoorn 1997). Grenzen, Kritikpunkte und Erweiterungen der Bindungstheorie Die Grenzen der Bindungstheorie liegen ganz sicher in dem verengten Fokus auf die emotionalen Bedürfnisse des Kindes und sein Verhalten in belastenden Situationen bzw. dem dabei empfundenen Ausmaß an Sicherheit. In das Interaktionsgeschehen zwischen Mutter/ Eltern und Kind sind aber in Wirklichkeit wesentlich mehr Aspekte einbezogen und wären bei der Suche nach relevanten Einflussfaktoren auf die Bindungsqualität entsprechend zu berücksichtigen. Dieser Weg ist in verschiedenen uj 11+12 (2010) 483 frühkindliche bindung Modellvorstellungen beschritten worden (siehe z. B. George/ Solomon 2008), denen gemeinsam ist, dass sie die Bindungstheorie innerhalb des Rahmens von allgemeineren Modellen der Mutter-Kind-Interaktion positionieren. Nicht wenige dieser Modelle gehen bzgl. des Interaktionsgeschehens wiederum von evolutionsbiologisch geprägten Verhaltenssystemen aus. So wird beispielsweise zwischen einem Bindungssystem aufseiten des Kindes (sichere Basis aufsuchen, Trost finden etc.), und - komplementär dazu - einem elterlichen Fürsorgesystem unterschieden (vgl. Lohaus u. a. 2008). Letzteres soll dem Kind den gewünschten (physischen) Schutz und die Sicherheit in bedrohlichen Situationen bieten und damit das Überleben sichern. Mac- Donald (1992) hat von diesem Sicherheitssystem ein weiteres System abgegrenzt, das in der Mutter-Kind-Interaktion wirksam ist: Das Wärme- oder Zuwendungssystem (engl. „warmth“). Nach MacDonald hat sich dieses System im Laufe der Evolution herausgebildet, um den familiären Zusammenhalt zu festigen. Von der Bezugsperson ins Spiel gebracht, sollen die aus dem Wärmesystem resultierenden Verhaltensweisen der Mutter beim Kind die Ausbildung sozialer Bezüge fördern und ihm damit die Einbettung in das Wertesystem seines sozialen Umfeldes ermöglichen. Schon die Arbeit von De Wolff/ van IJzendoorn (1997) hatte zeigen können, dass es nicht allein die Feinfühligkeit der Mutter, sondern noch einige weitere Verhaltensweisen der Bezugsperson(en) sind, die zur Bindungssicherheit eines Kindes beitragen können. Hieran hat MacDonald angeknüpft und durch das von ihm vorgeschlagene Wärme-/ Zuwendungssystem zur weiteren Differenzierung vor allem auch der sozial-emotionalen Aspekte der Mutter-Kind-Beziehung beigetragen. Und dennoch: Erst mit Konzeptualisierungen wie z. B. dem von H. Keller u. a. (2004) vorgelegten „Komponentenmodell des Elternverhaltens“ steht ein Modell zur Verfügung, mit dem sich die Gesamtkomplexität der Mutter-Kind-Interaktion und der daran beteiligten Faktoren systematisch beschreiben und somit auch untersuchen lässt, in welchem Ausmaß (stärker oder weniger stark) sich diese Faktoren auf die Entwicklung des Kindes, insbesondere auch auf seine Bindungsentwicklung auswirken. Das Komponentenmodell schließt nämlich nicht nur zentrale Versorgungs-, Anregungs- und Zuwendungsaspekte elterlicher Verhaltenssysteme ein, sondern berücksichtigt darüber hinaus auch wichtige Interaktionsqualitäten wie z. B. elterliche Sensitivität, Aufmerksamkeit, Wärme oder Kontingenz, die dabei beteiligt sein können. Das Komponentenmodell bietet somit die Möglichkeit, so gut wie alle elterlichen Verhaltensweisen abzubilden und deren Qualität durch quantitative Ausprägungsabstufungen i. S. eines Mehr oder Weniger zu erfassen. Der Hauptvorteil dieses Ansatzes liegt aber wohl vor allem darin, dass nun auch kulturbedingte Unterschiede in Erziehungsleitbildern und im Erziehungsverhalten erfasst werden können, so wie sie in den letzten Jahren durch viele interkulturell angelegte Studien bereits belegt wurden. Dort hat sich immer wieder gezeigt, dass es eben nicht so ist, dass die in westlich geprägten Kulturkontexten als optimal angesehene sichere Bindung (Typ B) auch in allen anderen Kulturen, gleichsam universell, als die optimale Bindungsbeziehung angesehen wird, und dass das elterliche Erziehungsverhalten primär daran ausgerichtet wäre (Rothbaum u. a. 2000; Keller u. a. 2004). Mehr noch: Auch von evolutionsbiologischer Seite her ist mehrfach darauf hingewiesen worden, dass für das Überleben des Einzelnen wie auch der Art die sichere 484 uj 11+12 (2010) frühkindliche bindung Bindungsstrategie nicht immer auch die Funktionalste sei, sondern dass je nach geografischen und kulturellen Umständen des Aufwachsens andere Bindungsstrategien, also vermeidende oder ambivalente, das Überleben des Kindes durchaus sogar besser sichern können (Hinde 1982; Hrdry 2000; Simpson/ Belsky 2008). Ganz abgesehen aber von solchen eher modellhaft-übergeordneten Betrachtungen zur Bindungsgenese innerhalb frühkindlichen Interaktionsgeschehens, gibt es einen speziellen Alltagsbereich, in dem viele Kinder mit den zentralen Aspekten der Bindungstheorie, nämlich mehrstündige Trennung von der Mutter, Versetzung in eine fremde Umgebung und spätere Wiedervereinigung fast täglich konfrontiert sind: Die Tagesbetreuung. Im Rahmen der Bindungsforschung ist die Tagesbetreuung im Hinblick auf ihren Einfluss auf die frühkindliche Bindungsentwicklung intensiv untersucht worden. Um einige besonders bemerkenswerte Befunde aus diesem Bereich soll es in den folgenden Abschnitten gehen. Anwendungsfall Tagesbetreuung Man kann wohl davon ausgehen, dass Mehrfachbetreuung (engl. multiple „caregiving“) in der Geschichte der Menschheit schon sehr früh als eine Betreuungsform praktiziert wurde, die für das Überleben und die Erhaltung der Art ausgesprochen funktional war. Durch Mehrfachbetreuung war die Verantwortung für die Aufzucht der Nachkommen, das Besorgen geeigneter und ausreichender Nahrung, das Abwenden von Gefahren und überhaupt das Bieten eines verlässlichen, schutzgewährenden Raumes auf verschiedene Schultern verteilt und somit leichter realisierbar. Gleichwohl scheint es aber auch schon in den frühen Jäger- und Sammlergesellschaften zwei praktizierte Versorgungsmodelle gegeben zu haben, nämlich eine enge, ausschließliche Mutter-Kind-Betreuung auf der einen und eine gemeinschaftlich getragene Betreuung im Sinne eines „multiple caregiving“ auf der anderen Seite (Tronick u. a. 1992; Hrdy 2000). Heute nun zeichnet sich als gesellschaftlicher Trend vor allem in westlichen Gesellschaften (Europa, USA) seit einigen Jahrzehnten eine deutliche Zunahme von Müttern ab, die, obwohl sie kleine Kinder haben, gleichzeitig einer Berufstätigkeit nachgehen wollen. In Deutschland - aber auch in vielen anderen Ländern - wird dieser Trend durch familienpolitische Ansätze unterstützt, wie vor allem an dem 2005 in Kraft getretenen Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG) zu erkennen ist, das berufstätigen Eltern von Krippenkindern ein bedarfsgerechtes Betreuungsangebot zusichert (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2006). Die Tatsache, dass mit dem Ausbau der Krippenbetreuung nun zunehmend auch sehr kleine Kinder - oftmals mehr als 20 Stunden pro Woche - von ihren Müttern/ ihrer Familie getrennt sein werden, hat eine ganze Reihe von kritischen Fragen aufgeworfen, die durch eine inzwischen stark angewachsene Zahl an Studien aus der Bindungsforschung zu beantworten versucht wurden. Das Thema Tagesbetreuung trifft insofern ins Zentrum der Bindungsforschung, weil mit der außerfamiliären Betreuung wesentliche Faktoren des Bindungsgeschehens berührt sind, nämlich wiederholter, wenn auch kurzzeitiger Verlust der Sicheren Basis durch Trennung von der Mutter bei Beginn der Betreuung, Bewältigung von Trennungsstress während der Betreuung sowie das Verhalten des Kindes bei der Wiedervereinigung, wenn es von seiner Mutter abgeholt wird, um nur einige Punkte zu nennen. uj 11+12 (2010) 485 frühkindliche bindung Da Bowlby (1969; 1973) immer wieder darauf hingewiesen hatte, dass seiner Meinung nach nur die Mutter selber dem Kind in angemessener Weise eine emotional warme, schutzgewährende und zugleich entwicklungsfördernde Umgebung zu bieten in der Lage sei, ging es zunächst insbesondere um die Frage, ob sich bei länger andauernder Tagesbetreuung, vor allem dann, wenn sie in einem sehr frühen Alter begonnen wird, überhaupt eine sichere Bindung zwischen Mutter und Kind aufbauen könne. Die hierzu in älteren Studien vorgelegten Befunde klangen zunächst nicht sehr ermutigend. So wurden erhöhte Inzidenzraten unsicher gebundener Kinder von bis zu 43 % berichtet, im Vergleich zu bis zu 29 % für Kinder, die gar keine oder vom zeitlichen Ausmaß her nur geringfügige Fremdbetreuung (d. h. Kindertagesbetreuung in Einrichtungen) erfahren hatten (Belsky/ Rovine 1988; Clarke-Steward 1989). In der Erklärung dieser Befunde war man sich indessen ziemlich uneinig, was damals in eine heftig geführte Kontroverse mündete (sog. „infant day care controversy“). Die Einschränkungen in der Aussagekraft dieser frühen und vieler weiterer Studien lagen aber vor allem darin, dass sie nicht langzeitlich angelegt waren und zumeist nur einzelne, isolierte Faktoren aus dem komplexen Setting von häuslicher Betreuung versus Tagesbetreuung einbezogen hatten. Relevante Ergebnisse neuer Studien Genau diesen Mängeln versuchte eine der bekanntesten, in den neunziger Jahren begonnene amerikanische Längsschnittstudie Rechnung zu tragen, die sogenannte NICHD-Studie (NICHD = National Institute of Child Health and Development). In diese Studie wurden über 1.300 TeilnehmerInnen aus zehn verschiedenen US- Bundesstaaten einbezogen. Die Kinder wurden von den ersten Lebenswochen an bis zum 36. Monat (und inzwischen darüber hinaus) in regelmäßigen Abständen beobachtet. Die Datensätze wurden und werden immer noch kontinuierlich ausgewertet. Viele Ergebnisse sind mittlerweile in über 100 Studien publiziert worden. Eine der zentralen Fragestellungen der NICHD-Studie war es herauszufinden, welchen Einfluss das Alter bei Beginn der Fremdbetreuung sowie deren Qualität und Stabilität auf die Bindungsqualität des Kindes hat. Gleichzeitig sollten die Einflüsse der Interaktionseffekte dieser Betreuungsmerkmale mit Differenzierungsmerkmalen der Familie und des Kindes ermittelt werden. Die in diesem Zusammenhang formulierten Hypothesen lauteten, dass ein hoher Anteil an außerfamiliärer Betreuung, verbunden mit einer geringen Qualität dieser Betreuung oder häufige Betreuungswechsel im Zeitverlauf unsichere Mutter-Kind- Bindungen zur Folge haben werden und zwar im Zusammenwirken mit weiteren Risikofaktoren aufseiten des Kindes/ der Familie - wie z. B. schwieriges Temperament des Kindes, männlichen Geschlechts zu sein oder mit einer Mutter zusammenzuleben, die psychische Probleme hat oder nur geringe Sensitivität und Responsivität gegenüber ihrem Kind zeigt. Die beinahe umgekehrte Hypothese wurde ebenfalls überprüft: Wenn familiäre Risiken oder Risiken aufseiten des Kindes hoch sind, die Kinderbetreuung in einem frühen Lebensalter beginnt und zugleich stabil sowie mehrere Stunden am Tag stattfindet und dabei von hoher Qualität ist, dass dieses alles dann im Sinne einer kom- 486 uj 11+12 (2010) frühkindliche bindung pensatorischen Wirkung eine sichere Mutter-Kind-Bindung fördern könne. Darüber hinaus ist auf der Basis des NICHD-Datensatzes in vielen Einzelauswertungen versucht worden, den Einfluss frühkindlicher Betreuungsqualität auf eine Reihe von kindlichen Entwicklungsmerkmalen einzuschätzen, wie z. B. die kognitive Entwicklung, die Sprachentwicklung, die motivationale Entwicklung, auf soziale Anpassungsprozesse, den Beziehungsaufbau zu Gleichaltrigen (peer-relationship) u. v. m. Bereits hier wird deutlich, dass die NICHD-Studie sich ausdrücklich von der Aufklärung eindimensionaler Fragestellungen nach dem Muster „Wenn Tagesbetreuung in früher Kindheit, dann positive, neutrale oder negative Auswirkung auf die Bindungsqualität“ abwendet. Stattdessen ist das Erkenntnisinteresse hier multifaktoriell ausgerichtet, d. h. es wird versucht, die Effekte des Zusammenwirkens unterschiedlicher Variablenkonstellationen auf die Mutter-Kind-Bindungsqualität sowie die weitere Entwicklung des Kindes zu analysieren. Dabei werden Variablen einbezogen, die sowohl die Seite des Kindes als auch die der Mutter/ des Elternhauses als auch Variablen aufseiten der Betreuung selber (Art der Einrichtung, Qualifikation des Personals, Dauer des Aufenthaltes) betreffen. Entsprechend komplex und vielfältig sind die Befunde der NICHD-Studie, von denen hier nur einige besonders bemerkenswerte vorgestellt werden sollen. Als übergeordnetes Ergebnis lässt sich zunächst festhalten, dass die Hypothese, es gebe isolierte „Haupteffekte“, die sich im Entwicklungsverlauf auf die Qualität der Mutter-Kind-Bindung auswirkten, nicht bestätigt werden konnte. Durch keine der einbezogenen Einzelvariablen, die sich auf Kinderbetreuung bezogen wie z. B. Betreuungsqualität, zeitliches Ausmaß der Betreuung, Alter bei Beginn der Betreuung oder Anzahl der Betreuungswechsel, ließ sich eine sichere Bindungsqualität vorhersagen (NICHD 1997). Auch konnten keine Zusammenhänge zwischen dem Ausmaß an Zeit (viel versus wenig), die die Mutter im ersten Lebensjahr mit ihrem Kind verbrachte auf der einen und einer sicheren Bindung mit 15 bzw. 36 Monaten auf der anderen Seite nachgewiesen werden (Huston/ Rosenkrantz Aronson 2005). Im Gegensatz dazu ergaben sich allerdings interessante Befunde, wenn in den Auswertungensprozeduren mehrere Einflussgrößen gleichzeitig berücksichtigt wurden, d. h. wenn (durch Anwendung logistischer Regressionsverfahren) die Wechselwirkungen zwischen Mutter-, Kind- und Einrichtungsvariablen analysiert wurden. Hier zeigte sich, dass eine unsichere Bindungsqualität am häufigsten dann beobachtet werden konnte, wenn eine geringe Sensitivität/ Responsivität der Mutter mit einer eher geringen Qualität der Fremdbetreuung einhergingen, wenn diese Betreuung außerdem von der Stundenzahl her eher hoch lag oder das Kind mit häufigeren Betreuungswechseln konfrontiert war. Des Weiteren stellte sich heraus, dass Jungen bei einer von der Stundenzahl her gesehen länger dauernden Tagesbetreuung eher dazu neigten, unsicher gebunden zu sein, wie umgekehrt Mädchen unter den gleichen Bedingungen eher sichere Bindungsmuster aufwiesen. Darüber hinaus wurden auch „kompensatorische“ Effekte gefunden: So war der Anteil sicher gebundener Kinder von Müttern, deren Sensitivität/ Responsivität als besonders gering eingeschätzt wurde, in Einrichtungen mit hoher Betreuungsqualität höher, als dies in Einrichtungen mit weniger qualifizierten Betreuungsangeboten der Fall war. uj 11+12 (2010) 487 frühkindliche bindung Außerhalb von Fragestellungen nach der Bindungsqualität wurden die Daten der NICHD-Erhebung aber auch dahingehend ausgewertet, wie sich in der frühen Kindheit erfahrene längerfristige Fremdbetreuung auf die weitere Entwicklung des Kindes auswirkt. Was die kognitive Entwicklung betrifft, so lässt sich den Ergebnissen entnehmen, dass Kinder, die in den ersten drei Lebensjahren eine qualitativ hochwertige Betreuung erfahren hatten, mit 15, 24 und 36 Monaten ebenfalls höhere Werte bei kognitiven und Sprachtests erzielten. Zugleich wurden die Mütter dieser gut betreuten Kinder als sensibler und ihren Kindern gegenüber im täglichen Umgang als engagierter eingestuft als dies bei der Gruppe der qualitativ weniger gut betreuten Kinder der Fall war. Der Umfang (Stundenzahl) der Fremdbetreuung schien hingegen in keinem signifikanten Zusammenhang mit besseren kognitiven Leistungen zu stehen (Peth- Pierce 1998). Bezogen auf das letztgenannte Ergebnis wurden durch andere Studien allerdings durchaus auch weniger günstige Aspekte deutlich. So berichteten ErzieherInnen, dass bei Kindern, die hohe Stundenzahlen an Fremdbetreuung erfahren, auch mehr Verhaltensprobleme, konfliktträchtiges Verhalten und ein geringeres prosoziales Verhalten zu beobachten seien (NICHD- ECCRN 2006). Dabei ist aber zu beachten, dass es sich hier nur um einen graduellen Unterschied zu zeitlich weniger intensiv betreuten Kindern handelt und nicht etwa um einen klinischen Befund im Sinne einer behandlungsbedürftigen Verhaltensstörung. Wichtig ist festzuhalten, dass obwohl viele Ergebnisse der NICHD-Erhebung darauf hinweisen, dass die Qualität der Fremdbetreuung (Art, Dauer, Kontinuität) einen Einfluss auf die sozio-emotionale sowie die kognitiv-sprachliche Entwicklung des Kindes während seiner ersten drei Lebensjahre haben kann, Faktoren aufseiten der Familie wie z. B. die mütterliche Feinfühligkeit, die Qualität des familialen Umfeldes und auch das Familieneinkommen stets einen deutlich größeren Einfluss auf seine weitere Entwicklung ausübten (NICHD-ECCRN 2001). Gleiches gilt für psychische, sozio-ökonomische und soziokulturelle Risikofaktoren innerhalb der Familie: auch sie prägen die kindliche Entwicklung insgesamt stärker als Einflussgrößen aus der Fremdbetreuung - und zwar weitgehend unabhängig von deren Qualität und Quantität (NICHD-ECCRN 2002; Sagi u. a. 2002). Auf die methodischen Einschränkungen der NICHD-Erhebung ist wiederholt hingewiesen worden (z. B. Howes/ Spieker 2008). Sie werden vor allem - trotz der großen Stichprobe - in der nicht-repräsentativen Datenerhebung (Familien mit niedrigem sozio-ökonomischen Hintergrund sind unterrepräsentiert) und der daraus resultierenden eingeschränkten Generalisierbarkeit der Befunde gesehen. Diese Mängel konnten jedoch in einer weiteren, in Israel durchgeführten Längsschnittstudie zum gleichen Themenbereich, der sogenannten Haifa-Studie (Sagi u. a. 2002) weitgehend ausgeglichen werden. Auch in dieser Studie ging es vor allen Dingen darum, die langzeitlichen Auswirkungen frühkindlicher Fremdbetreuung auf die Entwicklung der Mutter-Kind-Bindung einzuschätzen. Die Stichprobe war wiederum recht umfangreich. Sie umfasste etwa 700 Familien aus allen sozialen Schichten des Einzugsgebiets um Haifa/ Israel. Die Auswertung des Datensatzes erfolgte auch hier hauptsächlich mit Hilfe logistischer Regressionsverfahren. Die von Sagi u. a. (2002) publizierten Ergebnisse können zum Teil als Bestätigung, zum Teil als Ergänzungen zu den 488 uj 11+12 (2010) frühkindliche bindung Ergebnissen der NICHD-Forschungsgruppen angesehen werden. So konnten die AutorInnen zeigen, dass Kinder, die in ihrem ersten Lebensjahr Krippenbetreuung erfahren hatten, im Vergleich zu Kindern, die gar keine institutionelle Betreuung oder Betreuung durch Verwandte erfahren hatten, vermehrt unsichere Bindungsmuster aufwiesen (46 % versus 26 % insgesamt, d. h. A- und C-Typ). Außerdem fanden sich Hinweise darauf, dass sich der Personalschlüssel innerhalb der betreuenden Einrichtungen auf die Bindungssicherheit der Kinder auswirkt: 72 % sicher gebundene Kinder bei einem Betreuungsverhältnis von 3 : 1 oder weniger im Vergleich zu nur 57 % bei höheren Betreuungsverhältnissen. Interessanterweise konnten die AutorInnen belegen, dass es vor allem die Betreuungsschlüssel und nicht so sehr das zeitliche Ausmaß an Betreuung sind, aus denen sich Bindungssicherheit vorhersagen ließ. Ähnlich wie in der NICHD-Studie (1997) fanden auch Sagi u. a. (2002), dass die Bedingungskonstellation „geringe mütterliche Sensitivität kombiniert mit einer qualitativ schlechten Fremdbetreuung“ im Entwicklungsverlauf immer den geringsten Anteil sicher gebundener Kinder zur Folge hatte. Ein Effekt des Geschlechtes konnte ebenfalls nachgewiesen werden, insofern nämlich, als sich die Bindungssicherheit von Jungen durch Fremdbetreuung im Allgemeinen und durch instabile Betreuung sowie durch ein hohes Kind- Betreuer-Verhältnis im Besonderen als gefährdet herausstellte. Im Zusammenhang mit der Thematik „Außerfamiliäre Betreuung“ in der frühen Kindheit ist es aber nie allein um die Frage gegangen, ob wegen der zum Teil vielstündigen Abwesenheit der Mutter der Aufbau einer sicheren Mutter-Kind-Bindung überhaupt möglich sei, sondern Sorge wurde auch dahingehend geäußert, ob das Kind in der Lage sei, Bindungen gleichzeitig zu mehreren Betreuungspersonen aufzubauen, und falls ja, ob die Bindungsqualität etwa zu ErzieherInnen derjenigen zur Hauptbezugsperson, meistens der Mutter, dann gleich oder unterschiedlich ausgeprägt sei. Man befürchtete ferner, dass im Rahmen von Gruppenbetreuung eine individuell ausgerichtete Zuwendung seitens der ErzieherInnen nur schwer möglich sei. Auch derartige Fragestellungen sind in den letzten Jahren Gegenstand verschiedener Studien gewesen mit einer ganzen Reihe unerwarteter Ergebnisse (Ahnert u. a. 2006; Howes/ Spieker 2008). Einige der genannten Befürchtungen lassen sich allerdings schon im Vorfeld durch Alltagsbeobachtungen relativieren. So sind Kinder ja nicht ausschließlich mit ihrer Mutter zusammen, sondern machen ständig Erfahrungen im Umgang mit weiteren Personen: Geschwistern, Vater, Großeltern, Verwandten, Spielkameraden etc. Im Alltag von Tagesbetreuung lässt sich beispielsweise häufig beobachten, dass viele Kinder in emotional belastenden Situationen spontan die Nähe der ErzieherInnen suchen, genauso wie es ebenfalls viele Kinder zu Hause bei ihrer Mutter tun. Aber ist das auch schon ein Zeichen für eine bindungsähnliche Beziehung zwischen Kind und ErzieherIn? Und, wenn ja, von welcher Qualität (sicher versus unsicher) sind diese Bindungen? Zur Beantwortung solcher und ähnlicher Fragen bietet die unlängst erschienene Arbeit von L. Ahnert u. a. (2006) einen guten Überblick, da die AutorInnen in dieser metaanalytischen Studie Ergebnisse von etwa 40 Einzelstudien berücksichtigt, analysiert und zusammengefasst haben. Folgende Befunde sind für den hier diskutierten Zusammenhang von Interesse: uj 11+12 (2010) 489 frühkindliche bindung Gestützt auf verschiedene Studienergebnisse fanden Ahnert und Mitarbeiter einen signifikanten, wenn auch nicht sehr ausgeprägten Zusammenhang zwischen der Eltern-Kind-Bindungsqualität auf der einen und der Bindungsqualität zwischen ErzieherInnen und Kind auf der anderen Seite. D. h., hatte das Kind zu Hause bereits eine sichere - oder unsichere - Bindung aufbauen können, so geschah dies zwar zuweilen in ähnlicher Weise auch zu Personen in der Tagesbetreuung, insgesamt konnte aber gezeigt werden, dass es weniger wahrscheinlich ist, dass die Kinder eine sichere Bindung zu den ErzieherInnen entwickeln als dass sie dies gegenüber ihren Eltern tun (Ahnert u. a. 2006). Sichere Bindungen zu ErzieherInnen kamen häufiger in häuslichen Tagesbetreuungskontexten vor (Tagesmütter) als bei institutioneller Betreuung (Krippe, Kita etc.). Dabei ist allerdings grundsätzlich zu beachten, dass die Häufigkeit, mit der sichere versus unsichere Eltern-Kindbzw. ErzieherInnen-Kind-Bindungen beobachtet wurden, abhängig von der jeweils angewandten Beobachtungsmethode ist (Howes/ Spieker 2008; zum Verfahren des „Attachment-Q-Sort“ s. Waters/ Deane 1985). Bindungsaufbau entsteht durch Interaktionserfahrungen - das ist in der Tagesbetreuung nicht anders als zu Hause auch. Was sich jedoch gravierend unterscheidet, ist, dass die Kinder in Tageseinrichtungen zumeist in Gruppen betreut werden. Und da lässt sich den von Ahnert u. a. (2006) gesichteten Studien entnehmen, dass es gar nicht primär die individuelle Zuwendung zum einzelnen Kind ist, die zu sicheren ErzieherInnen-Kind-Bindungen führt, sondern dass die Kinder einer Gruppe jeweils ähnliche Bindungsmuster zu allen Betreuungspersonen dieser Gruppe entwickeln, vorausgesetzt, sie werden von diesen stabil betreut (Sagi u. a. 1995). Bindungsmuster im Kontext von Tagesbetreuung scheinen also in Abhängigkeit von der Gruppenzugehörigkeit eines Kindes zu variieren und nicht vorrangig mit der Interaktionsqualität der ErzieherInnen zu einem einzelnen Kind. Die Bindungssicherheit der Kinder, das zeigen die Befunde von Ahnert und Mitarbeitern, hängt somit vor allem von der gruppenbezogenen Empathie der Erzieherin oder des Erziehers ab, also von Merkmalen, die sich auf die Gruppenstruktur und die Gruppendynamik beziehen und zwar unabhängig von der Gruppengröße. Wie man sieht, gestaltet sich der Beziehungs- und Bindungsaufbau im Kontext von Tagesbetreuung anders als im familiären Umfeld, wo sich die Mutter bei mehreren Geschwisterkindern nicht immer in gleicher Intensität um jedes einzelne Kind kümmern kann, was Auswirkungen auf die Bindungsqualität haben kann. In der Tagesbetreuung hingegen, das hat die Analyse von Ahnert u. a. (2006) ergeben, sind Sensitivität und Responsivität der ErzieherInnen primär auf die jeweiligen „Bedürfnisse“ der Gesamtgruppe ausgerichtet, in die sie die akuten individuellen Wünsche und Bedürfnisse eines einzelnen Kindes zu integrieren versuchen. Gelingt das, ist eine gute Voraussetzung zum Aufbau sicherer ErzieherInnen-Kind- Bindungen gegeben. Die Kenntnis dieses Zusammenhangs ist für die tägliche Betreuungsarbeit ebenso wichtig, wie die Tatsache, dass sich auch in der Ahnert-Studie wiederum ein enger Zusammenhang zwischen Bindungsqualität und dem Geschlecht des Kindes herausstellte: Mädchen entwickeln in der Tagesbetreuung häufiger sichere Bindungen zu den ErzieherInnen als dies bei Jungen der Fall ist (zur Erklärung s. Howes/ Spieker 2008). 490 uj 11+12 (2010) frühkindliche bindung Zusammenfassung Die Bindungsforschung hat ihren ursprünglichen, durch John Bowlby und Mary Ainsworth geprägten konzeptuellen Rahmen in den vergangenen Jahren in mehrfacher Hinsicht weiterentwickeln und erweitern können. Zum einen gelang das dadurch, dass Bindungsverhalten als ein zwar wichtiges, aber nicht mehr als das alleinige Verhaltenssystem angesehen wurde, das über Mutter-Kind-Interaktionen Einfluss auf die emotionale, soziale und einige weitere Entwicklungsbereiche des Kindes nimmt. Zum anderen hat sich vielfach bestätigt, dass es zum Verständnis von Bindungsphänomenen ausgesprochen fruchtbar sein kann, Befunde der Evolutionsbiologie einzubeziehen. Im Verbund mit kulturvergleichenden Studien konnte so der Blick für die Kulturabhängigkeit von elterlichen Erziehungspräferenzen und deren Einfluss auf die sozial-emotionale Entwicklung des Kindes geschärft werden. Als besonders wichtiges Ergebnis ist festzuhalten, dass je nach kulturellem Profil einer Gesellschaft nicht nur die „Sichere Bindung“, sondern sehr wohl auch andere Bindungsmuster als „optimale“ kindliche Anpassungsstrategien fungieren können. Was das Thema Kindertagesbetreuung betrifft, so stellt sich die Befundlage heute als überaus vielfältig und nicht leicht zu überschauen dar. Trotzdem lassen sich auch hier einige allgemeine Tendenzen festhalten: So hat sich herausgestellt, dass die hochplausible Annahme, dass es einzelne, isolierte Variablen aufseiten des Kindes oder des familiären Hintergrundes oder der betreuenden Einrichtung sind, die sich in positiver oder in weniger günstiger Weise auf die Bindungssicherheit von tagesbetreuten Kindern auswirken, in dieser Form unzutreffend ist. Stattdessen spielen Wechselwirkungsprozesse zwischen Kind, Mutter und Variablen der Einrichtung eine gewichtige Rolle. Die Annahme, dass in der Gruppenbetreuung die Bedürfnisse des einzelnen Kindes nicht genügend beachtet werden könnten, wird durch die vorliegenden Studienergebnisse in dieser allgemeinen Form nicht bestätigt. Das liegt in erster Linie am Verhalten der ErzieherInnen, das in der Regel gruppen- und (! ) kindzentriert ausgerichtet ist. Für Jungen scheint es schwerer zu sein, unter Tagesbetreuung sichere Bindungen aufzubauen als dies für Mädchen der Fall ist.Faktoren aufseiten der Mutter/ der Familie haben durchgehend einen deutlich größeren Einfluss auf die weitere Entwicklung des Kindes, als es Faktoren der Fremdbetreuung haben, wobei zu beachten ist, dass die Diagnose „sichere versus unsichere Bindungsqualität“ stets durch das dabei angewandte Messinstrument beeinflusst wird. Konkret für den Erziehungsalltag in der Kindertagesbetreuung lässt sich diesen Ergebnissen also entnehmen, dass eine hohe Betreuungsqualität dann gewährleistet ist, wenn die Gruppen nicht zu groß sind, der Betreuungsschlüssel nicht zu niedrig ausfällt, die BetreuerInnenwechsel nicht zu häufig stattfinden und ein sensibles Augenmerk speziell auf das Befinden der Jungen gelegt wird. Literatur Ahnert, L./ Pinquart, M./ Lamb, M. E., 2006: Security of children’s relationships with non-parental care providers: A meta-analysis. 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