eJournals unsere jugend66/6

unsere jugend
4
0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2014.art30d
4_066_2014_6/4_066_2014_6.pdf61
2014
666

Zur Dialektik der Ultras

61
2014
Gerd Dembowski
Insbesondere organisierte, jugendkulturaffine Fanszenen sind einem stetigen Wandel unterworfen. Zentrale Säule dessen sind identitäre Suchbewegungen der Fans: Es geht um Selbstbestimmung in einem inszenierten Freiraum, um flexible Aushandlungsprozesse zwischen gleichberechtigter Partizipation und sozialem Engagement. Wie diese aussehen können, ist Thema des folgenden Essays, der sich ausschließlich auf den Männerfußball der Profi-Ebenen bezieht.
4_066_2014_6_0006
260 unsere jugend, 66. Jg., S. 260 - 270 (2014) DOI 10.2378/ uj2014.art30d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Zur Dialektik der Ultras Potenziale und Konflikte eines Jugendphänomens zwischen Aufrühren und Partizipation Insbesondere organisierte, jugendkulturaffine Fanszenen sind einem stetigen Wandel unterworfen. Zentrale Säule dessen sind identitäre Suchbewegungen der Fans: Es geht um Selbstbestimmung in einem inszenierten Freiraum, um flexible Aushandlungsprozesse zwischen gleichberechtigter Partizipation und sozialem Engagement. Wie diese aussehen können, ist Thema des folgenden Essays, der sich ausschließlich auf den Männerfußball der Profi-Ebenen bezieht. von Gerd Dembowski Jg. 1972; Dipl.-Sozialwissenschaftler, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit (KoFaS) am Institut für Sportwissenschaft der Leibniz Universität Hannover, Mitglied der AG Vielfalt sowie der AG Fanstudie des DFB Neben Suchbewegungen geht es aber auch um sozialmächtige wie personenfixierte Hackordnungen, unterschiedliche Formen von Gewaltakzeptanz, Pejorisierung und Diskriminierung. Dabei spielen Elemente hegemonialer Männlichkeit (vgl. Connell 2006), von Autoritarismus, territorialem (häufig Weißem 1 ) Überlegenheitsdenken, einer aggressiven Auslegung von Wir gegen die Anderen, von einem soldatischen Kämpferideal, von Gewaltakzeptanz und einer entsprechenden Körperfokussierung durchaus eine wirkmächtige Rolle. Diese ambivalente Konstellation interagiert mit der Gentrifizierung des Fußballs. Sie beschleunigte sich im deutschen Profifußball mit dem Jahr 1992 über enorm erhöhte TV-Einnahmen für den Fußball, das TV-Format ran, die Einführungder Champions League, über Regeländerungen sowie modernisiertes Equipment auf und um den Rasen. Diese Gentrifizierung im Zeitalter des postmodernen Fußballs umfasst einen bestimmten Kommerzialisierungs- und Eventisierungsgrad des Profifußballs und seinen vielseitigen Einfluss auf die Amateur- und Kreisligen. Damit einher ging eine wellenförmig wiederkehrende Moralpanik insbesondere zu Gewalt und weiteren, mehrheitsöffentlich als abweichend bzw. auffällig eingestuften Verhaltensweisen. Dies leistete sukzessive nicht nur sozialpräventiven Instrumenten Vorschub, sondern vorwiegend auch repressiven und baulichen Maßnahmen (vgl. Heitmann/ Klose/ Schneider 1995; Pilz 2010). Die Gentrifizierung umfasst ebenso eine Durchkapitalisierung, Globalisierung und eine sich ausdifferenzierende „Oligopolisierung“ 1 „Weiß“ ist groß geschrieben, um im Sinne der Kritischen Weißseinsforschung und ähnlicher Ansätze auf eine soziale, politische und ökonomische Konstruktion bzw. Positionierung hinzuweisen (vgl. Eggers u. a. 2009). 261 uj 6 | 2014 Fußballfans: die Ultras (Lindner/ Breuer 1978, 84ff ) des (Profi-)Fußballs, also die sich herausbildende ökonomische Schere von Zugängen zu Ressourcen im Hinblick auf bestimmte Ligen und Vereine. Wichtig ist hierbei des Weiteren die veränderte Große Erzählung des Fußballs, mit ihrer zugenommenen Mischung aus popkulturellen Einflüssen, aus feuilletonistischen, humoristischen, ironisch-distanzierten und kosmopolitischen Elementen. Dieses balancierende, fröhliche Vermengen von Information und „Wegwerfdenken“ (Bourdieu 1998, 49) lässt sich als Elffreundisierung (entlehnt vom entsprechenden, führenden monatlichen Fußball-Magazin Elf Freunde) bezeichnen und hat erheblich zur diskursiven Umschreibung des Fußballs als gesellschaftliches Großereignis beigetragen. Damit einher geht die Öffnung des Fußballs z. B. für sanftere Facetten eines deutschen Nationalismus und einer hegemonialen Männlichkeit. Im beginnenden neuen Jahrtausend kommen Jugendliche ins Stadion, gefüttert mit der Idee schneller TV-Schnitte, eines entrückten Startums, mit so etwas wie Metrosexualität sowie einer„Digitalisierung“ des Fußballs (vgl. Theweleit 2004). Dies passiert in einem Umfeld steriler gewordener Stadionarchitektur, kundengruppenspezifischer Angebote und eines ratifizierten Allgemeinen Gleichbehandlungsbzw. Antidiskriminierungsgesetzes. War man als organisierter Fan in den 1980ern überwiegend eher Proll, betreibt man 2013 vielmehr ein habituelles Code-Switching. Krawatte wird zeitweise gegen Fanschal eingetauscht. Prolliges oder derbes Benehmen geht dabei immer noch. Es geht darum, den ganzen kleinen Hass abzulassen. Dies imaginiert sich zu einer Dressur-, Kompensations- oder Katharsismaschine zur Verarbeitung des disziplinierten, rollenüberhäuften Alltags. Zumindest verspricht das der Ort Fußball - und Fan glaubt daran. Gleichsam laufen gesellschaftlich nutzbare, soziale Machttechniken im Rahmen der Pflege unterschiedlicher Figurationen von Wir und die Anderen und ihrer überlegenheitsorientierten Interpretation Wir sind besser als die Anderen ab (vgl. Elias/ Scotson 1993). Diverse Ausprägungen von Diskriminierung und Pejorisierung sind dabei z. B. Ausdrücke dieser Machttechniken, derer sich Menschen bewusst und unbewusst bedienen, um ihre Interessen zu positionieren. Um Standpunkte zu sichern oder auszubauen, können sich punktuell latente und offene Formen von Diskriminierung verdichten. Dies geschieht auf der Basis kulturalisierter und naturalisierter Differenzen. Gerahmt wird dieses soziale System Fußball im Hinblick auf seine organisierten Fankulturen durch die zunehmende „Sportifizierung“ der Gesellschaft (vgl. Horkheimer/ Adorno 1997; Bott 1998), in der die Symbolik und Logik des Sports im Sinne von Ellenbogenmentalität, also u. a. von Leistung, Effizienz und Durchsetzungsvermögen, als Teil einer inkorporierten Wachstumslogik auf unterschiedliche Lebensbereiche übertragen wird: die Symbolhaftigkeit des Fußballs als Trainingsfeld für Statussicherung im Neoliberalismus. Das passiert im Verbund mit sich scheinmodernisierenden „alten Werten“ (hier handelt es sich um einen direkt aus der Fan- und insbesondere Hooliganszene entlehnten Begriff zur vereinfachenden Zusammenfassung neokonservativer Wertmuster ), also z. B. Elementen von hegemonialer Männlichkeit, Klassismus bzw. Sozialchauvinismus, Autoritarismus und Überlegenheitsdenken - auf der Folie von Halt, Bindung und Selbstbeweisung über Gemeinschaft in der Masse. Diese sich wie zu einem Gebräu vermengenden Denkmuster sind auch ein Schmiermittel für „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (vgl. Heitmeyer 2007) und als Wissensarchiv der Abgrenzungs- und Durchsetzungsformeln in den Menschen auf unterschiedlichen Niveaus sozialisiert und abrufbereit. Die vielseitige Aufladung des Fußballs innerhalb seines Regelsystems aus Befehl, Strafe und Gehorsam zu einem binären, häufig abwerten- 262 uj 6 | 2014 Fußballfans: die Ultras den, aggressiv ausgelegten Figurationensystem von Wir und die Anderen prägt weiterhin auf subtile Weise den Diskurs. Dieses Konstrukt verstärkt sich in der wettbewerbs- und leistungsfixierten Teamordnung auf dem Feld und auch territorialisiert über die Fankurven. Eine einerseits ritualisierte, andererseits (gruppen-) dynamische soziale Performanz des Wir und die Anderen verfestigt sich in der erfundenen, historisch betrachtet noch sehr jungen Halbwelt des Fußballs und seiner Fankulturen. Die Ultras als Reaktion auf die Gentrifizierung In Anbetracht der größten deutschen Fanvereinigung Unsere Kurve und des Gesamtaufkommens der Stadionbesuchenden bilden Ultras als Teil organisierter Fanszenen in Deutschland eine quantitativ eher kleine Gruppe. Dennoch können sie als Gradmesser, z. T. gar als Seismograf für den gegenwärtigen Entwicklungsprozess von Fußball-Zuschauerzusammensetzungen und ihrer Ausdrucksweisen gelten (vgl. Verma 2006; Pilz u. a. 2006; Gabriel 2009; Gabler 2009 und 2010; Sommerey 2010). Dies wird deutlich, wenn die Ultras vor dem Hintergrund der Gentrifizierung des Fußballs und des moralpanischen Sicherheitsdiskurses betrachtet werden. Die in den 1990er Jahren aufkommenden, sich grob zwischen 13 und 40 Jahren bewegenden Ultras in Deutschland sahen sich eo ipso zunächst primär als eine intrinsisch motivierte Reaktion auf stagnierende Hingabe und die leidende Stimmung in den Stadien. Mehr als ihre Vorgängerszenen bildungsbürgerlich geprägt (vgl. Gabriel 2009, 38), entwickelten sie „eine immer größere Sensibilität für ihre eigene Anwesenheit“ (Pilz/ Wölki 2010, 7), die viel mit dem Verlust von identitätsstiftenden Angeboten der Vereine und einem damit einhergehenden, romantisierenden Wunsch nach Authentizität, nach einem Rückzugsort gegen die empfundene Auflösung sozialer Milieus und stringenter Biografieverläufe zu tun hat. Während die Bundesligen boomen, hat Kommerzialisierung „ein Vakuum an lokaler Identität geschaffen“ (FAZ, 29. 9. 2011). Die erheblich vom Wandel ergriffenen Vereine können den Wunsch nach einem Konstrukt von Authentizität, nach etwas Höherem als das Selbst nicht mehr so bündeln wie noch am Anfang der Geschichte ihrer Zuschauerkulturen (vgl. Lindner/ Breuer 1978, 89ff ). Das Bedürfnis von Fußballfans nach Identifikation mit einem Stammverein ist weiterhin stark ausgeprägt. Während Spieler und Trainer kommen und gehen, bleiben die Ultras. Sie erheben sich deswegen selbst zum Leitbild und können somit als ein indirektes Produkt einhergehender Entfremdungstendenzen, des sukzessiven Wandels von Vereinen zur Marke im Spannungsfeld von o. g. „alten“ und antidiskriminierenden Werten begriffen werden. Ultras: Erfindung von Gruppe und Gemeinschaft Das Gefühl von Halt und Bindung in einer Gemeinschaft sowie „Stimmung gestalten“ und „Emotionen erleben“ sind stets die zuerst genannten Antriebsmittel von Ultras. Dies funktioniert über ein empfundenes Aufgehen in der Masse und die Entladung über gemeinschaftliche Rituale als erfahrenes Emotionserleben. Ultras bedienen sich hierbei des Konstruktes einer kollektiven Identität (vgl. Riedl 2006, 158ff ). Diese Idee bzw. Illusion einer kollektiven Identität ist diffus, ja simuliert, da sie in inkohärenter Weise einen Nebel aus Vereins- und Selbstbild bedeutet: „Da es sich um kommunikativ erzeugte Identitäten sozialer Systeme oder anderer sozialer Zusammenhänge handelt“, so Riedl, „ist auch klar, dass die Mitglieder, die sich mit diesen Systemen identifizieren, weder identisch mit der kollektiven Identität sind noch ihre individuelle Identität völlig aufgeht“ (Riedl 2006, 159). „Nach innen wird Gemeinschaft vor allem durch die Kommunikation von Solidarität, Nähe, Loyalität, Reziprozität 263 uj 6 | 2014 Fußballfans: die Ultras erzeugt. Dadurch entstehen sich intern stabilisierende Erwartungsbündel und eine Grenze nach außen“ (Riedl 2006, 163). Für das Individuum ist davon auszugehen, dass mit dieser Konstruktion die Idee einer gesellschaftskompensatorischen, kathartischen Funktion verbunden ist (vgl. Endemann/ Dembowski 2010, 23). Die Möglichkeit der Entladung ist laut Elias Canetti „der wichtigste Vorgang, der sich innerhalb der Masse abspielt“ (Canetti 2003, 16), in der alle Individuen ihren Trotz in fiktiver Gleichheit (vgl. ebd., 63) empfinden wollen. Eine stadionbzw. fangruppenübergreifende Öffentlichkeit, in der man sich dazu exponiert bewegen kann, bildet dabei einen grundlegenden Repräsentationsrahmen. Die Repräsentation der Gruppe nach außen und die Reproduktion der Binarität des Fußballs mit Wir und die Anderen mit eigenen Symbolen sind konstituierende Elemente. Ultras fallen durch ein ausgeprägtes, identitäres Gruppendenken mit einem stets innewohnenden Freund-Feind-Schema auf, parallel zur Binarität des Fußballs und seiner Struktur aus Strafe - Befehl - Gehorsam. Im Zusammenhang mit der Abgrenzung und dem Verteidigen der eigenen Gruppe und ihrer Symbole (Schals, Banner, Territorium) gehören einerseits Ehre, Stolz, Würde und Ruhm der eigenen Gruppe genauso dazu wie andererseits Partizipationsideen, „Solidarität, Respekt, Toleranz, Selbstreflexion, Ehrlichkeit und Hingabe“ (Gabler 2010, 187). Konstruktivistisch verdoppeln die Ultras Gegenwart und Gemeinschaft (vgl. Becker/ Pilz 1988, 38f ). Eine solche Gruppenkohäsion kann für viele Mitglieder zum Lebensmittelpunkt bzw. zentralen Lebensinhalt werden (vgl. Linkelmann/ Thein 2011, 50). Mehr als spezifische Fankulturen zuvor postulieren sie die Idee „Ultra“ als Lebensstil und -gefühl, als Familienersatz, als Liebe zu ihrer Idee vom Verein. Entsprechende Formulierungen tauchen immer wieder in Erklärungen zum Selbstverständnis der meisten Ultragruppierungen in Deutschland auf. Was die Ultras dabei eint, ist der Wille zur betonten Inszenierung der eigenen Gruppe und des dazugehörigen Fußballklubs. Angesichts der akribischen Vorbereitung und des Timings von (Massen-)Choreografien, Bannern und sogenannten Doppelhaltern, Sprechchören, der illegalen Pyrotechnik, des Material- und Kostenaufwands, der Online-Vernetzung z. B. über Foren und Fanzines übertreffen sie in ihrer Hingabe, aber auch im Willen, Zeit und Geld zu investieren, die vorangegangenen Fan- und Stimmungskulturen in deutschen Fußballstadien. Ultras mieten Hallen zur Vorbereitung von Massenchoreografien, betreiben eigene Jugendräume, sammeln Gelder für wohltätige Zwecke, organisieren Auswärtsfahrten und Fanturniere, helfen sich bei der Bewältigung des Alltags z. B. durch Nachhilfeunterricht und Bewerbung-Schreiben, bewegen sich mit inklusiven Aktionen auf Geflüchtete zu, sind bedeutend zur zumindest vordergründigen Durchsetzung eines antirassistischen Kontextes in zahlreichen Ultragruppen etc. Zwar gibt es in einigen Gruppierungen auch antinationale, antihomophobe, gar antisexistische Bemühungen. Solche Bemühungen stehen aber in einer Hierarchie von Diskriminierungsformen hinter den antirassistischen, besonders in Anbetracht von subtilen Formen von Sexismus und der Bestätigung hegemonialer Männlichkeiten. So wird sich sichtbar traditionsbewusst hinter eine eigene Idee des Vereins gestellt und von derb bis ironisch-distanziert das gegnerische Team und dessen Fans begrüßt. Darüber hinaus haben Ultras als kritische Masse parallel ein instrumentelles Verhältnis zum Verein entwickelt (vgl. Gabriel 2009, 39). Sie inszenieren patchworkhaft mit eigenen jugend- und protestkulturellen Ansprüchen in erster Linie sich selbst (vgl. Verma 2006, 106). Ultras basteln sich ihre Leitbilder selbstreferentiell zusammen, wenn Gesellschaft bzw. der Fußball keine adäquat ausfüllenden (mehr) anbieten. 264 uj 6 | 2014 Fußballfans: die Ultras Im Hinblick auf die langfristige Entwicklung des Individuums sind sich Forschende und Szenebeobachtende zum größten Teil einig, dass Ultragruppen durchaus Elemente des Erlernens demokratisch-partizipatorischer Prozesse und einer Entwicklung von Skepsis und gesellschaftskritischem Hinterfragen befördern. Parallel bestätigen sie jedoch das Fankulturenumfeld als Einübungsfeld hegemonialer Männlichkeiten, von Gewaltakzeptanz und anderen Versatzstücken der o. g. „alten Werte“ mit entsprechenden, z. T. aufgabenspezifischen Hackordnungen, in denen Frauen - besonders in exponierten Positionen - stark unterrepräsentiert sind. Ultras setzen sich eigene Regeln, die reformierbar und von Gruppe zu Gruppe durchaus unterschiedlich sein können. Die Wichtigkeit, eigene Regeln zu finden, liegt z. T. begründet im ausgeprägten - v. a. bei Jugendlichen und jungerwachsenen Menschen üblichen - intrinsisch motivierten Aufrührergestus, der zunächst nicht unbedingt an einer politisch klar definierten Motivation ausgerichtet sein muss. Eingebettet in das System der Hackordnungen und das Geflecht hegemonialer Männlichkeit war und ist es besonders für die wenigen Frauen immer schwer, in den fankluborientierten Szenen eigene (Gruppen-)Identitäten zu entfalten. Frauen galten oft als Anhängsel. Bis heute müssen sie - wie auch junge Männer - durch die diskursive Schule hegemonial männlich vorgeprägter Fanstrukturen, um sich zu etablieren. Mit dem Unterschied zu Männern, dass Frauen meistens Fans auf Bewährung bleiben: Ihr Interesse droht ständig auf der Folie einer konstruierten Authentizität hinterfragt und überprüft zu werden. Im Gegensatz dazu steht die „patriarchale Dividende“ (Connell 2006, 100) der Männer, deren Interesse für den Fußball als naturalisiert gilt. In zahlreichen Fanklubs gab es Aufnahmestopps für Frauen, und bis heute werden Frauen aus paternalistischem Schutzdenken heraus und wegen des Gruppenansehens bei den sogenannten Ultramärschen zum Stadion immer mal wieder aus den vorderen Reihen verbannt. Dennoch fügen sich zahlreiche Frauen heutzutage nicht mehr in eine ihnen zugetragene, potenzielle Opferrolle. In organisierten Fanszenen versuchen sie mit unterschiedlichen Herangehensweisen klassische wie subtile (Hetero-) Sexismen zu enttarnen und Alternativen zu schaffen (vgl. Sülzle 2011). Sie besetzen den Ort Fußball zunehmend selbstbewusst, während sie je nach Situation weiterhin auf sozial konstruierte Zuschreibungen wie Mildtätigkeit und Friedfertigkeit, zur„Mutter der Kompanie“ oder zum Sexualobjekt reduziert werden können. Somit bleiben Ultras in ihrer Entwicklung insgesamt betrachtet stets ambivalente Gruppen, die konservative Werte und Traditionsbewusstsein einbinden können. Die interne Gruppenhierarchie setzt vor allem auf die Einschätzungen sich verdient gemachter, erfahrener Gruppenmitglieder, mitunter in einem personell beschränkten „dirretivo“ als Leitstab. Dabei ist es wichtig, dass die einzelnen Meinungen in das Plenum eingebracht und diskutiert werden können, was einer gefühlten Gleichberechtigung bzw. Parität untereinander gleichkommt. Da aber davon ausgegangen wird, dass letztlich die eigenen Gruppenmitglieder„das Gleiche fühlen“ und„für den Verein das Beste“ wollen (Linkelmann/ Thein 2011, 44), wird nach außen stets der Gruppenkonsens verteidigt. Linkelmann und Thein zitieren einen Ultra: „Ultra ist für mich persönlich einfach die kompromisslose Loyalität gegenüber der Gruppe. Was aber nicht heißen soll, dass man eigene Meinungen … deswegen aufgeben muss … Sondern man … macht das praktisch automatisch, dass man hier und da sein eigenes Ding so ein wenig zurückfährt, …um eben der Gruppe einen eigenen Antrieb oder in einer bestimmten Situation ein besseres Standing etc. zu geben. Also die gnadenlose innige Liebe zur Gruppe“ (ebd.). Die vielfältig unterschiedlichen, indifferenten Einstellungen einzelner Ultras (vgl. Linkelmann/ Thein 2011; Gabler 2010) zeigen, dass dieses„Gleiche“ eine manifeste, nahezu leerformelhafte Annahme ist, die nicht näher überprüft bzw. reflektiert wird. 265 uj 6 | 2014 Fußballfans: die Ultras Während soziale Aushandlungsprozesse, Selbstregulierungsmechanismen, Self-Empowerment und die Ausdrucksformen von Ultras sich in einem ständigen Fluss befinden, bleiben die Strukturen androzentrisch geprägt, bis hin zu scheinmodernisierten Männlichkeitstrends (vgl. Dembowski/ Bott 2006, 218ff ), die z. B. als „weiche“ assoziierte Männlichkeitsformen integriert sind. Diese Scheinmodernisierung funktioniert über die Hinzufügung einer Facette in der Angebotspalette von „Männlichkeiten“, die in unterschiedlichen Kontexten geswitcht werden können. Trotz Berücksichtigung der Existenz und Bemühungen von Frauen in Ultraszenen kann konstatiert werden, dass die Ultrabewegung ihrem Wesen nach eine genuin, im tradierten Sinne männliche ist. Zur Wertepermutation der Ultras „In vielen Städten - unabhängig von der Lizenzzugehörigkeit - ist ohne weiteres der Eindruck zu gewinnen, dass die Ultras die zur Zeit größte und attraktivste jugendliche Subkultur darstellen und immer mehr fußballferne Jugendliche, die die über den Fußball hinausgehenden kulturellen Ausformungen der Szene attraktiv finden, sich den Gruppen anschließen“ (Gabriel 2009, 39). Auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung konstatiert: „Ultras haben sich zu einem bedeutenden Teil der deutschen Jugendkultur entwickelt, sie haben sich längst von den Interessen der Vereine gelöst und verfolgen ihre eigenen Ziele“ (FAZ, 29. 9. 2011), die sie im Gegensatz zur kommerziellen Tendenz der Vereine als die ursprünglichen des Fußballs postulieren. Um die Intensität ihres dahin gerichteten Supports und den so erwünschten Zusammenhalt vor sich selbst rechtfertigen zu können, entsteht ein„Fetischismus des verlorenen Objekts“ (Baudrillard 1982, 113f ). Ultras berufen sich auf längst im Zerfall befindliche Vereinsrealitäten, auf Ideen von Tradition und fanhistorischem Herkunftsbewusstsein. In Überhöhung und Verklärung der eigenen historisch außerordentlich kurzen Vereinsgeschichte kritisieren sie insbesondere sogenannte „Retortenklubs“ wie VfL Wolfsburg, TSG 1899 Hoffenheim oder RB Leipzig und positionieren sich „gegen den modernen Fußball“ - womit sie den postmodernen Fußball und seine Gentrifizierung seit 1992 meinen. Sie mahnen diesen Werteverfall nicht nur an, sondern versuchen, der eigenen Gruppe die damit positiv erhaltenen Werte unter postmodernen Vorzeichen selbst aufzuerlegen. In der Überhöhung solcher Werte sehen sie sich als wahre Hüter von Stimmung und Tradition im Fußball. Sie ziehen sich Personen als Helden und Erfolgsdaten mit Heldenstatus aus der Vereinsgeschichte heran und halten sie - im wahrsten Sinne des Wortes auf Bannern - dem Team und dem Verein vor. Im Verlauf der Ultra- Geschichte hat es sich zu einem Hauptaugenmerk entwickelt, dass sie den Vereinen und Verbänden auf vielerlei Art und in unterschiedlichen Situationen zu verstehen geben, dass diese ihr identifikatorisches Potenzial zunehmend verspielt haben. Ultras sind ein vorläufiges, posttraditionelles Ergebnis (vgl. Klein/ Meuser 2008, 9ff ) eines Abnabelungsprozesses des Fußballs von seinen Fans. Sie tun alles für den Verein, so wie sie ihn sich in ihrem Identitätskonstrukt eklektizistisch zusammenbauen. Dabei sind rabiat wirkende Unmutsäußerungen verbaler und physischer Art nie so angelegt, dass sie die Erfindung der Fan-Identität, des Konstrukts des eigenen und des anderen Vereins sowie eine Sicht auf Fußball als etwas Richtiges im Falschen generell umwerfen. Im Vergleich zu früheren Phänomenen der Zuschauerkulturen hat die Abfolge der Ultragesänge im Stadion oftmals nichts mit dem eigentlichen Spielgeschehen auf dem Rasen zu tun. Der Vorsänger, genannt Capo, sitzt auf dem Zaun, demonstrativ mit dem Rücken zum Spielgeschehen. „Wichtiger“ als die Begeisterung für den Fußball, so Jonas Gabler, „ist vielmehr ihre eigene Leistung: Wie gut war die Choreografie? 266 uj 6 | 2014 Fußballfans: die Ultras Wie laut, kreativ und ausdauernd war der Support? “ (Gabler 2010, 56). Auch in der Dokumentation „Gate Eight. Fußball im Gleichgewicht - Ultras Nürnberg“ von Christian Mößner verdoppelt ein Ultra Leistungs- und Wettbewerbsgedanken: „Wir können den Verein erst kritisieren, wenn wir selbst unsere Leistung gebracht haben“ (youtube.com, 5. 10. 2011). In seltenen, öffentlich gern überbetonten Fällen kommt es zum Platzsturm durch einige Wenige oder zur Einschüchterung von Spielern durch symbolische Aktionen, zu Busblockaden und direktem Zur-Rede-Stellen. Bei Dynamo Dresden hoben z. B. Fans des Nachts elf Gräber auf dem Stadionrasen aus, um Leistung anzumahnen. Hinzu kommt, dass das Songrepertoire bereits bei Vortreffen abgestimmt werden kann. Am Ende kann dem Verein die symbolische, so gut wie nie eingelöste Warnung suggeriert werden, die Ultras auf einem Banner einmal klar formulierten: „Wir könnten auch ohne euch! “ Linkelmann erklärt, „dass wir es mit einer Jugendkultur mit eigentlich konservativen Werten zu tun haben“ … „Freundschaft ist ein zentraler Wert, dazu kommt ein stark ausgeprägter Heimatpatriotismus: für unsere Mannschaft, für unseren Verein, für unsere Stadt, für unsere Gruppe“ (zit. nach FAZ, 29. 9. 2011). Was Ultras eint, ist ihre territorial (selbst-)bestimmende Ausrichtung, da die Manifestation von Orten - einer gefühlten Region, der sich ein Ultra zugehörig fühlt - zumindest in ihrem Etikett ein unveränderliches Kennzeichen ist. Auch wenn Vereine ständig ihre personelle Zusammensetzung, die Trikotfarben oder das Klubwappen ändern, wenn ein Stadionname durch das Werbeinteresse von Konzernen mehr als nur einmal gewechselt oder gar ein neues Stadion für den eigenen Verein in einem anderen Stadtteil errichtet wird: Die Stadt mit ihren identitär von den Ultras angeeigneten, z. T. überhöhten Merkmalen bleibt am gleichen Fleck. Als personifiziertes Pendant dazu gestalten sich die Ultras. Dabei kann es zu einem regelrechten Pfadfinderismus kommen: Ultras anderer Städte wird angesagt, an welchen Orten der gegnerischen Stadt sie sich besser nicht sehen lassen sollten. Auch jenseits von Spieltagen werden Ultras anderer Städte in der Öffentlichkeit von heimischen Ultras aufgefordert, ihre ultraaffine Kleidung, die eine Anhängerschaft zu einem „falschen“ Verein kennzeichnet, abzulegen. Wird die eigene Fahne gestohlen, sollte sich die ihrer „Ehre“ und ihrem Identitätskern bestohlene Gruppe auflösen. Über die Erfindung einer eigenen „Community“ mit eigenem Leistungssystem - also im vielschichtigen Wettstreit mit anderen Ultras - eignet sich eine Ultragruppe den Fußball konstruktivistisch an: Sie erfindet für sich den Verein neu. Eine Ultragruppe bildet also eine Gemeinschaft gegen einen unscharf definierten „modernen Fußball“ und stellt ihre ausdiskutierten Regeln gegen die der etablierten, definitionsmächtigeren Ordnung. Ultras sind also nicht nur eine Reaktion auf, sondern auch ein symbolisches Aufbäumen gegen die übermäßige Kommerzialisierung (vgl. Klein/ Meuser 2008, 11), ein möglicher Seismograf, der präsente und zukünftige Gefahren der Profitmaximierung ausmalen kann. Aspekte der Ultras als „Temporäre Autonome Zone“ Ultras formieren eine sozial-evolutionäre Jugendsubkultur. Sie agieren mal mehr und mal weniger bewusst mit dem Gespür für und dem Wissen um unterschiedliche Fan-, aber auch Jugend(sub)kulturen. So wird die eigene Existenz eingebettet in das soziale Wissen um die Kultur- und Gefühlsgeschichte der Jugendbewegungen. Wie eine Jugend(sub)kulturmaschine können Ultras bedürfnisorientiert fließend neue Erscheinungsformen und Aussagen aufgreifen und z. T. ungeachtet von klassisch politischen Schubladen in ihre Formierung als Gruppe einarbeiten. Auch das Phänomen, dass sich auf den Rängen seit Langem Fußballinte- 267 uj 6 | 2014 Fußballfans: die Ultras ressierte aus unterschiedlichen Jugendkultursegmenten individuell mischen und es spätestens seit Anfang der 1970er Jahre Anleihen in der Pop- und Schlagermusik gibt, entwickeln die Ultras erheblich weiter. Ultras nehmen stilbewusst Anleihen z. B. im Hip-Hop, im Punk, in der Graffiti-Szene, in Gangkulturen, gar in Wechselwirkung mit Ausdrucksformen von Teilen der autonomen Linken genauso wie der „Autonomen Nationalisten“ (vgl. Suermann 2011). Vielerorts formulieren Ultras also eine Art Crossover aus Jugend(sub)kulturen, der in Form und Inhalt wandlungsfähig sein kann. Es herrscht ein regelrechter Update-Druck: Wer die brandneuen Choreografien, diversen Vorfälle bei Spielen und die entsprechenden Online-Foren-Diskussionen über all das stets verfolgt, ist gut dabei. Mit dem Blick auf ihre ausgeklügelte Organisation kann von einer Professionalisierung und einer hoch technisierten Jugendkultur gesprochen werden. Die aus anderen, jüngeren Jugend(sub)kulturen bekannten Kategorien „Fame“ (Ruhm im Hinblick auf den Ruf ) und „Respekt“ sind im Fußballumfeld sichtbarer hinzugekommen. Ultragruppierungen haben „Respekt“ für die beeindruckende Choreografie oder das soziale Engagement von ansonsten als Kontrahenten definierten Fangruppen, solange das eigene Territorium nicht entehrt wird. Entehrung über Schal- und Bannerklau sowie ein Betreten symbolisch aufgeladener Orte - durchaus mit körperlichen Auseinandersetzungen und gezielten Überfällen auf andere Ultragruppen - gehören inzwischen zum Identitätsrepertoire von Ultras. Der Einsatz von illegaler Pyrotechnik im Stadion unterstützt den Gestus einer solchen Gruppeninszenierung. Sie ist Teil einer männlich-geprägten, tribalistisch-territorialen Repräsentanz und symbolischen Eroberung des gegnerischen Terrains. So genannte „Pyros“ sind das Signal, dass man präsent und wirkungsvoll bereit zum „Support“ des eigenen Teams und der eigenen Gruppe ist. Es ist eine symbolische Drohung, dass man den „Support“ eindrucksvoller gestalten wird als die gegnerische Gruppe in der Fankurve gegenüber. Da vor allem auswärts gezündelt wird - nicht nur, weil man dort weniger fürchtet, vom Ordnerdienst aufgegriffen zu werden -, ist es ebenso eine Entweihung der gegnerischen Arena, eine Demonstration, dass man es geschafft hat, das illegale Material trotz hoher Sicherheitsstandards hereinzuschmuggeln. Im öffentlichen Sicherheitsdiskurs hat sich die „Fackel“ von allen Seiten symbolisch überhöht aufgeladen, besonders in der bis zum 12. 12. 2012 gipfelnden Moralpanik entlang des DFL-Papiers „Sicheres Stadionerlebnis“. Ultras befürchteten mit viel Pathos das Ende der Fankultur und leiteten unter dem Motto „12 : 12 - Ohne Stimme keine Stimmung“ den wohl weitläufigsten Fanmassenprotest in der Geschichte des Fußballs an. Soziale Evolution in jugendaffinen Protestformen bedeutet in Ultragruppen, sich reaktiv, pro-aktiv mit dem Bestehenden auseinanderzusetzen, um Entwicklung zu gewährleisten. Dabei werden zwangsläufig Spielräume geltender Normen ausgelotet, Gewaltförmigkeiten sind inhärent, auch aufgrund der eigenen Einbindung in gesellschaftliche Machtverhältnisse und die Reproduktion der Macht, z. B. durch eigene Hierarchiekonstrukte, aufgrund der Fortschreibung hegemonialer Männlichkeiten sowie der Zementierung eines Wir und der Anderen. Äquivalent zur Heterogenität der Ultraszenen in Deutschland ist ihr Gewaltbegriff uneinheitlich bzw. ambivalent (vgl. Sommerey 2010, 130). „Es gibt praktisch keine Ultragruppe, die der Gewalt grundsätzlich abschwört“ (Gabler 2010, 124) oder sich ausreichend von gewaltaffinen Mitgliedern distanziert. In zahlreichen Ultragruppen haben sich sogenannte „Ackergruppen“ herausgebildet. In zahlenmäßig minimaler wie loser Zusammensetzung lösen sie sich im Stile einer Arbeitsgruppe regelmäßig aus den hauptsächlichen Ultrakontex- 268 uj 6 | 2014 Fußballfans: die Ultras ten heraus, um sich z. T. auch unabhängig von Spielen zu körperlichen Auseinandersetzungen mit Gleichgesinnten aus anderen Ultragruppen in beiderseitigem Einverständnis körperlich gewalttätig zu messen. Zwischen 2012 und 2014 lässt sich für zahlreiche Ultragruppen sagen, dass Reflexion über die eigene Positionierung zur Gewalt eher nachgelassen hat. Zusätzlich hat sich gegenseitig ein Feindbild Polizei - Ultras bzw. Ultras - Polizei hochstilisiert, sodass fortlaufende Dialoge und Konfliktschlichtungen bis 2014 erheblich schwieriger geworden sind. Wenn Ultras und Polizei in brenzliger Situation zusammentreffen, können sich besonnene Ultras mit gewaltaffinen solidarisieren - so wie es ebenso die Polizist*innen innerhalb ihrer Gruppe tun. Definitionsohnmächtig gegenüber einer als entfremdend empfundenen Kommerzialisierung des Fußballs mit seinen immer wenigeren Identitätsangeboten entwickelte sich bei der Mehrheit der Ultras eine „resistance identity“ (vgl. Hagedorn 2008, xxvii ff ) mit organisierter Provokation als sozialer Technik. In der „resistance identity“ erleben Ultras ihre gewaltförmigen Ausprägungen im Hinblick auf die Polizei gegensätzlich zu den Hooligans als reaktiv. Während bei den Hooligans Gewalt eher als überzeichneter Ausdruck von Leistung, Effizienz und Utilitarismus zu werten ist, formiert sie sich in den situativen Ausbrüchen von Ultras eher als Ausdruck der als überzogen empfundenen Kommerzialisierung mit ihrer einhergehenden Freiraumbedrohung und dem Erleben von Polizeieinsätzen als empfundene Willkür und Repression. Während Hooligans die Polizei als gegeben akzeptierten und auf einer hegemonial männlichen Ebene respektierten, nehmen Ultras eine politische Protesthaltung gegenüber der Polizei ein und kritisieren organisiert polizeiliche Vorgehensweisen. Ultragruppen werden in der öffentlichen Debatte zu „folk devils“ (Stanley Cohen) stigmatisiert, obwohl die Fallzahlen gegenseitiger so genannter „Fangewalt“ im Promillebereich liegen. Dies führt zu einer Atmosphäre, in der Ultras sich als gemachte Störenfriede bestätigt fühlen können. In diesem Zusammenhang sollten gewaltförmige Provokationen gegen die Polizei auch als gruppenhistorisch eingeschriebene Reaktionen auf die rigide Wahrnehmung durch und Erfahrungen mit der Ordnungsmacht sowie gegenseitige Kommunikationsdefizite analysiert werden. Auch wenn sich Ultras nach außen weitgehend von den so genannten Kuttenfans und Hooligans abgrenzen lassen: Betrachtet man frühere Studien und Feldbeobachtungen der sozialpädagogischen Fanprojekte und Forschenden im Fanbzw. Kuttenfanmilieu, lässt sich feststellen, dass Ultragruppierungen deren wesentlichen Elemente in Sachen Reise oder Kleidung aktualitäts- und nutzenbezogen fortentwickeln und in Sachen Protestkultur (vgl. Dembowski 2004) lediglich eloquenter formulieren sowie aktiver und mit mehr Traute vorbringen. In vielerlei Hinsicht sind sie eine sozial-evolutionäre Quintessenz aus vorangegangenen Fanstilen. Hinter dem sich radikal gebärdenden Habitus bzw. Widerstandspotenzial der Ultras geht es nicht darum, Hierarchien aufzulösen und durch ein herrschaftsfreies Modell zu ersetzen. Langfristig geht es ihnen darum, das System, dem man sich unter hegemonial männlichen Trends grundsätzlich unterwerfen will, partizipatorischer und lebensweltnaher zu gestalten. Es handelt sich nicht um revolutionäre Ideen, sondern um Rebellion, die wohlportioniert am Spieltag ihr scharmützelndes Ventil findet. Dadurch, dass Ultras sich jedoch die ganze Woche über mit den entsprechenden Themen frei gewählt beschäftigen und ihr Auftreten diesbezüglich detailliert vorbereiten und über reflektierende Momente weiter entwickeln, können sich bleibende, skeptische, hinterfragende Charakterelemente - also grundlegende Bestandteile einer gelebten Demokratie - als Extrakt aus dieser lebensphasebezogenen „resistance identity“ (vgl. Hagedorn, xxvii ff ) für den weiteren Lebensverlauf festigen. 269 uj 6 | 2014 Fußballfans: die Ultras Im Sinne von Elias Canetti können die Ultras als eine Spielart, als eine sublimierte Form der„Verbotsmasse“ (vgl. Canetti 2003, 62ff ) betrachtet werden: „Alle weigern sich zu tun, was eine äußere Welt von ihnen erwartet … An der Bestimmtheit ihrer Weigerung ist ihre Zusammengehörigkeit zu erkennen. Das Negative des Verbots teilt sich dieser Masse vom Augenblick ihrer Geburt an mit und bleibt, solange sie besteht, ihr wesentlichster Zug.“ Sublimiert insofern, als dass ihr sich weigernder Charakter und das damit zusammenhängende Leiden und Sich-Ausgegrenzt-Fühlen ein selbst erwählter Zustand ist. Andere benachteiligte Gruppierungen in der Gesellschaft und z. B. Jugendgangs in Südamerika oder in den USA sind Reaktionen auf existenzielle, soziale Ausgrenzung und Diskriminierung im Alltag. Der Protest von Ultras folgt nicht einer Bedrohung ihrer sozialen Existenz oder gar ihres Lebens als Menschen. Außerhalb des Fußballs können sie als vorwiegend Weiße, autochthone Männer - zahlreich aus der bürgerlichen Mittelschicht - erheblich weniger benachteiligt als manch andere marginalisierte Gruppe in ihrem Alltag in Deutschland existenziell unbedroht leben. All die o. g. Merkmale verdeutlichen: Es macht Sinn, Ultras weniger als eine Gruppe, sondern vielmehr als „temporäre autonome Zone“ (Hakim Bey) zu begreifen. Ultras lernen anlass- und tendenzbezogen, auf ihr Äußeres adäquat zu reagieren und neue und alte Formen zum Erhalt ihrer„Freiheit“ einzuspielen. Bliebe man bei den eingeführten, seit jeher stark verkürzenden Polizeikategorien, die Fans einteilen in A (konsumorientiert), B (vereinszentriert und situativ zur Gewalt neigend) und C (erlebnisorientiert, Hooligan), so könnte man sagen, die Verteilung dieser Kategorien bildete sich innerhalb einer Ultragruppe noch einmal wie unter einem Brennglas als Mikrokosmos ab. Ultragruppen können Masken je nach Tagesform und auf die Außensituation reagierend wechseln - z. T. können das ihre einzelnen Mitglieder als Individuen. Ultras haben gelernt, sich in ihrem Auftreten und Verhalten kreativ zu verformen, können positiv wie negativ verstärkend - wie das innere Rädchen eines Kugellagers adäquat auf die Bewegungen des äußeren Rades - auf die funktionstragenden Institutionen wie Verein, DFB und DFL, Politik und Polizei innovativ reagieren und sie teilweise antizipieren. So gesehen bleibt der Weg organisierter Fanszenen mit Ultragruppen als seismografischer Faktor in der Zukunft ein weiterhin wandelbarer. Gerd Dembowski Leibniz Universität Hannover Institut für Sportwissenschaft Moritzwinkel 6 30167 Hannover gerd.dembowski@sportwiss.uni-hannover.de Literatur Baudrillard, J. (1982): Der symbolische Tausch und der Tod. Matthes und Seitz, München Becker, P./ Pilz, G. A. (1988): Die Welt der Fans. Aspekte einer Jugendkultur. Copress, München Bey, H. (1994): T.A.Z. Die Temporäre Autonome Zone. Edition ID-Archiv, Berlin/ Amsterdam Bott, D. (1998): Schweiß, Blut und Tränen. In: Bott, D., Chlada, M., Dembowski, G. (Hrsg.): Ball & Birne. Kritik der herrschenden Fußballkultur. VSA-Verlag, Hamburg, 63 - 69 Bourdieu, P. (1998): Über das Fernsehen. Suhrkamp, Frankfurt am Main Canetti, E. (2003): Masse und Macht. 28. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main Cohen, S. (2002): Folk Devils and Moral Panics. The Creation of the Mods and Rockers. 3. Aufl. Psychology Press, London/ New York Connell, R. W. (2006): Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. VS-Verlag, Wiesbaden 270 uj 6 | 2014 Fußballfans: die Ultras Dembowski, G. (2004): Von Gorillas und Blockräumungen. Seit je her protestieren Fans gegen Repression. In: Bündnis Aktiver Fußballfans (Hrsg.): Die 100 „schönsten“ Schikanen gegen Fußballfans. Repression und Willkür rund ums Stadion. Trotzdem, Grafenau, 141 - 145 Dembowski, G., Bott, D. (2006): Stichworte zu Fußball, Männlichkeit, deutschem Nationalismus und Herrschaft. In: Kreisky, E., Spitaler, G. (Hrsg.): Arena der Männlichkeit. Über das Verhältnis von Fußball und Geschlecht. Campus, Frankfurt am Main/ New York, 218 - 234 Eggers, M. M., Kilomba, G., Piesche, P., Arndt, S. (Hrsg.) (2009): Mythen, Masken, Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. 2. Aufl. Unrast, Münster Elias, N., Scotson, J. L. (1993): Etablierte und Außenseiter. Suhrkamp, Frankfurt am Main Endemann, M., Dembowski, G. (2010): Die wollen doch nur spielen. Fußballfanszenen und Fußballvereine als Andockpunkte für neonazistische Einflussnahme im ländlichen Raum. In: Burschel, F. (Hrsg.): Stadt - Land - Rechts. Brauner Alltag in der deutschen Provinz. Karl Dietz Verlag, Berlin, 22 - 51 Gabler, J. (2009): Ultrakulturen und Rechtsextremismus. Fußballfans in Deutschland und Italien. Papyrossa, Köln. Gabler, J. (2010): Die Ultras. Fußballfans und Fußballkulturen in Deutschland. Papyrossa, Köln Gabriel, M. (2009): Eine Fankurve ohne Nazis und Rassisten - Möglichkeiten und Grenzen der sozialpädagogischen Fan-Projekte. In: Glaser, M., Elverich, G. (Hrsg.): Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus im Fußball. DJI, Halle, 35 - 52 Hagedorn, J. M. (2008): A World of Gangs. Armed Young Men and Gangsta Culture. University of Minnesota Press, Minneapolis/ London Heitmann, H., Klose, A., Schneider, T. (1995): Fußballfans - Mehr als nur ein Sicherheitsproblem. Aufsuchende Jugendarbeit der Fan-Projekte. In: Becker, G., Simon, T. (Hrsg.): Handbuch Aufsuchende Jugend- und Sozialarbeit. Theoretische Grundlagen, Arbeitsfelder, Praxishilfen. Juventa, Weinheim/ München, 183 - 195 Heitmeyer, W. (2007): Deutsche Zustände. Folge 5. Suhrkamp, Frankfurt am Main Horkheimer, M., Adorno, T. W. (1997): Anhang: Schema der Massenkultur. In: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. In: Adorno, T. W.: Gesammelte Schriften 3. Suhrkamp, Frankfurt am Main Klein, G., Meuser, M. (2008): Fußball, Politik, Vergemeinschaftung. Zur Einführung. In: Klein, G., Meuser, M. (Hrsg.): Ernste Spiele. Zur politischen Soziologie des Fußballs. Transcript, Bielefeld, 7 - 16 Lindner, R., Breuer, H. T. (1978): „Sind doch nicht alles Beckenbauers.“ Zur Sozialgeschichte des Fußballs im Ruhrgebiet. Syndikat, Frankfurt am Main Linkelmann, J., Thein, M. (2011): „Alles für den Club! “ Eine Feldstudie zu den„Ultras Nürnberg 1994“. Cuvillier, Göttingen Pilz, G. A. (2010): Fanarbeit und Fanprojekte - von der Repression zur Prävention, von der Konfrontation zur Kooperation. Geschichte und Perspektive einer gelungenen Zusammenarbeit. In: Deutsche Sportjugend (Hrsg.): 60 Jahre Deutsche Sportjugend. 14 Statements zu den Entwicklungen in den Jahren 2000 bis 2010. dsj, Frankfurt am Main, 89 - 100 Pilz, G. A., Behn, S., Klose, A., Schwenzer, V., Steffan, W., Wölki, F. (2006): Wandlungen des Zuschauerverhaltens im Profifußball. Hofmann, Schorndorf Pilz, G. A., Wölki, F. (2010): Übersicht über das Phänomen der Ultrakultur in den Mitgliedsstaaten des Europarates im Jahre 2009. Expertise für den Europarat. In: www.kos-fanprojekte.de/ fileadmin/ user_upload/ media/ regeln-richtlinien/ pdf/ ultras-in-europa-pilzwoelki-schumacher-17012010.pdf, 23. 3. 2014 Riedl, Lars (2006): Spitzensport und Publikum. Überlegungen zu einer Theorie der Publikumsbildung. Schorndorf. Sommerey, M. (2010): Die Jugendkultur der Ultras. Zur Entstehung einer neuen Generation von Fußballfans. ibidem, Stuttgart Sülzle, A. (2011): Fußball, Frauen, Männlichkeiten. Eine ethnographische Studie im Fanblock. Campus, Frankfurt am Main/ New York Suermann, L. (2011): Rebel without a cause. Der Diskurs um die „Autonomen Nationalisten“. In: Wamper, R., Kellershohn, H., Dietzsch, M. (Hrsg.): Rechte Diskurspiraterien. Strategien der Aneignung linker Codes, Symbole und Aktionsformen. Edition DISS, Münster, 166 - 193 Theweleit, K. (2004): Tor zur Welt. Fußball als Realitätsmodell. KiWi, Köln Verma, M. (2006): Kollektives Engagement„gegen den modernen Fußball“. Motive und Bedingungen für kollektives Handeln in Ultra-Gruppierungen. Diplomarbeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München. In: www.zfw.uni-dortmund.de/ wilkesmann/ fussball/ _publi/ Diplomarbeit_Ultras.pdf, 23. 3. 2014