eJournals unsere jugend62/9

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2010.art39d
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Die Methode der idealtypisch-vergleichenden Einzelfallanalyse (MIVEA) - Möglichkeiten ihrer Anwendung in der Sozialpädagogik

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Julia Schuler
Knud-Christian Hein
Die Botschaft eines Jugendlichen aus Arnd Richters Projekt "Knast trotz Jugendhilfe?" an SozialarbeiterInnen lautet: "Versucht meine Lebensgeschichte zu nutzen, anstatt sie mir vorzuwerfen!" (Richter 2009, 221) Der folgende Beitrag stellt eine Diagnosemethode vor, die diese Forderung ernst nimmt, indem sie gemeinsam mit dem Jugendlichen seine besonderen Stärken und Schwächen sowie mögliche Wege in ein straffreies Leben herausarbeitet.
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uj 9 (2010) 371 Unsere Jugend, 62. Jg., S. 371 -378 (2010) DOI 10.2378/ uj2010.art39d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Die Methode der idealtypisch-vergleichenden Einzelfallanalyse (MIVEA) - Möglichkeiten ihrer Anwendung in der Sozialpädagogik Julia Schuler/ Knud-Christian Hein Die Botschaft eines Jugendlichen aus Arnd Richters Projekt „Knast trotz Jugendhilfe? “ an SozialarbeiterInnen lautet: „Versucht meine Lebensgeschichte zu nutzen, anstatt sie mir vorzuwerfen! “ (Richter 2009, 221) Der folgende Beitrag stellt eine Diagnosemethode vor, die diese Forderung ernst nimmt, indem sie gemeinsam mit dem Jugendlichen seine besonderen Stärken und Schwächen sowie mögliche Wege in ein straffreies Leben herausarbeitet. methodisches arbeiten Einleitung/ Problemstellung Obwohl der Begriff der Diagnose in der Sozialarbeit eine lange Geschichte hat (vgl. hierzu Richmond 1917 und Salomon 1926), ist seine Verwendung umstritten, weil viele gängige Diagnosemethoden den ProbandInnen stabile und transsituative Persönlichkeitseigenschaften zuschreiben (Heiner 2001, 254) und deshalb nur schwer mit dem partnerschaftlichen, dialogischen und aushandlungsorientierten Selbstverständnis Sozialer Arbeit sowie der Orientierung an Lebenswelt (Thiersch/ Grunwald/ Köngeter 2002) und Alltagshandeln (Thiersch 1995) ihrer AdressatInnen in Einklang zu bringen sind. Gerade in der Arbeit mit Straffälligen stehen SozialarbeiterInnen aber immer wieder - und in letzter Zeit tendenziell zunehmend - vor der Aufgabe, Stellung zu der Frage nehmen zu müssen, welche Bedingungen ausschlaggebend für die Straffälligkeit ihrer KlientInnen gewesen sind, wie sie deren künftiges Verhalten im Bezug auf Delinquenz einschätzen und was getan werden soll, um zu verhindern, dass diese weiter in Konflikt mit dem Gesetz geraten (vgl. z. B. Klug 2005; Beß/ Koob- Sodtke 2007; Mayer 2007). Julia Schuler Jg. 1976; Diplom- Pädagogin und in Ausbildung zur Psychoanalytikerin für Kinder und Jugendliche am Alfred Adler-Institut Mainz Prof. Dr. jur. Knud-Christian Hein Jg. 1969; Diplom-Sozialpädagoge (FH) und Jurist, lehrt insbesondere Straf- und Sozialrecht an der Hochschule Darmstadt, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit 372 uj 9 (2010) methodisches arbeiten Eine sich rein auf Intuition und Berufserfahrung gründende sozialarbeiterische Diagnose gilt nicht nur innerhalb der eigenen Disziplin als unprofessionell, sondern steht vor dem Problem, von VertreterInnen anderer beteiligter Berufsgruppen schwer nachvollzogen werden zu können, und birgt darüber hinaus die Gefahr, sich dem Vorwurf der Willkür auszusetzen beziehungsweise von VertreterInnen anderer Professionen, „die ihre Diagnostik selbstbewusst vertreten“ (Heiner 2001, 253), schlichtweg nicht erst genommen zu werden. Deswegen ist es für PraktikerInnen der Sozialarbeit bei der Jugendgerichtshilfe, der Bewährungshilfe, dem Sozialdienst im Strafvollzug, aber auch für MitarbeiterInnen des Allgemeinen Sozialen Dienstes der Jugendämter (ASD) oder der freien Träger der Jugendhilfe von besonderer Bedeutung, Diagnosemethoden zur Hand zu haben, die in der Lage sind, das individuelle Rückfallrisiko von KlientInnen bestimmen und die Basis für eine auf den Einzelfall zugeschnittene Interventionsplanung darstellen zu können, ohne gegen professionsethische Grundprinzipien Sozialer Arbeit - wie Aushandlungsorientierung und Respekt vor der Autonomie der Lebenspraxis - zu verstoßen. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich dieser Beitrag mit der Methode der idealtypisch-vergleichenden Einzelfallanalyse (MIVEA) und der Möglichkeit, diese in der Arbeit mit straffällig gewordenen jungen Menschen sozialpädagogisch fachgerecht einzusetzen. Vorgehensweise bei der Fallbearbeitung mit der MIVEA Das Explorationsgespräch Ausgangspunkt der Diagnosestellung ist bei der MIVEA ein ausführliches Explorationsgespräch mit den ProbandInnen, welches auf die Erfassung von kriminalitätsrelevanten Lebens- und Sozialbereichen ausgelegt ist und so zu einer Beschreibung der Verhaltens- und Reaktionsweisen der ProbandInnen in diesen Bereichen gelangt. Grundlage der MIVEA sind die durch qualitative Auswertung gewonnenen Ergebnisse der Tübinger Jungtäter-Vergleichsuntersuchung (vgl. hierzu Göppinger 1983). Als kriminalitätsrelevante Sozialbereiche haben sich dabei folgende herauskristallisiert: • das Verhalten des Probanden im Zusammenhang mit der (elterlichen) Erziehung, • der Aufenthaltsbereich, • der Leistungsbereich, • der Freizeitbereich, • der Kontaktbereich und • der Delinquenzbereich. Die Analyse Die anschließende Analyse der erhobenen Verhaltensweisen geschieht durch ihre Einordnung zwischen Extrempolen idealtypischer Verhaltensweisen und Kriterien in den Dimensionen Lebenslängsschnitt und Lebensquerschnitt. Die Extreme stellen äußerste Grenzen eines Möglichkeitsraumes dar, zwischen denen sich das tatsächliche Verhalten des/ der ProbandIn bewegt, wobei auf der einen Seite des Kontinuums Verhaltensweisen stehen, die auf eine starke kriminelle Gefährdung hinweisen. Ein Beispiel für ein solches „k-idealtypisches“ Verhalten ist die überwiegende Ausgestaltung der Freizeit mit Tätigkeiten, die inhaltlich nicht voraussehbare, völlig offene Abläufe aufweisen, bei denen also weder der Ort noch die Verweildauer oder die möglichen Kontaktpersonen vorher genauer bekannt sind und denen jegliche Planung und Vorbereitung fehlt (Bock 2007, 153). Auf der anderen Seite der Synopse stehen dagegen „d-idealtypische“ Verhaluj 9 (2010) 373 methodisches arbeiten tensweisen, die besonders vor Kriminalität schützen, wie die von Kindheit an zunehmende Ausfüllung der Freizeit mit langfristig angelegten, systematisch betriebenen und/ oder formal organisierten Freizeittätigkeiten mit feststehenden Abläufen, wobei neben leistungsorientierten Tätigkeiten (Nebenerwerb, Weiterbildung usw.) mit großer Ausdauer und erheblichem Engagement vor allem regelmäßigen sportlichen Aktivitäten, Hobbys oder ehrenamtlichen Verpflichtungen nachgegangen wird (ebd.). Der Anwender der Methode gelangt so zu einer differenzierten Analyse der individuellen Entwicklung des/ der ProbandIn in den oben genannten Sozialbereichen (Längsschnitt) und seines/ ihres Lebenszuschnitts unmittelbar vor der letzten Tat (Querschnitt). Weitere Analysedimensionen sind die „Relevanzbezüge“ und „Wertorientierung“ des/ der ProbandIn, wodurch über das reine Sozialverhalten hinaus Grundintentionen und Persönlichkeitsmerkmale der ProbandInnen einbezogen werden. Manche Relevanzbezüge lassen sich in stärkerer oder geringerer Ausprägung während des ganzen bisherigen Lebens der ProbandInnen feststellen, während andere sich im Lauf des Lebens verändern oder verlagern. Es kann sich dabei z. B. um eine ständige motorische Unruhe mit dem verstärkten Drang nach körperlicher Betätigung handeln, aber auch um eher zielgerichtete Interessen wie eine ausgeprägte Fahrleidenschaft oder das Bedürfnis, möglichst viel Zeit mit bestimmten Personen oder an bestimmten Orten zu verbringen. Ausschlaggebend für die Beurteilung eines Interesses als Relevanzbezug ist, dass es sich entscheidend auf die allgemeine Lebensführung des/ der ProbandIn auswirkt und deshalb auch im Rahmen der Interventionsplanung berücksichtigt werden sollte. Die Wertorientierung ist im Verhältnis zu den Relevanzbezügen stärker kognitiv zu verstehen und enthält abstrakte Prinzipien, die für das Handeln des/ der ProbandIn bisher bestimmend waren. Auch die Analyse der Wertorientierung soll Hinweise auf Ansatzpunkte für gezielte Einwirkungen geben, wobei auch gerade das Fehlen einer einigermaßen stabilen und konsistenten Wertorientierung in dieser Hinsicht aufschlussreich sein kann. Kriminologische Beurteilung Im nächsten Schritt der Fallbearbeitung, der kriminologischen Beurteilung, geht es um die Stellung der Straftat im Lebenslängsschnitt des Probanden. Die MIVEA stellt hierfür fünf idealtypische Verlaufsformen zur Verfügung: • die kontinuierliche Hinentwicklung zur Kriminalität mit frühem Beginn • die kontinuierliche Hinentwicklung zur Kriminalität mit spätem Beginn • die Kriminalität im Rahmen der Persönlichkeitsreifung • die Kriminalität bei sonstiger sozialer Unauffälligkeit • der kriminelle Übersprung, bei dem die Straftat einen Bruch in der Lebensentwicklung darstellt, die Straffälligkeit also unerwartet eintritt und in keinen inneren Zusammenhang mit der Lebensführung gebracht werden kann. Da es sich auch hier wiederum um idealtypische Beschreibungen handelt, findet die Verortung der Delinquenz im Lebensgesamt des/ der ProbandIn statt, indem die individuelle Lebensentwicklung - ebenso wie zuvor das tatsächliche Verhalten in den verschiedenen Sozialbereichen - als Annäherung oder Differenz zu den einzelnen Verlaufsformen beschrieben wird. Die bloße Subsumtion unter eine der Verlaufsformen soll gerade vermieden werden und wäre als ein Fehler in der Anwendung der MIVEA zu betrachten. 374 uj 9 (2010) methodisches arbeiten Ergänzt wird die kriminologische Beurteilung durch die Einbeziehung der Querschnittsanalyse, der Relevanzbezüge und Wertorientierung sowie der „besonderen Aspekte“ im Leben des/ der ProbandIn, was der weiteren Konkretisierung und Individualisierung der Diagnose dient. Die Prognose Die Prognose als letzter Arbeitschritt der MIVEA ist vor allen Dingen hinsichtlich der Auswahl geeigneter Interventionsmaßnahmen wichtig. Während die „grundsätzliche Prognose“ sich an den idealtypischen Verlaufsformen orientiert, bezieht die „individuelle Basisprognose“ gerade die Abweichungen und Besonderheiten des Lebenszuschnitts des/ der ProbandIn von der idealtypischen Verlaufsform mit ein und bildet so die Grundlage für die Interventionsprognose, die Vorschläge für gezielte Einwirkungen auf die künftige Lebensgestaltung des/ der ProbandIn zum Inhalt hat. (Einen kurzen und eher allgemein gehaltenen Überblick zur Vorgehensweise der Methode bieten Meier/ Rössner/ Schöch 2003 und Schallert 1998; grundlegend Bock 2007 und Göppinger 2008; praxisnah und mit instruktiven Beispielen aus dem Anti- Aggressivitäts-Training: Cosmai/ Hein 2006 und - aus dem Strafvollzug - Oetting 2008.) Möglichkeiten der Anwendung der MIVEA in der Sozialpädagogik Welche Kriterien eine Diagnosemethode erfüllen muss, die dem Anspruch an spezifisch sozialpädagogisch-professionelles Handeln genügen will, hängt vom jeweils zugrunde gelegten Professionsverständnis innerhalb der Sozialpädagogik als Disziplin ab. Theoretische Diskurse über die Frage, was den Kern sozialpädagogischer Professionalität ausmacht - also danach, welches Professionsverständnis denn nun eigentlich das „richtige“ sei -, füllen lange Bücherregale in den Bibliotheken der Universitäten und Fachhochschulen, was den PraktikerInnen Sozialer Arbeit angesichts der schwierigen Aufgaben, die sie in ihrem Beruf jeden Tag zu bewältigen haben, oft abgehoben und wenig relevant erscheinen mag. Um die umfängliche sozialpädagogische Professionalisierungsdebatte (vgl. etwa Combe/ Helsper 1996 und 2002; Dewe/ Otto 2005; Müller 2005) zu umgehen, wird die Möglichkeit der Anwendung der MI- VEA in der Sozialarbeit hier - quasi heuristisch - vor dem Hintergrund der Professionstheorie Fritz Schützes (vgl. hierzu insb. Schütze 1992, 1996) besprochen. Bei Schütze ist professionelles Handeln im Sozialwesen durch eine ambivalente Strukturlogik und daraus resultierende widersprüchliche Handlungsanforderungen gekennzeichnet, die sich im Berufsalltag als sogenannte Paradoxien professionellen Handelns bemerkbar machen. Genau genommen handelt es sich bei den Paradoxien Schützes eher um Ambivalenzen oder Spannungsverhältnisse, die nicht kaschiert oder einseitig aufgelöst werden dürfen. Sie stattdessen sichtbar und damit einer Bearbeitung zugänglich zu machen, ist konstitutives Merkmal fachgerechten sozialarbeiterischen Wirkens. Die Paradoxien Schützes behandeln z. B. Themen wie die Bestimmung des richtigen Interventionszeitpunkts, das Spannungsverhältnis zwischen einer notwendigen Orientierung an Ordnungs- und Sicherheitsgesichtspunkten auf der einen und dem sozialpädagogischen Auftrag, die Entfaltungsmöglichkeiten und Entscheidungsspielräume der KlientInnen zu erweitern, auf der anderen Seite oder die Problematik einer anuj 9 (2010) 375 methodisches arbeiten gemessenen Vermittlung von Theorie und Praxis im sozialpädagogischen Berufsalltag. Bearbeitung von Ambivalenzen Es soll im Folgenden gezeigt werden, dass mithilfe der MIVEA Ambivalenzen im Sinne Schützes in der sozialpädagogischen Arbeit mit Straffälligen bearbeitet werden können, ohne dass auf eine fundierte Diagnose nach wissenschaftlichen Standards - wie sie heute zunehmend von mit delinquenten KlientInnen befassten SozialarbeiterInnen erwartet wird - verzichtet werden muss. Der/ die mit einem konkreten Einzelfall befasste SozialpädagogIn verfügt über ein wissenschaftlich erzeugtes - und natürlich auch aus seiner/ ihrer Berufserfahrung gewonnenes - Wissen über Entwicklungsverläufe, also darüber, wie sich soziale und biografische Prozesse grundsätzlich entwickeln können und nach welchen allgemeinen Bedingungen sie verlaufen. Wann immer er/ sie nun dieses allgemeine und abstrakte Wissen wissenschaftlicher Theorien und Erkenntnisse - z. B. über die Entstehung von Kriminalität - auf einen konkreten Einzelfall anwendet, besteht die Gefahr, dass der individuelle Fall so weit etikettiert und typisiert wird, dass er sich problemlos unter eine bestimmte wissenschaftliche Theorie subsumieren ließe. Informationen, die sich weniger problemlos einordnen lassen oder sogar im Widerspruch zu allgemeinen wissenschaftlichen Befunden stehen, werden dann ausgeklammert, obgleich gerade sie wichtige Anhaltspunkte für die erfolgreiche Fallbearbeitung liefern könnten. Da nun aber im Rahmen der Analyse des Lebenslängsschnitts mit MIVEA der konkrete Einzelfall nicht unter allgemeine Typenkategorien subsumiert, sondern durch eine mehr oder weniger große Differenz zu den (wissenschaftlich generierten) Idealtypen beschrieben wird, geraten auch solche Informationen über den Lebenszuschnitt des/ der KlientIn in den Blick, die sich nicht problemlos in vorgefertigte Kategorien einordnen lassen. Durch die sich an die Längsschnittanalyse anschließende gesonderte Betrachtung des Lebensquerschnitts wird weiterhin einer quasi „automatischen Fortschreibung“ der Biografie des/ der ProbandIn entgegengewirkt und stattdessen ein dynamisches und entwicklungsorientiertes Bild des/ der KlientIn entworfen. Weitere Differenzierungen der Diagnose ergeben sich aus der Einbeziehung der Wertorientierung, der Relevanzbezüge und der besonderen Aspekte im Leben der ProbandInnen. Es wird also deutlich, dass die Systematik der MIVEA ihre AnwenderInnen zwingt, auf den verschiedenen Ebenen der Fallbearbeitung immer wieder zu prüfen, inwiefern sich die Delinquenz schlüssig aus dem Lebenszuschnitt des/ der ProbandIn ergibt oder sich Divergenzen zeigen, die das bisherige Bild infrage stellen und damit Ansatzpunkte für Veränderungen bieten. Zwar bleiben prognostische Aussagen über soziale und biografische Prozesse der Fallentfaltung selbstverständlich dennoch immer mit Unsicherheiten behaftet, es wird aber möglich, inhaltlich schlüssige Prognosen auf wissenschaftlicher Grundlage zu treffen, welche für Veränderungen und Entwicklungen grundsätzlich offen sind und den Besonderheiten des konkreten Einzelfalls Rechnung tragen. Schärfen der Handlungsaufmerksamkeit Die differenzierte Einzelfallbetrachtung der MIVEA hilft der sozialarbeiterischen Fachkraft, ihre professionelle Handlungsaufmerksamkeit zu schärfen und wach zu halten, weil ein Wissen produziert wird, welches einerseits auf den singulären Fall zugeschnitten ist, aber dennoch Bezüge 376 uj 9 (2010) methodisches arbeiten zu wissenschaftlichen Erkenntnissen aufweist. Dieses Wissen kann dem/ der KlientIn transparent gemacht, gemeinsam mit ihm/ ihr weiterentwickelt und dann vor allem für die Suche nach geeigneten Interventionen eingesetzt werden. Denn was nützt es dem/ der heroinabhängigen KlientIn zu wissen, dass die Erfolgschancen einer Suchttherapie bei Heroinabhängigen statistisch gesehen gering sind? Oder was hat der jugendliche Straftäter davon, wenn sein Jugendgerichtshelfer ihm berichtet, dass sich Verläufe kriminellen Verhaltens entweder als adolescence-limited darstellen oder sich aber zu life-course-persistenten Karrieren chronifizieren können (Moffitt 1993), wenn ihm nicht zugleich aufgezeigt werden kann, wo gerade in seinem Fall Unterschiede zu den allgemeinen Verlaufsformen und somit Ansatzpunkte für eine Veränderung zum Positiven bestehen? Systematisierung unübersichtlicher Verläufe unter Berücksichtigung individueller Wertorientierungen Durch die systematische Vorgehensweise bei der Problemanalyse mit MIVEA werden auch chronische und unübersichtliche Verlaufskurvenentwicklungen mit verschiedenen Schichtungen von Problemmechanismen einer Bearbeitung zugänglich gemacht. Es verringert sich so das Risiko, die Paradoxie zwischen der Übermacht des Verlaufskurvenpotenzials auf der einen Seite und den hohen gesellschaftlichen Kosten der Fallbearbeitung auf der anderen einseitig aufzulösen, indem der/ die SozialpädagogIn eine dem Anspruch nach problemlösende Bearbeitung aufgibt und vor der übermächtigen Verlaufskurve kapituliert. Einer einseitigen Orientierung an professionellen Ordnungs- und Sicherheitsgesichtspunkten zulasten der Entscheidungsfreiheit des/ der KlientIn wirkt auch die Vorstellung der MIVEA vom Menschen als einem eigenverantwortlichen, zur Autonomie fähigen Individuum entgegen. Dies zeigt sich besonders darin, dass Wertorientierung, besondere Aspekte und Relevanzbezüge in die Interventionsprognose einfließen sollen, sodass den KlientInnen keine Interventionen aufgezwungen werden, die an ihren Interessen, Begabungen und Grundintentionen vorbeigehen und sie zu Objekten sozialarbeiterischer Maßnahmen degradieren. Biografische Ganzheitlichkeit der Fallentfaltung Weil sich mit der MIVEA der vollständige Erkenntnisweg von den Erhebungen bis hin zur Interventionsprognose nachvollziehbar dokumentieren lässt und die Informationen, die zu einer auf die individuellen KlientInnen zugeschnittenen Interventionsprognose führen, deren gesamte Lebensentwicklung von der Kindheit an bis zum Zeitpunkt der Erhebungen abbilden, ist die MIVEA geeignet, die biografische Ganzheitlichkeit der Fallentfaltung im Blick zu behalten, bleibt aber gleichzeitig anschlussfähig für Hilfe- und Interventionsbeiträge spezialisierter ExpertInnen. Wird die MIVEA in der Sozialpädagogik eingesetzt, sollten sich die AnwenderInnen indes bewusst machen, dass ihr kausaler Regress dort endet, wo nicht mehr Fakten von spezifisch kriminologischer Bedeutung erfasst werden, solche Fakten aber für die sozialpädagogische Arbeit mit ihrem Anspruch auf Ganzheitlichkeit und im Hinblick auf ihre therapeutische Dimension relevant sein können. Arbeitet ein/ e PädagogIn über die bloße Diagnosestellung hinaus längerfristig mit einem/ einer KlientIn zusammen, kann und sollte der kausale Regress dahingehend erweitert werden, dass nach Ursachen gesucht wird, die hinter den direkt mit Kriminalität in Verbindung stehenden Verhaltensmerkmauj 9 (2010) 377 methodisches arbeiten len wie „unstrukturiertes Freizeitverhalten“, „geringe Belastbarkeit“ oder „fehlende Lebensplanung“ stehen. Die Diagnose mit MIVEA bildet dann die Grundlage für eine im engeren Sinne pädagogische bzw. therapeutische Beziehung zum/ zur KlientIn, in der Lebensthemen genauer beleuchtet werden, um dann, wenn dies auch vonseiten des/ der KlientIn gewünscht wird, das Verhalten so zu verändern, dass das Risiko weiterer Delinquenz - mit allen negativen Auswirkungen für die Autonomie der Lebenspraxis des/ der betreffenden KlientIn - minimiert wird. Spezifische Lebensthemen werden bearbeitbar Um die Analyse mit der MIVEA anschlussfähig für die Suche nach verborgenen Gründen für die kriminorelevanten Verhaltensweisen der KlientInnen zu machen, müssten die Gespräche mit den ProbandInnen über die Datenerhebung der MI- VEA hinaus auf einen längeren Zeitraum hin ausgedehnt werden. Gelingt es dabei, ein stabiles Arbeitsbündnis und Vertrauensverhältnis mit den KlientInnen aufzubauen, wird es diesen leichter fallen, die Authentizität ihrer Schilderungen zu erhöhen und Problem beladene Aspekte ihrer Biografie in die Gespräche einzubringen und zu bearbeiten. Wie auf Grundlage der MIVEA spezifische Lebensthemen individueller ProbandInnen, die weit über das bei ihnen beobachtbare kriminorelevante Verhalten hinausführen, sichtbar und damit durch im engeren Sinne pädagogische und therapeutische Maßnahmen bearbeitbar werden, zeigen eindruckvoll die Ausführungen von Oetting (2008), der im Rahmen seiner Tätigkeit als Sozialtherapeut im Strafvollzug ca. 300 Lebensgeschichten mehrfach Straffälliger mit der MIVEA erhoben und ausgewertet hat. Literatur Beß, K./ Koob-Sodtke, G., 2007: Der Kontroll- und Unterstützungsprozess in der Bewährungshilfe in Bayern. In: Bewährungshilfe - Soziales, Strafrecht, Kriminalpolitik, 54. Jg., H. 3, S. 249 - 257 Bock, M., 2007: Kriminologie. München Combe, A./ Helsper, W., 1996: Pädagogische Professionalität. Historische Hypotheken und aktuelle Entwicklungstendenzen. In: Combe, A./ Helsper, W. (Hrsg.): Pädagogische Professionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns. Frankfurt am Main, S. 9 - 48 Combe, A./ Helsper, W., 2002: Professionalität. In: Otto, H.-U./ Rauschenbach, T./ Vogel, P., (Hrsg.): Erziehungswissenschaft: Professionalität und Kompetenz. Opladen, S. 29 - 47 Cosmai, A./ Hein, K.-C., 2006: Anti-Aggressivitätstraining mit jungen Gewalttätern. Ein Praxisbericht zur zielgenauen Auswahl der Probanden und zur ganzheitlichen Diagnostik. In: Bewährungshilfe - Soziales, Strafrecht, Kriminalpolitik, 53. Jg., H. 4, S. 397 - 407 Dewe, B., 2005: Perspektiven gelingender Professionalität. In: Neue Praxis. Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialpolitik, 35. Jg., H. 3, S. 257 - 265 Göppinger, H., 6 2008: Kriminologie. München Göppinger, H., 1983: Der Täter in seinen sozialen Bezügen. Berlin/ Heidelberg Heiner, M., 2 2001: Diagnostik: Psychosoziale. In: Otto, H.-U./ Thiersch, H. (Hrsg.): Handbuch der Sozialarbeit/ Sozialpädagogik. München, S. 253 - 265 Klug, W., 2005: Kontrolle braucht Methode! Anmerkungen zur Methodik des Kontrollprozesses in der Bewährungshilfe. In: Bewährungshilfe - Soziales, Strafrecht, Kriminalpolitik, 52. Jg., H. 2, S. 183 - 194 Mayer, K., 2007: Diagnostik und Interventionsplanung in der Bewährungshilfe - Grundlagen eines Risikoorientierten Assesments. In: Bewährungshilfe - Soziales, Strafrecht, Kriminalpolitik, 54. Jg., H. 2, S. 147 - 167 Meier, B./ Rössner, D./ Schöch, H., 2003: Jugendstrafrecht. München Moffitt, T., 1993: Life-course-persistent and Adolescence-limited Antisocial Behavior: A Developmental Taxonomy. In: Psychological Review, 100, S. 674 - 701 Müller, B., 2005: Professionalisierung. In: Grundriss soziale Arbeit (2). Wiesbaden, S. 731 - 750 Oetting, J., 2008: Das wahre Leben pocht zwischen den Idealtypen. Über die Methode der idealtypisch-vergleichenden Einzelfallanalyse (MIVEA) in der Praxis der Strafrechtspflege. In: Neue Kriminalpolitik, 12. Jg., H. 4, S. 124 - 129 378 uj 9 (2010) methodisches arbeiten Richmond, M., 1917: Social Diagnosis. New York Richter, A., 2009: Knast trotz Jugendhilfe? Das Wiesbadener Partizipationsprojekt. In: Sanders, K./ Bock, M. (Hrsg.): Kundenorientierung - Partizipation - Respekt. Neue Ansätze in der Sozialen Arbeit. Wiesbaden, S. 207 - 237 Salomon, A., 1926: Soziale Diagnose. Berlin Schallert, C., 1998: Erkennen krimineller Gefährdung und wirksames Eingreifen. Die Methode der idealtypisch-vergleichenden Einzelfallanalyse in der Praxis. In: DVJJ-Journal, 9. Jg., H. 1, S. 17 - 23 Schütze, F., 1992: Sozialarbeit als bescheidene Profession. In: Dewe, B./ Radtke, F.-O./ Ferchhoff, W. (Hrsg.): Erziehen als Profession. Zur Logik des professionellen Handelns in pädagogischen Feldern. Opladen, S. 132 - 170 Schütze, F., 1996: Organisationszwänge und hoheitsstaatliche Rahmenbedingungen im Sozialwesen: Ihre Auswirkungen auf die Paradoxien professionellen Handelns. In: Combe, A./ Helsper, W. (Hrsg.): Pädagogische Professionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns. Frankfurt am Main, S. 183 - 275 Thiersch, H., 1995: Alltagshandeln und Sozialpädagogik. In: Neue Praxis. Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialpolitik, 25. Jg., H. 3, S. 215 - 234 Thiersch, H./ Grunwald, K./ Köngeter, S., 2002: Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. In: Thole, W. (Hrsg.): Grundriss Soziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch, Opladen, S. 161 - 178 Die AutorInnen Julia Schuler Lessingstraße 9 55118 Mainz juleschuler@web.de Prof. Dr. jur. Knud-Christian Hein Hochschule Darmstadt Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit Adelungstraße 51 64283 Darmstadt knud.hein@h-da.de Grundlagen und Arbeitshilfen für die Praxis 3. Aufl. 2008. 269 Seiten. 4 Tab. Mit 25 Arbeitshilfen UTB-L (978-3-8252-8277-6) kt Das Standardlehrbuch bereits in 3. Auflage! „Berufliches Können“ braucht zentrale, auch wissenschaftlich begründbare Arbeitsregeln. Oft fehlt Praktikern, aber auch den Studierenden das Rüstzeug für die Planung und Nachbereitung ihrer Arbeit. Berufliches Handeln erfolgt überwiegend intuitiv und mit Rückgriff auf Erfahrungen und Routinen. Ob und warum dieses aber in einer gegebenen Situation angemessen ist, bleibt unklar. Das Buch zeigt hier Auswege auf, indem es Anregungen für ein systematisch geplantes und am wissenschaftlichen Vorgehen orientiertes methodisches Handeln bietet. a www.reinhardt-verlag.de