unsere jugend
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Zwischenruf: Empört Euch!
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Dieter Kreft
Geplant ist, den Rechtsanspruch auf Hilfe zur Erziehung (§ 27 SGB VIII) durch eine Gewährleistungspflicht zu ersetzen.
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36 uj 1 | 2012 Zwischenruf: Empört Euch! Geplant ist, den Rechtsanspruch auf Hilfe zur Erziehung (§ 27 SGB VIII) durch eine Gewährleistungspflicht zu ersetzen. von Prof. Dieter Kreft Jg. 1936; Dipl.-Kameralist und Dipl.-Pädagoge, Honorarprofessor der Leuphana Universität Lüneburg Bei der Nachricht, die sogenannten A-Länder in Deutschland (das sind die SPD-geführten Bundesländer) planten, den Rechtsanspruch auf Hilfe zur Erziehung (§ 27 SGB VIII) durch eine Gewährleistungspflicht zu ersetzen (im Kern, um dadurch vor allem Kosten zu sparen! ), musste ich sogleich an zwei große Menschen unserer Zeit denken. Zuerst an Ella Kay (1885 - 1988), die frühere Jugendsenatorin von Berlin, diese starke, unbeugsame Frau, bei der ich gelernt habe, dass „soziale Förderung/ Unterstützung“ eben nicht als „Hilfe“ oder „Almosen“ daherkommen sollte, sondern als von den „bewilligenden“ Personen in Ämtern und deren politischer Verfasstheit unabhängige Leistungsansprüche. Und wenn diese Ansprüche von Amts wegen nicht erfüllt werden würden, könne man zu Gericht gehen und dort diese Entscheidung überprüfen lassen. Ella Kay, eine Frau von kleiner Gestalt, hatte den großen Traum, dass dadurch auch die sogenannten einfachen Leute zu ihrem Recht kämen. Und dann dachte ich an Stépane Hessel (* 1917), der im Oktober 2010 eine kleine Streitschrift mit dem Titel „Indignez-vous! “ (Empört Euch! ) herausgegeben hat und großen Widerhall für seine Empörung gegen die Machenschaften und Folgen des Finanzkapitals bewirkte. Was beides/ beide miteinander zu tun haben? In einer Zeit, in der die Regierenden der Welt nur noch in der Kategorie „Milliarden“ (inzwischen fast schon in„Billionen“) zu denken scheinen, erlauben sich Sozialdemokraten, über einen grundlegenden strukturellen Wandel der Kinder- und Jugendhilfe/ KJH in Deutschland nachzudenken, den für das SGB VIII zentralen subjektiven und ggf. einklagbaren Rechtsanspruch auf Hilfe zur Erziehung aufzugeben, im Wissen darum, dass davon „vor allem junge Menschen und Familien in sozial schwierigen Lebensverhältnissen betroffen wären“ (Wabnitz in: neue praxis 5/ 2011, 466). Die ganze KJH in Deutschland hat mit ihren rd. 26 Mrd. € pro Jahr einen geradezu bescheidenen Anteil am Sozialbudget (2010 3,2 % - seit 1991 stets in etwa gleich geblieben). Das Problem ist nur, dass für die KJH die Kommunen die Fach- und Finanzverantwortung haben, und in deren Kassen (die angeblich notorisch leer sind: man schaue nur auf Hamburg, was da alles im Kulturbereich und beim Hafenausbau möglich bleibt) ist die KJH durchaus ein Ausgabenbrocken. 37 uj 1 | 2012 Zwischenruf Aber statt nun eine große Diskussion darüber zu beginnen, wie die Kommunalfinanzen so verändert werden könnten/ sollten/ müssten, damit die Kommunen auch diese Aufgaben weiterhin gesetzestreu erfüllen können, werden - noch dazu verfassungsrechtlich bedenkliche - Änderungen des SGB VIII vorgeschlagen, um vielleicht am Ende - aufs ganze Land gesehen und auf Kosten der „armen Leute“ und ihrer Kinder - ein paar Millionen zu sparen. Es ist wirklich empörenswert, wie diese Linie in den Diskussionen sich verselbstständigt und verfestigt. Ich empfehle allen, die das so sehen, wie ich es hier nur andeuten konnte, sich die neue praxis 5/ 2011 zur Hand zu nehmen, sich durch die Beiträge von einigen „Granden“ der KJH (Johannes Münder, Reinhard Wiesner, Reinhard J. Wabnitz, Christian Bernzen) den fachlich-politischen Kern dieser Diskussion zu erschließen und dieses Wissen dann an ihren Arbeitsplätzen und in allen ihren fachlich-politischen Bezügen weiterzugeben - denn Empörung tut not und sollte anstecken! Prof. Dieter Kreft Hallerstraße 44 90419 Nürnberg-St. Johannis kremie.nuernberg@t-online.de 2010. 176 Seiten. UTB-S (978-3-8252-3370-9) kt Praxisorientierte Methodenlehre für Studierende Wie kann in den verschiedenen Tätigkeitsfeldern der Sozialen Arbeit fachlich angemessen und dabei planvoll gehandelt werden? Was sind die relevanten Methoden, Verfahren und Techniken und wie werden diese professionell eingesetzt? Namhafte AutorInnen erläutern in diesem Buch gut strukturiert die drei klassischen Methoden und stellen zahlreiche Beispiele für Verfahren und Techniken als Grundlagen für das Handeln nach den Regeln der Kunst vor. Mit Beiträgen von Nando Belardi, Michael Galuske, Sabine Gieschler, Wolfgang Hinte, Heiko Kleve, Dieter Kreft, Dieter Maly, Stephan Maykus, Joachim Merchel, Werner Michl, C. Wolfgang Müller, Ria Puhl und Reinhard Thies. a www.reinhardt-verlag.de
