unsere jugend
4
0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2014.art43d
4_066_2014_9/4_066_2014_9.pdf91
2014
669
„Und die Väter?“
91
2014
Dieter Fuchs
Klaus Baumann
"Jugendliche Schwangere und Mütter" sind wiederkehrende Themen in der Fachöffentlichkeit, jugendliche Väter kommen dagegen nur am Rande vor. Mit der Forschung über "jugendliche Eltern" und ihre Kinder wird die Aufmerksamkeit auf das triadische Geschehen gelenkt, bei dem die Väter mitspielen.
4_066_2014_9_0005
376 unsere jugend, 66. Jg., S. 376 - 383 (2014) DOI 10.2378/ uj2014.art43d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel „Und die Väter? “ Bewältigung von Entwicklungsaufgaben bei jugendlichen Eltern im Vergleich mit jugendlichen SchülerInnen „Jugendliche Schwangere und Mütter“ sind wiederkehrende Themen in der Fachöffentlichkeit, jugendliche Väter kommen dagegen nur am Rande vor. Mit der Forschung über „jugendliche Eltern“ und ihre Kinder wird die Aufmerksamkeit auf das triadische Geschehen gelenkt, bei dem die Väter mitspielen. von Dr. rer. soc. Dieter Fuchs Jg. 1939; Dipl.-Psych., freier Mitarbeiter im Arbeitsbereich Caritaswissenschaft und Christliche Sozialarbeit, Theologische Fakultät, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Prof. Dr. Klaus Baumann Jg. 1963; Arbeitsbereich Caritaswissenschaft und Christliche Sozialarbeit, Theologische Fakultät, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Jugendliche Eltern bilden eine Ausnahmegruppe unter Eltern. Über jugendliche Eltern und ihre Kinder gibt es keine umfassende Grundlagenforschung. Das Statistische Bundesamt registrierte im Jahr 2011 von insgesamt 662.685 Lebendgeborenen lediglich 2.936 Geburten jugendlicher Mütter bis 17 Jahre und 3.447 Geburten 18-jähriger Mütter. Gleichzeitige Angaben über jugendliche Väter sind nicht vorhanden. Zu finden ist eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA), in der die Lebenssituation jugendlicher Mütter mithilfe qualitativer Studien beschrieben und die Väter in einer späteren Phase der Forschung einbezogen wurden. Ähnlich wie in unseren Studien konnten die Väter nur schwer erreicht werden. Dafür kann es verschiedene Gründe geben: die Väter werden nicht von Anfang an einbezogen, sie werden selten wie die Mutter aufgeklärt und beraten, es kommt noch während der Schwangerschaft oder später zur Trennung. Ein gemeinsames Wohnen der Eltern ist aufgrund des Alters und der Einkommenslage erschwert, bei den Mutter-Kind-Einrichtungen bleiben die Väter vor der Tür, mitbedingt durch die Gesetzgebung, die eine gleichzeitige Förderung beider Eltern in einer gemeinsamen Wohnform nicht vorsieht (vgl. § 19 SGB VIII). Die Wahrnehmung der Anliegen der jugendlichen Väter und ihre Beteiligung in der gemeinsamen Erziehung werden durch ausgrenzende Vorurteile gegenüber den jugendlichen Vätern be- und verhindert. Dies schlägt sich auch im bisherigen deutschsprachigen Forschungsstand nieder (vgl. Bindel-Kögel 2006, 69). 377 uj 9 | 2014 Entwicklungsaufgaben jugendlicher Eltern Forschungsanliegen Welche Grundlagenforschung ist nötig, damit Konzepte zur gemeinsamen Förderung jugendlicher Eltern entwickelt werden können und welche rechtlichen Grundlagen sind dafür zu schaffen? Jugendlichen Eltern stellen sich zwei komplexe Herausforderungen gleichzeitig: Die Bewältigung ihrer eigenen Entwicklungsaufgaben als Jugendliche und die Bewältigung ihrer Aufgaben als Eltern. Sie stellen sich ihnen nicht - wie dies normalerweise geschieht - in zwei unterschiedlichen Lebensphasen, sondern gleichzeitig, und drohen zur Überforderung zu werden, zumal in Verbindung mit den ebenfalls involvierten Partnerschaftsfragen. Wir haben 2007/ 2008 mit dieser entwicklungspsychologischen Annahme schrittweise ein empirisches Forschungsprojekt mit qualitativen und quantitativen Elementen entwickelt, in dem die jugendlichen Väter und der internationale Forschungsstand zu jugendlichen Eltern berücksichtigt werden. Gefördert wird das Projekt vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft von 2008 bis 2013. Folgende Fragen sollten mit den Ergebnissen der Fragebögen des quantitativen Teils beantwortet werden: 1. Wie bewältigen jugendliche Eltern ihre Entwicklungsaufgaben als Jugendliche und gleichzeitig ihre Aufgaben als Eltern? Wie bewältigen sie den Alltag mit dem Kleinkind? Wie schätzen sie ihren Umgang mit dem Kleinkind und ihre Erziehung ein? Welche Wünsche haben sie? 2. Wie bewältigen jugendliche SchülerInnen aus den gleichen Landkreisen ihre Entwicklungsaufgaben? Welche Wünsche haben sie? 3. Wie unterscheiden sich die jugendlichen Eltern von den jugendlichen SchülerInnen? 4. Welche Hinweise zur Förderung von jugendlichen Eltern ergeben sich aus dem Vergleich beider Gruppen und welche weiterführende Forschung ergibt sich daraus? Die Fragebogenerhebung Die Daten zur Bewältigung von Entwicklungs- und Elternaufgaben wurden mithilfe eines eigens entwickelten Fragebogens erhoben. Für die Entwicklung des Fragebogens bildete der Begriff der Bewältigung einen Ausgangspunkt, wie ihn Inge Seiffge-Krenke 1995 definierte und Klaus Hurrelmann (2012, 78) verwendet. Die Definition von Bewältigung geht von der Wichtigkeit von Entwicklungsanforderungen an Jugendliche aus, die sie im Fragebogen mithilfe einer 5er-Skala einschätzen. Zugleich werden sie nach Belastungen und ihren Einschätzungen gefragt. In den Fragebogen sind Fragen zur Selbstwirksamkeit (vgl. Schwarzer/ Jerusalem 2002, 28ff ) integriert. Gefragt wird außerdem nach den Wünschen an sich selbst, an die Umwelt, welchen Rat sie allgemein anderen Jugendlichen geben und welche Zukunftswünsche sie selbst haben. In gleicher Weise wird nach den Wünschen bei der Vergleichsgruppe gefragt. Zusätzlich für die jugendlichen Eltern folgen Fragen, welche Zukunftswünsche sie an sich als Eltern haben und was sie sich für ihr Kind wünschen. Der Aufbau des Fragebogens dient der Klärung von Beziehungen und Belastungen. Erfasst werden Einschätzungen zur Herkunftsfamilie, zur Partnerschaft, zu Schule und Ausbildung, zum sozialen Netz, der sozialen Unterstützung und Hilfen, zu eigenen Fähigkeiten und zur Selbstwirksamkeit. Für die jugendlichen Eltern folgen außerdem Fragen zur Elternschaft. Die statistische Auswertung wurde mit dem Statistischen Programm „SPSS“ durchgeführt. Die Wünsche in Freitext-Antworten wurden transkribiert, die individuellen Formulierungen wurden paraphrasiert und es wurden Kategorien für die weitere Auswertung gebildet. 378 uj 9 | 2014 Entwicklungsaufgaben jugendlicher Eltern Die Ergebnisse der Untersuchung werden zur besseren Lesbarkeit in gerundeten Prozentwerten dargestellt. Sozialdemografische Daten der jugendlichen Eltern Von drei Mutter-Kind-Einrichtungen und zwei Jugendämtern der Landkreise Lörrach und Ortenau sind 69 Fragebögen von jugendlichen Eltern eingegangen, von 54 jugendlichen Müttern (78 %) und 15 jugendlichen Vätern (22 %), davon sind 15 Paare. Verheiratet sind drei Elternpaare. Alle befragten Mütter wurden als Minderjährige von den Jugendämtern der Landkreise Lörrach und Ortenau betreut. Zusammenleben: 96 % der jugendlichen Mütter leben mit dem Kind zusammen (eine Mutter zeitweise, eine lebt nicht mit dem Kind zusammen), bei den Vätern sind es 40 %. 41 der 69 Befragten (59 %) haben sich von ihrem Partner bzw. ihrer Partnerin getrennt. 20 % der jugendlichen Mütter leben mit einem Partner zusammen. Insgesamt leben 40 Mütter allein und 14 mit ihrem Partner zusammen. Im Unterschied dazu leben von 15 Vätern 14 mit ihrer Partnerin zusammen. Kontakte: Täglichen Kontakt mit den Kindern haben 88 % der jugendlichen Eltern, davon 51 Mütter (94 %) und 10 Väter (66 %). Täglichen Kontakt mit der Partnerin bzw. dem Partner haben 59 % der Befragten. Täglichen Kontakt mit der Partnerin bzw. Partner und dem Kind haben 56 %. Religionszugehörigkeit: 15 Mütter und 6 Väter sind katholisch, 28 Mütter und 5 Väter evangelisch und 2 Mütter sind Muslime. Zur Religionszugehörigkeit haben 4 Befragte keine Angaben gemacht, 9 (6 Mütter, 3 Väter) gaben keine Religionszugehörigkeit an. Schulabschluss: 57 % der jugendlichen Eltern haben einen Hauptschulabschluss, 19 % einen Realschulabschluss und 6 % Abitur. Fachhochschulreife haben 3 % und 13 % haben keinen Schulabschluss. Eine Förderschule besuchten 1 % der Befragten. Bezüglich des Schulabschlusses gibt es nur geringe Unterschiede zwischen den Müttern und Vätern. Berufsabschluss und Einkommen: 80 % der jugendlichen Eltern (44 Mütter und 11 Väter) haben keinen Berufsabschluss, nur 10 Mütter und 4 Väter haben einen Berufsabschluss. 46 % erhalten ausschließlich staatliche Unterstützung, die Einkommen der restlichen 54 % verteilen sich breit: eigenes Einkommen (15 %), eigenes Einkommen und Elternunterstützung (3 %), Unterstützung durch die Eltern (7 %), staatliche Sozialleistungen und Unterhalt durch den Kindsvater (3 %), eigenes Einkommen, staatliche Sozialleistungen und Unterhalt durch den Kindsvater (3 %), Eltern, staatliche Sozialleistungen und Unterhalt (1 %) und Einkommen des Partners (1 %). Sozialdemografische Daten der jugendlichen SchülerInnen Die Durchführung der Befragung an den Schulen erfolgte im Ortenaukreis zwischen November 2008 und Juni 2009, im Landkreis Lörrach zwischen Februar und Juni 2009. Beteiligt haben sich 15 Schulen aus den Landkreisen Lörrach, Waldshut und Ortenau (5 Hauptschulen, 2 Werkrealschulen, 2 Gewerbeschulen und 6 Realschulen). Ausgewertet wurden 473 Fragebögen von 196 Schülerinnen und 277 Schülern. Die Hauptgruppe bilden die 15bis 18-jährigen SchülerInnen (81 %). Die Geschlechterverteilung ist in den verschiedenen Altersgruppen ähnlich. Aus Städten kommen 44 %, aus Kleinstädten 20 % und aus Gemeinden kommen 37 %. Unter 379 uj 9 | 2014 Entwicklungsaufgaben jugendlicher Eltern ihnen sind 58 % katholisch, 27 % evangelisch, 4 % muslimisch und 7 % haben im Fragebogen „ohne Religionszugehörigkeit“ angegeben. Ergebnisse zur Bewältigung von Entwicklungsaufgaben von jugendlichen Eltern im Vergleich zu jugendlichen SchülerInnen Zur Auswertung gelangten 69 Fragebögen von jugendlichen Eltern und 473 Fragebögen von jugendlichen SchülerInnen. Die Reliabilität (Zuverlässigkeit der Messung) der Gesamtstichprobe von 542 Fragebögen für die 57 Items beträgt 0,845 Cronbachs Alpha und ist damit sehr gut. Die Mittelwertsvergleiche und t-Tests zeigen sehr signifikante und deutliche Unterschiede zwischen den jugendlichen Eltern und den jugendlichen SchülerInnen. Unterschiede werden dann als „sehr signifikant“ bezeichnet, wenn sie statistisch gesichert und nicht zufällig sind und die Restwahrscheinlichkeit 1 % und weniger beträgt. Dies trifft zu bei den folgenden Aussagen zu Familie, Freundeskreis, sozialer Unterstützung und zu Aspekten der Selbstständigkeit. Familie und Freundeskreis Die Wichtigkeit der Herkunftsfamilie wird von beiden Gruppen hoch eingeschätzt, bei den Eltern sind die Werte sehr signifikant niedriger. Die PartnerInnen und FreundInnen werden von den jugendlichen Eltern und jugendlichen SchülerInnen als sehr wichtig angesehen, sie unterscheiden sich trotzdem sehr signifikant im Grad der Einschätzungen. Die Werte sind bei den jugendlichen Eltern niedriger bei der Einschätzung der Wichtigkeit von PartnerInnen und FreundInnen, bei der Kontakthäufigkeit, bei der Zugänglichkeit und bezüglich der Beziehung zu ihnen. Die sozialen Fähigkeiten zur Freundschaft werden von den jugendlichen Eltern signifikant niedriger eingeschätzt. Jugendliche Eltern haben kaum Kontakt mit VereinskameradInnen. Selbstständigkeit und Unterstützungsbedarf Für die meisten jugendlichen Eltern und SchülerInnen ist es wichtig, Zeit für sich selbst zu haben. Und dennoch ist bei dieser Einschätzung der Unterschied zwischen jugendlichen SchülerInnen und Eltern sehr signifikant. Letztere schätzen freie Zeit für sich selbst als weniger wichtig ein. Auch die Bewertung von Hobbys ist bei den jugendlichen Eltern sehr signifikant niedriger, dagegen fällt die Bewertung hauswirtschaftlicher Fähigkeiten bei den jugendlichen Eltern sehr signifikant höher aus. 56 % der jugendlichen Eltern erhalten „viel“ soziale Unterstützung durch ihre Herkunftsfamilie. Dabei unterscheiden sich jugendliche Mütter und Väter nicht bedeutsam in ihren Einschätzungen. Ein sehr signifikanter Unterschied besteht zu den jugendlichen SchülerInnen, die zu 72 % ankreuzen,„viel“ soziale Unterstützung durch die Herkunftsfamilie zu erhalten. Eine soziale Unterstützung durch die Schule wird von den jugendlichen Eltern sehr signifikant niedriger eingeschätzt als von den SchülerInnen; soziale Unterstützung durch professionelle HelferInnen (wie z. B. Arzt, Pastor/ Priester, PsychologIn, SozialarbeiterIn) wiederum wird sehr signifikant höher eingeschätzt. Ein Unterstützungsbedarf für jugendliche Eltern ist vor allem im sozialen Bereich zu erkennen. Nach den Ergebnissen sind jugendliche Eltern im Vergleich zu anderen Jugendlichen weniger sozial integriert. Sie bewerten ihre Beziehungen niedriger, sie haben selten Kontakte zu ihren FreundInnen und schätzen deren Zugänglichkeit geringer ein. Solche Formen sozialer Isolation bedingen eine stärkere Konzen- 380 uj 9 | 2014 Entwicklungsaufgaben jugendlicher Eltern tration auf die Partnerschaft, die jedoch durch die Anforderungen mit den Elternaufgaben belastet ist, was bei Konflikten zu mangelnden Lösungen und zu Trennungen führt. Es gibt auch eine Reihe von Gemeinsamkeiten, die soziale Fähigkeiten und Merkmale von Selbstständigkeit umfassen und bei denen sich keine signifikanten Unterschiede ergeben. Dies betrifft Einschätzungen bezüglich der geringen Belastung durch die Herkunftsfamilie (z. B. durch Aufgaben in der Herkunftsfamilie, durch das Zusammensein mit der Herkunftsfamilie). Es besteht in beiden Gruppen eine hohe Verbundenheit mit der Herkunftsfamilie, die als offen und zugänglich eingeschätzt wird. Die Schule nimmt eine große Wichtigkeit ein. Daneben werden die Fähigkeiten, soziale Kontakte zu knüpfen, Konflikte zu lösen und Probleme zu ertragen als gut eingeschätzt. Selbst verdientes Geld hat einen sehr großen Stellenwert und der eigene Umgang mit Geld wird als gut bis befriedigend betrachtet. Wünsche jugendlicher Eltern und SchülerInnen Die Wünsche der Befragten wurden als offene Frage und allgemein formuliert und schriftlich von ihnen beantwortet. Alle Antworten wurden transkribiert und inhaltsanalytisch durch Paraphrasierung und Bildung von Kategorien ausgewertet. Die Fragebogenergebnisse entsprechen den Ergebnissen der Shell-Studien 2006 und 2010. „Wertorientierungen wie Freundschaft, Partnerschaft, Familie und Kontakte zu anderen Menschen nehmen im Leben von Jugendlichen einen hohen Stellenwert ein“ (Shell Deutschland Holding 2006, 39). Die schriftlich geäußerten Wünsche der jugendlichen Eltern und der SchülerInnen umfassen ein breites, individuelles Spektrum von Äußerungen. Eine umfassende qualitative Auswertung steht noch aus. Hier sollen erste Ergebnisse skizziert werden: Von 20 Kategorien der „Wünsche von jugendlichen Eltern an sich selbst“ kommt am häufigsten Erfolg mit 14 Nennungen (20 %) vor. An zweiter Stelle steht der Wunsch nach positiver Bewältigung ihrer Situation (9 %). An dritter Stelle stehen die Kategorien Beziehung, Erwartung und Wunschlosigkeit (je 7 %), die gleichfalls einem Wunsch nach positiver Bewältigung entsprechen. Es folgen Wünsche nach Selbstverwirklichung, Verantwortung und Familie (je 6 %). 15 Kategorien der Wünsche an sich selbst kommen sowohl bei den jugendlichen Eltern wie bei den jugendlichen SchülerInnen vor. Es gibt eine hohe Übereinstimmung der Kategorie Erfolg, die bei den jugendlichen Eltern 14 mal (20 %) und bei den jugendlichen SchülerInnen 163 mal (38 %) zu finden ist. Ansonsten zeigen sich deutlich Unterschiede in der Rangfolge der Häufigkeiten. An zweiter Stelle steht bei den jugendlichen Eltern die positive Bewältigung (9 %) und bei den jugendlichen SchülerInnen die Selbstveränderung im Sinne von Entwicklung (12 %). Was den„Rat an andere Jugendliche“ betrifft, so kommen 19 Kategorien bei beiden Gruppen vor. Bei den jugendlichen Eltern steht Verantwortung als Eltern (35 %) und Familie (16 %) im Vordergrund (z. B.: „Niemals aufgeben und wenn es Probleme gibt, holt euch die Hilfe“). Bei den SchülerInnen dominiert der Wunsch nach positivem Umgang mit der sozialen Umwelt (9 %), Gesundheit (8 %), positive Bewältigung der Anforderungen (7 %) und Verantwortung für sich selbst (4 %). Bei den Kategorien zu den„Zukunftswünschen“ stehen Wünsche nach Unterstützung an erster Stelle (12 %), gefolgt vom Wunsch nach Umweltschutz (10 %) (z. B. ein 15-jähriger Schüler: „Den CO ² Ausstoß verringern, dass in 60 Jahren auch noch Schnee im Winter liegt“), Umgang (9 %) (z. B. 19-jähriger Vater: „freundlich zusammenleben, keine Streitereien“) und Anerkennung (7 %). Dagegen nennen jugendliche SchülerInnen bei den Zukunftswünschen vorrangig Erfolg (48 %) und Selbstverwirklichung (11 %). 381 uj 9 | 2014 Entwicklungsaufgaben jugendlicher Eltern Wünsche eines 17-jährigen Vaters: ➤ An sich selbst: „Selbstständigkeit, KFZ- Firma.“ ➤ An die Umwelt: „Eine Kinder- und behindertengerechte Umwelt.“ ➤ Rat an andere: „Auf sich aufpassen, richtige Entscheidungen treffen.“ ➤ An die Zukunft: „Schönes Familienleben, dass wir alles gut hinbekommen.“ ➤ Für das Kind: „Dass er ein schönes Leben hat, gute Zukunft.“ Einschätzungen der jugendlichen Eltern zur Elternschaft und den Elternaufgaben Die jugendlichen Mütter und Väter unterscheiden sich bei den folgenden Einschätzungen nicht bedeutsam. Was die Elternschaft betrifft, so wollten 44 % der jugendlichen Eltern gerne, jedoch 36 % nicht gerne Mutter bzw. Vater werden. Auch wollten 54 % der jugendlichen Eltern nicht bereits in diesem jungen Alter Mutter oder Vater werden. Jedoch bejahen 93 %, dass sie gerne Mutter oder Vater sind. Dabei fühlen sich 74 % der jugendlichen Eltern reif für die Elternschaft, während dies 19 % verneinen. 86 % der Befragten waren gegen einen Schwangerschaftsabbruch, 7 % dafür (zwei Mütter und ein Vater) und eine Mutter war diesbezüglich unentschieden. Die befragten jugendlichen Eltern fühlen sich zu 65 % selbstbestimmt, 16 % beantworten die Frage mit„teils teils“ und 19 % fühlen sich fremdbestimmt. In der großen Mehrzahl (97 %) bejahen die jugendlichen Eltern ihre Verantwortung als Eltern. Anerkennung und Wertschätzung ist für 75 % der jugendlichen Eltern wichtig. 89 % der jugendlichen Eltern bejahen ihre Gefühle in ihrem Mutterbzw. Vatersein. Sinn und Erfüllung bei ihrem Mutter- oder Vatersein ist 88 % der jugendlichen Eltern wichtig. Diskussion und Fazit Die Ergebnisse zeigen einen Bedarf an frühzeitiger, kontinuierlicher Beratung und Unterstützung von jugendlichen Eltern. Der Nutzen professioneller Hilfe wird von den jugendlichen Eltern hoch eingeschätzt. Zur Bewältigung von Entwicklungsaufgaben brauchen jugendliche Eltern eine partielle Entlastung, um ihre Schule zu beenden und/ oder ihre Ausbildung absolvieren zu können, zum Beispiel durch spezielle Angebote von Einrichtungen wie das im „Haus des Lebens“ in Offenburg oder sozialpädagogische Familienhilfe. Dies belegen die Wünsche der jugendlichen Eltern und die sehr signifikante Korrelation in den Einschätzungen zur„Wichtigkeit von Schule/ Ausbildung“ und der „Wichtigkeit von selber verdientem Geld“. Die niedrigen Werte bei den Einschätzungen zu den Kontakten mit LehrerInnen verweisen auf den Bedarf einer intensiveren Betreuung auch im Bereich Schule. Beratungsdienste für jugendliche Eltern gibt es im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften zu Beistands- und Amtsvormundschaften, zu Fragen der finanziellen und sozialen Unterstützung und Beratung und darüber hinaus durch soziale Dienste freier Träger. Die jugendlichen Eltern haben kaum Kontakt mit Gleichaltrigen. Der Fokus der sozialen Bedürfnisse ist auf das Kind und auf den Partner und die Partnerin gerichtet - und das bei gleichzeitig hoher Trennungsrate. Peerkontakte kommen deutlich weniger vor, bei Konflikten fehlt ein sozialer Ausgleich. Dies verstärkt eine Überforderung der Eltern. Auf Probleme einer Isolation wird im Themenheft „Junge Mütter und junge Väter in der Jugendberufshilfe“ (LAG JAW 2010) hingewiesen. Dies entspricht auch der Darstellung der Ergebnisse von Modellprojekten in den Ländern. 22 % der Mütter, die das Angebot von Projekten der Frühen Hilfen angenommen haben, waren bei der Geburt des ersten Kindes minderjährig (Nationales Zentrum 382 uj 9 | 2014 Entwicklungsaufgaben jugendlicher Eltern Frühe Hilfen 2011). Diese hohe Quote zeigt, wie wichtig frühe Hilfen für minderjährige Mütter und Väter sind. In dem Bericht über Frühe Hilfen kommen jugendliche oder minderjährige Väter nicht vor. „Und die Väter? “ Bisherige Förderprogramme konzentrieren sich auf die jugendlichen Mütter. Väter werden zwar bei Präventionsprogrammen genannt (zum Beispiel „SAFE - Sichere Ausbildung für Eltern“, „WIEGE - Wie Elternschaft gelingt“) kommen aber bei den Ausführungen und Durchführung der Programme nicht oder selten vor. Bei der Konzeption der Frühen Hilfen sollten die jugendlichen Väter einbezogen werden. Jugendliche Eltern sollten in jedem Fall bei den frühen Hilfen angesprochen und kontinuierlich begleitet werden. Bei der Sichtung der Ergebnisse ergeben sich für weitere Forschung eine Reihe von Fragen zur Begleitung, Beratung, Therapie und Unterstützung jugendlicher Eltern und zur Evaluation der Angebote und ihrer Wirkung. Für die Gesetzgebung und Veränderungen des SGB VIII wird angeregt, eine gemeinsame Förderung der jugendlichen Eltern und für die Kleinfamilie gemeinsames Wohnen zu ermöglichen, damit Mutter-Kind-Einrichtungen zu Familieneinrichtungen werden können. Dr. rer. soc. Dieter Fuchs Prof. Dr. Klaus Baumann Universität Freiburg Arbeitsbereich Caritaswissenschaft Platz der Universität 3 79098 Freiburg klaus.baumann@theol.uni-freiburg.de dieter.fuchs @theol.uni-freiburg.de Literatur Applegate, J. S. (1988): Adolescent Fatherhood: Developmental Perils and Potentials. Child and Adolescent Social Work 5, 207ff Bindel-Kögel, G. (2006): Frühe Mutterschaft als Herausforderung. In: Forum Erziehungshilfen 12, 68 - 74 Bütow, B., Fries, M. (2006): Entwicklungspsychologische Beratung. Frühe Hilfen für junge Eltern. In: Forum Erziehungshilfen 12, 75 - 79 Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (Hrsg.) (2005): Wenn Teenager Eltern werden … Lebenssituation jugendlicher Schwangerer und Mütter sowie jugendlicher Paare mit Kind. Eigenverlag, Köln Hurrelmann, K. (2012): Lebensphase Jugend: eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung. Juventa, Weinheim/ München Landesarbeitsgemeinschaft der Jugendsozialarbeit in Niedersachsen (LAG JAW) (Hrsg.) (2010): Junge Mütter und junge Väter in der Jugendberufshilfe. Eigenverlag, Hannover Maier, F. (2007): STEEP in den Häusern des Lebens. Standpunkt: sozial 4, 26 - 31 Nationales Zentrum Frühe Hilfen (NZFH) (Hrsg.) (2011): Wie Elternschaft gelingt (Wiege). Projektstandort Hamburg. www.zepra-hamburg.de/ fileadmin/ user_ upload/ dokumente/ STEEP/ WIEGE_Hamburg_Pro jektergebnisse.pdf, 17. 9. 2013 Rabaglietti, E., Ciairano, S. (2008): „Quality of friendship relationships and developmental tasks in adolescence. In: Cognitie Creier Comportament 12, 183 - 203 Schwarzer, R. (1994): Optimistische Kompetenzerwartung: Zur Erfassung einer personellen Bewältigungsressource. In: Diagnostica, 40, 105 - 123 Schwarzer, R. (1995): Entwicklungskrisen durch Selbstregulation meistern. In: Edelstein, W. (Hrsg.): Entwicklungskrisen kompetent meistern. Heidelberg Schwarzer, R., Jerusalem, M. (2002): Das Konzept der Selbstwirksamkeit. In: Jerusalem, M./ Hopf, D. (Hrsg.): Selbstmotivation und Motivationsprozesse in Bildungsinstitutionen. Zeitschrift für Pädagogik, Beiheft 44, 28 - 53 Shell Deutschland Holding (Hrsg.) (2006): Jugend 2006: 15. Shell Jugendstudie. Fischer, Frankfurt 383 uj 9 | 2014 Entwicklungsaufgaben jugendlicher Eltern Shell Deutschland Holding (Hrsg.) (2010): Jugend 2010: 16. Shell Jugendstudie. Fischer, Frankfurt Statistisches Bundesamt (2013): Lebendgeborene 2011. Lebendgeborene nach Geburtenfolge und dem Geburtsjahr der Mutter in Deutschland 2011. www.destatis.de/ DE/ ZahlenFakten/ Gesellschaft Staat/ Bevoelkerung/ Geburten/ Tabellen/ Geburts jahrGeburtenfolge.html, 11. 09. 2013 Ziegenhain, U., Fries, M., Bütow, B., Derksen, B. (2004): Entwicklungspsychologische Beratung für junge Eltern. Grundlagen und Handlungskonzepte für die Jugendhilfe. Beltz Juventa, Weinheim Ziegenhain, U. (2007): Förderung der Beziehungs- und Erziehungskompetenzen bei jugendlichen Müttern. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 56, 660 - 675 Georg Vogel Selbstcoaching konkret Ein Praxisbuch für soziale, pädagogische und pflegerische Berufe 2013. 198 Seiten. 10 Abb. (978-3-497-02355-4) kt Sei dein eigener Coach! Menschen in sozialen, pädagogischen und pflegerischen Berufen sind häufig ganz besonderen Stresssituationen ausgesetzt. Das vorliegende Selbstcoaching-Programm bietet hier willkommene präventive Hilfe. Der Autor präsentiert ein genau auf diese Zielgruppe zugeschnittenes Praxisbuch zum Selbstcoaching anhand von fünf Schlüsselthemen: berufliche Identität, Umgang mit Konflikten, Zielorientierung, Entscheidungsfindung und Gestaltung der Rolle als Kollege / Kollegin und Mitarbeiter / Mitarbeiterin. a www.reinhardt-verlag.de
