unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2014.art18d
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Soziales Netz - Soziale Arbeit
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2014
Jutta Croll
Jessica Euler
Carolin Müller-Bretl
Das Internet ist mit Social-Media-Anwendungen zu einem Instrument der Persönlichkeitsentwicklung und Identitätsbildung für junge Menschen geworden. Das europäische Projekt SocialWeb - SocialWork befasst sich mit der Rolle von Fachkräften der Jugendsozialarbeit bei der Begleitung dieses Prozesses insbesondere für sozial- und bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche.
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171 unsere jugend, 66. Jg., S. 171 - 183 (2014) DOI 10.2378/ uj2014.art18d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel von Jutta Croll Jg. 1956; Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Stiftung Digitale Chancen Soziales Netz - Soziale Arbeit Das Internet ist mit Social-Media-Anwendungen zu einem Instrument der Persönlichkeitsentwicklung und Identitätsbildung für junge Menschen geworden. Das europäische Projekt SocialWeb - SocialWork befasst sich mit der Rolle von Fachkräften der Jugendsozialarbeit bei der Begleitung dieses Prozesses insbesondere für sozial- und bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche. Die Generation der Digital Natives Mehr als jede bisherige Generation nutzt die heutige Jugend - insbesondere die seit den neunzehnhundertneunziger Jahren Geborenen, die als Digital Natives (Palfrey/ Gasser 2008) bezeichnet werden - die vielfältigen Möglichkeiten des Internet für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit und zur Identitätsbildung. Laut Erikson ist die Adoleszenz eine Zeit, während der die oder der junge Erwachsene durch freies Experimentieren mit Rollen einen passenden Platz in der Gesellschaft finden sollte (vgl. Erikson 1981, 160). Für dieses „freie Experimentieren“ bilden heute digitale Medien und insbesondere soziale Netzwerke im Internet eine ideale Plattform. Hier erproben Jugendliche in zunehmendem Maße das Spiel mit Identitäten und den Reaktionen ihres sozialen Umfeldes darauf. Im Jahr 2013 lag die durchschnittliche Zahl der Internetnutzerinnen und -nutzer in Europa bei 77 % der Bevölkerung im Alter von 16 bis 74 Jahren, die Altersgruppe der 16bis 24-Jährigen ist mit 96 % nahezu vollständig online (Eurostat 2013). Und besonders für die 9bis 16-jährigen Kinder und Jugendlichen stellt beispielsweise die EU-Kids-Online-Umfrage fest, dass „die Internetnutzung vollständig in das tägliche Leben der Kinder eingebettet ist“, denn 93 % dieser Altersgruppe gehen mindestens einmal pro Woche online und 60 % jeden oder fast jeden Tag (Livingstone/ Haddon et al. 2011, 5). Jessica Euler Jg. 1982; wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Stiftung Digitale Chancen Carolin Müller-Bretl Jg. 1978; Projektkoordinatorin bei der Stiftung Digitale Chancen 172 uj 4 | 2014 Sozialarbeit und Social Web Chancen und Herausforderungen der Internetnutzung für besonders gefährdete Kinder und Jugendliche Das Safer Internet Programm der Europäischen Kommission hat seit seinen Anfängen im Jahr 1999 das Bewusstsein über die Chancen und Herausforderungen des Internet gefördert, und eine Vielzahl von Projekten und Maßnahmen hat seither dazu beigetragen, die Sicherheit von Kindern und Jugendlichen beim Surfen im Web zu erhöhen. Aber Minderjährige aus Risikogruppen wie zum Beispiel sozial- und bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche oder solche mit Behinderungen fallen oft noch buchstäblich „durchs Netz“. Forschungsarbeiten wie die EU-Kids-Online-Studien zeigen die Notwendigkeit, bei Maßnahmen zum Kinder- und Jugendmedienschutz diese spezielle Zielgruppe und ihren besonderen Unterstützungsbedarf zu berücksichtigen (Livingstone/ Haddon et al. 2011). Nadia Kutscher stellt in ihren Forschungsarbeiten Unterschiede in der Nutzung des Internet zwischen formal höher und niedriger gebildeten Jugendlichen fest und beschreibt mögliche Ursachen dafür. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Unterschiede in den„lebensweltlichen Praxen verankert und in gesellschaftliche Ungleichheitsstrukturen eingebettet sind“ (Kutscher 2009, 13). Generell sind die Gründe für eine geringere Resilienz von Kindern und Jugendlichen häufig in ihrem sozialen Umfeld zu finden. So können beispielsweise familiäre Probleme und Trennungen, häusliche Gewalt sowie emotionaler, körperlicher und/ oder sexueller Missbrauch, aber auch die Zugehörigkeit zu Randgruppen der Gesellschaft als Asylsuchende, Migranten und Menschen ohne festen Wohnsitz eine geringere Fähigkeit im Umgang mit Risiken und Bedrohungen sowie eine erhöhte Anfälligkeit für selbstgefährdendes Verhalten bewirken. Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen oder sonderpädagogischem Förderbedarf muss darüber hinaus mit Blick auf Risiken und Gefahren im Internet besondere Beachtung geschenkt werden. Während frühere Förderprogramme sich vor allem auf die (Aus-)Bildung in Schulen konzentrierten, rücken nun auch neue Bereiche der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in den Fokus. Denn trotz der allgemeinen Schulpflicht ist es für die oben genannten Risikogruppen fraglich, ob sie durch Aufklärungsangebote im schulischen Unterricht erreicht werden können, sofern sie überhaupt zur Schule gehen. Der 14. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung (BMFSFJ 2013, 394) konstatiert: „Ein Großteil der medienpädagogischen Angebote berücksichtigt in der konzeptionellen Anlage und der realisierten Zielgruppenerreichung dieses Problem [das Problem der digitalen Ungleichheit, d. V.] nicht hinreichend, gleichzeitig nehmen viele Standardangebote der Kinder- und Jugendhilfe zu wenig Rücksicht auf die Notwendigkeit einer Medienbildung. Darüber hinaus erreichen Angebote der Onlineberatung und der Medienpädagogik sozial benachteiligte Zielgruppen deutlich unterproportional.“ Neben der pädagogischen Ausbildung des Lehrpersonals besteht daher ein Bedarf an weiteren Angeboten, um besonders gefährdete Kinder und Jugendliche durch den Dschungel der Informationsgesellschaft zu begleiten und sie vor potenziellen Risiken und Gefahren beim Surfen im Netz zu schützen. Soziales Netz - Soziale Arbeit: das Projekt SocialWeb - SocialWork SocialWeb - SocialWork ist ein von der Europäischen Kommission gefördertes Projekt zur Förderung des Erkenntnisgewinns im Safer Internet Programm. An dem Projekt sind 173 uj 4 | 2014 Sozialarbeit und Social Web Partner aus den Ländern Litauen, Polen, Spanien und Tschechische Republik unter der Koordination der Stiftung Digitale Chancen aus Deutschland beteiligt; die Laufzeit beträgt 24 Monate von Mitte Mai 2012 bis Mitte Mai 2014. Das Projekt stellt die positiven Einflussmöglichkeiten von Mitarbeitenden der Jugendsozialarbeit auf das Internetnutzungsverhalten von besonders gefährdeten Kindern und Jugendlichen in den Mittelpunkt. Forschungsergebnisse belegen ebenso wie praktische Erfahrungen aus früheren Projekten wie zum Beispiel„Chancen für die Jugendarbeit“,„Surfen zum Job“ und „Youth Protection Roundtable“ (vgl. die Broschüren der Stiftung Digitale Chancen), dass Kinder und Jugendliche, die zu besonderen Risikogruppen zählen, sehr gut durch Mitarbeitende der Sozialen Arbeit erreicht werden können (Withers 2008, 64). Die Maßnahmen im Projekt SocialWeb - Social Work richten sich an Fachkräfte, die mit besonders gefährdeten Kindern und Jugendlichen in den unterschiedlichsten Bereichen - meist in sozialen Brennpunkten - arbeiten. Die Tätigkeitsfelder der Fachkräfte decken dabei ein großes Spektrum ab - von der Schulsozialarbeit über die Berufseinstiegsbegleitung, Familien- und Jugendberatung, Gruppenerziehung, Streetwork, Telefonische Beratung, Krisenintervention, Familienberatung, Betreutes Wohnen bis hin zur Heilpädagogik und psychologischen Betreuung. Soziale Arbeit verfolgt grundsätzlich einen ganzheitlichen Ansatz, d. h. neben der Übertragung von beruflichen Fähigkeiten, Kompetenzen und Qualifikationen erhalten die jungen Menschen auch Hilfe, um ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln und mit ihrem sozialen Umfeld zu interagieren. Kinder- und Jugendsozialarbeit bietet im Allgemeinen sozialpädagogische Unterstützung für junge Menschen an, die dabei hilft, soziale Nachteile zu kompensieren und individuelle Beeinträchtigungen zu überwinden. Junge Menschen verbringen ihre Freizeit häufig in Tagesstätten, Gemeindezentren, Jugendclubs oder Freizeittreffs, aber auch in öffentlichen Bibliotheken, Sportvereinen und anderen Einrichtungen, wo sie Unterstützung und Beratung suchen und parallel dazu oft mit Gleichaltrigen das Internet nutzen. Die dort beschäftigten Fachkräfte sind umfassend mit der Lebenssituation und den Bedürfnissen ihrer jungen Zielgruppe vertraut. Computer und Internet spielen bei der Wahrnehmung ihrer täglichen Arbeitsaufgaben mit Kindern und Jugendlichen aber nur in geringerem Umfang eine Rolle. Das Wissen, wie man mit Online-Risiken und leichtsinnigem Verhalten im Netz umgeht, kann daher nicht als selbstverständlich bei den Mitarbeitenden der Sozialen Arbeit vorausgesetzt werden. Selbst wenn Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter heute aufgrund privater Nutzung mit dem Social Web und seinen Anwendungen vertraut sind, stellt das sich rasch verändernde Internetverhalten ihrer jungen Klientel und die damit potenziell einhergehenden Risiken und Bedrohungen eine große Herausforderung für ihre tägliche Arbeit dar. Hier setzt das Projekt SocialWeb - SocialWork an und erfüllt zwei einander ergänzende Aufgaben. Zunächst werden Qualifizierungsmaßnahmen für Personen, die mit besonders gefährdeten Kindern und Jugendlichen arbeiten, entwickelt und pilotiert. Ziel ist die Verbesserung der Internetsicherheit ihrer jungen Klientel unter Berücksichtigung der jeweiligen Umstände und Hintergründe der Sozialen Arbeit in den teilnehmenden EU-Ländern. Darüber hinaus werden interessierte Fachkräfte durch spezifische Train-the-Trainer-Angebote qualifiziert, selbst als Trainerin und Trainer für ihre Kolleginnen und Kollegen tätig zu werden und ihr erlerntes Wissen weiterzugeben, um durch den Multiplikationseffekt das Bewusstsein weiterer Mitarbeitender in der Jugendsozialarbeit für das Thema Onlinesicherheit zu schärfen. 174 uj 4 | 2014 Sozialarbeit und Social Web Die Qualifizierungsmaßnahmen werden begleitet durch eine formative Evaluation, die dazu dient herauszufinden, welche Strategien der Bewusstseinsbildung für Mitarbeitende von Einrichtungen der Jugendsozialarbeit und andere Fachkräfte, die mit besonders gefährdeten Kindern und Jugendlichen arbeiten, sich als effektiv erweisen. Die Erkenntnisse aus den Befragungswellen fließen ein in die regelmäßige Aktualisierung und Weiterentwicklung des Curriculums und der ergänzenden Online-Lerneinheiten. Die Befragungen der Trainingsteilnehmenden zu den Auswirkungen des Trainings auf ihre tägliche Arbeit ermöglichen auch Rückschlüsse hinsichtlich der europaweiten Skalierung und Übertragbarkeit auf weitere Länder und andere Arbeitsbedingungen im Bereich der Sozialen Arbeit. Vorerhebung zur Ausgangssituation in der Sozialen Arbeit Die breite Palette von derzeit verfügbaren Internet-Anwendungen und vor allem das sogenannte Social Web, welches immer mehr Bedeutung im Leben von Kindern und Jugendlichen einnimmt, spielen bisher in der Ausbildung von Fachkräften der Sozialen Arbeit allenfalls eine untergeordnete Rolle. Es handelt sich zudem um ein so dynamisches Feld, dass früher erworbene Kenntnisse zur Vermittlung von Medienkompetenz im Umgang mit dem Internet schnell veralten und einer ständigen Aktualisierung bedürfen. Daher war es vor der Entwicklung des Trainingscurriculums erforderlich, die Lernbedürfnisse und Arbeitsbedingungen der Fachkräfte der Sozialen Arbeit kennenzulernen und einen umfassenden Überblick darüber zu erhalten, welche Kenntnisse bereits vorhanden sind sowie welche Inhalte für ein derartiges Training nachgefragt werden. Vom 17. September bis 5. Oktober 2012 wurde eine Vorerhebung in den Partnerländern des Projektes durchgeführt, bei der fast 200 Fachkräfte, die mit besonders gefährdeten Kindern und Jugendlichen arbeiten, über ihr Bewusstsein für Online-Bedrohungen und riskantes Verhalten ihrer Zielgruppe sowie ihre pädagogischen Ansätze und Aktivitäten Auskunft gaben. Auf der Basis der ausgewerteten 189 Fragebögen kann für die Zielgruppe der Fachkräfte festgestellt werden, dass sie sehr heterogen zusammengesetzt ist - sowohl zwischen den teilnehmenden Partnerländern als auch innerhalb der einzelnen Partnerländer selbst. Die - überwiegend weiblichen - Fachkräfte unterscheiden sich hinsichtlich ihres Alters, ihrer Arbeitserfahrungen und Internetkenntnisse sowie ihrer unterschiedlichen pädagogischen Ansätze. Große Übereinstimmung zeigt sich jedoch hinsichtlich ihrer Klientel, welche zwei Abb. 1: Projektstruktur Evaluation 12 Monate nach dem Training Evaluation 6 Monate nach dem Training Evaluation direkt nach dem Training Vorerhebung Entwicklung und kontinuierliche Anpassung des Trainingscurriculums und der Trainingsmaterialien Trainingskampagne (inklusive Train-the-Trainer-Trainings) und Bereitstellung der Online-Lerneinheiten und Materialien Methodik … … Evaluation 3 Monate nach dem Training 175 uj 4 | 2014 Sozialarbeit und Social Web Drittel der Befragten als hochgradig sozial- und bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche bezeichnen. Die Annahme, dass die pädagogischen Fachkräfte das Internet weniger häufig für ihre Arbeit nutzen als die durchschnittliche Bevölkerung, wurde durch die Befragungsergebnisse nicht bestätigt. Viele der Teilnehmenden an der Erhebung geben an, dass sie bereits mit Social- Web-Anwendungen durch private und/ oder professionelle Nutzung vertraut sind. In Bezug auf das Wissen der Fachkräfte hinsichtlich der Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen ergibt sich ein differenziertes Bild. Von den Befragten wurden am häufigsten folgende Aktivitäten beobachtet: Videoclips online ansehen (81 %), mit anderen Internet-Spiele spielen (78 %), Profile anderer in sozialen Netzwerken besuchen (76 %) und Fotos, Videos oder Musik online stellen, um sie mit anderen zu teilen (73%). Anspruchsvollere und kreative Aktivitäten wie beispielsweise einen Blog oder ein Online-Tagebuch schreiben (15 %), Internet-Tauschbörsen nutzen (25 %), eine Spielfigur, einen Avatar oder ein virtuelles Haustier erstellen (25 %) und eine Web-Kamera benutzen (29 %) wurden weniger häufig beobachtet. Eine Aussage, ob den an der Befragung beteiligten Fachkräften selbst nur ein Teil der Aktivitäten bekannt ist und andere Aktivitäten deshalb nicht beobachtet werden oder ob sie bei ihren jungen Klientinnen und Klienten nur die Aktivitäten beobachten, die sie ihnen auch kognitiv zutrauen, ist auf der Basis der in der Vorerhebung erfassten Angaben zunächst nicht möglich. Inwieweit der eigene eher bildungsorientierte Hintergrund der Fachkräfte deren Wahrnehmung des Internetnutzungsverhaltens der von ihnen betreuten Kindern und Jugendlichen beeinflusst, bleibt daher ein im Verlauf der weiteren Schritte der Evaluation zu untersuchender Aspekt. Obwohl davon ausgegangen werden kann, dass alle Fachkräfte ihre bewährten Strategien dafür haben, wie sie ihre junge Zielgruppe ansprechen, legen die Ergebnisse den Schluss nahe, dass die meisten von ihnen bisher nicht wirklich mit dem „Online-Alltag“ der sogenannten Digital Natives ausreichend vertraut sind. Dies zeigt sich unter anderem an einer Vielzahl von eher negativ konnotierten Aussagen, zum Beispiel dahingehend, dass die Kinder und Jugendlichen „zu viel“ Zeit mit den digitalen Medien verbringen. Viele der Befragten geben an, dass die Kinder und Jugendlichen nach ihrer Ansicht übermäßig stark mittels Social-Networking-Diensten kommunizieren, und einige beklagen, dass ihre junge Zielgruppe in der Realität kaum mehr miteinander spricht. Hinsichtlich der Risiken und Bedrohungen online berichten die Fachkräfte im Rahmen der Vorerhebung, dass sie bei Kindern oder Jugendlichen unangemessene oder potenziell unangemessene Erfahrungen im Internet beobachtet haben. Diese beziehen sich meistens auf Kontakt mit jemandem, dem die Kinder/ Jugendlichen noch nie zuvor begegnet sind (47 %), auf Belästigungen (46 %), auf pornografische Bilder (41 %) oder auf schädliche und unangenehme Nachrichten, die Kinder/ Jugendliche erhalten haben (41 %). Weitere Risiken und Bedrohungen wurden weniger häufig erwähnt. Auch hier ist der Rückschluss, dass andere Risiken seltener vorkommen, nicht zulässig. Vielmehr könnte es der Fall sein, dass den Fachkräften andere Risiken und Bedrohungen gar nicht bekannt und/ oder bewusst sind und sie deshalb diese bei ihrer Klientel nicht beobachten. Die Ergebnisse der Vorerhebung unterstreichen den Bedarf an Unterstützung für Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter bei der Begleitung ihrer jungen Klientel in der digitalen Welt. 85 Prozent der Befragten erklären, dass sie mit Kindern und Jugendlichen über das, was sie im Internet tun, sprechen. 81 Prozent halten das Thema für so wichtig, dass sie Interesse an einer Fortbildung zum Thema „Anwendungen im Social Web und ihre Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche“ bekunden. 176 uj 4 | 2014 Sozialarbeit und Social Web Curriculumentwicklung und Durchführung von Trainingsmaßnahmen Auf der Grundlage der Vorerhebungsergebnisse konnten die zunächst vorläufig bei der Antragstellung definierten folgenden Module des Trainingscurriculums im Detail weiter ausgearbeitet werden. ➤ Grundkenntnisse über die Anwendungen des Social Web ➤ Die Online-Faszination von Kindern und Jugendlichen verstehen ➤ Erarbeitung von Strategien und Methoden, wie man Kinder und Jugendliche adäquat hinsichtlich ihres Online-Verhaltens adressieren kann ➤ Risiken und Bedrohungen online - was sind die Herausforderungen, was sind die Chancen? ➤ Intervention - wie kann man adäquat auf riskantes Online-Verhalten von Kindern und Jugendlichen reagieren und wo findet man die richtigen Informationen und Unterstützung? ➤ Prävention - wie kann man Kinder vor potenziell schädlichen Inhalten und Kontakten sowie riskantem Online-Verhalten schützen? Zugleich wurde bestätigt, dass für das Training eine modulare Struktur angemessen ist, die nicht zwingend linear abgearbeitet werden muss, sondern vielmehr mit frei kombinierbaren Lerneinheiten dem Kenntnisstand der Trainingsteilnehmenden und deren Lernbedürfnissen angepasst werden kann. Eine Einführung in die verschiedenen Social- Web-Anwendungen bildet den Einstieg in das Training und bietet die Möglichkeit, durch Ausprobieren auch die weniger gängigen Anwendungen kennenzulernen, um mit dem digitalen Alltag der Kinder und Jugendlichen vertraut zu werden und deren Online-Faszination zu verstehen. Basierend auf dem Fachwissen der Mitarbeitenden der Sozialen Arbeit verwendet das Training ebenfalls einige Zeit darauf, zu erörtern, wie Vertrauen zwischen den Fachkräften und ihrer jungen Zielgruppe entwickelt werden kann und wie bewährte Strategien und Methoden auch für die Beschäftigung mit dem Internetnutzungsverhalten und den daraus resultierenden Chancen und Risiken eingesetzt werden können. Über das Verständnis für die Faszination der Kinder und Jugendlichen an sozialen Netzwerken und anderen Social-Web-Anwendungen werden die Fachkräfte behutsam an die Auseinandersetzung mit den Risiken und Gefahren im Internet herangeführt. Hier ist es notwendig, sie dabei zu unterstützen, die potenziellen Online-Risiken und -Bedrohungen kennenzulernen, um sie definieren, unterscheiden und klassifizieren zu können. Mit der Vermittlung von Interventions- und Präventionsmaßnahmen bekommen die Fachkräfte Anregungen an die Hand, um in Situationen, in denen Kinder und Jugendliche durch die Internetnutzung gefährdet sind, angemessen reagieren beziehungsweise sie vor weitergehenden Schäden bewahren zu können. Dabei werden die gegebenenfalls von den Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern bereits eingesetzten Maßnahmen wie gemeinsame Nutzung von Social- Web-Anwendungen mit den Kindern und Jugendlichen und Mediation im Konfliktfall besprochen, aber auch mögliche neue Ansätze diskutiert. Detailliertes Wissen über die Hintergründe und Funktionsweisen von digitalen Medien sowie über die Geschäftsmodelle hinter der Erhebung personenbezogener Daten ist beispielsweise Voraussetzung zur Prävention von riskantem eigenem Online-Verhalten. Statistiken zeigen, dass es eine starke Korrelation zwischen Bildungsniveau und Kompetenz im Umgang mit digitalen Medien gibt (Initiative D21 2011). Weniger gebildete Gruppen nutzen das Internet seltener, und wenn sie dies tun, kennen sie 177 uj 4 | 2014 Sozialarbeit und Social Web nicht alle Anwendungen umfassend und können somit nicht in gleichem Maße wie andere davon profitieren. Für die hier betroffenen Kinder und Jugendlichen kann sich dieser Effekt verdoppeln, weil nicht nur sie selbst nicht über die benötigte Medienkompetenz verfügen, sondern auch ihre Eltern in der Regel keine zuverlässige und qualifizierte Quelle hinsichtlich Fragen der Internetnutzung darstellen (Livingstone/ Haddon 2009, 23). Durch das Training soll den Fachkräften der Sozialen Arbeit ermöglicht werden, die Rolle der Begleitung für die Kinder und Jugendlichen zu übernehmen und ihnen dabei zu helfen, potenzielle Online-Bedrohungen zu erkennen sowie ihre Resilienz zu stärken. Das Curriculum wird über die Laufzeit des Projektes permanent weiterentwickelt - alle Erfahrungen aus den Trainingsdurchführungen in den Partnerländern, Möglichkeiten und Herausforderungen, aber auch neue Erkenntnisse und Technologien, werden ausgewertet und - sofern geeignet - in das Curriculum aufgenommen. Diese Vorgehensweise berücksichtigt den Umstand, dass sich die (Internet-)Welt kontinuierlich mit hoher Geschwindigkeit verändert. Unter Berücksichtigung der hohen Arbeitsbelastung in der Sozialen Arbeit wurde die Qualifizierung als eine eintägige Präsenzschulung konzipiert, die in den Einrichtungen vor Ort stattfindet, sodass zusätzlicher Zeitaufwand für An- und Abreise der Teilnehmenden entfällt. Um die Vertiefung der Lerninhalte nach dem Präsenztraining zu gewährleisten und der Qualifizierung weitere Nachhaltigkeit zu verleihen, werden sogenannte Online-Lerneinheiten angeboten, die grundsätzlich für alle Besucher der Projektwebsite www.socialweb-socialwork. eu frei zugänglich sind. Diese Online-Lerneinheiten basieren auf der gleichen Modulstruktur wie das Präsenztraining und aktualisieren, ergänzen oder wiederholen die im Training vermittelten Inhalte. Durch die flexible Lernumgebung im Internet können die Fachkräfte lernen, wo und wann sie wollen. Um die Nachhaltigkeit zu sichern und eine breitere Abdeckung unter der Zielgruppe der Fachkräfte in allen Partnerländern zu gewährleisten, werden zusätzlich interessierte Trainingsteilnehmende dazu befähigt, selbst als Trainer bzw. Trainerinnen tätig zu werden, das Gelernte somit zu multiplizieren und bei ihren Kolleginnen und Kollegen das Bewusstsein für das Thema Sicherheit im Internet zu erhöhen. Sie lernen dabei, wie Trainingsinhalte für andere aufbereitet werden, welche Methoden bei der Vermittlung der Inhalte zur Verfügung stehen, wie diese Methoden angewendet werden können, wie die richtigen Inhalte ausgewählt werden und wo sie geeignete und unterstützende Materialien finden. Dabei reflektieren sie ihren eigenen Lernprozess beim Thema Onlinesicherheit für besonders gefährdete Kinder und Jugendliche und wenden ihre Erkenntnisse in kleinen praktischen Gruppenübungen an. Die begleitende Evaluation Um zu evaluieren, welche Effekte das Training auf die tägliche Arbeit der Fachkräfte in der Sozialen Arbeit hat und welche Rolle sie bei der Verbesserung der Online-Sicherheit von gefährdeten Kindern und Jugendlichen einnehmen können, werden die Trainingsteilnehmenden nach dem Präsenztraining in mindestens drei Befragungswellen schriftlich sowie in zwei Gruppeninterviews je Partnerland zu den folgenden Themenbereichen befragt: ➤ Als wie nützlich wird das Training von den Fachkräften wahrgenommen? ➤ Welche Wahrnehmung des Online-Verhaltens von besonders gefährdeten Kindern und Jugendlichen haben die trainierten Fachkräfte der Sozialen Arbeit? ➤ Erhöht das Training das Bewusstsein der Fachkräfte für Online-Risiken und Bedrohungen? ➤ Können die trainierten Fachkräfte entsprechend ihrer potenziell veränderten Risikowahrnehmung ihre pädagogischen Ansätze und Aktivitäten anpassen? 178 uj 4 | 2014 Sozialarbeit und Social Web ➤ Wie können die Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit gestaltet werden, um Raum für das Thema Onlinesicherheit und Kinder- und Jugendmedienschutz im Internet zu schaffen? ➤ Welche weiteren Maßnahmen zur Erhöhung der Online-Sicherheit und Stärkung der Resilienz von besonders gefährdeten Kindern und Jugendlichen sind vorstellbar? Um aussagekräftige Antworten auf die formulierten Fragen zu bekommen, wurden alle insgesamt 666 Trainingsteilnehmenden befragt. Direkt nach dem Training lag die Antwortrate mit 640 ausgefüllten Fragebögen bei 96 Prozent. Bei der zweiten Befragungswelle, die drei Monate nach dem Training per Online-Fragebogen ausgelöst wird, kann bislang eine Beteiligung von 50 Prozent verzeichnet werden. Durch weiterhin eintreffende Fragebögen ist mit einer leichten Steigerung des Rücklaufs bis zum Ende des Erhebungszeitraums zu rechnen. Die dritte Befragungswelle, die sechs Monate nach dem Training online stattfindet, hat ihren Höhepunkt überschritten, ist aber noch nicht vollständig abgeschlossen. Die vorläufige Rücklaufquote beträgt 40 Prozent. Aufgrund der gestaffelten Trainingstermine über einen Zeitraum von neun Monaten ist für 86 Trainingsteilnehmende der Zeitpunkt der dritten Befragung derzeit noch nicht erreicht. Das Internet ist in der Sozialen Arbeit angekommen: erste Erkenntnisse aus der Evaluation Während noch um die Jahrtausendwende das Thema Computer- und Internetnutzung in der Kinder- und Jugendsozialarbeit nur wenig präsent war, nimmt es inzwischen breiten Raum ein, und die Notwendigkeit der Qualifizierung von pädagogischen Fachkräften ist anerkannt. Dies belegen auch die Ergebnisse der Evaluation im Projekt SocialWeb - SocialWork. Bereits in der Vorerhebung bekundeten 81 Prozent der Befragten ihr Interesse an einer Trainingsteilnahme. Nach dem absolvierten Training sagen 98 Prozent der Teilnehmenden, dass sie das Trainingsangebot an andere Fachkräfte der Sozialen Arbeit weiterempfehlen würden. Dies ist nicht nur Anerkennung für die hohe Qualität des Trainingsangebots, sondern spiegelt vielmehr auch die Erkenntnis wider, dass das Wissen um die Chancen und Risiken digitaler Medien heute eine wichtige Voraussetzung der sozialen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen darstellt. Die Befragten bewerteten die Nützlichkeit der Trainingsinhalte zu den in Abbildung 2 genannten Themenbereichen äußerst positiv: 100 % 90 % 80 % 70 % 60 % 50 % 40 % 30 % 20 % 10 % 0 % Grundkenntnisse des Social Web Kenntnisse über die Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen Kenntnisse über die Vulnerabilität von Kindern und Jugendlichen Kenntnisse über Online-Risiken und -Bedrohungen Kenntnisse über Gegenmaßnahmen für Online- Bedrohungen Sehr nützlich Ziemlich nützlich Mehr oder weniger nützlich Nicht sehr nützlich Frage: Die Trainingsinhalte waren Ihrer Meinung nach … N = 642 Abb. 2: Bewertung der Trainingsinhalte 179 uj 4 | 2014 Sozialarbeit und Social Web Für rund 91 Prozent der Befragten sind die Inhalte in allen fünf Themenbereichen nützlich, je nach Thema bezeichnen 50 bis 70 Prozent der Befragten die Inhalte sogar als sehr nützlich, wobei der Beschäftigung mit den Risiken und Gefährdungen des Internet mit einem Wert von 73 Prozent die höchste Nützlichkeit für die eigene tägliche Arbeit zugeschrieben wird. Bereits in der Vorerhebung zeichnete sich ein sehr differenziertes Bild der Personen ab, die in der Sozialen Arbeit in den am Projekt beteiligten Ländern tätig sind, das sich auch für die Teilnehmenden am Training bestätigt. Nur rund zwei Fünftel der Befragten bezeichnen sich selbst als (Jugend-)Sozialarbeiter bzw. Sozialarbeiterin im klassischen Sinne. Länderspezifische Besonderheiten wie sogenannte E-Facilitatorinnen und E-Facilitatoren, die in Spanien für die Vermittlung von Medienkompetenz an verschiedene Zielgruppen im Einsatz sind, oder die Wahrnehmung von Aufgaben der Sozialen Arbeit durch Bibliotheken und deren Mitarbeitende in Litauen führen dazu, dass sich unter den Trainingsteilnehmenden eine Vielzahl weiterer der Sozialen Arbeit verwandte Berufsbilder findet. Als Arbeitsbereiche genannt werden zum Beispiel Traumatherapie, IT-Verantwortliche, Arbeitserziehung, Sportwissenschaften, Heilerziehungspflege, Rechtsberatung, Polizei, soziokulturelle Unterhaltung, psychologische Beratung, Streetwork und Präventionsarbeit. In allen diesen Arbeitsfeldern spielt das Thema Internet in der Beschäftigung mit Kindern und Jugendlichen heute eine wesentliche Rolle. Bei der Befragung, die sechs Monate nach dem Training stattgefunden hat, geben 86 Prozent der Trainingsteilnehmenden an, dass sie mindestens ein bis zwei Mal pro Monat durch ihre jugendliche Klientel zu Fragen hinsichtlich der Nutzung des Internet zu Rate gezogen werden; darunter sind 32 Prozent, die ein bis zwei Mal pro Woche um Unterstützung gebeten werden, und 27 Prozent, die sogar täglich mit Internetfragen durch Kinder und Jugendliche konfrontiert sind. Diese Zahlen belegen deutlich die hohe Relevanz, die das Internet im Alltag von Kindern und Jugendlichen hat, und die wichti- 100 % 90 % 80 % 70 % 60 % 50 % 40 % 30 % 20 % 10 % 0 % Ich sitze dabei, während sie im Internet sind (und sehe, was sie gerade machen, greife aber nicht ein). Ich spreche mit ihnen darüber, was sie im Internet machen Ich habe keine Zeit, mich mit ihren Online- Problemen zu beschäftigen, da ich mich zuerst um andere Probleme kümmern muss. Ich bespreche und diskutiere mit ihnen ihre Internetprobleme, um sie zu lösen Ich schlichte zwischen Kindern und Jugendlichen, die online einen Streit austragen. Ich gebe Internet-Kurse, um ihre Medienkompetenz zu verbessern. Ja Nein Ich weiß nicht Keine Angaben/ unentschlossen Frage: Haben Sie mit den Kindern und Jugendlichen, mit denen Sie arbeiten, schon einmal die folgenden N = 223 Aktivitäten unternommen? Abb. 3: Maßnahmen der Fachkräfte 180 uj 4 | 2014 Sozialarbeit und Social Web ge Rolle, die Fachkräfte der Sozialen Arbeit bei der Bewältigung der damit einhergehenden Fragen einnehmen. Ebenfalls kann nach dem Training ein Anstieg der Aufmerksamkeit, die die Fachkräfte dem Thema Onlinesicherheit widmen können, beobachtet werden. Während in der Vorerhebung rund 30 Prozent der Befragten angaben, entweder keine Zeit für die Befassung mit diesem Thema zu haben, oder hierzu keine Angaben machen konnten, sinkt dieser Prozentsatz in der Befragung sechs Monate nach der Trainingsteilnahme auf 18 Prozent. Anhand der Maßnahmen, die die Fachkräfte mit ihrer jungen Klientel zum Thema Onlinesicherheit unternehmen, wird deutlich, wie stark das Internet nicht nur in den Alltag von Jugendlichen, sondern auch in die Praxis der Jugendsozialarbeit vorgedrungen ist. 92 Prozent der Befragten geben an, dass sie mit den Kindern und Jugendlichen darüber sprechen, was diese im Internet tun. Von den Trainingsteilnehmenden sagen außerdem 81 Prozent, dass sie mit ihrer Klientel deren Internetprobleme diskutieren. Lediglich 10 Prozent der Befragten haben sich zu dieser Frage verneinend geäußert, weitere 8 Prozent machten keine Angaben zum Umgang mit Problemen, die in Zusammenhang mit der Nutzung des Internet entstehen. Neben Gesprächen und Interventionen bei Schwierigkeiten durch die Nutzung des Internet werden in der Kinder- und Jugendsozialarbeit auch medienpädagogische Präventivmaßnahmen umgesetzt. Hier werden von 55 Prozent der Befragten Internetkurse zur Verbesserung der Medienkompetenz der Kinder und Jugendlichen genannt. Dabei fallen deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern auf, der Ansatz der Medienkompetenzvermittlung durch „Kurse geben“ ist nicht überall gleich stark verbreitet. In Litauen und der Tschechischen Republik werden von rund zwei Drittel der Befragten Kurse angeboten, in Deutschland und Polen sind es dagegen nur 25 bzw. 37 Prozent. Neben anderen Gründen dürften hier vor allem die Rahmenbedingungen des Arbeitsplatzes eine Rolle spielen, beispielsweise ob eine technische Ausstattung und Internetzugang vorhanden sind. Am niedrigsten ist die Zahl der Befragten, die angeben, dass in ihrer Einrichtung ein Internetzugang für die Jugendlichen zur Verfügung steht, mit 54 Prozent in Tschechien. Dennoch werden dort von 67 Prozent der Befragten Kurse zur Vermittlung von Medienkompetenz gegeben, in denen entweder andere Medien - wie z. B. Computer ohne Internetzugang - genutzt oder Fragen der Internetnutzung präventiv behandelt werden. In Litauen ist eine 92-prozentige Internetverfügbarkeit zu verzeichnen. Kinder und Jugendliche können dort das Internet anhand verschiedener Möglichkeiten, wie W-LAN für die eigenen Geräte, öffentlicher PC mit oder ohne persönlichem Login, Spielekonsolen oder Laptop zum Ausleihen in der Einrichtung, in der die befragte Person arbeitet, nutzen. In Deutschland bieten 78 Prozent der Befragten ihrer Klientel Internetzugang in der Einrichtung und in Polen sind es 73 Prozent. Für Spanien geben über 80 Prozent der Befragten an, dass die Einrichtung Kindern und Jugendlichen Internetzugang zur Verfügung stellt, und 65 Prozent bieten Kurse an. Außer Medienkompetenz-Kursen werden zahlreiche weitere Präventionsmaßnahmen von den befragten Trainingsteilnehmenden durchgeführt wie zum Beispiel Elterngespräche oder die gemeinsame Überprüfung der Privatsphäreeinstellungen auf Facebook. Für knapp drei Viertel aller Befragten (72 %) spielen Themen im Bereich Online-Risiken und Bedrohungen in der Zeit nach dem Training regelmäßig eine Rolle. Dabei sind die Internetnutzungsgewohnheiten der Kinder und Jugendlichen (66 %), Grundkenntnisse über die Anwendungen des Social Web (57 %) und Präventionsmaßnahmen zu Online-Bedrohungen (51 %) häufig erwähnte Themen, während Interventionsmaßnahmen mit 27 Prozent seltener genannt werden. 181 uj 4 | 2014 Sozialarbeit und Social Web Fazit Das Internet ist heutzutage nicht mehr nur ein Werkzeug der Informationssuche, sondern vielmehr die Plattform, auf der sich ein großer Teil des sozialen Lebens, insbesondere junger Menschen, abspielt. Für die Jugendsozialarbeit entsteht dadurch die Herausforderung, einen Beitrag zu einem sicheren Onlineerlebnis für Kinder und Jugendliche zu leisten. Fachkräfte der Sozialen Arbeit sind durch ihre Ausbildung bisher kaum auf diese Aufgabe vorbereitet. Das hohe Interesse an einer Qualifizierung zum Thema „Onlinesicherheit für besonders gefährdete Kinder und Jugendliche“, die positive Beurteilung des Trainings sowie die bei fast 100 Prozent liegende Bereitschaft, das Qualifizierungsangebot an Kolleginnen und Kollegen weiterzuempfehlen, spiegeln den Bedarf. Kenntnisse über das Mediennutzungsverhalten der Kinder und Jugendlichen und Verständnis für die Online-Faszination ihrer jungen Klientel sind bei Mitarbeitenden der Jugendsozialarbeit durchaus vorhanden, wie die Evaluationsergebnisse belegen. Bei der Analyse ihres Antwortverhaltens muss jedoch berücksichtigt werden, dass der eigene eher bildungsorientierte Hintergrund der Fachkräfte die Wahrnehmung des Internetnutzungsverhaltens der von ihnen betreuten Kinder und Jugendlichen beeinflussen kann. Betrachtet man die in der Vorerhebung von den Befragten zum Ausdruck gebrachte eher skeptische Haltung gegenüber einer (zu) intensiven Nutzung von Onlinemedien durch Kinder und Grundkenntnisse über die Anwendungen des Social Web Die Internetnutzungsgewohnheiten der Kinder und Jugendlichen Die Verletzlichkeit der Kinder und Jugendlichen Online-Risiken und -Gefahren Interventionsmaßnahmen Präventionsmaßnahmen zu Online-Bedrohungen Keine Angaben/ unentschlossen 0 % 20 % 40 % 60 % 80 % 100 % Frage: Welche dieser Themen spielten während der letzten sechs Monate eine Rolle in Ihrer Arbeit? N = 223 Mehrfachantworten waren möglich. Abb. 4: Wichtige Themen 182 uj 4 | 2014 Sozialarbeit und Social Web Jugendliche, ist nicht auszuschließen, dass ein defizitorientierter Blick auf die infrage stehenden Kinder und Jugendlichen hier insgesamt zu einem eher negativen Bild der Nutzungsweisen führt. Die Diskrepanz zwischen der auf eigenen Erfahrungen und dem „Bauchgefühl“ beruhenden Beurteilung der jugendlichen Klientel und einer objektiven Diagnostik von deren tatsächlichen Voraussetzungen und Verhaltensweisen wird in der Literatur als eine Gefahr der Sozialen Arbeit beschrieben (Sibbe et al. 2008). Inwieweit dieses Phänomen auch im Bereich der Vermittlung eines sicheren und verantwortungsbewussten Umgangs mit dem Internet wirksam ist, wird im qualitativen Teil der Evaluation im letzten Projektquartal zu untersuchen sein. Die Sensibilität der Fachkräfte für die Online-Risiken und -Bedrohungen, denen ihre junge Klientel gegenübersteht, wird durch das Qualifizierungsangebot erhöht, und das Thema Onlinesicherheit ist in ihrem Arbeitsalltag stets präsent. Auch hier ist allerdings der Rückschluss von der Anzahl der Nennungen auf die Häufigkeit bestimmter Risiken nicht zulässig. Vielmehr könnte es der Fall sein, dass den Fachkräften einige Risiken und Bedrohungen gar nicht bekannt und/ oder bewusst sind und sie deshalb diese bei ihrer Klientel nicht beobachten. Die Antworten der Fachkräfte zeigen, dass die Teilnahme am Training Auswirkungen auf ihre pädagogischen Ansätze und Aktivitäten hat. Neben informierenden und beobachtenden Maßnahmen wie Gespräche und Begleitung bei der Internetnutzung und intervenierenden Aktivitäten wie Mediation und Diskussion spielen aber auch medienpädagogische Präventivmaßnahmen eine Rolle. Bei der Qualifizierung von Fachkräften für den präventiven und intervenierenden Umgang mit dem Internetnutzungsverhalten ihrer Klientel sind auch die Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit zu berücksichtigen. Dabei ist zunächst die Fluktuationsrate zu beachten. 18 Prozent der Trainingsteilnehmenden gaben drei Monate nach dem Training an, dass sich eine Veränderung ihres Arbeitsplatzes ereignet hat. Die Mehrheit der Trainees, bei denen eine Veränderung stattgefunden hat, (85 %) wechselte hierbei ihr Arbeitsfeld, aber nicht den Arbeitgeber. Die tatsächliche Zahl der wechselnden Personen könnte allerdings etwas höher liegen, da Trainees durch einen solchen Wechsel möglicherweise nicht an den weiteren Evaluationswellen teilgenommen haben. Bei der weiteren Analyse der Projektergebnisse wird auch zu berücksichtigen sein, dass nicht nur die Situation der Sozialen Arbeit und die Gruppe der besonders gefährdeten Kinder und Jugendlichen in den verschiedenen europäischen Ländern variieren, sondern auch unterschiedliche kulturelle Hintergründe dazu führen, dass der Grad des Schutzes und die Strategien für einen effektiven Schutz der besonders gefährdeten Kinder und Jugendlichen unterschiedlich betrachtet werden. Die finalen Ergebnisse der Evaluation werden auf der Abschlusskonferenz des Projektes SocialWeb - SocialWork am 8. April 2014 in Berlin vorgestellt. Dort werden auch erste Schlussfolgerungen hinsichtlich der langfristigen Übertragbarkeit des Projektansatzes und der Skalierbarkeit der Trainingskampagne für weitere Berufsgruppen in den beteiligten Ländern sowie für Fachkräfte der Sozialen Arbeit in weiteren europäischen Ländern präsentiert. Alle Informationen zum Projekt und zur Abschlusskonferenz finden Sie unter: www.social web-socialwork.eu Jutta Croll Jessica Euler Carolin Müller-Bretl Stiftung Digitale Chancen Chausseestraße 15 10115 Berlin jcroll@digitale-chancen.de jeuler@digitale-chancen.de cbretl@digitale-chancen.de 183 uj 4 | 2014 Sozialarbeit und Social Web Literatur Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2013): 14. Kinder- und Jugendbericht - Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. In: www.bmfsfj.de/ RedaktionBMFSFJ/ Broschue renstelle/ Pdf-Anlagen/ 14-Kinder-und-Jugendbe richt,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb =true.pdf, 21. 1. 2014 Initiative D21 (2011): Digitale Gesellschaft 2011 - Die digitale Gesellschaft in Deutschland - Sechs Nutzertypen im Vergleich. In: www.initiatived21.de/ wp-con tent/ uploads/ 2011/ 11/ Digitale-Gesellschaft_2011. pdf, 21. 1. 2014 Erikson, E. (1981): Jugend und Krise. Die Psychodynamik im sozialen Wandel. Klett-Cotta, Stuttgart Eurostat (2013): http: / / appsso.eurostat.ec.europa.eu/ nui/ show.do? dataset=isoc_ci_ifp_iu&lang=de, 21. 1. 2014 Kutscher, N. (2009): Ungleiche Teilhabe - Überlegungen zur Normativität des Medienkompetenzbegriffs. MedienPädagogik. www.medienpaed.com/ Documents/ medienpaed/ 17/ kutscher0904.pdf, 21. 1. 2014 Livingstone, S., Haddon, L. (2009): EU Kids Online. Final report 2009. EU Kids Online, Deliverable D6.5. EU Kids Online Network, London Livingstone, S., Haddon, L., Görzig, A., Ólafsson, K. 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