unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2017.art61d
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Mädchenkriminalität
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Janina Enning
Die Anzahl krimineller Mädchen steigt dramatisch an. Sie sind laut, brutal, wirken abstoßend und verwahrlost. Drogenabhängigkeiten und Prostitution gehören zu ihrem Alltag (Könning 2015, 268). So zumindest das Bild, das die Medien präsentieren. Aber wie sieht die Realität aus? Was führt junge Mädchen dazu, kriminell zu werden? Welche Möglichkeiten hat die Soziale Arbeit?
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402 unsere jugend, 69. Jg., S. 402 - 410 (2017) DOI 10.2378/ uj2017.art61d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Mädchenkriminalität Aktuelle Erkenntnisse zu deren Entstehung und Häufigkeit Die Anzahl krimineller Mädchen steigt dramatisch an. Sie sind laut, brutal, wirken abstoßend und verwahrlost. Drogenabhängigkeiten und Prostitution gehören zu ihrem Alltag (Könning 2015, 268). So zumindest das Bild, das die Medien präsentieren. Aber wie sieht die Realität aus? Was führt junge Mädchen dazu, kriminell zu werden? Welche Möglichkeiten hat die Soziale Arbeit? von Janina Enning Jg. 1984; Sozialarbeiterin/ Sozialpädagogin B. A., Pädagogische Leitung des Mehrgenerationenhauses im Mehrgenerationenhaus und Mütterzentrum Münster e.V. Einleitung Mit Überschriften wie „Mädchen ohne Gnade“ (Könning 2015, 268) steigern die Medien die Aufmerksamkeit der Bevölkerung zur Mädchenkriminalität. Dies führt zu einer öffentlichen Stigmatisierung, da deviantes Verhalten gesellschaftlich nicht mit dem klassischen, erwarteten weiblichen Rollenbild vereinbar ist (Jansen 2011, 1; Könning 2015, 268ff ). Es stellt sich daher die Frage, wie üblich Gewalt und Kriminalität durch Mädchen ist. Gibt es bestimmte Faktoren, die sie fördert? Um die Frage zu beantworten, werden die statistischen Angaben aus der Polizeilichen Kriminalstatistik analysiert, um im Anschluss die Entstehungsfaktoren für Mädchenkriminalität darzulegen. In der Zusammenfassung wird überlegt, was die Soziale Arbeit perspektivisch leisten kann, um weiteren Straftaten vorzubeugen. Häufigkeit und Formen der Mädchenkriminalität Kriminalität und Gewalt gelten bis heute als männliches Phänomen. Mädchen und Frauen treten seltener als Tatverdächtige, Angeklagte und auch als Verurteilte in Erscheinung. Als Referenzpunkt zur statistischen Auswertung sowie zur Forschung dient die Polizeiliche Kriminalstatistik (Silkenbeumer 2011, 319f ), die jedoch kritisch zu betrachten ist (Bundeskriminalamt 2015). Während im Jahr 2013 die Zahl der Tatverdächtigen insgesamt zurückgeht, steigt sie in 2014 und 2015 wieder leicht an (Abb. 1). Der Anteil der Tatverdächtigen unter 21 Jahren liegt 2015 bei 22,37 %, wovon 5,52 % weiblich sind. Weibliche Tatverdächtige unter 21 Jahren machen demnach nur einen kleinen Teil aller Tatverdächtigen in Deutschland aus. 403 uj 10 | 2017 Mädchenkriminalität 2015 2014 2013 2012 2.312.494 2.149.504 2.038.162 2.094.118 127.601 119.120 119.223 127.226 517.472 439.464 436.217 471.961 0 500.000 1.000.000 1.500.00 2.000.000 2.500.000 Anteil unter 21 Jahren ( ) Anteil unter 21 Jahren ( ) Tatverdächtige insgesamt ( ) Abb. 1: Weibliche Tatverdächtige unter 21 Jahren (2015) anhand der Daten der PKS 2012 - 2015 (vgl. Bundeskriminalamt 2012 - 2016, IntQ2, IntQ3, IntQ4, IntQ5) Betrug Diebstahl ohne erschwerende Umstände Körperverletzung Beleidigung Rauschgiftdelikte Allgemeine Verstöße gem. § 29 BtMG gefährliche & schwere Körperverletzung Räuberischer Diebstahl Direkte Beschaffungskriminalität Mord und Totschlag 69 31 68 32 81 19 70 30 87 13 87 13 85 15 86 14 74 26 84 16 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 männlich weiblich Abb. 2: Vergleich ausgewählter Straftaten von Frauen und Männern (2015) anhand der Daten aus der PKS 2015. Angaben in aufgerundete % (vgl. Bundeskriminalamt 2016, IntQ5). 404 uj 10 | 2017 Mädchenkriminalität Grundsätzlich gibt es in allen Altersstufen bedeutend mehr männliche als weibliche Tatverdächtige (Abb. 2). Es wurden für die grafische Darstellung Straftaten ausgewählt, die einen direkten Vergleich zulassen. Weibliche Tatverdächtige stehen eher im Verdacht, leichtere Straftaten begangen zu haben, die sich auf Vermögensdelikte (31 %), Körperverletzung (19 %) und Beleidigung (30 %) beziehen. Bei den schweren Straftaten wie beispielsweise räuberischer Diebstahl (14 %), schwere und gefährliche Körperverletzung (15 %) oder Rauschgiftdelikten (13 %) ist ihr Anteil unter den Tatverdächtigen weitaus niedriger. Die meisten Straftaten werden im Jugendalter begangen, während die Zahl der Tatverdächtigen zum Ende der Adoleszenz wieder zurückgeht (Abb. 3). Zum gleichen Ergebnis kommt auch Könning. Sie schreibt, dass die Zahl der weiblichen Tatverdächtigen mit steigendem Alter abnimmt, Mädchen seltener straffällig werden und es sich meist um eine einmalige Verfehlung handelt (Könning 2015, 269). Eifler und Silkenbeumer, die sich auf verschiedene Studien und beide Geschlechter beziehen, sprechen von einem „episodischen Charakter“ der Jugendkriminalität: Diebstahl ohne erschwerende Umstände Betrug Körperverletzung Beleidigung Rauschgiftdelikte Allgemeine Verstöße gem. § 29 BtMG gefährliche & schwere Körperverletzung Räuberischer Diebstahl Mord und Totschlag Direkte Beschaffungskriminalität 0 20 40 60 80 23 52 24 60 38 3 39 47 14 37 48 15 42 54 4 40 56 4 35 49 16 35 57 8 67 33 0 36 64 0 Heranwachsende Jugendliche Kinder Abb. 3: Vergleich ausgewählter Straftaten durch weibliche unter 21-jährige Tatverdächtige (2015). Unterteilt in Kinder, Jugendliche, Heranwachsende anhand der Daten aus der PKS 2015. Angaben in aufgerundete % (vgl. Bundeskriminalamt 2016, IntQ5). 405 uj 10 | 2017 Mädchenkriminalität Im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren steigt die Zahl der leichten Normverstöße an und erreicht im Alter von siebzehn bis achtzehn Jahren ihren Höhepunkt, nach dem zwanzigsten Lebensjahr sinkt die Zahl wieder ab. Jugendliche begehen eher Bagatellstraftaten, nur ein kleiner Teil wird mehrfach straffällig oder wird zum Intensivstraftäter. Während bei weiblichen Jugendlichen der Höhepunkt der Straffälligkeit vor dem 18. Lebensjahr eintritt, passiert Selbiges bei den männlichen Jugendlichen vor dem 21. Lebensjahr (Eifler 2011, 160; Silkenbeumer 2011, 320). Hemmer/ Wüst (2013) sprechen beim episodenhaften Erscheinungsbild zusätzlich von der „Ubiquität der Jugendkriminalität“: Jugendkriminalität ist allgegenwärtig und tritt in allen gesellschaftlichen Schichten auf. Delikte wie Diebstahl, Schwarzfahren, Beleidigung, leichte Körperverletzung und Sachbeschädigung werden in gewissem Maße als normale Verhaltensweisen von Jugendlichen angesehen und gehören zum Reifungsprozess dazu. Schwere Delikte wie Vergewaltigungen und Raub sind jedoch nicht ubiquitär (Hemmer/ Wüst 2013, 93f ). Entstehungsfaktoren für Mädchenkriminalität Es gibt eine Vielzahl an theoretischen Erklärungsansätzen für Mädchenkriminalität. Da einzelne Theorien für sich genommen eine eingeschränkte Aussagekraft haben, haben Elliot, Huizinga und Ageton die Kontrolltheorie (Hirschi - Bindungen an das Norm- und Wertesystem der Gesellschaft), die Anomietheorie (Merton - strukturell bedingter Mangel an individueller Verhaltensregulation) sowie den Ansatz der sozialen Desorganisation (Shaw/ MacKay - Einflüsse durch die Struktur im Wohnumfeld) zu einem integrativen Ansatz zusammengefasst, um nicht nur einzelne Aspekte der Entstehung von Kriminalität zu betrachten, sondern um eine umfassende Erklärung für delinquentes Verhalten zu bieten (Eifler 2011, 163ff ). Als Leittheorie gilt der kontrolltheoretische Ansatz von Hirschi (1969), der der Frage nachgeht, warum Individuen sich überhaupt sozialkonform verhalten, da diese seiner Auffassung nach von Natur aus zur Delinquenz neigen und asoziale Wesen sind. Hirschi gibt an, dass Individuen sich eher an Werte und Normen halten, wenn diese an die Gesellschaft angebunden sind. Eine Anbindung an folgende vier Ebenen ist für die Verhinderung von Delinquenz elementar wichtig: Attachment (Bindung), Commitment (Verpflichtung), Involvement (Einbindung) und Belief (Überzeugung). Je besser diese Anbindung gelingt, umso normenkonformer werden sich Individuen verhalten (Hirschi 1969, 10f, 16f ). Shaw und McKay stellen in ihrem Ansatz der sozialen Desorganisation heraus, dass Lebensräume mit schlechteren Bedingungen, z. B. einer hohen Arbeitslosenrate oder materiellem Verfall, Kriminalität begünstigen. Kurzum: Das Umfeld beeinflusst das Handeln von Menschen. Hat sich die Kriminalität einmal in einem solchen Gebiet manifestiert, so werden diese kriminellen Werte und Normen auf kulturellem Wege weitergegeben (Shaw/ McKay 1942). Merton weist in seinem anomietheoretischen Ansatz auf die Bedeutung von Ressourcen hin: Durch mangelnde Ressourcen können teilweise kulturell vorgegebene Ziele nicht erreicht werden. Dies kann zu Belastungen, Frustrationen, Ärger und Enttäuschungen führen, die eine Bindung an konventionelle Werte und Normen schwächen (Merton 1938, 672f ). Zur Praxis: Gewalt und Kriminalität entstehen aus Faktoren, die sich gegenseitig beeinflussen können (Raithel 2003, 590), was auch der o. g. integrative Ansatz deutlich macht. Hierdurch besteht die Gefahr, dass Jugendliche ihre Orientierung verlieren (Hemmer/ Wüst 2013, 93). 406 uj 10 | 2017 Mädchenkriminalität Kinder und Jugendliche können daher schon in jungen Jahren problematische Verhaltensweisen zeigen, die aber erst im Jugendalter als problematisch empfunden und als delinquentes und deviantes Verhalten betrachtet werden. Diese Verhaltensweisen wurden von Kindern und Jugendlichen jedoch nur entwickelt, weil sie in einer bestimmten Phase sinnhaft erschienen, beispielsweise um ihr (Über-)Leben zu sichern (Schrapper 2015, 201). Familie Die Erziehung nimmt im Zusammenspiel von Gewalt und kriminellem Verhalten einen großen Stellenwert ein. Es wird angenommen, dass Kinder aus prekären Elternhäusern in ihrer gesamten Entwicklung gefährdet sind und eher zur Gewalt im späteren Jugendalter neigen. Kriminalität und gewalttätiges Verhalten können auch als „Ausdruck eines milieuspezifischen Wertesyndroms bzw. distinkt kulturell normativer Orientierungen“ bezeichnet werden (Raithel 2003, 591f ). Laut König (2002) leben deviante Jugendliche häufig in Familien, in denen Alkohol- und Drogensüchte aufseiten der Eltern sowie Armut herrschen. Bei manchen devianten Mädchen findet zusätzlich eine Überprotektion durch die Eltern statt. Das kann zu einer Flucht in Scheinwelten und zu einer Veränderung des äußeren Erscheinungsbildes der Mädchen führen. So wollen sie ihr Bedürfnis nach Anerkennung stillen, die sie durch die Eltern nicht erfahren. Ängste, extreme Gewalt und sexuelle Übergriffe von männlichen Familienmitgliedern sind Erfahrungen, die diese Mädchen oft seit frühester Kindheit machen. Gewalt wird zur Lösung von Problemen und Konflikten in der Familie eingesetzt. Diese Gewalt ist häufig verbunden mit Liebesentzug und abwertenden, kränkenden und missbrauchenden Aussagen gegenüber den Mädchen. König gibt weiter an, dass die älter werdenden Mädchen ihre Grenzen oft auf extreme Art und Weise austesten und ihre Familien verlassen. Sie fangen an, die Schule zu schwänzen und verhalten sich delinquent. Damit drücken sie ihre Wünsche, gesehen und wahrgenommen zu werden, aus. Sie fangen mit kleinen Diebstählen an, prostituieren sich gelegentlich und gehören kriminellen Gruppen an entsprechenden Plätzen an. Im Weiteren kann dies zur Drogenabhängigkeit, fortwährender Prostitution und damit verbundenen Straftaten führen, die schließlich in manchen Fällen in Gefängnisstrafen münden. Vorherigen anderen Maßnahmen, wie beispielsweise die Unterbringung in Heimen oder in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Betreuungen oder Bewährungsaufsichten entziehen sie sich oder sie treten sie gar nicht erst an (König 2002, 144f ). Die Mutter-Tochter-Beziehung Die Lebenswelt von delinquenten und devianten Jugendlichen ist durch langandauernde Entwicklungsschädigungen im familiären Bereich sowie durch ressourcenarme Netzwerke geprägt. Neben den Gewalterfahrungen und der Vernachlässigung erleben vor allem Mädchen auch unzureichenden Schutz durch ihre Mütter. Sie empfinden ihre Mütter oft als überfordert, schwach und abhängig von anderen Männern. Einerseits sucht die Mutter Nähe, andererseits tritt sie ihren Kindern mit Hass und Verachtung gegenüber. Die Töchter empfinden auf der einen Seite Mitleid gegenüber ihrer schwachen und hilflosen Mutter, auf der anderen Seite betrachten sie sich selbst als Versagerinnen und hassen sich. Dies führt zu einer ambivalentsymbiotischen Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Dadurch verlieren diese Mädchen ihren Zugang zu ihren Gefühlen. Sie haben viele Gefühle verdrängt und erleben häufig negative Emotionen. Anstelle von klar benennbaren treten unklare Gefühle auf, hinzu kommt häufig körperlicher Stress - beides kann die Impulskontrolle beeinflussen. Schon vor Eintreten der Pubertät treten Depressionen, Entfremdung 407 uj 10 | 2017 Mädchenkriminalität und der Eindruck von Sinn- und Wertlosigkeit ein. Das beschränkt die Handlungskompetenzen, wodurch die Lebensbewältigung schlechter gelingt (Jansen 2011, 5f ). Verfrühte Pubertät und soziale Reife Grundsätzlich setzt die Pubertät inzwischen früher ein als noch vor Jahren. Allerdings sind Jugendliche zwar heute biologisch früher reif, die soziale Reife jedoch ist noch nicht voll ausgebildet, was zu Diskrepanzen führen kann. Die Personen aus dem unmittelbaren Umfeld erwarten durch die sichtbare körperliche Reifung auch mehr Verantwortung und ein entsprechendes Verhalten. Diese uneinheitliche Entwicklung kann zu delinquentem Verhalten führen. Wenn die Lücke zwischen biologischer und sozialer Reifung geschlossen ist, legt sich das gezeigte Verhalten in den meisten Fällen wieder. Sind die Auffälligkeiten aber schon früh im Kindesalter aufgetreten, so werden sie auch meist mit ins Erwachsenenalter übernommen (Sibereisen/ Weichold 2008, 23f ). Auch Jansen (2007) gibt an, dass die Mädchen durch die frühe Verantwortung in den prekären Lebenslagen kaum Möglichkeiten besitzen, sich altersgemäß zu entwickeln. Sie versuchen die Anforderungen, die an sie gestellt werden, zu bewältigen, damit sie psychisch als auch physisch überleben. Dadurch erscheinen sie äußerlich handlungskompetent, sind jedoch psychisch nicht gefestigt, besitzen wenig Variabilität in ihren verschiedenen sozialen Rollen und sind leicht zu verunsichern (Jansen 2007, 240f ). Hinzu kommt, dass sich frühreife Mädchen oft ältere männliche Partner suchen, die schon deviantes Verhalten zeigen. Das führt zur Gefahr, in Altersnorm verletzendes Verhalten zu verfallen, dabei früher als andere Gleichaltrige Alkohol und illegale Drogen zu konsumieren sowie delinquentes Verhalten an den Tag zu legen. Besonders groß ist die Gefahr, wenn bereits in der Kindheit Anpassungsprobleme bestanden haben. Einige Frühreife haben sexuell erfahrene Freundinnen. Somit kann eine verfrühte Sexualität nicht nur in der biologischen Reife begründet werden, sondern auch mit dem sozialen Umfeld (Jansen 2011, 5; Sibereisen/ Weichold 2008, 29f ). Identitätssuche Eine Analyse der Lebenswirklichkeit von delinquenten Jugendlichen ist in der Planung und Durchführung von erzieherischen und pädagogischen Hilfen unabdingbar. Besonders für junge Mädchen und Frauen, die auf der Straße leben, drogenabhängig sind, der Prostitution nachgehen oder Gewalt in der Familie erleben, stellen Gewalt und Delinquenz Bewältigungs- und Handlungsstrategien dar. Während männliche Täter eher handgreiflich werden, provozieren weibliche Täterinnen allerdings in den meisten Fällen verbal, ohne dabei körperlich übergreifend zu werden. Zwar sind Mädchen statistisch gesehen weniger kriminell oder drogenabhängig, allerdings leiden sie doppelt so oft unter internalisierenden Erkrankungen (Jansen 2011, 6f; Jansen 2007, 238). Zu Beginn der Pubertät entwickeln Jugendliche eine Identität, in der es um soziale Akzeptanz geht. Viele junge Straftäterinnen, so schreibt Jansen aus ihren Erfahrungen in der Arbeit in einer JVA für straffällig gewordene Mädchen, können aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen und ihren Traumatisierungen keine eigene Identität entwickeln und konzentrieren sich stattdessen auf „negative Identitätsstrategien“. Um sich geborgen zu fühlen und Aufmerksamkeit zu erhalten, suchen sie sich Gleichgesinnte. Die Freundschaften sind aber meistens nicht dauerhaft. Um den inneren Schmerz zu lindern und gefühlte innere Leere zu betäuben, werden häufig Alkohol oder illegale Drogen konsumiert. Dies dient oft als passive Lösungsstrategie in der Realitätsbewältigung. Die Finanzierung gerade illegaler Drogen führt oftmals in die Prostitution und damit in 408 uj 10 | 2017 Mädchenkriminalität ein „Abhängigkeits- und Unterdrückungsverhältnis“. Die Szene, in der sich die Mädchen befinden, bringt ihnen Abenteuer und gibt ihnen „Selbstgewissheit“. Zeitgleich werden sie aber durch die Szenenzugehörigkeit stigmatisiert und ihr Bedürfnis, echte Gefühle zu spüren, wird nicht befriedigt (Jansen 1999, 16, 100f ). Der Gruppenkontext Die Gruppen, in denen sich Jugendliche aufhalten, beeinflussen viele deviante Verhaltensweisen. Jugendliche fühlen sich häufig in der Gruppe stärker, begehen Taten, die sie alleine niemals begangen hätten, und handeln oft unter großem Druck - alles mit dem Ziel, ihre Gruppenzugehörigkeit zu beweisen (Böhnisch 2010, 13). Mädchen handeln in der Gruppe oft spontan und „aktionszentriert“. Die Straße bedeutet für sie einen sozialen Ort, an dem sie sich zugehörig fühlen. Es gibt Erwartungserwartungen (vgl. Luhmann 1984), Macht und Einfluss, kombiniert mit bestimmten Mustern in der Interaktion und verteilten Rollen. Meistens suchen sich „desintegrierte und sozial benachteiligte“ Jugendliche einen Platz in einer Gruppe aus der Unterschicht, so dass die Stigmatisierung ihnen gegenüber nicht mehr so stark ist und die Perspektivlosigkeit nicht mehr so schlimm erscheint. Vor allem Mädchen finden in Gruppen Geborgenheit, Trost und Zuwendung. Das Ausüben von Macht bringt ihnen ein Gefühl der Herrschaft und Kontrolle über andere (Jansen 2011, 7f ). Gewalttätiges Verhalten kann dabei helfen, Status und Identität zu erhalten (Heeg 2012, 12). Zusammenfassung und Ausblick Grundsätzlich kann Jugendkriminalität in allen sozialen Schichten aufkommen und hat häufig einen episodischen Charakter. Deviantes Verhalten in der Pubertät und Adoleszenz stellen daher bis zu einem gewissen Grad ein altersentsprechendes Verhalten dar. Die Zahl der weiblichen jungen Tatverdächtigen ist mit insgesamt 5,52 % gering und bezieht sich eher auf leichtere Delikte. Je älter die Mädchen werden, desto mehr nimmt die Zahl der weiblichen Tatverdächtigen ab. Meist handelt es sich auch um eine einmalige Verfehlung. Von einem durch die Medien suggerierten dramatischen Anstieg krimineller Handlungen durch Mädchen kann daher nicht die Rede sein. Die dargestellten Entstehungsfaktoren machen deutlich, dass sich deviante Jugendliche häufig in besonderen Lebenslagen befinden. Folglich erscheint es wenig sinnvoll, ihnen beispielsweise Sozialstunden, Jugendarrest oder gar eine Jugendstrafe aufzuerlegen - es ist infrage zu stellen, ob der Erziehungsauftrag des § 2 JGG in diesem Rahmen erfüllt werden kann. Vielmehr gilt es, die Entstehungsfaktoren der begangenen Taten und des gezeigten Verhaltens zu entschlüsseln und ursachenbezogen anzugehen. Innerfamiliäre Faktoren, psychische und physische Gewalterfahrungen, sexueller Missbrauch und ein devianter Freundeskreis müssen bearbeitet werden, um weiteren Straftaten vorzubeugen. Die Kombination aus prekärem Elternhaus und Pubertät/ Adoleszenz in Bezug auf Kriminalität stellt zwar eine Herausforderung dar, aber auch einen Anknüpfungspunkt für eine interdisziplinäre Bearbeitung, beispielsweise in Form von Sozialtherapie. Wichtig erscheint hierbei ein frühzeitiges Ansetzen, damit sich deviante Verhaltensweisen nicht manifestieren und ins Erwachsenenalter übernommen werden. Wie dargestellt entziehen sich Mädchen häufig erzieherischen Maßnahmen, weshalb ein behutsames Vorgehen notwendig ist. Vielleicht muss der Fokus von sanktionierenden, Fehlverhalten aufzeigenden Maßnahmen eher auf Maßnahmen gelegt werden, deren Augenmerk auf intensiver Beziehungsarbeit liegt und in denen die Jugendlichen ernst genommen wer- 409 uj 10 | 2017 Mädchenkriminalität den und Partizipationsmöglichkeiten erfahren - mit Leitfragen wie: ,Was möchte ich jetzt? ‘, ,Wozu fühle ich mich in der Lage? ‘, ,Was ist mir jetzt wichtig? ‘. Die Mädchen können dadurch wichtige Erfahrungen machen, die ihnen bislang oft gänzlich fehlen. Sie lernen, dass sie ernst genommen und wertgeschätzt werden und stärken ihr (bislang mangelhaftes) Selbstwirksamkeitserleben. Dieses Vorgehen ermöglicht eine intensive und respektvolle Beziehungsarbeit, die neue Perspektiven eröffnet. An dieser Stelle ist eine enge Zusammenarbeit von Justiz und Jugendhilfe unabdingbar, unabhängig ob es sich um weibliche oder männliche junge StraftäterInnen handelt. RichterInnen müssen ihr Strafmaß mehr am Erziehungsgedanken ausrichten und eng mit der beteiligten Jugendhilfe im Strafverfahren zusammenarbeiten. Zwar sollen nach § 37 JGG Jugendrichter und Jugendstaatsanwälte Erfahrungen in der Jugenderziehung besitzen und erzieherische Kompetenzen vorweisen, sie benötigen jedoch keine pädagogische Ausbildung oder Weiterbildung. Erziehung im Sinne des Jugendstrafrechts bedeutet nichts anderes als Spezialprävention für Jugendliche, weshalb der Begriff Erziehungsstrafrecht kritisch gesehen werden sollte (Laubenthal u. a. 2010, 3f ). Es gilt, die pädagogischen Vorschläge der Jugendhilfe im Strafverfahren intensiver in die Strafbemessung miteinzubeziehen. Darüber hinaus müssen mehr ambulante Angebote geschaffen und von der Justiz genutzt werden, an denen die Jugendlichen verbindlich teilzunehmen haben (Auflage). Im Gegenzug bietet sich PädagogInnen hier die Möglichkeit, die Bedürfnisse der Jugendlichen in den Blick zu nehmen und intensiv auf Beziehungsebene mit den Mädchen und Jungen zu arbeiten. Dann gestaltet sich die Soziale Arbeit ursachenbezogener - womit die Chancen steigen, kriminogene Faktoren zu beseitigen und die jungen Menschen erfolgreich auf ihrem Weg in ein straffreies Leben zu begleiten. Janina Enning E-Mail: janinaenn@gmail.com Literatur Böhnisch, L. (2010): Abweichendes Verhalten. Eine pädagogisch-soziologische Einführung. 4. Aufl. Juventa, Weinheim/ München Bundeskriminalamt (2016): PKS 2015 - BKA-Tabellen - Tatverdächtige. Tatverdächtige insgesamt nach Alter und Geschlecht - bei vollendeten Fällen. In: www. bka.de/ DE/ AktuelleInformationen/ StatistikenLage bilder/ PolizeilicheKriminalstatistik/ PKS2015/ Stan dardtabellen/ standardtabellenTatverdaechtige.html, 9. 2. 2017 Bundeskriminalamt (2015): PKS 2014 - BKA-Tabellen - Tatverdächtige. Tatverdächtige insgesamt nach Alter und Geschlecht - bei vollendeten Fällen. In: www. bka.de/ DE/ AktuelleInformationen/ StatistikenLage bilder/ PolizeilicheKriminalstatistik/ PKS2014/ Stan dardtabellen/ standardtabellenTatverdaechtige.html, 9. 2. 2017 Bundeskriminalamt (2015): PKS 2015 - Zeitreihen - Hinweise zu Daten. In: www.bka.de/ SharedDocs/ Down loads/ DE/ Publikationen/ PolizeilicheKriminalstatis tik/ 2015/ Zeitreihen/ hinweiseZuDenDaten_pdf.html, 9. 2. 2017 Bundeskriminalamt (2014): PKS 2013 - BKA-Tabellen - Tatverdächtige. Tatverdächtige insgesamt nach Alter und Geschlecht - bei vollendeten Fällen. In: www. bka.de/ DE/ AktuelleInformationen/ StatistikenLage bilder/ PolizeilicheKriminalstatistik/ PKS2013/ Stan dardtabellen/ standardtabellenTatverdaechtige.html, 9. 2. 2017 Bundeskriminalamt (2013): PKS 2012 - Standardtabellen - Tatverdächtige. Tatverdächtige insgesamt nach Alter und Geschlecht. In: www.bka.de/ DE/ Aktuelle Informationen/ StatistikenLagebilder/ Polizeiliche Kriminalstatistik/ PKS2012/ Standardtabellen/ stan dardtabellenTatverdaechtige.html? nn=52400, 9. 2. 2017 Heeg, R. (2009): Mädchen und Gewalt. Bedeutungen psychischer Gewaltausübung für weibliche Jugendliche. VS, Wiesbaden, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3- 531-91853-2 410 uj 10 | 2017 Mädchenkriminalität Hemmer, K. 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