eJournals unsere jugend65/1

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2013.art05d
4_065_2013_1/4_065_2013_1.pdf11
2013
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„Drama Baby …“

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2013
Andrea Schmidt
Ich beginne diesen Aufsatz mit einem Bekenntnis: Bisher habe ich jede Staffel von Germany’s next Top Model (GNTM) gesehen (aktuell läuft die siebte Staffel). Mir ist bewusst, dass man das insbesondere in akademischen Kreisen „nicht macht“, es ist ein „No Go“, sich damit auseinanderzusetzen, und en vogue, mit Unwissen über solche Formate zu kokettieren.
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35 unsere jugend, 65. Jg., S. 35 - 41 (2013) DOI 10.2378/ uj2013.art05d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel von Prof. Dr. Andrea Schmidt Jg. 1967; Professorin für sozialpädagogische Handlungskonzepte an der Fachhochschule Potsdam, Schwerpunkte u. a.: Theorien und Methoden in der Sozialen Arbeit, gendersensible Soziale Arbeit „Drama Baby …“ Über den Zusammenhang von Castingshows, Sexismus und der Farbe Pink Ich beginne diesen Aufsatz mit einem Bekenntnis: Bisher habe ich jede Staffel von Germany’s next Top Model (GNTM) gesehen (aktuell läuft die siebte Staffel). Mir ist bewusst, dass man das insbesondere in akademischen Kreisen „nicht macht“, es ist ein „No Go“, sich damit auseinanderzusetzen, und en vogue, mit Unwissen über solche Formate zu kokettieren. Nachdem ich jedoch die erste Staffel im Jahre 2006 gesehen hatte, welche ja ein unglaubliches Medienecho hatte, fing ich an, mir Gedanken zu machen, wie Mädchen und junge Frauen wohl mit diesem Format umgehen. Meine Motive, diese Sendung zu schauen, waren mir klar: Entspannung, nichts, aber auch wirklich gar nichts denken müssen und interessante Looks gucken. Warum aber schauen Mädchen diese Sendung? Von Staffel zu Staffel stiegen die Einschaltquoten rasant und die Bewerberinnenzahlen gleich mit: 2006 waren es 11.637, 2007 waren es 1.6421, der Höhepunkt war die fünfte Staffel im Jahr 2010 mit 21.312 Bewerberinnen. Die aktuelle Staffel verzeichnet 15.711 Bewerberinnen. Vor allem stellte sich mir die Frage: Inwieweit beeinflusst diese Sendung Mädchen in der Pubertät und Adoleszenz? Eine von Suchbewegungen, Unsicherheit und Größenwahn gekennzeichnete Phase im Leben, wie wir alle wissen. Bewirkt die Rezeption dieser Sendung veränderte Körperbilder? Verändert sie Körperlichkeit? Welche Frauenbilder werden transportiert? Inwieweit sind Castingshows als symptomatisch für eine gesellschaftliche Veränderung von Geschlechterbildern und Geschlechterpolitiken zu betrachten? Fragen, die ich hier nicht alle diskutieren oder beantworten kann. Aber ich versuche, mich hier und da etwas an Antworten heranzutasten. Zunächst soll geklärt werden, was eine Castingshow ist, wer die Hauptzielgruppe von Castingshows darstellt, warum so viele Jugendliche an Castingshows teilnehmen und was die ZuschauerInnen an Botschaften mitnehmen. Was sind Castingshows, wer guckt die und warum? „Eine Castingshow bzw. Talentschau ist eine Veranstaltung oder Fernsehsendung, die sich mit dem Casting zum Beispiel von potenziellen 36 uj 1 | 2013 Castingshows und Sexismus SängerInnen, TänzerInnen oder Models befasst“, so steht es in der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Das Vorführen von Fähigkeiten vor einer Jury (Casting), die Jury selbst und die Auswahl scheinbar geeigneter KandidatInnen sind zentrale Elemente jeder Castingshow. Folgende Merkmale von Castingshows sind konstitutiv: 1. Vorführen einer Leistung, 2. das Teilnehmerfeld verkleinert sich nach und nach, 3. als Gewinn wird eine Perspektive (Job, Vertrag, Karriere, Ruhm) versprochen, 4. es ist eine Jury vorhanden. Sendungen, die einzelne dieser Elemente vorweisen, gibt es schon seit 1953 im deutschen Fernsehen. Studierende eines Seminars an der FH Potsdam haben geforscht und die Sendung „Wer will, der kann“ als eine Vorläufersendung für heutige Castingshows identifiziert. Neben dem Vorführen und teilweise Bloßstellen von KandidatInnen wird in der Kritik an Castingshows in erster Linie der Fokus auf die Jury gelegt: Die KandidatInnen müssen sich dem Urteil der Jury beugen, Widersprüche gibt es nicht. Die Jury ist in fast allen Formaten allmächtig. Ansatzweise aufgebrochen wird dieser einseitige Unterwerfungsakt in dem Format „The Voice of Germany“. Die Mitglieder der Jury heißen dort Coaches, und die KandidatInnen dürfen sich ihre „Coaches“ aussuchen. Dies ändert jedoch nichts daran, dass letztendlich die Juroren-Coaches über das Weiterkommen der BewerberInnen entscheiden. Bisher gibt es wenige Untersuchungen darüber, wer Castingshows ansieht. Ich beziehe mich im Folgenden auf Untersuchungen aus 2009 und 2010 (Hackenberg/ Hajok; Hajok/ Selg), die knapp 3.000 Jugendliche online befragt haben. „Zwei Drittel der Jugendlichen (64 %) und die Hälfte der jungen Erwachsenen (51 %) sehen sich die Castingshows oft oder manchmal an. Das ist die Ausgangslage, die sich ergibt, wenn man 12bis 17-Jährige und 18bis 24-Jährige zur Nutzung Deutschland sucht den Superstar, Germany’s next Top Model (GNTM) und Popstars befragt“(Hajok/ Selg 2010, 61). Die treuesten Zuschauerinnen von Castingshows lassen sich in der Gruppe der 12bis 16-jährigen Mädchen finden. GNTM hat am meisten Zustrom von dieser Gruppe (vgl. Hackenberg/ Hajok 2009, 60). Als Motive, GNTM zu schauen, geben die Mädchen und jungen Frauen den Wettkampfcharakter, das Aussehen sowie das Verhalten der Teilnehmerinnen an. Bezogen auf die Lebenslagen kann konstatiert werden, dass eine Korrelation zwischen Bildungsgrad und der Kompetenz, den fiktionalen Gehalt der Sendungen zu hinterfragen, existiert: Je niedriger der Bildungsgrad, desto weniger wird der Realitätsgehalt der Sendungen hinterfragt (Hackenberg/ Hajok 2010, 61f ). Castingshows sind insbesondere im Alltag von jüngeren und weiblichen Jugendlichen sehr präsent und sozialisationsrelevant (ebd.). Die Sendung wird auf dem Schulhof vorbzw. nachbereitet, Laufstegtrainings werden unter Freundinnen gemacht, Posen werden geübt und ganze Sendungen nachgespielt. Auch in den Internetforen zu der Sendung findet reger Austausch statt, und Aussehen sowie Verhalten der Teilnehmerinnen werden regelrecht seziert. Mädchen nehmen aus der Sendung Germany’s next Top Model recht konkrete Anregungen für ihre Selbstinszenierungen mit, schließlich ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Körperrealität spätestens in der Pubertät zentral. Bei GNTM bekommen die Zuschauerinnen quasi Gebrauchsanweisungen für die Selbstinszenierung. „Besonders die individuelle Inszenierung bei den Fotoshootings wird genossen. Hier ‚können die Models ihre verschiedenen Seiten von 37 uj 1 | 2013 Castingshows und Sexismus sich zeigen’ (Mädchen, 16 Jahre). Die Wahrnehmung der Befragten ist folgende: Junge Mädchen werden in ihrer ‚wahren Schönheit’ erkannt und zur Geltung gebracht und ganz in ihrem Sinne gefördert. Entsprechend sehen die befragten Mädchen den Erfolg der Sendung auch in diesem Aspekt: ‚Weil es sich bei Mädchen in unserem Alter oft um Dinge wie Aussehen und Figur dreht. Alle wollen Modelmaße‘ (Mädchen, 13 Jahre)“ (Götz/ Gather 2010, 55). Selbst wenn Mädchen und Frauen keine Modelmaße haben wollen und dies für sie keine identitätsrelevante Kategorie ist, rücken diese Sendung und die Medienpräsenz diesen Aspekt immer wieder ins Blickfeld (ebd.). Maya Götz stellte in ihrer Studie unter anderem die Frage, ob die Mädchen durch die Sendung angeregt werden, über ihren Körper nachzudenken. Hier einige Antworten: „Viele der Befragten beschreiben Gefühle, die zwischen Bewunderung und Neid schwanken. Die Show GNTM veranlasse dazu, weniger zu essen bzw. mehr Sport zu treiben: ‚Alle, die da sind, haben so eine tolle Figur, das gibt mir Anreize, abzunehmen‘ (Mädchen, 14 Jahre). Ein anderes Mädchen vergleicht sich mit den Kandidatinnen der Show und beschreibt: ‚Dann denk’ ich mir meist, warum ich nicht so dünn bin’ (Mädchen, 15 Jahre). Doch nicht nur die älteren Jugendlichen stellen ihre eigenen Körper den medial vermittelten kritisch prüfend gegenüber; bereits in der 5. Klasse formulieren Mädchen den Wunsch, ähnliche Körper wie die der gezeigten Models zu haben. So beschreibt ein 11-jähriges Mädchen, dass es, seitdem es die Sendung sehe, seinen Bauch und seine Beine zu dick finde, da Topmodels ja schlank sein müssten“ (Götz/ Gather 2010, 55f ). Ganz sachte macht sich ein kaum erfüllbares Schönheitsideal in den Köpfen sehr junger Mädchen breit. Neben dem Wunsch eines veränderten und nahezu unerreichbaren Schönheitsideals scheint diese Sendung einen neuen Berufswunsch bei Mädchen zu kreieren: Model werden. „Bei den 9bis 11-Jährigen glauben 81 %, dass die Sendung ihnen zeige, wie der Alltag eines Models aussieht. Bei den 18bis 19-Jährigen geht der Wert zwar auf 70 % zurück, was jedoch bedeutet: Selbst bei denjenigen, die gerade in der Berufsorientierungsphase stehen oder bereits einen Ausbildungsberuf gewählt haben, zweifeln nur 30 % daran, dass hier ein reales Alltagsbild eines Models zu sehen ist“ (Götz/ Gather 2010, 55). Reproduktion von heteronormativen Schönheitsidealen Insbesondere Germany’s next Top Model transportiert und reproduziert heteronormative Schönheitsideale. Neben der Vermessung und Verdatung von Körpermaßen lade die Show ein „zur Unterwerfung unter patriarchalische Strukturen und zur Einübung und Internalisierung des männlichen Blicks“, so Tanja Thomas. „Aufforderungen zur Arbeit am eigenen (Körper-)Ich, zur Unterwerfung unter Normalisierungserwartungen und Konformitätsdruck“ seien stets Bestandteil von TV-Formaten dieser Art (Thomas 2008). Befragt, warum sie an Castingshows teilnehmen, nannten die Jugendlichen den Wunsch, „berühmt zu werden“ und aus dem eigenen gesellschaftlichen Umfeld herauszukommen. Dafür nehmen die TeilnehmerInnen denn auch Unterwerfungsakte im Sinne eines neuen Mediendarwinismus in Kauf: „Du hast 3 Minuten, fasziniere uns.“ Es geht dabei schlicht darum, sich verkaufen zu können, sich selbst zu optimieren, sich passend zu machen, sowohl bezogen auf die Persönlichkeit als auch bezogen auf die Körperlichkeit. So wird der Leistungsgedanke (jeder ist seines Glückes Schmied) durch ritualisierte Selektionen reproduziert (Thomas 2008). 38 uj 1 | 2013 Castingshows und Sexismus Es könnte nun konstatiert werden, dass das nur diejenigen Mädchen betrifft, die diese Castingshows ansehen, dass dieses Sich-Reduzieren auf Aussehen, das Sich-einer-abstrusen-Jury- Unterwerfen und das Sich-Anpassen eben nur jene Zuschauerinnen betrifft. Es scheint allerdings so zu sein, dass diese Castingshows - hier insbesondere GNTM - nicht für sich alleine stehen, sondern sich hier eine Essenz aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen herauskristallisiert: Castingshows sind quasi symptomatisch für aufstrebende neoliberale, naturalistische und sexistische Tendenzen. So ist aktuell und entgegen aller Gleichheitsrethorik und medienwirksam inszenierter Alphamädchen ein massiver Rollback in traditionelle Geschlechterrollen- und stereotype zu verzeichnen. Diese emanzipatorische „Schubumkehr“ soll im Folgenden mit einigen aktuellen Zahlen und Befunden zu Lebenslagen von Mädchen nachgezeichnet werden. Aktuelle Lebenslagen von Mädchen und jungen Frauen in Brandenburg Mädchen machen bessere und höhere Schulabschlüsse als Jungen. Bei den Schulabgängen verzeichnet Brandenburg einen überdurchschnittlich hohen Prozentsatz von Mädchen mit dem höchsten Schulabschluss, der allgemeinen Hochschulreife. 59 % sind Abiturientinnen und 41 % Abiturienten (MASF 2008, 55). Die Berufswahl erfolgt stark geschlechtsspezifisch. Mädchen und Frauen sind im sozialen und Dienstleistungsbereich stark vertreten, während sich Jungen und Männer vor allem auf Handwerk und Landwirtschaft konzentrieren. Allerdings zeichnet sich hier eine kleine Veränderung ab: Im Zeitraum 2001 bis 2005 erhöhte sich die Zahl weiblicher Auszubildender in den „frauentypischen“ Bereichen kaum, es kam in diesen Berufen aber zu einem starken Anstieg der absoluten Zahlen der Ausbildung bei jungen Männern. Stellten junge Männer im Jahr 2001 lediglich 17,6 % aller Auszubildenden in diesem Bereich, so waren es im Jahr 2005 bereits 26,7 %. Das zeigt, dass sich Männer zunehmend auch für sogenannte„typische Frauenberufe“ entscheiden. Hier scheint ein Verdrängungswettbewerb zu Lasten von Frauen stattzufinden, denn der Frauenanteil in männertypischen Ausbildungsberufen erhöhte sich nicht entsprechend (MASF 2008, 59). Bei der Studienplatzwahl zeichnet sich ebenfalls eine Grenzlinie zwischen den Geschlechtern ab: Besonders in den Studiengängen der Sprach- und Kulturwissenschaften sowie im Sozialwesen ist der Frauenanteil mit 74% besonders hoch. Männer sind eher in den Fächern Mathematik und Naturwissenschaften (65,4 %) sowie in den Ingenieurwissenschaften (71,6 %) vertreten. „Angesichts der Tatsache, dass es eher die stärker naturwissenschaftlich-technischen Richtungen sind, denen man gegenwärtig das größte Innovationspotenzial zuschreibt und die deshalb auch qualitativ und quantitativ die besseren Berufs- und Karrierechancen bieten, wirkt sich das dargestellte Geschlechterverhältnis in den einzelnen Studiengruppen eher nachteilig auf die späteren beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten von Frauen aus“ (MASF 2008, 61f ). In der dualen Ausbildung sind Mädchen unterrepräsentiert. Mehr junge Männer (62 %) als junge Frauen (38 %) haben eine Berufsausbildung im dualen System aufgenommen. Ihre Schulerfolge können Mädchen offenbar auf dem betrieblichen Ausbildungsmarkt nicht umsetzen. Mädchen sind dagegen bei den vollzeitschulischen Berufsausbildungen höher repräsentiert (41 %) (MASF 2008, 59). Auch die Übernahmequoten sehen für Mädchen wesentlich düsterer aus als für Jungen: So wurden nur 30 % der Frauen in Brandenburg durch den Ausbildungsbetrieb übernommen, während bei den Männern eine um 7 Prozentpunkte höhere Übernahmequote auszumachen ist. Brandenburg weist damit 39 uj 1 | 2013 Castingshows und Sexismus die geringste Übernahmequote von jungen Frauen in den neuen Bundesländern auf und liegt bei Männern genau im ostdeutschen Durchschnitt. In den westdeutschen Bundesländern werden dagegen 53 % der weiblichen und 57 % der männlichen Auszubildenden vom Betrieb übernommen. Da wundert es nicht, dass viele gut ausgebildete junge Frauen migrieren (ebd.). Die Bezahlung ist ebenfalls unterschiedlich. Nach wie vor verdienen Frauen deutlich weniger als Männer. Des Weiteren sind Frauen in Brandenburg häufiger arbeitslos und erheblich häufiger langzeitarbeitslos als Männer. Sie beurteilen ihre Arbeitsmarktperspektiven schlechter, und ihre Arbeitsmarktperspektiven sind auch objektiv schlechter (MASF 2008, 41). Soweit einige Ergebnisse aus Brandenburg. Angesichts dieser empirischen Basis liegt der Schluss nahe, dass sich eine relativ klassische Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern etabliert hat. Es soll an dieser Stelle nicht gegen die Optionen, die Mädchen heute haben, um ihr Leben zu gestalten, geredet werden. Natürlich ist ihr Leben freier geworden. Und sie wollen alles: Beruf, Familie und unabhängig sein. Dass Mädchen und junge Frauen sich ihr Leben so vorstellen, ist toll und ein Erfolg emanzipatorischer Bestrebungen. Gleichwohl wählen Mädchen und junge Frauen hier in Brandenburg oftmals eine andere Lebensweise als ihre Mütter und Großmütter. Sie trollen sich hinter den Herd und in Teilzeitpositionen, wenn das erste Kind geboren wird. Das ist kein Westphänomen mehr, denn die Befunde zwischen Ost und West haben sich hier angeglichen: In Ostdeutschland stiegen die Teilzeitquoten der Frauen bis 2007 überproportional an, und der Anteil der weiblichen Führungskräfte mit Kindern ging überproportional zurück. Damit könnte künftig auch der Vorsprung ostdeutscher Frauen schrumpfen (IAB- Kurzbericht 2011, 1). Rollback und Sexismus Die Bilder von starken, autonomen, selbstbewussten Mädchen und jungen Frauen spiegeln manchmal - und gleichzeitig viel zu selten - die realen Lebenslagen und Lebensweisen von Mädchen wider. Wenn man diesen (medialen) Geschlechterinszenierungen Glauben schenken darf, ist in puncto Gleichberechtigung alles erreicht. In der Politik scheint die Kategorie Geschlecht sogar schon überwunden (die Piratenpartei in Berlin formuliert gar den„Postgenderanspruch“ für sich.). Es herrscht der Zwang zu Selbstoptimierung für alle (auch für Männer, soweit ist das schon mal gegendert! ). Schuld an Misserfolgen, mangelnder Selbstoptimierung, nicht bewältigter Vereinbarkeitsleistung und daran, „nicht im Vorstand“ angekommen zu sein, hat dann jede Einzelne selbst und nicht neoliberale Staatspolitiken. Die Verknüpfung zwischen dem scheinbar privaten Handeln und gesellschaftspolitischen Befunden findet gar nicht mehr statt. Vor dem Hintergrund von Individualisierung von Problemlagen sowie dem Zwang zu Selbstoptimierung zum einen und dem sich Ausdifferenzieren klassischer Geschlechterbilder mit einem erweiterten Spektrum von Weiblichkeit und Männlichkeit zum anderen zeichnet sich eine gleichzeitige Verfestigung, quasi ein Rollback zu konservativen Werten, Rollenvorstellungen und Selbstinszenierungen ab. Bezogen auf die Selbstinszenierungen können wir dieses Phänomen täglich beobachten: Die Attribuierung von heteronormativer Weiblichkeit ist wieder in. Lange Haare, körperbetonte Kleidung, Make up, High-Heels. Zugespitzt formuliert scheint die Selbstverwirklichung für Mädchen und junge Frauen heute eher auf dem Catwalk zu liegen als in den Aufsichtsräten. Wir scheinen es mit einer geradezu hypersexualisierten Kultur zu tun zu haben. Als ertragreich zur Annäherung an dieses Phänomen erachte ich die Überlegungen Natasha Walters. Sie stellt 40 uj 1 | 2013 Castingshows und Sexismus die These auf, dass es Mädchen heute schwerer haben, ihren Weg zu gehen, weil die „Hypersexiness“ inzwischen ein normatives Bild geworden sei. Um noch eins draufzusetzen: diese hypersexualisierte Kultur wird gesellschaftlich als Indiz für eine wachsende Freiheit und Macht von Frauen interpretiert. Dabei handelt es sich um ein sehr eng gefasstes Bild von weiblicher Sexualität, dessen Inbegriff häufig die schlanke, vollbusige Exhibitionistin ist, die sich in Reizwäsche lasziv um eine Stange wickelt (Walter 2011, 14). Alternative Bilder von Weiblichkeit sind daneben kaum noch existent bzw. werden abgewertet. Ich möchte anmerken: Es geht hier nicht darum, den Wunsch nach sexueller Anziehungskraft zu entwerten. Es geht um eine einseitige, heteronormativ geprägte Konstruktion weiblicher Sexualität. Walter konstatiert hierzu: „Das beginnt mit dem unerwarteten Comeback des Glamour Modeling, was viele junge Frauen dazu ermutigt hat, sich für ein Männermagazin bis auf den Slip auszuziehen. Es setzt sich fort in der sprunghaften Zunahme von Tabledance- Clubs in den Städten und in dem angesagten Tanzstil, der sich aus diesen Clubs und dem Poledance der Go-go-Tänzerinnen ableitet, und reicht bis zu den erfolgreichen Memoiren von Prostituierten, die suggerieren, ‚Sexverkauf‘ sei für Frauen eine gute Möglichkeit, sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Vor allen Dingen aber zeigt es sich in der durch das Internet bedingten viel größeren Präsenz von Pornografie im Leben vieler junger Leute“ (Walter 2010, 14). Dass die Botschaften dieser Industrie vielen, nicht nur jungen Frauen und Männern geradezu unter die Haut gehen und neue Körperästhetiken befördern, lässt sich unter anderem am Boom von Waxing-Studios und steigenden Operationszahlen im Intimbereich ablesen. Die Verknüpfung von Weiblichkeit und einer bestimmten Form von Erotik beginnt früh, so Natasha Walter: „Sogar Kinderspielzeug sieht sexy aus (…) Zwar wurden Mädchen und junge Frauen schon immer dazu angehalten, in der Selbstverschönerung einen wichtigen Teil ihres Lebens zu sehen, doch heute werden sie zudem schon in sehr jungen Jahren mit einer Flut von Botschaften überschwemmt, die suggerieren, dass es sehr wichtig ist, sexuelle Anziehungskraft zu entwickeln“ (ebd., 15). Ein weiteres Puzzleteilchen ist das, was ich „Pinkisierung“ nenne, diese „Prinzessinnennummer“. Die Gräben zwischen den Geschlechtern scheinen wieder größer geworden zu sein: Die eine Seite ist pink, die andere hellblau. In der Spielzeugabteilung eines beliebigen Warenhauses oder beim Betrachten eines Playmobilkataloges springt es einem ins Auge. Wie schnell sind wir mit Verallgemeinerungen, was die Unterschiede zwischen Frauen und Männern anbelangt, wie z. B. „Frauen können nicht einparken“, „Männer können nicht zuhören“. Verhalten sich Jungen und Mädchen nicht entlang der gängigen Geschlechterrollen, dann wird das schon mal leicht übergangen. Entsprechen Kinder jedoch den Erwartungen, werden die Stereotype häufig bestätigt und gestärkt. Dass dies nicht eine ganz persönliche Empfindlichkeit von mir ist, lässt sich schon daran erkennen, dass Geschlechtsunterschiede zunehmend mehr mit Biologismen erklärt werden. Es vergeht fast kein Tag ohne die neuesten Erkenntnisse aus der Hirnforschung. So wird sogar die scheinbare Vorliebe für die Farbe Pink bei Frauen mit der rekonstruierten Geschlechterrollenverteilung während der Steinzeit begründet (Hurlbert/ Ling 2007). Diese biologische Determination von Geschlechterstereotypen ist wahrlich nicht neu. Schon seit der Aufklärung werden Gründe für die Ungleichheit der Geschlechter in der Körperlichkeit gesucht. Und es ist auch nichts Neues, dass körperliche Unterschiede essenzialisiert werden und sie sich demzufolge als Wesensmerkmale niederschlagen. Diese Diskurse sind insofern problematisch, als sie ste- 41 uj 1 | 2013 Castingshows und Sexismus reotype Geschlechterkonstruktionen herstellen. Es entsteht das Bild, dass Männer und Frauen durch ihre Gehirne und Hormone für ihre unterschiedlichen Rollen gemacht sind. Wir werden außerdem blind für die Differenzen unter Frauen und unter Männern. Dieser biologische Sexismus, der mit sozialem und gesellschaftlichem Sexismus emulgiert, transportiert Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit, die weder mit einer modernen geschlechtergerechten Gesellschaft vereinbar sind noch den Bedürfnissen von Mädchen und Jungen bzw. Frauen und Männern gerecht werden. Prof. Dr. Andrea Schmidt Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozialwesen Friedrich-Ebert-Straße 4 14467 Potsdam a.schmidt@fh-potsdam.de Literatur Götz, M./ Gather, J., 2010: Wer bleibt drin, wer fliegt raus? Was Kinder und Jugendliche aus Deutschland sucht den Superstar und Germany’s next Top Model mitnehmen. In: TELEVIZION, 23. Jg., H. 1, S. 52 - 59 Hackenberg, A./ Hajok, D., 2010: Castingshows und Coachingsendungen im Fernsehen. Eine Untersuchung zur Nutzung und Bewertung durch Jugendliche und junge Erwachsene. In: tv diskurs, 14. Jg., H. 1, S. 58 - 60 Hajok, D./ Selg, O., 2010: Castingshows im Urteil ihrer Nutzer. In: tv diskurs, 14. Jg., H. 1, S. 61 - 65 Hurlbert, A. C./ Ling, Y., 2007: Biological components of sex differences in colour preference. In: Current Biology, Vol. 17, Issue 16, R623 - R625 Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (Hrsg.), 2009: IAB-Kurzbericht Nr. 22. http: / / doku.iab.de/ kurz ber/ 2009/ kb2209.pdf, 18. 10. 2012, 8 Seiten Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Familie (MASF) (Hrsg.), 2008: Studie zur Lebenssituation von Frauen in Brandenburg. www.masf.branden burg.de/ sixcms/ media.php/ 4055/ frauen_bb0508. pdf, 18. 10. 2012, 67 Seiten Thomas, T., 2008: Heidi Klum und die Unterwerfung unters Patriarchat. http: / / diestandard.at/ o12272886 06902/ Heidi-Klum-und-die-Unterwerfung-unters- Patriarchat, 18. 10. 2012, ohne Seitenangabe Walter, N., 2010: Living Dolls. Warum junge Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen. Frankfurt am Main Sturzbecher, D. u. a., 2010: Jugend in Brandenburg 2010 - Kurzbericht zur Lebenssituation und zu Einstellungen brandenburgischer Jugendlicher. Vehlefanz Sturzbecher, D./ Kleeberg-Niepage, A./ Hoffmann, L. (Hrsg.), 2011: Aufschwung Ost? Lebenssituationen und Werteorientierungen ostdeutscher Jugendlicher. Wiesbaden