eJournals unsere jugend63/3

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2011.art13d
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2011
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Differenzierung und Pluralisierung. Chancenstrukturen und Bewältigungsmuster an der Statuspassage Schule - Ausbildung

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2011
Mona Granato
Die Barrieren, denen gerade Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund auf dem Weg durch die Bildungsinstitutionen begegnen, tragen wesentlich dazu bei, dass sie als junge Erwachsene erheblich häufiger ohne abgeschlossene Berufsausbildung bleiben. Junge Erwachsene mit Migrationshintergrund haben in der Altersgruppe der 20- bis 30-Jährigen mit 31% mehr als doppelt so oft wie die Vergleichsgruppe ohne Migrationshintergrund (13%) keine abgeschlossene Berufsausbildung (vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2010).
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116 unsere jugend, 63. Jg., S. 116 - 127 (2011) DOI 10.2378/ uj2011.art13d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Differenzierung und Pluralisierung Chancenstrukturen und Bewältigungsmuster an der Statuspassage Schule - Ausbildung Die Barrieren, denen gerade Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund auf dem Weg durch die Bildungsinstitutionen begegnen, tragen wesentlich dazu bei, dass sie als junge Erwachsene erheblich häufiger ohne abgeschlossene Berufsausbildung bleiben. Junge Erwachsene mit Migrationshintergrund haben in der Altersgruppe der 20bis 30-Jährigen mit 31 % mehr als doppelt so oft wie die Vergleichsgruppe ohne Migrationshintergrund (13 %) keine abgeschlossene Berufsausbildung (vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2010). von Dr. phil. Mona Granato Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Arbeitsbereiches „Kompetenzentwicklung“ in der Abteilung „Sozialwissenschaftliche Grundlagen der Berufsbildung“ des Bundesinstitutes für Berufsbildung (BIBB) Die prekäre Lage junger Menschen mit Migrationshintergrund bei den Übergängen in Ausbildung ist inzwischen erkannt und hinreichend durch empirische Untersuchungen belegt. Selbst wenn die eigentlichen Ursachen für ihre - im Vergleich zu Personen ohne Migrationshintergrund - geringeren Einmündungschancen nicht sicher erkennbar sind, hat bereits der Nachweis ihrer geringeren Chancen erste Auswirkungen auf Politik und Wissenschaft. Die Zukunft unserer Gesellschaft ist ohne die Beteiligung gerade dieses Teils der heutigen Jugend nicht denkbar. Ein Innovationsland wie Deutschland kann es sich nicht leisten, dass so viele junge Erwachsene ohne eine anerkannte Berufsausbildung und damit ohne Chancen auf eine tragfähige berufliche Integration bleiben. Statt Bildungsarmut zu (re)produzieren, sollte das (Aus-)Bildungssystem in Deutschland die Vielfalt der Potenziale nutzen. Mehr Bildungsgerechtigkeit zu verwirklichen bedeutet auch, das in der UN-Charta verbriefte Recht auf Bildung in Deutschland nachhaltig in einem chancengerechten Bildungswesen umzusetzen. Denn Gesellschaft und Wirtschaft brauchen die Jugend von heute und ihre Vielfalt mindestens ebenso sehr wie umgekehrt Jugend auf gesellschaftliche Anerkennung und berufliche Integrationsmöglichkeiten angewiesen ist. Doch wer ist die Jugend von heute? Bei Beantwortung dieser Frage eröffnen sich - unabhängig vom Migrationshintergrund - seit Längerem zu beobachtende Differenzierungspro- 117 uj 3 | 2011 Übergang ins Berufsleben zesse der Lebenslagen und Pluralisierungsprozesse der Lebenswelten Jugendlicher, die sich z. B. in einer großen Bandbreite an Werteorientierungen, Bildungszielen und Strategien am Übergang Schule - Ausbildung niederschlagen und Teil der Vielfalt ihrer Potenziale sind. Vor diesem Hintergrund analysiert der vorliegende Beitrag Bildungsorientierungen und Strategien junger Menschen am Übergang Schule - Ausbildung sowie die Einmündungschancen junger Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in eine berufliche Ausbildung. Abschließend werden Erklärungsansätze aus individueller wie struktureller Perspektive diskutiert, Schlussfolgerungen für die pädagogische Arbeit gezogen bzw. zwei entscheidende bildungspolitische Weichenstellungen vorgestellt, die in diesem Handlungskontext notwendig sind. Jugendliche im Einwanderungsland: Differenzierung der Lebenslagen und Pluralisierung der Lebenswelten Die Ausdifferenzierung der sozialen Lebenslagen sowie die Pluralisierung der Lebensstile sind Kennzeichen jugendlicher Lebenswelten - unabhängig von einem Migrationshintergrund. Das Auseinanderdriften der sozialen Lebenslagen von Familien in Deutschland, wo bereits jedes sechste Kind am Rande der Armutsgrenze aufwächst, ist längst gesellschaftliche Realität. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund wachsen häufiger als diejenigen ohne Migrationshintergrund in Familien auf, die von einer sozioökonomisch schwierigen Lebenslage gekennzeichnet sind. Migrantenfamilien leben doppelt so oft an der Armutsgrenze wie Familien ohne Migrationshintergrund. Das Phänomen Armut ist mit Einkommensarmut jedoch nur unzureichend charakterisiert. Armut betrifft alle Lebensbereiche und schränkt die Chancen auf eine gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe aller Familienmitglieder und insbesondere der Kinder und Jugendlichen ein. Familien mit Migrationshintergrund leben überproportional häufig in schlechteren Wohnverhältnissen und zudem in Wohnquartieren oder Stadtteilen mit einem hohen Anteil an Hartz IV-EmpfängerInnen. Diese Wohnumgebungen sind häufig durch unzureichende Angebote an Bildung und sozialen Diensten geprägt. Armut und sozioökonomisch schwierige Lebenslagen sind zudem meist verbunden mit geringeren Anregungspotenzialen, die Familien ihren Kindern anbieten können. Ebenfalls seit Längerem zu beobachten ist die Pluralisierung der Lebenswelten und Werteorientierungen junger Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Dabei existiert eine Vielzahl jugendspezifischer Lebensstile und Jugendkulturen. Das Zusammenleben in Schule und Freizeit ist überwiegend von einem selbstverständlichen Neben- und Miteinander der Jugendlichen geprägt. Die Differenzlinien verlaufen dabei je unterschiedlich; zum Teil zwischen Jugendlichen mit Migrationshintergrund, seltener hingegen zwischen den Gesamtgruppen Jugendlicher mit bzw. ohne Migrationshintergrund (Schittenhelm/ Granato 2003). Aus kulturell und sozioökonomisch bedingt unterschiedlichen familiären bzw. gesellschaftlichen Anforderungen an Heranwachsende können zudem mitunter widerstreitende Orientierungen von der „richtigen“ Meinung und „Verhaltensweise“ entstehen. Jugendliche mit Migrationshintergrund gehen sehr unterschiedlich mit diesen widerstreitenden und disparaten Handlungsanforderungen um. Meist gelingt ihnen die Integration unterschiedlicher Handlungsanforderungen. Wie sich Heranwachsende über jugendkulturelle Stile definieren und in Gruppen und Cliquen zusammenfinden, ist ebenfalls vielfältig 118 uj 3 | 2011 Übergang ins Berufsleben und heterogen. Junge Frauen bzw. Männer mit einem Migrationshintergrund haben von ihren Orientierungen und ihrer jugendkulturellen Stil- und Gemeinschaftsbildung her genauso wenig gemeinsame Präferenzen und homogene Orientierungen wie weibliche und männliche Jugendliche ohne Migrationshintergrund (Schittenhelm/ Granato 2003; Boos-Nünning/ Karakasoglu 2006). Allerdings schließt eine Heterogenität ihrer Lebensführung nicht aus, dass sie in Bildung und Beruf unabhängig von ihren Orientierungen und Präferenzen soziale Grenzziehungen erfahren und auf diese Weise auf eine als „ethnisch“ definierte Zugehörigkeit verwiesen werden - auch wenn sie sich selbst anders definieren (Schittenhelm 2007). Entgegen früher verbreiteten Zuschreibungen gegenüber Jugendlichen mit Migrationshintergrund - sie seien wegen ihrer bi- oder multikulturellen Bezugssysteme verstärkt von „Identitätsproblemen“ betroffen - gelingt es ihnen in der Regel, divergierende gesellschaftliche, aber auch familiäre Wertvorstellungen im Sinne einer Integration miteinander zu vereinbaren. In dieser „Wertekoexistenz“ verbindet sich eine hohe Orientierung an „konventionellen Werten“ wie Pflichtbewusstsein, Leistung und Materialismus mit der Orientierung an „Engagement“- und „Hedonismus“-Werten (Gille 2006, 160). Deutlich werden dabei auch Unterschiede zwischen Jugendlichen mit Migrationshintergrund (Gille 2006; Kuhnke/ Müller 2009). Die Identitätsentwicklung aller Jugendlichen gleicht einem „Patchwork“. Die darin enthaltenen „Mehrfachzugehörigkeiten“ können eine wichtige Ressource gerade für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sein (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2009, 253). Hier ist dringend ein grundlegender gesellschaftlicher Perspektivwechsel erforderlich, der diese „Patchwork“-Identitäten gesellschaftlich wahrnimmt und anerkennt, bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund ebenso wie seit Langem bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund. Übergangsprozesse an der Statuspassage Schule - Ausbildung Steigende Anforderungen an die Jugendzeit Neben den spezifischen Entwicklungsaufgaben der Lebensphase Jugend hängen die Veränderungen jugendlicher Lebenswelten auch mit den steigenden - und zudem je nach Lebensfeld divergierenden - gesellschaftlichen Anforderungen an diesen Lebensabschnitt zusammen. Wenngleich die Jugendzeit noch immer als eine relativ geschützte Lebensphase verstanden werden kann, hat die Komplexität dieses Lebensabschnitts zugenommen. Die Jugendsoziologie spricht von einer„Verdichtung“ der Jugendphase. Dies gilt vor allem für die unterschiedlichen Übergänge im Bildungsverlauf. Eine dieser zentralen Schwellen ist der Übergang von der Schule in eine berufliche Erstausbildung. Angesichts der Schwierigkeiten auf dem Ausbildungsmarkt im vergangenen Jahrzehnt (vgl. Eberhard/ Ulrich 2010) ist der für viele früher sogenannte „normalbiografische“ Prozess an der ersten Schwelle - Abschluss der allgemeinbildenden Schule und direkter Übergang in eine berufliche Erstausbildung - einer Vielfalt zum Teil problematischer Übergangsmöglichkeiten gewichen (vgl. Beicht 2009). Diese Veränderungen an der Statuspassage Schule - Ausbildung sind mit höheren Anforderungen an die Jugendlichen verbunden, die eine höhere Eigenverantwortung, mehr Durchhaltevermögen und Frustrationstoleranz benötigen, um diese Statuspassage zu gestalten und erfolgreich zu bewältigen (Quante-Brandt u. a. 2006). 119 uj 3 | 2011 Übergang ins Berufsleben Berufliche Orientierungen und Suchstrategien im Übergang Schule - Ausbildung Junge Menschen möchten selbst über ihr Leben bestimmen. Ebenso wie junge Menschen ohne Migrationshintergrund sind Heranwachsende aus Migrantenfamilien an einer qualifizierten Ausbildung und Erfolg im Beruf interessiert (z. B. Beicht/ Granato 2009, 2010; Friedrich 2009; Überblick: Boos-Nünnin/ Granato 2008), wobei eine Vielfalt von Vorstellungen darüber existiert, wie die jeweiligen Bildungs- und Berufsziele erreicht und die Lebenswünsche erfüllt werden können (Gille 2006; Schittenhelm 2007; Boos-Nünning/ Karakasoglu 2006). Unmittelbar nach der Schulzeit haben die meisten SchulabgängerInnen - rund 85 % - klare (Aus-)Bildungsziele und können konkrete Qualifizierungspläne benennen, so ein Ergebnis der BIBB-Übergangsstudie. Rund 70 % der SchulabgängerInnen möchten eine berufliche Qualifizierung beginnen, sei es eine betriebliche (61 %) oder eine berufsfachschulische (10 %) Ausbildung. Die Aufnahme eines Studiums ist für rund 12 % das nächste Bildungsziel (Beicht/ Granato 2009, 11). Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund unterscheiden sich nur wenig in ihren Bildungspräferenzen (z. B. Beicht/ Granato 2009; Friedrich 2009; Reißig/ Gaupp 2006). Dies gilt auch bei Berücksichtigung des Schulabschlusses (Beicht/ Granato 2009). Die konkreten Bemühungen um einen Ausbildungsplatz sind bei SchulabsolventInnen mit Migrationshintergrund genauso groß wie bei denjenigen ohne Migrationshintergrund. Größtenteils werden die verschiedenen Such- und Bewerbungsstrategien in gleicher Intensität angewendet (Beicht/ Granato 2009, 2010). Junge Menschen mit und ohne Migrationshintergrund sind bei der Suche nach einer Lehrstelle genauso flexibel und engagiert. Bei Bewerbungen und Nutzung des Internets beispielsweise liegen BewerberInnen mit und ohne Migrationshintergrund gleichauf. Lediglich bei den Netzwerkressourcen zeigen sich Unterschiede: Jugendliche mit Migrationshintergrund werden (oder können) von ihren Eltern, von anderen Familienangehörigen, Bekannten oder Freunden seltener dabei unterstützt (werden), Kontakte zu Ausbildungsbetrieben herzustellen (Beicht/ Granato 2009, 2010). Methodische Hinweise zur Übergangsstudie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) In der BIBB-Übergangsstudie 2006 wurden auf der Grundlage einer repräsentativen Stichprobe mittels computergestützter Telefoninterviews Jugendliche der Geburtsjahrgänge 1982 bis 1988 befragt. Es handelt sich um eine retrospektive Längsschnitterhebung, in der die Bildungs- und Berufsbiografie erfasst wurde. Berücksichtigt werden bei den folgenden Analysen rund 5.500 Befragte, die die allgemeinbildende Schule bereits vor dem Jahr 2006 verlassen haben und für die somit Informationen über den weiteren Werdegang vorliegen. Über 1.000 Befragungspersonen haben einen Migrationshintergrund (23 %). Der Migrationshintergrund wird „indirekt“ definiert: Kein Migrationshintergrund wird angenommen, wenn ein Jugendlicher die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, zudem als Kind in der Familie zuerst ausschließlich die deutsche Sprache gelernt hat und außerdem Vater und Mutter in Deutschland geboren sind. Treffen diese Bedingungen nicht vollständig zu, wird von einem Migrationshintergrund ausgegangen (Beicht/ Granato 2009, 10). Unter der Überschrift „Chancen auf eine berufliche Ausbildung“ werden im Folgenden weitere wesentliche Ergebnisse der Expertise Beicht/ Granato 2009 zusammengefasst. Ausdruck des Engagements und der Flexibilität bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz ist beispielsweise auch, dass SchulabsolventInnen aus Migrantenfamilien sich gleichzeitig in mehreren Berufen bewerben - ähnlich wie diejenigen ohne Migrationshintergrund. Die regionale 120 uj 3 | 2011 Übergang ins Berufsleben Mobilitätsbereitschaft ist bei beiden Gruppen gleich ausgeprägt. Dennoch erhalten BewerberInnen mit Migrationshintergrund seltener als diejenigen ohne Migrationshintergrund die Chance auf ein Vorstellungsgespräch (z. B. Beicht/ Granato 2009, 2010). Verlauf und Bewältigung von Übergangsprozessen Die Veränderungen an der Statuspassage Schule - Ausbildung werden besonders deutlich bei der erheblich gewachsenen Zahl von SchulabgängerInnen, die eine oder mehrere Maßnahmen bzw. Bildungsgänge im sogenannten Übergangssystem durchlaufen, die nicht zu einem Berufsabschluss führen (Beicht 2009; Eberhard/ Ulrich 2010). Der Besuch von Maßnahmen oder Bildungsgängen im Übergangssystem führt bei jungen MigrantInnen zudem seltener als bei denjenigen ohne Migrationshintergrund dazu, dass sie im Anschluss in eine vollqualifizierende Ausbildung einmünden (Beicht 2009). In den ersten drei Jahren nach Beendigung der allgemeinbildenden Schule gelingt ihnen seltener ein unmittelbarer und dauerhafter Übergang in eine betriebliche oder berufsfachschulische Ausbildung als der Vergleichsgruppe ohne Migrationshintergrund, wie sich anhand der BIBB-Übergangsstudie nachweisen lässt (mit Migrationshintergrund 43 %, ohne 60 %). Demgegenüber durchlaufen sie erheblich häufiger langwierige und schwierige Übergangsprozesse, bei denen ihnen die Einmündung in eine vollqualifizierende Ausbildung selbst nach drei Jahren nicht gelingt (mit Migrationshintergrund 30 %, ohne 17 %, Beicht/ Granato 2009, 16 - 18). Neben dem faktischen Verlauf des Statusübergangs sind die individuellen Erfahrungen und der Umgang mit Erfolg und Misserfolg auf dem Weg in eine berufliche Ausbildung von besonderer Bedeutung (Krüger 2001; Schittenhelm 2007). Aus der individuellen Perspektive betrachtet, hängt eine erfolgreiche Einmündung nicht nur von den ursprünglichen Bildungszielen, den konkreten Suchstrategien sowie dem individuellen bzw. familiären kulturellen und sozialen Kapital ab, sondern auch wesentlich vom Umgang der Jugendlichen mit ihren Erfahrungen bei der Lehrstellensuche und ihren Erfahrungen mit dem Verlauf der Übergangsphase. Angesichts einer schwierigen Lage auf dem Ausbildungsmarkt wird seit Längerem thematisiert, inwieweit die Ausbildungsberufe, auf die sich gerade junge Frauen bewerben, ihren tatsächlichen Präferenzen bei der Berufsfindung entsprechen und inwieweit es im Verlauf der Übergangsphase Schule - Ausbildung zu einer Anpassung an die Chancen- und Gelegenheitsstrukturen des Ausbildungsmarkts kommt (Krüger 2001). Qualitativen Untersuchungen zufolge gehen junge Frauen mit und ohne Migrationshintergrund sehr unterschiedlich mit Schwierigkeiten um, denen sie im Übergang Schule - Ausbildung begegnen. Rückschläge und Misserfolge, die sie dabei erleben, verarbeiten sie je unterschiedlich und ziehen auch unterschiedliche Schlussfolgerungen daraus, um doch noch eine Ausbildungsmöglichkeit zu finden. Dabei lassen sich sowohl solche Bewältigungsstrategien nachweisen, bei denen sie ihre ursprünglichen Ausbildungsziele völlig aufgeben, nur um einen Ausbildungsplatz zu finden, als auch solche, bei denen sie ihre ursprünglichen Bildungsziele konsequent verfolgen und dabei eine Reihe von Umwegen in Kauf nehmen, um erfolgreich einmünden zu können (Schittenhelm 2007). Gerade an der Statuspassage Schule - Ausbildung lässt sich eine große Heterogenität von Orientierungen, Strategien und Lebensstilen nachweisen, die zwischen einheimischen und eingewanderten jungen Frauen und Männern keine grundsätzlichen bipolaren Differenzkonstruktionen zulässt. Sie sind, was ihre Orientierungen und Lebensentwürfe wie auch ihre Strategien in der Bewältigung dieser Über- 121 uj 3 | 2011 Übergang ins Berufsleben gangsphase betrifft, weder in sich homogen noch grundsätzlich verschieden (Schittenhelm/ Granato 2003). Chancen auf eine berufliche Ausbildung Nach der BIBB-Übergangsstudie haben Jugendliche mit Migrationshintergrund zwar einen ebenso hohen Qualifizierungsbedarf und setzen Suchstrategien ähnlich häufig wie Jugendliche ohne Migrationshintergrund ein, um ihr Ziel auch zu erreichen (siehe oben: „Übergangsprozesse an der Statuspassage Schule - Ausbildung“). Dennoch sind ihre Chancen, rasch in eine vollqualifizierende Ausbildung einzumünden, wesentlich geringer - selbst mit den gleichen schulischen Voraussetzungen. Verfügen Jugendliche, die eine betriebliche oder schulische Ausbildung anstreben, maximal über einen Hauptschulabschluss, so beginnen im Laufe eines Jahres diejenigen mit Migrationshintergrund mit 42 % erheblich seltener eine vollqualifizierende Berufsausbildung als diejenigen ohne Migrationshintergrund mit 62 %. Nach drei Jahren ist es dann 68 % der jungen MigrantInnen und 86 % der einheimischen Jugendlichen gelungen, eine vollqualifizierende Ausbildung aufzunehmen. Liegt ein mittlerer Schulabschluss vor, so ist die Chance, ihr Qualifizierungsziel zu realisieren, in beiden Gruppen deutlich höher. So sind nach einem Jahr 55 % der Jugendlichen mit Migrationshintergrund und 74 % der jungen NichtmigrantInnen in eine Berufsausbildung eingemündet. Im Verlauf von drei Jahren sind 79 % (relativ) guter Notendurchschnitt (bis 2,9) mittlerer bis schlechter Notendurchschnitt (ab 3,0) Schätzung nach der Kaplan-Meier-Methode; zur Methode. Basis: Personen der Geburtsjahrgänge 1982 bis 1988, die bei Verlassen des allgemeinbildenden Schulsystems eine betriebliche oder schulische Ausbildung suchten. Quelle: Beicht/ Granato 2009: 22 auf der Grundlage der BIBB-Übergangsstudie Abb. 1: Wahrscheinlichkeit der Einmündung in eine Berufsausbildung (betrieblich, außerbetrieblich, schulisch) - Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund mit mittlerem Schulabschluss nach Notendurchschnitt (kumulierte Einmündungsfunktion) 122 uj 3 | 2011 Übergang ins Berufsleben der Jugendlichen aus Migrantenfamilien und 91% derjenigen ohne Migrationshintergrund bei der Ausbildungsplatzsuche erfolgreich gewesen (Beicht/ Granato 2009, 20f ). Bei maximal Hauptschulabschluss liegt die Chance auf einen Ausbildungsplatz für junge Menschen mit Migrationshintergrund zu fast allen Zeitpunkten um rund 20 Prozentpunkte niedriger als bei jungen Menschen ohne Migrationshintergrund. Auch bei einem mittleren Schulabschluss sind die Abweichungen zunächst ähnlich hoch. Erst im Zeitverlauf kommt es zu einer leichten Annährung - dennoch beträgt die Differenz auch nach drei Jahren noch über 10 Prozentpunkte. Für die Qualifizierungschancen sind auch die Noten auf dem Abschlussbzw. Abgangszeugnis der allgemeinbildenden Schule von besonderer Bedeutung, da sie als geeigneter Prädikator für die Leistungsfähigkeit der Jugendlichen angesehen werden: Verfügen SchulabgängerInnen mit einem mittleren Abschluss über eher gute Noten, so nehmen von denjenigen mit Migrationshintergrund im Laufe eines Jahres 56 % eine vollqualifizierende Ausbildung auf, von denjenigen ohne Migrationshintergrund 75 %. Nach drei Jahren sind 78 % der Jugendlichen mit und 92 % der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund in eine Ausbildung eingemündet. Fallen bei einem mittleren Abschluss die Schulnoten durchschnittlich bis schlecht aus, so beginnen innerhalb eines Jahres 52 % der RealschulabsolventInnen mit Migrationshintergrund und 70 % derjenigen ohne Migrationshintergrund eine Ausbildung. Nach drei Jahren haben 82 % der RealschulabsolventInnen mit und 91 % derjenigen ohne Migrationshintergrund den Übergang in eine Ausbildung geschafft (Beicht/ Granato 2009, 20f ). Gute schulische Voraussetzungen, d. h. hier ein weiterführender Schulabschluss und gute Schulnoten, wirken sich bei SchulabgängerInnen ohne Migrationshintergrund immer als förderlich für die Einmündung in eine vollqualifizierende Ausbildung aus, bei eingewanderten SchulabgängerInnen mit einem mittleren Abschluss jedoch nur zum Teil. Die geringeren Chancen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund lassen sich somit nicht (ausschließlich) mit schlechteren Schulnoten erklären. Vor allem jungen MigrantInnen mit guten Schulzeugnissen gelingt die Aufnahme einer Ausbildung erheblich seltener als der Vergleichsgruppe ohne Migrationshintergrund (Beicht/ Granato 2009, 20 - 23). Bei gleichem Qualifizierungsziel und vergleichbaren Suchstrategien und selbst mit gleichen schulischen Voraussetzungen haben Jugendliche mit Migrationshintergrund geringere Chancen, in eine vollqualifizierende Ausbildung einzumünden. Die BIBB-Schulabgängerbefragungen zeigen zudem, dass SchulabsolventInnen mit Migrationshintergrund, die einen Ausbildungsplatz finden, nur halb so oft in ihrem „Wunschberuf“ ausgebildet werden wie SchulabgängerInnen ohne Migrationshintergrund (Diehl u. a. 2009). Diese Ergebnisse belegen, dass die schulischen Voraussetzungen wie Schulnoten und Schulabschlüsse von SchulabgängerInnen mit Migrationshintergrund kein ausreichender Erklärungsansatz für ihre geringere Einmündungsquote in eine duale oder berufsfachschulische Ausbildung sind. Weitere Einflussgrößen erweisen sich zwar als relevant (statistisch signifikant) für den Einmündungserfolg in eine Ausbildung, erklären jedoch die geringeren Ausbildungschancen von SchulabsolventInnen mit Migrationshintergrund nicht vollständig. Junge Menschen aus Migrantenfamilien verfügen zwar häufiger als junge NichtmigrantInnen über einen Hauptschulabschluss und ihre Schulnoten fallen im Durchschnitt etwas schlechter aus. Ihre Eltern sind weniger gut gebildet, und der Vater hat seltener eine qualifizierte Tätigkeit. Bei gleichzeitiger Berücksichtigung all dieser Faktoren 123 uj 3 | 2011 Übergang ins Berufsleben bleibt dennoch ein eigenständiger Einfluss des Migrationshintergrunds bestehen. Dies deutet darauf hin, dass sich schon allein das Vorhandensein eines Migrationshintergrunds bei der Ausbildungsplatzsuche nachteilig auswirkt (Beicht/ Granato 2009; 2010). Diskussion der Ergebnisse Trotz einer Reihe von Forschungsaktivitäten ist weiterhin ungeklärt, welche Barrieren den Zugang gerade ausbildungsinteressierter Jugendlicher mit Migrationshintergrund in eine berufliche Ausbildung behindern. Erklärungsansätze: individuelle Ressourcen Die in Theorie und Praxis lange Zeit verwendeten Ansätze zur Erklärung der geringeren Einmündungschancen junger Menschen mit Migrationshintergrund in eine Ausbildung, die individuelle Einflussfaktoren wie geringe schulische Bildung, fehlende deutsche Sprachkenntnisse, unzureichende (Aus)Bildungsorientierung mit der These der kulturellen Differenzierung verknüpften, sind mittlerweile grundlegend dekonstruiert (vgl. z. B. Boos-Nünning/ Granato 2008). Formale Bildungsvoraussetzungen wie Schulabschlüsse und Schulnoten reichen ebenfalls - wie dargelegt - nicht aus, die geringeren Zugangschancen junger MigrantInnen in eine Ausbildung abschließend zu erklären. Nimmt man die kognitive Leistungsfähigkeit als Indikator, so ist das Resultat das Gleiche (Imdorf 2005). Weiterhin ungeklärt ist, wieso es jungen Menschen mit Migrationshintergrund nicht gelingt, dieselben Bildungsvoraussetzungen wie Jugendliche ohne Migrationshintergrund gleichberechtigt zu verwerten. Auch das kulturelle Kapital der Familie, z. B. die sozioökonomische Positionierung der Eltern (Beicht/ Granato 2010) sowie das soziale Kapital der Familie, z. B. die Unterstützung über verwandtschaftliche Netzwerke bei der Ausbildungsplatzsuche (Beicht/ Granato 2010; Eberhard/ Ulrich 2010; Skrobanek 2009), fallen zwar ungünstiger aus als bei Familien ohne Migrationshintergrund, bieten aber dennoch keine hinreichende Erklärung für die geringeren Chancen junger Menschen mit Migrationshintergrund erfolgreich in eine Ausbildung einzumünden. Erklärungsansätze: Rahmenbedingungen des Ausbildungssystems Erklärungsansätze, die auf die individuellen Merkmale der Jugendlichen und ihrer Familien zielen, wurden in Gegenwart und Vergangenheit als Einflussfaktoren für die geringeren Zugangschancen junger Menschen mit Migrationshintergrund intensiv untersucht (zum Überblick vgl. Boos-Nünning/ Granato 2008). Dagegen gibt es nur wenige Forschungsarbeiten, die auf strukturelle Faktoren, also die Rahmenbedingungen des Ausbildungssystems, die den Zugang von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Ausbildung beeinflussen können, blicken. Das Ausbildungsangebot in Deutschland ist regional unterschiedlich verteilt. Regionen mit einem fast ausgeglichenen Ausbildungsmarkt stehen solchen mit starken Disparitäten und z. B. einem hohen Bewerberandrang gegenüber (Eberhard/ Ulrich 2010). Zudem ist das Angebot gerade entlang der Ost-West-Achse stark unterschiedlich strukturiert. Während im Westen im vergangenen Jahrzehnt das Angebot an Bildungsgängen und Maßnahmen im sogenannten Übergangssystem massiv ausgebaut worden ist, sind im Osten fehlende betriebliche Ausbildungsplätze im Rahmen von öffentlich finanzierten Ausbildungsplatzprogrammen viel stärker durch vollqualifizierende außerbetriebliche Ausbildungsplätze ergänzt worden (Troltsch/ Walden/ Zopf 2009). Dadurch hat sich das vollqualifizierende Ausbildungsangebot im Osten deutlich erhöht. Dies führt - in Verbin- 124 uj 3 | 2011 Übergang ins Berufsleben dung mit dem im Osten bereits früher einsetzenden demografischen Wandel - dazu, dass Jugendliche hier inzwischen signifikant größere Chancen haben, in eine berufliche Ausbildung einzumünden, als Jugendliche im Westen (Eberhard/ Ulrich 2010). Im Westen finden sich selbst ausbildungsreife BewerberInnen auf Ausbildungsstellen häufiger im „Übergangssystem“ wieder, statt direkt in eine vollqualifizierende Ausbildung einzumünden (Beicht 2009). Insbesondere der Mangel an vollqualifizierenden Ausbildungsplätzen im Westen wirkt sich auf Jugendliche mit Migrationshintergrund, die überwiegend hier leben, deutlich chancenmindernd auf ihre Zugangschancen in eine duale Ausbildung aus (Eberhard/ Ulrich 2010; 2011). Doch auch wenn man das regional unterschiedliche Ausbildungsangebot berücksichtigt, lassen sich die geringeren Zugangschancen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Ausbildung nicht abschließend erklären. Hinsichtlich des Verbleibs bindet sich am Merkmal Migrationshintergrund weiterhin ein Anteil an nicht erklärbarer Restvarianz (Eberhard/ Ulrich 2010). Als Teil der Rahmenbedingungen am Ausbildungsmarkt sind auch Selektionsprozesse privater wie öffentlicher Arbeitgeber bei der Vergabe von Ausbildungsplätzen stärker in den Blick zu nehmen. Laut einer Schweizer Studie haben negative gruppenspezifische Zuschreibungen von Personalverantwortlichen und anderen Entscheidern gegenüber Jugendlichen mit Migrationshintergrund - bzw. bestimmten Gruppen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund - einen erheblichen Einfluss auf ihre geringeren Einmündungschancen in eine berufliche Ausbildung. Dabei sind nicht nur die Rekrutierungsverfahren der Betriebe von Bedeutung. Gerade die Argumentationsmuster der Personalentscheider, die hinter den Entscheidungen der Personalauswahl stehen, haben einen erheblichen Einfluss auf die geringeren Zugangschancen junger Menschen mit Migrationshintergrund in eine betriebliche Ausbildung (Imdorf 2009). Vielfalt der Potenziale - Potenziale der Vielfalt Die vorliegenden Ergebnisse fordern zu einem grundlegenden Perspektivwechsel auf. Statt weiterhin Bildungsarmut zuzulassen bzw. zu (re)produzieren, sollte das Bildungssystem in Deutschland die in der Vielfalt liegenden Potenziale aller Menschen im Einwanderungsland Deutschland nutzen. Differenzierung der Lebenslagen und Pluralisierung der Lebenswelten junger Menschen in Deutschland gehen einher mit einer Differenzierung ihrer Lernvoraussetzungen und -potenziale. Diese Heterogenität von Lernern gilt es stärker zu berücksichtigen, sollen ihre Potenziale ausgeschöpft werden. Junge MigrantInnen bilden in der Mehrzahl eine schulisch gut vorgebildete Ressource: ➤ Eine knappe Mehrheit der Jugendlichen mit Migrationshintergrund hat erfolgreich eine schulische Entwicklung durchlaufen, einen Schulabschluss erreicht und kann eine Ausbildung erfolgreich abschließen, sofern sie einen Ausbildungsplatz sowie adäquate Ausbildungsbedingungen (vor)findet. ➤ Ein Teil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund, der in Deutschland eine Schule besucht hat, benötigt für den erfolgreichen Abschluss zusätzliche Unterstützung im Verlauf der Ausbildung. Dies gilt auch für Jugendliche ohne Migrationshintergrund, insbesondere für SchulabgängerInnen mit und ohne Hauptschulabschluss: Erhalten sie im Verlauf der Ausbildung eine kontinuierliche Unterstützung - wie sie beispielsweise im Rahmen von „ausbildungsbegleitenden Hilfen“ der Arbeitsagentur angeboten werden -, so sind sie in der Lage, die Ausbildung erfolgreich abzuschließen. Unterstützung benötigen sie insbesondere im Fachtheoretischen. 125 uj 3 | 2011 Übergang ins Berufsleben ➤ Späteingereiste Jugendliche und nachziehende junge Erwachsene haben vielfältige Qualifikationspotenziale, die noch immer unterschätzt und zu wenig für eine Ausbildung genutzt werden. Modellversuche zeigen: Junge AusländerInnen und AussiedlerInnen, die erst als Jugendliche oder junge Erwachsene einreisen, können bei entsprechender Förderung eine berufliche Ausbildung erfolgreich durchlaufen und abschließen. Haben sie in ihrem Heimatland eine in sich geschlossene Schullaufbahn absolviert, so haben sie „systematisches Lernen“ gelernt, besitzen meist eine hohe muttersprachliche Kompetenz und sind oft stark bildungsmotiviert. Auf der Grundlage ihrer guten muttersprachlichen Kenntnisse meistern sie - bei entsprechend kontinuierlicher sprachlicher und fachlicher Unterstützung - oftmals in kurzer Zeit die sprachlichen und theoretischen Herausforderungen einer Berufsausbildung erfolgreich (Beer-Kern 1992). Diese und andere Unterschiede in den Lernvoraussetzungen zwischen Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu erkennen und in der pädagogischen und didaktischen Arbeit mit Jugendlichen - aller Herkunft - einzusetzen, ist zentral, um ihre Potenziale nutzen und ihnen adäquate Chancen anbieten zu können. Diese Vielfalt an Potenzialen ist Herausforderung und Chance zugleich - ein Prinzip, das sich im Cultural Mainstreaming manifestiert, um sicherzustellen, dass Menschen unterschiedlicher nationaler, kultureller oder ethnischer Herkunft eine gleichberechtigte Teilhabe an zentralen gesellschaftlichen Gütern erhalten (zu konkreten Umsetzungsmöglichkeiten vgl. Beicht/ Granato 2009; Granato 2009). Fazit Ausbildungsbedarf und Ausbildungschancen in Deutschland klaffen auseinander. Sowohl aus gesellschaftlicher als auch aus individueller Sicht der Jugendlichen besteht ein erheblicher Qualifizierungsbedarf, dem jedoch - gerade für Jugendliche mit Migrationshintergrund - nicht die entsprechenden Chancen in der beruflichen Ausbildung gegenüberstehen. Die Herausbildung beruflicher Kompetenzen und das Erreichen eines anerkannten Berufsabschlusses scheitert bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund vielfach schon daran, dass sie seltener als SchulabgängerInnen ohne Migrationshintergrund in eine Ausbildung, sei sie dual oder berufsfachschulisch, einmünden - auch bei gleichen schulischen Voraussetzungen und Bildungszielen. Für die Frage, inwieweit Bildungssysteme dazu beitragen, Bildungsgerechtigkeit herzustellen sowie ein ausreichendes und qualifiziertes Fachkräfteangebot bereitzustellen, ist dieser Befund niederschmetternd. Zudem erhalten diejenigen Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die in eine Ausbildung einmünden, besonders häufig in den Segmenten des Ausbildungsmarktes einen Ausbildungsplatz, die - so erste empirische Hinweise - von ungünstigeren Ausbildungs- und Rahmenbedingungen betroffen sind. Wenn das Bildungssystem, das duale und schulische Ausbildungssystem sowie das Hochschulsystem es sich seit Jahrzehnten geleistet haben, einen Teil der Jugend ohne Berufsbildung in die Arbeitswelt zu entlassen - zu einem erheblichen Teil mit Migrationshintergrund -, so genügt es nicht, dies einfach festzustellen und zu bedauern. Vielmehr sind zwei entscheidende bildungspolitische Weichenstellungen vorzunehmen: „Jedem ausbildungsinteressierten Jugendlichen einen Ausbildungsvertrag“ Vorrangig ist es, die bildungspolitische Zielsetzung „Jedem ausbildungsinteressierten Jugendlichen einen Ausbildungsvertrag“ in den Mittelpunkt bildungspolitischer Entscheidungen zu rücken, um die Zugangschancen gerade junger Menschen mit Migrationshintergrund zu einer vollqualifizierenden Ausbildung direkt im An- 126 uj 3 | 2011 Übergang ins Berufsleben schluss an die Schulzeit nachhaltig zu erhöhen. Jeder bzw. jedem ausbildungsinteressierten SchulabgängerIn ist im Anschluss an die allgemeinbildende Schulzeit ein vollqualifizierender Ausbildungsplatz anzubieten. Hierbei hat die betriebliche Ausbildung eine hohe Priorität. Reichen die betrieblichen Ausbildungsplätze für eine Versorgung nicht aus, so sollte die öffentliche Hand mit Unterstützung der Arbeitsagenturen vor Ort (und der ARGEn und Jobcenter) außerbetriebliche Ausbildungsplätze in der betriebsnahen Variante fördern, insbesondere für die Zielgruppe junge Menschen mit Migrationshintergrund (Beicht/ Granato 2009). Dies gilt verstärkt für solche SchulabgängerInnen, die bereits seit einem oder mehreren Jahren auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sind („AltbewerberInnen“). Priorität sollten solche Maßnahmen erhalten, die tatsächlich dazu beitragen, jeder bzw. jedem ausbildungsinteressierten SchulabgängerIn unmittelbar nach Schulabschluss einen Ausbildungsvertrag anzubieten. Nur dadurch können unnötige und kostspielige Warteschleifen vermieden werden. Statt Übergänge zu finanzieren, gilt es, bestehende bzw. frei werdende Kapazitäten - bei individuellem Bedarf - in eine kontinuierliche Ausbildungsbegleitung fließen zu lassen. Lernbegleitung wie sozialpädagogische Betreuung und dementsprechende Angebote sollten hier Vorrang haben (Beicht/ Granato 2009). „Eine ‚zweite‘ Chance für jeden - keiner ohne Abschluss einer Berufsqualifizierung“ Die zweite bildungspolitische Priorität richtet sich auf: „Eine ‚zweite‘ Chance für jeden - keiner ohne Abschluss einer Berufsqualifizierung“. Erheblich stärker als bisher sind die in Pilotprojekten erfolgreich erprobten Verfahren der „zweiten Chance“ zur Nachqualifizierung in einem anerkannten Beruf für junge Erwachsene mit und ohne Migrationshintergrund auszubauen. Diese Nachqualifizierung soll an die bisherigen beruflichen Erfahrungen und Kompetenzen der jungen Menschen anknüpfen. Die berufsbegleitende modulare Nachqualifizierung bedarf dringend einer flächendeckenden Ausweitung: Sie benötigt hierzu eine bundesweite Regelförderung, um den rund 1,09 Millionen jungen Ungelernten mit Migrationshintergrund und den rund 1 Million jungen Ungelernten ohne Migrationshintergrund ein Angebot zur beruflichen Nachqualifizierung in einem anerkannten Beruf zu unterbreiten (Beicht/ Granato 2009; Gutschow 2006). Dr. Mona Granato Bundesinstitut für Berufsbildung Postfach 20 12 64 53142 Bonn granato@bibb.de Literatur Beer-Kern, D., 1992: Lern- und Integrationsprozesse ausländischer Jugendlicher in der Berufsausbildung (Bundesinstitut für Berufsbildung). Berlin Beicht, U., 2009: Verbesserung der Ausbildungschancen oder sinnlose Warteschleife? Zur Bedeutung und Wirksamkeit von Bildungsgängen am Übergang Schule - Berufsausbildung. In: BIBB REPORT 11. www. bibb.de/ de/ 52414.htm, 14. 12. 2010, 16 Seiten Beicht, U./ Granato, M., 2009: Übergänge in eine berufliche Ausbildung. 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