unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2011.art07d
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Geschlecht als Ressource?
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2011
Claudia Steckelberg
Jugendliche, die außerhalb von Familie oder Jugendhilfeeinrichtung ihren Lebensmittelpunkt vorübergehend oder dauerhaft auf der Straße haben, stellen ein aktuelles, historisch jedoch keineswegs neues gesellschaftliches Phänomen dar. Die praxisnahe sowie wissenschaftliche Diskussion über diese jungen Menschen in besonderen Lebenslagen wird nach wie vor weitgehend geschlechtsabstrahierend geführt.
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56 unsere jugend, 63. Jg., S. 56 - 64 (2011) DOI 10.2378/ uj2011.art07d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel von Claudia Steckelberg Jg. 1967; Dr. phil., Erziehungswissenschaftlerin, Dipl. Sozialarbeiterin/ Sozialpädagogin, Gastprofessorin an der Alice Salomon Hochschule mit Schwerpunkt Theorien und Methoden Sozialer Arbeit, Gemeinwesenarbeit, Wohnungslosen- und Jugendhilfe Geschlecht als Ressource? Lebenswelten wohnungsloser Mädchen und junger Frauen Jugendliche, die außerhalb von Familie oder Jugendhilfeeinrichtung ihren Lebensmittelpunkt vorübergehend oder dauerhaft auf der Straße haben, stellen ein aktuelles, historisch jedoch keineswegs neues gesellschaftliches Phänomen dar. Die praxisnahe sowie wissenschaftliche Diskussion über diese jungen Menschen in besonderen Lebenslagen wird nach wie vor weitgehend geschlechtsabstrahierend geführt. In den letzten 20 Jahren analysierten nur wenige Untersuchungen aus einer geschlechtsspezifischen Perspektive die Lebenssituation wohnungsloser Mädchen und junger Frauen - dazu gehören die Forschungsarbeiten von Gitta Trauernicht (1989), Martina Bodenmüller (2000) und Uta Maria Metje (2005). Dagegen werden in der Praxis der Wohnungslosen- und Jugendhilfe Mädchen und junge Frauen auf der Straße als spezifische Zielgruppe anerkannt. Dies zeigt sich in geschlechtsspezifischen Konzepten niederschwelliger Einrichtungen wie auch in praxisnahen Veröffentlichungen (vgl. Wallner 2005). Lebenswelten auf der Straße erforschen Wie nehmen wohnungslose Mädchen und junge Frauen ihre Lebenswelt auf der Straße wahr? Welche Erfahrungen machen sie und welche Orientierungen entwickeln sie daraus? Das sind die Fragestellungen, die den Ausgangspunkt bildeten für meine Forschungsarbeit 1 , deren Ergebnisse ich im Folgenden vorstellen werde. Über niederschwellige Einrichtungen der Sozialen Arbeit in vier verschiedenen deutschen Städten habe ich Zugang gefunden zu Mädchen und jungen Frauen auf der Straße. In Interviews, aber auch durch Gespräche und Beobachtungen wurde das Material für diese Untersuchung erhoben. Elf Mädchen und junge Frauen im Alter zwischen 16 und 23 Jahren wurden interviewt. Sie leben auf der Straße, das heißt sie übernachten in Abbruchhäusern, Parks oder Notschlafstellen, bei Freundinnen und Bekannten oder feiern die Nächte durch. Als woh- 1 Die Forschungsarbeit ist 2010 unter dem Titel „Zwischen Ausschluss und Anerkennung. Lebenswelten wohnungsloser Mädchen und Frauen“ im VS-Verlag (Wiesbaden) erschienen. 57 uj 2 | 2011 Mädchen in schwierigen Lebenslagen nungslos werden diese Mädchen und jungen Frauen bezeichnet, weil sie keinen rechtlich abgesicherten eigenen privaten Rückzugsraum haben - mit weitreichenden Konsequenzen für eine Vielzahl von Lebensbereichen. Im Folgenden werde ich einleitend auf das der Untersuchung zugrunde liegende Verständnis von Lebenswelt eingehen. Anschließend wird Wohnungslosigkeit als Ausschlusserfahrung thematisiert und es werden die Orientierungsmuster dargestellt, die wohnungslosen Mädchen und jungen Frauen zur Bewältigung dieser Erfahrungen dienen. Die Konstruktionen von Geschlecht, auf die sich die Beforschten beziehen, erschließen sich sinnvoll vor dem Hintergrund dieser Orientierungsmuster. Die Konsequenzen, die sich meines Erachtens aus den Forschungsergebnissen für die Soziale Arbeit im niederschwelligen Bereich mit dieser Zielgruppe ergeben, werden im letzten Teil ausgeführt. Perspektiven auf Lebenswelt Es gibt keine objektive, das heißt von einem neutralen Standpunkt wertfrei beschreibbare Lebenswelt - schon allein deshalb, weil es keinen neutralen Standpunkt gibt (vgl. Mannheim 1980, 212). Das, was eine Person als wichtig wahrnimmt, wie auch das, was sie übersieht, ist abhängig von ihren biografischen Erfahrungen, Bedürfnissen und Interessen. Ähnlich verhält es sich mit der Art und Weise, wie eine Person das Wahrgenommene deutet und bewertet. Diese Deutungen sind, im Besonderen in krisenhaften Lebensverhältnissen, vor allem darauf ausgerichtet, handlungsfähig zu sein und alltägliche Aufgaben bewältigen zu können (vgl. Grunwald/ Thiersch 2002, 1139). Unter Lebenswelt wird im Folgenden also nicht die beschreibende Darstellung der Lebensorte, der sozialen Kontakte oder der alltäglichen Tagesabläufe der Zielgruppe verstanden. Es interessiert nicht so sehr das „Was“ der Lebenswelt, sondern vielmehr das „Wie“. Mit dem „Wie“ sind die Sinnstrukturen gemeint, man könnte auch sagen die Motive, die hinter dem stehen, was wohnungslose Mädchen und Frauen tun und sagen. Es geht also um den Sinn, auf den ihr Handeln ausgerichtet und orientiert ist. Damit wird eine Außensicht auf die Lebenswelt verabschiedet. Stattdessen werden die Erfahrungen und Orientierungen der Betreffenden konsequent als konstitutiv für ihre Lebenswelten angesehen. Dieses Verständnis von Lebenswelt ist besonders wichtig, wenn es um marginalisierte soziale Gruppen geht, über die im öffentlichen wie auch fachlichen Diskurs stereotype und reduzierende Vorstellungen sowie pauschalisierende Erklärungsansätze verbreitet sind, auf deren Definition die betreffenden Personen selbst kaum Einfluss haben. Auch in Bezug auf Geschlecht werden im Folgenden das Selbstverständnis und die Selbstdeutungen der Mädchen und jungen Frauen im Vordergrund stehen. Wohnungslosigkeit als Ausschlusserfahrung Wohnungslos zu sein wird von den betroffenen Mädchen und jungen Frauen als Ausschluss erfahren. Neben dem räumlichen Verlust von Zugehörigkeit erleben sie gesellschaftlichen und privaten sozialen Ausschluss unter anderem durch den Verlust der Herkunftsfamilie als unterstützenden oder überhaupt nur verfügbaren sozialen Zusammenhang, durch das Zerbrechen von Freundschaften, durch Unverständnis vonseiten der Ämter und des Hilfesystems der Sozialen Arbeit und der Vertreibung aus öffentlichen und halböffentlichen Räumen. Sich außerhalb normaler Verhältnisse zu bewegen (bzw. bewegen zu müssen) ist für sie zum Teil aber auch verknüpft mit der Erwartung, Freiheit zu erlangen. Sie hoffen, im gedachten Freiraum außerhalb der Norm ein eigensinniges Leben entfalten zu können. 58 uj 2 | 2011 Mädchen in schwierigen Lebenslagen Der Ausschluss liegt auch in Gewaltverhältnissen begründet. Von Gewalterfahrungen berichten sämtliche Mädchen und junge Frauen, mit denen ich gesprochen habe, in expliziten Schilderungen oder Andeutungen. In der Regel sind sie es, die die Herkunftsfamilie verlassen müssen, wenn sie dort Gewalt erleiden, und nicht der Täter (oder die Täterin). Gewaltverhältnisse werden nach wie vor innerhalb von Familien (und zum Teil auch Institutionen) häufig mit großer Effizienz verschwiegen oder als alltägliche Normalität hingenommen. Die betreffenden Mädchen stehen damit vielfach vor der Entscheidung, die Zugehörigkeit zur Familie als einem existenziellen und als normal anerkannten sozialen Zusammenhang lösen zu müssen, um der Gewalt zu entkommen. Auf der Suche nach Anerkennung Wohnungslose junge Menschen sind gefordert, den Ausschluss aus als normal anerkannten Lebensverhältnissen zu bewältigen - zumindest soweit zu bewältigen, dass sie handlungsfähig bleiben. Die Orientierungen der betreffenden Mädchen und jungen Frauen sind darauf ausgerichtet, diese Bewältigung gelingen zu lassen. Diese Orientierungen lassen sich deutlich in zwei Dimensionen unterscheiden, die ich im Folgenden anhand der Aussagen der interviewten Mädchen und jungen Frauen veranschaulichen werde. Deutlich wird dabei, dass die Suche nach Anerkennung durchgehend ein wichtiges Motiv darstellt. Zugang zu anerkannten Räumen Mit „Zugang zu anerkannten Räumen“ ist eine Orientierung gemeint, in der das Handeln auf die Veränderung der aktuellen Lebenswelt gerichtet ist, die als fremd erfahren wird. Gelingen soll diese Veränderung durch die Integration in als normal anerkannte Lebensverhältnisse. Normalität findet innerhalb dieser Orientierung nicht auf der Straße statt. Die Suche nach Zugang zu anerkannten Räumen hat zum Ziel, in normale Lebensverhältnisse jenseits der Straße integriert zu werden und durch diese Zugehörigkeit Wertschätzung und Anerkennung zu erfahren. Das wohnungslose Leben stellt in dieser Orientierung einen länger andauernden Ausnahmezustand dar, dessen Überwindung von existenzieller Notwendigkeit ist. Die 18-jährige Nadine beschreibt den Beginn ihrer Wohnungslosigkeit wie folgt: „Da hat ich zwei oder drei Monate gar nichts gehabt und so, ich hatte gar nix zu essen, und so, nix zu trinken, gar kein Geld, von niemanden; keine Wohnung, ja das wo ich das irgendwie im Moment sehe, das kam mir alles vor wie ein Alptraum; weil ich alles auf einmal verloren hab, irgendwie; und gar keiner hat mir geholfen, so, das is jetzt zum Beispiel; das geht doch nich, dass man einfach irgendjemanden auf in Deutschland auf der Straße sitzen lässt; das geht ja gar nicht.“ Nadine erfährt die Lebenswelt auf der Straße als einen unangenehmen Ausnahmezustand mit umfassendem gesellschaftlichem und sozialem Ausschluss und Kontrollverlust. Wohnungslos zu sein stellt sie als einen Alptraum dar, den sie durch die Integration in normale Verhältnisse schnellstmöglich beenden will. Sie sagt wiederholt, auf der Straße zu leben mache sie „irgendwie so komisch“. Ihr Ziel ist ein normales Leben und was normal ist, orientiert sich hier an gesellschaftlich anerkannten Vorgaben, wie Schule, Beruf und Familie. Dazu konstatiert Nadine im Weiteren: „Wenn ich mir das jetz aussuchen möchte, ich will einfach nur n normales Leben haben wie jeder andere. Dass ich auch des machen kann, was jeder andere macht so. Dass ich meine Sachen durchziehe und so, das is vielleicht am Anfang jetz noch schwer für mich, aber egal; ich muss des einfach machen; so will ich mein Leben.“ 59 uj 2 | 2011 Mädchen in schwierigen Lebenslagen Was innerhalb der Orientierung auf den Zugang zu anerkannten Räumen fehlt, sind Erzählungen, in denen das Leben auf der Straße als Alltag mit wiederkehrenden Routinen vorstellbar wird. Sozialen Kontakten zu Peers auf der Straße oder Erzählungen von entsprechenden Szenen kommt eine marginale Rolle zu. Hingegen werden Einsamkeit und fehlende soziale Kontakte zu Gleichaltrigen implizit deutlich und auch explizit thematisiert. Normalisierung nicht anerkannter Räume Die Orientierung auf die Normalisierung nicht anerkannter Räume meint in Abgrenzung zur oben beschriebenen Dimension das Motiv der Interviewten, die eigene Lebensgeschichte und Lebenswelt auf der Straße als normal und gesellschaftlich integriert darzustellen. Dies geschieht mit unterschiedlichen thematischen Fokussierungen. Jasmin ist 19 Jahre alt und äußert sich beispielsweise wie folgt: J: „Is eigentlich ganz easy gewesen mein Leben. Gibt es eigentlich nich viel zu erzählen. Eigentlich alles normal gelaufen; eigentlich Schule alles normal. I: Ja? J: Eigentlich schon (lacht).“ Diese normalisierte Leichtigkeit zieht sich durch das Interview mit Jasmin. Sie erzählt„Schwänke aus ihrer Jugend“, wie sie es nennt, Erlebnisse von Klassenfahrten und Familiengeschichten, während sie problematische Aspekte, auch auf Nachfragen, nur kurz benennt oder umgeht. Das erstaunte „Ja? “ der Interviewerin in diesem Zitat erklärt sich aus dem Kontext des gesamten Interviews. Jasmin ist im Laufe ihrer Biografie Opfer massiver Gewalt durch ihren Stiefvater und Bruder geworden, konsumiert exzessiv Drogen, hat Selbstmordversuche hinter sich und lebt aktuell auf der Straße. Normalisierung ist bei Jasmin also fokussiert auf die Konstruktion einer adoleszenten Normalbiografie. Lele, 16 Jahre alt, hingegen entwirft eine unproblematische aktuelle Lebenswelt auf der Straße: „Eigentlich würd ich sagen, isses auf der Straße gar nich so schwer, das einzigste Problem is halt immer das Finanzielle; ansonsten is eigentlich ganz okay. Ich meine, ich krieg mein Essen jeden Tag, ich kann jeden Tag duschen gehen, der Ratte gehts sowieso gut, und ja, is eigentlich ganz okay; also es is jetz nich, dass ich große Schwierigkeiten hab; nein.“ Normalisierung geschieht hier unter anderem durch die Distanzierung von gesellschaftlich virulenten Bildern über wohnungslose Menschen und der Straßenszene. Entgegen der herrschenden Meinung, das Leben auf der Straße sei defizitär und gefährdend, erzählt Lele von ihrem weitgehend reibungslos funktionierenden Alltag. Es geht dabei auch um die Inanspruchnahme der Deutungs- und Definitionsmacht der eigenen Lebenswelt. Das Potenzial zur Veränderung der eigenen Lebenssituation, das der Orientierung auf den Zugang zu anerkannten Räumen immanent ist, findet sich hier nicht. Die Orientierung auf Normalisierung dient vielmehr der Stabilisierung der aktuellen Lebenswelt in gesellschaftlich nicht anerkannten Räumen. Lebenslage: wohnungslos, Geschlecht: weiblich Lebenslage: wohnungslos, Geschlecht: weiblich - das klingt wie eine Art Doppeldiagnose. Die Straße ist ein deklassierter Lebensort für beide Geschlechter. In der deutschen Forschungsliteratur wie auch der Praxis der Sozialen Arbeit wird vielfach davon ausgegangen, dass wohnungslose Mädchen und junge Frauen aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit gegenüber den Jungen und Männern in besonderem Maße benachteiligt seien (vgl. u. a. We- 60 uj 2 | 2011 Mädchen in schwierigen Lebenslagen ber/ Retza 1998, 116ff ). Als männlich konnotiertes Territorium biete die Straße beispielsweise als Abenteuerraum positive Anknüpfungspunkte für die männliche Geschlechtsidentität. Mädchen und junge Frauen hingegen, so die Annahme, müssen nicht nur mit der Wohnungslosigkeit zurechtkommen, sondern haben auch Schwierigkeiten, sich dort als „richtiges“ Mädchen oder als„richtige“ Frau darzustellen, und geraten so in Konflikt mit ihrer Geschlechtszugehörigkeit. Ein offensives raumgreifendes Verhalten, das selbstbewusste Vertreten und Verteidigen des eigenen Standortes als notwendige Überlebensstrategien auf der Straße gelten nach wie vor nicht uneingeschränkt als erwünschtes weibliches Verhalten. Ich möchte im Folgenden diesen Diskurs der besonderen Benachteiligung verlassen. Die Geschlechterkonstruktionen, die sich in den Erzählungen der Mädchen und jungen Frauen finden, sind darauf ausgerichtet, den eben beschriebenen Ausschluss zu bewältigen. Das bedeutet, anders als bisher vielfach angenommen wird die Geschlechtszugehörigkeit nicht als Defizit erfahren. Vielmehr stellt die Kategorie Geschlecht für die Betreffenden eine Ressource dar, um unter den besonderen Bedingungen der Wohnungslosigkeit Normalität herzustellen und dadurch Anerkennung zu erlangen. Dabei sind zwei Aspekte besonders auffällig, die unter den folgenden beiden Überschriften ausgeführt werden: die Bedeutung von Eigenständigkeit und Unabhängigkeit in den Selbstdarstellungen der Interviewten sowie die Teilhabe an heterosexueller Normalität. Von „Frauen“ und „Tussis“: Eigenständigkeit und Unabhängigkeit In den Selbstdarstellungen der Mädchen und jungen Frauen auf der Straße sind ein selbstbehauptendes Auftreten sowie ein offensives Raumverhalten auffällig. Ein anschauliches Beispiel findet sich in einem der Interviews. Lisa, 19 Jahre alt, bewegt sich in der Hip-Hop-Szene. Sie erzählt von den erheblichen Schwierigkeiten mit den Jungen und Männern beim Musikmachen sowie von den erfolgreichen Strategien, die sie gemeinsam mit Freundinnen entwickelt, um von den Jungen nicht ausgegrenzt zu werden. Lisa und ihre Freundinnen nehmen sich, im übertragenen wie im wörtlichen Sinn, in der Szene und auf der Bühne den Raum für ihren Selbstausdruck und ihre Teilhabe.„Den Hip-Hop emanzipieren“ nennt Lisa das. Von der im Hip-Hop gängigen Weiblichkeitskonstruktion distanziert sich Lisa wie folgt: „Das sind bei Hip-Hop halt so die Tussis, die stylen sich auf, lassen sich poppen, und bei denen (den Jungen, C. S.) halten die die Schnauze so.“ Den positiven Gegenentwurf zu den „Tussis“ stellen die „Frauen“ dar, denen Lisa sich zuordnet. Mit der Bezeichnung „Frauen“ ist ein Selbstverständnis gemeint, das sich nicht an der Zustimmung des anderen Geschlechts, der Jungen, orientiert und eine eigene Meinung vertritt. Diese Eigenständigkeit und Unabhängigkeit ist eng verknüpft mit sexueller Selbstbestimmung in Abgrenzung zu den „Tussis“, denen Lisa sexuelle Verfügbarkeit zuschreibt. Hier zeigt sich exemplarisch eine grundlegende Orientierung im Geschlechterverhältnis von wohnungslosen Mädchen und jungen Frauen. Das nach wie vor wirkmächtige Stigma der Prostitution, das weniger eine berufliche Tätigkeit als ein deklassiertes Weiblichkeitskonzept meint, spielt dabei auch eine wichtige Rolle. Abhängigkeiten zu überwinden und Selbstbestimmung zu erlangen und damit Handlungsfähigkeit herzustellen, stellt für Mädchen und junge Frauen auf der Straße einen Weg dar, den erfahrenen Ausschluss aus als normal anerkannten Lebensverhältnissen zu überwinden. 61 uj 2 | 2011 Mädchen in schwierigen Lebenslagen In der Herkunftsfamilie haben sie Abhängigkeit als problematisch und nicht selten auch als gefährlich erfahren, weil sie den Bedingungen der Zugehörigkeit nicht ausreichend genügen konnten oder wollten. Die Freiheit, über Raum, Zeit und ihre sozialen Kontakte selbst zu bestimmen, wird von wohnungslosen Mädchen und jungen Frauen als ein Vorteil des Lebens auf der Straße gegenüber dem im Elternhaus oder auch in der Jugendhilfe benannt. Zu den besonderen Bedingungen der Lebenswelt Straße gehört die Notwendigkeit, für das eigene Überleben und die eigene Sicherheit Raumansprüche gegenüber anderen durchzusetzen. Dies gilt sowohl in geschlechtshomogenen Zusammenhängen (zum Beispiel auf dem Straßenstrich) als auch in der gemischtgeschlechtlichen Szene. Sich an einer Konstruktion von Weiblichkeit zu orientieren, die sich in der Abhängigkeit von anderen (männlichen) Menschen konstituiert und keine eigenen Raumansprüche stellen darf, kann für Mädchen und junge Frauen auf der Straße eine Gefährdung bedeuten. Sich als eigenständig und unabhängig darzustellen, impliziert zudem, nicht so stark wie andere in die Straßenszene involviert und keinesfalls von diesem sozialen Zusammenhang abhängig zu sein. Diese Eigenständigkeit meint zudem eine Handlungsfähigkeit, die es potenziell ermöglichen soll, die Straße zu verlassen und damit die Zugehörigkeit zu als normal anerkannten Verhältnissen herzustellen. Harmonisch und gleichberechtigt? Teilhabe an heterosexueller Normalität In den Erzählungen der wohnungslosen Mädchen und jungen Frauen werden die Geschlechterbeziehungen als weitgehend gleichberechtigt, emanzipiert, gewaltfrei und heterosexuell ausgerichtet dargestellt. Sie beziehen sich damit auf einen gesellschaftlich vorherrschenden Diskurs zum Geschlechterverhältnis, in dem sich die emanzipatorische Veränderung ehemals starrer Geschlechterrollen wieder findet und Gleichberechtigung zu einem Leitgedanken geworden ist. Im Interview mit Jasmin findet sich ein anschauliches Beispiel für die Deutung hierarchischer Geschlechterverhältnisse. Sie vergleicht die Fähigkeiten von Mädchen und Jungen, auf der Straße zurechtzukommen, und konstatiert: „Aber ich find, Mädchen kommen damit besser klar. Weil Mädchen ham mehr Ehrgeiz als die Jungs. Die Jungs sind sensibler. Die tun immer auf hart, aber im ehrlichen Teil, sind die dann voll ich weiß nich, voll traurig; entsetzt; kommen damit gar nich klar eigentlich dat die auf der Straße leben.“ Jasmin spricht von den Jungen, die sich nach außen hin „hart“ geben, aber in Wirklichkeit „sensibel“ und„traurig“ sind. Sie bezieht sich damit auf eine Männlichkeitskonstruktion, die sich mit der Redensart „harte Schale, weicher Kern“ umreißen lässt. Diese Konstruktion ermöglicht es, unsensibles oder auch gewalttätiges Handeln von Männern zu relativieren, indem es als emotionales Defizit gedeutet wird. Damit wird es gleichzeitig ermöglicht, die Unterlegenheit von Frauen in diesem geschlechterhierarchischen Verhältnis zu verdecken, indem eine mit Weiblichkeit konnotierte emotionale und soziale Kompetenz zur überlegenen Fähigkeit bei der Lebensbewältigung erklärt wird. Die Fähigkeit, das Leben auf der Straße zu bewältigen, wird im öffentlichen wie zum Teil auch im fachlichen Diskurs als eher männliche Eigenschaft benannt. Damit ist auch gemeint, Härte zu zeigen und stark zu sein. Jasmin hingegen beschreibt diese Bewältigungsleistung nicht als die Fähigkeit oder das Abenteuer, im öffentlichen Raum überleben zu können, sondern als die emotionale Kompetenz, mit einem 62 uj 2 | 2011 Mädchen in schwierigen Lebenslagen massiven Missstand, einem Defizit im Leben zurechtzukommen. Jasmin konstruiert hier ein Geschlechterverhältnis, in dem es männliche Überlegenheit nicht gibt. Dem Diskurs des hierarchiefreien Miteinanders der Geschlechter ist die Verdeckung geschlechtshierarchischer Machtverhältnisse immanent. Gewalterfahrungen innerhalb der Peer group durch Jungen und junge Männer werden in den Erzählungen der Mädchen und jungen Frauen weitgehend entweder einer abgeschlossenen Vergangenheit zu- oder als Ausnahmeerfahrungen eingeordnet und zum Teil auch zu jugendlichem Spaß umgedeutet. Heterosexualität, gemeint nicht nur als sexuelle Orientierung, sondern als Lebensform und als eine spezifische Ordnung der Geschlechterverhältnisse, stellt eine nach wie vor sehr wirkmächtige gesellschaftliche Norm dar. Heterosexuelle Geschlechterbeziehungen werden in den Interviews von den Mädchen und jungen Frauen vielfach im Zusammenhang mit den Plänen, ihren Freund zu heiraten und eine Familie zu gründen, thematisiert. Diese Pläne sind jedoch vor allem auf die Stabilisierung der sozialen Dimension ihrer Lebenswelt ausgerichtet und nicht vorrangig durch ein romantisches Liebesideal motiviert. Die 18-jährige Anja sagt beispielsweise zu ihren Zukunftswünschen: „Mit meinem Freund und so; also, dat dat schon alles klappt, wie man sich dat so manchmal vorstellt. Halt muss nich gleich wie im Traum sein, sondern einfach nur weg von der Straße, eigene Wohnung, so weg von den Drogen, Kind, also eigene Familie würd ich sagen. Weil ich guck mir dat manchmal an, manche Leute in meinem Alter, ja die werden gerade achtzehn, wollen heiraten, haben schon zusammen n Kind, haben schon n Partner, mit dem sind se schon zwei oder drei Jahre zusammen, sind schon verheiratet manchmal mit achtzehn; haben ihr Leben ganz schön gut inner im Griff; also schon zu beneiden manchmal.“ In einer stabilen heterosexuellen Beziehung zu leben, bedeutet für Anja, das Leben „im Griff“ zu haben. Zu ihrem Wunsch, ein drogenfreies Leben in eigener Wohnung mit ihrem Kind zu führen, gehört der Freund. Er ist in dieser Erzählung quasi der Ausgangspunkt, eine wichtige Voraussetzung zur Verwirklichung ihrer Vorstellungen. In Anjas Vorstellung muss nicht alles „wie im Traum“ sein, vielmehr geht es um soziale Integration. Die Zugehörigkeit zur heterosexuellen Normalität erhält in der Lebenslage Wohnungslosigkeit eine über die Kategorie Geschlecht hinausweisende Bedeutung. Der Verlust und der Ausschluss aus gesellschaftlich anerkannten Lebensverhältnissen stellen eine Lebenswelt strukturierende Erfahrung dar. Als selbstverständlich angenommene Zugehörigkeiten sind brüchig geworden und massive, über biografische Phasen hinweg alltägliche Gewalterfahrungen müssen bewältigt werden. Die beschriebenen beiden Dimensionen von Geschlechterkonstruktionen mit den ihnen immanenten Verdeckungen erscheinen den betroffenen Mädchen und jungen Frauen als ein Weg zur Überwindung dieser Erfahrungen. Niederschwellige Konzepte weiter denken … Die bisherigen Ausführungen haben gezeigt, dass die Orientierung auf Zugehörigkeit zu normalen Lebensverhältnissen primär eine Suche nach Anerkennung und nicht nach Integration ist. Denn die Integration in eine gesellschaftliche Normalität bedeutet für wohnungslose Mädchen und junge Frauen zumeist eine Integration in einen gesellschaftlichen Raum, in dem ihre Erfahrungen und ihre Biografie nicht als gelebte Realität anerkannt oder wertgeschätzt werden. Diese These ist von grundlegender Bedeutung für die Soziale Arbeit mit wohnungslosen Mädchen und jungen Frauen, vor allem im Bereich 63 uj 2 | 2011 Mädchen in schwierigen Lebenslagen der niederschwelligen Einrichtungen, die im Kontext lebensweltorientierter sozialer Arbeit einen Großteil der Angebote für diese Zielgruppe ausmachen. Diese Einrichtungen sollen vor allem Überlebenshilfen bieten, worunter in der Regel eine Grundversorgung mit Essen, Kleidung etc. und erste Beratungsangebote verstanden werden. Meines Erachtens sollte das Verständnis von Überlebenshilfen dahingehend erweitert werden, dass Bildungs- und Kulturarbeit als konstitutiver Bestandteil niedrigschwelliger Angebote begriffen (und finanziert) wird. Anerkennende Bildungsarbeit Bildungsarbeit ermöglicht in unterschiedlichen Formen die konstruktive Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte sowie den hierfür relevanten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (vgl. Scherr 2002). Die wertschätzende Aneignung und Anerkennung der eigenen biografischen und aktuellen Erfahrungen lässt die Wirkmächtigkeit vorherrschender normativer Vorgaben in den Hintergrund rücken. Kulturarbeit, die auf das Sichtbarwerden der Interessen und Meinungen wohnungsloser Mädchen und junger Frauen abzielt, ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe und wirkt sinnstiftend. Das (weitgehend) sichere Gefühl, dass die eigenen Erfahrungen und das eigene Leben bedeutsam sind und einen anerkannten Platz in der Welt haben, bildet eine belastbare Grundlage, um Ziele für das eigene Leben zu entwickeln. Auf zwei Aspekte möchte ich in diesem Zusammenhang im Besonderen hinweisen: Gewalt thematisieren Das Leben in Gewaltverhältnissen stellt eine alltägliche Erfahrung wohnungsloser Mädchen und junger Frauen dar, die sie jedoch vielmehr als Normalität ihrer Lebenswelten hinnehmen anstatt sie zu thematisieren oder gar zu beklagen. Das Thematisieren von Gewalt und damit auch der Gewalterfahrungen wohnungsloser Mädchen und junger Frauen sollte nicht ausschließlich in einen therapeutischen Kontext verwiesen werden, wie es meiner Erfahrung nach häufig der Fall ist. Es muss im eigentlichen wie übertragenen Sinn ein Raum geschaffen werden, in dem das Reden über Gewalt in reflektierter Form möglich ist. Dabei geht es nicht nur um eine individuelle Verarbeitung der Erfahrungen, sondern um eine Thematisierung des gesellschaftlichen Kontextes, in dem die Alltäglichkeit und das Verschweigen von Gewalt möglich sind. Die Erfahrungen und Perspektiven der betreffenden Mädchen und jungen Frauen sollten in ihrer Alltäglichkeit sichtbar werden. Vor dem Hintergrund einer Norm des gewaltfreien Miteinanders können dadurch Gewaltverhältnisse nach und nach als nicht akzeptable Missstände beklagt werden. Gewalt zu thematisieren verlangt besondere Fähigkeiten von Sozialarbeiterinnen: sie müssen in der Lage sein, mit Erzählungen und Berichten über extreme Gewalt, Vernachlässigung und Ohnmacht zurechtzukommen. Dafür ist es nicht nur notwendig, die eigenen Grenzen der Belastbarkeit zu kennen, sondern auch mit diesen Grenzen in sensiblen Situationen auf eine professionelle Weise umgehen zu können und diese Kompetenz regelmäßig weiterzubilden. Geschlecht thematisieren Wie bereits deutlich wurde, ist die Zugehörigkeit zu einer geschlechtlichen Normalität für Mädchen und junge Frauen auf der Straße zur Bewältigung der Erfahrung von Wohnungslosigkeit bedeutsam. Vor diesem Hintergrund sind geschlechtsreflektierende Ansätze dringend notwendig, um normative Vorgaben und Zumutungen, also das Bild der „richtigen“ Frau gemeinsam mit den Mädchen zu entschlüsseln. Zur Begründung dieser Angebote vor allem auf die besondere Benachteiligung der Mädchen zu rekurrieren, greift meines Erachtens zu kurz. So- 64 uj 2 | 2011 Mädchen in schwierigen Lebenslagen ziale Arbeit muss Geschlecht als eine ambivalente Ressource in den Blick nehmen. Auf der einen Seite dient Geschlecht als soziale Kategorie dazu, Stabilität in der Lebenslage Wohnungslosigkeit herzustellen. Andererseits erschwert es diese Ressource, alternative Strategien für ein gelingenderes Leben zu entwickeln. Geschlechtsreflektierende Soziale Arbeit mit dieser Zielgruppe muss die Herausforderung annehmen, sich in dem Spannungsfeld zu bewegen, die Geschlechterkonstruktionen der Mädchen und jungen Frauen wahrzunehmen und anzuerkennen und sie gleichzeitig in einer konstruktiven Weise zu irritieren und in Frage zu stellen. Dies könnte auch bedeuten, im Team die eigenen expliziten und impliziten Annahmen über das Geschlechterverhältnis, über das, was Männlichkeit und Weiblichkeit ausmacht, zu thematisieren und diese Reflexion zur Konkretisierung der Zielsetzung geschlechtsspezifischer Angebote für wohnungslose Mädchen und junge Frauen zu nutzen. In der Reflexion der geschlechtlichen Normalität, individuell wie auch kollektiv, kann die Erweiterung der gesellschaftlichen Räume, in denen wohnungslose Mädchen und junge Frauen Selbst- und Fremdanerkennung finden, gelingen. Claudia Steckelberg Alice Salomon Hochschule Alice Salomon Platz 5 12627 Berlin steckelberg@ash-berlin.eu www.ash-berlin.eu/ hsl/ steckelberg Literatur Bodenmüller, M., 2000: Auf der Straße leben. Mädchen und junge Frauen ohne Wohnung. Münster Grunwald, K./ Thiersch, H., 2002: Lebensweltorientierung. In: Otto, H.-K./ Thiersch, H. (Hrsg.): Handbuch Sozialarbeit/ Sozialpädagogik, Neuwied/ Kriftel, S. 1136 - 1148 Mannheim, K., 1980: Strukturen des Denkens. Frankfurt/ Main Metje, U. M., 2005: Zuhause im Übergang. Mädchen und junge Frauen am Hamburger Hauptbahnhof. Frankfurt/ Main Scherr, A., 2002: Jugendarbeit in der Wissensgesellschaft. In: deutsche jugend, 50. Jg., H. 7/ 8, S. 313 - 318 Trauernicht, G., 1989: Ausreißerinnen und Trebegängerinnen. Theoretische Erklärungsansätze, Problemdefinitionen der Jugendhilfe, strukturelle Verursachung der Familienflucht und Selbstaussagen der Mädchen. Münster Wallner, C., 2005: Zwischen den Systemen - junge Frauen in prekären Lebenslagen zwischen Jugendhilfe und Wohnungslosenhilfe oder: Was passiert, wenn sich Niemand zuständig fühlt? In: wohnungslos, 47. Jg., H. 3, S. 97 - 101 Weber, M./ Retza, B., 1998: Die Straße gehört den Jungen - oder: wer denkt bei Straßenkindern schon an Mädchen? Anmerkungen und Ergänzungen aus geschlechtsspezifischer Sicht zum Aktionsprogramm „Kinder und Jugendliche in besonderen Problemlagen“. In: Institut für Soziale Arbeit (Hrsg.): 5 Jahre „Straßenkinder“ im Blick von Forschung & Praxis - eine Zusammenschau. Münster, S. 116 - 129
