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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Rezension: Benedikt Wisniewski, Andreas Vogel (Hrsg.), 2013: Schule auf Abwegen. Mythen, Irrtümer und Aberglaube in der Pädagogik
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Franz-Josef Hücker
Benedikt Wisniewski, Andreas Vogel (Hrsg.), 2013: Schule auf Abwegen. Mythen, Irrtümer und Aberglaube in der Pädagogik Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 164 Seiten, € 16,- Die Früchte deutscher Bildungspolitik werden sichtbar und vergleichbar in den Studien der OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development). Die Ergebnisse sind bekannt und setzen ein deutliches Fragezeichen hinter die Leistungsfähigkeit des deutschen Bildungswesens, das sich auch auf nationale Studien stützen kann. Dazu zählt etwa die "Level-One-Studie", nach der es in Deutschland 7,5 Millionen funktionale AnalphabetInnen (18 bis 64 Jahre) gibt. Das sind 14 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung, rund jede/r siebte Erwachsene. So ist es nur allzu verständlich, dass die Studie eines Bildungsforschers, die als "Heiliger Gral der Schul- und Unterrichtsforschung" apostrophiert wird und die Rezeptur des Lernerfolgs beinhalten soll, hierzulande ganz besonders hohe Wellen geschlagen hat.
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392 uj 9 | 2014 Rezensionen Benedikt Wisniewski, Andreas Vogel (Hrsg.), 2013: Schule auf Abwegen. Mythen, Irrtümer und Aberglaube in der Pädagogik Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 164 Seiten, € 16,- Die Früchte deutscher Bildungspolitik werden sichtbar und vergleichbar in den Studien der OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development). Die Ergebnisse sind bekannt und setzen ein deutliches Fragezeichen hinter die Leistungsfähigkeit des deutschen Bildungswesens, das sich auch auf nationale Studien stützen kann. Dazu zählt etwa die „Level-One-Studie“, nach der es in Deutschland 7,5 Millionen funktionale AnalphabetInnen (18 bis 64 Jahre) gibt. Das sind 14 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung, rund jede/ r siebte Erwachsene. So ist es nur allzu verständlich, dass die Studie eines Bildungsforschers, die als „Heiliger Gral der Schul- und Unterrichtsforschung“ apostrophiert wird und die Rezeptur des Lernerfolgs beinhalten soll, hierzulande ganz besonders hohe Wellen geschlagen hat. Bei dem Bildungsforscher handelt es sich um den neuseeländischen Pädagogen John Hattie, der mit dem Buch „Visible learning“ („Lernen sichtbar machen“, dt. Ausgabe) die Ergebnisse seiner Meta-Analyse von Meta-Analysen veröffentlicht hat. Gefunden hat er dabei über 138 Einflussfaktoren auf den Lernerfolg, deren Effektstärke bewertet und durch „Barometer“ visualisiert. Vor diesem Hintergrund plädiert Hattie grundsätzlich für einen direktiven Unterricht mit ständigen Leistungskontrollen, deren Ergebnisse von SchülerInnen und LehrerInnen durch Geben und Nehmen qualitativen Feedbacks zu reflektieren sind. Die von Hattie empfohlene Gestaltung der Schule unterdrücke kreative Unterrichtsweisen, kritisieren neuseeländische GegnerInnen diesen als technokratisch und zu administrationsnah klassifizierten Ansatz und stützen sich dabei auf die Ideen der Reformpädagogik. Während Hattie also keineswegs unumstritten ist, wird sein Konzept in Deutschland nahezu kritiklos akzeptiert und instrumentell verwendet. Nicht nur in der Lehrerfortbildung der Bundesländer, auch in den Schulen und von der Lehrerschaft, wie ein kürzlich veröffentlichtes Buch belegt. Das Buch mit dem Titel „Schule auf Abwegen“ ist ein Sammelwerk aus der Feder von fünf Gymnasiallehrern, einem Satiriker, einem Psychologen und einem emeritierten Professor, die ein gemeinsames Anliegen verbindet: „Das Autorenteam aus Lehrern, Universitätsdozenten, Seminarlehrkräften, Didaktikern und Psychologen möchte in diesem Buch aus den unterschiedlichsten fachlichen Blickwinkeln weit verbreiteten Fehlannahmen der Pädagogik die wissenschaftlichen Fakten entgegenstellen. Wenn wir uns dabei an manchen Stellen eine gewisse Polemik nicht verkneifen können, so liegt es daran, dass es uns ärgert, wie Teile einer vermeintlich wissenschaftlichen Disziplin ihrer eigentlichen Aufgabe, der Professionalisierung von Schule, entgegenwirken und Tür und Tor öffnen für einen Diskurs über Schule, in dem es viele Meinungen, aber wenig Evidenz gibt.“ (S. 9) Als eines der Zauberworte für die „wissenschaftliche Disziplin“ gilt dabei die „Evidenz“, die sich auf Hattie beruft, der in den zwölf Buchbeiträgen überwiegend argumentativ verwendet wird. Durch dieses Raster fallen bildungspolitische Leitfiguren, die angehende und im Beruf stehende LehrerInnen prägen. Dazu zählen der 2003 verstorbene Frederic Vester (S. 11 - 25), Hilbert Meyer (S. 27 - 38), Howard Gardner (S. 77 - 88), Heinz Klippert (S. 139 - 151). Selbst Richard David Precht (S. 53 - 64) wird mit dem Wunsch eines Lehrersprösslings nach Noten widerlegt (S. 60 - 61). Auch„Montessori-Gemüse und Waldorf-Salat“ (S. 125 - 137) bekommen keine positive gymnasiale Expertise. Und uj 9 | 2014 393 Rezensionen was wäre, wenn das „alte, antiquierte Schulsystem“ (S. 89) aufgegeben wird? Erwartungsgemäß endet das in einem Schreckensszenario (S. 89 - 96) und eröffnet zugleich tiefe Einblicke in die Gedankengänge von Lehrern eines Regensburger Gymnasiums, über was sie sich ärgern und wie sie den Ärger verarbeiten. Was durch das Raster fällt, wird als„sinnentleertes Alltagskonzept von Reformpädagogen und Esoterikern“ (S. 21) oder von Eltern falsch verstandene „antiautoritäre Erziehung“ (S. 90) gebrandmarkt. Beides für die Autoren ein rotes Tuch. Das zeigt sich besonders in dem Kapitel „Wunsch und Wirklichkeit - Der esoterische Machbarkeitswahn“ (S. 111-124) von Lukesch. Ohne erkennbaren Sinn und Verstand werden dort absolut inkompatible Konzepte auf einen Nenner gebracht, mit Tatsachenbehauptungen ins Blaue hinein diskreditiert (S. 115 - 122). Weiterhin karikiert das Buch die „Anhänger des offenen Unterrichts“, favorisiert inszenierte didaktische und methodische Entscheidungen der Autoren, wie beliebige Beispiele zeigen. Lesebeispiel 1: „Die Tür geht auf und Herr Schmidt schleicht herein: klein, dreitagebärtig, untersetztes Kinn, schlecht gekleidet mit einem Strickpullover, den er im Kleiderschrank seiner Oma gefunden zu haben scheint. Ohne auch nur ein einziges Mal aufzusehen, geht er langsam nach vorne, legt seine abgewetzte braune Ledertasche auf das Pult, die speckig glänzend schon seit 30 Jahren sein treuer Begleiter zu sein scheint, holt eine zerlesene Reclam-Faustausgabe heraus und beginnt damit… zu unterrichten! “ (S. 27) Lesebeispiel 2: „Dass schüleraktivierender Frontalunterricht kein Paradoxon ist, soll an einem Praxisbeispiel erläutert werden: Zum Einstieg einer Deutschstunde in der 10. Klasse, sagen wir im Lehrplanbereich ‚Sich kritisch mit modernen Medien auseinandersetzen’ könnte man ein Bild auflegen, das eine Frau zeigt, die wegen eines zu hohen Lesekonsums in Ohnmacht gefallen ist, und es einen Schüler beschreiben lassen.“ (S. 29) „Nach einigen Reflexionsmomenten erklärt der Lehrer, dass es sich bei dem Bild um eine Darstellung des Phänomens der Lesesucht handelt. Er referiert nun knapp über dieses Phänomen, während die Schüler das Wichtigste des Vortrags mitschreiben müssen: Auch das erfordert ein hohes Abstraktionsniveau und bedingt daher eine hohe Schüleraktivierung, vorausgesetzt, die Mitschreibetechnik wurde bereits konsequent seit einigen Schuljahren eingeübt.“ (S. 30) Hattie sagt, er sei nicht sicher, ob sich Deutschland voll und ganz in sein Modell einfügen lasse, und verweist auf die beeindruckenden Verbesserungen in Polen, das den selektiven Charakter seiner weiterführenden Schulen abgeschafft hat. - Nach einer OECD-Studie (2011) sind in keinem anderen Land der Bildungserfolg und die Lebensperspektive so eng von der sozialen Herkunft abhängig wie in Deutschland. - Sein Motto ist: „Erforsche nicht das Versagen, sondern den Erfolg - er ist überall! “ Und das Buch „Schule auf Abwegen“ in der Regensburger Bildungslandschaft belegt geradezu unabsichtlich, dass das Konzept von John Hattie im deutschen Bildungswesen nur eine Zukunft haben kann, wenn der selektive Charakter dieses Systems aufgegeben wird. Wenn ein Umdenken in der Bildungspolitik, der Lehrerbildung, vor allem jedoch in den Schulen und Köpfen des Bildungspersonals erfolgt. Dr. Franz-Josef Hücker, Berlin DOI 10.2378/ uj2014.art46d
