eJournals unsere jugend67/6

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2015.art45d
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2015
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„Integration gelingt spielend !“

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2015
Daniel Fuhrmann
Marina Granzow
Michael Tiaden
Dieser Beitrag präsentiert Erkenntnisse und Konsequenzen für die Soziale Arbeit und die Offene Kinder- und Jugendarbeit im Umgang mit jungen Menschen mit Migrationshintergrund am Fallbeispiel des Stadtteiltreffs Haste in Osnabrück.
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267 unsere jugend, 67. Jg., S. 267 - 273 (2015) DOI 10.2378/ uj2015.art45d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel von Daniel Fuhrmann Jg. 1990; Sozialarbeiter (B. A.), Berufsanerkennungsjahr im Gemeinschaftszentrum Lerchenstraße der Stadt Osnabrück „Integration gelingt spielend! “ Erfolgreiche Offene Kinder- und Jugendarbeit im Stadtteiltreff Haste zwischen sozialraumbezogener Sozialarbeit und Migration Dieser Beitrag präsentiert Erkenntnisse und Konsequenzen für die Soziale Arbeit und die Offene Kinder- und Jugendarbeit im Umgang mit jungen Menschen mit Migrationshintergrund am Fallbeispiel des Stadtteiltreffs Haste in Osnabrück. Die Zuwanderung von Menschen und Familien einer anderen Herkunft nach Deutschland, um sich dort einen neuen Lebensmittelpunkt aufzubauen, normalisiert sich für unsere Gesellschaft immer mehr und wird dennoch immer wieder mit Brisanz diskutiert. Die gesellschaftspolitisch entbrannte Debatte um die Einwanderung zahlreicher Rumänen und Bulgaren zu Beginn des Jahres 2014 dient dabei aktuell als Bestätigung. Und trotz aller heißen Diskussionen: Integration wird in Deutschland groß geschrieben! Integration bzw. der Austausch mit Menschen mit Migrationshintergrund kann sozusagen an jeder Straßenecke stattfinden. Die Politik sowie die Soziale Arbeit setzen in der Integration einen Schwerpunkt ihrer Aufgaben und versuchen, die Thematik institutionalisiert anzugehen. Dabei soll Integration von klein auf geschehen und ermöglicht werden. Die Sozialisationsinstanzen des Kindergartens sowie der Schule tendieren dazu, Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund nach gesellschafts- und bildungspolitischen Idealvorstellungen an ihre „neue Heimat“ anzupassen und gesellschaftsfähig zu erziehen. Mal mit mehr Erfolg, mal weniger erfolgreich. Neben Kindergärten und Schulen können Jugendzentren der Offe- Marina Granzow Jg. 1984; Sozialarbeitswissenschaftlerin (M. A.), Diplom- Sozialpädagogin/ -arbeiterin (FH), Lehrende im Studiengang Soziale Arbeit (B. A.) an der Hochschule Osnabrück Michael Tiaden Jg. 1970; Supervisor (M. A.), Diplom-Sozialpädagoge/ -arbeiter, Lehrender im Studiengang Soziale Arbeit (B. A.) an der Hochschule Osnabrück 268 uj 6 | 2015 Jugendarbeit und Integration nen Kinder- und Jugendarbeit einen integrativen Beitrag leisten, dass sich Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien in ihrer Jugendphase wohlfühlen und sich nach ihren eigenen Vorstellungen entfalten können. Auch hier ist Erfolg nicht vorprogrammiert. Wie die Konzepte der Offenen Kinder- und Jugendarbeit im Sozialraum mit den Konzepten der Migrationsarbeit zusammenspielen und damit erfolgreich zusammenarbeiten, möchten wir am Beispiel des „Stadtteiltreffs Haste“ (STH), eines Osnabrücker Jugendzentrums, aufzeigen. Denn es ist kein Zufall, dass der Stadtteiltreff tagtäglich ca. 90 % Kinder und Jugendliche mit migriertem Status als BesucherInnen begrüßen darf. Ein Indiz für erfolgreiche Integrationsarbeit, aber ebenso für erfolgreiche Jugendarbeit. Wie das zustande kommt, wovon dies abhängig ist und vor allem, welche Konsequenzen sich für die Soziale Arbeit ableiten lassen, wird nun konkretisiert. Ein Stadtteil zwischen Neubaugebiet und sozialem Brennpunkt und mittendrin: der Stadtteiltreff Haste Der Osnabrücker Stadtteil Haste ist ein gespaltener Stadtteil. Haste besteht aus einem inneren und einem äußeren Ortskern. Die Außenfassade des Stadtteils schmückt sich mit schönen Häusersiedlungen sowie mit einem Neubaugebiet, das größtenteils von deutschen BürgerInnen bewohnt wird. Der innere Ortskern stellt dagegen einen Kontrast dar und wird als „sozialer Brennpunkt“ verstanden. Er lässt sich als eine Aneinanderreihung von dicht besiedelten Hoch- und Plattenbauhäusern beschreiben und stellt die Heimat von vielen sozial schwachen Migrantenfamilien sowie auch von deutschen Familien in prekären Lebenslagen dar. Von Integration ist aufgrund dieser Tatsache nicht viel zu spüren. Inmitten des sozialen Brennpunkts befindet sich das Gelände der Grundschule, auf dem 1981 der „Stadtteiltreff Haste“ errichtet wurde. Die Einrichtung versteht sich als zentraler Ort der offenen Freizeitgestaltung für Kinder und Jugendliche im Stadtteil und separiert sich in die zwei Bereiche „Kindertreff“ und „Jugendtreff“. Wie eingangs schon erwähnt: 90 % (! ) der besuchenden Kinder und Jugendlichen im Stadtteiltreff besitzen einen Migrationshintergrund. Anlass genug für Daniel Fuhrmann vom Stadtteiltreff in Zusammenarbeit mit Michael Tiaden und Marina Granzow von der Hochschule Osnabrück, diesen Aspekt in Form einer Forschungsarbeit (B. A.) tiefgründiger zu untersuchen. Aus welchen Gründen besuchen insbesondere Jugendliche aus der Migrationsklientel den Stadtteiltreff so zahlreich? Welche Anreize bietet das Jugendzentrum in Haste, dass so viele Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund den Stadtteiltreff Haste als aktiven Interaktionsort in der Freizeit wahrnehmen? Aufschluss darüber gibt eine empirische Studie per Fragebogen in der Einrichtung, die ausschließlich an Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund gerichtet war. Die relativ geringe Anzahl von 55 Befragten lässt zwar mutmaßen, dass eine größer angelegte Studie noch differenzierte Ergebnisse zeigen würde, allerdings konnten trotzdem Faktoren einer erfolgreichen Jugendarbeit bzw. Integrationsarbeit mit Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zumindest für die Institution in Haste ermittelt werden. Der Stadtteiltreff Haste als „Raum“ im Raum von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund Dieter Baacke machte bereits zu früherer Zeit anhand seines „Vier-Zonen-Modells“ deutlich, dass der Stadtteil der primäre Interaktionsraum für Kinder und Jugendliche ist. Was Baacke damals als „ökologischen Nahraum“ titulierte, bezeichnen wir heute als Sozialraum. Der Sozialraum kristallisiert sich als das Interaktionsfeld heraus, in dem soziale Beziehungen und Verhältnisse inmitten des direkten Wohn- und Lebensraums entstehen. Das Jugendzentrum des 269 uj 6 | 2015 Jugendarbeit und Integration Stadtteiltreffs Haste befindet sich im unmittelbaren Sozialraum von Haste, in dem viele Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund leben. Aus der Studie unserer Arbeit ergibt sich, dass 92,7 % der befragten BesucherInnen mit Migrationsstatus auch im Stadtteil Haste leben. Interessanter scheint der Aspekt, dass 80 % der Jugendlichen nicht weiter als fünf Minuten von der Einrichtung entfernt wohnen. Die Offene Kinder- und Jugendarbeit in Haste hat sich in einem Ballungsgebiet positioniert, in dem viele Migrantenfamilien ihren Lebensmittelpunkt aufgebaut haben. Der Stadtteiltreff Haste ist demzufolge ein Bestandteil des alltäglichen Sozialraums vieler Kinder und Jugendlicher mit Migrationshintergrund. Die Nähe zwischen der Einrichtung und dem „Zuhause“ dieser Kids stellt eine Ursache dar, weshalb das Haster Jugendzentrum so erfolgreich von dieser Klientel besucht wird. Der Stadtteiltreff Haste profitiert zudem von der infrastrukturellen Anbindung zur ortsansässigen Grundschule. Inmitten des sozialen Brennpunkts in Haste befindet sich das Gelände der Grundschule, auf dem das Jugendzentrum errichtet wurde. Es stellt das zentrale Interaktionsfeld von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund dar und ist möglicherweise auch eine prägende Ursache für den Erfolg. Andere Freizeitangebote in Haste sowie weitere Jugendzentren im Osnabrücker Raum werden laut Studie eher geringer bzw. kaum besucht. Am Beispiel des Stadtteiltreffs Haste wird für die Offene Kinder- und Jugendarbeit deutlich: Positionieren sich Jugendzentren so, dass Mädchen und Jungen aufgrund der lokalisierten Nähe zu ihrem Wohnbereich die offerierten Angeboten wahrnehmen können, werden diese Jugendzentren auch von der „Migrationsklientel“ effektiv angenommen. Ganz steuerbar ist ein Erfolg bezüglich Migrantenjugendlichen nicht, da die Altersstruktur in Bezug auf die Mobilität von Kindern und Jugendlichen wesentlichen Einfluss besitzt. Schon Wehmeyer stellte fest: „Je älter die Jugendlichen sind, desto größer wird ihr Handlungsspielraum.“ Die Befragten der Forschung gehören größtenteils der Altersgruppe zwischen sechs und 14 Jahren an und besitzen meines Erachtens damit noch keinen großen Handlungsspielraum, d. h.: Sie kommen noch nicht so stark aus ihrem Stadtteil bzw. Sozialraum heraus und bewegen sich eher in ihrem herkömmlichen Sozialisationsfeld, wovon wiederum der Stadtteiltreff Haste profitiert. „FreundInnen“ - Ausgangspunkt einer erfolgreichen Offenen Kinder- und Jugendarbeit mit jugendlicher Migrationsklientel Wenn Kinder und Jugendliche in ihrem agierenden Sozialraum aufwachsen, gehört auf jeden Fall die Peergroup dazu. Im gemeinsamen Verbund als „Clique“ oder „Peers“ erkundigen und lernen Kids und Teenager ihren Stadtteil kennen. Sie definieren Orte und Treffpunkte zum „Chillen“ und stecken damit ihr Revier ab, in dem sie sich wohlfühlen. Demzufolge scheint der Stadtteiltreff Haste vor allem für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund ein Standort zu sein, den sie in ihrem Sozialraum aktiv wahrnehmen. Doch welche Rolle spielen dabei die FreundInnen der migrierten BesucherInnen der Offenen Kinder-und Jugendarbeit in Haste? Die Befragung in der Einrichtung zeigt, dass FreundInnen als effektivster Zugangsfaktor von jungen MigrantInnen in die Offene Kinder- und Jugendarbeit gelten. Denn 83,6 % der befragten BesucherInnen mit Migrationshintergrund gaben an, dass sie zum ersten Mal vom Stadtteiltreff Haste durch FreundInnen hörten. Zudem bejahten 98,2%, ihre FreundInnen seien auch BesucherInnen des Jugendzentrums. Der Faktor „FreundInnen“ ist ein Indikator, der wesentlichen Anteil daran hat, dass der Kontakt von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu einem Jugendzentrum überhaupt zustande kommt. Denn die Studie macht 270 uj 6 | 2015 Jugendarbeit und Integration auch deutlich, dass die Offene Kinder- und Jugendarbeit durch eigene Werbeinitiativen wie Flyer (7,3 %), Internet (3,6 %) sowie Zeitungsannoncen (5,5 %) insbesondere Jugendliche mit Migrationshintergrund eher weniger in ihre Jugendzentren lotst. Die aktive Gestaltung des ersten Zugangs in ein Jugendzentrum stellt sich also als schwierig dar und führt zu der Konsequenz, dass Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit intensiver den direkten Weg zu migrierten Jugendlichen in ihrer Umgebung suchen sollten. Sie könnten kontinuierlich die Jungen und Mädchen von Spiel- und Sportplätzen sowie vor ihrer Haustür „abholen“ und auf das Jugendzentrum aufmerksam machen. Ferienaktionen sowie initiierte Feste reichen nicht aus, um den Alltag eines Jugendzentrums effektiv zu gestalten. Kontinuierliche Stadtteilbegehungen der MitarbeiterInnen der Jugendzentren, die Kinder und Jugendliche mit Migrationsstatus offen ansprechen, stellen beispielsweise Wege dar, um in Eigenregie den ersten Zugang für potenzielle BesucherInnen zu ermöglichen sowie zu erleichtern. Der Erfolg einer Offenen Kinder- und Jugendarbeit mit hohen Besucherzahlen ist also ebenso abhängig vom Freundeskreis der Klientel. Betont und differenziert werden sollte aber, dass FreundInnen kein ausschlaggebender Grund sind, warum junge MigrantInnen eine Einrichtung wie den Stadtteiltreff Haste so häufig und gerne besuchen. 52,7 % der befragten BesucherInnen mit Migrationshintergrund kommen laut Forschung auch „gerne mal alleine“ in das Haster Jugendzentrum, währenddessen 43,3 % „nur mit ihren FreundInnen kommen“. Zudem spielt die kulturelle Identität von Jugendlichen mit Migrationsstatus in Bezug auf ihren Besuch des Jugendzentrums eine unwesentliche Rolle. Der Trugschluss etwaiger Zugehörigkeits- und Segregationsprozesse auf Grundlage kultureller Identität von migrierten Kindern und Jugendlichen findet im Kontext des Besuchs der Offenen Kinder- und Jugendarbeit keinen Anklang, da sich 87,3 % der befragten Jungen und Mädchen im Stadtteiltreff Haste„heimisch fühlen“. Sicherlich ist dies auch der Tatsache geschuldet, dass 76,4 % der Befragten in Deutschland geboren sind und die Sozialisationsprozesse in der deutschen Kultur (Kindergarten, Schule) von klein auf kennengelernt sowie verinnerlicht haben. Doch die statistischen Zahlen geben auch Anlass zu der Annahme, dass die Offene Kinder- und Jugendarbeit in Haste Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund einen ursächlichen Anreiz bietet, der sie auch mal zum alleinigen Schritt in die Einrichtung ermutigt und auch weitere Kinder und Jugendliche motiviert, das Jugendzentrum zu besuchen. Eine Antwort hierauf gibt das Jugendzentrumsangebot des Stadtteiltreffs Haste. Das Angebot des Jugendzentrums - erfolgreicher Baustein persönlicher Interessens- und Bedürfnisregulierung mit atmosphärischen Nebeneffekten für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund Auffallend ist in erster Linie die hohe Interessens- und Beliebtheitsbekundung der jungen Befragten mit Migrationshintergrund für das Sportangebot im Stadtteiltreff Haste. 69,1 % der teilnehmenden Mädchen und Jungen „gefällt“ das Sportangebot in der Einrichtung. Das Sportangebot ist also auch ein ausschlaggebender Faktor für den Besuch des Jugendzentrums von Migrantenkindern und -jugendlichen. Neben den zweimal wöchentlich stattfindenden Sportangeboten in einer Sporthalle stellt die Institution einen Fitnessraum für Jugendliche zur Verfügung. Beides sind Anziehungsgründe, die dafür sorgen, dass Sport im Stadtteiltreff Haste so positiv bewertet wird und Einfluss auf die Besucherhäufigkeit besitzt. Hohe Sympathiewerte erreichen zudem die dargebotenen Räumlichkeiten, die angebotenen Gesellschaftsspiele sowie die geschlechtsspezifische Jugendarbeit (Jungen- und Mädchengruppe). 271 uj 6 | 2015 Jugendarbeit und Integration Warum sind insbesondere diese Jugendzentrumsangebote bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund so beliebt? Betrachtet man die Lebenslage von vielen migrierten Kids und Teenagern, die sich so charakterisieren lässt, dass neben persönlichen Herausforderungen (Sprach-und Bildungsbarrieren, anhaltende Vorurteile) auch die Familien der Betroffenen mit großen Problemen (evtl. Arbeitslosigkeit, mangelnde finanzielle Ressourcen) zu kämpfen haben, so wird die Relevanz von Anerkennung und erhaltener Aufmerksamkeit für viele junge MigrantInnen deutlich. Sportangebote sowie Gesellschaftsspiele in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit auf unverbindlicher und kostenloser Basis präsentieren Wettbewerbssituationen und Hilfeformen für Kinder und Jugendliche mit migriertem Status, die das Gefühl von Anerkennung vermitteln können. Vielfältige Räumlichkeiten sowie auch die geschlechtsspezifische Jugendarbeit schaffen Räume des „Sich-in-Szene-Setzens“, wie Peter Cloos sie in Form seiner „Sozialpädagogischen Arena“ forderte. Die angesprochenen Angebote dienen der persönlichen Interessens- und Bedürfnisregulierung der betroffenen Migrationskinder und -jugendlichen. Aus der Perspektive der migrierten Kinder und Jugendlichen könnte das so klingen: „Was mir zu Hause fehlt, hole ich mir halt da! “ Dafür spricht auch, dass Bücher (3,6 %) sowie Spielzeug (16,3 %) bei migrierten Kindern und Jugendlichen nicht so beliebt sind. Sie lassen sich als „Allein-Unterhalter“ darstellen, die kein Aufmerksamkeitspotenzial besitzen und aus dem Interessensraster der Migrationsklientel herausfallen. Anerkennung und Aufmerksamkeit durch Spiel, Sport und geschlechtsspezifischen Raum sind Faktoren, die dazu beitragen, viele Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in das Haster Jugendzentrum einzubeziehen. Darüber hinaus sorgt die Einrichtung für sogenannte positive atmosphärische Nebeneffekte. Damit ist z. B: Folgendes gemeint: Jeden Tag werden sowohl im Kinderals auch im Jugendbereich des Stadtteiltreff Haste verschiedene multikulturelle oder einheimische Gerichte gekocht, die von den BesucherInnen für einen einmaligen täglichen Betrag von € 0,20 verzehrt werden können. Vor allem für den großen Anteil der jugendlichen Migrationsklientel, der häufig in sozioökonomisch prekären Lebenslagen steckt, ergibt sich die Möglichkeit, mit wenig finanziellem Aufwand den Aufenthalt in der Einrichtung zu „versüßen“. Auch die MitarbeiterInnen stellen eine Komponente mit positivem Nebeneffekt für die Klientel dar; als „inneres und lebendiges Konstrukt“ insbesondere bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund widmen sie sich durch kommunikatives, spielerisches, kulturelles, empathisches und situationsangemessenes Geschick den Herausforderungen und Problemen der Betroffenen und versuchen, mit ihnen erfolgreich zu interagieren. Laut der Studie nehmen die Befragten sehr gerne die Unterstützung der Einrichtung in Form des persönlichen Gesprächs (43,6 %) an. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sehen demnach die Einrichtung als eine Art „Kompensator“ zur Bewältigung ihrer Probleme und Herausforderungen. Begründet werden kann dies dadurch, dass viele Eltern selbst mit sprachlichen sowie berufsbedingten Barrieren zu kämpfen haben und dadurch nicht in der Lage sind, sich der Probleme ihrer Kinder anzunehmen. Die Offene Kinder- und Jugendarbeit ist somit in der Situation, ihre Angebotsstruktur und Vorgehensweise im Umgang mit der Klientel junger Menschen mit Migrationshintergrund so zu steuern, dass diese Kinder und Jugendlichen gerne in ein Jugendzentrum strömen. Schafft es die Offene Kinder- und Jugendarbeit, eine Angebots- und Räumlichkeitsstruktur mit positiven atmosphärischen Nebeneffekten, wie sie beispielweise im Jugendzentrum in Haste zu erkennen sind, herzustellen, schafft sie eine Grundlage dafür, dass Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund Jugendzentren als einen Ort wahrnehmen, der 272 uj 6 | 2015 Jugendarbeit und Integration ihre Interessen- und Bedürfnislage auf Basis der Leitprinzipien der Freiwilligkeit, Offenheit und Partizipation reguliert, sowie als Ort registrieren, der zur Problembewältigung dienen kann. Quintessenz aus Sozialraum, Freundeskreis und Jugendzentrumsangebot Die Wirkfaktoren in Form des Sozialraums, des Freundeskreises sowie des Jugendzentrumsangebots sind ausschlaggebende Kriterien, die relevant sind für eine von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund gut besuchte Offene Kinder- und Jugendarbeit. Aber: ein einzelner Faktor wird nie alleine dafür sorgen, dass migrierte Kids und Teenager Jugendzentren besuchen. Die erläuterten Faktoren Sozialraum sowie FreundInnen können beispielweise nicht komplett dazu beitragen, dass jugendliche MigrantInnen dauerhaft in die Jugendzentren strömen. Dazu bedarf es bestimmter Angebote, die sie mobilisieren und reizen, ein Jugendzentrum wie den Stadtteiltreff Haste zu besuchen. Fehlen solche Angebote, „chillen“ (früher nannte man das noch „abhängen“) diese Jugendlichen eher an Orten in ihrem Stadtteil, die ihnen einen größeren Reiz vermitteln. Andersherum gesehen kann ein Jugendzentrum ein noch so tolles Angebot für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund entwickelt haben. Doch wenn der Sozialraum relativ gering mit MigrantInnen besiedelt ist und die FreundInnen der dort lebenden MigrantInnen das Angebot für sich persönlich nicht attraktiv genug finden, wird auch das effektivste Angebot speziell für die Migrationsklientel nicht den Zulauf von Mädchen und Jungen mit Migrationshintergrund erhalten. Die Synopse aus Sozialraum, Freundeskreis sowie Jugendzentrumsangebot entscheidet letzten Endes darüber, ob die Klientel der migrierten Kinder und Jugendlichen Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit kontinuierlich und erfolgreich besucht. Spielend gelingende Integration durch Sensibilität und stärkere Direktheit Offene Kinder- und Jugendarbeit kann demnach bezüglich der Gruppe junger Menschen mit Migrationshintergrund nicht alles eigenständig und aus sich heraus steuern. Dennoch befindet sich das Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit auf dem richtigen Weg, sich so auszurichten, dass sie hinsichtlich der Migrationsklientel vorbereitet agiert. Dabei steht die Gruppe der MigrantInnen nicht im Vordergrund. Der Fokus richtet sich auf die Herausforderungen, vor denen die Kinder und Jugendlichen stehen, resultierend aus kulturellem Hintergrund sowie deren Lebenslage. Vorurteile, etwaige Stereotypen und Klischees bezüglich Migrantenkindern und -jugendlichen werden versucht einzudämmen. Die Offene Kinder- und Jugendarbeit intendiert dabei, migrierten Jugendlichen die Chance zu geben, sich trotz möglicherweise problematischer familiärer, kultureller und traditioneller Lebensumstände sowie Berufs- und Ausbildungsproblematiken selbst zu entdecken und zu entfalten. Sensibilität im Umgang mit der Klientel ist dabei oberste Maxime. Dies impliziert insbesondere Respekt und anerkennendes Verhalten gegenüber anderen Kulturen. Gelingen kann das nur, wenn die MitarbeiterInnen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit sich auch mit den kulturellen Normen, Werten und Traditionen (z. B. Religion) von Menschen mit Migrationshintergrund beschäftigen. SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen müssen sich voll und ganz auf die Migrationsklientel einlassen, um sie zu verstehen und den Zugang zu den betroffenen Kindern und Jugendlichen zu realisieren. Um in der Sozialen Arbeit sowie der Offenen Kinder- und Jugendarbeit professionalisierte Standards zu entwickeln, wären Fortbildungen, Seminare sowie Weiterbildungsmaßnahmen bezüglich des Themas „Kulturelle Identität und Hintergründe von MigrantInnen“ ein großer 273 uj 6 | 2015 Jugendarbeit und Integration Schritt, um den Umgang vieler SozialarbeiterInnen, SozialpädagogInnen sowie weiterer MitarbeiterInnen in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit mit Migrantenjugendlichen zu erleichtern und einen gemeinsamen Dialog zu ermöglichen. Um als SozialarbeiterIn eines Jugendzentrums die Möglichkeit anzustrebender Sensibilität gegenüber jungen MigrantInnen zu erhalten, müssen diese erst einmal in Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit hineinkommen oder -„geraten“. Die Studie hat gezeigt, von welchen Faktoren dies abhängig ist. Und dennoch zeigt sie auch, dass das Arbeitsfeld Probleme aufweist, Kinder und Jugendliche der Klientel direkt zu erreichen. Dabei müssen die Jugendzentren eigeninitiativ einen direkteren Weg suchen, um vor allem Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund für einen Besuch der Einrichtung zu motivieren und „hineinzulotsen“. Flyer, Internet sowie Zeitungsannoncen reichen als einziger Zugang nicht aus. Ein aktives Zugehen scheint notwendig. Viel mehr Direktheit in Form von Stadtteilbegehungen der SozialarbeiterInnen und MitarbeiterInnen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, bei denen Kinder und Jugendliche offen angesprochen werden, um sofortige Nähe zur Klientel zu erlangen, sollten der Weg sein, um den Zugang in ein Jugendzentrum erfolgreich eigenständig zu initiieren. Die Kids und Jugendlichen an ihren Bedarfen orientiert von der Straße abholen und in der Einrichtung herzlich willkommen heißen, sollte wieder mehr denn je die Devise sein, um Integration spielend gelingen zu lassen. Daniel Fuhrmann (B. A.) Marina Granzow (M. A.) Michael Tiaden (M. A.) Hochschule Osnabrück Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften Studiengang Soziale Arbeit Caprivistraße 30 a 49076 Osnabrück daniel.fuhrmann.5@gmx.de m.tiaden@hs-osnabrueck.de m.granzow@hs-osnabrueck.de Literatur Baacke, D. (2001): Die 6bis 12jährigen. Einführung in die Probleme des Kindesalters. Beltz Juventa, Weinheim Bommes, M. (2005): Ausländische Jungen und Mädchen. Jugendliche mit Migrationshintergrund. In: Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit. 3. Aufl. VS Verlag, Wiesbaden Brinkmann, H.-U-, Marschke, B. (2014): Handbuch Migrationsarbeit. 2. Aufl. VS Verlag, Wiesbaden Butterwegge, C. (2010): Armut von Kindern mit Migrationshintergrund: Ausmaß, Erscheinungsformen und Ursachen. VS Verlag, Wiesbaden Cloos, P., Köngeter, S., Müller, B., Thole, W. (2009): Die Pädagogik der Kinder- und Jugendarbeit. 2 Aufl. VS Verlag, Wiesbaden Deinet, U. (1998): Aneignung und sozialer Raum. Prämissen einer jugendorientierten Offenen Jugendarbeit. in: Standortbestimmung Jugendarbeit. Theoretische Orientierungen und Befunde. Wochenschau Verlag, Schwalbach Deinet, U., Sturzenhecker, B. (2005): Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit. 3. Aufl. VS Verlag, Wiesbaden Scherr, A. (2010): Cliquen/ informelle Gruppen: Strukturmerkmale, Funktionen und Potentiale. In: Freundschaften, Cliquen und Jugendkulturen. Peers als Bildungs- und Sozialisationsinstanzen. VS Verlag, Wiesbaden Stadtteiltreff Haste (2008): Leistungsbeschreibung des Kinder- und Jugendtreffs. Osnabrück. Vordermayer, V. (2012): Identitätsfalle oder Weltbürgertum? : Zur praktischen Grundlegung der Migranten-Identität. VS Verlag, Wiesbaden Wehmeyer, K. (2013): Aneignung von Sozial-Raum in Kleinstädten: Öffentliche Räume und informelle Treffpunkte aus der Sicht junger Menschen. Springer, Wiesbaden