unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2015.art52d
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Kreative Projekte gegen Gewalt in Neuseeland
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Horst Küppers
Die neuseeländische Gesellschaft ist durch Zuwanderung im hohen Maße multikulturell geworden. Die Maori als Ureinwohner sind verdrängt, Weiße und sonstige Zuwanderer bestimmen weitgehend in der Politik und dominieren das öffentliche Leben. Das führt zu Spannungen und endet oft in Gewalt. Neuseeland hat ein Gewaltproblem – das ist bekannt, vielleicht weniger bekannt sind die kreativen Versuche, es zu minimieren. Ein Bericht über zwei landesweit erfolgreiche Projekte.
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321 unsere jugend, 67. Jg., S. 321 - 328 (2015) DOI 10.2378/ uj2015.art52d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel von Horst Küppers Jg. 1951; Oberstudienrat und zuständig für die Koordination der Europaklassen für ErzieherInnen der Elly-Heuss-Knapp- Schule (Europaschule) in Neumünster Kreative Projekte gegen Gewalt in Neuseeland Die neuseeländische Gesellschaft ist durch Zuwanderung im hohen Maße multikulturell geworden. Die Maori als Ureinwohner sind verdrängt, Weiße und sonstige Zuwanderer bestimmen weitgehend in der Politik und dominieren das öffentliche Leben. Das führt zu Spannungen und endet oft in Gewalt. Neuseeland hat ein Gewaltproblem - das ist bekannt, vielleicht weniger bekannt sind die kreativen Versuche, es zu minimieren. Ein Bericht über zwei landesweit erfolgreiche Projekte. In Neuseeland ankommen Es ist Januar und alle Kindergärten, Schulen und Hochschulen haben Ferien, denn auf der Südhalbkugel ist Hochsommer. Die Kinder und Jugendlichen sind - wenn sie Glück haben und ihre Eltern über das entsprechende Kleingeld verfügen - in einem der typischen und zahlreichen Feriencamps untergekommen. Andere Kinder und Jugendliche hängen herum. Diese Monate sind für TouristInnen die beste Zeit, um das Land zu bereisen. Somit treffen viele einheimische Jugendliche auf jugendliche UrlauberInnen aus aller Welt, auch wenn das sonstige öffentliche Leben auf Sparflamme kocht. Gerade die größte neuseeländische Stadt Auckland ist ein Besuchermagnet. Von daher sind im Innenstadtbereich viele BackpackerInnen anzutreffen. Diese stoßen auf auffällig viele Jugendliche mit Maori-Wurzeln, die sich in Parks und im Fußgängerbereich die Zeit vertreiben. In Gesprächen erfahren sie viel über die Situation der Jugendlichen. Gewalt ist typisch für Maori Die Gewalt hat in Neuseeland einen Namen - Maori! So einseitig, schlimm und diskriminierend es klingt, aber es entspricht den Tatsachen. Dafür gibt es viele Gründe, die kurz zu skizzieren sind. Die Gesellschaft Neuseelands setzt sich zusammen aus den UreinwohnerInnen - den Maori - und den weißen und sonstigen ZuwanderInnen. Wobei die Maori nur einen Anteil von etwa 15 % stellen. Die einstigen Herren der Inseln sind also deutlich in der Minderheit und die politische wie wirtschaftliche Macht liegt in„weißen“ Händen. Ursache dafür ist die koloniale Politik der Unterdrückung und Bekämpfung autonomer Strukturen über mehr als ein Jahrhundert, beginnend mit den englischen Kolonisatoren. Damit einher gehen verlorene Bürgerkriege, Enteignung und Verweigerung des Bildungszugangs. Von dieser Misere hat sich das kriegeri- 322 uj 7 + 8 | 2015 Jugendgewaltprävention sche Volk der Maori bisher nicht erholt. Mittlerweile hat der Staat die Verfehlungen der Kolonialzeit politisch und öffentlich eingestanden und sich dafür entschuldigt, aber das Trauma sitzt bei den Maori tief. Geopolitische Daten der parlamentarischen Demokratie Neuseeland Staatsform: konstitutionelle Monarchie Hauptstadt: Wellington Einwohnerzahl: 4,5 Millionen Fläche/ Bevölkerungsdichte: 268.700 km²; 16 Einwohner pro km² Amtssprache: Englisch, Te Reo Maori, Neuseeländische Gebärdensprache Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner: 28.000 US-Dollar Arbeitslosenquote: 6,6 Prozent Geopolitische Besonderheiten: Neuseeland besteht aus der Nord- und der Südinsel und weiteren 700 kleineren Inseln. Die Landfläche ist kleiner als die von Italien. Der Inselstaat liegt am weitesten von Mitteleuropa entfernt: auf der Erdkugel exakt gegenüber von Spanien. Der Bevölkerungszuwachs geht zum größten Teil auf Einwanderung zurück. 23 % der Bevölkerung sind nicht im Land geboren. Neuseeland gehört mit einem Urbanisierungsgrad von 86 % zu den Ländern mit der prozentual höchsten Stadtbevölkerung der Erde. Ein Drittel lebt in der Stadt Auckland. Den größten Teil der Bevölkerung machen NeuseeländerInnen europäischer Abstammung, genannt Pākehā, aus. Diese Volksgruppe kam überwiegend von den Britischen Inseln, aber auch aus Deutschland, Italien, Polen, den Niederlanden und weiteren europäischen Staaten (67,6 %). Die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe bilden die 660.000 polynesisch-stämmigen indigenen EinwohnerInnen Neuseelands, die Maori (14,6 %). Inzwischen stiegen die Asiaten (9,6 %) zur drittgrößten ethnischen Gruppe auf. Die Bevölkerungsdichte beträgt ungefähr 16 Menschen pro km² - zum Vergleich: Deutschland 231 pro km². Das „Krieger-Gen“ Es gab und gibt den Versuch, die Gewalt unter Maori mit dem „Krieger-Gen“ zu erklären. Die Position klingt einerseits verrückt, aber andererseits ist sie verständlich und zudem medial, politisch und populär gut zu vermarkten. Vor etwa zehn Jahren spekulierte die Anthropologin und Wissenschaftsjournalistin Ann Gibbons über ein mögliches „warrior gene“ (Gibbons 2004, 818). Einerseits könne ein solches „Krieger-Gen“ ein Vorteil sein - etwa in Kriegen und besonders belastenden Situationen -, andererseits auch dazu führen, dass die aggressiven Potenziale zu schnell und unkontrolliert frei gesetzt werden. Es sei eine genetische Disposition, die im Besonderen Einfluss auf das Verhalten hat. Vielleicht besaßen die großen Eroberer und Feldherrn diese Disposition, so wie sämtliche Verbrecher sie in sich tragen sollen. Auch hier ist die Rede vom Krieger-Gen. Nach allem, was wir bisher über die Ursachen der unterschiedlichen Gewaltbereitschaft von Individuen wissen, wird eine Variante des Monoaminoxidase-A-Gens (MAOA) sowohl mit dem Grad als auch der Intensität der ausgeübten Aggression in Verbindung gebracht. Wir wissen zur MAOA-Verteilung einstweilen nur so viel, dass in westlichen Populationen etwa ein Drittel der Bevölkerung das Allel MAOA-L aufweist, während es in der Maori-Bevölkerung zwei Drittel besitzen. Die Position des sogenannten Krieger-Gens ließ sich nicht verifizieren und wäre als Begründung zu einfach, aber als Entschuldigung für das kollektive Gewaltproblem der Maori wird sie immer noch gerne genutzt. Rückbesinnung auf alte Werte Die Maori haben keine Schriftkultur und damit auch keine Lesekultur. Daher stehen auch noch heute in nur wenigen Maori-Haushalten Bücher. Aber sie besitzen eine fest verankerte Erzählkultur, in der die alten Sagen, Mythen und 323 uj 7 + 8 | 2015 Jugendgewaltprävention Legenden fortleben. Das Wissen wird traditionell mündlich - in der Regel in den Familien von den Eltern auf die Kinder - überliefert. Zudem gehen in einigen Gemeinden die Alten eines Clans in die Krippen, Kindergärten (vgl. Küppers 2013) und Grundschulen und erzählen in ihrer Sprache (Te Reo Maori) von den Dingen der Welt und alten Traditionen. Unter den klassischen Mythen und Sagen ist der Anteil der kriegerischen Geschichten auffallend hoch. Besonders die männlichen Maori trauern in ihren Mythen um den Ruhm, die vergangene Stärke und die kriegerischen Erfolge der Vergangenheit. Das zeigt sich immer noch in den einschüchternden Begrüßungsritualen, die mit großer Lautstärke, Bewaffnung, imposanter Gestik und Mimik jeden Gast nachhaltig beeindrucken sollen. Die ausgestreckte Zunge, die vielen dunklen Tattoos, lautes Stampfen, kraftvolle Bewegungen der massigen nackten Körper sprechen eine deutliche Sprache. Die Maori lieben diese Szenarien und ausländische Gäste sollten sie einmal hautnah erlebt haben. Aber sie sind für viele Maori leider überwiegend „nur“ Folklore, ebenso wie die vergangene Stärke des Krieger- und Seefahrervolkes das Selbstbewusstsein der Maori nicht stärkt. Die Darstellung von martialischer Gewalt als Folklore oder die Kanalisierung in Sport (Rugby, Sumo-Ringen etc.) reichen scheinbar nicht. Persönliches Sicherheitsgefühl und Wohlbefinden Die Angst vor Kriminalität ist wesentlicher Faktor des Sicherheitsgefühls. Ein das persönliche Sicherheitsgefühl beeinflussender Faktor ist u. a. das Risiko, Opfer eines tätlichen Angriffs oder anderer Verbrechen - vor allem von Gewaltverbrechen - zu werden. Dieser Faktor liegt in Neuseeland mit 2,2 % deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 4 %. Die NeuseeländerInnen leben also relativ sicher. Allerdings werden in Neuseeland Männer (3,2 %) doppelt so oft überfallen wie Frauen (1,4 %). Ein weiteres Indiz für das Sicherheitsgefühl ist in der Mordrate zu finden, die auf 100.000 EinwohnerInnen berechnet wird. Auch diese liegt in Neuseeland mit 0,9 unter dem OECD-Länderdurchschnitt von 2,2 Morden. Wobei die Mordrate bei Männern bei 1,1 und bei Frauen bei 0,7/ 100.000 liegt. Kriminalität beeinflusst das Verhalten, beschneidet Freiheiten und rüttelt damit an der Basis eines sozialen Gefüges. Das ist zwar in Neuseeland noch nicht der Fall, denn über 80 % fühlen sich nachts allein auf der Straße sicher. Allerdings unterscheidet sich diese Wahrnehmung deutlich zwischen Frauen und Männern, denn Frauen fühlen sich weniger sicher. Das mag u. a. an der Angst von Frauen vor sexuellen Übergriffen liegen und daran, dass ihnen normalerweise die Schuld oder zumindest eine Mitschuld für solche Übergriffe gegeben wird. Zudem kommt ihre höhere Sicherheitsverantwortung für (ihre) Kinder hinzu. Gewalt gegen Maori-Kinder Die Maori Ihre Herkunft ist ungewiss. Wissenschaftlich gesichert ist nur, dass die Maori Neuseeland zwischen dem 8. und dem 14. Jahrhundert besiedelten. Wahrscheinlich kamen sie in mehreren Wellen aus Südostasien, genauer von den polynesischen Inseln im Pazifik. Die Ankömmlinge fanden ein Land vor, das genug Siedlungsraum bot. Sie lebten in kleinen Familiengruppen, sogenannten „whanau“, zusammen, wie sie es aus ihrer Heimat gewohnt waren. Im Laufe der Zeit wurden aus diesen Familiengruppen größere Verbände, die „hapu“, die die soziale Grundstruktur der heutigen Maori-Gesellschaft bilden. Um die fruchtbarsten Regionen der Insel gab es unter den Maori-Siedlern Stammeskämpfe. Diese Konflikte unter den Gruppen zogen sich zum Teil über mehrere Jahrhunderte in einem Kreislauf aus Gewalt und Rache hin. Für die Maori galt nichts höher als „mana“ - ihre Ehre. 324 uj 7 + 8 | 2015 Jugendgewaltprävention Heute leben rund 4,5 Millionen Menschen in Neuseeland. 15% davon sind Maori, aber nur noch die wenigsten können sich als ethnisch reine Maori bezeichnen. Maori ist, unabhängig von der Anzahl der Maoribeziehungsweise Nicht-Maori-Vorfahren, wer sich mit der Kultur der Maori identifiziert. Und dazu zählen sich immer mehr Menschen in Neuseeland. Es gibt ein neues Selbstbewusstsein unter den Maori, das sie „Maoritanga“ nennen. Es geht über ein paar traditionelle Tatoos und Folklore hinaus: Es verlangt die tiefe Auseinandersetzung mit der Kultur. Leider gibt es auch Schattenseiten: Das durchschnittliche Einkommen der Maori liegt noch immer deutlich unter dem gesamtneuseeländischen. Hinzu kommen fehlende Ausbildungsplätze für Maori-Jugendliche, untere Bildungsniveaus und überproportional häufig ein Leben in der sozialen Unterschicht. Gewalt, Bandenkriminalität und Alkoholismus spielen eine große Rolle. Der gewaltsame Tod von Zwillingen einer Maori-Familie 2006 in Auckland hat die Öffentlichkeit Neuseelands geschockt. Die Polizei vermutet, dass der Vater die Kinder in einem Wutanfall unter Alkoholeinfluss schwer misshandelte, aber ZeugInnen oder ein Geständnis gibt es bisher nicht. Auf einmal standen das Land und besonders die Maori im Fokus einer grundlegenden nationalen Diskussion über häusliche Gewalt. Ungewöhnlich kritisch war die allgemeine Reaktion, und alle nahmen die Maori- Minderheit in den Blick. Auf einmal interessierten sich die Medien - und das weltweit - für das in Neuseeland totgeschwiegene Problem der Maori. Die Politik - immer auf Ausgleich und Vorsicht bedacht, wenn es um Maori-Belange geht - war gleichfalls geschockt. Die Morde sind einerseits typische Gewaltbeispiele, andererseits stehen sie symptomatisch für Gewalt an Kindern und gleichzeitig für Maori-Schicksale mit einer erschreckenden Negativstatistik. Besonders erschreckend daher, da Neuseeland, was die Zahl der durch Misshandlung zu Tode gekommenen Kinder betrifft, prozentual an dritter Stelle der OECD-Staaten - nach den USA und Mexiko - liegt. Die Hälfte der im Land bekannt gewordenen Fälle ereignet sich unter den 660.000 UreinwohnerInnen des Landes, den Maori. Im Jahr 2005 wurden mehr als tausend Maori-Kinder schwer misshandelt. Noch während die Zwillinge im Koma lagen, sprachen sich die halbwüchsigen Eltern mit ihrem Clan ab. Niemand aus der Großfamilie war bereit, der Polizei zu sagen, wer die Tat begangen haben könnte beziehungsweise begangen hat. Dabei überdehnte die Polizei ihre Möglichkeiten. Um das kollektive Schweigen zu brechen, wurde der Maori-Familie zugestanden, eine mehrtägige traditionelle Beerdigung zu feiern - wenn sie denn mit der Polizei kooperiere. Allerdings brach der Maori-Clan das Versprechen und übergab auch nach der Beerdigung den oder die mutmaßlichen Mörder aus den eigenen Reihen nicht der Polizei. Das Verhalten des Clans (vgl. Duff 2008) führte zur landesweiten Empörung, die nicht nur die NeuseeländerInnen europäischer Abstammung, sondern auch viele der Maori erfasste. Die politischen RepräsentantInnen der Maori hatten bisher immer davor gewarnt, die Fälle von Kindesmisshandlungen als eine „Keule“ gegen ihr Volk zu verwenden. Somit geriet der Clan immer mehr ins Abseits. Selbst kriminelle Gangs drohten mit Konsequenzen gegenüber der Familie der Zwillinge, weil diese Schande über alle Maori gebracht hätte. Diese landesweite Empörung war ungewohnt. Solche Reaktionen kannte man bisher nur von Weißenorganisationen vom rechten Rand, die ständig und gebetsmühlenartig auf die Verrohung und Brutalität in zerrütteten Maori-Familien hinwiesen. Maori-AktivistInnen fanden schnell eine Erklärung, wie es zu diesen Zuständen hatte kommen können: Sie suchten die Schuld nicht im eigenen gesellschaftlichen Sub-System, sondern schoben es auf eine „postkoloniale Traumatisierung“. Diese habe 325 uj 7 + 8 | 2015 Jugendgewaltprävention die Zahl der getöteten Maori-Kinder so rapide anwachsen lassen. Denn erst mit dem Eintreffen der Engländer auf Neuseeland praktizierten die Maori eine andere Erziehung, die sie ins Chaos geführt habe. Das Problem der Kindesmisshandlung wurde unter den Maori lange ignoriert - auch, wenn mit jedem neuen Fall ein Aufschrei durch Neuseeland ging. Selbst Neuseelands Premierministerin Helen Clark, der bisher immer ein absolut politisch korrekter Umgang mit der ethnischen Minderheit bescheinigt wurde, reagierte öffentlich schockiert. Sie kritisierte, dass Kindermord sich hinter einem Schleier kultureller Unangreifbarkeit verstecken kann. Eine Untersuchungskommission wurde einberufen, denn es ist für die jüngsten unter den Maori dringend geboten, dass das Problem gelöst wird. Allerdings reißt die skurrile Sonderbehandlung der Maori nicht ab und führt zu gesellschaftlichen Spannungen. Die Frankfurter Rundschau berichtete am 5./ 6. Juli 2014 über „Empörung über milde Justiz für Maori-Prinzen“. Was war passiert? Ein 19-jähriger Maori-Prinz war wegen Diebstahls und einer Trunkenheitsfahrt nicht verurteilt worden, weil ihm damit die Chancen auf die Thronfolge genommen wären. Damit stellt die Sonderbehandlung der Maori die neuseeländische Gesellschaft auf eine harte Probe. Vor dem Hintergrund der hier geschilderten Ereignisse wurden viele neue Projekte, insbesondere gegen Gewalt, auf den Weg gebracht. Straßentheater von Straßenkids Die Premiere und damit die öffentliche Präsentation eines Theaterprojektes mit Straßenkids fällt in die Weihnachtsferien. Die Bezeichnung Kids ist für deutsche Verhältnisse etwas befremdlich, denn die Akteure im Projekt sind alle über 18 Jahre alt, aber die Neuseeländer sprechen von „Kids“. Im„Herald Theatre“ von Auckland geht die Premiere des Projektes „Manawa Ora - Von der Straße und vom Herz“ über die Bühne. Es wurde von der Initiative Creative Arts mit Straßenkids erarbeitet. Das Gros der Jugendlichen hat 326 uj 7 + 8 | 2015 Jugendgewaltprävention Maoriwurzeln und entsprechend ist der Symbolgehalt der Performation. Gemäß ihren eigenen Erklärungen stehen sie außerhalb der neuseeländischen Gesellschaft. Sie klären in kleinen Spielszenen, Graffitis und Texten sehr persönlich über ihre Biografie und das Wie und Warum eines kleinen Abschnitts ihres Maori-Lebens auf. Dabei wird das persönliche Dilemma der Jugendlichen in einem Leben zwischen Krieger-Mythos und Moderne deutlich. Das, was in der Theateraufführung präsentiert wird, ist in einem fünftägigen Eins-zu-eins- Workshop vier Wochen zuvor entstanden. Acht Mitglieder umfasst das Team der Initiative Creative Arts. Zur Idee gehört, dass sich möglichst aus dem Team heraus eine Eins-zu-eins-Arbeit mit den Jugendlichen ergeben soll, um die Individualität der Jugendlichen zur Geltung zu bringen. Sechs Jugendliche von der Straße - zufällig ausgewählt - stellen sich, die Straße, ihre Welt, ihre Kultur und ihr Leben dar. Dazu war es notwendig, in intensiven Gesprächen die Situation der Akteure zu erfahren und mit ihnen zentrale Momente ihres Lebens zu erfassen und diese szenisch, bildlich oder textlich verknüpft zu präsentieren. Ziel ist auch, dass es den ZuschauerInnen möglich wird, eigene Verknüpfungen zu leisten. Finanziert wird das Projekt von der Sozialverwaltung in Kooperation mit der Hochschule in Auckland und fünf Sponsoren aus Wirtschaft und Stiftungen. Das Stück „Manawa Ora - Von der Straße und vom Herz“ kommt bei den Premierengästen sehr gut an und auch die Resonanz der ersten Veranstaltungswoche ist ermutigend. Die Medienrückmeldung am nächsten Tag in den Zeitungen ist sehr positiv und verschafft den Akteuren eine starke Verhandlungsposition für neue Unternehmungen oder Projektideen. Dramatherapie gegen Gewalt in Schulen Cait O’Conner (27) arbeitet im Umfang von 20 Wochenstunden für ein Theaterprojekt, der Applied Theatre Consultants Ltd., in einem Team von 13 MitarbeiterInnen mit verschiedenen Ausbildungen. In diesem Team sind ErziehungswissenschaftlerInnen, PädagogInnen, LehrerInnen und SchauspielerInnen zu finden. Seit etwa zehn Jahren gibt es diese Initiative; ihr Konzept ist, mit Dramatherapie gegen Gewalt zu „spielen“. Die Projektteams fahren zu 327 uj 7 + 8 | 2015 Jugendgewaltprävention ihren Workshops in öffentliche Einrichtungen. Ihre Werkangebote vor Ort werden für einen Zeitraum von einem Jahr gefördert - davon 26 Wochen von der lokalen Schulverwaltung und für den restlichen Zeitraum über Spenden finanziert. Cait O’Conner arbeitet in diesem Gewalttheater-Projekt. Sie hat eine Ausbildung als Lehrerin und Schauspielerin, verfügt über viel praktische Erfahrung und ist selbst zu 50 Prozent Maori. In Zweier-Teams besuchen sie und ihre KollegInnen Schulklassen mit 11bis 14-Jährigen. Aber zuvor kooperieren sie sehr intensiv mit den Lehrkräften der Schule, die sie in einem sechsmonatigen Training vorbereitet haben. Die Klassen werden von ihren LehrerInnen auf den Workshop vorbereitet, erst dann kommen die TeamerInnen vom Applied Theatre zum Zug. Zwar stehen ihnen nur vier Unterrichtsstunden zur Verfügung, aber diese dienen als Einstieg und Initialzündung, um dann in Fortsetzung von den Lehrkräften vertieft zu werden. Die TeamerInnen bringen für ihre Auftritte in den Klassen alle Utensilien mit, die notwendig sind. Zum Abschluss gibt es kleine Preise, zum Beispiel Armreifen mit den Telefonnummern von Selbsthilfeeinrichtungen etc. Die Vergabe der Preise wird von der Sozialverwaltung so gewünscht und kommt bei den Kids gut an. Weiterhin gibt es nach ein paar Wochen von den LehrerInnen eine verbindliche Rückmeldung über den weiteren Verlauf und Erfolg des Theaterprojektes. Projekte erhalten Alljährlich bangen die Theaterprojekte um ihre Finanzierung. Die öffentliche Forderung ist, dass das Familienministerium das Theaterprojekt zeitlich und personell ausbauen und fest im sozialen System verankern solle. Die derzeitige Finanzierung läuft immer drei Jahre, die nicht annähernd ausreichen, um die anfordernden Einrichtungen landesweit zu bedienen. Des Weiteren sind die betroffenen Familien über alle gesellschaftlichen Schichten verteilt und zudem stark abhängig von der jeweiligen wirtschaftlichen Situation bzw. Entwicklung. Bisher gab es Auftritte an über 600 Schulen in Neuseeland. Die Initiative hat bereits Ableger u. a. in China, Hongkong und Singapur gefunden. Insgesamt agieren sie in zehn Ländern weltweit und sagen von sich selbst, dass sie über 90.000 Kinder und Jugendliche erreicht haben. Die Initiative arbeitet mit ihrem Projekt „Everyday Theatre“ auch in sozialen Brennpunkten, mit problematischen Kids, Drogenabhängigen, jungen Prostituierten usw. Dort kooperieren sie mit den lokalen Kräften wie SozialarbeiterInnen, Familiendiensten und BewährungshelferInnen. DasTheaterprojekt gibt es auch in Haftanstalten. Hier arbeiten die Teams mit jungen Gefangenen - u. a. mit Mördern und Vergewaltigern -, natürlich mit Männern und Frauen. Diese Projekte sind allerdings anders konzipiert: Sie laufen täglich über sechs Wochen und mit einem Team, das aus vier TrainerInnen und sechs Jugendlichen besteht. Diese werden dann vom Gouvernement Departemente finanziert. Die Bezahlung mit 25.000 NZ $ (16.000 Euro) als Drama-Trainerin im Projekt empfindet Cait für ihre halbe Stelle als okay. Mit den Einkünften aus einer anderen halben Stelle und den zweimal sechs Wochen Jahresurlaub kann sie gut leben. Aber die jährliche Ungewissheit, ob neue Projekte genehmigt werden, zerrt an ihrem Selbstverständnis und behindert ihr Engagement. Fazit Die NeuseeländerInnen haben ein großes Problem mit der Gewalt an Kindern. Dass dies eine 328 uj 7 + 8 | 2015 Jugendgewaltprävention lange Zeit vernachlässigte ethnische Minderheit betrifft, zu der die weiße Mehrheit ein ambivalentes Verhältnis hat, macht den politischen Umgang kompliziert. Da sind im Besonderen kreative Projekte und Ideen gefordert, die an den Wurzeln des Problems arbeiten und Kinder und Jugendliche stärken. Wichtig ist es auch, MitarbeiterInnen besonders unter den Maori zu engagieren, die über ihre Biografie einen speziellen Zugang haben. Horst Küppers Schulstraße 112 24534 Neumünster ho.kueppers@web.de www.kueppers-info.de Kontakt in Neuseeland: caitlinhelenoconnor@gemail.com Literatur Duff, A. (2008): Warriors. Unionsverlag, Zürich Gibbons, A. (2004): American Association of Physical Anthropologists meeting. Tracking the evolutionary history of a „warrior“ gene. Science 304, Nr. 5672, 815 - 827 Küppers, H. (2013): Neuseeland - Maorikindergärten: Aufwachsen mit Tradition und Mythen. In: Küppers, H.: Eine Reise durch die Kitas in aller Welt - Was Deutschland von der Welt lernen kann. Beltz, Weinheim, 66 - 69 Küppers, H. (2002): Aufwachsen mit Tradition und Mythen - Kindergärten der Maori in Neuseeland. Welt des Kindes 80, 29 - 31 O’Connor, P., O’Connor, B., Welsh-Morris, M. (2006): Making the very day extra ordinary: a theatre in education project to prevent child abuse, neglect and family violence. Research in Drama Education 11, 235 - 245
