eJournals unsere jugend66/2

unsere jugend
4
0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2014.art09d
4_066_2014_2/4_066_2014_2.pdf21
2014
662

Pornofizierung der Gesellschaft als Herausforderung in der offenen Mädchenarbeit

21
2014
Angelika Schreiber
Neunjährige Mädchen bewundern Miley Cyrus, die als ehemaliger Kinderstar inzwischen geradezu Pornovorstellungen auf der Bühne zeigt, Sechzehnjährige wünschen sich nichts sehnlicher als eine Brustvergrößerung. Kämpft die feministische Mädchenarbeit gegen Windmühlen und sind unsere pädagogischen Wertvorstellungen einfach nicht mehr zeitgemäß? Warum wir trotzdem dranbleiben.
4_066_2014_2_0005
68 unsere jugend, 66. Jg., S. 68 - 76 (2014) DOI 10.2378/ uj2014.art09d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Pornofizierung der Gesellschaft als Herausforderung in der offenen Mädchenarbeit Neunjährige Mädchen bewundern Miley Cyrus, die als ehemaliger Kinderstar inzwischen geradezu Pornovorstellungen auf der Bühne zeigt, Sechzehnjährige wünschen sich nichts sehnlicher als eine Brustvergrößerung. Kämpft die feministische Mädchenarbeit gegen Windmühlen und sind unsere pädagogischen Wertvorstellungen einfach nicht mehr zeitgemäß? Warum wir trotzdem dranbleiben. von Angelika Schreiber Jg. 1959; Dipl.-Sozialpädagogin, seit 1993 Mitarbeiterin im Giesinger Mädchen-Treff Der Giesinger Mädchen-Treff ist als offene, mädchenspezifische Einrichtung seit über 20 Jahren im Stadtteil verankert. Die Kerngruppe der Besucherinnen ist zwischen acht und 14 Jahren alt. Ungefähr die Hälfte davon sind deutsche Mädchen. Die andere Hälfte kommt aus verschiedenen Herkunftskulturen. Sie besuchen alle Schularten von der Förderschule bis zum Gymnasium, überwiegend aber die Mittelschule. Seit über 20 Jahren unterstützen wir die Mädchen in der Zeit des Heranwachsens und begleiten sie in ihrer Lebensumwelt mit all ihren Unsicherheiten und Problemen. Grundlagen unserer Arbeit sind gegenseitiger Respekt und eine vertrauensvolle Atmosphäre, die wir im Alltag mit den Mädchen herstellen. Wer mit Mädchen und jungen Frauen arbeitet, muss sich mit Geschlechtsrollenvorgaben, Schönheitsdruck und zunehmender Pornofizierung auseinandersetzen. Im Rahmen der „Münchner Kampagne gegen Pornofizierung“ haben wir einige Methoden entwickelt, um diese Themen mit den Mädchen bearbeiten zu können. Der Wunsch nach Attraktivität ist universell und hat für Mädchen und junge Frauen schon immer einen hohen Stellenwert. Das Spiel mit dem eigenen Erscheinungsbild macht oft auch sehr viel Spaß. Sich zu stylen, Kleider zu tauschen, Frisuren auszuprobieren, sich schminken macht vielen Mädchen Freude. Es bietet ihnen die Möglichkeit, kreativ zu werden und sich auszuprobieren. Deshalb gibt es im Giesinger Mädchen-Treff eine Verkleide-Ecke mit abgelegten Glitzerkleidern, Hippieröcken, Kittelschürzen, Blaumännern, Perücken, Schminke und Accessoires. Mädchentraum von der Casting-Show - „Germany’s next Topmodel“ auch bei uns im Treff Der Einfluss der Medien wurde deutlich sichtbar, als die Mädchen nach Einführung der Fern- 69 uj 2 | 2014 Pornografie und Pornofizierung sehshow „Germany’s next Topmodel“ Modenschau mit Jury spielen wollten, bei der die schlecht bewerteten Models ausscheiden mussten. Dieses System gefiel uns gar nicht, und so versuchten wir, eine Spielform zu finden, die unterhaltsam war, ohne Teilnehmerinnen abzuwerten und gegeneinander auszuspielen. So kam es, dass wir Pädagoginnen als Jury das Motto vorgaben, z. B. Pyjama-Party, Büro, großer Ball, Dschungel Expedition, Disco oder Halloween, und mit den Mädchen zusammen Kriterien entwickelten, nach denen wir die Darstellung bewerteten. Dazu gehörten Originalität des Outfits, wie gut es zum Motto passt, Blickkontakt mit dem Publikum, richtiges Timing und Choreografie. Natürlich legten wir großen Wert darauf, jeweils die positiven Aspekte zu loben und gleichzeitig Anregungen für Verbesserungen zu geben bei Punkten, die nicht so gut klappten. Ausscheiden musste keine. Diese Art von Show kam bei den Mädchen sehr gut an; bald wollten sie auch die Funktion der Jury übernehmen und übten sich anhand der Kriterien im konstruktiven Urteil. Sie übernahmen dabei unsere wohlwollende Art der Bewertung und fanden für jede Teilnehmerin lobende Worte. „Germany’s next Topmodel“ ist immer noch eine der Lieblingssendungen unserer Besucherinnen. Diese Show propagiert ein Frauenbild, das sich nur von Styling, Geplapper und Zickenkrieg nährt. Besonders verheerend ist es, dass den Mädchen hier Vorbilder gezeigt werden, die für Anerkennung/ Weiterkommen fast alles mit sich machen lassen und sich auch noch einreden lassen, dass das alles ganz toll, lustig und cool ist. Diese Fernseh-Show ist Anlass für viele Gespräche und Diskussionen unter den Mädchen. Einige sehen in der Teilnahme an einer solchen Casting-Show eine große Chance für Erfolg, Reichtum und ein tolles Leben, andere empfinden die gestellten Aufgaben und Anforderungen als eine Zumutung. Aber alle sind der Meinung, dass die „Topmodels“ ja alles freiwillig mitmachen. Wenn wir uns an diesen Gesprächen beteiligen, machen wir einerseits unseren Standpunkt klar, wollen aber andererseits den Austausch mit ihnen nicht verlieren, indem wir zu sehr den moralischen Zeigefinger heben, denn darauf reagieren die Mädchen mit Ausflüchten, Auflehnung oder Verstummen. Es ist sinnvoller, auf die Begeisterung der Mädchen 70 uj 2 | 2014 Pornografie und Pornofizierung einzugehen und mit ihnen herauszufinden, welche Sehnsüchte, Wünsche oder Vorstellungen dahinterliegen. Warum nicht nur die innere Schönheit zählt - Nachdenken über Schönheit und Attraktivität Im öffentlichen Bild sind Mädchen und junge Frauen oft auf ihre Äußerlichkeiten, ihre äußere Schönheit und sexuelle Attraktivität reduziert. Dadurch besteht ein massiver gesellschaftlicher Druck für die Mädchen, diesem Maßstab gerecht zu werden. Sie werden gedrängt, ihren Weg zu einer eigenen Identität, zu Selbstbewusstsein und Selbstverwirklichung über die Gestaltung des Aussehens und die Vervollkommnung des Körpers zu suchen. Es wird von den Mädchen ausdrücklich erwartet, dass sie für ihr Äußeres bewundert werden wollen. Die Mädchen sind fit im Schminken und auch bezüglich Frisuren, Mode und Stilrichtungen. Ihren Körper an sich empfinden sie nie als vollkommen. Mit Kleidung werden Körperteile versteckt oder hervorgehoben. Ihnen wird suggeriert, dass sie durch konsequente Arbeit am Körper und gegen sich selbst die Defizite überwinden können. Diese Selbstoptimierung wird zum Auftrag. Die Methoden reichen von Diäten über Sport, um abzunehmen, bis hin zu chirurgischen Korrekturen, die auch schon von sehr jungen Frauen in Betracht gezogen werden. Um den Mädchen zu zeigen, dass die Bilder von perfekter Schönheit, die ihnen die Medien pausenlos vorhalten, nicht lebendig, sondern künstlich und verfälscht sind, haben wir aus dem Internet„Vorher-/ Nachher-Fotos“ von digital bearbeiteten Porträts gesammelt. Wir fragen die Mädchen, wie sie die bearbeiteten Fotos finden, was genau verändert wurde (die Haut wurde ebenmäßiger, die Lippen voller etc.) und besprechen mit ihnen, dass der Schönheitsdruck auch vor Superstars nicht Halt macht. Anschließend können die Mädchen mit einem Programm aus dem Internet am PC eigene Fotos bearbeiten. Bei der „Giesinger Scheibe“, die wir entwickelt haben, geht es um die spielerische Reflexion des Stellenwerts von Schönheit im Leben. Die Scheibe besteht aus drei verschiedenfarbigen, großen Papierkreisen, die bis zur Mitte eingeschnitten sind. Sie werden mit Schönheit, Reichtum und Intelligenz etikettiert. Die Kreise werden übereinander am Einschnitt so ineinander gesteckt, dass die einzelnen Segmente vergrößert oder verkleinert werden können. Die jetzige Ausgangslage wird mit drei gleichgroßen Segmenten gleichgesetzt. Jedes Mädchen kann sich nun überlegen, ob sie einen der Bereiche zu Lasten eines anderen vergrößern möchte, z. B. „materiell“ zurückzustecken, um dafür schöner zu sein. Die anschließende gemeinsame Diskussion über die Entscheidungen lieferte spannende, witzige und nicht immer ganz ernst gemeinte Einblicke. So erklärte ein Mädchen, sie könne ja problemlos ihre Intelligenz eintauschen, da sie es ja gar nicht merken würde, weil sie dann ja dumm wäre. Eine andere meinte, sie solle vielleicht alles auf Schönheit setzen, um dann einen reichen Mann zu heiraten. Alternativ kann die Scheibe auch dazu benutzt werden zu überlegen, wo die Lebensziele der Mädchen liegen und wie viel Zeit und Energie sie in die verschiedenen Bereiche stecken wollen. Die Flut der Bilder, denen wir jeden Tag ausgesetzt sind, zeigt uns immer mehr ein sexualisiertes Bild von Schönheit. Weibliche Stars treten fast nackt mit Mega-Ausschnitten in der Öffentlichkeit auf und werden dafür gefeiert. Hauptsache sexy! Kleider, Schuhe, Autos, ja sogar Fischsemmeln müssen inzwischen sexy sein. Es gibt auch schon sexy Kleidchen für ganz kleine Mädchen. Ein scheinbar harmloses Wort, aber wenn wir im Lexikon nachsehen, finden wir die Bedeutung: „sexuell aufreizend oder erregend“. Erwarten wir das wirklich von Pizzas, Handtaschen und kleinen Mädchen? 71 uj 2 | 2014 Pornografie und Pornofizierung Die Mädchen orientieren sich an den medialen Vor-Bildern und präsentieren sich genauso, um zu gefallen. Entsprechend sind die zahllosen Bilder, die die Mädchen von sich selbst verbreiten. Die neuen Medien bieten ja unzählige Möglichkeiten dafür. Von Handy zu Handy geschickt, im Internet auf Facebook veröffentlicht. Aufgerissene Augen, Blick von der Seite, Schmollmund, Kussmund, lasziver Blick. Und immer mehr ausprobieren. Die Lippen leicht geöffnet, feucht glänzend, den Finger in den Mund, mit der Zungenspitze spielen, die langen Haare über den nackten Rücken hängend, die Freundin knutschend. Ein aufregendes Spiel, das unbedarft mit aller Welt geteilt wird. Alle anderen machen‘s ja auch. „Ist doch ganz normal! “, wie sie sagen. Die Ergebnisse sehen wir z. B. auf Facebook. Die zahllosen Kommentare dazu: „Sooo hübsch, du bist so wunderschön! “ Anerkennend bewundern sie sich gegenseitig. Wer kann sich so etwas von Jungs vorstellen? Was tust du alles für ein „Like“ - Bedeutung der neuen Medien Im Giesinger Mädchen-Treff können die Mädchen Computer und Internet nutzen, dabei ist Facebook die beliebteste soziale Plattform. Da wir die Computernutzung pädagogisch betreuen, haben wir sehr viel Einblick in die Aktivitäten der Mädchen. Da fällt uns dann z. B. auf, dass sich eine Zwölfjährige auf ihrem Facebook-Profil folgendermaßen beschreibt: „Geile Latina, 16 Jahre, interessiert an Männern.“ Wir haben sie sehr ruhig darauf angesprochen, ob sie weiß, was das bedeutet und wie diese Beschreibung auf Außenstehende wirkt. Sie war zunächst etwas verstimmt und mürrisch ob unserer Einmischung; am nächsten Tag hatte sie diese Angaben gelöscht. Obwohl bei uns alle Besucherinnen, d. h. Mädchen ab sechs Jahren, Computer und Internet nutzen dürfen, erlauben wir das Chatten und Aktivitäten in sozialen Netzwerken erst ab zwölf Jahren. Außerdem müssen die Mädchen vorher dazu einen „Chatführerschein“ bei uns machen. Das ist eine kleine Schulung, bei der die Risiken und Gefahren in sozialen Netzwerken aufgezeigt werden. Ein wichtiges Thema dabei ist auch Cybermobbing, das aus der Sicht von Opfer und Täter analysiert wird. Es wird auch besprochen, was zu tun ist, wenn doch mal was schief geht, und an wen sie sich wenden können, um sich Hilfe zu holen. Viele jüngere Mädchen haben zwar auch schon einen Facebook-Account und sind verärgert, wenn wir ihnen die Nutzung bei uns nicht erlauben. Das gibt uns immer wieder Gelegenheit, unsere Gründe zu erklären. Genauso sind die Inhalte des „Chatführerscheins“ häufig Gesprächsthema unter den Mädchen. Sind sie endlich zwölf, sind sie dann ganz begierig darauf, den„Chatführerschein“ endlich machen zu dürfen. Um die freizügigen Bilder, die auf Facebook veröffentlicht oder per Handy verschickt werden, zu thematisieren, haben wir mit Plakaten gearbeitet, auf denen verschiedene Typen von Profilfotos zu sehen sind: Fotos mit „Duckface“, d. h. übertriebenem Kussmund, Fotos von Mädchen bei verschiedenen Aktivitäten, wie Skifahren oder Reiten und auch sehr freizügige 72 uj 2 | 2014 Pornografie und Pornofizierung und sexualisierte Fotos. Nachdem die Mädchen die Bilder in aller Ruhe betrachtet haben, sollen sie folgende Fragen zu jedem Plakat beantworten: ➤ Was ist das Besondere an diesen Bildern? ➤ Was weißt du jetzt über diese Mädchen und Frauen? ➤ Wie fändest du das als dein eigenes Foto im Internet? Sollte das jede/ r sehen können? Die Antworten werden auf Kärtchen gesammelt und den Plakaten zugeordnet. Diese Plakate mit den Kommentaren der Mädchen hingen einige Zeit im offenen Treff und waren oft Gesprächsthema unter den Mädchen. So konnten sich auch Besucherinnen, die während des Projektes nicht da waren, noch mit dem Thema auseinandersetzen. Oft wollten die Mädchen uns daraufhin auch ihre eigenen Facebook-Fotos zeigen und diese unter den angegebenen Gesichtspunkten besprechen. Diese Initiative muss allerdings von den Mädchen ausgehen und niemals von den Pädagoginnen. „Bitch“ ist kein Kompliment - Beleidigungen und der Umgang miteinander Wir bemühen uns unablässig, eine angenehme, wertschätzende Atmosphäre im Mädchen-Treff herzustellen, und erklären den Besucherinnen immer wieder, dass wir Gewalt in jeglicher Form hier nicht dulden wollen. Dazu gehört auch sprachliche Gewalt in Form von Schimpfwörtern, Beleidigungen und Drohungen. Wer mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, weiß, dass derbe Schimpfwörter leider zu deren Alltag gehören. Auch die meisten unserer Besucherinnen, auch schon die „Kleinen“, benutzen oft Schimpfwörter, die uns innerlich erröten lassen. Unermüdlich ermahnen wir die Mädchen, bitten sie, die Ausdrücke zu unterlassen. Einigermaßen klappt das auch. Trotzdem hören wir noch oft genug heftige Schimpfwörter, vor allem auch bei neuen Mädchen, die sich den Umgangsformen im Mädchen-Treff noch nicht angepasst haben. Besonders alarmierend finden wir sexistische, rassistische oder sonstige diskriminierende Ausdrücke. „Du Schlampe, du Fotze“ und Schlimmeres wird gedankenlos durch den Raum geworfen. Auf unser Eingreifen hin kommen Rechtfertigungen wie „das ist doch nur Spaß“, „ich darf das zu ihr sagen, sie ist meine Freundin“ oder „die sagt das auch zu mir“. Um die Mädchen dafür zu sensibilisieren, wie unangemessen diese Ausdrücke sind, haben wir uns folgende Methode für Mädchengruppen ab 10 Jahren überlegt und durchgeführt. Zunächst dürfen die Mädchen alle Ausdrücke und Schimpfwörter, die sie kennen, auf Zettel schreiben. Anschließend werden sie auf einer großen Pinnwand gesammelt und in Kategorien eingeteilt: ➤ Tiere: z. B. dumme Kuh, Schwein ➤ Ausscheidungen: z. B. Arsch, verpiss dich ➤ Menschen mit besonderen Merkmalen, Eigenschaften, Mängeln: z. B. voll behindert, Nigger ➤ Sexismus: z. B. Hure, Schlampe, Wichser 73 uj 2 | 2014 Pornografie und Pornofizierung Im Anschluss daran wird besprochen, was mit den Beleidigungen erreicht werden soll, was mit der angesprochenen Person passieren soll, wie sie sich fühlen soll. Dann soll die genaue Bedeutung der sexistischen Begriffe von den Teilnehmerinnen erklärt werden; eventuell ist eine Ergänzung durch die Pädagogin nötig. Dabei ist es wichtig, dass die Pädagogin die Ausdrücke klar und sachlich erklären kann und nicht über eigene Tabus und Hemmungen stolpert, wenn sie sexuelle Vorgänge benennt. Als Nächstes wird zugeordnet, ob sich die Beleidigung gegen Frauen oder Männer richtet. Schimpfwörter wie „Hurensohn“ bringen da oft interessante Diskussionen hervor. Es stellt sich heraus, dass es viel mehr abwertende Ausdrücke gegen Frauen gibt als gegen Männer. Zum Schluss überlegen wir gemeinsam, was den Mädchen und Frauen mit den sexistischen Schimpfwörtern vorgeworfen wird, gegen welche Werte und Moralvorstellungen sie angeblich verstoßen. Wer als Hure beschimpft wird, hat Sex mit Männern gegen Bezahlung und weicht dadurch ab vom Idealbild der keuschen, sittsamen Frau. Soll denn eine junge Frau zwar immer sexy sein, aber keinen Sex haben? Sollen nur verheiratete Frauen Sex haben? Können die dann nicht als Schlampe oder Hure beschimpft werden? Diese Gespräche und Diskussionen waren immer lebhaft und spannend. Die Mädchen können die gesellschaftlichen Zuschreibungen reflektieren und ihren eigenen Standpunkt finden. Oft benutzen die Mädchen solche Ausdrücke, ohne genau zu wissen, was sie bedeuten. Werden sie dann erklärt, ist es ihnen oft peinlich, sie benutzt zu haben. Im Alltag sprechen wir sie immer darauf an, ob sie wissen, was sie der anderen mit ihrer Beleidigung vorwerfen und ob sie das wirklich sagen wollen. „Willst du Selma wirklich vorwerfen, dass sie mit einer größeren Anzahl Männern Sex hat? “ Wir wollen damit erreichen, dass sie diese Ausdrücke nicht gedankenlos benutzen und weiter verbreiten. Um den Mechanismus der sexistischen Abwertung von Mädchen und Frauen an einem Beispiel zu zeigen, haben wir sogenannte „Shitstorms“ aus Facebook aufgegriffen. Wir fanden zwei Bilder. Auf dem einen war ein junges Mädchen zu sehen, das anscheinend einen jungen Hund misshandelt, auf dem anderen war eine junge Frau zu sehen, die vor einem geöffneten Sarg, in dem ein Toter (? ) liegt, lächelnd für ein Foto posiert. Zu den Personen auf den Fotos oder den Umständen gab es keine näheren Angaben. Die Kommentare zu den Bildern reichten von übelsten Gewaltandrohungen bis zu extremen sexistischen Beleidigungen. Wir haben die Kommentare ohne Fotos auf einer Pinnwand Gruppen von zwei bis drei Mädchen präsentiert. Sie sollten sich zuerst einmal die Beiträge durchlesen und dann Fragen dazu beantworten: ➤ Wenn du das liest, was ist dein erster Gedanke dazu? ➤ Welche Beschimpfungen sind sexistisch, d. h. richten sich speziell gegen Frauen? (auf Zettel schreiben lassen) ➤ Erkläre, was diese Schimpfwörter bedeuten. ➤ Kennst du so etwas aus eigener Erfahrung? ➤ Was könnte solche Beschimpfungen provoziert haben? Die Mädchen waren zunächst fast alle schockiert von der derben Aggressivität der Kommentare. Einige hatten solche Aktionen schon mitbekommen, andere berichteten von Freundinnen, die in milderer Form schon mal gemobbt wurden. Als Grund für solche Beschimpfungen vermuteten sie besonders sexuell freizügige oder anzügliche Fotos und waren überrascht, dass die Auslöser gar nichts mit Sex zu tun hatten, obwohl die meisten Kommentare in diese Richtung gingen. 74 uj 2 | 2014 Pornografie und Pornofizierung Wir fragten sie dann, was sie selbst tun könnten, wenn sie mit solchen„Shitstorms“ konfrontiert werden würden. Die Mädchen waren sich alle einig, dass sie nicht mitmachen wollten, außerdem handele es sich bei solchen Fotos ja auch oft um Fälschungen. Sie wollten es auf Facebook melden und dann von ihrer Seite löschen. Nackte Frauen verkaufen alles - Frauenkörper in der Werbung Während wir auf der einen Seite gegen die zunehmende Pornofizierung kämpfen, werden die Mädchen andererseits überflutet von Bildern, auf denen sich halb- oder ganz nackte Frauen räkeln oder an völlig bekleidete Männer schmiegen, um für alles Mögliche Werbung zu machen. „Sex sells“ ist auf jeden Fall ein Hingucker, für den fast immer Frauen ihre nackte Haut zu Markte tragen. Wir nehmen kaum noch wahr, wie absurd diese Werbung oft ist, so normal und alltäglich sind diese Bilder. Deshalb haben wir uns etwas überlegt, um den Mädchen aufzuzeigen, wie die Darstellung von nackten, weiblichen Körpern für Werbezwecke missbraucht und die Sexualität der Frau als käufliches Objekt gezeigt wird. Die folgende Methode haben wir mit Mädchen ab 12 Jahren in Kleingruppen durchgeführt. Wir haben dazu Beispielbilder für sexistische Werbung einmal so ausgedruckt, dass das beworbene Produkt und der Produktname abgedeckt sind. Auf der Rückseite dieser Bilder ist das Werbefoto ohne Abdeckung zu sehen. Die abgedeckten Werbebilder werden auf dem Tisch ausgelegt, jedes Mädchen nimmt sich mindestens ein Bild und überlegt sich, für welches Produkt mit der Darstellung geworben wird. Reihum werden dann die Überlegungen vorgestellt. Danach werden die Bilder umgedreht und die tatsächlichen Produkte, für die geworben wird, sind erkennbar. Folgende Fragen werden besprochen: 75 uj 2 | 2014 Pornografie und Pornofizierung ➤ Stimmt die Einschätzung mit dem aufgedeckten Produkt überein? ➤ Was hat das Produkt mit der Darstellung zu tun? ➤ Warum wird eine fast nackte Frau gezeigt? ➤ An wen richtet sich die Werbung? ➤ Warum werden viele unterschiedliche Produkte mit nackten Frauen beworben? ➤ Sehr anregend war die anschließende Diskussion. Die Mädchen waren empört über die zusammenhangslose Vermarktung von Frauenkörpern. Mit dem Projekt „Zeigt her eure Füße“ beschäftigten wir uns mit dem Schönheitsdruck, der sogar auf die Füße ausgeübt wird. Hier konnten alle unsere Besucherinnen, also Mädchen ab sechs Jahren, mitmachen. Wir sammelten Bilder von vielen verschiedenen Schuhen, zum Teil auch aus verschiedenen Epochen: High Heels, Turnschuhe, Plateauschuhe, Lady-Gaga-Schuhe, Sandalen, Gummistiefel. Dazu kamen Röntgenaufnahmen normaler und deformierter Füße, Bilder von Füßen von Balletttänzerinnen und von chinesischen Lotosfüßen. Wir machten auch Fotos von den Schuhen unserer Besucherinnen. Aus den Bildern haben wir eine vielfältige Collage erstellt. Die Mädchen sollen sich erst Zeit nehmen, alle Bilder zu betrachten, Fragen zu stellen, spontane Meinungen zu äußern. Bilder wie chinesische Lotosfüße, Röntgenbilder, historische Schuhe und ähnliche werden erklärt. Dann werden sie vor die Aufgabe gestellt, ein Paar für sich auszuwählen mit der Frage: „Welches Paar würdest du wählen, wenn jeder Mensch nur noch ein einziges Paar Schuhe haben könnte? “ Die meisten unserer Besucherinnen wählten ganz pragmatisch, überlegten, welche Schuhe bequem und für alle Jahreszeiten tauglich wären, und ließen die High Heels links liegen. Bis auf die Jüngsten - für sie war das Aussehen der Schuhe der entscheidende Faktor. Wir hatten auch mehrere Paare High Heels in verschiedenen Größen zum Ausprobieren. Die Mädchen sollten damit Treppen steigen und 10 Minuten herumlaufen, ohne sich hinzusetzen. Während die Größeren schon vorher aufgaben, behaupteten die Kleinen, den ganzen Tag da- 76 uj 2 | 2014 Pornografie und Pornofizierung mit rumlaufen zu können. Was sie faktisch dann auch machten. Allerdings passten ihre Füße zweimal in die Schuhe, da wir natürlich keine High Heels in Größe 28 auftreiben konnten. Die älteren Mädchen erzählten uns, dass sie High Heels bei Veranstaltungen tragen, z. B. bei Hochzeitsfeiern. Nach kurzer Zeit würden allerdings alle jungen Frauen die Schuhe ausziehen und barfuß tanzen. Bei dieser Methode ging es sehr lebhaft zu, und die Mädchen hatten viel Spaß dabei. Immer wieder wandten sie sich dem Plakat zu und entdeckten Neues. Sie führten bald selbstständig die Methode mit Mädchen durch, die diese Einheit noch nicht kannten. Wir haben alle Methoden und Projekte im Rahmen des offenen Treffs durchgeführt, das bedeutet, dass die Teilnahme absolut freiwillig und unverbindlich war. Unser Anliegen war es, die Mädchen zum Nachdenken und Reflektieren anzuregen. Dabei ist es entscheidend, nicht selbst manipulativ zu werden und den Mädchen unsere Meinung aufzudrängen. Sie sollen ihren eigenen Standpunkt finden. Wir können ihnen Anregungen geben und unsere Meinung darlegen, auf Zusammenhänge hinweisen, aber wir können ihnen nicht sagen, was richtig oder falsch ist. Das müssen und sollen sie für sich selbst herausfinden. Angelika Schreiber Giesinger Mädchen-Treff Rotwandstraße 28 81539 München info@giesinger-maedchen-treff.de www.giesinger-maedchen-treff.de Besuchen Sie den ERV vor Ort auf der Fachmesse didacta und dem Kongress der DGfE! Didacta - die Bildungsmesse Vom 25. -29. 03. 2014 findet die Bildungsmesse in Stuttgart statt. Wir freuen uns auf Sie an unserem Verlagsstand in Halle 3, Stand-Nr. B20, auf dem Messegelände Stuttgart. Weitere Informationen erhalten Sie unter: www.reinhardt-verlag.de und www.messe-stuttgart.de/ didacta/ 24. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) Vom 09. -12. 03. 2014 findet der Jubiläumskongress in Berlin statt. Wir freuen uns auf Sie an unserem Verlagsstand im Seminargebäude DOR 24 der Humboldt-Universität Berlin. Weitere Informationen erhalten Sie unter: www.reinhardt-verlag.de und www.dgfe2014.de Wir freuen uns auf Ihren Besuch! a www.reinhardt-verlag.de