unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Aufsuchende und sozialraumbezogene Jugendarbeit zur Prävention demokratie- und menschenrechtsfeindlicher Einstellungen salafistischen Ursprungs bei Jugendlichen
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David Aufsess
Mehlike Eren-Wassel
Das Modellprojekt „jamil“ ist ein Angebot der präventiven Jugendarbeit im Bereich islamistischer Orientierungen junger Menschen für die Stadt Bremen. Der Beitrag widmet sich den praktischen Erfahrungen, die in der Arbeit mit muslimischen Jugendlichen in religiösen Hinwendungsprozessen in zwei Stadtteilen gemacht wurden.
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490 unsere jugend, 68. Jg., S. 490 - 496 (2016) DOI 10.2378/ uj2016.art68d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Aufsuchende und sozialraumbezogene Jugendarbeit zur Prävention demokratie- und menschenrechtsfeindlicher Einstellungen salafistischen Ursprungs bei Jugendlichen Das Modellprojekt „jamil“ des Vereins zur Förderung akzeptierender Jugendarbeit e.V. Das Modellprojekt „jamil“ ist ein Angebot der präventiven Jugendarbeit im Bereich islamistischer Orientierungen junger Menschen für die Stadt Bremen. Der Beitrag widmet sich den praktischen Erfahrungen, die in der Arbeit mit muslimischen Jugendlichen in religiösen Hinwendungsprozessen in zwei Stadtteilen gemacht wurden. von David Aufsess Jg. 1987, Studium der Politik- und Erziehungswissenschaften in Bremen und Istanbul, seit 2015 bei VAJA tätig als pädagogischer Mitarbeiter und Berater im Modellprojekt jamil und Berater im Beratungsnetzwerk kitab Bedarf an Präventionsarbeit Fragen von Identität, Zugehörigkeit und Glaube spielen in den Selbstfindungs- und Selbstverortungsprozessen insbesondere junger Muslime eine wichtige Rolle. Religion nimmt hier einen zentralen Platz im Identitätsfindungsprozess ein. Derartige religiöse Hinwendungsprozesse sind aus Sicht der akzeptierenden Jugendarbeit durchaus zu befürworten: Denn in der Religion können junge Menschen Antworten auf alterstypische Entwicklungsaufgaben und Fragen von Sinnhaftigkeit, Orientierung und Lebensinhalt finden, die sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und Identitätsfindung unterstützen. Problematisch wird diese religiöse Hinwendung, wenn weder Familien und Moscheen, noch Bildungs- und Jugendeinrichtungen den Jugendlichen subjektiv ausreichende Antworten geben oder authentische Ansprech- Mehlike Eren-Wassel Jg. 1987, Studium der Politikwissenschaften und Soziologie in Ankara und Bremen, seit 2015 bei VAJA tätig als pädagogische Mitarbeiterin und Beraterin im Modellprojekt jamil 491 uj 11+12 | 2016 Prävention von Einstellungen salafistischen Ursprungs partner darstellen können. Dieses Vakuum wird gezielt von Organisationen und Einzelpersonen aus dem salafistischen Spektrum ausgefüllt. Die Ansprache von Bezugspersonen, Predigern und „Dawa-Experten“ („dawa“: arabisch für „Ruf, Aufruf, Einladung“; in diesem Kontext „Ruf zum Islam“ bzw. „Ruf zu Gott“) geschieht dabei face-to-face ebenso wie virtuell und ist alters- und milieuspezifisch auf die Lebenswelt der Jugendlichen zugeschnitten. Für Jugendliche in ihren Selbstfindungs- und Entwicklungsprozessen kann der Salafismus daher wie eine „Wundertüte“ wirken, aus der sie sich ein ihrem Bedürfnis entsprechendes Angebot heraussuchen können. Häufig geht es dabei um ein Angebot von Gemeinschaft, Orientierung und Sinnhaftigkeit. Auch eine Vereinfachung von komplexen politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen in eine klare Unterteilung in Gut und Böse bzw. Gläubige und Ungläubige kann attraktiv wirken. Viele pädagogische Fachkräfte fühlen sich bei derartigen Konflikten mit Jugendlichen im Klassenzimmer oder im Jugendfreizeitheim angesichts der Komplexität der Thematik mit der Situation überfordert. Häufig fehlen in der Arbeit mit jungen Menschen, sei es in der Jugendarbeit oder der Schule, die Ressourcen für eine auf Beziehungsarbeit aufbauende Auseinandersetzung und Diskussion ideologisch geprägter Haltungs- und Meinungsmuster. Nicht selten mangelt es aber auch an fachlich-didaktischer Qualifizierung des Personals, was zu einer fatalen Unsicherheit im Umgang mit Haltungen, Meinungen und Provokationen junger Menschen führen kann. Und nicht zuletzt ist häufig eine fehlende eigene Haltung und Wertefestigkeit von LehrerInnen, PädagogInnen und SozialarbeiterInnen zu beklagen, die demokratie- und menschenrechtsfeindlichen Einstellungen junger Menschen wenig entgegenzusetzen haben. Diese massiven Bedarfe in den Bereichen Schule und Jugendarbeit im Bundesland Bremen bekam das Beratungsnetzwerk kitab ab Mitte 2013 durch einen enormen Anstieg der Beratungsanfragen zu spüren. Zugleich war aus der Beratungsarbeit von kitab mit direkt betroffenen Jugendlichen und den Erfahrungen aus den Cliquenzusammenhängen der aufsuchenden Jugendarbeit von VAJA deutlich geworden, dass es einer Stärkung der präventiven Angebotsstruktur auf Grundlage akzeptierender Jugendarbeit bedarf. Vor diesem Hintergrund wurde vom Verein zur Förderung akzeptierender Jugendarbeit e.V. (VAJA) im Zusammenhang mit dem Bundesprogramm „Demokratie leben! “ ein Modellprojekt zur Radikalisierungsprävention im Bereich „Islamistische Orientierungen und Handlungen junger Menschen“ initiiert. Im August 2015 konnte das interdisziplinär ausgerichtete Team unter dem Namen jamil (Arab.: schön; zugleich Abk. für: Jugendarbeit in muslimischen und interkulturellen Lebenswelten) seine Arbeit aufnehmen. Im Fokus der Arbeit stehen zwei Sozialräume (Bremen-Gröpelingen/ Walle und Bremen-Osterholz-Tenever) der Stadt Bremen. So kann eine in Inhalt und Tiefe sinnvolle Arbeit gewährleistet werden, anstatt im gesamten Stadtgebiet nur punktuell aufzutreten. Ziele Die inhaltliche Ausrichtung von jamil fußt auf dem Ansatz akzeptierender Jugendarbeit. In der präventiven Arbeit mit jungen Menschen, die bereits Argumentationsmuster des Salafismus übernommen haben, versucht das Team, von den Arbeitserfahrungen des VAJA im Bereich der akzeptierenden Jugendarbeit mit rechtsorientierten Jugendlichen zu lernen. Aus dem trägereigenen Konzept „Distanz(-ierung) durch Integration“ (Möller/ VAJA e.V. 2007) und der skizzierten Problemlage im Themenfeld in der Stadt Bremen leiten sich die folgenden vier Projektziele ab: 492 uj 11+12 | 2016 Prävention von Einstellungen salafistischen Ursprungs 1. Ergänzung von Intervention durch Prävention: Vorhandene interventive Ansätze sind durch verstärkte Präventionsbemühungen zu ergänzen, die auch bereits auf jüngere Jugendliche und den Übergang von der Kindheit zur Jugendphase abzielen müssen. Dabei kommt neben den Interventionen des Beratungsteams kitab an aktuellen Brennpunkten der gleichzeitigen Primär- und Sekundärprävention von jamil eine herausgehobene Bedeutung zu. 2. Sozialraumorientierung: Die Anstrengungen der Präventionsarbeit müssen in jenen Sozialräumen gebündelt werden, in denen existierende und in Entstehung begriffene Phänomene sozialer Desintegration, schleichende Normalisierungen von Menschenfeindlichkeit und Rekrutierungsversuche salafistischer Gruppierungen die demokratische Entwicklung der nachwachsenden Generation in besonders brisanter Weise gefährden. Dafür engagiert sich jamil in der Sensibilisierung und Fortbildung jeglicher Sozialraumakteure (Schule, Jugendarbeit, Polizei, Quartiersmanagement etc.) und bestärkt die Schaffung von Netzwerken. 3. (Re-) Integrationsarbeit: Da entsprechend der Arbeitserfahrungen soziale Desintegrationserfahrungen Formen des religiös begründeten Extremismus erheblich begünstigen, ist die Herstellung von gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen sich die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den betroffenen Sozialräumen integriert fühlen können, eines der zentralen Anliegen von jamil. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenenen müssen in ihrer Identitätsfindung, ihrer Teilhabe und Selbstwirksamkeit dort gestärkt werden, wo sich ihr alltägliches Leben abspielt: In ihrem Stadtteil. 4. Entwicklung von Lebensbewältigungskompetenz: In der Arbeit mit Einzelnen und Gruppen ist besonderes Augenmerk auf die Stärkung von persönlichen Distanz- und Distanzierungsfaktoren zu legen. Damit soll dem Aufbau von Affinität zu antidemokratischen Orientierungen möglichst im Vorfeld begegnet werden, zumindest aber deren Ansätze frühzeitig verhindert werden können. Jamil unterstützt diese Prozesse durch intensive Beratung von Einzelnen, Unterstützung bei Fragen bezüglich Schule und Ausbildung, Förderung von politischer Teilhabe und Schaffung demokratie-, freizeitsowie erlebnispädagogischer Angebote. Zielgruppe Bei der Hauptzielgruppe handelt es sich um muslimische Jugendliche und junge Erwachsene im Altersspektrum von 12 - 25 Jahren, die sich in religiösen Hinwendungsprozessen zum Islam befinden. In den genannten Sozialräumen ist eine salafistische Szene präsent, von der auch Ansprache und Kontaktaufnahme zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen ausgeht. Zur Hauptzielgruppe gehören daher Jugendliche, die mit dem Gedankengut des Salafismus sympathisieren und mit ihrer menschenfeindlichen und abwertenden Haltung auffällig geworden sind. Zudem spricht jamil Jugendliche und junge Erwachsene an, die ein Bedürfnis nach Auseinandersetzung zu Themen haben, die ihrer Ansicht nach in der Jugendarbeit, der Schule oder anderen Kontexten zu wenig Berücksichtigung finden. Dies sind Fragen von Identität, Zugehörigkeit und Glaube, die in direktem Bezug zur Lebenswelt der Jugendlichen stehen. Dabei gilt es zu betonen, dass es sich bei religiösen Hinwendungsprozessen um kein migrantisches, sondern um ein jugendspezifisches Phänomen handelt. Erfahrungsgemäß findet religiöse Hinwendung zum Islam ebenso wie Radikalisierung auf der Grundlage eines religiös begründeten Extremismus in allen sozialen Schichten und Milieus statt. Daher ist die Arbeit von jamil gleichermaßen offen für junge Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte. 493 uj 11+12 | 2016 Prävention von Einstellungen salafistischen Ursprungs Handlungskonzept Der methodische Zugang orientiert sich an den Lebenswelten, den Sozialräumen, den Problemlagen und besonders an den Ressourcen Jugendlicher und junger Erwachsener. Die aufsuchende Jugendarbeit von jamil folgt der Mobilität der Jugendlichen an ihren Treffpunkten in den Stadtteilen und begleitet sie in ihrem Freizeitverhalten. Die Kontaktaufnahme zu den Jugendlichen durch die StreetworkerInnen erfolgt ressourcenorientiert und vermeidet dadurch eine defizitorientierte Problematisierung jugendlichen Verhaltens. Die MitarbeiterInnen gehen mit einer bei den Jugendlichen oftmals in den Hintergrund geratenen akzeptierenden, anerkennenden und wertschätzenden Haltung auf die Jugendlichen zu und legen damit den Grundstein für eine langfristig angelegte Beziehungsarbeit. Aus dem daraus erwachsenden Respekt- und Vertrauensverhältnis zwischen MitarbeiterIn und den Jugendlichen kann die Auseinandersetzung und Reflexion salafistischer bzw. in ihrer Natur menschenfeindlicher und gruppenbezogen-abwertender Haltungen gestaltet werden. Der Arbeitsansatz umfasst dabei freizeit- und erlebnispädagogische Aktivitäten (z. B. Sport, Freizeitfahrten) mit Cliquen und Gruppen von Jugendlichen ebenso wie Einzelfallhilfe und Unterstützung bei Problemen in verschiedenen Lebensbereichen wie Familie, Schule, Ausbildung und im Freundeskreis. Die Arbeit orientiert sich an den Sozialräumen der Jugendlichen. Dies bedeutet, dass die lebensweltlichen Erfahrungen und Sichtweisen der Jugendlichen gemeinsam und in Auseinandersetzung mit dem Sozialraum (also Zuhause, Schule, Jugendfreizeitheim, Stadtteil, Stadt) thematisiert werden. Zudem ist die Arbeit gemeinwesenorientiert. Die Kooperation mit allen Sozialraumakteuren (Schulen, Jugendfreizeiteinrichtungen, Sportvereine, Quartiersmanagement etc.) ist daher ein wichtiger Bestandteil der Arbeit des Teams. Weiterhin begreift das Team jamil in seinem Konzept die Schule als Teil des Sozialraums und damit als wichtigen Ort zur Auseinandersetzung und Diskussion lebensweltrelevanter Themen für junge Menschen. Um Zugang zu Jugendlichen zu schaffen und Beziehungsarbeit zu etablieren, bieten die MitarbeiterInnen des Projekts mehrwöchige Workshops mit ganztägigen Arbeitsphasen für Schulklassen. Dadurch wird die Vertrauensbasis zwischen MitarbeiterInnen von jamil und den SchülerInnen für eine intensive Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen, politischen und religiösen Fragestellungen geschaffen. Das Angebot und die Ansprache der MitarbeiterInnen sind niederschwellig. Die Workshops werden methodisch vielfältig gestaltet. Weil Jugendliche sehr viel Interesse an aktuellen politischen Themen (z. B. Anschläge in Paris, Syrien-Konflikt, Kopftuchdebatte, Wahlen in den USA usw.) zeigen, werden solche Themen aufgegriffen. Die Jugendlichen werden dabei von den MitarbeiterInnen in einer Moderatorenrolle darin unterstützt, ihre eigene Haltung zu hinterfragen und eine eigene Meinung zu entwickeln. Diese Förderung von Meinungsäußerung und Positionierung im Sinne einer pluralistisch geführten Auseinandersetzung unter den Jugendlichen spielt bei der Präventionsarbeit in der Schule eine zentrale Rolle. Zu diesem Zweck wird ein geschützter Raum ohne Lehrkräfte geschaffen, sodass jede/ r seine/ ihre Meinung äußern darf, ohne Sorge zu haben, dafür bewertet, verurteilt oder ausgegrenzt zu werden. In einer derart geschützten Gesprächsatmosphäre können menschen- und demokratiefeindliche Haltungen erkannt werden und in weiteren Phasen der präventiven Arbeit aufgegriffen und dekonstruiert werden. Das Ziel der MitarbeiterInnen ist es dabei nicht, unmittelbare Antworten zu formulieren, sondern Jugendliche für die Kontextabhängigkeit von Normen und Werten zu sensibilisieren. Unter Einsatz demokratie-, religions- und medienpädagogischer Materialien und Methoden ermutigen die MitarbeiterInnen die Jugendlichen, eigene Antworten und Haltungen zu entwickeln. 494 uj 11+12 | 2016 Prävention von Einstellungen salafistischen Ursprungs In der Präventionsarbeit von jamil findet durchaus auch Wissensvermittlung über den Islam und andere Religionen, über Demokratie und Menschenrechte sowie wichtige gesellschaftliche Grundfragen statt. Neben der Persönlichkeits- und Bewusstseinsentwicklung werden die Jugendlichen dabei auch in ihrer Sensibilität für Rekrutierungsstrategien und Ansprache vonseiten extremistischer Gruppierungen gestärkt. Um die bestehenden Kontakte beizubehalten und weiterhin zu pflegen, treten die MitarbeiterInnen auch online in sozialen Netzwerken (z. B. Facebook) auf, die seit Langem zur Lebenswelt der Jugendlichen gehören. Diese online- Arbeit ermöglicht den MitarbeiterInnen, den Kontakt zu intensivieren und zugleich einen Einblick in das virtuelle Verhalten der Jugendlichen zu erhalten. Weiterhin bietet die Facebook-Seite des Teams den Jugendlichen eine Plattform zur Auseinandersetzung mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen. Praxiserfahrungen Das Team war von Beginn an mit zahlreichen Bedarfsmeldungen durch Schulen im gesamten Stadtgebiet Bremens konfrontiert, die Konflikte im Umgang mit menschen- und demokratiefeindlichen Haltungen salafistischen Hintergrunds bei SchülerInnen meldeten. Auch aus der Arbeit und den Netzwerkzusammenhängen der aufsuchenden Jugendarbeit von VAJA wurde jamil von diversen Akteuren aus der Kinder- und Jugendhilfe angefragt. Ein zunehmender Teil der Anfragen aus dem Bereich der Kinder- und Jugendhilfe stammte dabei aus der Arbeit mit Unbegleiteten minderjährigen Ausländern und geflüchteten jungen Erwachsenen. Das Aufkommen von Anfragen verstärkte sich bei großen gesellschaftlichen Ereignissen, die in Zusammenhang mit dem Arbeitsfeld von jamil stehen. Dazu gehörten Terroranschläge wie die von Paris und Brüssel ebenso wie Meldungen aus den Kriegsgebieten in Syrien und im Irak. Diese Ereignisse sind zeitnah und unmittelbar Thema in Klassenzimmern, Jugendfreizeitheimen und in Gesprächen unter Jugendlichen und damit eine Herausforderung für die jeweilige Fachkraft. In einer Phase der Bedarfseruierung, die gemeinsam mit kitab und den Regionalteams der aufsuchenden Jugendarbeit von VAJA gestaltet wurde, wurden die zwei erwähnten Sozialräume (Walle/ Gröpelingen, Osterholz) bestimmt, in denen jamil aktiv werden sollte. Nach einer dreimonatigen Aufbau- und Konzeptionsphase stieg jamil im Herbst 2015 mit der praktischen Arbeit ins Themenfeld ein. Arbeit in den Stadtteilen In der aufsuchenden Jugendarbeit wurden bestehende Kontakte zu Jugendlichen und deren Cliquen in den genannten Stadtteilen verstärkt. Hier war, vor allem vonseiten der Jugendlichen, seit Längerem der Wunsch nach Auseinandersetzung mit Themen wie bspw. muslimischem Leben in Deutschland, dem Syrien-Konflikt und dem sog. „Islamischen Staat“ an die StraßensozialarbeiterInnen herangetragen worden. Jamil konnte diesem Wunsch nach Auseinandersetzung sowohl in den Gesprächen mit den Jugendlichen in der täglichen Beziehungsarbeit als auch durch themenspezifische Angebote begegnen. Dazu gehörten bislang beispielsweise Wochenendfahrten mit Jugendcliquen nach Köln und Hamburg, bei denen sich die Jugendlichen intensiv mit der transkulturellen und interreligiösen Geschichte und Gegenwart dieser Städte auseinandersetzten. Darüber hinaus fungieren die MitarbeiterInnen von jamil gemeinsam mit dem Team von kitab trägerintern als AnsprechpartnerInnen für alle themenfeldbezogenen Fragen der VAJA-MitarbeiterInnen. Bei religiös begründeten Konflikten in Jugendcliquen, demokratie- oder men- 495 uj 11+12 | 2016 Prävention von Einstellungen salafistischen Ursprungs schenrechtsfeindlichen Haltungen oder ausgrenzendem und abwertendem Verhalten von Jugendlichen bietet jamil eine kollegiale Beratung zur Stärkung des professionellen Umgangs mit derartigen Fällen. Arbeit im Bereich Schule Den zweiten Strang der praktischen Arbeit bildet der Bereich Schule, aus dem der Großteil der Beratungs- und Unterstützungsanfragen an jamil kommt. Auf Grundlage der Erfahrungen in der demokratiepädagogischen und interreligiösen Bildungsarbeit in Schulen entwickelte jamil einen Methodenkoffer für die Arbeit in Schulen der Sekundarstufe I und II, welche gezielt die Bedarfe und brisanten Themen im Klassenzimmer und unter den SchülerInnen aufgreift. jamil konnte mit seinem Angebot drei Schulen als Kooperationspartner gewinnen, die stark an einer umfassenden Zusammenarbeit sowohl in der Arbeit mit den Schulklassen als auch der Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte interessiert sind. Beispielhaft ist die Zusammenarbeit mit einer Schule, in der eine Mitarbeiterin von kitab bereits seit längerer Zeit mit einer salafistisch radikalisierten Schülerin und ihrer Familie gearbeitet hatte. In der Klasse und der gesamten Jahrgangsstufe des jungen Mädchens hatte ihr Hinwendungsprozess zum Salafismus zu einem enormen Bedarf an Reflexion, Gespräch und Auseinandersetzung unter den SchülerInnen geführt. Dieser konnte jedoch vonseiten der Lehrkräfte nicht aufgebrochen werden. jamil wurde hier mit seinem Konzept in allen Klassen der achten und neunten Jahrgangsstufe aktiv und initiierte Diskussionen unter den SchülerInnen über Fragen zu Identität, Glaube, Zugehörigkeit und der Bedeutung gesellschaftlicher Vielfalt. Ohne die entsprechende Schülerin zu stigmatisieren, gelang es, mit den SchülerInnen eine intensive Auseinandersetzung mit demokratie- und menschenfeindlichen Haltungen salafistischen Ursprungs zu gestalten. Mit einer weiteren Schule besteht mittlerweile eine derart enge Kooperation, dass jamil sein Workshop-Angebot als Teil des Lehrplans in der Sekundarstufe II gestaltet. Darüber hinaus nutzt jamil unter dem Motto „Streetwork in der Schule“ mehrmals pro Monat im Nachmittagsbereich einen Aufenthalts- und Unterhaltungsraum der Schule als „Café Jamil“, um den Kontaktaufbau und die Beziehungsarbeit zu den Jugendlichen zu intensivieren und fortzuführen. Das Team jamil sieht es als Teil gesamtgesellschaftlicher Präventionsbemühungen, die Arbeitserfahrungen und Lernprozesse aus der praktischen Arbeit im Themenfeld an andere Fachkräfte weiterzugeben. Hierfür entwickelten die MitarbeiterInnen ein Sensibilisierungs- und Fortbildungsangebot, das inhaltliche Aufklärung, interaktiven Erfahrungsaustausch und methodische und didaktische Umgangsmöglichkeiten kombiniert. Dieses Angebot wurde von Beginn an stark nachgefragt. jamil hat begrenzte Ressourcen und kann nicht in allen Stadtteilen Bremens Workshop-Arbeit mit SchülerInnen anbieten, sondern nur in den genannten Sozialräumen. Das Fortbildungsangebot stellt daher eine Möglichkeit dar, zumindest das Kollegium einer von demokratie- und menschenfeindlichen Äußerungen salafistischen Ursprungs bei SchülerInnen betroffenen Schule zu erreichen. Den häufig berechtigten Bedarfsmeldungen angesichts offen abwertender oder gar gewaltbefürwortender Haltungen und Äußerungen mit salafistischer Prägung stehen bisweilen jedoch auch Zuschreibungen vermeintlich radikalen Verhaltens von Jugendlichen gegenüber, die einem Mangel der Fachkraft an (Selbst)-Bewusstsein im Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt entstammt. Wenn sich beispielsweise eine junge Frau entschließt, ein Kopftuch zu tragen, ist dies sicherlich kein Ausdruck einer religiös begründeten Radikalisierung. Einige Meldungen bei jamil und bei kitab von Lehrkräften, SozialpädagogInnen und Sozialarbei- 496 uj 11+12 | 2016 Prävention von Einstellungen salafistischen Ursprungs terInnen mit ähnlichem Grundton lassen allerdings den Rückschluss zu, dass der Beratungs- und Aufklärungsbedarf vielmehr in einer problematischen Haltung der Fachkraft denn in der des jungen Menschen liegt. Anregungen Unser Grundappell ist zugleich Grundsatz des Ansatzes der akzeptierenden Jugendarbeit: Wir müssen den jungen Menschen mehr zuhören. Dafür brauchen wir Zeit, Beziehungen aufzubauen, auf deren Basis eine Auseinandersetzung über Haltungen, Werte und Meinungen stattfinden kann. Jugendliche benötigen in der Schule und der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit Räume, in denen sie sich frei von Bewertung oder Stigmatisierung mit Grundfragen unserer Zeit auseinandersetzen können. Dafür brauchen wir LehrerInnen, SozialpädagogInnen und SozialarbeiterInnen, die bewusst mit gesellschaftlicher Vielfalt, aber auch den damit einhergehenden Herausforderungen und Konflikten umgehen können. Dazu gehört auch, religiöse Hinwendungsprozesse junger Menschen zum Islam oder anderen Religionen nicht pauschal zu problematisieren. Eine selbstbewusst und reflektiert gelebte Religiösität kann durchaus positive, sinnstiftende Elemente für die Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung haben. Hier gilt es, nicht von vornherein eine Radikalisierung zu vermuten, sondern mit den jungen Menschen über ihre Religionshinwendung ins Gespräch zu kommen. Dies sollte mit Blick auf die Ressourcen der Jugendlichen statt auf ihre Defizite geschehen. Defizitorientierte Problematisierung einer Haltung im Sinne von „Was du denkst und sagst, ist falsch! “ führt zu Frustration und innerer Abwendung eines jungen Menschen. Eben diese Frustrationserlebnisse gilt es zu vermeiden, indem den jungen Menschen in unserer Gesellschaft die Räume und AnsprechpartnerInnen gegeben werden, die sie in ihrer Entwicklungsphase benötigen. Zentral erscheint uns in diesem Zusammenhang auch die eigene Haltung der Fachkraft. Wenn dem Bedürfnis nach Auseinandersetzung und Reibung ausgewichen wird, erleben junge Menschen dies als enttäuschend und wenig zufriedenstellend. Unsere abschließende Anregung ist daher ein Aufruf an unsere KollegInnen, immer wieder die eigene Haltung und Überzeugung demokratischer Grundwerte zu überdenken. Diese Reflexions- und Meinungsfindungsprozesse von Fachkräften sollten im Übrigen bereits in der Ausbildung und später auch im Rahmen der praktischen Arbeit (z. B. kollegiale Fallberatung) gefördert werden. Nur auf Grundlage einer klaren Haltung und Überzeugung von Menschenrechten und Grundwerten kann Jugendlichen deren Bedeutung für das gesellschaftliche Zusammenleben authentisch vermittelt werden. David Aufsess Mehlike Eren-Wassel Verein zur Förderung akzeptierender Jugendarbeit e.V. Hinter der Mauer 9 28195 Bremen Tel. (04 21) 7 62-66 E-Mail: jamil@vaja-bremen.de Literatur Möller, K., VAJA e.V. (2007): Distanz(-ierung) durch Integration. Aufsuchende Jugendarbeit mit rechtsextrem und menschenfeindlich orientierten Jugendlichen. Konzept, Praxis, Evaluation. http: / / vaja-bremen.de/ wp-content/ uploads/ 2015/ 04/ distanzierung_durch _integration-konzept_praxis_evaluation-2007.pdf, 20. 8. 2016
