unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2011.art51d
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Integration macht Schule im Quartier
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Gönül Katirci
Schulen machen oft die Erfahrung, dass Eltern mit Migrationshintergrund wenig mit schulischen Anforderungen vertraut sind. Eltern wiederum beklagen die mangelnde Aufgeschlossenheit der Schule. Das Projekt "Integration macht Schule" zielt unter anderem darauf ab, dass sich Lehrer- und Elternschaft zugunsten der Bildungskarrieren der Kinder annähern und verstehen lernen.
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475 unsere jugend, 63. Jg., S. 475 - 482 (2011) DOI 10.2378/ uj2011.art51d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Integration macht Schule im Quartier Schulen machen oft die Erfahrung, dass Eltern mit Migrationshintergrund wenig mit schulischen Anforderungen vertraut sind. Eltern wiederum beklagen die mangelnde Aufgeschlossenheit der Schule. Das Projekt „Integration macht Schule“ zielt unter anderem darauf ab, dass sich Lehrer- und Elternschaft zugunsten der Bildungskarrieren der Kinder annähern und verstehen lernen. von Gönül Katirci Jg.1979; M. A. Pädagogik, Psychologie und Grundschuldidaktik, Projektkoordinatorin „Integration macht Schule im Quartier” der Beratungsdienste der Arbeiterwohlfahrt München gemeinnützige GmbH, Fachdienst Integration und Migration Ausgangslage Wie wichtig das Elternhaus für den Schulerfolg ist, haben bereits zahlreiche Studien, wie z. B. die PISA-Studie, deutlich gemacht. Dabei wurde belegt, dass die ökonomische, soziale und kulturelle Ausstattung im Elternhaus eine zentrale Rolle für eine erfolgreiche Schullaufbahn spielt (Steinbach/ Nauck 2004). Die PISA-Studie hat gezeigt, dass vor allem Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund aufgrund der geringen Ressourcen ihres Elternhauses im deutschen Bildungssystem am schlechtesten abschneiden. Familien mit Migrationshintergrund sind meist von Armut betroffen und weisen oft einen geringen Bildungsstand auf. Migrationsbedingt stehen für viele Familien mit Migrationshintergrund die kulturellen und sozialen Ressourcen nur in geringem Maße zur Verfügung (Steinbach/ Nauck 2004). PISA bestätigt die dürftige kulturelle Ausstattung als eine Ursache für das schlechte Abschneiden der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Auch andere ForscherInnen belegen die Wichtigkeit des kulturellen Kapitals (Prenzel u. a. 2006). Mit einer guten kulturellen Ausstattung des Elternhauses erhöhen sich somit die Chancen für einen höheren Schulabschluss (Steinbach 2009). Kulturelles Kapital ist verbunden mit den Umgangsweisen zwischen den Menschen innerhalb einer bestimmten Kultur, die man sich durch Wissen oder Kenntnisse aneignet (Bourdieu 1992, zitiert nach Zimmermann 2006). Im Schulkontext bedeutet dies für Eltern, sich mit den Erwartungen und Anforderungen des Schulsystems vertraut zu machen, Informationen einzuholen und in den Dialog mit der Schule zu gehen. Schulen machen oft die Erfahrung, dass Migranteneltern wenig mit den Erwartungen und Anforderungen der Schulen vertraut sind, was sich nachteilig für die Kinder auswirkt. Sie beklagen weiterhin, dass Eltern mit Migrationshintergrund selten Elternabende und andere Angebote in der Schule in Anspruch nehmen. Zudem weisen die Schulen 476 uj 11+12 | 2011 Arbeit mit Eltern in migrantischen Milieus darauf hin, dass die Zusammenarbeit vor allem bei komplexen Problemen der SchülerInnen schwierig sei. Eltern mit Migrationshintergrund wiederum beklagen die mangelnde Aufgeschlossenheit der Schule gegenüber den sprachlichen und kulturellen Hintergründen und Formen ihrer Alltagsgestaltung und prangern das mangelnde Interesse seitens der Schule bezüglich ihrer Lebensverhältnisse an. Im Hinblick auf die Bildungschancen der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zeigt sich, dass Elternarbeit an den Schulen unumgänglich ist und daher beide Seiten gefordert sind, aufeinander zuzugehen. Vor diesem Hintergrund entstand das Projekt „Integration macht Schule im Quartier“ (ImSQ) in Zusammenarbeit der Beratungsdienste der Arbeiterwohlfahrt gemeinnützige GmbH München (ein Unternehmen der AWO M-Group) und der Münchner Grundschule am Theodor-Heuss-Platz, die eine hohe Zahl von Migrantenkindern aufweist. „Integration macht Schule im Quartier“ ist ein interkulturell ausgerichtetes, präventives Elternprojekt, das inzwischen an 15 Münchner Schulen mit hohem Migrationsanteil aktiv ist. Der Fokus liegt bei den Grundschulen. Zum einen beruhen die Ansätze des Projektes auf den Erfahrungen, die in der Migrationsberatung bei den Beratungsdiensten der Arbeiterwohlfahrt München gesammelt wurden, und zum anderen auf der Vielschichtigkeit der Schulpraxis. Der ausbleibende Schulerfolg vieler Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund gab Anlass zur Ursachenrecherche. Als ein wesentlicher Hinweis auf den ausbleibenden Schulerfolg innerhalb dieser Zielgruppe kristallisierte sich das vom Verständnis der Schule abweichende Bildungs- und Erziehungsverständnis der Eltern heraus. Ebenso gab es nur unzureichende Kommunikation zwischen den Beteiligten. Das vordergründige Ziel ist daher, eine Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus zu ermöglichen, damit dadurch die elterliche Erziehungskompetenz gefördert und gleichzeitig gestärkt werden kann. Somit soll eine Basis für die Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten hergestellt werden. Ein weiteres Ziel ist es, Eltern sowohl in der Schule als auch außerhalb der Schule zu aktivieren und die Schulen für die sozialen und kulturellen Lebenswelten ihrer gesamten Schülerschaft zu sensibilisieren. Zur Schaffung einer funktionierenden Kooperationsgrundlage müssen zunächst Eltern mit Migrationshintergrund nicht nur mit bildungsrelevanten Themen, sondern auch mit dem deutschen Bildungssystem vertraut gemacht werden. Und gleichzeitig sollen die Angebotsstruktur und die Handlungsoptionen seitens der Schule auf die gesamte Zielgruppe aller Eltern ausgerichtet werden. Hierbei gilt es die Eltern mit Migrationshintergrund zu erreichen und zu gewinnen, um eine erfolgreiche und effiziente Kooperation zwischen dem Elternhaus und der Schule gewährleisten zu können. Handlungsfeld Schule Die Schule ist ein entscheidender Ausgangspunkt der Projektarbeit. Erfahrungen aus der Projektarbeit haben gezeigt, dass Eltern mit Migrationshintergrund am besten in der Schule erreicht werden können. Kindergarten und Grundschule sind Orte, die Migranteneltern trotz vieler Vorbehalte und Hemmungen aufsuchen müssen. Das Projekt ImSQ leistet zugehende und aufsuchende Arbeit in den Schulen. Eltern werden vor Ort über Angebote informiert und aktiviert, in die Schule zu kommen. Um eine stärkere Anbindung der Eltern an die Schule voranzutreiben, ist es erforderlich, die Schule zu einem Ort des Vertrauens und positiven Erlebens zu gestalten. Vor diesem Hintergrund wird die Schule unter anderem dabei unterstützt, ihre Angebote auf die Zielgruppe auszurichten. Dabei ist es wichtig, dass ein konkreter Nutzen seitens der Eltern erkannt wird. 477 uj 11+12 | 2011 Arbeit mit Eltern in migrantischen Milieus Der eigene Migrationshintergrund der Projektmitarbeiterinnen stellt einen deutlichen Vorteil bei dem Zugang zu den Eltern dar. Durch die Ansprache der Eltern in ihrer Muttersprache konnte eine Vertrauensbrücke geschaffen werden. Auch der Zugang von Migrantengruppen, deren Muttersprache die Projektmitarbeiterinnen nicht sprechen, konnte dennoch durch deren Migrationshintergrund begünstigt werden. Es hat sich gezeigt, dass Angebote der Projektmitarbeiterinnen von den Eltern eher angenommen wurden als die Angebote, die vonseiten der Schule gemacht werden. Im Sinne eines interkulturellen Stadtteilmanagements werden durch das Projekt unterschiedliche Maßnahmen vernetzt und Ressourcen gebündelt. Ausgehend von der Schule wird versucht, als Mittler zwischen anderen Schnittstellen im Jugend- und Elternbereich wie z. B. Freizeitstätten, Jugendhilfe, Erziehungsberatungsstellen etc. zu fungieren und Vernetzungen herzustellen. So soll unter anderem eine vernetzte sozialraumorientierte Bildungsarbeit unterstützt werden. Maßnahmenschwerpunkte: Vermittlung und Kommunikation „Integration macht Schule im Quartier“ vermittelt und kommuniziert an der Stelle, wo Anforderungen der Schulen mit den Lebenswelten der Eltern und SchülerInnen mit Migrationshintergrund aufeinandertreffen. Dabei wird wie folgt vorgegangen: ➤ Stärkung der Erziehungskompetenz der Eltern durch wöchentlich regelmäßig stattfindende Elterncafés, mehrsprachige Informationsveranstaltungen am Abend und muttersprachliche Elterntrainings, ➤ Stärkung der Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus durch Beteiligung an Lehrergesprächen mit dem Ziel, Lehrkräfte auf die Lebenswelten der Eltern und Eltern auf die schulischen Anforderungen vorzubereiten, ➤ Vermittlung von Informationen über erzieherische Alltagsgestaltung durch Museums- und Bibliotheksbesuche, Ausflüge, aktive Teilnahme an sportlichen Aktivitäten und nicht zuletzt durch Besuch der sozialen Einrichtungen im Stadtteil, ➤ Unterstützung der Schule bei der interkulturellen Öffnung durch interkulturelle Fortbildungsangebote für Lehrkräfte. Die Methoden des Projekts wurden unter Berücksichtigung der Lebenswelten der Eltern entwickelt. Die Anpassung der Methoden an die ökonomischen, sozialen und kulturellen Gegebenheiten der Eltern wie Übersetzung des Materials und niederschwellige Gestaltung der Angebote hat dazu geführt, dass viele Eltern erreicht wurden und darüber hinaus vermittelte Inhalte mehr Gehör und Akzeptanz gefunden haben. Außerdem wurden die Angebote zum großen Teil in Absprache mit den Eltern durchgeführt, sodass sie einerseits die Möglichkeit hatten, ihre eigenen Ressourcen einzubringen und aktiv zu werden, andererseits die Themen bedarfsorientiert festgelegt werden konnten. Im Folgenden werden die Einzelnen Projektmaßnahmen dargestellt. Informationsveranstaltungen Um die Erziehungskompetenz der Eltern zu stärken und Eltern über die Anforderungen der Schule zu informieren, werden regelmäßig Informationsveranstaltungen zu diesen Themenbereichen durchgeführt. Der Veranstaltungsrahmen läuft über eine reine Information hinaus. Hierbei geht es darum, Eltern konkrete Handreichungen zu geben, wie sie durch angepasste Alltagsgestaltung den schulischen Werdegang ihrer Kinder positiv beeinflussen können. Die Informationsveranstaltungen am Abend werden häufig mehrsprachig für unterschiedliche Herkunftssprachen durchgeführt. Es werden sehr umfassend sowohl erzieheri- 478 uj 11+12 | 2011 Arbeit mit Eltern in migrantischen Milieus sche, schulische und soziale als auch gesundheitliche oder psychologische bis hin zu materiellen und rechtlichen Themen behandelt. Elterncafés Ein besonderes Instrument, um Eltern in der Schule zu aktivieren, sind die regelmäßig stattfindenden Elterncafés bzw. Elterngruppen. Die Elterncafés werden wöchentlich in den Schulen während der Unterrichtszeit angeboten. Durch den regelmäßigen Kontakt wuchs zwischen der ImSQ-Mitarbeiterin und den Eltern ein großes Vertrauensverhältnis, sodass die Hinführung zu Angeboten erleichtert und Empfehlungen eher angenommen wurden. In den sehr gut besuchten Elterncafés werden an Eltern ebenfalls Impulse zu den Themen Erziehung, Schule und Bildung herangetragen. Dabei ist es Eltern möglich, ihren Erziehungsalltag zu reflektieren und ggf. im Austausch mit Fachkräften angepasste Handlungsmöglichkeiten für den Erziehungsalltag zu entwickeln. Die Themen werden sowohl mit externen ReferentInnen, Kooperationseinrichtungen im Stadtteil als auch mit der Projektmitarbeiterin behandelt. Begleitung von Lehrergesprächen Dieses Angebot soll die Kommunikation zwischen Eltern und LehrerInnen stärken. Durch die Mittlerfunktion der Projektmitarbeiterin werden Ansätze einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen der Schule und dem Elternhaus unterstützt. Dabei übernimmt die Projektmitarbeiterin insbesondere die Aufgabe, Kontakt zu Familien herzustellen, die sich gegenüber Anforderungen der Schule abschotten. Durch kulturspezifische und sprachliche Anleitung der Lehrerschaft sollen der Kommunikationsprozess und die Entwicklung von adäquaten Lösungsansätzen unterstützt werden. Um ein nachhaltiges Verständnis zu fördern, werden Elterngespräche begleitet und es wird zwischen Lehrkräften und Eltern interkulturell vermittelt. Niedrigschwellige Beratungsgespräche Eltern können sich Informationen und Unterstützung zu unterschiedlichen lebensrelevanten und bildungsrelevanten Themenbereichen einholen. Die Projektmitarbeiterinnen nehmen die Fälle auf und leiten diese an zuständige Institutionen weiter. Die Familien werden häufig dorthin begleitet. Interkulturelle Fortbildungen für Lehrkräfte Eine Reduzierung der Probleme in den Schulen in Stadtgebieten mit großem Migrationsanteil ist nicht nur mit Elternarbeit möglich, vielmehr muss auch die Schule bei der interkulturellen Orientierung unterstützt werden. Ziel interkultureller Fortbildungen ist es, eine Sensibilisierung und Wissenserweiterung der LehrerInnen im Bereich kultureller Vielfalt und interkultureller Verständigung zu erreichen. Die regelmäßige Präsenz der Projektmitarbeiterinnen in den Schulen, ihre intensiven Kontakte zu den Lehrkräften und die Begleitung der Elterngespräche ermöglichen den Projektmitarbeiterinnen, ein bedarfsorientiertes Angebot für solche Fortbildungen zu machen. Längerfristig sollen die Fortbildungen zu einer guten Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule beitragen, da sich die Lehrkräfte dadurch mehr Wissen über die Lebensrealitäten der Elternschaft aneignen. Evaluation des Projektes Die Evaluation des Projektes„Integration macht Schule im Quartier“ bezieht sich auf die Projektmaßnahmen in vier Grundschulen und einem Förderzentrum im Münchner Stadtteilgebiet Hasenbergl für die Schuljahre 2007/ 2008 und 2008/ 2009. In allen beteiligten Schulen übersteigt der Anteil der MigrantenschülerInnen 80 %. Hierbei wurde die Wirksamkeit der ange- 479 uj 11+12 | 2011 Arbeit mit Eltern in migrantischen Milieus setzten Interventionen und Maßnahmen zur Verwirklichung der Ziele evaluiert. Besonderes Augenmerk der Untersuchung war auf die Erreichung der Leitziele wie Stärkung der Kommunikation zwischen Elternhaus und Schule, Stärkung der Erziehungskompetenz der Eltern, Erhöhung des Interesses und Engagements von Eltern für Bildung sowie interkulturelle Öffnung und Orientierung der Schule gelegt. Es wurden verschiedene qualitative und quantitative Methoden der empirischen Sozialforschung eingesetzt: Dokumentenanalyse, teilnehmende Beobachtung, qualitative Interviews mit den Lehrkräften und die quantitative Befragung der Eltern mithilfe eines standardisierten Fragebogens. Insgesamt nahmen 43 Eltern mit Migrationshintergrund (davon 39 Mütter und 4 Väter) an der Befragung teil. Die Eltern wurden aus den fünf teilnehmenden Schulen ausgesucht. Bei der Gestaltung des Fragebogens wurde zielgruppenorientiert auf knappe und verständliche Formulierung geachtet. Die Befragung wurde persönlich durch InterviewerInnen der jeweiligen Herkunftssprachen durchgeführt. Die LehrerInnen wurden persönlich durch ein/ e InterviewerIn zum Wirkungsrahmen des Projektes befragt. Im Folgenden werden einige wichtige Untersuchungsergebnisse vorgestellt. Zunächst werden die Bewertungsergebnisse des Projekts aus der Perspektive der Eltern und anschließend aus Sicht der Lehrkräfte dargestellt. Bewertung des Projekts durch die Elternschaft Nutzung der Angebote: Fast 40 % der befragten Eltern haben die gesamten Angebote und Leistungen des Projektes an ihrer Schule genutzt. Mehr als 80 % haben einzelfallbezogene Unterstützungsangebote, wie Beratungsgespräche mit den Projektmitarbeiterinnen, genutzt. 82 % der Befragten gaben an, durch das Beratungsgespräch eine Hinführung und Begleitung zu Maßnahmen der Jugendhilfe, außerschulischen Bildungsmaßnahmen, Angeboten der offenen Jugendarbeit, Erziehungsberatungsstellen und therapeutischen Hilfen erhalten zu haben (Evaluationsbericht „ImSQ“ 2009, 15). Informationsvermittlung: Eltern geben an, sich durch die Form der Informationsvermittlung stärker angesprochen zu fühlen. Insbesondere wird die Beachtung der Herkunftssprache als Grundlage zur positiven Identifikation mit der Schule angeführt. Positive Identifikation wird zu einem „Türöffner“ zur Verinnerlichung der Informationen über Schule, Erziehung und weiterführende Informationen. Die vermittelten Informationen haben einen regen Diskussions- und Austauschbedarf zwischen einerseits Eltern untereinander und andererseits Eltern und Fachkräften geweckt. Diese Entwicklung belegt eine gestiegene Sensibilität und Interesse für die eingebrachten Themengebiete. Aus den Ergebnissen ging des Weiteren hervor, dass sich Eltern seit Projektbeginn zu diesen Themenbereichen gut informiert fühlen. Ein großer Teil der Befragten gab an, durch die vermittelten Inhalte mehr Sicherheit im Erziehungsalltag gefunden zu haben. Die methodische Vorgehensweise konnte erzielen, dass Eltern durch einen aktiven Austausch zum Thema weitere Anknüpfungspunkte und Handlungsoptionen für ihren Erziehungsalltag fanden (Evaluationsbericht „ImSQ“ 2009, 18). Verbesserung der Kommunikation zwischen Elternhaus und Schule: Die Zielsetzung, die Kommunikation zwischen der Schule und dem Elternhaus zu verbessern und mehr gegenseitige Offenheit und Verständnis zu entwickeln, konnte in einem durchaus zufriedenstellenden Maße erreicht werden. Die Überwindung der Sprachbarrieren, die Verringerung der gegenseitigen Hemmungen und Missverständnisse führten zu einer erhöhten Akzeptanz von gegenseitigen Erwartungen und Anforderungen. 72 % der Befragten gaben an, dass die allgemeine Atmosphäre in der Schule und die Kom- 480 uj 11+12 | 2011 Arbeit mit Eltern in migrantischen Milieus munikation zwischen der Schule und den Eltern sich zum Positiven hin entwickelt haben. Die Bereitschaft, häufiger Kontakt mit den Lehrkräften aufzunehmen und sich bei Fragen und Problemen an die Lehrkraft zu wenden, nahm zu. Eltern gaben an, dass die familiären Lebensverhältnisse und Lebenslagen bzw. die der Familie zur Verfügung stehenden Ressourcen seitens der Lehrerschaft mehr Berücksichtigung fanden. Ebenfalls wurde offenbar eine größere Aufgeschlossenheit gegenüber den sprachlichen und kulturellen Hintergründen und Formen der Alltagsgestaltung der Familien seitens der LehrerInnen entgegengebracht. Als besonders positiv wurde die Form der Gesprächsführung in den Lehrergesprächen gewürdigt (Evaluationsbericht „ImSQ“ 2009, 20). Aktivierung: Die Zielsetzung, Interesse und Engagement der Eltern für die Bildung und Erziehung ihrer Kinder zu erhöhen, konnte erfüllt werden. Ein besonderes Instrument, um Eltern an der Schule zu aktivieren, waren die regelmäßig stattfindenden Elterngruppen. Um eine Sensibilität für den Schulalltag zu schaffen, wurden die Gruppenarbeiten während der Schulzeit durchgeführt. Ganz nach der Methode des Empowerment-Ansatzes wurden Erwartungen, Bedürfnisse und Interessen der teilnehmenden Eltern aufgegriffen und in die Tat umgesetzt. 81 % der Befragten gaben an, durch die Teilnahme an den Veranstaltungen und Elterngruppen an der Schule aktiver geworden zu sein. Eine besondere Grundlage für einen verstärkten Aktivierungsgrad war die hohe Beteiligung an der Themenauswahl (86 %) sowie die Möglichkeit, eigene Erfahrungen und Wissen in diesem Rahmen auszutauschen. Die Schule wird vermehrt als ein positiver Ort empfunden. Folglich nimmt die Bereitschaft zu, häufiger in die Schule zu gehen (91 %) und bei unterschiedlichen Schulveranstaltungen teilzunehmen (88 %). Grundlegende Anstöße zur aktiven Mitwirkung in der Schule (z. B. muttersprachliche Lesestunden im Unterricht) und eine Aktivierung zum Stadtteil hin (z. B. Elterninitiativen) konnten in dem Projektzeitraum erreicht werden. 58 % der Eltern zeigten eine Bereitschaft, gestaltend beim Aufbau von Selbsthilfestrukturen wie z. B. einer Elterninitiative mitzuwirken (Evaluationsbericht „ImSQ“ 2009, 22). Bewertung des Projektes durch die Lehrerschaft Interkulturelle Öffnung und Orientierung der Schule: Alle befragten LehrerInnen glauben, dass sich ihre interkulturellen Kompetenzen durch die Projektmaßnahmen erweitert haben. Sowohl im Rahmen der interkulturellen Fortbildungen als auch in begleiteten Lehrergesprächen konnten LehrerInnen kultursensible Handlungskompetenzen entwickeln. Dabei werden die Lerneffekte im praktischen Wirken der Projektmitarbeiterinnen wie z. B. in begleiteten Lehrergesprächen mit den Eltern mit Migrationshintergrund vorangetrieben. Die LehrerInnen bekamen z. B. Ideen zu Gesprächsführung mit den Migranteneltern. Die sprachliche und kulturspezifische Anleitung der LehrerInnen durch die Projektmitarbeiterinnen unterstützt adäquate Lösungsansätze der Schulen. Darüber hinaus werden auch lebensweltliche Hintergründe bei Eltern mit Migrationshintergrund angegeben. Durch die Mittlerfunktion (interkulturelle Mittler) der Projektmitarbeiterinnen werden Ansätze einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus unterstützt. Interkulturelle Fortbildungen für die LehrerInnen unterstützen den Umgang mit der kulturellen Vielfalt in der Schule. In Anbetracht dessen, dass in der Lehrerausbildung kein Pflichtfach „Deutsch als Fremdsprache und Interkulturelles“ verankert ist, sind diese Fortbildungen von großer Bedeutung. Unsicherheiten werden dadurch behoben. LehrerInnen sehen eine wesentliche Verbesserung im Dialog mit den Migranteneltern. Als besonders positiv wird die Unterstützung und Begleitung der Eltern zu den Lehrergesprächen wahrgenommen (Evaluationsbericht „ImSQ“ 2009, 27 - 30). 481 uj 11+12 | 2011 Arbeit mit Eltern in migrantischen Milieus Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass ein weitgehender Konsens darüber herrscht, dass das Projekt eine große Kommunikationshilfe darstellt. Die Gestaltung der Schule als ein Begegnungsort für die Eltern in den regelmäßig stattfindenden Elterngruppen findet großen Anklang. Beobachtbar ist, dass durch die Projektansätze eine Offenheit der Eltern gegenüber der Schule vorangetrieben wurde. Es ist ein stärkeres Aufeinander-Zugehen und Wir-Gefühl entstanden. Zusammenfassung und Ausblick Strukturelle Weichenstellungen in der Institution Schule sowie die Schaffung eines angepassten Lernumfeldes im Elternhaus sind entscheidend für die Verbesserung der Bildungschancen der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. „Integration macht Schule im Quartier“ setzt genau in diesem Handlungsfeld an, indem versucht wird, durch Elternbildungsmaßnahmen die Familien in ihrer Erziehungskompetenz zu stärken, die Bildungsaspiration der Eltern zu erhöhen und die Kommunikation zwischen der Schule und dem Elternhaus zu unterstützen. Die konzeptionelle und methodische Vorgehensweise des Projektes erzielt eine hohe Resonanz. Durch einen niederschwelligen und sensiblen Zugang konnte das Projekt die Zielmilieus erreichen und an die Lebenswelten der Menschen angepasste Angebote formulieren. Die Gestaltung der Angebote gab Eltern - häufig in der Muttersprache - die Möglichkeit, die erforderlichen Orientierungshilfen wahrzunehmen und sich mittels ihrer elterlichen Kompetenzen aktiv einzubringen. Als besonders effektiv hat es sich erwiesen, die spezifischen Problemlagen zur Erziehung, Schule oder Alltagsgestaltung in einem kulturell homogenen, regelmäßig stattfindenden Gruppenumfeld zu erörtern. Es gelang dem Projekt zudem, die Schulen für eine zielgruppenspezifische Angebotsstruktur zu motivieren. Sowohl durch die Lehrerfortbildungen als auch durch die begleiteten Lehrergespräche konnten strukturelle Weichenstellungen für eine bessere Partizipation der Familien mit Migrationshintergrund in den schulischen Abläufen gesichert werden. Um eine insgesamt höhere Bildungsbeteiligung der bildungsfernen und der Migrantenfamilien gewährleisten zu können, stellt sich heraus, dass sowohl die Eltern als auch die Schulen hierzu einen positiven Beitrag leisten können. Die Bildungsproblematik ist daher ganzheitlich zu betrachten. D. h. zur Erklärung der schulischen Nachteile der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund sollten außerschulische (soziökonomischer Status der Eltern, das kulturelle Vermögen etc.) und schulische Gründe (Organisation und Ausstattung der Schule, vorgelagerte kulturelle und linguale Eingangsbedingungen) diskutiert werden (Mecheril 2004). Deshalb wäre es auch dringend erforderlich, Bildungsinstitutionen auf kulturelle und sprachliche Vielfalt vorzubereiten (Gomolla/ Radtke 2007), das sollte bereits bei der Lehrerausbildung beginnen. Gönül Katirci Beratungsdienste der Arbeiterwohlfahrt München gemeinnützige GmbH Projekt „Integration macht Schule im Quartier“ Goethestraße 53 80336 München 482 uj 11+12 | 2011 Arbeit mit Eltern in migrantischen Milieus Literatur Bourdieu, P., 1983: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Reinhard, K. (Hrsg.): Soziale Ungleichheiten. Göttingen, S. 183 - 189 Evaluationsbericht „ImSQ“, 2009: Evaluation des Projektes „Integration macht Schule“. Evaluation für die Schuljahre 2007/ 2008 und 2008/ 2009. München Gomolla, M./ Radtke, F. O., 2007: Institutionelle Diskriminierung. Die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule. Wiesbaden Mecheril, P., 2004: Einführung in die Migrationspädagogik. Weinheim Prenzel, M. u. a. (Hrsg.), 2006: PISA 2006. Die Ergebnisse der dritten internationalen Vergleichsstudie. München/ Berlin, S. 337 - 365 Steinbach, A./ Nauck, B., 2004: Intergenerationale Transmission von kulturellem Kapital in Migrantenfamilien. Zur Erklärung von ethnischen Unterschieden im deutschen Bildungssystem. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaften, 7. Jg. H. 1, S. 20 - 32 Steinbach, A., 2009: Welche Bildungschancen bietet das deutsche Bildungssystem für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund? Oldenburg Zimmermann, P., 2006: Grundwissen Sozialisation. Einführung zur Sozialisation im Kindes- und Jugendalter. Wiesbaden
