unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2012.art30d
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Die Multifamilientherapie (MFT) und die Familienklasse. Neue Angebote als ambulante Hilfen zur Erziehung
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Karin Bracht
Seit November 2011 bietet familie e. V. die"Multifamilientherapie" und die "Familienklasse an Grundschulen" als ambulante Hilfen zur Erziehung an. Die ersten Erfahrungen und Eindrücke dieser Arbeit werden im folgenden Artikel dargestellt.
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325 unsere jugend, 64. Jg., S. 325 - 331 (2012) DOI 10.2378/ uj2012.art30d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel von Karin Bracht Jg. 1971; Diplom-Erziehungswissenschaftlerin, Systemische Familientherapeutin (SG), Multifamilientherapeutin, Systemische Supervisorin (SG), Regionalleiterin bei familie e.V. Die Multifamilientherapie (MFT) und die Familienklasse Neue Angebote als ambulante Hilfen zur Erziehung Seit November 2011 bietet familie e.V. die „Multifamilientherapie“ und die „Familienklasse an Grundschulen“ als ambulante Hilfen zur Erziehung an. Die ersten Erfahrungen und Eindrücke dieser Arbeit werden im folgenden Artikel dargestellt. Familie e. V. ist ein freier Träger der Jugendhilfe mit dem Schwerpunkt der aufsuchenden Familienberatung. Seit vielen Jahren entwickeln Leitung und Team des Trägers neue Angebote in der Beratung von Eltern- und Kinder-/ Jugendgruppen; hierzu dient die jährlich stattfindende „Elterncoachingreise“ als ein innovatives Praxisfeld in der Umsetzung neuer Ideen. Die bisherige Angebotspalette bei familie e.V. folgt den Leitlinien der Elternaktivierung und der Stärkung elterlicher Präsenz. Das Konzept der Multifamilientherapie (MFT) von Eia Asen aus London fügt sich gut in die Erfahrungen und Ideen des Trägers ein, die im Rahmen eines Trainingsangebots für gewalttätige Jugendliche und ihre Eltern gesammelt werden konnten. Familie e. V. bietet das Konzept der MFT als Angebot im Rahmen der Hilfen zur Erziehung an, wobei der Ansatz von Eia Asen der Lebenssituation in Berlin angepasst wurde. So wird die Familienklasse als besonderes Setting der MFT seit November 2011 an einer Kreuzberger Schule angewendet. Was ist eine Multifamilientherapie? Die Multifamilientherapie (MFT) beschreibt zunächst nur ein Setting. In der MFT kommen bis zu acht Familien mit ähnlichen Problemlagen in einer Gruppentherapie zusammen. Dort wird innerhalb einer therapeutischen Gemeinschaft nach den Prinzipien der systemischen Familientherapie und den Wirkfaktoren der Gruppentherapie zusammengearbeitet. Die Sitzungen können unterschiedlich lang sein: von zwei Stunden bis zu mehrtägigen Workshops. Die Sitzungen werden von zwei erfahrenen MultifamilientherapeutInnen gestaltet. Was sind die Grundsätze der MFT? Die MFT arbeitet nach Grundlagen und Grundsätzen der systemischen Einzelfamilientherapie und Techniken aus der Gruppentherapie. Die 326 uj 7+8 | 2012 Multifamilientherapie therapeutische Haltung beruht auf einer konstruktivistischen Grundannahme. Die MFT nutzt die Dynamik einer Gruppe, um die problematischen Verhaltensweisen und Symptome einer Familie differenzierter zu bearbeiten. Es ist bekannt, dass Menschen häufig für ihre eigenen Probleme blind sind, das gleiche Problem bei anderen jedoch sehr genau beschreiben können. Diese menschliche Fähigkeit wird in der MFT genutzt: Familien reflektieren sehr konkret über das Problem anderer Familien. Dies gelingt besonders gut, wenn die Familien an ähnlichen Problemen leiden. Die TherapeutInnen gestalten in der MFT eine Gruppenatmosphäre, die von gegenseitigem Respekt, Anteilnahme, Verständnis und Transparenz geprägt ist. Die Ursprünge der MFT Als Vater der Multifamilientherapie wird meist Peter Laqueur genannt. Er arbeitete mit schizophrenen PatientInnen in New York in den 50er Jahren. Laqueur bezog die Angehörigen der KlientInnen in den Heilungsprozess aktiv mit ein. Nach kurzer Zeit zeigte sich, dass gruppentherapeutische Wirkfaktoren, wie ein gemeinsamer Erfahrungsaustausch, gegenseitige Unterstützung, wertschätzende Kritik, Lernen am Modell, hilfreich sein können bei der Begegnung von Familien mit ähnlichen Problemlagen. Dieser Therapieansatz verbreitete sich weltweit; verschiedene Störungsbilder wurden in Familiengruppen behandelt. In Großbritannien etablierte sich der MFT-Ansatz im tagesklinischen Bereich der Kinder- und Jugendlichentherapie. Die 70er Jahre waren damals noch sehr stark durch den Einfluss des antipsychiatrischen Ansatzes von Laing geprägt. Er sah die Schuld der Psychosen im Jugendalter in den Herkunftsfamilien begründet. Die therapeutische Gemeinschaft glaubte zudem an den Zusammenhang von psychischen Leiden, psychiatrischen Problemen und sozialen Kontexten. Die Arbeit mit unterprivilegierten und marginalisierten Familien von Salvador Minuchin stieß in der Therapielandschaft auf großes Interesse. Die Arbeit mit den sogenannten Multiproblemfamilien von Minuchin gab den Anstoß für den damaligen Leiter des Marlborough Family Service in London, Alan Cooklin, eine therapeutische Gemeinschaft ins Leben zu rufen, die „Family Day Unit“. In den letzten dreißig Jahren entwickelte sich die psychiatrische Tagesklinik in Zentral-London zu einem bedeutsamen weltweit anerkannten Multifamilientherapeutischen Familiendienst. Eia Asen als Direktor des Marlborough Family Service und sein Kollege Michael Scholz als ehemaliger Professor der Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie der Technischen Universität Dresden führen seit 2010 in Deutschland Weiterbildungen zur Qualifizierung von Familientherapeuten im Setting der Multifamilientherapie durch. Der Paradigmenwechsel in der Therapeutenrolle Familien in der MFT blicken häufig auf eine lange Erfahrung mit unterschiedlichen Helfersystemen zurück. Sie sind es gewohnt, die Verantwortung für ihre Kinder in professionelle Hände abzugeben. Schule, Kita, Jugendämter, Fachkräfte der freien Träger der Jugendhilfe, PsychiaterInnen und TherapeutInnen haben den Eltern oft über viele Jahre vermittelt, dass sie als Eltern nicht gut genug sind, dass sie ihre Kinder von Professionellen versorgen oder doch mindestens behandeln lassen sollen. Diese Eltern sind es gewohnt, Diagnosen für die Störungsbilder ihrer Kinder zu erhalten, nicht selten gepaart mit einer medikamentösen Behandlung. Viele Eltern haben die Erfahrung gemacht, dass sie mit den Professionellen darum konkurrieren mussten, wer die besseren Eltern für die Kinder sein können. Besonders wenn ihre Kinder in stationären Einrichtungen untergebracht wurden, waren sie mit der Situation konfrontiert, dass die BetreuerInnen ihrer Kinder besser wussten, was für ihre eigenen Kinder gut ist. Viele HelferInnen begegnen Eltern mit einer ablehnenden Haltung: „Die Kinder sind so arm dran mit diesen Eltern! “ 327 uj 7+8 | 2012 Multifamilientherapie Die MFT schafft mit ihrer systemischen Grundhaltung einen Paradigmenwechsel in der Therapeutenrolle. Der/ die MFT-TherapeutIn arbeitet vom Rücksitz des Wagens aus und übergibt den Eltern die Verantwortung und die Führung über das Fahrzeug. Eltern werden in den Familiengruppen gefordert, wieder die Verantwortung für ihre Kinder zu übernehmen. Der/ die MFT-TherapeutIn gestaltet in der Gruppentherapie den Kontext, sodass eine Atmosphäre entsteht, die alle Familien dazu anregt, sich gegenseitig zu unterstützen, zu reflektieren und zu kritisieren. Dabei ist die Leitlinie der TherapeutInnen, Eltern in die Verantwortung für ihre Kinder zu bringen und als Professionelle im Hintergrund zu bleiben und den Prozess zu halten. Die Technik der Multifamilientherapie Eia Asen beschreibt in dem Buch „Praxis der Multifamilientherapie“ (Asen/ Scholz 2009) die Technik der MFT als ein therapeutisches Arbeiten aus der Vogelperspektive. Zu Beginn der MFT-Arbeit sind die KlientInnen häufig geprägt durch ihre Vorerfahrungen mit vorherigen Helfersystemen und stehen in einer Erwartungshaltung dem/ der TherapeutIn gegenüber. Die Familien sind im Kontakt direkt auf den/ die TherapeutIn ausgerichtet. Diese Erwartung nutzt der/ die MFT-TherapeutIn, um jede Familie „anzuvisieren“. Der/ die TherapeutIn macht mit jeder Familie ein kleines „Warming up“ zum Kennenlernen, das man als eine Einzelfamiliensitzung in Anwesenheit anderer Familien bezeichnen könnte. Der/ die TherapeutIn klärt dabei mit der Familie das Anliegen der Sitzung: Auftragsklärung, Problembeschreibung, Zielerarbeitung usw. In dieser Phase des Anvisierens ist der/ die TherapeutIn im direkten Kontakt mit der einen Familie. Das Gespräch verläuft nur zwischen Familie und TherapeutIn. Nachdem der/ die TherapeutIn mit allen Familien „Einzelsitzungen“ geführt hat, bringt er zwei Familien miteinander ins Gespräch. „Familie Meier, Sie haben gerade Ihre Probleme mit der Schule geschildert. Wie ist das bei Ihnen, Familie Schulze? Kennen Sie das auch? Oder läuft das bei Ihnen ganz anders? … Was Sie mir gerade geschildert haben, könnten Sie das Familie Meier noch einmal direkt sagen? “ In der Phase des„Anfütterns“ sind die Familien immer noch im direkten Gespräch mit dem/ der TherapeutIn. Der/ die TherapeutIn versucht dann, die Familien miteinander ins Gespräch zu bringen, indem er/ sie sie direkt dazu auffordert. „Ja, Frau Meier, ich weiß, Sie haben mich gefragt. Aber mich würde interessieren, was Familie Schulze dazu sagt. Frau Schulze, erzählen Sie das Frau Meier direkt, lassen Sie mich außen vor! Tun Sie so, als wäre ich gar nicht da.“ Sobald der/ die TherapeutIn das Gefühl hat, die beiden Familien gehen miteinander ins Gespräch, löst er/ sie sich von diesem Platz und steigt als Vogel in die Luft, um„auszufliegen“. Er landet bei einer anderen Familie und versucht, diese mit einer weiteren Familie ins Gespräch zu bringen. Der/ die TherapeutIn stellt ähnliche Subgruppen her wie Familie Meier und Schulze. Sobald ihm/ ihr dies gelungen ist, beginnt er/ sie, die einzelnen Subsysteme zu „koppeln“. „Das Gespräch bei Ihnen hier dreht sich um ganz ähnliche Themen wie bei Familie Meier und Schulze. Sie sollten sich mal in einer Großgruppe dazu unterhalten. Herr Schmidt, rutschen Sie mal etwas rüber, damit Sie hören können, was bei Meiers und Schulzes gesprochen wird.“ Der/ die TherapeutIn begibt sich wieder aktiv ins Geschehen und versucht, die unterschiedlichen Familien miteinander ins Gespräch zu bringen, „beflügelt“ aktiv die Familien, sich gegenseitig mit einzubringen. „Frau Schmidt, Sie haben gerade etwas Wichtiges gesagt, sagen Sie das bitte noch einmal direkt zu Herrn Meier. Vielleicht kann der Gedanke von Frau Schmidt für Sie hilfreich sein.“ Sobald die Familien untereinander ins Gespräch einsteigen, hebt der/ die TherapeutIn wieder in die Lüfte ab und „kreist“ über dem Geschehen, beobachtet die Gruppendynamik aus der Vogelperspektive. Aus dieser Außenposition kann der/ die TherapeutIn die Interaktionen und Störungsbilder unter den Fami- 328 uj 7+8 | 2012 Multifamilientherapie lienmitgliedern genauer beobachten. Sobald ihm/ ihr eine Störung auffällt, „pickt“ er/ sie diese Sequenz heraus und landet für wenige Minuten bei dieser Familie. Er interveniert nach dem 5-Schritte-Modell: 1.) Beobachtung, 2.) Wahrnehmungsvergleich, 3.) Bewertung, 4.) Veränderungswunsch, 5.) Aktion. „Frau Schulze, ich habe den Eindruck, Sie haben es gerade ganz schwierig mit Ihrer Tochter. Für mich sieht es so aus, dass Sie gerne wollen, dass Ihre Tochter sich hier an der Arbeit beteiligt und sie mit am Tisch sitzt.“ (Beobachtung) „Sehen Sie das auch so, Frau Schulze? Oder ist das für Sie ganz anders? “ (Wahrnehmungsvergleich) „Aha, Ihnen geht es auch so. Sie finden es auch nicht gut, dass Marie die ganze Zeit rumläuft und nicht mitmacht.“ (Bewertung) „Wenn Sie es auch nicht gut finden, dass Marie nicht mitmacht, wollen Sie etwas ändern oder wollen Sie lieber, dass es so bleibt? “ (Veränderungswunsch) „Ok, Frau Schulze, Sie wollen, dass Marie auch so mitmacht wie der Kevin von Familie Meier! Was könnten Sie jetzt tun, dass Sie es erreichen, dass Marie mitmacht? Was könnte der erste Schritt sein, und wer könnte Ihnen dabei helfen? “ (Aktion). Dieses sehr einfach strukturierte Intervisionsverfahren ist für MFT-TherapeutInnen ein sehr konkretes Vorgehen im Hier und Jetzt und geht sofort auf die intrafamiliären Beziehungsdynamiken ein. Die Gesamtgruppe kann dem Prozess beiwohnen und auch konkret einbezogen werden. Durch zirkuläres Fragen könnten andere Familienmitglieder hinzugezogen werden. „Frau Schulze, was würden Sie antworten, wenn ich Ihnen diese Frage gestellt hätte und Sie in einer ähnlichen Situation wären? Was könnten Sie Herrn Meier vorschlagen? “ Besonders zu Beginn der MFT-Gruppen sehen die Familien den/ die MFT-TherapeutIn als ExpertIn für ihre Probleme an. Die Fragen werden an den/ die TherapeutIn gerichtet und von dem/ der ExpertIn wird die Antwort erwartet. Durch das Weiterleiten der Fragen an die Gruppe schärft der/ die MFT-TherapeutIn den Blick für das Expertentum der Gruppe. „Frau Meier, wenn Sie den Konflikt zwischen Kevin und seinem Vater sehen, was würden Sie jetzt sagen, wenn Kevin Ihr Sohn wäre? Wenn Sie dem Streit zwischen Frau Schulze und Ihrer Tochter jetzt zuhören, was fällt Ihnen auf? Wer will etwas dazu sagen? Frau Meier, tun Sie doch bitte einmal für fünf Minuten so, als ob Kevin Ihr Sohn wäre, und versuchen Sie, den Konflikt zu lösen. Was fällt den anderen auf? Was macht Frau Meier anders als Kevins Vater? “ Mit diesen und ähnlichen Fragen und Aufforderungen schafft der/ die MFT-TherapeutIn eine Gruppe von BeraterInnen. Die Familien schaffen es auf diese Weise, langsam einen Perspektivwechsel einzunehmen und sich in die Rolle der BeraterInnen zu begeben. Das beschriebene Verfahren aus der Vogelperspektive und das Interventionsverfahren nach dem 5-Schritte-Modell sind die Kernstücke der MFT-Arbeit. Der/ die MFT-TherapeutIn zieht sich immer wieder aus dem Geschehen heraus und interveniert dann wieder sehr konkret unter den Augen der Gesamtgruppe. Er/ sie verlässt nur punktuell den Rücksitz, um kurzweilig zu intervenieren. Niemals übernimmt er/ sie im MFT-Raum jedoch das Steuer. Die Verantwortung bleibt zu jedem Zeitpunkt bei den Eltern. Der/ die MFT-TherapeutIn ist immer wieder zuständig für die Gestaltung des Kontextes. Die Familienklasse an einer Kreuzberger Grundschule - MFT im Kontext Schule Setting Seit November 2011 führt familie e.V. eine MFT- Gruppe in einer Grundschule durch - die Familienklasse. In der Familienklasse arbeiten einmal in der Woche acht SchülerInnen der Schule mit ihren jeweiligen Eltern gemeinsam von 9.00 Uhr bis 14.00 Uhr. Die Familienklasse wird unterrichtet von der Sonderpädagogin der Schule und therapeutisch begleitet von MFT- TrainerInnen von familie e.V. 329 uj 7+8 | 2012 Multifamilientherapie TeilnehmerInnen Die Kinder kommen aus der zweiten bis fünften Klasse. Sie lernen in der Familienklasse an einem Tag in der Woche altersgemischt in einer Kleingruppe. Die Eltern der SchülerInnen müssen anwesend sein und die Bereitschaft zeigen, aktiv mitzuarbeiten. Indikatoren für den Bedarf an der Teilnahme in der Familienklasse sind: Die Kinder sind durch auffälliges Verhalten gefährdet in ihrer Schulentwicklung. Ihnen droht zum Teil ein Verweis von der Regelschule, und die Teilnahme an einem Schulersatzprojekt steht bei einigen im Raum. Weitere Indikatoren für die Teilnahme der Kinder an der Familienklasse sind Verweigerung von Arbeitsaufträgen und Arbeitsstrukturen, respektloses Verhalten gegenüber anderen SchülerInnen und LehrerInnen, Stören des Unterrichts durch Regelverletzungen, gewalttätiges Verhalten in der Schule, im Hort und auf dem Schulhof. Zugang in die Familienklasse Das Lehrerteam, HorterzieherInnen, SchulsozialarbeiterInnen und MitarbeiterInnen des RSD wurden durch eine Auftaktveranstaltung umfassend über das Konzept der Familienklasse informiert. Die KlassenlehrerInnen wenden sich an die Sonderpädagogin der Familienklasse, um den Bedarf eines Kindes zur Teilnahme anzumelden. Daraufhin lädt die Schulleitung die Eltern des Kindes zum Gespräch ein. Die MFT- TrainerInnen fragen in diesem Gespräch ab, ob es bereits Hilfen zur Erziehung durch das Jugendamt in der Familie gibt. Bei Einwilligung der Eltern wird ein Kontakt zum/ zur fallführenden MitarbeiterIn des RSD hergestellt, und die Eltern werden in die Familienklasse eingeladen. Wenn die Eltern Interesse an der Teilnahme zeigen, werden bei einem zweiten Termin Eltern, Kind und RSD-MitarbeiterIn in die Familienklasse eingeladen. Bei diesem Gespräch findet die Hilfeplanung mit dem RSD statt: Kind, Eltern und LehrerInnen entwickeln maximal drei individuelle Ziele, die in der Regeldauer von sechs Monaten erreicht werden sollen. Ziele In der Familienklasse lernen verhaltensauffällige Kinder die Regeln der Schule zu akzeptieren. Die Kinder können am Ende der Familienklasse die Anforderungen des Schulalltages hinreichend bewältigen. Die Eltern lernen, die Verantwortung für ihr Kind zu übernehmen, und unterstützen es somit dabei, sein individuelles Arbeitsziel für die Familienklasse zu erreichen. In der Familienklasse wird die Erziehungskompetenz der Eltern durch die Gruppe gestärkt. Durch den regelmäßigen Kontakt zwischen LehrerInnen und Eltern wird die Kooperation zwischen Schule und Familie gefördert. Im Ergebnis ist die Beziehung zwischen Eltern und Kindern sowie zwischen Schule und Familie verbessert. Die Familienklasse hat das Ziel, verhaltensauffälligen Kindern die Bewältigung des Schulalltags wieder zu ermöglichen. Das Setting verschafft den Eltern einen Zugang zu der Schule ihrer Kinder, sodass die Eltern einen Eindruck von dem Schulalltag ihrer Kinder bekommen. Sie erfahren sehr genau, welche Anforderung ihre Kinder erfüllen müssen und welche Schulregeln für alle Kinder gelten. Weiterhin erhalten sie einen Einblick in den Arbeitsalltag der LehrerInnen. Daraus ergibt sich eine schnelle und direkte Kooperation zwischen Eltern, Kindern und LehrerInnen. Eltern übernehmen die Verantwortung für ihre Kinder, indem sie dafür Sorge tragen, dass die Kinder die Schulregeln einhalten. Inhalt und Ablauf der Familienklasse Vor dem eigentlichen Beginn der Familienklasse wird für jedes Kind mit Eltern, LehrerInnen und dem/ der MFT-TrainerIn ein Ziel entwickelt. 330 uj 7+8 | 2012 Multifamilientherapie Das Kind und die Eltern erfahren alle Einzelheiten über die Zielplanerarbeitung. Eltern, Kinder, LehrerIn und MFT-TrainerIn unterschreiben den Vertrag zur Teilnahme an der Familienkasse. Wie bereits erklärt, treffen sich in der Familienklasse einmal in der Woche für den gesamten Schultag maximal acht Kinder mit einem Elternteil, der Sonderpädagogin und der MFT- Trainerin. Zunächst gehen die Kinder in ihre Regelklassen. Sie nehmen dort die Aufgaben für den Tag entgegen. Sie verabschieden sich aus ihrer Klasse und kündigen an, dass sie heute in der Familienklasse lernen. Die Lehrerin unterstützt das Kind dabei. Die MitschülerInnen unterstützen das Kind ebenfalls bei der Erreichung seines Ziels. Das Kind wird von der gesamten Klasse zur Familienklasse verabschiedet. In der Familienklasse treffen alle Kinder mit ihren Eltern ein. Es findet eine Begrüßungsrunde statt. Es wird von der MFT-Trainerin bei jedem einzeln abgefragt, wie die Woche verlaufen ist. Die Kinder und Eltern stellen die Ergebnisse vor. Eine MFT-Übung wird mit allen durchgeführt. Anschließend gehen die Kinder in die Pause. Die Eltern versorgen sich mit Kaffee und Tee. Die MFT-Trainerin begleitet den Elternprozess. Nach der Pause kommen alle Kinder zusammen mit ihren Eltern in die Klasse, und es wird gemeinsam gefrühstückt. Im Anschluss beginnt die erste Arbeitseinheit. Die Kinder sitzen altersgemischt an den Tischen und arbeiten ihre Tagesaufgaben bis zur nächsten großen Pause. Die Eltern unterstützen ihre Kinder dabei, ihre Aufgaben zu erledigen. Nach der zweiten großen Pause wird weitergearbeitet, bis alle nahezu vollständig mit ihren Aufgaben fertig sind. Es bleibt ein Rest an Aufgaben, der als Hausaufgabe zu Hause erledigt werden soll. Nachdem alle Materialien verstaut sind, erfolgt eine zweite MFT-Übung. Zum Abschluss gibt es eine Auswertungsrunde, in der alle Kinder und Eltern bewerten sollen, wie die heutige Familienklasse verlaufen ist und wie gut die Kinder an ihren Zielen gearbeitet haben. Der Verlauf der Familienklasse Durch die verbindliche Teilnahme der Familien an der Familienklasse wird die Beziehung zwischen den Eltern und der Schule gestärkt, sodass sich eine Vertrauensbeziehung entwickeln kann. Die Eltern bekommen einen Einblick darüber, wo die Schwierigkeiten und auch Stärken des eigenen Kindes liegen. Die Eltern erfahren mehr über die Schulregeln, lernen sie kennen und verstehen. Sie halten die Kinder dazu an, die Regeln zu befolgen. Der Austausch mit den anderen Eltern und Kindern hilft, Probleme zu bewältigen, indem andere Problembewältigungsstrategien in der Gruppe beobachtet und ausprobiert werden können. Eltern und Kinder treten aus der Isolation. Sie üben sich im Perspektivwechsel. Durch kleine Erfolge schaffen sie den Ausstieg aus der Problemtrance. Die Zielplanerarbeitung schafft für jedes Kind eine genaue Problemerfassung. Die Tages- und Wochenpläne zeigen Eltern und Kindern sehr genau auf, wann und wie oft sie ihr Ziel erreichen konnten und was getan werden muss, um das Ziel zu schaffen. Die Rückmeldung der anderen Eltern und Kinder ist für diesen Prozess sehr hilfreich. Ebenso bekommt jedes Kind in seiner Regelklasse ein Feedback über seine Verhaltensänderung. Auch für die MitschülerInnen ist dieser Prozess sehr wertvoll. Nicht selten sind die anderen Kinder durch die Verhaltensauffälligkeiten einiger Kinder gestört und belastet. Sobald sie eine Verhaltensänderung an dem/ der MitschülerIn feststellen, machen sie die Erfahrung, 331 uj 7+8 | 2012 Multifamilientherapie dass Menschen sich verändern können. „Der ist ja doch ganz nett! “ Die Wirksamkeit der Familienklasse Die erfolgreiche Teilnahme an der Familienklasse schafft eine vertrauensvolle Kooperation zwischen Eltern, Kindern, LehrerIn und TrainerIn. Durch den intensiven Gruppenprozess lernen Eltern und Kinder von anderen GruppenteilnehmerInnen. Die Kinder erreichen ihre individuellen Ziele und erfahren somit, dass sie ihr Verhalten selbst steuern können und Erfolge durch Eigeninitiative erleben. Eltern erleben sich als wirkungsvoll, indem sie Einfluss auf ihre Kinder haben. Eltern werden in diesem Gruppenprozess in ihrer Eigenverantwortung gestärkt. Die Rückmeldung der GruppenteilnehmerInnen verändert bei allen die Selbst- und Fremdwahrnehmung; Eltern und Kinder können durch die erlernte Feedbackkultur einen Perspektivwechsel durchführen. Vorheriges Misstrauen und Schuldzuweisungen vonseiten der Eltern und der Schule sind durch positive Erfahrungen verringert worden. Eltern haben eine neue Sicht auf die Arbeit der LehrerInnen gewonnen. Sie haben ein klareres Bild über das Verhalten des eigenen Kindes entwickelt. Durch die Anwesenheit der Eltern in der Familienklasse zeigen die Kinder schneller das gewünschte Verhalten. Der Blick auf die Eltern verändert sich durch die regelmäßige Teilnahme an der Familienklasse. Eltern werden in ihrer Rolle als ExpertInnen für ihre Kinder anerkannt. Die Erfahrung der Eltern stellt eine nachhaltige Verbindung zur Schule her. Fazit Die Multifamilientherapie bietet sowohl als ambulantes Gruppentherapieangebot als auch im Rahmen der Familienklasse an Grundschulen einen optimalen Beratungskontext, um Eltern und Kinder in eine neue und bessere Beziehungskultur zu begleiten. Die MFT-TherapeutInnen sind in dieser Therapieform besonders gefordert, ihre eigene Therapeutenidentität zu überprüfen. Die lang erlernte Helferidentität sowie das hochgeschätzte Expertenwissen werden in diesem Kontext auf den Prüfstand gestellt. Die MFT ist ein Experiment für die teilnehmenden Familien sowie für die TherapeutInnen. Das klassische therapeutische Setting wird aufgehoben. Es entsteht für die TherapeutInnen ein „Standing“ und „Walking“. Für die Durchführung der MFT sind neben einer Qualifizierung besonders viel Mut, Lust, Freude und Humor gefragt - sowohl für die KlientInnen als auch für die TherapeutInnen. Es bedarf viel Gelassenheit, um eine ganze Therapieeinheit über „auf dem Rücksitz zu bleiben“, wenn der Fahrer weder den Weg kennt noch der Fahrweise besonders mächtig ist. Karin Bracht familie e.V. Paul-Lincke-Ufer 34 10999 Berlin info@familie-ev.de Literatur Asen, E./ Scholz, M., 2009: Praxis der Multifamilientherapie. Heidelberg
