unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2010.art23d
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Deutschland ist Mittelmaß - Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen im Spiegel des OECD-Kinderberichts 2009
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Hans-Peter Heekerens
In diesem Beitrag werden die Ergebnisse des OECD-Kinderberichts 2009 hinsichtlich des Wohlergehens von Kindern und Jugendlichen dargestellt, diskutiert und auf ihre Bedeutung für die Soziale Arbeit hin beleuchtet. Als zentraler Befund zeigt sich in Übereinstimmung mit den Ergebnissen früherer internationaler Vergleiche, dass Deutschland in Sachen „Kindliches Wohlergehen“ im OECD- wie im EU-Vergleich lediglich Mittelmaß ist. Ein vertiefter Blick auf einzelne Befunde zeigt, mit wie viel Fragezeichen das Konzept des „Kindlichen Wohlergehens“, das eine unverzichtbare Erweiterung des traditionellen Begriffs von „Kinderarmut“ darstellt, noch versehen ist. Zugleich schärft ein solch näheres Hinsehen den Blick für die Handlungsnotwendigkeiten und -möglichkeiten der Sozialen Arbeit.
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216 uj 5 (2010) Unsere Jugend, 62. Jg., S. 216 -225 (2010), DOI 10.2378/ uj2010.art23d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Deutschland ist Mittelmaß - Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen im Spiegel des OECD-Kinderberichts 2009 Hans-Peter Heekerens In diesem Beitrag werden die Ergebnisse des OECD-Kinderberichts 2009 hinsichtlich des Wohlergehens von Kindern und Jugendlichen dargestellt, diskutiert und auf ihre Bedeutung für die Soziale Arbeit hin beleuchtet. Als zentraler Befund zeigt sich in Übereinstimmung mit den Ergebnissen früherer internationaler Vergleiche, dass Deutschland in Sachen „Kindliches Wohlergehen“ im OECDwie im EU-Vergleich lediglich Mittelmaß ist. Ein vertiefter Blick auf einzelne Befunde zeigt, mit wie viel Fragezeichen das Konzept des „Kindlichen Wohlergehens“, das eine unverzichtbare Erweiterung des traditionellen Begriffs von „Kinderarmut“ darstellt, noch versehen ist. Zugleich schärft ein solch näheres Hinsehen den Blick für die Handlungsnotwendigkeiten und -möglichkeiten der Sozialen Arbeit. kindliches wohlergehen Einleitung Die OECD hat im Jahre 2009 gleich zwei Berichte vorgelegt, die sich um verschiedene Aspekte des Wohlergehens von Kindern und Jugendlichen im internationalen Vergleich kümmern. Der erste, Doing Better for Children (OECD 2009 a; künftig: OECD-Kinderbericht 2009), betrachtet dazu 21 Indikatoren des Wohlergehens von Kindern und Jugendlichen, die sechs Dimensionen, darunter „(Aus-)Bildung“, zugewiesen werden. Nur der „(Aus-)Bildung“ widmet sich der zweite Bericht mit dem Titel Education at a Glance (OECD 2009 b). Der vorliegende Artikel bezieht sich, ohne dass damit ein bedeutsamer Informationsverlust verbunden wäre, lediglich auf den ersten Bericht; auf diesen aber nicht in seiner Gänze, sondern nur auf diejenigen Partien, die uns Auskunft geben über das Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen in OECD- (und damit verbunden: EU-)Staaten. Mit Begrenzung auf EUbzw. OECD-Staaten richtet sich der Blick auf diejenigen Länder und Regionen der Welt, in denen es um das Wohlergehen von Kindern und Jugend- Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens Jg. 1947; Dipl.-Psych., Dr. theol., Dr. phil.habil., Professor für Pädagogik und Sozialarbeit/ Sozialpädagogik an der Hochschule München uj 5 (2010) 217 kindliches wohlergehen lichen hinsichtlich zentraler Indikatoren in der Regel besser bestellt ist als anderswo. Zwei neuere Berichte der UNICEF (2009 a, 2009 b) illustrieren das eindrucksvoll. Mit „Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen“ („Kindliches Wohlergehen“, Child Well-Being) ist ein erweitertes und wertebasiertes Konzept von „Kinder-/ Jugendlichenarmut“ gemeint. Die Wertebasierung wird unter Verweis auf die Kinderrechtskonvention von 1989 seit einigen Jahren verstärkt von der UNICEF propagiert (Ohling/ Heekerens 2005, 2007; Heekerens/ Ohling 2007) und mit dem Konzept des „Kindlichen Wohlergehens“ in der Kinderarmutsstudie von 2007 (UNICEF 2007) erstmals umgesetzt. Dieses multidimensionale Konzept umfasste damals folgende sechs (Grund-)Dimensionen: 1. materielles Wohlbefinden, 2. Gesundheit und Sicherheit, 3. (Aus-)Bildung, 4. Beziehungen zu Familie und Gleichaltrigen; 5. Verhaltensrisiken (Risikoverhalten) sowie 6. subjektives Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen. Die Bradshaw- Gruppe, die dieses Konzept entwickelt hatte (Bradshaw/ Hoelscher/ Richardson 2006), erweiterte es anschließend noch (Bradshaw/ Hoelscher/ Richardson 2007; deutschsprachige Darstellung des Gesamtkonzepts siehe Heekerens/ Ohling 2009). Im OECD-Kinderbericht 2009 ist die Anzahl der betrachteten Dimensionen reduziert. Zu Recht weisen Bertram und Kohl (2010) darauf hin, dass dem Konzept „Kindliches Wohlergehen“ Wesentliches fehlt, wenn die Sozialbeziehungen der Kinder und Jugendlichen (insbesondere die zu ihren Eltern) und ihre Selbsteinschätzung fehlen. Der OECD-Kinderbericht 2009 rechtfertigt seine Beschränkung indes mit doppeltem Argument: Es wurden nur solche Indikatoren ausgewählt, die zum einen politischer Einflussnahme direkt oder indirekt zugänglich und zum anderen für die meisten OECD-Staaten als Ergebnisse empirischer Studien verfügbar sind. Die „Armen“, wie eng oder breit auch immer gefasst, waren und sind zentraler „Gegenstand“ Sozialer Arbeit. Das gilt vollumfänglich in praktischer Hinsicht. Womit die Profession Soziale Arbeit es tagtäglich zu tun hat, kann und soll der Disziplin Soziale Arbeit nicht einerlei sein. Sicher: (Kinder-)Armutsforschung vollzieht sich heutzutage faktisch außerhalb der Disziplin Soziale Arbeit. Aber sie kann und muss sich mit dieser, deren Methoden und Ergebnissen auseinandersetzen, will sich die Profession Soziale Arbeit nicht einfach ungeschützt Fremddeutungen aussetzen. Bei aller Würdigung der theoretischen wie praktischen Vorteile eines erweiterten Konzepts von Kinderarmut (Heekerens/ Ohling 2009) wurden kritische Anfragen an einzelne Indikatoren von „Kindlichem Wohlergehen“, wie sie auch in diesem Artikel nicht fehlen werden, schon früher vorgebracht (Heekerens/ Ohling 2007; Ohling/ Heekerens 2007). Die Disziplin Soziale Arbeit bewegt sich mit solchem Bemühen zwar in ungewohntem, nicht aber völlig fremdem Gelände; am Beginn der deutschsprachigen Kinderarmutsforschung standen praktische Fragen der Sozialen Arbeit mit armen Kindern (Ohling/ Heekerens 2009). Die Konstruktion von „Kindlichem Wohlergehen“ nach dem OECD-Kinderbericht 2009 Auf welchen zu einzelnen Dimensionen zusammengefassten Indikatoren das Konstrukt „Kindliches Wohlergehen“ im OECD-Kinderbericht 2009 beruht, ist Abbildung 1 zu entnehmen. 218 uj 5 (2010) kindliches wohlergehen Dimension Indikatoren Indikator kindzentriert Jahr(e) der Datenerhebung Abgedeckter Altersbereich Materielles Wohlergehen • verfügbares Durchschnittseinkommen • Kinderarmutsrate (50 %-Schwelle) • außerschulische Lernressourcen Nein Nein Ja 2005 2005 2006 0 - 17 0 - 17 15 Wohnung/ Wohnumgebung • Wohnraum/ Personen • Belastete Wohnumgebung (Lärm, Schmutz etc.) Ja Ja 2006 2006 0 - 17 0 - 17 (Aus-)Bildung • Textverständnis (Mittelwert) • Textverständnis (Extremgruppenvergleich) 1 • Jugendliche, die weder in Arbeit noch in Ausbildung sind Ja Ja Ja 2006 2006 2006 15 15 15 - 19 Gesundheit/ Sicherheit • Niedriges Geburtsgewicht • Säuglingssterblichkeit • Stillen • Impfrate Keuchhusten • Impfrate Masern • Körperliche Aktivität • Mortalitätsraten • Suizidraten Ja Ja Ja Ja Ja Ja Ja Ja 2005 2003 - 2005 1998 - 2006 2003 - 2005 2003 - 2005 2005 - 2006 2001 - 2006 2001 - 2006 0 0 - 1 022 11 - 15 0 - 19 0 - 19 Risikoverhalten • Rauchen (mind. 1 x/ Woche) • Alkoholkonsum (mind. 2 x bislang) • Teenagergeburten Ja Ja Ja 2005 - 2006 2005 - 2006 2005 15 13 - 15 15 - 19 Schulisches Umfeld • Bullying 2 (mind. 2 x/ letzte 14 Tage) • Schule gern haben Ja Ja 2005 - 2006 2005 - 2006 11 - 15 11 - 15 Darstellung nach Angaben von OECD 2009(a), S. 31, Tab. 2.3 Abb. 1: Dimensionen (6) und Indikatoren (21) des Wohlergehens von Kindern und Jugendlichen im OECD-Kinderbericht 2009 1 Verglichen wird der Anteil derer, die ein sehr gutes Ergebnis (90. Perzentile) erzielt haben, mit dem Anteil derer, die ein schlechtes Ergebnis (10. Perzentile) erreicht haben. Man gewinnt so ein Maß für Ungleichheit. Je größer die Ungleichheit im vorliegenden Falle ist, umso negativer wird dies bewertet. Ein analoges und sehr bekanntes Maß für Ungleichheit im Kontext der Armutsforschung ist der Gini-Koeffizient für Einkommens- oder Vermögensungleichheit. 2 Im internationalen Sprachgebrauch wird mit „Bullying“ etwas bezeichnet, was in Deutschland im öffentlichen Sprachgebrauch oft mit „Mobbing im schulischen Kontext“ oder „Mobbing in der Schule“ gekennzeichnet wird. Gemeint sind vielfältige Formen des Tyrannisierens oder Schikanierens. In deutschsprachigen wissenschaftlichen Publikationen wird auch hierzulande - und diesem Sprachgebrauch wird hier gefolgt - der Begriff „Bullying“ verwendet (vgl. etwa Marées/ Petermann 2009 oder die Aufsätze im Themenheft 2/ 2009 „Bullying im Kindes- und Jugendalter“ der Praxis für Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie). uj 5 (2010) 219 kindliches wohlergehen Deutschlands Position im Insgesamt-Ranking Im OECD-Papier wird auf den Versuch, ein Insgesamt-Ranking durchzuführen, bewusst verzichtet. Als wissenschaftlichen Grund für eine solche Entscheidung kann man anführen, dass bei einem Insgesamt- Ranking gegenüber einem nach einzelnen Dimensionen differenzierten Ranking Informationen verloren gehen. Diese Begründung ist hinfällig, wenn man so verfährt, wie nachfolgend dargestellt wird. Für die OECD dürfte v. a. politisch motivierte Rücksichtnahme, die im Kontext des vorliegenden Artikels kein Gewicht hat, ausschlaggebend gewesen sein - Rücksichtnahme auf diejenigen OECD-Staaten, die auf die Breite gesehen recht schlecht dastehen (Griechenland, Mexiko, Türkei). Für das Insgesamt-Ranking wurde folgendermaßen vorgegangen: Jedes Land konnte theoretisch in jeder der sechs Dimensionen im OECD-Durchschnitt liegen bzw. bedeutsam (mindestens eine halbe Standardabweichung) besser oder bedeutsam (mindestens eine halbe Standardabweichung) schlechter abschneiden. Für jede Dimension konnte somit jedes Land prinzipiell den Wert 0, + 1 oder - 1 erreichen: 0, wenn es hinsichtlich der betrachteten Dimension im OECD-Mittel, + 1, wenn es bedeutsam darüber und - 1, wenn es bedeutsam darunter lag. Bei 6 Dimensionen entstehen somit 13 Ränge, die von + 6 (bester Rang) über 0 bis - 6 (schlechtester Rang) reichen. Faktisch besetzt sind, wie Abbildung 2 zeigt, 10 Ränge zwischen + 5 und - 4. Wie sich die einzelnen Staaten auf die einzelnen Ränge verteilen, ist Abbildung 2 zu entnehmen. Die Ränge mit den Werten 0 und + 1 bilden in der Skala, wie sie Abbildung 2 bietet, die Mitte. Und dort liegt auch Deutschland. Das gilt sowohl für einen OECDwie für einen EU-Vergleich. Von den 22 OECD-Staaten in Abbildung 2 sind nur 3 (Island, Norwegen und USA) keine EU-Länder. Betrachtet man in Abbildung 2 nur die 19 (von insgesamt 27) EU-Staaten, dann verändert sich die Rangplatzierung Deutschlands nicht. Der vorliegende Doppelbefund ist nicht der besonderen Konstruktion von „Kindlichem Wohlergehen“, wie sie im OECD-Kinderbericht 2009 vorgenommen wurde, zuzuschreiben. Die Mittelposition Deutschlands findet sich auch, wenn andere Konstruktionen von „Kindlichem Wohlergehen“ Verwendung finden; so in einem früheren Vergleich der OECD-Staaten (UNICEF 2007) und der EU-Staaten (Bradshaw/ Hoelscher/ Richardson 2007). Betrachtet man die 17 Staaten, die sowohl OECDals auch EU-Staaten sind, so zeigt sich trotz unterschiedlicher Konstruktion von „Kindlichem Rang Staat +5 Island, Schweden +4 Dänemark, Finnland, Niederlande, Norwegen +3 - +2 Spanien +1 Deutschland, Irland, Luxemburg, Tschechische Republik 0 Frankreich, Ungarn, Vereinigtes Königreich -1 Belgien, Österreich, USA -2 Polen, Portugal, Slowakische Republik -3 Italien -4 Griechenland Darstellung nach Angaben von OECD 2009 a, S. 23, Tab. 2.1; eigene Berechnungen Nicht-EU-Staaten kursiv gesetzt Abb. 2: Insgesamt-Ranking hinsichtlich „Kindlichem Wohlergehen“ von 22 OECD- Staaten (darunter 19 EU-Staaten) mit vollständigen Daten in allen sechs relevanten Dimensionen 220 uj 5 (2010) kindliches wohlergehen Wohlergehen“ eine hohe Übereinstimmung hinsichtlich der Mittellage Deutschlands: Rang 9 im OECDbzw. Rang 7 im EU- Vergleich (Ohling/ Heekerens 2007). Deutschlands Position im differenzierenden Ranking Deutschland, und damit leiten wir über zu einem nach einzelnen Dimensionen differenzierenden Ranking, erhält in Abbildung 2 den Rangplatz + 1, weil es in zwei Dimensionen bedeutsam besser und in einer bedeutsam schlechter als im OECD-Durchschnitt abschneidet. Besser schneidet es ab bei „Materielle Situation“ und „Gesundheit/ Sicherheit“, schlechter bei „Wohnung/ Wohnumgebung“. Die Angaben im OECD- Kinderbericht 2009 erlauben aber ein weit differenzierteres Ranking, und dieses ist in Abbildung 3 zusammenfassend dargestellt. Die Werte Deutschlands im differenzierenden Ranking bewegen sich sowohl im OECDwie im EU-Vergleich für alle Dimensionen im Mittelbereich. Das gilt es in Rang Materielles Wohlergehen Wohnung/ Wohnumgebung (Aus-) Bildung Gesundheit/ Sicherheit Risikoverhalten Schulisches Umfeld 1 Norwegen Norwegen Finnland Slowakische Republik Schweden Island 2 Dänemark Schweden Niederlande Island Norwegen Norwegen 3 Luxemburg Luxemburg Island Schweden Portugal Niederlande 4 - 8 9 Deutschland Deutschland Deutschland 10 11 12 Deutschland 13 Deutschland 14 15 16 17 Deutschland 18 -19 20 Griechenland Italien Portugal Irland Finnland Luxemburg 21 Slowakische Republik Tschech. Republik Griechenland Belgien Österreich Griechenland 22 Polen Slowakische Republik Italien Österreich Vereinigtes Königreich Slowakische Republik Darstellung nach Angaben von OECD 2009 a, S. 23, Tab. 2.1; eigene Berechnungen Nicht-EU-Staaten kursiv gesetzt Abb. 3: Nach einzelnen Dimensionen differenzierendes Ranking hinsichtlich „Kindlichem Wohlergehen“ von 22 OECD-Staaten (darunter 19 EU-Staaten) mit vollständigen Daten in allen sechs relevanten Dimensionen uj 5 (2010) 221 kindliches wohlergehen zweierlei Hinsicht zu präzisieren. Zum einen: Deutschland befindet sich hinsichtlich keiner einzigen Dimension unter den ersten bzw. letzten drei Staaten. Und zum anderen: Deutschland bewegt sich hinsichtlich fünf von sechs Dimensionen im (grau unterlegten) mittleren Drittel der Rangskala; nur bei einer Dimension, die später noch näher betrachtet wird, bricht Deutschland aus diesem engen Band aus: nach unten bei „Wohnung/ Wohnumgebung“. Mittelmaß ist nicht genug Deutschland ist hinsichtlich des Wohlergehens mittelmäßig und hält das mittlere Maß. Dies und eine geringe Schwankungsbreite über einzelne Dimensionen wie im OECD-Kinderbericht 2009 fanden sich auch schon im OECD-Report von 2007 (UNICEF 2007) und im EU-Bericht von 2007 (Bradshaw/ Hoelscher/ Richardson 2007) gleichermaßen (Ohling/ Heekerens 2007) und finden sich auch im jüngsten internationalen Vergleich „Zur Lage der Kinder in Deutschland 2010“ (Bertram/ Kohl 2010). Deutschland neigt beim Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen nicht zu Extremen. Das gilt auch für Ausschläge zur negativen Seite hin. Das ist als positiv zu werden. Aber das genügt nicht, um Deutschland in Sachen „Kindliches Wohlergehen“ ein Zeugnis jenseits von „befriedigend“ auszustellen. Nur Mittelmaß zu zeigen, ist unter den Möglichkeiten eines Landes, das gemessen an seinen gesellschaftlichen Ressourcen sowohl in der OECD als auch in der EU im oberen Drittel liegt. Deutschland tut für seine Kinder und Jugendlichen weniger, als nötig wäre und es leisten könnte (Heekerens/ Ohling 2005). Ein Teil der Minderleistung resultiert nach Auskunft des OECD-Kinderberichts 2009 aus einer Fehlverteilung von Mitteln für Kinder und Jugendliche: zu viel im letzten Drittel des Großwerdens, zu wenig im ersten. Unter der Lupe: „Wohnung/ Wohnumgebung“ Wie oben ausgeführt, bricht Deutschland nur hinsichtlich einer von sechs Dimensionen aus dem mittleren Drittel der Rangskala aus: nach unten bei „Wohnung/ Wohnumgebung“. Das verwundert angesichts des allgemeinen Kenntnisstandes über die Wohn(ungs)situation in den zum Vergleich herangezogenen OECDbzw. EU-Staaten. Und in der Tat zeigt sich bei näherer Betrachtung Erstaunliches. Beim ersten Indikator der interessierenden Dimension, bei „Wohnraum pro Person“, landet Deutschland unter 26 betrachteten OECD-Staaten auf Rang 10, also im oberen Mittelfeld. Beim zweiten Indikator „Belastete Wohnumgebung (Lärm, Schmutz etc.)“ hingegen findet sich Deutschland sowohl mit Blick auf die betrachteten 24 OECD-Staaten als auch auf die 22 EU-Staaten unter ihnen auf dem vorletzten Rang; nur die Niederlande schneiden bei diesem Indikator schlechter ab. Die EU-Staaten gesondert zu betrachten, liegt nahe, da der infrage stehende Indikator dort mit denselben Fragen - in Nicht-EU-Staaten lauteten die Fragen anders - ermittelt wurde: mit Fragen nach Lärmbelästigung und nach Verunreinigung, Verdreckung und anderen Umweltbelastungen durch Verkehr oder Industrie. Das Ergebnis zum Indikator „Belastete Wohnumgebung (Lärm, Schmutz etc.)“ erstaunt, weil schwer erklärbar ist, weshalb Deutschland, beurteilt nach bekannten objektivierbaren Größen, auf dem zweitletzten Platz landet. Hier hilft nur ein vertief- 222 uj 5 (2010) kindliches wohlergehen ter Blick in die „Datenproduktion“ weiter. Die Daten für diesen Indikator stammen aus dem EU Survey on Income and Living Conditions (EU-SILC; Central Statistics Office 2007) von 2006. Der EU-SILC ist eine Befragung privater Haushalte, die Teilnahme ist freiwillig, und die Antworten werden in der Regel von Erwachsenen gegeben. Haben wir beim ersten Indikator („Wohnraum pro Person“) ein objektives Maß vor Augen, so beim zweiten („Belastete Wohnumgebung“) ein subjektives. Es könnte sein - und das wäre eine zu prüfende Hypothese -, dass beim zweiten Indikator die unterschiedlich ausfallenden Antworten aus verschiedenen EU-Staaten nicht, nicht nur bzw. nicht vornehmlich Unterschiede hinsichtlich objektivierbarer Tatsachen, sondern Differenzen in der Bewertung derselben widerspiegeln. Um es zu konkretisieren: Sind Deutsche in Sachen Nachbarschaftslärm empfindlicher als etwa Italiener? Oder: Reagiert man im Land, in dem „Umweltbelastung“ einen so großen Stellenwert in der öffentlichen Diskussion einnimmt, auf Industriebelastung empfindlicher als etwa in der Tschechischen Republik? Nähere Betrachtung: „Materielle Situation“ War es im vorigen Abschnitt ein fragwürdiger Indikator, der eine Dimension nach unten zog, so ist hier ein zumindest ebenso fragwürdiger, wenngleich aus anderen Gründen, der eine andere Dimension nach oben hebt. Das relativ gute Abschneiden Deutschlands bei der Dimension „Materielle Situation“ muss Erstaunen hervorrufen bei all denen, die mit der Erforschung des materiellen Wohlbefindens von Kindern und Jugendlichen national wie international vertraut sind (vgl. etwa Bertram/ Kohl 2010). Im OECD-Kinderbericht 2009 wird die Dimension „Materielle Situation“ bestimmt durch die drei Indikatoren „Verfügbares Durchschnittseinkommen“, „Kinderarmutsrate (50 %-Schwelle)“ und „Außerschulische Lernressourcen“. Der Indikator „Außerschulische Lernressourcen“ stammt aus der PISA-Forschung und bezieht sich auf das (Nicht-)Vorhandensein von acht für schulisches Lernen als bedeutsam angesehenen Ressourcen in der Wohnung eines 15-jährigen Schülers: ein Schreibtisch, ein ruhiger Arbeitsplatz, ein für die Erledigung von Schulaufgaben geeigneter Computer, Lernsoftware, ein Internetanschluss, ein Taschenrechner, mindestens ein Wörterbuch, Schulbücher. Hat ein Schüler weniger als vier dieser acht Ressourcen, spricht der OECD-Kinderbericht 2009 von Educational Deprivation. Hinsichtlich dieses Indikators nimmt Deutschland unter 30 OECD-Staaten Rangplatz 2 (übertroffen nur von Island) ein. Und wegen dieses Indikators schafft es Deutschland bei der Dimension „Materielle Situation“ ins Plus. Bei den Indikatoren „Verfügbares Durchschnittseinkommen“ und „Kinderarmutsrate (50 %- Schwelle)“ liegt es nämlich im Minus. Im Einzelnen: Hinsichtlich des Indikators „Kinderarmutsrate (50 %-Schwelle)“ liegt Deutschland unter den 30 OECD- Staaten mit einem Wert von 16,3 neben Irland auf Rangplatz 23! Schlechter sieht es nur noch in Portugal, Spanien, den USA, Polen, Mexiko und der Türkei aus. Die Kinderarmutsrate liegt in Deutschland gut sechsmal so hoch wie im Spitzenreiterland Dänemark und noch immer bald doppelt so hoch wie in Ungarn. Hinsichtlich des bedarfs- und kaufkraftgewichteten Indikators „Verfügbares Durchschnittseinkommen“ sieht sich Deutschland unter 30 OECD-Staaten auf dem 18. Rang. Da geht es bezüglich der Kaufkraft Kindern in Staaten besser, von denen man es nicht so uj 5 (2010) 223 kindliches wohlergehen ohne Weiteres vermutet hätte: in den USA (Rangplatz 2) etwa oder im Vereinigten Königreich (Rangplatz 8), in Irland (Rangplatz 10) oder Korea (Rangplatz 14). Soziale Arbeit zielt nach ihrem Selbstverständnis, schlagwortartig formuliert, ab auf positive Veränderung sowohl des Verhaltens als auch der Verhältnisse. Bezüglich „Verfügbarem Durchschnittseinkommen“ und „Kinderarmutsrate“ ist sie aufgerufen, mit allen ihren verfügbaren Mitteln auf die (Sozial-)Politik in unserem Lande einzuwirken, um die Verhältnisse zu einem Besseren zu wenden. Verdeckte Probleme entdecken: „Schulisches Umfeld“ Die bisherigen Ausführungen dürften gezeigt haben, dass sich ein Blick hinter die Kulissen der Dimensionen und Indikatoren des Konstrukts „Kindliches Wohlergehen“ lohnt. Das soll abschließend an zwei weiteren Beispielen gezeigt werden. In den Blick genommen wird hier zunächst die Dimension „Schulisches Umfeld“. „Schule gern haben“, der erste Indikator für diese Dimension, und „Leistungsfähigkeit der Schule“ sind verschiedene Dinge, und sie müssen nicht unbedingt positiv miteinander korrelieren. Das markanteste Beispiel für eine negative Korrelation liefert Finnland: Beim(PISA-)Indikator„Textverständnis“ 15-jähriger Jungen schneidet Finnland unter allen OECD-Staaten am besten ab, bei „Schule gern haben“ liegt es bei den 11bis 15-Jährigen auf dem viertletzten Platz von 25 beobachteten OECD-Staaten. Für Deutschland zeigt sich ein entgegengesetzter und weit weniger bedeutsamer Schereneffekt: Bei „Schule gern haben“ liegt es auf Rang 7 von 25, bei „Textverständnis“ auf Rang 11 von 30. Die gute Platzierung bei „Schule gern haben“ darf nun freilich nicht dahingehend verstanden werden, mit dem schulischen Umfeld sei es, von publicityträchtigen Einzelfällen einmal abgesehen, in Deutschland eigentlich gut bestellt. Schaut man nämlich auf den zweiten verwendeten Indikator für schulisches Umfeld, auf „Bullying“ („Mobbing in der Schule“), so stellt sich heraus: Deutschland landet unter 24 betrachteten OECD-Staaten auf Rangplatz 19. Bald 14 Prozent aller 11-, 13- und 15-Jährigen waren in den letzten zwei Monaten mindestens zweimal Opfer von Bullying - die Jüngeren eher als die Älteren und Jungen eher als Mädchen. In der Schule Opfer von Bullying zu werden, trifft nach Auskunft der OECD- Kinderstudie 2009 Kinder unterhalb der Armutsgrenze ungleich häufiger als jene oberhalb der Armutsgrenze. Hier ist die Profession Soziale Arbeit zum Handeln aufgerufen, das sie im Rahmen von Schulsozialarbeit noch stärker als bisher einbringen muss. Blick auf Details: „Risikoverhalten“ Ein letzter vertiefter Blick soll der Dimension „Risikoverhalten“ gelten. Deutschland liegt hinsichtlich dieser Dimension im Mittelfeld. Das rührt v. a. daher, dass es bei Teenagergeburten und Alkoholkonsum im Mittelbereich liegt. Beim Rauchen 15-Jähriger aber liegt es unter dem Durchschnitt. Und wenn man nach Geschlechtern differenziert, zeigt sich: Gemessen am Indikator „Rauchen (mind. 1 x/ Woche)“ liegt Deutschland bei den Mädchen mit einem Prozentsatz von 22 an drittletzter Stelle unter den 24 betrachteten OECD-Staaten; nur in der Tschechischen Republik (23 Prozent) und in Österreich (30 Prozent) rauchen mehr 15-jährige Mädchen. 224 uj 5 (2010) kindliches wohlergehen Die einschlägige DAK-Studie von 2007 (Morgenstern/ Wiborg/ Hanewinkel 2007), basierend auf Angaben von 1.738 SchülerInnen der Klassenstufen 7 bis 13 (mittleres Alter: 15,4 Jahre) aus zwölf Schulen Schleswig-Holsteins, erlaubt einen vertieften Einblick. Zunächst einmal: Mädchen und Jungen unterscheiden sich in der Rauchquote insgesamt nur geringfügig und statistisch nicht bedeutsam (29,1 vs. 31,6 Prozent). Ein deutlicher und signifikanter Geschlechtseffekt zeigt sich indessen beim täglichen vs. gelegentlichen Rauchen: Während in der Gruppe der Jungen bald 19 Prozent angeben, täglich zu rauchen, sind das in der Gruppe der Mädchen lediglich 13. In Bezug auf das Alter kann bei der Rauchfrequenz kein statistisch bedeutsamer Unterschied festgestellt werden. Die 11bis 15-Jährigen rauchen zwar insgesamt gesehen seltener als die 16bis 20-Jährigen; tägliches und gelegentliches Rauchen verteilt sich jedoch in etwa gleich innerhalb der beiden Altersgruppen. Ein großer und für Interventionsfragen bedeutsamer geschlechtsspezifischer Unterschied zeigt sich bei folgendem Punkt: Mädchen berichten fast doppelt so häufig wie Jungen zu rauchen, um nicht zuzunehmen. Etwa die Hälfte der Mädchen (51 Prozent) macht sich immer/ oft Sorgen um ihr eigenes Gewicht (Jungen: 13 Prozent), und 60 Prozent hätten gerne eine andere Figur (Jungen: 35 Prozent). Auf Grundlage ihres Body-Mass-Index können allerdings 92 Prozent der Mädchen und 88 der Jungen als normalgewichtig eingestuft werden. Das Rauchen von Kindern und Jugendlichen zu verhindern bzw. einzudämmen, ist eine große Herausforderung für die Sozialpädagogik. Die insbesondere bei Mädchen zu findende häufige Verquickung von Rauchen und Körperselbstbild erfordert eine entsprechende fachliche Qualifikation. Literatur Bertram, H./ Kohl, S., 2010: Zur Lage der Kinder in Deutschland 2010: Kinder stärken für eine ungewisse Zukunft. Köln Bradshaw, J./ Hoelscher, P./ Richardson, D., 2006: Comparing child well-being in OECD countries: Concepts and methods. Innocenti Working Paper No. 2006-03. Florenz Bradshaw, J./ Hoelscher, P./ Richardson, D., 2007: An index of child well-being in the European Union. In: Social Indicators Research, 80. Jg., S. 133 - 177 Central Statistics Office, 2007: EU survey on income and living conditions (EU-SILC).www. cso.ie/ releasespublications/ documents/ eu_ silc/ 2006/ eusilc_2006.pdf Heekerens, H.-P./ Ohling, M., 2005: Kinder, Armut und Sozialstaat. In: Unsere Jugend, 57. Jg., H. 9, S. 365 - 376 Heekerens, H.-P./ Ohling, M., 2007: Fragwürdige Indikatoren bei der Beurteilung des Wohlergehens von Kindern und Jugendlichen. In: Unsere Jugend, 59. Jg., H. 7/ 8, S. 331 - 337 Heekerens, H.-P./ Ohling, M., 2009: Kindliches Wohlergehen - ein erweiterter Armutsbegriff. In: Unsere Jugend, 61. Jg., H. 7/ 8, S. 329 - 338 Marées, N. v./ Petermann, F., 2009: Bullying an Grundschulen: Formen, Geschlechtsunterschiede und psychosoziale Korrelate. In: Psychologische Rundschau, 60. Jg., H. 3, S. 152 - 162 Morgenstern, M./ Wiborg, G./ Hanewinkel, R., 2007: Rauchen im Jugendalter: Geschlechtsunterschiede, Rolle des sozialen Umfelds, Zusammenhänge mit anderen Risikoverhaltensweisen und Motivation zum Rauchstopp. Ergebnisse einer Schülerbefragung. http: / / www.dak.de/ content/ files/ Studie_DAK_JBSF.pdf OECD, 2009 a: Doing better for children. Paris OECD, 2009 b: Education at a glance. OECD Indicators. www.oecd.org/ dataoecd/ 41/ 25/ 43636 332.pdf Ohling, M./ Heekerens, H.-P., 2005: Die Kinderarmut in Deutschland wächst. In: Sozialmagazin, 30. Jg., H. 9, S. 35 - 42 Ohling, M./ Heekerens, H.-P., 2007: Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen im Spiegel internationaler Berichte. In: Sozialmagazin, 32. Jg., H. 5, S. 50 - 55 Ohling, M./ Heekerens, H.-P., 2009: Achtzig Jahre Kinderarmutsforschung. In: Soziales Kapital, H. 3. www.soziales-kapital.at/ index.php/ sozi aleskapital/ article/ viewFile/ 153/ 219.pdf UNICEF, 2007: Child poverty in perspective: An overview of child well-being in rich countries. Florenz UNICEF, 2009 a: Innocenti social monitor 2009. Child well-being at a crossroads: Evolving challenges in Central and Eastern Europe and the Commonwealth of Independent States. www. unicef-irc.org/ publications/ pdf/ ism_ 2009.pdf uj 5 (2010) 225 kindliches wohlergehen UNICEF, 2009 b: Progress for children. A report card on child protection, No. 8. www.unicef. de/ fileadmin/ conten_media/ presse/ PCF_ 2009/ Progress_20for_20Children-No8_20Lo Res_EN_USLetter_08132009.pdf Der Autor Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens Hochschule München Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften Am Stadtpark 20 81243 München hans-peter.heekerens@hm.edu 2010. ca. 146 Seiten. ca. 3 Abb. ca. 1 Tab. (978-3-497-02124-6) kt Materielle Unsicherheiten, psychische Notlagen, soziale Entfremdung - die Gründe, warum jemand Begleitung, Unterstützung und Förderung im Alltag braucht, sind sehr verschieden. Entsprechend breit gefächert sind die möglichen Einsatzgebiete von SozialarbeiterInnen in diesem Arbeitsfeld. Sie können sich in ambulanten oder stationären, lebensweltergänzenden oder -ersetzenden Settings bewegen. Sie sind aber immer auf eine längerfristige, alltagsnahe Begleitung angelegt, um grundlegende neue Entwicklungen zu ermöglichen. Was dies in der Praxis bedeutet, wird anhand von Beispielen anschaulich geschildert. a www.reinhardt-verlag.de
