eJournals unsere jugend63/7+8

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2011.art35d
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Der Kuckuck und der Esel, die hatten einen Streit

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Cordelia Schuster
Das JugendKinderKulturhaus Quibble ist eine große Einrichtung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in der Nürnberger Südstadt. Zu unseren Projekten laden wir Schulklassen unterschiedlicher Altersstufen in unser Haus ein. Wir bearbeiten zahlreiche Themen, wie Kooperation, Sexualität oder interkulturelles Zusammenleben, spielerisch, mit allen Sinnen und viel Spaß. Die Projektvormittage für Grundschulklassen "Der Kuckuck und der Esel", "Der wütende Willi" und "Zwerg und Riese" behandeln die Themen Streiten und Konflikte.
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324 unsere jugend, 63. Jg., S. 324 - 328 (2011) DOI 10.2378/ uj2011.art35d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Der Kuckuck und der Esel, die hatten einen Streit Das JugendKinderKulturhaus Quibble ist eine große Einrichtung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in der Nürnberger Südstadt. Zu unseren Projekten laden wir Schulklassen unterschiedlicher Altersstufen in unser Haus ein. Wir bearbeiten zahlreiche Themen, wie Kooperation, Sexualität oder interkulturelles Zusammenleben, spielerisch, mit allen Sinnen und viel Spaß. Die Projektvormittage für Grundschulklassen „Der Kuckuck und der Esel“, „Der wütende Willi“ und „Zwerg und Riese“ behandeln die Themen Streiten und Konflikte. von Cordelia Schuster Jg. 1966; Diplom-Sozialpädagogin (FH), Theaterpädagogin (BuT ), Pädagogische Mitarbeiterin im JugendKinderKulturhaus Quibble Nürnberg Projektvormittage für Grundschulklassen im JugendKinderKulturhaus Quibble - ein Bericht aus der Praxis Das JugendKinderKulturhaus Quibble in der Trägerschaft des Kreisjugendrings Nürnberg- Stadt arbeitet hauptsächlich stadtteilbezogen. Die Nürnberger Südstadt ist ein sogenannter sozialer Brennpunkt, die Arbeitslosenquote und der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund sind höher als in anderen Stadtteilen. Die Arbeit aller pädagogischen MitarbeiterInnen orientiert sich am Grundsatz einer gesellschaftlichen Teilhabe aller Kinder und Jugendlichen. Diese sollen gleichzeitig in ihrer persönlichen Identitätsfindung gefördert werden. Die Angebote im „Quibble“ sind vielfältig. Neben dem Offenen Treff, einer Mittagsbetreuung für GrundschülerInnen, einer Ganztagesbetreuung ab der 5. Klasse und Quali-Kursen gibt es Kulturveranstaltungen und Kinder- und Jugendfreizeiten. In den Gruppenangeboten arbeiten wir zielgruppenorientiert, z. B. für Kinder, Mädchen oder Jungen, oder inhaltlich definiert, z. B. haben wir eine Fußball-, Theater- und Zirkusgruppe sowie eine Holzwerkstatt und diverse Angebote zum HipHop-Tanz. Querschnittsaufgabe in allen Bereichen ist die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit Migrations- 325 uj 7+8 | 2011 Jugendarbeit hintergrund und die Berücksichtigung der Geschlechtergerechtigkeit. Die Zusammenarbeit mit Schulen ist schon lange fester Bestandteil der Arbeit im Haus. Seit 2002 bieten wir regelmäßig Schulklassenprojekttage für die umliegenden Grund-, Haupt- und Realschulen an.„Der Kuckuck und der Esel“ für die dritte und vierte Jahrgangsstufe war das erste dieser Angebote. „Der Kuckuck und der Esel …“ - Ziele des Projektes Unsere allgemeinen Ziele gelten für alle Schulprojekte: Wir möchten, dass die Kinder und Jugendlichen eine positive Gruppenerfahrung machen, in deren Verlauf ein Umgangsstil herrscht, der an Idealen wie Solidarität, Kooperation und Toleranz orientiert ist. Sie sollen ihre sozialen Kompetenzen trainieren und Regeln des konstruktiven Umgangs miteinander üben. Zusätzlich sollen sie in ihrem Selbstbewusstsein, ihrer Körperlichkeit und Emotionalität gefördert werden und eine Form des Lernens erfahren, in der Inhalte spielerisch erarbeitet werden. Dabei wird die Verbindung von sinnlicher Erfahrung und kognitiver Verarbeitung angestrebt. Auch sprachlich weniger kompetente Kinder sollen die Inhalte erfassen können. Natürlich möchten wir, dass sie während des ganzen Projektes viel Spaß haben. Auf die Themen Streiten und Konflikte bezogen sollen die Kinder ihre Konfliktlösungskompetenzen ausweiten, ihre Kooperationsfähigkeit trainieren, ihre Gefühle besser kennen und benennen können und ihr Handlungsrepertoire im Umgang mit Aggressionen und Frustrationen erweitern. Als Einrichtung möchten wir unsere Kooperation mit den Schulen vertiefen, unsere Präsenz im Stadtteil ausweiten und selbstverständlich auch BesucherInnen werben. Der Ablauf eines Projektvormittages „Der Kuckuck und der Esel …“ In der Vorbereitung klären wir mit der entsprechenden LehrerIn den Rahmen der Veranstaltung und die Besonderheiten der jeweiligen Klasse. Wir arbeiten meistens mit zwei hauptamtlichen MitarbeiterInnen und einer PraktikantIn. Damit sind wir mit der LehrerIn vier Erwachsene, die den Vormittag betreuen. In unserer großen Halle gibt es viel Platz zum Toben und Spielen, es stehen Extra-Räume zur Arbeit in Kleingruppen bereit. Wenn die SchülerInnen ankommen, begrüßen wir sie und stellen ihnen den Ablauf des Tages und das Thema vor. Dann gibt es Namensspiele, um die Kinder ein bisschen kennenzulernen, und Fallschirm- oder andere Bewegungsspiele zum Wachwerden und Austoben. Als Hinführung zum Thema lernen wir das Lied vom Kuckuck und vom Esel. Diese streiten sich, wer denn besser singen kann, obwohl beide „schreien“. Viele kennen das Lied schon, und so ist es schnell gelernt. Wir fragen danach, welche Gefühle die SchülerInnen kennen und wie sich diese äußern. Daraufhin probieren wir aus, wie es ist, das Lied in den unterschiedlichsten Gefühlsvarianten zu singen. Später verwandeln sich die Kinder je nach Los in eines der Tiere. Sie spielen in Zweiergruppen den Streit der beiden nach. Dabei brüllen sie früher oder später, so laut sie können. Wir fragen, warum die beiden denn streiten und ob es vielleicht andere Möglichkeiten gibt, den anderen von der eigenen Position zu überzeugen. Ein weiterer Versuch fällt dann ein bisschen variationsreicher aus, z. B. sagt eine Partei leise, aber stetig „ich“, die Kinder argumentieren oder beginnen zu singen. Meistens kommen wir dann gemeinsam zu dem Ergebnis, dass diese Auseinandersetzung so völlig sinnlos ist. Wir fragen, warum wir streiten und wann Streiten denn Sinn macht. Das ist die Überleitung zur Frage nach den Streitereien der Kinder selber: Wann streitet ihr denn? Mit wem? Wo? Warum? Diese Fragen werden gern und ausführlich beantwortet und 326 uj 7+8 | 2011 Jugendarbeit mit einer umfangreichen Sammlung an Konfliktsituationen gehen wir in die Pause. Nach einem weiteren Fallschirm- oder Bewegungsspiel teilen wir die Klasse nach dem Zufallsprinzip in Kleingruppen, die jeweils von einem Erwachsenen betreut werden. In den Kleingruppen sollen sich die SchülerInnen eine der gesammelten Streitsituationen aussuchen, diese nachspielen und den Konflikt auf die Spitze treiben. Wichtig ist uns dabei, immer wieder nachzufragen, ob das wirklich eine Situation ist, die die Kinder selbst kennen, so erlebt haben oder erleben könnten. Wieder fragen wir, wer streitet mit wem, wo und warum, aber jetzt muss auch festgelegt werden, wer wen spielt. Sind die Szenen zugespitzt, werden in der Gruppe verschiedene Lösungsmöglichkeiten diskutiert und ausprobiert. Dabei geht es nicht darum, die „richtige“ Lösung zu finden, sondern um das Ausweiten der individuellen Möglichkeiten, in einem Konflikt zu agieren. Auch die gefundenen Lösungswege werden wiederum auf ihren Realismus untersucht. Sind mehrere mögliche Enden der Szene gefunden, einigt sich die Gruppe auf eines, welches sie der Klasse vorspielt. Manchmal findet die Kleingruppe keine Lösung, dann muss die Situation mit der ganzen Klasse weiter bearbeitet werden. Beim Vorspiel vor der Klasse achten wir auf theatrale Prinzipien, z. B. einen klaren Anfang und ein klares Ende, das gemeinsame Verbeugen, den Applaus und den Spaß an der Darstellung. Auch jetzt fragen wir nach dem Realitätsbezug der Situation, ob alle Kinder die gezeigte Lösung akzeptieren oder ob wir noch Alternativen ausprobieren sollen. Zum Ende des Vormittages gehen wir dann zum letzten Mal an den Fallschirm, um uns unter dem gemeinsam gebildeten Zirkuszelt ein kurzes Feedback zu holen und die Kinder zu anderen Veranstaltungen im Quibble einzuladen. In der Nachbereitung telefonieren wir nochmals mit der LehrerIn, und die SchülerInnen füllen unseren üblichen Quibble-Fragebogen aus. Wir fragen, was ihnen gefallen oder nicht gefallen hat, was sie sich noch gewünscht hätten, wie sie sich mit ihren MitschülerInnen verstanden haben, was sie zur Leitung sagen und was sie sonst noch loswerden möchten. Die Rückmeldungen, die wir erhalten, sind insgesamt sehr positiv. Den Kindern gefällt zum Beispiel, „dass wir einen Streit vorspielen durften“,„dass der Fallschirm nach oben ging“,„dass wir der Kuckuck und der Esel waren“. Nicht gefiel „das Stehen“ oder „das am Anfang“, ge- 327 uj 7+8 | 2011 Jugendarbeit meint ist die Begrüßung. Es werden „mehr Pausen“, „länger bleiben“ oder „nicht nach Hause gehen“ gewünscht, und ein Kind möchte seinen Bruder loswerden. Die LehrerInnen erzählen manchmal, dass sich die Stimmung in der Klasse seit ihrem Besuch im „Quibble“ geändert hat, meistens aber, dass es allen gut gefallen hat: Dann haben sie vielleicht noch einen Vorschlag einzelne Spiele oder Übungen betreffend. Die Weiterentwicklung des Projektes Das Projekt „Der Kuckuck und der Esel“ entstand im Rahmen der „Internationalen Kinderaktionswoche“ des Kreisjugendrings Nürnberg- Stadt im April 2002. An vier Tagen lernten Kinder spielerisch, kulturelle Grenzen zu überwinden und Toleranz und Offenheit gegenüber dem Unbekannten zu entwickeln. Der Baustein „Der Kuckuck und der Esel“ wurde auch nach der Aktionswoche stark nachgefragt, sodass er ins Repertoire der alltäglichen Arbeit im „Quibble“ überging. Die Nachfrage seitens der Schulen ging aber weiter. SchülerInnen, die schon einmal am „Kuckuck“ teilgenommen hatten, wollten wieder kommen. So entwickelten wir den vertiefenden Tag „Zwerg und Riese“ (vgl. Lisner 1996, 28f ), der für Klassen, die zum zweiten Mal ins Quibble kommen, gedacht ist. Hier fragen wir nach neuen Erfahrungen seit dem letzten Besuch, untersuchen und spielen die namensgebende Geschichte und bearbeiten wiederum persönliche Streitsituationen und ihre Lösungsmöglichkeiten. Auch LehrerInnen, die jüngere SchülerInnen unterrichten, wollten nun mit ihren Klassen ins „Quibble“ kommen. Aus dieser Nachfrage entstand ein weiterer Thementag nach einem Bilderbuch: „Der wütende Willi“ (Hiawyn/ Kitamura 1993) für die erste und zweite Jahrgangsstufe. An diesem Tag gehen wir noch stärker von den Emotionen aus. Im Bilderbuch explodiert das ganze Weltall, weil Willi so wütend ist. Das ist ein spannender Ausgangspunkt für unsere Auseinandersetzung mit den Themen. Wir arbeiten noch sinnlicher, machen Wahrnehmungsspiele, malen Gefühle als Kooperationsübung und bilden ein Geräuschorchester. Die zentrale Übung ist ein Geschenk, das die Kinder 328 uj 7+8 | 2011 Jugendarbeit zu zweit bekommen. Wichtig ist, dass das Geschenk nicht teilbar ist, z. B. ein Ball, eine Figur, ein Auto oder Seifenblasen. Die SchülerInnen müssen sich nun einigen, wie sie in Zukunft mit dem Gegenstand verfahren wollen. Wo kommt er hin, wer darf ihn behalten? Die Paare, die sich nicht einigen können, dürfen ihn nicht mitnehmen. Gibt es keine Lösung, hilft die Kleingruppe oder zur Not die ganze Klasse. Es gibt unterschiedlichste Lösungsmöglichkeiten: Zeitlösungen, Verzichtserklärungen, Geschenke, und einmal erzählte eine Lehrerin, am nächsten Tag hätten sich nach und nach alle Figuren bei ihr auf dem Pult gesammelt. Unsere Erfahrungen mit den Vormittagen sind immer wieder eindrücklich. Die Kinder erzählen von Streitereien mit ihren Geschwistern, ihren FreundInnen, ihrer Mutter, seltener mit dem Vater, dem Opa, der Oma oder anderen Verwandten. Auf Nachfragen gibt’s auch Konflikte mit den LehrerInnen, anderen Erwachsenen oder der Katze. In der Kleingruppenarbeit, in der Auswege aus Konflikten theatral erprobt werden sollen, zeigen sich große Unterschiede des Umgangs damit. In Ausnahmefällen gibt es Klassen, in denen die Stimmung so schlecht ist, dass um jede Lösung gerungen werden muss. Meistens ist es erfreulich zu sehen, wie innerhalb der Klasse Kleingruppen, die keine Lösung fanden, unterstützt werden. Manchmal sind Erlebnisse mit einzelnen Kindern für uns erschreckend. Zum Beispiel die Szene, in der ein Kind ins Bett gehen soll und nicht will und dem Kind, das den Vater spielt, nichts anderes einfällt, als sein Kind zu schlagen, weil es nicht schläft. Manchmal ist es aber auch erstaunlich zu beobachten, wie einfach die Kinder eine Konfliktlösung akzeptieren, für die wir Erwachsenen noch lange diskutieren müssten. Auch die Versuche der Teilung des Geschenks offenbaren die Differenz der vorhandenen Konfliktlösekompetenzen: Bei manchen Paaren ist innerhalb von Sekunden eine Einigung gefunden, andere tun sich schwerer, bei einigen wird bis in die Pause in Einzelgesprächen nachgearbeitet. Wir haben aber nie erlebt, dass die LehrerInnen, die wir regelmäßig auf diese Möglichkeit hinweisen, am nächsten Tag noch Streit schlichten müssen. Alle diese Projekte werden regelmäßig durchgeführt und nach den gemachten Erfahrungen und Rückmeldungen von Kindern und LehrerInnen weiter entwickelt. Es ist uns nach wie vor nicht möglich, so viel Durchführungen anzubieten, wie gewünscht würden. Zusammenfassend denken wir, dass man viel öfter in dieser Art an diesen Themen arbeiten sollte, um eine tiefer greifende Wirkung zu erzielen. Der Kurzzeitpädagogik sind natürlich ihre Grenzen gesetzt. Wir können aber erreichen, dass die Klasse einen schönen Tag verbringt, dass die Kinder spielerisch miteinander gelernt haben und dass die Einzelnen die eine oder andere Anregung zur Lösung von Konflikten mitnehmen. Wir freuen uns, wenn wir die Kinder wiedersehen oder wenn sie uns Jahre später erzählen, dass sie schon einmal bei einem Schulprojekt im „Quibble“ waren. Cordelia Schuster JugendKinderKulturhaus Quibble Augustenstraße 25 90461 Nürnberg cordelia.schuster@quibble.de Literatur Lisner, S., 1996: Arbeitsmappe: Der wütende Willi. Gefühle erkunden und Aggressionen abbauen. Mülheim an der Ruhr Oram, H.,/ Kitamura, S.,1993: Der wütende Willi. Mülheim an der Ruhr