eJournals unsere jugend67/7+8

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2015.art54d
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2015
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Erlebnispädagogische Projekte mit kontrolliertem Risiko

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2015
Corinna Graubaum
Tom Weller
Der folgende Beitrag stellt dar, wie Erlebnispädagogik und ­Risikosportarten in der Arbeit mit Jugendlichen eingesetzt werden können.
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332 unsere jugend, 67. Jg., S. 332 - 342 (2015) DOI 10.2378/ uj2015.art54d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Erlebnispädagogische Projekte mit kontrolliertem Risiko Der folgende Beitrag stellt dar, wie Erlebnispädagogik und Risikosportarten in der Arbeit mit Jugendlichen eingesetzt werden können. Das Projekt ARPI setzte sich zum Ziel, mit erlebnis- und sportpädagogischen Aktivitäten Veränderungen bei sozial benachteiligten und gefährdeten Kindern und Jugendlichen zu bewirken. ARPI steht für „Atividades de risco e pedagogia institucional“, auf deutsch: Aktivitäten mit kontrolliertem Risiko und institutionelle Pädagogik. Das Projekt wurde im Rahmen des EU-Programms Lebenslanges Lernen - Leonardo Da Vinci gefördert und lief von Oktober 2012 bis März 2015. Koordinator und Entwickler des Projekts war der portugiesische Verein „Quest-o de Equilibrio“, der mit jungen Menschen, die in Einrichtungen der Jugendhilfe untergebracht sind, arbeitet und seit Jahren Sport- und Erlebnispädagogik in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen einsetzt. Partner waren die Organisationen „École de la Neuville” in Frankreich, „Asociación Altea España” in Spanien, „Camino - Werkstatt für Fortbildung, Praxisbegleitung und Forschung im sozialen Bereich“ in Kooperation mit der Jugendeinrichtung Statthaus Böcklerpark in Deutschland und „Officina Sociale” in Italien. Sportarten mit kontrolliertem Risiko Ein zentraler Ansatz des Projektes ist die sogenannte Risikopädagogik, wobei die Betonung auf kontrolliertem Risiko liegt. Welche Sportarten als Risikosportarten bezeichnet werden, ist subjektiv. Im allgemeinen Sprachgebrauch werden häufig sportliche Betätigungen als Risikosportarten bezeichnet, die ein höheres Gesundheitsrisiko aufweisen. Kontrolliertes Risiko meint im sportpädagogischen Kontext einen gewissen Grad an Gefährdung während der Durchführung einer Sportart oder einer sportlichen Aktivität, der bewusst eingesetzt wird, um bestimmte Prozesse zu aktivieren. Die Jugendlichen lernen hier, ihr Verhalten in Situationen von Gefährdung oder Kontrollverlust zu kontrollieren und mit den damit einhergehenden Ängsten umzugehen. Die unmittelbare Reflexion der Praxis, beispielsweise von Vorgangsweisen, Bewältivon Corinna Graubaum Jg. 1982; Diplom-Pädagogin, freie Trainerin in der Jugend- und Erwachsenenbildung Tom Weller Jg. 1974; Diplom-Sportwissenschaftler, freier Trainer im Sportsektor und in der Jugend- und Erwachsenenbildung 333 uj 7 + 8 | 2015 Erlebnispädagogik gungsmechanismen und Problemlösungsstrategien, löst kognitive Coping-Prozesse aus. So können persönliche und soziale Kompetenzen erworben und gefestigt werden, die auch in konkreten Problemstellungen des täglichen Lebens angewendet werden können. Risikosportarten ermöglichen den Teilnehmenden, sich an körperliche und psychische Grenzen heranzutasten und diese auch zu überschreiten. In der Jugendarbeit und in der Erlebnispädagogik können Risikosport-Situationen dazu genutzt werden, psycho-soziale Lernziele zu verfolgen. Allerdings steht hier die Sicherheit an erster Stelle. Das heißt, bei den sportlichen Aktivitäten und Aufgaben soll jeweils eine bestimmte Form von Risiko enthalten sein, und trotzdem muss gewährleistet sein, dass die Aufgabe zu 99,9 % sicher bewältigt werden kann. Im Rahmen des ARPI-Konzeptes werden Aktivitäten mit erhöhtem Sicherheitsrisiko von lizenzierten Sporttrainer_innen begleitet, um ernsthafte Gefährdungen auszuschließen. Eine Aktivität, die sich besonders eignet, um Jugendlichen kontrollierte Risikoerfahrungen zu ermöglichen, ist das Klettern. Klettern ermöglicht den Jugendlichen, Grenzerfahrungen zu machen, Vertrauen in sich selbst und andere zu gewinnen, ihre sozialen Kompetenzen zu stärken und über sich selbst hinauszuwachsen, um somit Erfüllung auf anderen als bisher gekannten Wegen (z. B. Drogenmissbrauch oder aggressives Verhalten und anderes) zu erlangen. Pädagogische Ansätze und Leitlinien Nutzt man risikopädagogische Ansätze in einem Sportprojekt, das sich an Jugendliche richtet, ist es ganz besonders wichtig, die pädagogische Herangehensweise sowie den Einsatz verschiedener Methoden im Vorfeld ausführlich und achtsam zu planen. Da das kontrollierte Risiko als Katalysator für bestimmte Prozesse auf psychischer, physischer und sozialer Ebene dient, verbirgt sich dahinter auch gleichzeitig die Gefahr, ungewollte Effekte während einer Sportaktivität zu erzeugen, die im ungünstigen Fall den Entwicklungsprozess der Teilnehmer_innen und der Gruppe schaden können. Zu empfehlen sind Ansätze und Methoden, die empowernd wirken und sowohl das Individuum als auch die Gruppe in ihren Fähigkeiten und sozialen Prozessen unterstützen. Beispiele für Methodenbereiche, die sich in der Durchführung von Risikosportprojekten anbieten, sind: ➤ Kommunikations- und Konflikttechniken, ➤ gruppendynamische Methoden, ➤ kreative Methoden, ➤ Reflexionsmethoden. Die Beziehungsarbeit sowie der Aufbau von Vertrauen unter den Teilnehmer_innen und zu den Trainer_innen ist das Herzstück der pädagogischen Arbeit, für die zu Beginn eines solchen Projektes viel Raum und Zeit eingeplant werden sollte. Sind der Kontakt und das Vertrauen zu den Trainer_innen nicht genügend etabliert, werden die Lernerfolge und die Entwicklungsprozesse bei den Teilnehmer_innen nicht eintreten. Die Projektumsetzung: „Adventure Böckler“ Im Folgenden wird die Umsetzung des ARPI- Projektes in Deutschland vorgestellt. Hier wurde ARPI in Berlin in Kooperation mit der Kinder- und Jugendeinrichtung Statthaus Böcklerpark und Camino umgesetzt und trug den Titel „Adventure Böckler“. Im Rahmen des Projektes wurden über den Zeitraum eines Jahres unterschiedliche erlebnis- und sportpädagogische Aktivitäten mit Jugendlichen durchgeführt. Ziele des Projekts waren, die Jugendlichen an ihre Emotionen heranzuführen und sie 334 uj 7 + 8 | 2015 Erlebnispädagogik ihnen bewusst zu machen, ihr Selbstvertrauen über das Entdecken ihrer Fähigkeiten zu stärken, ihr Vertrauen in andere durch die Interaktion und die Unterstützung in der Gruppe aufzubauen, ihre Sozialkompetenzen zu fördern sowie alternative Wege der Bedürfnisbefriedigung aufzuzeigen. Das Kinder- und Jugendkulturzentrum Statthaus Böcklerpark liegt im Berliner Bezirk Kreuzberg und ist ein Treffpunkt für alle Kinder und Jugendlichen aus dem Bezirk. Hier können sie ihre Freizeit selbstbestimmt gestalten, indem sie die vielseitigen sportlichen und kulturellen Angebote und Projekte nutzen, sich im offenen Bereich treffen, spielen, Filme gucken, Aktionen planen, Veranstaltungen organisieren bzw. besuchen u. v. m. Die Einrichtung hat ein großes Außengelände mit Fußball- und Basketballplatz, einen großen Veranstaltungssaal sowie viele Räume für Workshops und offene Angebote. Die am Projekt teilnehmenden Jugendlichen waren zwischen 15 und 19 Jahre alt; ihre soziale Herkunft ist sehr unterschiedlich. Im Rahmen von „Adventure Böckler“ fanden folgende Aktivitäten statt: ➤ Kletterwald/ Hochseilgarten ➤ Kletterwand ➤ Wasserski ➤ Kanupolo ➤ Klettern im Steinbruch ➤ Boxen ➤ Indoor-Teamspiele ➤ Indoor-Beach-Volleyball ➤ Lasergame Nach jeder sportlichen Aktivität fand eine ausführliche Reflexion des Erlebten statt. Die Reflexion ist ein wesentlicher Baustein innerhalb des Projektes. Erst durch das Reflektieren der Geschehnisse und das „Nachfühlen“ werden das eigene Verhalten und Handeln und das dabei empfundene Gefühl miteinander verknüpft. Dadurch werden die neu erlernten Fähigkeiten bewusst und können in der nächsten sportlichen Aktivität erneut angewandt und trainiert werden. Alle Aktivitäten wurden von den Jugendlichen und den Projektmitarbeiter_innen auf unterschiedliche Arten - Lerntagebuch, Fotografie, Videomitschnitte, Interviews - dokumentiert. Zum Ende fand eine Abschlussveranstaltung mit Eltern, Geschwistern und weiteren Gästen statt, bei der die Leistungen der Teilnehmer_innen gewürdigt wurden: Alle Teilnehmenden erhielten Zertifikate, der im Projekt entstandene Film wurde vorgeführt und zum Ausklang wurde gemeinsam gegrillt. Für die Projektumsetzung waren klare und für alle Teilnehmenden transparente Rahmenbedingungen und Vereinbarungen wichtig. Unter Vereinbarungen werden gemeinsame Absprachen und Aushandlungsprozesse gefasst, wie die Teilnehmer_innen innerhalb des Projektes mit sich, der Gruppe, den Trainer_innen, dem Equipment und den gemeinsam vereinbarten Regeln umgehen. Weiterhin war es ein Anliegen, so weit wie möglich partizipativ vorzugehen. Denn partizipative Projekte, in denen Jugendliche die Möglichkeit haben mitzugestalten, sind häufig sehr erfolgreich. Auch in einem Risikosportprojekt können Projektabläufe gemeinsam mit den Teilnehmer_innen entschieden und vereinbart werden. Dabei müssen natürlich die unterschiedlichen Anliegen und Bedürfnisse der Teilnehmer_innen ausgehandelt werden. Das stärkt den/ die einzelne/ n Teilnehmer_in und fördert die Bindung an das Projekt. Für diese Prozesse sollten genügend Zeit und auch Geduld eingeplant werden. Beispielsweise konnten die Jugendlichen die letzte Aktivität frei wählen und entschieden sich für Lasergame, was einen weiteren kleinen Höhepunkt bildete. Zuvor hatte sich die Gruppe gemeinsam über mögliche Gefährdungspotenziale von Lasergame und Paintball kritisch auseinandergesetzt. Bei der Durchführung des Projektes wurden die Teilnehmer_innen über den ge- 335 uj 7 + 8 | 2015 Erlebnispädagogik samten Projektzeitraum mit verschiedenen Sportarten konfrontiert. Ihre Aufgaben bestanden darin, riskante Situationen zu überwinden und selbstständig Lösungsansätze in schwierigen Situationen zu finden. Dabei hat sich bewährt, das Projekt in zwei Phasen aufzuteilen. In Phase I ging es in erster Linie um sportliche Situationen, die einen kontrollierten Risikoaspekt beinhalteten, der sich in jeder weiteren Aktivität steigern konnte. In dieser Phase wurde mit Individualsportarten gearbeitet, damit sich die Teilnehmer_innen voll und ganz auf sich und das eigene Erleben konzentrieren konnten. Die Auseinandersetzung mit sich selbst während und nach der Risikosituation stand im Vordergrund. Bei der Wahl der Risikosportaktivitäten hat das Pädagogenteam sich entschlossen, zu Beginn mit Sportsituationen zu arbeiten, die noch leicht zu bewältigen waren. Dadurch sollte verhindert werden, dass die Teilnehmer_innen unmittelbar mit einer brenzligen Grenzsituation in das Projekt starten und die Lernerfolge möglicherweise gefährdet sind. Erst nachdem diese Phase durchlaufen war, begann Phase II, in der Teamsportarten durchgeführt wurden. Hierbei ging es dann um soziale Lernziele, wie beispielsweise Unterschiedlichkeiten in einer Gruppe zu erfahren und anzuerkennen, die kreativen Potenziale der jeweiligen Gruppenmitglieder zu nutzen, Teamfähigkeit zu erleben beim gemeinsamen Lösen einer sportlichen Aufgabe oder auch die eigene Rolle in einer Gruppe wahrzunehmen und zu reflektieren. Natursportarten bzw. Sportarten, die outdoor getätigt werden können, sind in beiden Phasen besonders geeignet. Eine beeindruckende Naturlandschaft wie beispielsweise ein Steinbruch, der nur schwer zugänglich ist, kann einen emotionalen Kick bewirken und das Erlebnis noch intensiver - sozusagen mit „allen Sinnen“ - bei den Teilnehmer_innen einprägen. Was passierte bei den Jugendlichen? Im Folgenden wird beschrieben, wie einige der Jugendlichen das Projekt erlebten und welche Lernprozesse bei ihnen stattfanden. 1 Halil, 19 Jahre Halil war einer der ältesten Jugendlichen, die an dem Projekt teilgenommen haben, im Gegensatz zu den meisten anderen hatte er seine Schulzeit gerade beendet. Er war zu Beginn des Projektes 18 Jahre alt und auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Als das Projekt sich in der Endphase befand, war Halil inzwischen 19 und in seinem ersten Ausbildungshalbjahr in einem technischen Beruf. Er hatte dann kaum noch freie Zeit und konnte gegen Schluss nicht mehr alle Aktivitäten mitmachen. Zu Halils Fähigkeiten gehörten sehr gute sportliche Grundfertigkeiten, eine starke Präsenz in der Gruppe und eine in sich ruhende und abwartende Art. Er ist freundlich und offen und hatte in der Gruppe schnell freundschaftliche Kontakte zu weiteren Teilnehmer_innen geschlossen. Er war aber auch sehr darauf bedacht, von keinem im Projekt - insbesondere nicht von den jüngeren Jungen - übervorteilt zu werden. Als einer der Jüngeren ihm seiner Meinung nach respektlos begegnet ist, kam es fast zu Handgreiflichkeiten zwischen ihm und dem Jüngeren. Zu Beginn des Projektes fragten wir alle Jugendlichen, wann sie in ihrem Leben schon mal bei sportlichen Aktivitäten so etwas wie Angst empfunden hätten. Halils Antwort hierauf war klar und eindeutig. Er behauptete, noch nie in seinem Leben überhaupt Angst empfunden zu haben, schon gar nicht beim Sport. 1 Die Namen der Jugendlichen wurden geändert. 336 uj 7 + 8 | 2015 Erlebnispädagogik Im Verlauf des Projektes wurde Halil immer gesprächiger und offener und war weniger darauf bedacht, cool zu wirken. Beim Wasserskifahren hatte er nach drei Startversuchen keine Lust mehr, die Aktivität noch weiter zu verfolgen, und konnte dies auch gut kommunizieren. Als die Abseil-Aktivität im Steinbruch anstand, beobachtete er die Teilnehmenden, die sich zuerst abseilten, und beschloss, diese Aufgabe nicht zu erfüllen. Als einige der anderen Jungs ihn wegen seiner Weigerung aufzogen, rückte er damit raus, dass er Höhenangst habe. Das Pädagogenteam bestärkte ihn darin, dass es o. k. sei, auch mal eine Aufgabe aus Angst nicht zu machen. Als eine der Pädagog_innen von ihrer eigenen Angst vor dem Abseilen erzählte und spaßeshalber meinte, wenn er - Halil - versuchen würde, sich abzuseilen, würde sie es dann auch machen, willigte er sofort ein. Er brauchte zwei Versuche, bis er sich überwinden konnte, sich über die Wand hinaus zu lehnen und sich dann selbst abzuseilen. Er war konzentriert bei der Sache und arbeitete sich sicher Stück für Stück die Wand hinunter. Als Halil unten auf dem Vorsprung in drei Metern Höhe ankam, lächelte er die Trainer_innen - die dort seit ein paar Stunden im Seilstand hingen - an und sagte: „Ich habe euch was zum Essen mitgebracht.“ Halil holte zwei halbgeschmolzene Schoko-Riegel aus seiner Jacke. Ihm war seine Angst deutlich anzusehen und er musste erst einmal ein paar Sekunden lang tief durchatmen, bis er sich wieder langsam die Wand hocharbeiten konnte. Dabei ließ er sich gerne auf die zugerufenen Tipps aus der Gruppe hinsichtlich guter Griffmöglichkeiten und einer guten Kletterroute ein. Bei der abschließenden Reflexion der Abseil-Aktivität meinte er, dass er auf einer Skala von 1 bis 10 betreffend der wahrgenommenen eigenen „Stärke“ von Angst eine klare 10 (also große Angst) verteilen würde. Halil hat im Laufe des Projektes gelernt, dass es akzeptabel und sinnvoll ist, Ängste zu haben, und dass es in Ordnung ist, dies zuzugeben. Er sagte auch, dass er gelernt hätte, wie es ist, Ängste zu durchleben und Strategien zu entwickeln, mit den Ängsten umzugehen. Er meinte, er hätte gelernt, in sich zu gehen, sich mit der Situation auseinanderzusetzen und auf sich und die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Nach der erfolgreich gemeisterten Abseil- und Kletteraktion meinte er begeistert, dass er sich „wie neugeboren“ gefühlt habe. 337 uj 7 + 8 | 2015 Erlebnispädagogik Sven, 18 Jahre Sven gehörte zu den Jugendlichen in der Gruppe, die aktive Wettkampfsporterfahrungen mitbrachten. Er ist Amateurboxer und hat während der Projektphase bei den regionalen Stadtmeisterschaften erste Kampferfahrungen gemacht, die sein Selbstbewusstsein deutlich gestärkt haben. Im Verlauf des Projektes zeigte er dem Pädagogenteam und den anderen Jugendlichen von sich aus Handy-Videoaufnahmen seiner Kämpfe. Sven ist sportlich-motorisch sehr geschickt und in einem gut trainierten Allgemeinzustand. Er ist zurückhaltend bis schüchtern und keiner, der in einer Gruppe das Wort an sich reißt oder versucht, nonverbal das Sagen zu haben. Er ist sehr höflich gegenüber Erwachsenen und freundlich gegenüber den anderen Jugendlichen. Manchmal wirkt er in sich gekehrt bis bedrückt, und er taute erst im Laufe des Projektes auf bzw. kam erst nach ein paar Wochen auch mal aus sich heraus. Worauf er überhaupt keine Lust hatte, waren schriftliche Aufgaben, die er im Projekt in Form eines Dokumentationstagebuches erledigen sollte. Als wir ihn zu Beginn des Projektes fragten, welche Sportarten ihm Angst machen würden, sagte er: „Sportarten, die mit Wasser zu tun haben, weil ich nicht schwimmen kann.“ Sven war der einzige Nicht-Schwimmer in dem Projekt. Als wir ihn bei einer der Feedback-Runden fragten, wie viel Angst er auf einer Skala von 1 bis 10 beim Kanu-Polo und bei der Kenterrollenübung hatte, antwortete er: „1“. Daraufhin fiel ihm ein anderer Jugendlicher ins Wort und meinte: „Lüg doch nicht! Man muss doch dazusagen, dass Sven nicht schwimmen kann.“ Aber Sven lachte nur und meinte: „Das war aber doch nicht tief, das Wasser, da konnte man stehen, und außerdem habe ich mich immer am Rand des Sees aufgehalten.“ Er hatte also seine eigenen Lösungsstrategien entwickelt, um mit Wasser- Situationen umzugehen, und er hat die Trainer_innen auch immer wieder von sich aus daran erinnert, dass er nicht schwimmen kann, so als wolle er sich vergewissern, dass sie das nicht vergessen. Sven hat sogar einen der Trainer_innen gefragt, ob er ihm nicht Schwimmunterricht oder zumindest ein paar Tipps geben könne. Weitere Hilfe holte sich Sven selbstständig gegen Ende des Projektes, als er eine der Päd- 338 uj 7 + 8 | 2015 Erlebnispädagogik agog_innen fragte, ob sie mit ihm ein Bewerbungstraining durchführen könne, da er gerade auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz war und eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch bekommen hatte. Den Ausbildungsplatz hat er bekommen, was auf der Abschlussfeier des Projektes noch mal gemeinsam gefeiert wurde. Seine sozialen Kompetenzen konnte Sven zeigen, als während einer Aktion zwei Jugendliche bei einem Streit aufeinander losgehen wollten. Sven ging ganz ruhig dazwischen und hat einen der Jugendlichen nach draußen geleitet, während einer der Trainer_innen den anderen Jugendlichen beruhigen konnte. Sven hat im Projekt eine hohe Sozialkompetenz gezeigt, und er hat sich getraut, sich bei der Abseil- und Kletteraktion in Leipzig zu den wenigen Jugendlichen zu gesellen, die die Aktion aus Angst verweigert haben. Er hat danach dann im Feedback-Gespräch von sich aus zugegeben, dass es ihm peinlich sei, dass er sich die Aktion nicht zugetraut hätte, besonders peinlich sei es ihm aber vor allem, weil die Mädchen in der Gruppe die Aufgabe geschafft hätten. Die Diskriminierung und Abwertung von Mädchen und Frauen im gängigen Sportsystem wurde in den darauffolgenden Reflexionsrunden intensiv besprochen. Sven hat die Erfahrung gemacht, dass die anderen Teilnehmer_innen ihn trotz seiner Angst nicht aufgezogen haben. Bei der Aktivität Boxen war Sven einer der Jugendlichen, die das Training organisiert und selbstständig durchgeführt haben, dabei fiel er als ruhiger und geduldiger Lehrer auf. Yasin, 15 Jahre Yasin ist sehr kommunikativ, mit einer großen Fähigkeit, alle humorvoll zu unterhalten. Im Projekt kam er jedoch immer wieder an seine Grenzen, da er nicht so sportlich ist wie die anderen und keine Verhaltensweisen wie beispielsweise stark, laut, dominant, raumeinnehmend etc. zeigte, die eher männlich konnotiert sind. Sein Interesse an allen Aktivitäten und an dem Projekt war dennoch sehr groß. Yasin war immer überpünktlich und auch sehr interessiert an dem Austausch mit dem Pädagogenteam. Was bei den Individual-Sportaktivitäten nicht so sehr auffiel, wurde bei den Teamsportarten wie z. B. Volleyball sehr deutlich. Yasin wurde aufgrund seiner Unsportlichkeit von seinen Teamkolleg_innen nicht in das Spiel integriert. Im Gegenteil: Jeder Punktverlust, der durch Yasin zustande kam, wurde versucht auszugleichen, indem seine Teamkolleg_innen ihn während des Spiels förmlich rausdrängten. Jeder Ball, der eine Annahme von Yasin erfordert hätte, wurde von jemand anderem aus dem Team abgefangen, in der Hoffnung, doch noch zu gewinnen. Dies geschah, ohne mit Yasin darüber zu reden. Der Drang zu siegen war größer als eine gute Teambildung. Für Yasin waren das sehr demotivierende und ausgrenzende Erfahrungen. Seine Unsicherheit wurde verstärkt, und er trat immer weniger in Aktion. Während der darauffolgenden Reflexionsrunde mit der Gruppe sprach Yasin von sich aus an, dass es ihm leid täte und dass er wüsste, dass das Volleyballteam, in dem er war, aufgrund seiner Unfähigkeit verloren hätte. In der Gruppe haben einige der Jungs daraufhin angefangen, ihn zu beruhigen, und die Situation entschärft. Gemeinsam wurde darüber gesprochen, ob die Teilnehmer_innen selbst schon einmal so etwas erlebt haben, sich in einer Situation zu befinden, in der man sich unwohl fühlt, weil man weniger kann als die anderen oder das Gefühl hat, ausgegrenzt zu werden. Fast jede_r aus der Gruppe konnte ein Erlebnis dieser Art beschreiben. Das führte dazu, dass die Gruppe mit Yasin zusammen überlegt hat, was sie als Team bei der nächsten Aktivität verändern könnte. Die darauffolgende Volleyballaktivität verlief deutlich anders. Yasin wurde von seinen Teamkolleg_innen rundum betreut. Ihm wurden wichtige technische Hinweise gegeben, seine Schwächen haben die Teammitglieder kompensiert, indem sie mit ihm gesprochen haben, wie sie gern vorgehen würden, ohne ihn dabei aus dem Spiel zu drängen. Und nach jeder Aktion, 339 uj 7 + 8 | 2015 Erlebnispädagogik die Yasin ausgeführt hat, wurde er ermutigt, dass es beim nächsten Mal auch noch besser wird. Das Ergebnis war beeindruckend. Yasin hat geschafft, was ihm vorher nicht gelungen war: er hat gepunktet. Der Zusammenhalt im Team und die Unterstützung haben ihm deutlich zu mehr Selbstbewusstsein verholfen. Für Yasin hat sich gezeigt, dass es hilfreich war, offen über seine Sorgen zu sprechen. Nur dadurch konnten diese gruppendynamischen Veränderungsprozesse entstehen, die für ihn und seine Stellung innerhalb der Gruppe eine „180-Grad-Wende“ bedeutet haben. Sedef, 16 Jahre Sedef ist offen, fröhlich, sportlich, mutig und auf den ersten Blick etwas schüchtern. Sie und eine weitere Jugendliche waren die einzigen Mädchen in dem Projekt. Dies war allerdings für beide kein Problem. Sedef wurde innerhalb der Gruppe von allen respektiert. Sie hat sich sehr gut in die Gruppe integriert. Mit ihren sportlichen Fähigkeiten ist sie jedoch sehr verhalten und zurückhaltend innerhalb der Gruppe umgegangen. Sedef hatte vor jeder Aktion Respekt und manchmal auch Angst, wie beispielsweise beim Klettern oder beim Kanupolo. Trotzdem hat sie sich immer überwunden und jede Aktivität ausgeführt. Ihre Angst innerhalb der Gruppe verbal auszudrücken, war für sie einfacher als für die Jungs. Angst offen zeigen zu können, gehört zu den Zuschreibungen und Verhaltenseigenschaften, die eher den weiblichen Gender-Stereotypen zugeschrieben werden. Auf der einen Seite ist dies ein erheblicher Vorteil, da darin auch eine enorme psychische Entlastung für die Person liegt. Auf der anderen Seite jedoch werden Frauen und Mädchen gleichzeitig durch diese Verhaltenszuschreibung diffamiert, werden so im Verhältnis zu Männern und Jungen doch meist als schwach oder„schwächer/ ängstlicher/ passiver als…“ gelesen. Insbesondere im Sport haben es Mädchen und Frauen schwer, mit ihren Leistungen gleichwertig und gleichberechtigt wahrgenommen zu werden. Im Sport gehören auch heute noch körperliche und mentale Stärke sowie Mut und Risikobereitschaft eher zu den Männern und Jungen zugeschriebenen Eigenschaften. Dies wurde insbesondere beim Klettern sichtbar, als sich eine kleine Gruppe von Jungen, die sich als einzige nicht getraut haben, sich von der Steilwand abzuseilen, Kommentare wie „du Weichei, sogar die Weiber haben das geschafft“ von den anderen männlichen Jugendlichen anhören mussten. Sedef hat diese Kommentare nicht einfach so stehen gelassen und sich in aller Ruhe verbal verteidigt, während es bei den Jungen zu lauteren, fast schon körperlichen Auseinandersetzungen kam. In den darauffolgenden Reflexionsrunden wurde innerhalb der Gruppe intensiv über den Umgang mit Angst, über Sport und Geschlechterrollen, über Klischees und Vorurteile sowie über die Bedeutung von Geschlecht und weitere Formen von Diskriminierung gesprochen. Sedef hat in dem Projekt gelernt, dass sie viel Mut besitzt, sportlich ist und trotz anfänglicher Ängste etwas durchstehen kann. Ihre physische und mentale Stärke hat auch auf die männlichen Teilnehmer abgefärbt. Sie haben am Beispiel von Sedef erfahren, dass auch Mädchen „ziemlich viel drauf haben“ und mutig sind - ohne dabei zwangsläufig aus dem binären Gendersystem auszubrechen - und dass es auch o. k. ist, wenn man(n) seine Angst zeigt. Die Jugendlichen lernen im Ausüben der Risikosportaktivitäten, mit Stress, Angst und Druck umzugehen. Sie müssen während der Aktivitäten unter erschwerten Bedingungen unterschiedliche Problemsituationen bewältigen und selbstständig Lösungsansätze entwickeln. Eine der wesentlichen Erfahrungen, die sie machen, ist, sich ihrer Angst zu stellen und diese zu überwinden. Durch diesen Schritt setzen sie ihre Energien frei und entwickeln neue Verhaltensweisen, die sie auf ihren Alltag übertragen können. Sie haben in einer Risikosituation gelernt, ihre Emotionen zu managen, rational zu 340 uj 7 + 8 | 2015 Erlebnispädagogik handeln sowie eine Aufgabe mutig und selbstbewusst zu lösen. Das sind wichtige Erfahrungen und Kompetenzen, die die Jugendlichen auch in ihrem Alltag benötigen. Werden diese Fähigkeiten mehrmals eingeübt, haben die Psyche und der Körper das neu Erlernte internalisiert. Das neu erlernte Verhalten kann in einer ähnlichen Situation automatisch abgerufen werden. Empfehlungen für die Umsetzung von Sportprojekten mit kontrolliertem Risiko in der Arbeit mit Jugendlichen Vor dem Hintergrund der oben beschriebenen Erfahrungen lassen sich folgende Empfehlungen für die risiko- und sportpädagogische Arbeit mit Jugendlichen formulieren. Zielgruppen Sportaktivitäten mit kontrolliertem Risiko können im Grunde mit allen interessierten Menschen ab ca. 15 Jahren durchgeführt werden. Je nach Zielstellung des Projektes gibt es jedoch Zielgruppen, für die sich solche Projekte besonders eignen: ➤ Jugendliche allgemein und Jugendliche mit multiplen Problemlagen, ➤ ängstliche Menschen, ➤ Strafgefangene, ➤ drogenabhängige und suchtgefährdete Menschen, ➤ Unternehmens- und Firmengruppen, ➤ Sportvereine/ Leistungssportler_innen, ➤ Schulklassen. Geeignete Aktivitäten Je nach geografischen und organisatorischen Gegebenheiten können für Phase I folgende Individualsportarten für die Risikosituationen durchgeführt werden: ➤ Klettern/ Abseilaktionen ➝ z. B. sich selbst in eine Schlucht abseilen ➤ Klettergarten ➝ eine Seilrutsche überwinden ➤ Wasserski ➝ Startsituation von der Rampe oder mit Boot bewältigen ➤ Tube-Riding ➝ als Alternative zum Wasserskifahren ➤ Canyoning ➝ z. B. sich in einem Wasserfall abseilen oder von einem Felsen in ein Wasserbecken springen ➤ Eisklettern ➝ einen gefrorenen Wasserfall hochklettern ➤ Turmspringen ➝ Sprung vom 5-, 7-, 10-Meter-Turm ➤ Windsurfen ➝ nicht kentern ➝ Startphase erlernen ➤ Rettungsschwimmen ➝ z. B. Wiederbelebungspuppen/ Tauchpuppen auf drei Meter Tiefe im Wasser fortbewegen und an Land bringen ➤ Paragliding ➝ Anfängerflugstunde mit Start- und Landephase und kurzen Flügen/ Sprüngen Folgende Teamsport- und Kampfsportarten können in Phase II durchgeführt werden: ➤ alle Team-Ballsportarten indoor und outdoor (z. B. Volleyball, Beachvolleyball, Fußball, Basketball, Hockey …) ➤ Kanu-Polo ➤ Lasertag (Spielformate unter 18 Jahre) ➤ Boxen ➤ Selbstverteidigungssportarten ➤ Karate ➤ Judo Mögliche Natursportaktionen können sein: ➤ zweitägige Hundeschlittenfahrt mit Übernachtung ➤ Langlauf-Skitour oder Schneeschuhwandern mit Übernachtung im Iglu ➤ Sommer-Wanderungen mit Survival- Übungen ➤ Höhlenwandern ➤ Rafting 341 uj 7 + 8 | 2015 Erlebnispädagogik Projektumsetzung Für alle Risikosportarten sollte mindestens ein/ e qualifizierte/ r und erfahrene/ r Sporttrainer_in mit entsprechenden sportartspezifischen Lizenzen im Team sein. Das bewusste Eingehen eines Risikos kann bei den Teilnehmer_innen zur Ausschüttung von Stresshormonen, Angstreaktionen, aber auch zu Euphorie und Übermut führen. Die Trainer_innen sollten über ausreichend fachliche Kompetenzen verfügen, um die Teilnehmer_innen in diesen Ausnahmesituationen professionell unterstützen und begleiten zu können. Risikosportaktionen sind auch Mutproben, es geht jedoch nicht darum, die Teilnehmer_innen abzuhärten! Eines der Haupt-Lernziele dieser Aktionen liegt darin, zu lernen, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und eigenverantwortlich damit umzugehen. Bewusstes Nein-Sagen sollte ebenfalls als Erfolg angesehen werden. Kein/ e Teilnehmer_in sollte zu einer Aufgabe überredet werden. Freiwilligkeit ist oberstes Gebot. Risikosituationen, die für die Teilnehmer_innen nicht zu bewältigen sind, sollten vermieden werden. Nichtsdestotrotz können Situationen simuliert werden, um den Teilnehmer_innen das Gefühl zu geben, dass nur sie - ganz allein - für die Lösung der Situation verantwortlich sind. Es kann also auch mal verschwiegen werden, dass es eine zweite Sicherheitsleine oder einen Plan B gibt, sodass die Teilnehmer_innen in dem Bewusstsein handeln, komplett für sich allein verantwortlich zu sein. Der Leistungsaspekt kann je nach Sportaktivität ein wichtiger Teil sein, sollte jedoch auch immer kritisch betrachtet und reflektiert werden. Autoritäre sportpädagogische Ansätze sind in solch einem Projekt hinderlich, da sie auf hierarchischen (Macht)-Strukturen fußen, die eine achtsame, auf Wertschätzung und Anerkennung basierende Pädagogik nicht ermöglichen. Zwischen den einzelnen Sportaktivitäten sollte etwas Zeit (mindestens zwei Wochen) liegen, damit sich das Erlebte und die damit verbundenen Prozesse bei den Teilnehmer_innen setzen 342 uj 7 + 8 | 2015 Erlebnispädagogik können. In der Zwischenzeit bieten sich Reflexionseinheiten wie z. B. Gruppendiskussionen, Einzelinterviews oder Tagebuchschreiben an. Das Projekt sollte als Belohnung mit einer Aktivität beendet werden, auf die sich die Teilnehmer_innen gemeinsam geeinigt haben und in der Spaß und die gemeinsame Freude an den Erfolgen im Vordergrund stehen. Corinna Graubaum Berlin corinna.graubaum@googlemail.com Tom Weller Berlin tomweller@gmx.net www.tom-weller.de