unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2013.art33d
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Gute Betreuung für die Kleinsten?
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Katja Grenner
Christine Ulbrich
Der Mangel an Plätzen und pädagogischem Fachpersonal in der Kindertagesbetreuung für unter 3-jährige Kinder birgt Risiken in der Betreuungsqualität für unsere Jüngsten. Dies erleben nicht nur Kinder, Eltern und Fachkräfte, sondern das Thema rückt zunehmend in den Fokus der Fachöffentlichkeit und der gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung.
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354 unsere jugend, 65. Jg., S. 354 - 359 (2013) DOI 10.2378/ uj2013.art33d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Gute Betreuung für die Kleinsten? Zur Qualität der Bildung, Betreuung und Erziehung für Kinder unter drei Jahren vor dem Hintergrund des quantitativen Ausbaus Der Mangel an Plätzen und pädagogischem Fachpersonal in der Kindertagesbetreuung für unter 3-jährige Kinder birgt Risiken in der Betreuungsqualität für unsere Jüngsten. Dies erleben nicht nur Kinder, Eltern und Fachkräfte, sondern das Thema rückt zunehmend in den Fokus der Fachöffentlichkeit und der gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung. von Katja Grenner Jg. 1961, Diplom-Psychologin, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Arbeitsbereichs Qualitätsentwicklung und Fortbildungen, („QuiK-Programm“) bei PädQUIS gGmbH Im Jahr 2002 haben sich die Länder der Europäischen Union darauf geeinigt, dass bis zum Jahr 2010 für mindesten 35 % aller Kinder unter drei Jahren ein Betreuungsplatz zur Verfügung stehen sollte. Das Gesetz zur Förderung von Kindern unter drei Jahren in Tageseinrichtungen und in der Kindertagespflege vom 16. Dezember 2008 formuliert den Anspruch auf einen Platz in einer Tageseinrichtung auch für unter 3-Jährige ab dem 1. August 2013. Trotz großer Anstrengungen der Kommunen, der öffentlichen und freien Träger wurden die Ziele des Ausbaus bisher nicht erreicht. Nach wie vor fehlen nach aktuellen Schätzungen immer noch rund 100.000 Plätze. Erschwert wird diese Situation zusätzlich durch den Mangel an pädagogischen Fachkräften. Unterschiedlichen Berechnungen zufolge fehlen demnach bis zu 30.000 ErzieherInnen. Die Träger begegnen diesem Defizit zunehmend mit der Einstellung von nicht pädagogisch qualifiziertem Personal. Eine weitere Verschärfung entsteht durch die nicht ausreichende Qualifizierung und Vorbereitung des vorhandenen Fachpersonals für die Bildung, Erziehung und Betreuung der jüngeren Kinder. Die damit verbundenen Risiken in der Betreuungsqualität für unsere Jüngsten werden nicht nur von Kindern, Eltern und Fachkräften erlebt, sie werden auch zunehmend in der Fachöffentlichkeit thematisiert und haben Eingang gefunden in die gesamtgesellschaftliche Wahrnehmung und Debatte. Die Tatsache, dass große Christine Ulbrich Jg. 1981, Diplom-Pädagogin, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Arbeitsbereichs Qualitätsentwicklung und Fortbildungen („Qualität von Anfang an“) bei PädQUIS gGmbH 355 uj 9 | 2013 Qualität der Betreuungsplätze Träger von Kindertagesstätten wie die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Alarm schlagen und die Lage für Personal, Eltern und Kinder als dramatisch beschreiben, ist ein Novum und unterstreicht die Brisanz der mit dem massiven Ausbau verbundenen Qualitätsrisiken. Schon seit Langem ist bekannt, dass die Qualität der Betreuungsangebote für die unter 3-Jährigen sich in Deutschland noch nicht als befriedigend darstellt und im Vergleich zum Kindergartenbereich sogar schlechter ausfällt, wie auch aktuelle Studien belegen. Jüngste Ergebnisse aus der Nationalen Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit (NUBBEK) zeigen, dass keine positive Entwicklung in der Betreuungsqualität im Krippenbereich erkennbar ist - und dies trotz umfangreicher und kostenintensiver Bemühungen um die Qualitätsentwicklung und -sicherung in den Kindertageseinrichtungen in den vergangenen Jahren. So heißt es in den Empfehlungen der Studie: „Die Qualität pädagogischer Prozesse in den Einrichtungen ist unbefriedigend und sollte verbessert werden. Das im Durchschnitt nur mittelmäßige Niveau pädagogischer Prozessqualität in Einrichtungen und Kindertagespflege bei bemerkenswerten Anteilen von Gruppen mit unzureichender Qualität kann nicht befriedigen. Die Befunde rufen nach Verbesserungen.“ (Tietze u. a. 2012, 14) Darüber hinaus gilt es als gesichertes Wissen, dass der Besuch einer qualitativ hochwertigen Einrichtung nicht nur zum Wohlbefinden des Kindes beiträgt und seine Entwicklung unterstützen kann, sondern sich auch positiv auf die spätere Schulleistung auswirkt. Damit hat die frühe Förderung einen wichtigen Anteil an den Grundlagen für das spätere Lernen und den Bildungserfolg von Kindern. Die Voraussetzung für einen möglichen positiven Einfluss früher Bildung, Betreuung und Erziehung ist allerdings deren hohe pädagogische Qualität. Ist sie gegeben, fördern frühpädagogische Institutionen wie die Krippe nicht nur langfristig und nachhaltig die Entwicklung der Kinder, sie tragen auch zu größerer Zufriedenheit der Familien bei. Auch die Unterstützung, die Eltern erfahren und die Erziehungspartnerschaft zwischen Einrichtung und Familien sind wichtige Qualitätsmerkmale. Sie sind umso bedeutsamer, je jünger die betreuten Kinder sind. Gute pädagogische Qualität, die das Wohl des Kindes in den Mittelpunkt stellt, seine Entwicklung fördert sowie Familien in ihrer Erziehungsaufgabe unterstützt, ist nicht nur Aufgabe der Kindertageseinrichtungen und Fachkräfte, sondern ebenso der Länder, Kommunen und Träger, die die Verantwortung für die erforderlichen Rahmenbedingungen tragen. In den Empfehlungen der NUBBEK-Studie werden hierzu deutliche Worte gefunden: „Es bedarf eines breit gefächerten fachöffentlichen Verständigungsprozesses, welches Niveau an pädagogischer Prozessqualität als unverzichtbar gelten muss und wie diese gesichert wird. Träger, Verwaltungen und Fachpolitik wissen (vermutlich) nicht, welche Gruppen, Einrichtungen und Tagespflegestellen unzureichende bzw. grenzwertige Qualität der pädagogischen Prozesse aufweisen. Dies verweist auf Informations- und Steuerungsdefizite der verantwortlichen Instanzen. Die entsprechenden Settings sollten erkannt werden und bedürfen einer vorrangingen Verbesserung.“ (Tietze u. a. 2012, 14) Zusammenfassend lässt sich die gegenwärtige Situation so bewerten, dass die Ziele des quantitativen Ausbaus nicht erreicht sind und das Angebot an Plätzen bei starken regionalen und lokalen Unterschieden weder dem gesetzlichen Anspruch noch der Nachfrage von Familien gerecht wird. Weder liegen den für den Ausbau Verantwortlichen Informationen zur pädagogischen Qualität der Angebote vor noch werden Erkenntnisse zu einer kleinkindgerechten Betreuungsumgebung in die Gestaltung der Angebote einbezogen. Die zunehmende fachpolitische und öffentliche Wahrnehmung und das Erkennen von Handlungsbedarf münden bis- 356 uj 9 | 2013 Qualität der Betreuungsplätze her nicht in entsprechenden Maßnahmen mit dem Fazit, dass der massive Ausbau der Krippenbetreuung auf Kosten der Betreuungsqualität stattfindet. Wann ist nun eine Krippe eine gute Krippe? Was bedeutet konkret gute Qualität für die Jüngsten? Wann ist die Krippe ein Ort, an dem kleine Kinder sich wohl und geborgen fühlen können, an dem auf ihre besonderen Bedürfnisse eingegangen wird, an dem sie entwicklungsangemessen begleitet und gefördert werden? Wenn kleine Kinder in eine Kindertageseinrichtung oder Krippe kommen, ist es meist das erste Mal, dass sie sich von ihren Eltern trennen müssen und längere Zeit außerhalb ihrer Familie mit zunächst unvertrauten Menschen verbringen. Die Kinder haben noch keine Vorstellung davon, was dieser neue Ort für sie bedeutet, welche Rolle die ErzieherInnen darin haben und dass all das damit verbunden sein wird, dass die Personen, die bisher immer für sie da und erreichbar waren, nämlich die Eltern, vielleicht Großeltern oder andere für das Kind wichtige und vertraute Personen, nun für einen Teil des Tages nicht mehr bei ihnen sein werden. Den Übergang des Kindes in diesen neuen Lebensabschnitt behutsam zu gestalten, sollte ein selbstverständliches Anliegen und Bemühen aller beteiligten Erwachsenen sein und stellt aus fachlicher Sicht ein wesentliches Qualitätskriterium für die Betreuung von Krippenkindern dar. Es ist das Recht des Kindes und damit die Pflicht der Erwachsenen, dem kindlichen Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit nachzukommen und für sein Wohlergehen zu sorgen. Bei einem behutsamen und feinfühlig gestalteten Übergang von der Familie in die Einrichtung bekommt das Kind die Zeit, die es braucht, um sich in die bisher noch unbekannte Umgebung einzugewöhnen. In seinem eigenen Tempo kann es Kontakt zu ErzieherInnen und Kindern aufnehmen und die noch unvertrauten Abläufe kennenlernen. Unverzichtbar in dieser Phase ist die Anwesenheit der Eltern, die in den ersten Tagen und Wochen ihrem Kind Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. Erst wenn das Kind Vertrauen gefasst hat, kann es Abschied nehmen und findet Trost über die zeitweilige Trennung bei den nun vertrauteren ErzieherInnen. Gestalten die ErzieherInnen die Eingewöhnung individuell, verstehen und akzeptieren sie die Gefühle des Kindes, ganz gleich, wie sie ausgedrückt werden, und reagieren angemessen darauf, fühlen die Jüngsten sich angenommen und sicher. Entspannt und ohne Ängste können sie diesen neuen Lebensabschnitt beginnen und ihre für dieses Alter so typische Neugier und Offenheit für Neues ausleben, was wiederum als Voraussetzung und „Motor“ der kindlichen Entwicklung und Bildung gelten kann. Die Haltung der pädagogischen Fachkraft und ihre Gestaltung der Beziehung zum Kind sind für das Gelingen der Eingewöhnung und das Wohlbefinden des Kindes in der Krippe von wesentlicher Bedeutung. Durch ihre Worte und ihre Körpersprache, durch Blicke, Stimme und Gesten erfahren die Kinder Aufmerksamkeit, Interesse und Wertschätzung. Die Feinfühligkeit der ErzieherInnen, die Art und Weise, wie sie auf Gefühle, Handlungen und Bedürfnisse der Kinder reagieren, sind dabei ausschlaggebend. Ein freundlicher, warmherziger und auch nachsichtiger Umgang mit den Kleinsten schafft eine positive Atmosphäre der Geborgenheit. Auf der anderen Seite spielen in der Krippe die typischen Bedürfnisse nach Selbstständigkeit, nach Ausprobieren der eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen eine große Rolle. Aufgabe der ErzieherInnen ist es, Kinder in diesem Streben zu unterstützen und gleichzeitig Hilfe dort anzubieten, wo sie gebraucht wird. Nicht zuletzt haben auch kleine Kinder das Bedürfnis, sich als Teil der Gruppe zu erleben und Erfahrungen in der Gemeinschaft zu machen. Kinder brauchen Erzieherinnen, die ihre Bedürfnisse und Entwicklungsthemen kennen und den Alltag in der Krippe entsprechend gestalten. Sie brauchen ErzieherInnen, an die sie 357 uj 9 | 2013 Qualität der Betreuungsplätze sich vertrauensvoll wenden können, die Trost und Nähe spenden können, wenn es notwendig ist, die sie auch ohne Worte verstehen und ihnen Sicherheit, Zuverlässigkeit und Stabilität bieten. Sie brauchen ErzieherInnen, die Zeit und Geduld haben, die begleiten und helfen, aber auch anregen und herausfordern und ihr Streben nach Selbstständigkeit verstehen und unterstützen. Nicht nur die Haltung und das Verhalten der ErzieherInnen sind ausschlaggebend für gute Betreuungsqualität, sondern auch die Gestaltung und Struktur eines Tages spielen hierfür eine wichtige Rolle. Kleine Kinder brauchen, um sich wohl und sicher zu fühlen, vorhersehbare und wiederkehrende Abfolgen der verschiedenen Tageselemente, eine feste Tages- und Zeitstruktur sowie ritualisierte Abläufe, die gleichzeitig so flexibel sind, dass der noch sehr individuelle Rhythmus von Kleinstkindern berücksichtigt werden kann und Vorrang vor dem Gruppengeschehen hat. Es sind vor allem die kleinen Momente im Verlauf eines Tages, die von den ErzieherInnen genutzt werden können und genutzt werden sollten. So ist die Wickelsituation, sei sie auch noch so kurz, ein idealer Moment der Zuwendung und des intensiven Kontaktes mit dem Kind. Ein paar ruhige Worte, ein kurzes Gespräch, ein Reim, ein Lächeln - ein kleiner aber inniger Moment im Tag, zum Auftanken und Kraft sammeln - nur zwischen dem Kind und seiner/ seinem ErzieherIn. Solche Situationen finden sich ebenso beim An- und Ausziehen, in der Ruhe- und Schlafpause am Mittag und auch bei den Mahlzeiten. Immer wieder sollte der Fokus und die Aufmerksamkeit der ErzieherInnen auf die Chancen gerichtet werden, die in diesen kleinen und bedeutsamen Momenten des Tages liegen. Ein weiterer Beitrag zur Qualität einer Krippe geht mit der Gestaltung der Innen- und Außenräume sowie der Bereitstellung anregender und vielfältiger Spielmaterialien einher, wobei hier die alters- und entwicklungsbedingten Unterschiede und Bedürfnisse der Kinder in den ersten drei Lebensjahren zu berücksichtigen sind. Die Räume müssen dem großen Bewegungsbedürfnis der „älteren“ Kinder, die schon laufen können, nachkommen, aber auch geschützte Bereiche für die Kleinstkinder bieten. Die Räume müssen außerdem so gestaltet sein, dass Kinder ihrem Ruhebedürfnis während des Tages immer wieder eigenständig nachkommen können. Hierzu können kleine Räume im Raum geschaffen werden, in die sich Kinder alleine oder mit anderen Kindern jederzeit vom aktiven Geschehen für eine Weile zurückziehen können, ohne sich dabei ausgeschlossen zu fühlen. Überschaubarkeit und Übersichtlichkeit sind weitere zentrale Merkmale von gut gestalteten Krippenräumen. Dies kann durch Farben und Ausstattung unterstützt sowie mit Möbeln und Gestaltungselementen mit Durchsicht erreicht werden, wie zum Beispiel durch offene Regale, niedrige Raumteiler oder Gucklöcher. Auch wenn es oft so scheint, dass kleine Kinder noch nicht miteinander spielen, so ist doch der Kontakt untereinander und das von- und miteinander Lernen wichtig. Deshalb sollten die Räume auch Platz bieten, damit Kinder ungestört nebeneinander und zusammen spielen können. Diese Forderungen an Räume gelten für alle Betreuungsangebote für Kinder unter drei Jahren, unabhängig von dem pädagogischen Konzept und den Strukturen einer Einrichtung. Auch teiloffene und offene Organisationsformen müssen gewährleisten, dass für kleine Kinder überschaubare Bereiche zur Verfügung stehen, die ihnen Orientierung, Sicherheit und Schutz bieten. Die Berücksichtigung der Bedürfnisse von Kindern in den ersten Lebensjahren in all den bisher genannten Aspekten stellt eine Herausforderung an die pädagogische Planung und das Handeln dar. Sie erfordert zunächst fachtheoretisches Wissen zu den verschiedenen Ent- 358 uj 9 | 2013 Qualität der Betreuungsplätze wicklungsbereichen und Meilensteinen der frühkindlichen Entwicklung. Hinzu kommen das Verständnis des engen Zusammenspiels dieser Bereiche und der ausgeprägten Individualität kindlicher Entwicklungsverläufe und deren Merkmale. Ergänzt werden muss dieses Wissen durch auf diese Altersgruppe bezogene fachpraktische Kenntnisse und Handlungskompetenzen. Gute pädagogische Arbeit in der Krippe benötigt entsprechende Voraussetzungen. Zu den strukturellen Rahmenbedingungen, die nachweislich einen Einfluss auf die pädagogische Qualität von Krippen haben, gehören neben einer angemessenen räumlichen und materiellen Ausstattung die Gruppengröße sowie, mit dem stärksten Einfluss, die ErzieherInnen-Kind-Relation. Für Kinder unter drei Jahren sollte die Gruppengröße überschaubar bleiben und zehn Kinder pro Gruppe nicht überschreiten. Empfohlen wird ein Personal-Kind-Schlüssel von 1 : 3, der unter Einbeziehung der Anteile mittelbarer pädagogischer Arbeit und der Ausfallzeiten zu einer realen ErzieherInnen-Kind-Relation von 1 : 4 führt (Bock-Famulla/ Große-Wöhrmann 2010). Die Realität hinsichtlich der Qualität für Kinder sieht anders aus, wie ein kleines Beispiel aus der Praxis verdeutlicht: In einer Brandenburger Kindertagesstätte werden in der Kernzeit zwischen 9.00 und 14.00 Uhr insgesamt 19 Kinder im Alter zwischen 11 Monaten und fünf Jahren von zwei Erzieherinnen betreut, von denen eine wegen Personalmangels wenige Wochen nach der Eingewöhnung in den Kindergarten versetzt wird. Die Belastung für Erzieherinnen und Kinder wirkt sich für alle negativ aus. Kleine Kinder, die sich nach einer gelungenen Eingewöhnungsphase freudig von den Armen der Mutter in die Arme „ihrer“ Erzieherin begeben haben, erfahren wenig Aufmerksamkeit und werden nur noch kurz oder gar nicht begrüßt. Nach einigen solcher Erfahrungen beginnt der Krippentag für das Kind nun weinend. Auch die Mutter leidet beim Abschied. Solche Situationen sind für Kinder als Ausnahme durchaus eine Weile zu meistern, ohne dass es ihnen schadet. Nicht immer kann es gelingen, den Krippenalltag in bester Fachpraxis zu gestalten. Bei dem Thema Qualität geht es nicht um Perfektion zu jeder Zeit, dies zu fordern wäre realitätsfern. Vielmehr geht es um die Qualität des Großteils der Erfahrungen, die die kleinen Kinder tagtäglich in den Einrichtungen machen. Auf der Ebene des Personals stehen die Ausbildung der Fachkräfte und ihre Qualifizierung durch auf diese Altersgruppe bezogene Fort- und Weiterbildungen in unmittelbarem Zusammenhang mit der Qualität der Betreuung. Über die individuelle Qualifizierung hinaus bedarf es der Auseinandersetzung des gesamten Teams mit der Aufgabe der Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern unter drei Jahren. Dazu gehören die kontinuierliche Reflexion und konzeptionelle Weiterentwicklung des pädagogischen Angebots, wobei der Leitungskraft eine wichtige Steuerungsrolle zukommt. Des Weiteren sollte das Team auf fachliche Unterstützung und Beratung zurückgreifen können. Aktuell muss die Qualifizierung des Fachpersonals, der Teams und Leitungskräfte im Hinblick auf die spezifischen Anforderungen der pädagogischen Arbeit mit unter 3-Jährigen als nicht ausreichend bewertet werden. Sie erfolgt im Zuge des rasanten quantitativen Ausbaus zu verzögert und nicht in erforderlichem Umfang. Insbesondere bedarf es berufsbegleitender Qualifizierungen über längere Zeit, die Wissen und Handlungskompetenzen der pädagogischen Fachkräfte praxisbezogen und nachhaltig erweitern. Das Fortbildungsprogramm „Qualität von Anfang an“ bietet seit mehreren Jahren diese Art der Qualifizierung für Fach- und Leitungskräfte an. Wesentliche Entwicklungsbereiche und Schlüsselqualifikation für die Betreuung, Bildung und Erziehung von unter 3-jährigen Kin- 359 uj 9 | 2013 Qualität der Betreuungsplätze dern werden methodenreich vermittelt und erarbeitet. Darüber hinaus werden konkrete und praxisnahe Impulse für Veränderungen gesetzt und die Reflexion der eigenen Rolle und Haltung unterstützt. Auf der Grundlage bester Fachpraxis aus dem Nationalen Kriterienkatalog (Tietze/ Viernickel 2007) sowie aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse aus Kleinkindpädagogik und Entwicklungspsychologie werden zentrale Bereiche pädagogischer Qualität methodisch vielfältig bearbeitet und auf die Altersgruppe der unter 3-Jährigen mit ihren Besonderheiten im Alltag der Kindertageseinrichtung angewandt. Katja Grenner Wissenschaftliche Mitarbeiterin PädQUIS gGmbH Malteserstr. 74 - 100 12249 Berlin k.grenner@paedquis.de Christine Ulbrich Wissenschaftliche Mitarbeiterin PädQUIS gGmbH Malteserstr. 74 - 100 12249 Berlin c.ulbrich@paedquis.de Literatur Bock-Famulla, K./ Große-Wöhrmann, K., 2010: Länderreport frühkindliche Bildungssysteme 2009. Gütersloh Dittrich, I./ Grenner, K./ Groot-Wilken, B. u. a., 3 2007: Pädagogische Qualität in Tageseinrichtungen für Kinder. Ein nationaler Kriterienkatalog. In: Tietze, W./ Viernickel, S. (Hrsg.): Pädagogische Qualität in Tageseinrichtungen für Kinder. Ein nationaler Kriterienkatalog. Berlin Tietze, W./ Viernickel, S. (Hrsg.), 2007: Pädagogische Qualität in Tageseinrichtungen für Kinder. Ein nationaler Kriterienkatalog. Berlin Tietze, W./ Becker-Stoll, F./ Bensel, J. u. a. (Hrsg.), 2012: NUBBEK. Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit. Fragestellung und Ergebnisse im Überblick. Broschüre der Forschungsgruppe. Berlin 2. Aufl. 2013. 182 S. 34 Abb. 9 Tab. (978-3-497-02374-5) kt Kita organisieren In sechs Kapiteln beschreibt Wolfgang Klug, wie Träger zusammen mit den Leiterinnen ihre Organisation gestalten und ihre Personalressourcen zielgerichtet entwickeln können - jeweils mit kurzen theoretischen Einführungen. Dabei beantwortet der Autor Fragen, die das Verhältnis von Leitung und Träger maßgeblich bestimmen und in anderen Qualitätsmodellen oft ausgespart werden. Klug gibt in diesem Fachbuch eine knappe Darstellung des aktuellen Forschungsstandes und liefert gleichzeitig vielfältige Anregungen für die Praxis. a www.reinhardt-verlag.de
