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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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2012
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Zwischenruf: Zahlendschungel oder seriöse Datengrundlage?

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2012
Jens Pothmann
Die OECD hatte 2009 mit der Publikation "Doing better for children" eine international vergleichende Untersuchung zu den Lebensbedingungen von Kindern sowie zu den kindbezogenen Ausgaben vorgelegt. Für Aufsehen sorgten damals hierzulande vor allem Daten zum Ausmaß der Kinderarmut im Vergleich der OECD-Staaten.
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32 uj 1 | 2012 Zwischenruf: Zahlendschungel oder seriöse Datengrundlage? Rauschen im Blätterwald - Verwirrungen bei den Armutsdaten Die OECD hatte 2009 mit der Publikation „Doing better for children“ eine international vergleichende Untersuchung zu den Lebensbedingungen von Kindern sowie zu den kindbezogenen Ausgaben vorgelegt. Für Aufsehen sorgten damals hierzulande vor allem Daten zum Ausmaß der Kinderarmut im Vergleich der OECD-Staaten. von Dr. Jens Pothmann Jg. 1971; Dipl.-Pädagoge, Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik im Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut/ Technische Universität Dortmund Für Deutschland wurde auf der Basis des„Soziooekonomischen Panels” (SOEP) 2005 und Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ein Anteil von rund 16 % an Kindern ausgewiesen, die in einem von Einkommensarmut zumindest bedrohten Haushalt leben. Damit lag Deutschland deutlich über dem damals ermittelten OECD-Durchschnitt. Diese Nachricht sorgte im September 2009 - also noch vor der Bundestagswahl - für einige Aufregung und eine intensive Diskussion um die daraus zu ziehenden politischen Konsequenzen. Anfang 2011 veröffentlichte die OECD nunmehr die Studie „Doing Better for Families“. Auch hier wurden Zahlen zur Kinderarmut international verglichen, und wieder ist für Deutschland dazu auf das SOEP und das DIW zurückgegriffen worden. Die Armutsquote bei Kindern lag in dieser OECD-Untersuchung - Stand 2008 - für Deutschland allerdings nicht mehr bei 16 %, sondern bei gerade noch 8 %, dieses Mal ein Wert unterhalb des OECD-Durchschnitts. Der Grund hierfür liegt allerdings nicht etwa in einer entsprechenden Verbesserung der ökonomischen Lebenslagen von Kindern in unserer Gesellschaft, sondern vielmehr sind in der Zwischenzeit vor allem die Berechnungsmodalitäten zur Kinderarmut aus methodischen Gründen verändert worden. (Eine Darstellung der zuletzt verwendeten Definitionen, Methoden und Annahmen bei der Einkommensmessung ist nachzulesen bei Grabka/ Frick 2010.) Diese Korrektur und die daraus resultierenden divergierenden Quoten sind Anfang Mai kritisch in der Tages- und Wochenpresse aufgegriffen worden. So titelte zunächst die Financial 33 uj 1 | 2012 Zwischenruf Times Deutschland „Kinderarmut nur halb so hoch wie gedacht“ (www.ftd.de vom 6. 5. 2011), es folgten dann beispielsweise der Tagesspiegel „Falsche Zahlen mit Folgen“ (www.tagesspiegel.de vom 6. 5. 2011), die Frankfurter Allgemeine Zeitung „Zu hohe Zahlen zur deutschen Kinderarmut“ (www.faznet.de vom 6. 5. 2011), die Zeit „Kinderarmut niedriger als gedacht“ (www.zeit.de vom 6. 5. 2011) oder auch die Süddeutsche „Kinderarmut niedriger als angenommen“ (www.sueddeutsche.de vom 6. 5. 2011). Doch damit nicht genug. Anfang August dieses Jahres gab dann die Süddeutsche anlässlich eines Berichtes vom Statistischen Bundesamt bekannt: „Zwei Millionen Kinder von Armut bedroht“ (www.sueddeutsche.de vom 3. 8. 2011). Demnach gehen die StatistikerInnen aus Wiesbaden davon aus - diesmal allerdings nicht auf der Basis des SOEP, sondern des EU-SILC (European Union Statistics on Income and Living Conditions) 2009 -, dass etwa jedes sechste Kind von Armut bedroht ist. Ausgewiesen werden als Ergebnis der Berechnung knapp 16 % aller in Deutschland lebenden Kinder (vgl. Statistisches Bundesamt 2011, 22). Objektivitätsmythos der Armutsberichterstattung Angesichts dieses medial aufbereiteten „Zahlensalats“ fällt es zunächst einmal schwer, irgendeiner Statistik zu trauen. Doch - wie so häufig, wenn es um Zahlen geht - ist ein zweiter Blick auf notwendige Differenzierungen in der Datengrundlage auch an dieser Stelle unverzichtbar. Schaut man hierzu beispielsweise in den dritten Armuts- und Reichtumsbericht aus dem Jahre 2008, so wird das Problem deutlich: Messungen zur Einkommensarmut können auf der Grundlage verschiedener Datenquellen mit unterschiedlichen Berechnungsmethoden durchgeführt werden (vgl. Deutscher Bundestag 2008). Dies führt im Ergebnis auch zu Abweichungen bei den Armutsrisikoquoten (vgl. Tab. 1). Eine Bewertung dieser Ergebnisse mit „richtig“ oder „falsch“ ist ohne Weiteres nicht möglich. Vielmehr ist „Armut“ ein Phänomen sozialer Wirklichkeit, das - anders als z. B. die Anzahl der ALG II-EmpfängerInnen - nicht direkt über statistische Daten abzubilden ist, sondern nur mittelbar vor dem Hintergrund des facettenreichen Armutsbegriffs auf der Grundlage konzeptioneller Bestimmungen (vgl. Hauser 2008, 95ff ). Dieser zentrale Hinweis fehlt aber zumeist in den oben genannten Beiträgen über die Armutsquoten genauso wie der eigentlich notwendige Verweis auf z. B. EU-SILC, den Mikrozensus oder auch die SGB II-Statistiken. So unterschiedlich allerdings die ausgewiesenen Quoten zum Ausmaß der Armutsgefährdung auf der einen Seite auch sind, so stabil sind auf der anderen Seite wiederum die empirischen Befunde der Armutsberichterstattung zum Armutsrisiko unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen. So sind besonders junge Alleinstehende sowie vor allem Alleinerziehende einem Armutsrisiko ausgesetzt (vgl. auch Grabka/ Frick 2010). Gefahren für eine evidenzbasierte Politikgestaltung Die aktuelle Aufregung um die Armutsquoten ist ein weiteres Beispiel für einen veränderten Stellenwert quantitativ-empirischer Befunde. Für zahlreiche gesellschaftliche Teilbereiche - Datenbasis Armutsrisikoquote EU-SILC 2006 EVS 2003 Mirkozensus 2005 SOEP 2006 13 % 14 % 15 % 18 % Quelle: Deutscher Bundestag 2008, 39 Tab. 1: Armutsrisiko für Deutschland nach den verschiedenen Datenquellen 34 uj 1 | 2012 Zwischenruf auch für das Bildungs-, Erziehungs- und Sozialwesen - ist über mehrere Jahrzehnte nun schon zu beobachten, dass Berichterstattung, Dokumentation und Planung auf der Grundlage von statistischen Daten im politischen Raum erheblich an Bedeutung hinzugewonnen haben (vgl. Krüger/ Rauschenbach/ Sander 2007). Möglicherweise in einem bislang noch nicht gekannten Maße sind die aktuelle Sozialberichterstattung und eine damit einhergehende Politikberatung auf eine breite Datenbasis und darauf basierende belastbare Indikatoren angewiesen. Vor diesem Hintergrund sprechen für die Kinder- und Jugendhilfe - dieser Teilbereich des Bildungs-, Erziehungs- und Sozialwesens wird im Folgenden näher betrachtet - Rauschenbach/ Schilling (2011) im jüngst erschienenen Kinder- und Jugendhilfereport 3 auch von einer empirischen Wende. Denn gerade auch hier gilt mit Blick auf eine institutionalisierte, empirische Dauerbeobachtung: „Politik, Wissenschaft und Fachpraxis sind in zunehmendem Maße und ohne wirkliche Alternativen auf fundierte Analysen angewiesen“ (Rauschenbach/ Schilling 2011, 7). Einzuordnen ist diese Entwicklung auch vor dem Hintergrund eines sich verändernden Verhältnisses zwischen vor allem dem politischen Raum und dem Wissenschaftssystem (vgl. z. B. Bogner/ Menz 2002). Die Distanz von Politik und Wissenschaft hat sich verringert, die Formel von einem „evidence-based policymaking“ macht die Runde. Kurzum: Von der Forschung erarbeitete, empirisch abgesicherte Erkenntnisse stellen eine zentrale Ressource zielgerichteten, strategischen Handelns dar. Wenn Politik und Wissenschaft näher zusammenrücken, so folgt daraus allerdings nicht nur eine „Verwissenschaftlichung der Politik“, sondern zumindest nicht ausgeschlossen scheint auch eine„Politisierung der Wissenschaft“ (vgl. van Santen/ Seckinger 2011). Hierauf soll an dieser Stelle allerdings nicht weiter eingegangen werden. So begrüßenswert auf der einen Seite dieser Trend der Verwissenschaftlichung von Politik gerade auch für die hier in den Blick genommene Kinder- und Jugendhilfe und ihre lang gehegte Skepsis gegenüber quantitativ-empirische Analysen auch ist, so scheint diese Entwicklung auf der anderen Seite mitunter durchaus bedenklich. Zumal gerade auch für zumindest einzelne Arbeitsfelder beobachtet wird, „dass glaubwürdige Begründungen nur noch über Expertenmeinung und Evidenzbasierung herzustellen sind“ (van Santen/ Seckinger 2011, 223). Fatal wird es dann, wenn nach der Devise verfahren wird „Irgendeine Zahl ist immer noch besser als gar keine“ oder der Eindruck entsteht, über Statistik ist alles belegbar, aber genauso auch widerlegbar. Kritisch polemisiert Birgmeister (2011) mit Blick auf jüngere allgemeine Entwicklungen der Erkenntnistheorie hierzu: „Wehte auf den Inseln des Wissens einst noch die Flagge mit dem Schriftzug ‚Rien ne va plus‘, so herrscht heute eine Mentalität des ‚anythings goes‘ (ebd., 35). Kurzum: Es wird für das Projekt „empirische Dauerbeobachtung Kinder- und Jugendhilfe“ zum Problem, wenn Zahlen mehr „situative Legitimationsfolie“ als „objektivierende Erkenntnisquelle“ zu sein scheinen. Plädoyer für einen seriösen Umgang mit statistischen Daten Bleibt man noch bei der Kinder- und Jugendhilfe, so werden selbstredend statistische Daten auch in den aktuellen Debatten nicht nur als Erkenntnisinstrument genutzt, sondern auch zu Legitimationszwecken eingesetzt - und das wird auch mit die Funktion von Statistik bleiben. Entscheidend ist aber, dass in der Entwicklung der letzten Jahrzehnte die Bandbreite des Umgangs mit quantitativ-empirischen Befunden nicht nur sehr viel differenzierter, sondern auch die Verwendung der Daten seriöser geworden ist (vgl. Rauschenbach 2011). Hierzu gehört auch eine „offene 35 uj 1 | 2012 Zwischenruf Diskussion“ über die Schwächen und Tücken der Statistiken, und zwar sowohl mit Blick auf die bestehenden Erhebungsinstrumente als auch hinsichtlich der Vollständigkeit und Vollzähligkeit der Ergebnisse, also der Qualität der Zahlen. Es ist gerade in den Arbeitsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe wichtig für die Akzeptanz statistischer Daten, für Außenstehende transparent, nachvollziehbar und mitunter auch selbstkritisch mit den Beobachtungsinstrumenten und deren Ergebnissen umzugehen. Vor diesem Hintergrund ist die Diskussion um nicht zuletzt auch die methodische Weiterentwicklung der statistischen Grundlagen ein wichtiges Element der Fachdebatte (vgl. Schilling/ Kolvenbach 2011). Grenzen, aber auch Schwächen statistischer Grundlagen müssen bekannt gemacht werden und sind ein unverzichtbarer Bestandteil für eine Bewertung und Kommentierung von Zahlen zur Kinder- und Jugendhilfe. „Dieser Anspruch muss als ein unhintergehbarer Maßstab auf dem Weg zu einer qualifizierten, datengestützten Auseinandersetzung mit den Entwicklungen in der Kinder- und Jugendhilfe stets präsent sein und eingelöst werden“ (Rauschenbach 2011, 18). Dr. Jens Pothmann Technische Universität Dortmund Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik Vogelpothsweg 78 44227 Dortmund jpothmann@fk12.tu-dortmund.de Literatur Bogner, A./ Menz, W., 2002: Wissenschaftliche Politikberatung? Der Dissens der Experten und die Autorität der Politik. In: Leviathan, 31 Jg., H. 3, S. 384 - 399 Deutscher Bundestag, 2008: Lebenslagen in Deutschland - Dritter Armuts- und Reichtumsbericht. Unterrichtung durch die Bundesregierung. Drucksache 16/ 9915 vom 30. 6. 2008, Berlin Grabka, M./ Frick, J., 2010: Weiterhin hohes Armutsrisiko in Deutschland: Kinder und junge Erwachsene sind besonders betroffen. In: DIW Wochenbericht, H. 7, S. 2 - 11 Hauser, R., 2008: Das Maß der Armut: Armutsgrenzen im sozialstaatlichen Kontext. Der sozialstaatliche Diskurs. In: Huster, E. U./ Boeckh, J./ Mogge-Grotjahn, H. (Hrsg.): Handbuch Armut und Soziale Ausgrenzung. Wiesbaden, S. 94 - 117 Krüger, H.-H./ Rauschenbach, T./ Sander, U. (Hrsg.), 2006: Bildungs- und Sozialberichterstattung. Beiheft der Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 9. Jg., Beiheft 6, Wiesbaden Rauschenbach, T., 2011: 20 Jahre Kinder- und Jugendhilfe im Spiegel ihrer Statistik. Eine Bilanz der empirischen Wende. Weinheim/ München, S. 11 - 24 Rauschenbach, T./ Schilling, M. (Hrsg.), 2011: Kinder- und Jugendhilfereport 3 - Bilanz einer empirischen Wende. Weinheim/ München Schilling, M./ Kolvenbach, F.-J., 2011: Dynamische Stabilität. Zur Systematik der KJH-Statistik und ihrer Weiterentwicklung. In: Rauschenbach, T./ Schilling, M. (Hrsg.): Kinder- und Jugendhilfereport 3 - Bilanz einer empirischen Wende. Weinheim/ München, S. 191 - 210 Statistisches Bundesamt, 2011: Wie leben Kinder in Deutschland? Begleitmaterial zur Pressekonferenz am 3. August 2011 in Berlin. Wiesbaden. www. destatis.de Van Santen, E./ Seckinger, M., 2011: Forschungsperspektiven auf und für die offene Jugendarbeit. In: Schmidt, H. (Hrsg.): Empirie der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Wiesbaden, S. 217 - 237