unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Zwischenruf: „Tigermütter“ ticken anders
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C. Wolfgang Müller
Schon bald nach der Geburt ihrer Tochter Sophia beschloss die chinesisch- amerikanische Yale-Professorin Amy Chua, einen Roman über die Geschichte ihrer Familie und die Geschichte der Erziehung ihrer Tochter zu schreiben.
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277 unsere jugend, 63. Jg., S. 277 - 279 (2011) DOI 10.2378/ uj2011.art30d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel von C. W. Müller Jg. 1928; emeritierter Prof. Dr. phil. für Erziehungswissenschaft und Sozialpädagogik am Institut für Sozialpädagogik der TU Berlin Zwischenruf: „Tigermütter“ ticken anders Schon bald nach der Geburt ihrer Tochter Sophia beschloss die chinesisch-amerikanische Yale-Professorin Amy Chua, einen Roman über die Geschichte ihrer Familie und die Geschichte der Erziehung ihrer Tochter zu schreiben. Denn Sophia sollte ein außergewöhnliches Kind in der Tradition ihrer außergewöhnlichen Familie werden. Und sie wurde es. Mit drei Jahren las sie ein Buch von Jean Paul Sartre in der englischen Übersetzung, erkannte einhundert chinesische Schriftzeichen und löste einfache Aufgaben der Mengenlehre. Mit drei Jahren bekam sie ein Klavier. Von nun an übte sie jeden Tag, trainiert von ihrer liebenden, aber unnachgiebig strengen Mutter Tonleitern, kleine Übungsstücke, Etüden und später anspruchsvolle klassische Musik. Sie kannte keine anderen Freizeitvergnügungen, sie durfte nicht bei Freundinnen übernachten, sie hatte keine Zeit für sich. Die Mutter suchte für sie die besten Klavierlehrer der Städte, in denen sie wohnten, darunter Pianisten, nach denen Wunderkinder aus Asien und Europa monatelang Schlange standen. Mit neun Jahren gewann sie einen internationalen Nachwuchswettbewerb und gab ein Konzert im kleinen Saal der Carnegie Hall. Ein wirkliches Wunderkind, über das zu schreiben einer ehrgeizigen Mutter wohl ansteht? Aber die Geschichte hat einen Haken: Als Sophia drei Jahre alt war, bekam sie eine Schwester, Lulu. Und diese Schwester entwickelte sich in eine andere Richtung und sorgte dafür, dass die Mutter das Buch aufschob bis zum 29. Juli 2009. An diesem Tage löste sich die Schreibblockade von Amy Chua, und im Winter des Jahres 2010 erschien der Erziehungsroman auf englisch (Battle Hymn of the Tiger Mother) und auf deutsch (Die Mutter des Erfolgs). Seitdem füllen heftige Diskussionen über die Notwendigkeit oder die Verwerflichkeit des Drills in der Erziehung zu Hoch- und Höchstleistungen die Spalten deutscher Feuilletons, ungezählte Talk-Runden und empörte enthusiastische Internet- Botschaften. Um die große Aufregung um den „autoritären Erziehungsstil der Tiger-Mutter“ zu verstehen (die Autorin wurde im chinesischen Jahr des Tigers geboren), wird man drei Dinge beachten müssen: die Familiengeschichte der Chuas, die jahrhundertealte, ungebrochene chinesische Erziehungstradition und die Abstiegsängste ausgewanderter chinesischer Intellektuellen- Familien. 278 uj 6 | 2011 Zwischenruf Die Autorin schildert ihre Familie als eine stolze Tradition von Geistes- und Naturwissenschaftlern mit starken aristokratischen Wurzeln im ausgehenden Mittelalter: Ein direkter Vorfahre war Hof-Astronom, ein anderer wurde 1644 angesichts des drohenden Einmarsches der Manschuren vom Kaiser zum Oberbefehlshaber der Seestreitkräfte ernannt. Andere Vorfahren waren Philosophen und Dichter. Die Großväter der Autorin waren erfolgreiche Händler und Kaufleute, der Vater hasste als brillanter Mathematiker und Astronom „die geldgierige, hinterhältige Plastikgeschäftswelt seiner Angehörigen und widersetzte sich jedem Plan, den sie für ihn hatten“ (Chua 2010, 22). So gesehen lebte offensichtlich in der Familientradition ein bemerkenswerter Widerspruch: die minutiöse Befolgung altchinesischer Erziehungstradition und die Auflehnung gegen sie. Chua beschreibt drei Prinzipien dieser altchinesischen Tradition: (1) Westliche Eltern sorgen sich um die Psyche ihrer Kinder. Chinesische Familien nicht - sie gehen von einer vorhandenen Stärke der Kinder aus und versuchen, diese Stärke mit allen Mitteln zu unterstützen. Anders ausgedrückt: durch massiven Drill herauszukitzeln. (2) Chinesische Eltern glauben, dass ihre Kinder alles, was sie haben und was sie können, ihnen verdanken. Sie sind der Meinung, dass ihre Kinder ihnen „zeit ihres Lebens die Wohltaten der Eltern vergelten müssen, indem sie ihnen gehorchen und ihnen Grund geben, stolz zu sein“ (ebd., 62). (3) Chinesische Eltern glauben, „dass sie wissen, was für ihre Kinder das Beste ist, und setzen sich folglich über sämtliche Wünsche und Vorlieben ihrer Kinder hinweg“ (ebd., 63). Eine alte chinesische Lehrmeinung scheint davon zu künden, dass die Leistungen und der Wohlstand einer Generation nicht länger als einhundert Jahre gehalten werden können: Die erste Generation legt dafür die persönlichen und materiellen Grundlagen. Die zweite Generation baut sie aus und wählt dazu eine anspruchsvolle Bildung und Berufstätigkeit. Die dritte Generation missachtet die Errungenschaften der Großväter und Väter und verspielt sie leichtherzig und leichtsinnig. Wir kennen solche Abstiegsängste auch aus der Geschichte des europäischen Bürgertums. Thomas Mann hat sie in Form historischer Familiengeschichten gegossen. Unsere „Tiger-Mutter“ bekennt, dass „eine meiner größten Ängste der Leistungsabfall von einer Generation zur nächsten“ sei (ebd., 26). Sie ist finster entschlossen, den befürchteten Niedergang ihrer Familie zu verhindern. Wie ihre Eltern verlangt sie von ihren beiden Töchtern, dass sie fließend Chinesisch sprechen, dass sie die Hochsprache (das Mandarin) beherrschen, dass sie in der Schule Spitzenleistungen zeigen - ein „gut“ oder eine„2“ würden als Niederlage empfunden und bestraft. Sie sollen nicht verhätschelt werden wie die alten Römer und wie die Kinder der nordamerikanischen Mittelschicht in New Haven, wo die Chua-Familie lange Zeit wohnte. Wir kennen solche Erziehungsprinzipien auch in der europäischen Vergangenheit und Gegenwart. Sie beziehen sich aber meist nur auf Eltern, die entschieden haben, ihre Kinder frühzeitig im Hinblick auf Spitzenleistungen in Musik, Tanz, Sport und Mathematik zu trimmen. Nicht nur „kapitalistische“, sondern auch „realsozialistische“ Gesellschaften hatten ihre„Eliteschulen“ mit allen negativen Nebenerscheinungen dieses Konzepts. Aber dieses Konzept war zumindest in den letzten 100 Jahren in Deutschland (seit der reformpädagogischen und später studentischen Bewegung) kein allgemeines Prinzip mehr, sondern das Ergebnis eines problematischen, anti-humanistischen Elite-Denkens. Es erscheint mir deshalb verständlich, dass die Prinzipien von Amy Chua, ihre Kinder mit Drohung, Drill und Zwang zu musikalischen Höchstleistungen in früher Kindheit zu zwingen, in der gegenwärtigen Situation, wo nicht nur an den Stammtischen getönt wird, „Leistung müsse sich wieder lohnen“, auf offene Ohren stoßen, denen die gefühlte Liberalität der „politischen Korrektheit“ immer schon ein Ärgernis gewesen ist. 279 uj 6 | 2011 Zwischenruf Aber der Beifall für eine solche neue Erziehungshaltung („Harte Kante gegen Kuschelpädagogik“ leitartikelte eine Berliner Boulevard-Zeitung in anderem Zusammenhang) wäre sicher verhaltener gewesen, wenn die LeserInnen dieses Erziehungsromans von Amy Chua das Buch zu Ende gelesen hätten. Das harte Drill-Konzept der Tiger-Mutter schien nämlich im Hinblick auf die älteste Tochter, Sophia, zu funktionieren. Sie passte sich an, sie unterwarf sich, sie wurde eine Musterschülerin und frühzeitig eine gefeierte Pianistin. Aber als sie drei Jahre alt war, wurde ihre eine Schwester, Lulu, geboren, die von Geburt an vollkommen anders zu sein schien als Sophia. Lulu war von Anfang an ein „Widerspruchsgeist“, sie widersetzte sich den strengen Regeln und Drill-Exerzitien der Mutter, die in Kauf nahm, „von einem Menschen, den man liebt und der einen hoffentlich auch liebt, gehasst zu werden … Die Kindererziehung nach chinesischer Art … ist ein nicht endender, mühseliger Kampf, der Unverwüstlichkeit, Hinterlist und Einsatz rund um die Uhr an jedem Tag des Jahres verlangt“ (Chua 2010, 176). Lulu sagt ihrer Mutter den Kampf an. Sie wird immer widerspenstiger, giftiger, jede zweite Reaktion auf die Mutter ist „nein“ oder „ist mir egal“. Sie stellte Amy in der Öffentlichkeit bloß, sie zerbrach die Violine, mit der sie als Virtuosin auf der Bühne stehen sollte wie ihre Schwester hinter dem Flügel - und sie rechnete auf einer Reise nach Moskau, die eigentlich zur Feier ihrer Konfirmation gedacht war, in der Öffentlichkeit des Warenhauses GUM mit ihrer Mutter ab: „Ich hasse dich! ICH HASSE DICH … Du hast mein Leben ruiniert. Bist du jetzt endlich zufrieden? … ich bin keine Chinesin. Und ich will auch keine sein - wieso geht das nicht in deinen Kopf rein? Ich hasse die Geige. Ich HASSE mein Leben. Und ich HASSE dich und ich HASSE diese Familie“ (ebd., 225). Das Ende dieses Romans sollten die LeserInnen selber aufsuchen und auf sich wirken lassen. Wichtig bleibt es zu erwähnen, dass Amy Chua ihre Erziehungsgeschichte erst dann aufgeschrieben hat, als sie von ihrer Jüngsten zurückgekehrt war und sich nicht länger mit dem Erfolg brüsten konnte, den sie mit der ältesten Tochter, Sophie, erzielt hatte. In einem SPIEGEL- Interview sagte sie auf die Vorhaltung des Reporters, in den USA werde sie als Monstermutter beschimpft: „Die Leute realisieren nicht, dass mein Buch die Reise einer Mutter beschreibt. Am Ende stelle ich komplett infrage, wie ich meine Kinder anfangs erzogen habe.“ Prof. Dr. Dr. h. c. C. Wolfgang Müller Bozener Straße 3 10825 Berlin Literatur Chua, A., 2011: Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte. München Bethke, P., 2011: Zwang funktioniert. Die amerikanische Jura-Professorin Amy Chua über das Drillen ihrer Töchter, den strengen chinesischen Erziehungsstil und das Verbrennen von Kuscheltieren als Lernanreiz. In: DER SPIEGEL, 32. Jg., H. 4, S. 128 - 129
