eJournals unsere jugend67/1

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2015.art02d
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2015
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„Theorie der Sexualpädagogik“

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2015
Anja Henningsen
In ihrer jungen Geschichte hat die Sexualpädagogik eine rasante Entwicklung zur erziehungswissenschaftlichen Aspektdisziplin vollzogen. Ihr Zuständigkeitsbereich entwickelte sich vom Aufklärungsgespräch zu einem lebensüberdauernden Bildungsangebot. Aktuell entwirft sie theoretisch fundierte Konzepte der sexuellen Bildung und Sexualkulturbildung als persönliches und gesellschaftliches Unterstützungspotenzial.
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2 unsere jugend, 67. Jg., S. 2 - 12 (2015) DOI 10.2378/ uj2015.art02d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel „Theorie der Sexualpädagogik“ Herkömmliches und neue Impulse als Antwort auf individuelle und gesellschaftliche Herausforderungen In ihrer jungen Geschichte hat die Sexualpädagogik eine rasante Entwicklung zur erziehungswissenschaftlichen Aspektdisziplin vollzogen. Ihr Zuständigkeitsbereich entwickelte sich vom Aufklärungsgespräch zu einem lebensüberdauernden Bildungsangebot. Aktuell entwirft sie theoretisch fundierte Konzepte der sexuellen Bildung und Sexualkulturbildung als persönliches und gesellschaftliches Unterstützungspotenzial. von Prof. Dr. Anja Henningsen Jg. 1981, Juniorprofessorin für Sexualpädagogik im Schwerpunkt Gewaltprävention an der Christian Albrechts-Universität zu Kiel. Geschäftsführerin der Gesellschaft für Sexualpädagogik Von der Sexualaufklärung zur Sexualpädagogik Das Gespräch über Sexualität ist so alt wie die Menschheit. Allerdings gestalteten sich die Vorgehensweise und der „gefühlte Grad“ der Angemessenheit immer in Abhängigkeit zu gesellschaftlichen Rahmungen. Aus heutiger Sicht wurde das sexualitätsbezogene Wissen, welches an nachwachsende Generationen vermittelt werden musste, seit der Entdeckung der Kindheit als eigene Phase stark limitiert. Die Informationsgabe als punktuelles Ereignis wurde auf fortpflanzungsrelevante und körperbezogene Inhalte beschränkt. Aus dieser Zeit rührt sicherlich auch der feststehende Begriff „Aufklärung(sgespräch)“. Die Weitergabe dieser Informationen war lange Zeit keine ausschließliche Aufgabe von Eltern oder PädagogInnen, sondern fiel auch in die Zuständigkeit von Geistlichen und MedizinerInnen. Im aktuellen Verständnis erweitert sich die Definition der Sexualaufklärung. Sie ist die von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Deutschland verwandte Übersetzung des englischen Begriffs „Sexuality Education“, die als umfassendes Konzept zur Förderung sexueller Gesundheit zu verstehen ist. „Sexualaufklärung ist entwicklungsbegleitend, kultursensibel und geschlechtersensibel angelegt. Sie informiert fachlich fundiert über alle Aspekte menschlicher Sexualität und über den Zugang zu Beratung und Hilfe. Eine Sexualaufklärung, die auf Menschenrechten, Geschlechtergerechtigkeit, Respekt und Verantwortung sowie Anerkennung von Vielfalt basiert, vermittelt Werte und Haltungen in Bezug auf Sexualität, Verhütung und tragfähige Beziehungen“ (Winkelmann 2011, 37). 3 uj 1 | 2015 Theorie der Sexualpädagogik Zwischen diesen zwei Definitionen der Sexualaufklärung liegt eine jahrzehntelange Entwicklungsgeschichte, die im Kurzen nachgezeichnet werden soll, um aktuelle sexualpädagogische Theorienbildung besser verorten zu können. Sexualerziehung meint die über reine Wissensvermittlung im Sinne einer Sexualaufklärung hinausgehende zielgerichtete Einflussnahme auf Kinder und Jugendliche. Sie ist seit 1992 durch das Schwangeren- und Familienhilfegesetz (SFHG) rechtlich abgesichert. Gemäß dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) vom 28. Mai 1993 zum SFHG wird geregelt,„[…] dass Sexualaufklärung umfassend angelegt sein soll, um die verschiedensten Alters- und Zielgruppen anzusprechen. „Sie muss demnach mehr sein als nur Wissensvermittlung über biologische Vorgänge und die Technik der Verhütung, sie muss emotional ansprechend sein und die vielfältigen Beziehungsaspekte, Lebensstile, Lebenssituationen und Werthaltungen berücksichtigen“ (BZgA 2004, 12). Neben der fachwissenschaftlichen Differenzierung sind die Begrifflichkeiten der Sexualaufklärung und Sexualerziehung juristisch nicht sauber getrennt und meinen im Urteil des BVerfG Gleiches. Der längeren Tradition in der Sexualerziehung, zu der sich auch schon Pestalozzi äußerte (Niemeyer 2006), folgte eine explosionsartige Entwicklung der disziplinären Sexualpädagogik in den 1960er Jahren. Die bisher vornehmlich an der Sexualforschung orientierte Pädagogik weitete eigene Forschung im Bereich der Sexualität aus. Durch die zunehmende erziehungswissenschaftliche „Erdung“ wurde die Sexualerziehung weiter aus der Sexualmoral, Sexualmedizin oder Sexualpolitik herausgelöst und konnte sich durch ihren eigenen Forschungsbezug von möglichen Instrumentalisierungen befreien. Innerhalb der wachsenden disziplinären Sexualpädagogik begann ein erweiterter Diskurs über theoretische Fundierungen. Es entstanden verschiedene Strömungen, die heftig um die Ausrichtung der Sexualpädagogik stritten. Die werterhaltende, christlich-konservative Richtung (Hunger 1959; Meves 1992) deren VertreterInnen vornehmlich in der Kirche zu finden waren, vertraten den Standpunkt, dass partnerschaftliche Sexualität innerhalb der Ehe stattfinden sollte, und vermieden eine zu frühe Aufklärung, da die Empfängnisverhütung einer Familienplanung dienen und nicht im Sinne von vorehelichem Sex genutzt werden sollte. Zudem herrschten traditionelle Vorstellungen von festen Geschlechterrollen. Sexualerziehung wurde eher vermeidend oder ablenkend gestaltet, da die Vorstellung von Sexualität auf einem klassischen Triebmodell aufbaute. Die emanzipatorische (Kentler 1970; Glück 1998) und feministische (Milhoffer 1995) Strömung sprachen sich für eine rechtzeitige und reguläre Sexualerziehung aus. Sexualität sollte aus allen Zwängen der Ablenkung und Vermeidung befreit werden. Eine gemäßigte Position nahm die liberale und empirisch-analytische Richtung ein (Kluge 1984). Ihre oberste Maxime war die Erziehung zu „Verantwortungsbewusstsein“ und „Selbstzucht“. Das selbst erklärte Ziel dieser VertreterInnen war es, auf der Basis erfahrungswissenschaftlicher Erkenntnisse eine Sexualerziehung zu entwickeln, die nicht verhütend sein sollte, allerdings jedoch Behütungs- und Ablenkungsstrategien beinhaltete. Die emanzipatorische Strömung konnte sich weitestgehend durchsetzen und das folgende sexualpädagogische Engagement lenken. Aus der disziplinären Sexualpädagogik wuchs eine erziehungswissenschaftliche Aspektdisziplin, „welche sowohl die sexuelle Sozialisation als auch die intentionale erzieherische Einflussnahme auf die Sexualität von Menschen erforscht und wissenschaftlich reflektiert“ (Sielert 2008, 39). Sexualpädagogische Forschung undTheorienbildung ist bisher eng an die Praxis gekoppelt, da sie Lebenssituationen erhebt, Bedarfe und Blick der Zielgruppen nach und auf Sexualpädagogik erfragt, Wirksamkeit und Qualität sexualpädagogischen Handelns von Professionellen erforscht und Methoden der Sexualpädagogik überprüft und weiterentwickelt (Helffrich 2008, 55). 4 uj 1 | 2015 Theorie der Sexualpädagogik Nach wie vor vernetzt sich das sexualpädagogische Wissen sowohl mit der Sexualwissenschaft als auch mit der Sexualmedizin, Soziologie, Psychologie, Psychoanalyse und Biologie. Daneben besteht eine „ureigene“ sexualpädagogische Forschung, die in den vergangenen Jahren stark gewachsen ist. Der Grund liegt unter anderem in dem steigenden Bedarf an sexualpädagogischer Expertise. Sexualitätsbezogene Konflikte erhalten zunehmend gesellschaftliche Aufmerksamkeit, sodass die Forderung nach pädagogischer Bearbeitung konsequenterweise folgt. (Gesellschaftliche) Diskriminierungspotenziale und Herausforderungen der sexuellen Identitätsgestaltung Zentral geht es der Sexualpädagogik um die Förderung von Menschen in der selbstbestimmten Gestaltung ihrer Sexualität sowie um die Bearbeitung gesamtgesellschaftlicher sexualitätsbezogener Ungleichheits- und Diskriminierungstendenzen. Deutlich wird an diesem Ansatz, dass nicht nur individuelle Problemlagen betrachtet werden, sondern auch ihre gesellschaftlichen Rahmungen. Sexualpädagogik kann als Seismograf verstanden werden, der Ungerechtigkeitstendenzen aufdeckt und in Richtung einer Zielvorstellung von „sexuellem Wohlbefinden“ oder „sexueller Gesundheit“ gegenlenkt. Damit nimmt Sexualpädagogik eine Brückenfunktion ein. Sie vermittelt zwischen Individuum und Gesellschaft und handelt auf ein wertbasiertes Ziel hin. Der kritische Blick der disziplinären Sexualpädagogik auf die gesellschaftlichen Sexualitätsverhältnisse lässt vielfältige potenzielle Gefährdungen für Individuen durch Ungerechtigkeits- und Unterdrückungsverhältnisse sichtbar werden. Bestimmte Personengruppen werden durch diskriminierende Denk- und Handelsweisen in Form von Benachteiligung und Marginalisierung getroffen. Sie werden zur Zielgruppe sexualpädagogischer Bemühungen, weil die selbstbestimmte Gestaltung ihrer sexuellen Lebensweise beschnitten wird. Diese Personengruppen erleben Eingriffe in ihr Privatleben, eine Fremdbestimmung ihrer Lebensplanung, in ihrem Begehren oder in ihrer Partnerschaftsgestaltung. Darunter sind ältere Menschen und Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen zu nennen - insbesondere wenn sie in Betreuung leben. Sie werden in ihrer Sexualität oft stark eingeschränkt und finden im gesellschaftlichen Alltag mit ihren Wünschen keinen Platz. Die Sexualität von Kindern ist ein ebenso heikles wie tabuisiertes Thema. Ihre Sexualität ist Erwachsenen oft fremd und damit unerwünscht. Dies trifft ebenso auf Personen zu, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung nicht der Begehrensform des gesellschaftlichen Mainstreams entsprechen. Darunter sind homosexuelle oder bisexuelle Menschen, aber auch diejenigen, die asexuell leben. Personen, die intersexuell oder transsexuell leben, erfahren ebenfalls Unverständnis. Das erschwert ihre sexuelle Sozialisation und sie erhalten wenig Unterstützung bei konfliktbehafteten Identitätsfindungsprozessen. Eine weiterhin vorherrschende gesellschaftliche Ungerechtigkeitstendenz besteht im Geschlechterverhältnis. Frauen erleben Diskriminierungen in ihrer Berufs- und Karriereplanung, aber auch in der Familiengestaltung. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bleibt daher eine große Herausforderung. Zudem werden Frauen auch innerhalb ihrer Familienverhältnisse immer noch an einer freien Entfaltung gehindert - sei es durch Eltern oder Partner. Sexualpädagogik setzt sich zudem mit Ethnizität und Religion auseinander, erkennt dort förderliche, aber auch hinderliche Potenziale für die sexuelle Selbstbestimmung und tritt in den vermittelnden kultur- und wertesensiblen Dialog, um Diskriminierungen zu verringern und Toleranz zu fördern. 5 uj 1 | 2015 Theorie der Sexualpädagogik Auch der sozialökonomische Status führt zu sexualitätsbezogenen Diskriminierungen. So gestaltet sich beispielsweise der Zugang zu Verhütungsmitteln oder ärztlichen Versorgungen mitunter schwierig. Neben den gesellschaftlichen Diskriminierungspotenzialen für bestimmte Personengruppen erkennt die Sexualpädagogik eine grundsätzliche Herausforderung in der Persönlichkeitsentwicklung und -entfaltung für Menschen, die zu Konflikten und Krisen führen kann. Bei der Betrachtung des gesellschaftlichen Umgangs mit Sexualität ist auf der einen Seite eine Entdramatisierung und Liberalisierung der Sexualität festzustellen, auf der anderen Seite werden soziale Gefährdungslagen wie Orientierungslosigkeit aufgrund einer zunehmenden Individualisierung sichtbar. Die Sexualpädagogik erkennt und beschreibt daher eine Vielzahl an sexualitätsbezogenen sozialen Problemen innerhalb der sexuellen Sozialisation: Wie kann ich über Sexualität sprechen? Wie gestalte ich Freund- und Partnerschaften? Welchen Entwurf habe ich von mir als Mädchen/ als Junge? Wo reibe ich mich an klassischen Geschlechterrollen? Wie gehe ich mit Zurückweisungen, mit Eifersucht oder mit Liebeskummer um? Vielfältige Orientierungsherausforderungen stellen sich allerdings nicht nur in der Phase der Kindheit und Jugend, sondern auch im Erwachsenenalter. Wann bekomme ich Kinder? Bekomme ich überhaupt Kinder? Will ich heiraten oder ist die Ehe für mich nicht so wichtig? Will ich eigentlich in einer verbindlichen Partnerschaft sein oder möchte ich ungebunden bzw. in flüchtigen Partnerschaften leben? Wo finde ich Übereinstimmungen? Die Fülle an Entscheidungen kann gleichzeitig auch Selbstzweifel und große Unsicherheit hervorrufen. Menschen stehen vor der Herausforderung, eine eigene sexuelle Identität und sexuelle Gesundheit zu entwickeln sowie Partner- und Elternschaft zu gestalten. Der Druck der individuellen Orientierung mit dem Ziel der Selbstbestimmung ist somit eine zu bewältigende Aufgabe der Menschen in aktuellen Lebenszusammenhängen. Die Selbstverantwortlichkeit fordert in manchen Fällen Unterstützung. Der Übergang von einer Fremdzur Selbstbestimmung verlangt, das eigene Leben eigenverantwortlich und frei zu formen. Gefordert sind „ein persönliches Selbstmanagement: das nur auf der Basis komplexer Informationsverarbeitung, hoher Entscheidungsbereitschaft und vielfältiger sozialer und personaler Kompetenzen gelingen kann“ (Sielert 2008, 47). Sexualpädagogische Antworten: sexuelle Rechte und sexuelle Bildung Auf ihre Problemanalyse aufbauend werden von der Sexualpädagogik Bewertungen, Entscheidungen sowie praktische Handlungsweisen entworfen, in deren Folge das Wissen über herauskristallisierte Problemlagen in ein perspektivisches Veränderungswissen gewandelt wird. Durch die genaue Identifizierung von Problemlagen kann eine sexualpädagogische Praxis erst zielgerichtet erfolgen. Die diagnostizierte gesellschaftliche Schieflage und die potenziellen individuellen Herausforderungen gilt es, aus sexualpädagogischer Perspektive durch professionelles Handeln zu korrigieren. Das Ziel lautet, auf bessere Sexualverhältnisse und ein sozialverträgliches sexuelles Wohlbefinden jeder einzelnen Person hinzuwirken. Oder als Forderung formuliert: Jeder Mensch hat das Recht auf ein gelingendes sexuelles Leben. Sexualpädagogik möchte zur Formung einer menschengerechten Sexualkultur beitragen. Sexuelle Rechte zur Bekämpfung von Diskriminierung Um dem gesellschaftlichen Diskriminierungspotenzial entgegenzuwirken, wählt die Sexualpädagogik den Ansatz der Menschenrechte. Auf der Grundlage der UN-Menschenrechtskonven- 6 uj 1 | 2015 Theorie der Sexualpädagogik tionen hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2002 die sexuellen und reproduktiven Rechte letztmalig konkretisiert. Sie sind mit allgemeingültigen Menschenrechten verbunden, die durch internationale Menschenrechtsdokumente und weitere Konsenserklärungen anerkannt wurden. Die Konzentration der Sexualpädagogik auf die sexualitätsbezogene Menschenrechtsbildung verläuft synchron mit dem Bezug zu allgemeinen Menschenrechten in der Sozialen Arbeit. Zudem kann die rechtebasierte Ausrichtung als eine Fortführung des emanzipatorischen Ansatzes verstanden werden. Sie bedeutet eine Grundlage für die Hilfe und Unterstützung von Menschen zu mehr Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Partizipation. In ihr ist zudem ein gesellschaftskritisches Moment enthalten, da sich der Ursprungsort der Menschenrechtsdiskussion aus dem Mangel, Leid und Diskriminierung von Menschen bildete. Die Kehrseite von Rechten sind also die gesellschaftlichen Pflichten zur Gewährleistung. Sexuelle Rechte können somit als Standards für gutes und gelingendes Leben interpretiert werden. Konkret bedeutet dies, dass jeder Mensch das Recht besitzt, „frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt ➤ auf einen bestmöglichen Standard sexueller Gesundheit, einschließlich des Zugangs zu sexueller und reproduktiver Gesundheitsversorgung; ➤ Informationen zu Sexualität zu suchen, zu erhalten und zu verbreiten; ➤ auf sexuelle Aufklärung; ➤ auf Respekt gegenüber körperlicher Unversehrtheit; ➤ auf freie Partnerwahl; ➤ zu entscheiden, ob er sexuell aktiv sein will oder nicht; ➤ auf einvernehmliche sexuelle Beziehungen; ➤ auf einvernehmliche Eheschließung; ➤ zu entscheiden, ob und wann er Kinder haben will; ➤ und ein befriedigendes, sicheres und lustvolles Sexualleben anzustreben. Eine verantwortungsbewusste Ausübung der Menschenrechte macht es erforderlich, dass jeder die Rechte des anderen respektiert“ (BZgA 2011, 20). Sexuelle Rechte müssen in privaten, öffentlichen und politischen Bereichen vertreten und nutzbar gemacht werden. Dieses Vorhaben unterstützt die Tatsachen, dass Sexualität häufig nicht nur privates, sondern auch öffentliches Thema ist. Sie steht in wechselseitiger Beeinflussung mit der Gesellschaft. Sexualkultur wird durch Familien- und Geschlechterpolitik, Konsum und Medien geformt und findet wiederum einen Niederschlag in der Veränderung von Einstellungen und Gesetzeslagen bezüglich sexueller Identitäten und Lebensweisen (Valtl 2008, 137). Sexuelle Bildung Neben der Minimierung von gesellschaftlichen Diskriminierungstendenzen einerseits geht es andererseits in der Sexualpädagogik um die Herstellung von Unterstützungspotenzialen für eine gelingende sexuelle Identitätsentwicklung und -entfaltung. Die kritisch-reflexive Sexualpädagogik strebt eine Befähigung zur Selbstbestimmung an. Der sexuellen Bildung geht es folglich um die Förderung und Kultivierung von bewusster Entscheidungsfindung - also einem persönlichen Selbstformungsprozess. Erstens: Sexuelle Bildung ist selbstbestimmt. Sexualpädagogik weiß um die Relevanz der sexuellen Dimension für die Identität. Menschen sind herausgefordert, Widersprüchliches innerhalb der eigenen Persönlichkeit zu überwinden oder zu vereinen. Die Persönlichkeitsentfaltung verläuft daher nicht gradlinig. Sexuelle Bildung befähigt zur Inanspruchnahme neuer Identitätsmodelle, unterstützt Orientierungssuchen- 7 uj 1 | 2015 Theorie der Sexualpädagogik de und vermittelt Entscheidungs- und Handlungskompetenzen. Um an den individuellen Herausforderungen anzuknüpfen wird offen, lebenslang begleitend und prozessorientiert gearbeitet. Die Gewährleistung von Hilfe und Unterstützung sind damit hauptsächliche sexualpädagogische Aufgaben - vorrangig vor der Wissensvermittlung. SexualpädagogInnen bieten eher Unterstützung als Anleitung bei wichtigen Selbstformungsprozessen. Sie eröffnen Entscheidungsmöglichkeiten. SexualpädagogInnen verkörpern in diesem Sinne eine spezifische Haltung, gestalten förderliche Lernräume und bieten spezialisiertes Wissen. Im Vordergrund stehen dabei Freiwilligkeit, Partizipation und Adressatenorientierung. KlientInnen geben somit Themen vor und werden bei der Bearbeitung aktiv beteiligt, ohne fertige Antworten zu erhalten. Zudem ermöglicht es die Adressatenorientierung zunehmend, den Menschen als handelndes Subjekt zu verstehen und nicht als zu erziehendes Objekt. Zweitens: Sexuelle Bildung ist bio-psycho-sozial orientiert. Hervorzuheben ist, dass sexuelle Bildung als ein lebenslanger Prozess zu verstehen ist. Vom ursprünglichen Feld der Erziehung, die eher die Einflussnahme von der Kindheit bis zum Beginn des Erwachsenenalters fokussiert, weitet sich das Zuständigkeitsfeld auch auf erwachsene Personen bis ins hohe Alter aus. Die fluide sexuelle Identität in den unterschiedlichen Lebensphasen zu gestalten, ist ein dauerhafter Selbstformungsprozess. Eine Entwicklung durch interaktive Prozesse geschieht nicht ohne Konflikte, deren Überwindung an einigen Stellen Hilfestellung und Impulse benötigt. Insbesondere Kinder und Jugendliche, die in ihrer Entwicklungsgeschichte durch Verunsicherungen wie die Pubertät gehen, brauchen aufgrund dessen Antworten, Vorbilder und Beziehungspersonen. Aber auch Erwachsene haben einen Bedarf, wenn es um das Ausleben der eigenen oder der partnerschaftlichen Sexualität geht. Der Anspruch auf Ganzheitlichkeit liegt in der Gestaltung sexualpädagogischer Angebote, aber auch im Zugang zur Sexualität in all ihren konstruktiven und destruktiven Facetten. Einerseits bedient Sexualpädagogik das Feld der Prävention, um potenzielle Gefährdungen und Problemlagen der Personen durch Befähigung und Förderung vorzubeugen, andererseits den Bereich der Unterstützung, Begleitung in und nach Krisen als Formen der Intervention. Allerdings erhalten die Schattenseiten des Sexuellen seit jeher in den öffentlichen Debatten ein hohes Gewicht. Thematisierungen orientierten sich in den letzten Jahrzehnten an Gefahrendiskursen wie dem AIDS-Schock, Jugendschwangerschaften, sexueller Verwahrlosung, Pornografisierung der Gesellschaft und sexualisierter Gewalt. Es wurde nach schnellen Abwehrmechanismen gefragt und die Sexualpädagogik beauftragt. Genau hier lauert eine Instrumentalisierung als eine „Kammerjägeragentur“ (Lautmann 2005). Sexualpädagogik wird dann auf eine Form der „Sexualitätsprävention“ reduziert, gerät nach dem Abklingen der öffentlichen Aufregung in Vergessenheit und wird finanziell nicht mehr gefördert. Um dieser Bedrohung durch eine verengte Gefahrenabwehrpädagogik zu entweichen, wird in der Sexualpädagogik ein umfassenderer Ansatz gewählt. Sie erkennt, dass entgegen der öffentlichen Skandalisierungstendenzen Sexualität eine wichtige persönliche Ressource bleibt und die Förderung des selbstbestimmten Umgangs mit ihr das höchste Präventionspotenzial erwarten lässt. Sexualpädagogische Konzepte müssen folglich umfassend gestaltet werden, um nicht Gefahr zu laufen, durch punktuelle Informationsgabe zu verwirren oder belehrend an der Zielgruppe vorbei zu arbeiten. Staatlich geförderte Sexualerziehung steht somit in einem Spannungsfeld von Ressourcenorientierung und Risikovermeidung. 8 uj 1 | 2015 Theorie der Sexualpädagogik Drittens: Sexuelle Bildung ist notwendig. Wenn wir einerseits die sinnstiftenden Aspekte der Sexualität sowie ihre lebenslange Relevanz anerkennen und andererseits um die herausfordernde Orientierung in spätmodernen Gesellschaften wissen, kann die Konsequenz nur bedeuten, sexuelle Bildung zu unterstützen. Allerdings ist zu beanstanden, dass Sexualpädagogik in ihrer Angebots- und Ausbildungsstruktur auf bundes-, regional-, und kommunaler Ebene stark variiert. Die sexualpädagogischen Ressourcen setzen sich aus freien und öffentlichen Trägern, die im staatlichen und konfessionellen Auftrag arbeiten, zusammen. Den entscheidenden Anteil der sexualpädagogischen Arbeit trägt pro familia als bundesweit vernetzte und kommunal arbeitende spezialisierte Fachstelle. Sozialdienst katholischer Frauen, Caritas, Diakonie, aber auch Arbeiterwohlfahrt und Deutsches Rotes Kreuz verfügen über Angebote. Dort ist das sexualpädagogische Programm häufig an den Beratungsstellen für Schwangerschaftskonflikte angesiedelt. Problematischer gestaltet sich die bundesweite Ausbildungsstruktur. Nur wenige Hochschulen wie beispielsweise Kiel und Merseburg halten sexualpädagogische Module vor. Das Institut für Sexualpädagogik (ISP) bietet als Aus- und Fortbildungseinrichtung die umfangreichsten Möglichkeiten des Kompetenzerwerbs für pädagogische Fachkräfte. Um sexuelle Bildung effektiv in pädagogische Arbeit einfließen zu lassen, braucht es zum einen mehr Spezialisierungsmöglichkeiten für Fachkräfte, zum anderen aber auch örtliche zunehmende Kooperationen zwischen den Trägern. Viertens: Sexuelle Bildung ist selbstverständlich. Sexuelle Bildung und sexuelle Rechte verbindet ein gegenseitig legitimierender Wechselbezug: 1) Sexuelle Bildung kann Menschen dabei unterstützen ihre sexuellen Rechte in Anspruch zu nehmen. Gemäß dem Ausruf von Fred Sai, dem ehemaligen Präsidenten der International Planned Parenthood Federation „a right is not a right, if it’s unknown“ wird deutlich, dass die Inanspruchnahme von Rechten mit Bildung zusammenhängt. Bildung ist in der individualisierungsorientierten Gesellschaft eine wichtige Instanz. 2) Im Sinne eines grundlegenden Menschenrechts müssen sexuelle Bildungsangebote für jede Person zugänglich sein. Aus dieser Grundhaltung heraus lässt sich ein sexualpädagogisches Menschenbild formen, das den Menschen als ein von Geburt an bis zur Mündigkeit befähigtes Wesen ansieht, das ein Recht auf seine wachsende selbstbestimmte Entscheidungsfreiheit besitzt. Der Mensch steht damit in der Selbstverantwortung und besitzt ebenso das Recht auf Information und Bildung, um eine reflektierte Entscheidungsfähigkeit zu erlangen. Von Geburt an ist Sexualität als ein zentraler lebensüberdauernder Wert anzusehen, dessen individuelle Potenziale selbstbestimmt und sozial verantwortlich zur Entfaltung kommen sollen. Kritische Positionen Sexualpädagogik erntet für ihre Arbeit nicht nur Anerkennung, sondern muss sich auch mit kritischen Positionen auseinandersetzen. Die gesellschaftskritisch orientierte Sexualwissenschaft lastete der Sexualpädagogik häufiger an, dass ihre Vorstellung, eine Gesellschaft beeinflussen oder sogar verändern zu können, zu idealistisch sei. Sexualpädagogische Intentionen werden dadurch in Schranken gewiesen. Grundsätzlich kann Menschen keine „richtige“ Sexualität vorgeschrieben werden. Dies ist allerdings auch nicht das Ziel (sexual)pädagogischen Agierens. Im Kontakt mit AdressatInnen ist dies - so sollte deutlich geworden sein - auch nicht der Fall. Auf gesellschaftlicher Ebene bleibt das öffentliche Eintreten für die Werthaltung und damit die Kritik an struktureller Benachteiligung dennoch relevant, um den Men- 9 uj 1 | 2015 Theorie der Sexualpädagogik schen nicht mit der Verbesserung ihrer Lebenslage allein zu lassen. Sexualpädagogik muss in die gesellschaftliche und politische Auseinandersetzung gehen, um ihre Zielgruppe im gesellschaftlichen Kontext zu befähigen, auch wenn ihr dadurch manches Mal der Vorwurf entgegnet wird, zu den „notorischen Weltverbesserern“ zu gehören. Ganz aktuell kommt es zu Missverständnissen der Sexualpädagogik in der Presseöffentlichkeit. SexualpädagogInnen werden mit Vorwürfen konfrontiert. Sie muten Kindern und Jugendlichen zu früh und zu viel an sexualitätsbezogenen Themen zu. Schärfer formuliert lässt sich das Argument herausschälen: Jugendliche werden durch sexualpädagogische Angebote sexualisiert und überfordert. So behauptet Christian Weber, Journalist bei der Süddeutschen Zeitung, in seinem dortigen Artikel „Was sie noch nie über Sex wissen wollten“ vom 24. 4. 2014: „Das ist es nicht, was Mädchen und Jungen benötigen, die erste Erfahrungen mit Liebe und Sex machen. Sie brauchen nicht noch extra mehr Durcheinander, als ohnehin schon in ihren Köpfen herrscht.“ Dies vermischt sich mit dem Vorwurf, dass Kinder und Jugendliche bewusst irritiert werden, um die sexuelle Orientierung umzupolen. Die Akzeptanz sexueller Vielfalt wird somit kurzerhand zur Werbung für einen homosexuellen Lebensstil interpretiert. Auch die Rechte zur sexuellen Selbstbestimmung finden eine Fehlinterpretation als Aufforderung zum Geschlechtsverkehr - losgelöst von Liebe und Partnerschaft. Sexualpädagogik wird somit als Angreiferin fester gesellschaftlicher Werte wie Ehe oder monogamer Lebensstil aufgefasst. Es stellt sich hier die Frage, warum solche grundlegenden Missverständnisse entstehen. Oder ob sie vielmehr aus populistischen Interessen hochstilisiert werden, um eine Aufregung zu schüren, die nach theoretischem und professionellem Selbstverständnis der Sexualpädagogik keinerlei Nährboden hat. In dieser Lesart gerät die Sexualpädagogik ebenso in das Kreuzfeuer kleinerer dogmatischer Gruppen, die häufig höchst religiös gefärbt sind. Zu vermuten bleibt, dass Sexualpädagogik all denjenigen ein Dorn im Auge ist, die sich ➤ gegen eine Entscheidungsfreiheit von Frauen für oder gegen eine bestehende Schwangerschaft, ➤ gegen voreheliche sexuelle Erfahrungen und Geschlechtsverkehr, ➤ gegen frühkindliche Sexualerziehung ➤ und gegen homosexuelle Lebens- und Liebesweisen aussprechen. Die Integration oppositioneller Rückmeldung in die selbstreflexive Theorienbildung bleibt, trotz der Zurückweisung hier genannter Kritik, eine wichtige Forschungsaufgabe, aber auch eine Angelegenheit für die konkrete sexualpädagogische Praxis. Zu bilanzieren ist: Die Thematisierung von Sexualität war und bleibt heikel. Sexualkulturbildung Seit Kurzem findet in der Sexualpädagogik neben der eher Individuum zentrierten sexuellen Bildung eine Fokussierung auf die Sexualkulturen statt (Sielert 2011). Sexualkulturen bestehen aus mehr oder weniger bewussten organisations- und gruppenimmanenten Umgangsformen und Verhaltensweisen in Bezug auf Sexualität. Die zwischenmenschlichen Interaktionen sind dabei nicht nur abhängig von den jeweiligen Personen, sondern im besonderen Maße auch von den Umgebungsbedingungen. Dieses vorherrschende Klima in Einrichtungen wird tradiert und ist damit zeitüberdauernd. Formulierungen wie: „So etwas gibt es bei uns nicht, dass Lehrkräfte Jugendliche in den Arm nehmen, um sie zu trösten“, „Über Sexualität wird bei uns grundsätzlich nicht gesprochen“, „Wenn ich das Gefühl habe, dass eine Jugend- 10 uj 1 | 2015 Theorie der Sexualpädagogik liche mich anflirtet, kann ich meine Unsicherheit mit vertrauten KollegInnen besprechen“ deuten dann nicht immer nur auf individuelle Balance von Nähe und Distanz hin, sondern auch auf die organisationalen Verhandlungen von erlaubtem und erwünschtem oder aber auch nicht erwünschtem Verhaltensrepertoire. Sexualkultur bewegt sich damit auf der Ebene von Haltung oder Werten, aber auch auf der Ebene von Normen und Regeln. Häufig bleibt diese Kultur für die Beteiligten unsichtbar und wird erst auf explizite Nachfrage hin sichtbar, daher ist sie auch selten formalisiert, beispielsweise durch feststehende Konzepte. Sexualkultur ist dementsprechend unter anderem in den Beziehungen, Gefühlsmustern, Ritualen und Regelsystemen einer Institution oder Organisation enthalten. Sexualkultur wird allerdings selten positiv assoziiert. Vermehrt wurden die öffentlichen und fachlichen Diskurse im Zusammenhang mit den Missbrauchsskandalen in pädagogischen Einrichtungen und im Speziellen in Internaten seit 2010 auf sie aufmerksam. So bringt die aktuelle Forschung hervor, dass bestimmte organisationale Kontexte bestimmte sexualitäts- und machtbezogene Strukturen aufweisen, die sexualisierte Gewalt begünstigen oder fördern (u. a. Ley/ Ziegler 2012; Helsper/ Reh 2012; Retkowski/ Thole 2012). Stark verkürzt kann zusammengefasst werden, dass insbesondere streng antiautoritäre oder autoritäre Systeme zu einem Ungleichgewicht innerhalb der Nähe-Distanz-Balance führen und auch der mangelnde Grad an Transparenz Übergriffe eher möglich werden lässt. Neben einem Zuviel oder Zuwenig an Macht und Sexualität können pädagogische Organisationen durch ein förderliches Klima eine präventive Wirkung entfalten sowie Kinder und Jugendliche in ihrer sexuellen Identitätsentwicklung fördern. Aus sexualpädagogischer Sicht geht es um die Verhinderung von Gewalt, aber auch um ein sexualitätsbejahendes Klima. Einseitige Präventionsbemühungen produzieren manches Mal unerwünschte Nebeneffekte wie eine vermeintliche Desexualisierung. Sexualität wird dann ausschließlich im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt thematisiert und als Gefahrenmoment aus den Arbeitsbeziehungen der PädagogInnen mit Jugendlichen isoliert. Eine größere emotionale und körperliche Distanz baut sich auf und Unsicherheiten im Umgang miteinander entwickeln sich. Die Energie fließt in „Bereinigungsprozesse“ und führt damit zu einer Vereinseitigung und Verarmung pädagogischer Interaktion. Dort, wo dennoch eine Pädagogin von einem Jugendlichen angeflirtet wird, mehrere Jugendliche einen Jungen immer wieder mit „schwule Sau“ beschimpfen, ein Mädchen von eigenen „peinlichen“ Bildern im Internet berichtet, entsteht möglicherweise große Unsicherheit und Beschämung, weil keinerlei Handlungskompetenzen bestehen, um adäquat reagieren zu können. Deutlich wird: Sexualität und Gewalt lassen sich kaum ausklammern. Die Prävention von sexualisierter Gewalt baucht somit einen umfassenderen Ansatz. In der Sexualpädagogik wird davon ausgegangen, dass die Fähigkeit, zu sexuellen Themen kommunizieren zu können sowie sensibel für eigene und fremde Grenzen zu sein, zu einem selbstbestimmten Umgang mit Sexualität führt und damit weitestgehend gegen Fremdbestimmung und Gewalt stärkt. Dies kann nur erlernt und umgesetzt werden, wenn sexualitätsbezogene Kommunikation und Interaktion stattfinden kann. Die pädagogische Aufgabe beinhaltet hier, Kommunikationsräume zu eröffnen, in der die Sprachfähigkeit geübt werden kann. Zudem bedarf es einer Ermöglichung von Selbstreflexion, um Vorstellungen und Wünsche, individuelle Stärken und Defizite zu erkennen. Dabei können Werte und Haltungen diskutiert und erarbeitet werden, die u. a. einen empathischen Umgang im Miteinander fördern. Um diese Kompetenzen bei KlientInnen wie Jugendlichen zu fördern, braucht es sexuell ge- 11 uj 1 | 2015 Theorie der Sexualpädagogik bildete pädagogische Fachkräfte. Auch ihre Kommunikation untereinander gilt es anzuregen. Sexualpädagogik kann auf diese Weise einen wichtigen Beitrag zur Prävention von sexualisierter Gewalt leisten, ohne ihre Intention ausschließlich gewaltpräventiv auszurichten. Sie konzipiert ihre Arbeit durch die Verzahnung von individueller Interaktion und überindividuellem Klima zu einer Sexualkulturbildung. Fazit Sexualpädagogik nutzt empirische und theoretische Analysen gesellschaftlicher Diskriminierungsformen und persönlicher Unterstützungsbedarfe, um ihr Angebot möglichst hilfreich zu gestalten. Sie handelt nicht wertneutral, sondern fokussiert die sexuelle Gesundheit aller. Ihren erzieherischen Einsatz versteht sie als Hilfe, durch die Menschen befähigt werden, in der Beziehung zueinander und der qualitativen Auseinandersetzung miteinander eine selbstbestimmte und verantwortete Sexualität zu entwickeln und zu leben. Sie räumt Menschen das Recht der Selbstentfaltung ein und bezieht sich dabei auf den Grundsatz der sexuellen Rechte als Rahmen. Dieses theoretische und konzeptionelle Fundament hat Auswirkungen auf die sexualpädagogische Praxis. Es bildet ein Grundverständnis für die Gestaltung von Interaktionen und Settings mit KlientInnen. An dieser Stelle seien nur einige der elementaren Fragen gestellt, die deutlich werden lassen, dass der theoretische Anspruch hohe Forderung an die Professionalität von PädagogInnen stellt. ➤ Wie sieht meine Wertvorstellung einer gelingenden Sexualität aus? ➤ Kann ich Menschen mit ihren eigenen Lebensentwürfen akzeptieren? ➤ Wie kann ich Gespräche über Sexualität eröffnen und gleichzeitig intimitätswahrend sein? ➤ Wo berührt der Umgang mit Sexualität mein pädagogisches Arbeitsfeld? ➤ Was weiß ich über die sexualitätsbezogenen Unterstützungsbedarfe meiner KlientInnen? ➤ Welche Möglichkeiten der sexuellen Bildung kann ich KlientInnen gewährleisten? ➤ Inwiefern sind die sexuellen Rechte von KlientInnen sichergestellt? Deutlich wird: Sexualpädagogische Professionalität fordert eine sexualitätsbejahende Haltung, zudem benötigt sie Selbstreflexion, Kommunikationsfähigkeit und das Wissen über potenzielle Problemlagen der jeweiligen pädagogischen Zielgruppen. Prof. Dr. Anja Henningsen Christian-Albrechts-Universität Kiel Institut für Pädagogik Olshausenstr. 75 24118 Kiel henningsen@paedagogik.uni-kiel.de Literatur BZgA (2004): Richtlinien und Lehrpläne zur Sexualerziehung. Eine Analyse der Inhalte, Normen, Werte und Methoden zur Sexualaufklärung in den sechzehn Ländern der Bundesrepublik Deutschland. BZgA, Köln BzgA (Hrsg.) (2011): WHO-Regionalbüro für Europa und BZgA. Standards für die Sexualaufklärung in Europa. Rahmenkonzept für politische Entscheidungsträger, Bildungseinrichtungen, Gesundheitsbehörden, Expertinnen und Experten. BZgA, Köln Glück, G. (1988): Sexualpädagogische Konzepte. BzgA, Köln Helfferich, C. (2008): Empirische sexualpädagogische Forschung im Themenfeld Jugendsexualität. In: Schmidt, R.-B., Sielert, U. (Hrsg.): Handbuch Sexualpädagogik und sexuelle Bildung. Juventa, Weinheim/ München, 39 - 66 Helsper, W., Reh, S. (2012): Nähe, Diffusität und Asymmetrie in pädagogischen Interaktionen. 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