unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2013.art40d
4_065_2013_10/4_065_2013_10.pdf101
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Projektvorstellung: Balu und Du
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2013
Maren Schlüter
Hildegard Müller-Kohlenberg
Nina Schomborg
Das Programm: Was ist Balu und Du? Balu und Du ist ein selektives, primär-präventives Mentoren- bzw. Patenschaftsprogramm für benachteiligte Grundschulkinder. Junge Erwachsene schenken einem Kind ehrenamtlich Zeit, Aufmerksamkeit und Zuwendung und lassen ihm außerschulische, ganzheitliche Förderung in einem 1 : 1-Kontext angedeihen. Jedes Gespann aus Balu (MentorIn) und Mogli (Mentee) trifft sich mindestens ein Jahr lang einmal pro Woche. An den gemeinsamen Nachmittagen unternehmen die beiden viele verschiedene Dinge, die ihnen Freude machen und für die sie sich interessieren. Beliebte Aktivitäten sind beispielsweise gemeinsames Spielen, Basteln, Backen und Kochen, Ausflüge in die Natur, ins Schwimmbad, in den Zoo und ins Museum. Die Balus sind dabei bestrebt, ihren Moglis neue Erfahrungen zu vermitteln, bei denen die Kinder auf informellem Wege, ganz nebenbei, lernen. Nicht selten gilt es, die Kinder zunächst für Alternativen zu Fernsehen, Videospielen etc. zu gewinnen und aus einer gewissen Passivität hervorzulocken, damit sie aktiver am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.
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429 unsere jugend, 65. Jg., S. 429 - 435 (2013) DOI 10.2378/ uj2013.art40d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel von Maren Schlüter, Prof. Dr. Hildegard Müller-Kohlenberg, Nina Schomborg Projektvorstellung: Balu und Du Das Programm: Was ist Balu und Du? Balu und Du ist ein selektives, primär-präventives Mentorenbzw. Patenschaftsprogramm für benachteiligte Grundschulkinder. Junge Erwachsene schenken einem Kind ehrenamtlich Zeit, Aufmerksamkeit und Zuwendung und lassen ihm außerschulische, ganzheitliche Förderung in einem 1 : 1-Kontext angedeihen. Jedes Gespann aus Balu (MentorIn) und Mogli (Mentee) trifft sich mindestens ein Jahr lang einmal pro Woche. An den gemeinsamen Nachmittagen unternehmen die beiden viele verschiedene Dinge, die ihnen Freude machen und für die sie sich interessieren. Beliebte Aktivitäten sind beispielsweise gemeinsames Spielen, Basteln, Backen und Kochen, Ausflüge in die Natur, ins Schwimmbad, in den Zoo und ins Museum. Die Balus sind dabei bestrebt, ihren Moglis neue Erfahrungen zu vermitteln, bei denen die Kinder auf informellem Wege, ganz nebenbei, lernen. Nicht selten gilt es, die Kinder zunächst für Alternativen zu Fernsehen, Videospielen etc. zu gewinnen und aus einer gewissen Passivität hervorzulocken, damit sie aktiver am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Jedes Gespann hat ein monatliches Budget von 10 € zur Verfügung, das es für seine Unternehmungen gemeinsam verwalten kann. Die 1 : 1-Beziehung ermöglicht ein individuelles und gezieltes Eingehen auf die Bedürfnisse, Interessen und Schwierigkeiten, aber auch Stärken und Talente des einzelnen Kindes und schafft somit die Voraussetzung für ein großes Spektrum an positiven Effekten („Breitbandwirkung“). Namenspate für das Programm stand das „Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling, in dem der große und freundliche Bär Balu das Menschenkind Mogli auf seinem Weg durch den Dschungel zurück in die Zivilisation begleitet. Unterwegs zeigt Balu dem Kind seine Welt, beide erleben zusammen einige Abenteuer, Balu vermittelt so manche Lebensweisheit und unterstützt Mogli bei Herausforderungen. Die Hauptakteure des Programms: Wer sind Mogli und Balu? Moglis Moglis sind Kinder im Grundschulalter (6 bis 10 Jahre). Vorgeschlagen werden sie - das Elterneinverständnis vorausgesetzt - von ihren LehrerInnen. Die LehrerInnen melden solche Kinder für Balu und Du an, die besonders vom Programm profitieren können, weil sie zusätzliche Unterstützung benötigen. Das Kriterium für die Auswahl ist bewusst offen formuliert: Kinder, um die ihre LehrerInnen sich Sorgen machen. Die konkreten Anmeldegründe sind vielseitig: Einige Kinder stehen außen vor und haben kaum Kontakte außerhalb der Familie, andere verbringen einen Großteil ihrer Freizeit vor TV und Spielkonsole, wieder andere brau- 430 uj 10 | 2013 Projektvorstellung chen Unterstützung, da sie in schwierigen sozialen Verhältnissen und Armut aufwachsen. Etwa 60 % der bei Balu und Du betreuten Kinder haben einen Migrationshintergrund. Hier gilt es oft, sprachliche Defizite auszugleichen, damit die Kinder in der Schule und im Leben erfolgreich sein können. Die Zugangsquote und Akzeptanz von Balu und Du ist sehr hoch: Über 80 % der von den LehrerInnen angefragten Eltern stimmen einer Teilnahme ihres Kindes zu. Auch die Durchhaltebereitschaft der Familien über die Dauer eines Jahres ist vergleichsweise groß. Balus Balus sind engagierte junge Erwachsene im Alter von 17 bis 30 Jahren, die sich freiwillig und ehrenamtlich in dem Mentorenprogramm engagieren. Sie sind dabei weder Elternersatz noch Hausaufgabenhilfe, sondern schlüpfen in die Rolle einer großen Freundin/ eines großen Freundes, der/ die zur Vertrauensperson wird. Meist handelt es sich bei Balus um Studierende oder Oberstufen-SchülerInnen, an deren Universität oder Schule Balu und Du curricular in den Lehrplan eingebunden ist, beispielsweise als fächerübergreifendes Seminarfach in der gymnasialen Oberstufe, als Praxisanteil in der Erzieherausbildung oder als Schlüsselqualifikationsangebot an der Universität. In diesem Fall wird das Begleitseminar als Studien-/ Ausbildungsleistung zertifiziert - die Zeit mit dem Kind bleibt der ehrenamtliche Anteil. Es gibt aber auch rein ehrenamtliche Standorte, deren Balus über Freiwilligenagenturen oder Beratungsstellen gewonnen und betreut werden. Die Balus werden von einem/ einer KoordinatorIn professionell begleitet (s. u.), der/ die über eine (sozial-)pädagogische oder psychologische Qualifikation verfügt. Vor Beginn ihres Engagements müssen die Balus ein eintragsfreies erweitertes Führungszeugnis vorweisen und haben Gelegenheit, das Programm durch eine Info-Veranstaltung und ggf. eine Hospitation an der Begleitgruppe kennenzulernen. Sie schließen mit der Programmleitung einen Kontrakt, in dem sie sich verpflichten, die drei Bausteine ihres Engagements bei Balu und Du während der Dauer eines Jahres zuverlässig zu erfüllen: regelmäßige Treffen mit dem Mentee, Dokumentation dieser Treffen in einem Online- Tagebuch und Teilnahme an der Begleitgruppe. Auch Datenschutzfragen werden in dem Kontrakt geregelt. Die Ziele des Programms: Was will Balu und Du bewirken? Die Moglis erhalten von ihrem Balu Unterstützung dabei, Schwierigkeiten im Leben zu meistern, sich trotz widriger Umstände in eine positive Richtung zu entwickeln (Resilienz), Kontakte zu Gleichaltrigen zu finden und sich in die Gesellschaft zu integrieren. Im Sinne der Chancengleichheit arbeitet Balu und Du daran, Benachteiligung zu kompensieren, sodass Kinder, die vom Leben besonders herausgefordert werden, die Möglichkeit erhalten, an ihre AltersgenossInnen anschließen zu können, statt „abgehängt“ zu werden. Das Programm setzt bei den „Vorläufermerkmalen“ von Devianz, Desintegration, Gewalt und Intoleranz im Jugendalter an: Frühe Entwicklungsdefizite sollen ausgeglichen, Basiskompetenzen, soziale Orientierung sowie wichtige gesellschaftliche Werte vermittelt werden. In einer oft unübersichtlichen sozialen Umwelt fördert Balu und Du die Teilnahme außenstehender Kinder am gesellschaftlichen und kulturellen Leben und steuert als aktives Patenschaftsprogramm einen Baustein für eine solidarische und kinderfreundliche Gesellschaft bei. 431 uj 10 | 2013 Projektvorstellung Entsprechend der unterschiedlichen Ausgangslage der Mentees ist die Zielformulierung entweder nur sehr allgemein möglich - wie z. B. „Persönlichkeitsentwicklung“ oder „Stärkung der Basiskompetenzen“ - oder aber die jeweiligen Entwicklungsschritte sind spezifisch und höchst individuell zu beschreiben. In einer sensibel gestalteten Mentorenbeziehung verändert sich die Zielprojektion je nach Entwicklungsstatus des Moglis bzw. nach Verlauf des persönlichen Kennenlernens. Die Grundphilosophie des Programms: informelles Lernen In der von Balu und Mogli gemeinsam verbrachten Zeit sind unzählige Lernanlässe versteckt: In der Natur, im Straßenverkehr, beim Gesellschaftsspiel, beim Kochen und Backen oder in der Kinderbibliothek gibt es immer wieder etwas zu erklären, nachzufragen, zu üben, zu entdecken oder zu staunen. Diese oft so nebensächlich erscheinenden kleinen Ereignisse im Kinderalltag enthalten das Potenzial für wichtige Einsichten, Haltungen und Kompetenzen. Informell Gelerntes prägt die gesamte Persönlichkeit mit ihren Interessen und Werthaltungen, ihren Vorlieben und Einstellungen. Informelles Lernen ist anlassbezogen, zufällig, sporadisch und meist auf die Lösung von aktuellen Einzelproblemen bezogen. So lernen Kinder informell wichtige Sozial-, Alltags- und Basiskompetenzen wie beispielsweise höfliche Umgangsformen, Busfahrplan lesen und Frustrationstoleranz. Werden die sich bietenden Gelegenheiten für das informelle Lernen im Vor- und Grundschulalter nicht ausgeschöpft, so haben Kinder ein Lerndefizit, das sich auch in Lernschwierigkeiten in der Schule äußern kann, denn informell Gelerntes stellt ein wichtiges Fundament für das formale Lernen in der Schule dar. Die persönliche 1 : 1-Beziehung zwischen Balu und Mogli, die direkte Begegnung, ermöglicht das informelle Lernen. Die folgenden Passagen (Auszüge aus Tagebüchern von Balus) zeigen drei Dinge: ➤ dass die Moglis in ihrem Wissens-, Kenntnis- und Erfahrungsstand teilweise noch erhebliche Lücken aufweisen, ➤ dass die Balus zu wichtigen Vertrauenspersonen und Vorbildern für ihre Moglis werden und ➤ dass gerade im persönlichen Austausch der 1 : 1-Beziehung die Chance liegt, Kompetenzen spielerisch zu erweitern und Lernziele zu erreichen. Tagebuchauszüge Einen Fortschritt konnte ich heute außerdem im Bereich „freundschaftliche Gespräche“ feststellen. Lange Zeit war es so, dass vor allem ich Mogli Fragen gestellt habe. Heute ist es mir besonders aufgefallen, dass diese nun auch mehr und mehr von Mogli ausgehen. So fragte sie mich heute zum Beispiel, ob ich in der Grundschule auch einmal in einen Jungen verliebt gewesen sei, seit wann ich meine Mitbewohnerin kenne, warum ich nach Osnabrück gezogen und nicht in meiner Heimatstadt geblieben bin. Mogli und ich führten ein Gespräch über das Zeugnis. Ich fragte sie, ob sie fürs Schwimmen auch eine Note bekommen würde. Sei meinte, ja, das wäre die gesamte Sportnote für dieses Halbjahr. Als ich daraufhin meinte, dass ich das gar nicht gewusst habe, meinte sie: „Ist ja nicht schlimm! Kannst du ja auch gar nicht wissen. Du gehst gar nicht mehr zur Schule! “ In dieser Situation fiel mir sehr positiv auf, dass Mogli Fortschritte im Bereich Perspektivübernahme und Empathie gemacht hat und bestimmte Verhaltensweisen von mir übernommen hat.“ (Kira G., 24. 1. 2012) Als ich vorgeschlagen hatte, ein „Mensch-ärgeredich-nicht-Spiel“ zu basteln, hatte Mogli Sorge, das Spiel könne schnell zerknicken. Ich erklärte ihr, dass wir das Spiel aus Holz machen würden, und war sehr erstaunt, als Mogli meinte, sie wisse gar nicht, was Holz sei. So machten wir daraus ein 432 uj 10 | 2013 Projektvorstellung Spiel und zeigten auf dem Weg auf jeden hölzernen Gegenstand und sagten „Holz“. Bei mir angekommen, meinte Mogli, jetzt wisse sie ganz genau, was Holz sei.“ (Amelie L., 13. 1. 2011) Mogli hat mitbekommen, dass ich viel laufe und auch Marathon laufe, und hatte vorgeschlagen, mal zusammen zu laufen. Das haben wir heute getan mit dem Fernsehturm als Ziel. Mogli hat gut durchgehalten, und wir haben uns viel unterhalten. Ich habe viel über seine neuen Klassenkameraden gefragt und erzählt, dass viele von meinen Freunden gerade wegziehen und ich neue finden möchte. Beim Fernsehturm sind wir ein Stück gegangen und haben Brombeeren, Himbeeren und Holunder gegessen, wovon Mogli nichts kannte. Dabei kam mir der „Probier's mal mit Gemütlichkeit-Song“ in den Kopf, weil ich mir vorkam wie Balu, der Mogli zeigt, was es für Leckereien im Wald gibt. Den haben wir dann auch gesungen. Dann sind wir zurück gejoggt.“ (Felix W., 7. 9. 2012) Mogli und ich sind dann losgefahren und haben auf dem Weg über seine Träume geredet. Er dachte, ich könne sie deuten, aber das habe ich abgetan und gesagt, dass ich nur weiß, dass es meistens auf etwas zielt, das einen beschäftigt. Wir haben ausführlich über Ängste gesprochen, die beinhalten, dass Eltern(-teile) sterben. Es tat gut, für Mogli eine so vertrauenswürdige Person zu sein. (Sonja H., 22. 5. 2012) Auf dem Heimweg wurde mir erneut Moglis unheimliches Interesse und seine Neugier in Bezug auf scheinbar alltägliche Dinge bewusst. Er liest die Aufschrift von nahezu jedem vorbeifahrenden Lieferwagen und hat ständig allgemeine Fragen, was auf seinen großen Wissensdurst hindeutet. So musste ich ihm auf dem Weg zum Spielplatz erklären, was ein Sanitärunternehmen ist und wie es sein kann, dass das Marienhospital schon sein 125-jähriges Jubiläum feiert, obwohl das Gebäude noch so „neu“ aussieht. (Tobias K., 25. 3. 2009) Die „Methoden“ des Programms: An welchen Rahmenbedingungen orientiert sich die praktische Arbeit? Der/ die KoordinatorIn des jeweiligen Balu und Du-Standorts bildet die zentrale Verbindungsstelle der lokalen Balu-und-Du-Arbeit. Er/ sie etabliert und unterhält den Kontakt zu kooperierenden Grundschulen, fungiert als AnsprechpartnerIn und RepräsentantIn für das Programm, akquiriert und begleitet die Balus, organisiert besondere Aktionen wie Abschlussfeste und regelt administrative Aufgaben. An Balu-und-Du-Standorten, die an eine Bildungseinrichtung angekoppelt sind, werden die KoordinatorInnen häufig mit Deputatsstunden oder Lehraufträgen für Balu und Du freigestellt. In Freiwillligenagenturen oder Beratungsstellen bildet die Koordinatorentätigkeit einen Teil der Aufgaben des Mitarbeiters/ der Mitarbeiterin. Es liegt im Aufgabenfeld der/ des KoordinatorIn, auf die Einhaltung der Qualitätsstandards des Programms (s. u.) zu achten. Balu und Du legt Wert auf die Einhaltung von Qualitätsstandards. Aus der amerikanischen Mentoringforschung und -erfahrung stammt das Zitat: „Mentoring doesn’t work, quality mentoring works.“ Obgleich dieser Satz etwas stark formuliert wirken mag, ist die Grundannahme, dass Mentoring-Beziehungen qualitativ hochwertig sein müssen, um ihre Wirksamkeit entfalten zu können, für Balu und Du maßgeblich: ➤ Balu und Du legt großen Wert auf die dichte, unterstützende und professionelle Begleitung der Balu-Mogli-Gespanne. ➤ So gehören neben den Treffen mit dem Kind für die Balus noch zwei weitere verpflichtende Bausteine zum Engagement bei Balu und Du: die Begleitgruppe und das Online-Tagebuch. 433 uj 10 | 2013 Projektvorstellung ➤ Die Balus nehmen regelmäßig an einer Begleitgruppe teil. Hier findet ein Mix aus Intervision und Supervision, Kasuistik und pädagogischer Reflexion statt. Die Balus haben die Möglichkeit, Fragen zu stellen, können Unterstützung bei Schwierigkeiten im Umgang mit dem Kind oder seiner Familie bekommen, Ideen mit anderen MentorInnen austauschen und theoretisches Hintergrundwissen sowie praktische Anregungen erhalten. ➤ Im Online-Tagebuch-Tool (geschützter Bereich) verfassen die Balus regelmäßig Reflexionsberichte über die Treffen mit ihrem Mogli. Die Balus betrachten dabei gesondert das informelle Lernen, z. B. was hat Mogli beim Backen für Alltagskompetenzen gelernt? Die Tagebücher werden von dem/ der örtlichen Balu-und-Du-KoordinatorIn zeitnah gelesen und beratend kommentiert. ➤ Ergänzend finden ggf. Gruppenaktionen mit mehreren Balu-Mogli-Gespannen und ein Abschlussfest statt. ➤ Im Krisenfall sind die KoordinatorInnen für ihre Balus auch telefonisch, per Mail oder persönlich erreichbar. In Fragen des Kindeswohls lassen sich die Standorte ggf. von einer „insoweit erfahrenen Fachkraft“ (nach § 8 a, Abs. 2, SGB VIII) beraten, beispielsweise beim Kinderschutzbund. Programmumsetzung Balu und Du wurde im Jahr 2002 von Frau Prof. Dr. Hildegard Müller-Kohlenberg an der Universität Osnabrück in Kooperation mit dem Caritasverband der Erzdiözese Köln ins Leben gerufen. Mittlerweile gibt es mehr als 60 Standorte bundesweit, die als Netzwerkpartner im Balu und Du e. V. (gegründet 2005) zusammenarbeiten. Nahezu 5000 Balu-Mogli-Gespanne hat es bisher in Deutschland gegeben, davon sind über 800 im Jahr 2013 dazu gekommen. Die Geschäftsstelle des Balu und Du e. V. befindet sich in Köln, Sitz des Vereins und der Programmentwicklung ist Osnabrück. Die überwiegend autonom agierenden Standorte müssen die Rahmenbedingungen einhalten (vgl. Abschnitt „Methoden“) und die vom Balu und Du e. V. vorgegebenen Qualitätsstandards erfüllen, um eine verlässliche und qualitativ hochwertige Programmarbeit zu garantieren. Sie unterzeichnen u. a. zu diesem Zweck einen Kooperationsvertrag, der ihnen wiederum auch Leistungen des Balu und Du e. V. garantiert, wie z. B. den Versicherungsschutz oder den Zugriff auf zahlreiche Materialien für die Begleitgruppen oder die Öffentlichkeitsarbeit. Geschäftsstelle und Programmentwicklung bieten Standorten in Gründung umfassende Beratung an, die beispielsweise das Hospitieren am Gründungsstandort Osnabrück beinhaltet. Das Netzwerk der bundesweiten Balu-und-Du- Standorte steht stets in lebendigem Austausch untereinander. Einmal jährlich findet zudem die Koordinatorenkonferenz statt, auf der neue Entwicklungen besprochen, Workshops zu praxisrelevanten Themen abgehalten, aktuelle Evaluationsergebnisse vorgestellt und offene Fragen geklärt werden. Die Evaluationsergebnisse: Was bewirkt Balu und Du? Balu und Du wurde von Anfang an wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Die wichtigsten Evaluationsergebnisse werden im Folgenden nur kurz skizziert (vgl. auch www.balu-und-du. de/ index.php? id=ergebnisse_publikationen). Moglis Aus einer Vielzahl an Evaluationsergebnissen (ermittelt durch standardisierte Fragebögen, qualitative Interviews u. a.) sollen an dieser Stelle exemplarisch einige Veränderungen aufgezeigt werden, die die Kinder in ihrem Projektjahr zeigten. 434 uj 10 | 2013 Projektvorstellung Die Eltern der Moglis berichteten in einer Befragung, dass sich ihre Kinder nach dem Balu und Du-Jahr besser konzentrieren können. Zudem gaben die Eltern an, dass ihre Kinder kommunikativer geworden sind, dass sie besser mit Kritik umgehen können, dass sie mehr Kontakte zu Gleichaltrigen haben und in der Schule insgesamt besser zurechtkommen. Aus Lehrerperspektive (ermittelt über Fragebögen) sind die Moglis in der Schule besser integriert, können Konflikte kompetenter bewältigen und außerfamiliäre Kontakte besser aufbauen, ihre Grundstimmung entwickelt sich positiv und ihre schulischen Leistungen verbessern sich. In einer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierten Evaluationsstudie zu Balu und Du konnten einige der o. g. Ergebnisse bestätigt und weitere (gesundheitsrelevante) Effekte von Balu und Du erfasst werden (vgl. Drexler/ Borrmann/ Müller-Kohlenberg 2012). 141 Moglis und 158 Kontrollgruppenkinder wurden in die Untersuchung einbezogen. Über ihre Entwicklung gaben die LehrerInnen Auskunft, indem sie zu Beginn und am Ende des Baluund-Du-Jahres in Fragebögen die Moglis einschätzten. Zusätzlich wurden die Kinder selbst befragt und getestet. Die Kinder wurden u. a. mit dem KIDSCREEN (The KIDSCREEN Group Europe 2006) - einem international validierten Instrument zur Erfassung des psychischen und physischen Wohlbefindens bei Kindern - befragt. Die Moglis bearbeiteten außerdem modifizierte Versionen der „Kaseler-Konzentrations- Aufgabe“ (Krampen 2007) und des IVE-Tests (Stadler u. a. 2004) zur Erfassung von Empathie. Betrachtet wurden im Vergleich zur Gruppe der Kontrollkinder zum einen die Gesamtgruppe der Moglis und zum anderen jeweils die Gruppe der Moglis mit den ungünstigsten Ausgangswerten (Extremgruppe). Die berechneten Nettoeffektstärken können dabei als Effekt dem Programm Balu und Du zugeschrieben werden. Für alle folgenden Ergebnisse gilt, dass die jeweiligen Kinder mit besonders schwieriger Ausgangslage am meisten von Balu und Du profitieren: Die Moglis zeigen eine Verbesserung ihres körperlichen und psychischen Wohlbefindens. Sie werden empathischer, können sich besser selbst organisieren und konzentrieren und zeigen mehr Freude am Unterricht, eine größere Lernmotivation und mehr Wissbegierde und Neugier. Balus Dass von der Programmteilnahme nicht nur die Moglis, sondern auch die Balus profitieren, konnte in der Begleitforschung nachgewiesen werden. In einer Untersuchung mit Balus und einer Kontrollgruppe „traditionell“ studierender KommilitonInnen konnte festgestellt werden, dass die Balus im Vergleich zur Kontrollgruppe hinsichtlich ihrer Schlüsselkompetenzen (hier im Besonderen „Selbstkompetenz“ und „Sozialkompetenz“) Fortschritte machen. Eine Faktorenanalyse ergab für die Balus zwei bedeutsame Faktoren: ➤ Arbeitshaltung/ Selbstdisziplin und ➤ Kommunikation in schwierigen Situationen/ Krisenmanagement. Zusätzlich zu den Zuwächsen im Bereich Schlüsselkompetenzen können die Balus natürlich ggf. auch wichtige fachliche Erfahrungen für ihr späteres Berufsleben sammeln. Zukünftige LehrerInnen, PsychologInnen, SozialpädagogInnen und ErzieherInnen erhalten einen praktischen Einblick in das Leben und die Lebensumwelt von benachteiligten Grundschulkindern. Dabei bietet sich den Balus häufig die Gelegenheit zum Austausch mit einer Schicht und/ oder Kultur, die nicht ihrer eigenen entspricht. Dieser wechselseitige Austausch fördert bei den Balus das Verständnis für und die Toleranz gegenüber 435 uj 10 | 2013 Projektvorstellung Fremdem/ n und führt oft auch dazu, dass sie sowohl ein Gefühl der Dankbarkeit für scheinbare Selbstverständlichkeiten in ihrer eigenen Familie und in ihrem Leben entwickeln als auch ihre eigenen Vorstellungen (und ggf. Vorurteile) hinterfragen. Die MentorInnen werden diese Kompetenzen und Haltungen in ihren künftigen beruflichen Kontext transferieren und somit als MultiplikatorInnen fungieren können. Doch die positive Wirkung von Balu und Du ist nicht ausschließlich auf die Balus und Moglis begrenzt. Alle am Programm beteiligten Personen, also auch die Eltern und LehrerInnen der Moglis sowie die KoordinatorInnen, können profitieren. Oder, wie es eine Koordinatorin einmal treffend ausdrückte: „Balu und Du macht alle Beteiligten glücklich! “ Preise und Auszeichnungen des Programms Balu und Du wurde in den gut 10 Jahren des Bestehens mehrfach mit Preisen und Awards für seine Arbeit ausgezeichnet. Die folgende Aufzählung ist eine Auswahl der Auszeichnungen, vgl. auch www.balu-und-du.de/ index.php ? id=programm0. ➤ 2005: Förderpreis Deutsches Forum Kriminalprävention ➤ 2007: Aktiv für Demokratie und Toleranz (Bündnis für Demokratie und Toleranz) ➤ 2011: Deutsches best practice Projekt des European Crime Prevention Network ➤ 2012: Deichmann-Förderpreis gegen Jugendarbeitslosigkeit ➤ 2013: Shortlist für den Springer Medizin Charity Award 2013 Literatur Drexler, S./ Borrmann, B./ Müller-Kohlenberg, H., 2012: Learning life skills strengthening basic competencies and health-related quality of life of socially disadvantaged elementary school children through the mentoring program “Balu und Du” (“Baloo and you”). In: Journal of Public Health, Vol. 20, No 2, S. 141 - 149 Krampen, G., 2007: KKA. Kaseler-Konzentrations-Aufgabe für 3bis 8-Jährige. Göttingen Stadler, C./ Janke, W./ Schmeck, K., 2004: Inventar zur Erfassung von Impulsivität, Risikoverhalten und Empathie bei 9 - 14-jährigen Kindern. Göttingen The KIDSCREEN Group Europe, 2006: The KIDSCREEN questionnaires. Quality of life questionnaires für children and adolescents. München Weitere Veröffentlichungen siehe www.balu-und-du. de/ index.php? id=ergebnisse_publikationen
