unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2013.art03d
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Verselbstständigung in einer Betreuten Wohngemeinschaft
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2013
Norbert Schulz
Gabriele Bindel-Kögel
In einer Betreuten Jugendwohngemeinschaft des Vereins Aktion ’70 werden in Berlin-Charlottenburg Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren aufgenommen und beim Übergang in die Selbstständigkeit begleitet. Im Unterschied zu stationären Einrichtungen mit jüngeren Kindern spielt das Thema Verselbstständigung eine sehr wichtige Rolle.
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20 unsere jugend, 65. Jg., S. 20 - 23 (2013) DOI 10.2378/ uj2013.art03d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Verselbstständigung in einer Betreuten Wohngemeinschaft Interview mit Norbert Schulz In einer Betreuten Jugendwohngemeinschaft des Vereins Aktion ’70 werden in Berlin-Charlottenburg Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren aufgenommen und beim Übergang in die Selbstständigkeit begleitet. Im Unterschied zu stationären Einrichtungen mit jüngeren Kindern spielt das Thema Verselbstständigung eine sehr wichtige Rolle. Norbert Schulz Jg. 1966; Sozialpädagoge, Betreuer der Jugendwohngemeinschaft „Alt-Lietzow“ ? Mit welchen Kompetenzen und Fähigkeiten, was das selbstständige Wohnen betrifft, kommen die jungen Menschen zu Ihnen in die Einrichtung? Man könnte doch argumentieren, dass ein 17-/ 18-Jähriger auch schon alleine wohnen kann oder dass er im Betreuten Einzelwohnen untergebracht werden könnte? 15bis 18-Jährige, also die Alterszielgruppe unserer Einrichtung, wohnen normalerweise zu Hause bei ihren Eltern, und im günstigen Fall erfahren und erlernen sie dort auch die Basis für ein selbstständiges Leben, ab, während oder nach der Schule, nach der Ausbildung oder nach dem Studium, also ca. zwischen 18 und 25 Jahren. Jugendliche, die in unsere Einrichtung kommen, sind zum einen also jünger als die, die geplant aus ihren Elternhäusern ausziehen, zum anderen ist das Zusammenleben im Elternhaus so gestört, dass eine räumliche Trennung erforderlich ist. Unseren Jugendlichen fehlt also eine ganz entscheidende Lebenserfahrung, nämlich die eines verlässlichen und stabilen Elternhauses. Die Ursachen hierfür können natürlich sehr vielfältig sein. Klar ist aber, dass unsere Jugendlichen in den Jugendwohngemeinschaften dadurch schwierigere Startbedingungen in ein selbstständiges Leben haben. Dementsprechend herrscht, zumindest bei mir, auch eine gewisse Skepsis bezüglich des Betreuten Einzelwohnens als Anfangsunterbringung, wenn sie das Elternhaus - aus welchen Gründen auch immer - verlassen müssen. Betreutes Einzelwohnen ist eher eine Anschlussunterbringung, um den Schritt in die endgültige Selbstständigkeit ohne Betreuung adäquat vorzubereiten. In der Regel sind die Jugendlichen, die zu uns kommen, noch voll in der Pubertät und benötigen noch viel Zuwendung, Aufmerksamkeit und sensible Führung. Da zudem das Erlernen sozialer Kompetenzen eine sehr wichtige Rolle spielt, bieten Jugendwohngemeinschaften dafür ein ideales Trainingsfeld, bevor es z. B. im Betreuten Einzelwohnen in den „Feinschliff“ geht. 21 uj 1 | 2013 Verselbstständigung ? Was sind die besonderen Herausforderungen, wenn Selbstständigkeit gefördert werden soll, und wo liegen die zentralen Lernfelder? Zentrale Lernfelder für die Verselbstständigung sind sicherlich der Ausbau der sozialen Kompetenzen wie z. B. Konfliktfähigkeit, Verbindlichkeit, Zuverlässigkeit oder respektvolles Verhalten, das Erlernen oder Verstärken hauswirtschaftlicher Fähigkeiten, der verantwortungsvolle Umgang mit Geld, das Erreichen eines Schulabschlusses bzw. der Beginn beruflicher Qualifizierung und natürlich auch das Erreichen eines stabilen psychosozialen Befindens. Natürlich sind die Biografien und damit die Erfahrungen und Prägungen der einzelnen Jugendlichen sehr unterschiedlich. Daraus ergeben sich auch die ganz individuellen Bedarfe und Ziele. Dies ist ja auch das besondere Merkmal einer Jugendwohngemeinschaft: von den Stärken und Schwächen, den Erfahrungen und Ressourcen der MitbewohnerInnen lernen und profitieren zu können. Häufig sind die Jugendlichen erst einmal froh, ihre bisherige Lebenssituation verlassen zu können. Und erst nach und nach entwickelt sich ein Bewusstsein für Perspektiven und Ziele. Das darf man, auch vom zeitlichen Umfang her, nie unterschätzen. Da so eine Entwicklung prozesshaft verläuft, sind zudem auch Rückschläge mit einzukalkulieren. Es macht also keinen Sinn, darauf zu setzen, dass wir in ein bis zwei Jahren alles das korrigieren können, was vorher jahrelang versäumt wurde. Wichtig für uns Fachkräfte ist es auch, „Mut zur Lücke“ zu haben, also zu erkennen, dass wir nur einen Abschnitt, nur einen Teil der Entwicklung einer oder eines Jugendlichen begleiten können. Wir müssen uns also auf die wesentlichen Bedarfe des jeweiligen Einzelfalls konzentrieren, z. B. auf die schulische Qualifizierung oder auf das Erlernen sozialer Kompetenzen. ? Wo kann man ansetzen, wenn man Jugendliche fördern möchte, ihr Leben künftig selbst zu gestalten? Unsere Jugendlichen haben, wie schon gesagt, schwierigere Voraussetzungen als andere. Das bedeutet, man kann von ihnen nicht mehr erwarten als von denen, die bessere Grundlagen mitbekommen haben. Insofern ist es wichtig, die Ansprüche realistisch zu halten und in der Betreuung eine ausgewogene Mischung zu bieten aus „Vorbild sein“, „Vorleben“, „Ratschläge geben“, „Vorgaben machen“, „Grenzen setzen“ und „aus eigener Erfahrung lernen“. Ausgewogenheit bedeutet, dass diese Mischung variiert, je nach individueller Vorerfahrung und den vorhandenen Ressourcen der Jugendlichen. Wichtig für alles Lernen ist natürlich die Atmosphäre in ihrem neuen „Zuhause“. Sich halbwegs Wohlfühlen ist ein sehr wichtiges Kriterium, um Verselbstständigung erlernen zu können. So bilden gemeinsame Mahlzeiten, der Duft von frisch gebrühtem Kaffee am Morgen, Freizeitaktivitäten wie beispielsweise eine gemeinsame jährliche Reise einen wichtigen Rahmen, in dem Verselbstständigung besser gelingen kann. Verantwortungen übertragen ist eine weitere gute Möglichkeit, um Lust auf das Selbstständigwerden anzufachen. ? Wann sind Jugendliche „reif“ für die eigene Wohnung? Ganz platt gesagt, wenn sie in der Lage sind, morgens alleine pünktlich aufzustehen, rechtzeitig loszugehen, sich hauswirtschaftlich versorgen zu können; wenn sie gelernt haben, sich Hilfe und Unterstützung zu holen, wenn sie sie brauchen, und auch wissen, wo diese zu bekommen ist, und wenn sie eine Basis sozialer Kompetenzen erworben haben. Wenn das nicht immer konfliktfreie Leben in der Jugendwohngemeinschaft anfängt, die Umsetzung der genannten Punkte zu behindern, ist das zumeist ein Indikator dafür, dass der Zeitpunkt gekommen ist, ins Betreute Einzelwohnen zu wechseln. 22 uj 1 | 2013 Verselbstständigung Der Unterschied zwischen Betreutem Einzelwohnen und der eigenen Wohnung liegt vor allem im Betreuungsbedarf. Betreutes Einzelwohnen bedeutet ja eben auch, dass es noch einen Betreuungsbedarf gibt, und zwar in einer Intensität, wie er durch kein irgendwie geartetes privates Netzwerk unserer Jugendlichen gedeckt werden kann. ? Welche Probleme stellen sich, wenn Jugendliche aus dem Betreuten Wohnen in eine eigene Wohnung ziehen wollen? Und wie wird das begleitet? Zum einen kann es sein, dass sich die Jugendlichen - obwohl sie sich auf die eigene Wohnung gefreut haben - auf einmal unsicher fühlen, weil das „Sicherheitsnetz“ der Betreuung wegfällt oder zumindest grobmaschig geworden ist. Die Selbstständigkeit muss sich nun unter realen Bedingungen bewähren. Vielleicht ist das ein wenig vergleichbar mit Autofahren direkt nach der Fahrschule. Generell gestaltet sich das Finden einer adäquaten Wohnung zu erschwinglichen Preisen als sehr schwierig und arbeitsaufwendig. Auch die Finanzierung außerhalb von Jugendhilfe, vor allem wenn Jugendliche nur geringe eigene Einkünfte haben, ist häufig ein recht unüberschaubarer Bürokratiedschungel. In dieser Phase macht es oft Sinn, die nunmehr jungen Volljährigen ambulant weiter zu betreuen, um die wichtigsten „Baustellen“ noch abzusichern. ? Wann klappt der Übergang besonders gut? Besonders hilfreich in dieser Übergangsphase ist ein privates Netzwerk, das unterstützend zur Seite steht. Zudem ist die Klärung der finanziellen Existenzsicherung ein eminent wichtiger und zugleich Sicherheit schaffender Faktor. Im günstigsten Fall ist es während der stationären Unterbringung gelungen, das Verhältnis zu den Eltern bzw. Elternteilen wieder so zu stabilisieren, dass man von einer tragfähigen Beziehung sprechen kann. Ich denke hier an ein Beispiel, da war das Verhältnis zur Mutter durch die räumliche Trennung und die damit entfallenden Alltagskonflikte wieder deutlich entspannter, und die Mutter konnte somit frei von den alltäglichen Stresssituationen unterstützend und begleitend zur Seite stehen. Oftmals haben Eltern in dieser Phase auch das Bedürfnis, „wieder etwas gut zu machen“. Wie in den meisten Fällen war es aber auch in diesem Fall klar, dass ein Wieder-nach-Hause-Ziehen ein großes Risiko bedeutet hätte, in alte Verhaltens- und Beziehungsmuster zu geraten und damit wieder in die alten Konflikte. Dies unterstreicht die besondere Bedeutung von Verselbstständigung in dieser Situation. Wäre ein Rückzug ins Elternhaus vorrangiges Ziel, müsste die Beziehung zwischen den Eltern und ihrem jugendlichen oder schon volljährigen Kind deutlich mehr im Fokus stehen als die individuelle Entwicklung des/ der Jugendlichen. Gleichwohl gibt es trotz des Ziels der Verselbstständigung auch einzelne Fälle, bei denen ein Rückzug ins Elternhaus gut verlaufen ist. ? Wann ist der Übergang ins selbstständige Leben schwierig? Die Übergänge gestalten sich immer dann schwierig, wenn eben keine Entspannung der Eltern-Kind-Beziehung stattgefunden hat und sämtlicher Unterstützungsbedarf bis auf Weiteres den BetreuerInnen obliegt. Übergänge werden im Durchschnitt auch dadurch zunehmend schwieriger, dass viele Jugendliche mit Hilfebedarf letztlich zu spät in die Jugendhilfe gelangen und zudem aus Kostengründen spätestens zeitnah nach Erreichen der Volljährigkeit aus den stationären Einrichtungen wieder entlassen werden sollen. Solche Konstellationen sind für die oben beschriebenen Entwicklungsprozesse, die auch Zeit benötigen, äußerst ungünstig. In nicht wenigen Fällen ist der Betreuungsbedarf höher, als eine Einrichtung, die personell und konzeptionell auf Verselbstständigung 23 uj 1 | 2013 Verselbstständigung ausgelegt ist, leisten kann, z. B. bei Jugendlichen, die drogengefährdet oder psychisch sehr instabil sind. Dadurch ist auch der Clearinganteil unserer Arbeit gestiegen. In erster Linie liegt das an dem enorm gestiegenen Kostendruck in den Ämtern. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es nach wie vor einen hohen Bedarf an Jugendwohngemeinschaften gibt, die ja auch durch ihr Konzept (s. Kasten) einen wertvollen Gegenentwurf zur steigenden Individualisierung oder auch Vereinzelung in unserer Gesellschaft darstellen. Es ist aber von entscheidender Bedeutung für den Erfolg einer Hilfe, im Vorfeld genauestens zu prüfen, welcher Bedarf vorliegt und welches Betreuungskonzept mit welcher Betreuungsintensität diesem an ehesten gerecht werden kann. Vielen Dank für das Gespräch! Das Interview führte: Gabriele Bindel-Kögel Interviewpartner: Norbert Schulz Jugendwohngemeinschaft Alt Lietzow Aktion ’70 e.V. Karl-Marx-Straße 131 12043 Berlin alt-lietzow@aktion70.de Das Angebot: Jugendwohngemeinschaft „Alt-Lietzow“ Gruppenpädagogische Arbeit In dem engen Zusammenleben in der Gruppe lernen die Jugendlichen, sich in einem Maß aufeinander einzulassen, wie sie es bisher nicht kannten. Dies erfordert Rücksichtnahme auf die persönlichen Grenzen der MitbewohnerInnen und NachbarInnen. Um die Kommunikation innerhalb der Gruppe zu gewährleisten, ist ein Rahmen notwendig, der von allen anerkannt wird. Erlebnis- und gruppenpädagogische Aktivitäten fördern ihre lebenspraktischen Fähigkeiten. Individuelle Betreuung In der Zeit, in der die Jugendlichen in der Jugendwohngemeinschaft leben, werden sie beim Aufbau einer individuellen Lebensperspektive beraten, begleitet und unterstützt. Besonderheiten Die werktägliche Weckkontrolle mit dem Angebot eines gemeinsamen Frühstücks, die Überprüfung der Gruppendienste sowie die gewährleistete Lebensmittelgrundversorgung bieten einen unterstützenden Rahmen und Orientierung im Alltag. Unverzichtbare Säule der Arbeit stellt die jährliche Gruppenreise ins Ausland dar. Wohnungsangebot Große 6-Zimmer-Wohnung in gepflegtem, klassischem Berliner Altbau in Charlottenburg. Mit fünf geräumigen Einzelzimmern, einem gemeinsamen Wohn- und Esszimmer sowie Betreuerbüro. Zusätzlich eine Außenwohnung eine Etage höher für eine/ n Jugendliche/ n mit eigener Küche und Bad als Verselbstständigungsplatz (nur WG-interne Belegung). Die Jugendwohngemeinschaft „Alt-Lietzow" ist eine klassische Jugendwohngemeinschaft mit hohem und verbindlichem Gruppenanspruch. Sie richtet sich an Jugendliche ab 15 Jahren, die sich in einer konfliktreichen, instabilen häuslichen Situation befinden oder aus einer rund-um-die-Uhr-betreuten Einrichtung kommen. Ziel ist die Verselbständigung der Jugendlichen und die Befähigung, ein eigenverantwortliches Leben zu führen. Dazu gehört die Entwicklung einer realistischen und befriedigenden Lebensperspektive in beruflicher und persönlicher Hinsicht, ein gestärktes Selbstbewusstsein, Konflikt- und Auseinandersetzungsfähigkeit, Frustrationstoleranz sowie ein tragendes soziales Umfeld.
