unsere jugend
4
0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2017.art07d
4_069_2017_1/4_069_2017_1.pdf11
2017
691
Vertrauen von Herkunftseltern in die Fachkräfte der stationären Erziehungshilfe
11
2017
Katja Nowacki
Silke Remiorz
Das Gelingen einer stationären Hilfe zur Erziehung ist am besten durch die Beteiligung aller Personen des Prozesses zu erreichen. Vonseiten der Herkunftseltern benötigt es dafür Vertrauen in die Fachkräfte, dass diese die eigenen Anliegen ernst nehmen und sensibel im Umgang mit Ängsten sind. Es wird dargestellt, wie dies in der Praxis aus Sicht von Eltern umgesetzt wird.
4_069_2017_1_0008
39 unsere jugend, 69. Jg., S. 39 - 46 (2017) DOI 10.2378/ uj2017.art07d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Vertrauen von Herkunftseltern in die Fachkräfte der stationären Erziehungshilfe Grundlage für Beteiligung und Gelingen einer Hilfe zur Erziehung Das Gelingen einer stationären Hilfe zur Erziehung ist am besten durch die Beteiligung aller Personen des Prozesses zu erreichen. Vonseiten der Herkunftseltern benötigt es dafür Vertrauen in die Fachkräfte, dass diese die eigenen Anliegen ernst nehmen und sensibel im Umgang mit Ängsten sind. Es wird dargestellt, wie dies in der Praxis aus Sicht von Eltern umgesetzt wird. von Prof. Dr. Katja Nowacki Jg. 1968; Professorin für klinische Psychologie und Sozialpsychologie an der Fachhochschule Dortmund, Forschungsschwerpunkte im Bereich der Bindungstheorie und Hilfen zur Erziehung Einleitung Im Jahr 2014 wurden in Deutschland 72.204 Kinder und Jugendliche in einer stationären Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe untergebracht (Destatis 2016). Die Gründe für Fremdunterbringungen sind vielschichtig, aber häufig geht es um eine Überforderung der leiblichen Eltern, die wiederum unterschiedlichste Ursachen haben kann (Kinderschutz-Zentrum Berlin 2009). Ein großer Teil der Kinder und Jugendlichen ist im Rahmen einer Hilfe zur Erziehung auf Antrag der sorgeberechtigten Eltern nach § 27ff Sozialgesetzbuch VIII (SGB VIII) untergebracht. Das bedeutet, dass auch mit der Unterbringung in eine Heimeinrichtung nach § 34 SGB VIII ein wesentliches Ziel der Hilfe die Unterstützung der Eltern in der Erziehung ihrer Kinder ist. Selbstverständlich geht es insgesamt um die Förderung der Kinder und die Sicherstellung des Kindeswohls, da ihr Schutz und ihre Sicherheit sowie ihr Recht auf ein unversehrtes Aufwachsen vom Staat und den ausführenden Institutionen gewährleistet wer- Silke Remiorz Jg. 1985; Sozialarbeiterin und Sozialwissenschaftlerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fachhochschule Dortmund, Forschungsschwerpunkte im Bereich von Hilfen zur Erziehung mit einem Schwerpunkt auf Gender und Diversity 40 uj 1 | 2017 Vertrauen von Herkunftseltern in die stationäre Erziehungshilfe den muss (Kinderschutz-Zentrum Berlin 2009; Bundeszentrale für politische Bildung 2010; Grühn 2010). In bisherigen Forschungsprojekten im Rahmen stationärer Erziehungshilfe wurde die Perspektive der Kinder und Jugendlichen sowie ihrer BetreuerInnen stärker in den Vordergrund gestellt (Gragert/ van Santen/ Seckinger 2005; Günder 2015; Nowacki/ Remiorz 2014; Remiorz/ Nowacki 2014). Eine wichtige Personengruppe bleibt jedoch häufig unbeachtet und nicht miteinbezogen, obwohl gerade diese für den weiteren Verlauf der Hilfemaßnahme für die Kinder und Jugendlichen von besonderer Bedeutung sind - die Herkunftseltern (Schneider 2002). Doch woran liegt diese geringere Berücksichtigung der Eltern in den stationären Hilfen zur Erziehung? Die Gründe hierfür sind sicherlich vielfältig und individuell zu betrachten. Durch die Herausnahme des Kindes oder Jugendlichen und die intensive Betreuung in einer Einrichtung über Tag und Nacht scheinen die Schwierigkeiten der Familie erst einmal gelöst zu sein. Aber eine Veränderung der Interaktion zwischen den Familienmitgliedern, insbesondere wenn eine Rückführung primäres Ziel ist, bedarf einer stärkeren Bearbeitung. Auch eine Perspektivplanung für das Kind oder den Jugendlichen außerhalb der Herkunftsfamilie sollte die Eltern berücksichtigen, insbesondere, wenn sie noch das Sorgerecht haben oder wenn es darum geht, eine gelungene Ablösung der Kinder zu ermöglichen. Die Einbeziehung der Herkunftseltern erscheint also sinnvoll. In Fällen, in denen der Kontakt zwischen den Herkunftseltern und den Kindern retraumatisierend oder sogar nachhaltig schädigend für das Kind oder den Jugendlichen sein kann, ist von einem Einbezug der Herkunftseltern in die Hilfe abzusehen (Salgo 2007; Salgo 2009). Macsenaere (2014) stellt fest, dass in den Fällen, in denen Eltern in die Hilfe miteingebunden wurden, diese besser gelingen konnte. Gadow et al. (2013) postulieren jedoch, dass bezüglich der Zusammenarbeit zwischen Herkunftseltern und den MitarbeiterInnen der stationären Kinder- und Jugendhilfe noch ein enormer Entwicklungsbedarf besteht. Eine wichtige Voraussetzung für eine Beteiligung von Herkunftseltern auch im Bereich der stationären Kinder- und Jugendhilfe ist, dass die Eltern Vertrauen in die Fachkräfte haben, die sich ab der Unterbringung intensiv um ihre Kinder bzw. Jugendlichen kümmern und wesentliche Teile der Erziehungsaufgaben übernehmen. Vertrauen dient als eine wichtige Grundlage. Der Begriff „Vertrauen“ lässt sich nach Zmerli, Newton und Montero (2007, 55) als eine Art „subjektive Erwartung“ an das Handeln des jeweiligen Gegenübers beschreiben. Eltern müssen also erwarten, dass ihre Mitwirkung im Prozess der Unterbringung ihrer Kinder gewollt ist und einen positiven Beitrag leisten kann, obwohl durch die Einleitung der stationären Unterbringung ihre Erziehungskompetenzen unter Umständen infrage gestellt wurden. Das Vertrauen der Herkunftseltern ist am ehesten als „spezifisches Vertrauen“ (Wagenblass 2015, 142) zu bezeichnen. Im Kontext der Sozialen Arbeit wird damit das Vertrauen zwischen Fachkräften und KlientInnen bezeichnet, das die Besonderheit hat, dass das Vertrauensverhältnis nach Abschluss der Hilfe beendet ist. An dieser Stelle ist zu bedenken, dass Eltern auch in Fachkräfte Vertrauen haben müssen, die ggf. gegen ihren Willen Interessen der Kinder vertreten und damit ein doppeltes Mandat haben (Kuehn-Velten 2007; Schrapper 2008). Wie kann trotz dieses Hintergrundes und möglicherweise erschwerter Bedingungen im Bereich der stationären Erziehungshilfe das spezifische Vertrauen von Herkunftseltern in die Fachkräfte gefördert werden, um das Gelingen der Maßnah- 41 uj 1 | 2017 Vertrauen von Herkunftseltern in die stationäre Erziehungshilfe me zu ermöglichen? Die Partizipation, also direkte Beteiligung der Eltern ist sicherlich eine wichtige Möglichkeit, um Vertrauen herzustellen (Blandow 2004). Darüber hinaus spielen noch weitere Aspekte zur Vertrauensbildung eine Rolle wie zum Beispiel die Haltung und der Umgang der Fachkräfte gegenüber und mit den Eltern. Zu nennen sind hier Verlässlichkeit, Respekt und Vertrauenswürdigkeit, die zusammen mit Partizipation als zentrale Begriffe von Vertrauen gelten (Schweer 1997; Luhmann 2000; Zmerli et al. 2007; Gundelach 2014; Wagenblass 2015). Untersuchung In Interviews mit Eltern, deren Kinder bzw. Jugendliche in einer Einrichtung der stationären Jugendhilfe nach § 34 SGB VIII untergebracht sind bzw. waren, wurde untersucht, inwieweit diese sich von den Fachkräften der Einrichtung in die Hilfe miteinbezogen fühlten und sie diese als verlässlich, respektvoll im Umgang und vertrauenswürdig zu Beginn und im Verlauf empfunden haben. Stichprobe Insgesamt wurden fünfzehn Elternteile (zwei Väter und dreizehn Mütter), deren Kinder aktuell oder bis vor kurzem in einer stationären Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe im Großraum Ruhrgebiet untergebracht sind bzw. waren, befragt. Bei den stationären Maßnahmen handelte es sich in vier Fällen um eine Intensivwohngruppe, in acht Fällen um eine Regelgruppe und in zwei Fällen um eine Sozialpädagogische Lebensgemeinschaft. Das durchschnittliche Alter der Befragten lag zum Zeitpunkt der Datenerhebung bei 39 Jahren (Min. 31/ Max. 55) und bei keinem der Befragten lag ein Migrationshintergrund vor. Insgesamt haben die Befragten zwischen einem und sieben leibliche Kinder und sie gaben an, zu den Kindern in Fremdunterbringung regelmäßigen Kontakt zu haben. Dieser variierte von täglichen Telefonaten und Nachrichten über neue soziale Medien bis hin zu regelmäßigen Besuchskontakten in einem 14tägigen Rhythmus. Die Kinder der Herkunftseltern waren durchschnittlich 13 Jahre alt (Min. 11/ Max. 18) und lebten zum Zeitpunkt der Befragung im Schnitt 21 Monate in der aktuellen Einrichtung (Min. 6/ Max. 60). Die Gründe für die Unterbringung waren aus Sicht der Eltern sehr vielfältig (schulische Probleme, schwieriges Sozialverhalten, psychische Erkrankungen etc.). Instrument Basierend auf den vier zentralen Aspekten von Vertrauen (Schweer 1997; Luhmann 2000; Zmerli et al. 2007; Gundelach 2014; Wagenblass 2015) wurde ein halbstandardisiertes Leitfadeninterview mit vierzehn Fragen und Nachfragen konzipiert. In Tabelle 1 werden die Inhaltsbereiche des Interviewleitfadens genauer dargestellt. Die damit verbundenen grundlegenden Fragen zu Vertrauen wurden im Rahmen einer Arbeitsgruppe VESA (Vertrauen in der Sozialen Arbeit) am Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Dortmund diskutiert. Durchführung der Datenerhebung Für die Akquise der ProbandInnen wurden verschiedene Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe im Großraum Ruhrgebiet von den beiden Autorinnen auf verschiedenen Kanälen kontaktiert, mit der Bitte, Eltern innerhalb der jeweiligen Institutionen bezüglich einer möglichen Teilnahme anzusprechen. Bei Einverständniserklärungen der Eltern wurden Interviews durchgeführt. Die vorliegenden Daten wurden im Zeitraum zwischen Dezember 2015 und März 2016 erhoben. 42 uj 1 | 2017 Vertrauen von Herkunftseltern in die stationäre Erziehungshilfe Ergebnisse Die Analyse der Interviews erfolgte nach der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2015). Hierbei wurde die deduktive Vorgehensweise zur Analyse des Datenmaterials gewählt, da Partizipation, Verlässlichkeit, Respekt und Vertrauenswürdigkeit als feststehende Begriffe im Kontext des bereits vorhandenen und definierten Begriffs „Vertrauen“ zur Kategorienbildung genutzt wurden. Partizipation Die interviewten Eltern äußerten verschiedene Erfahrungen und Maßnahmen, durch die sie sich in den Hilfeprozess einbezogen fühlten. Die Beteiligung an der Auswahl der Einrichtung für ihr Kind, die gesetzlich durch das Wunsch- und Wahlrecht in § 5 SGB VIII gesichert ist, war für die ProbandInnen besonders bedeutsam. So nannte ein Vater auf die Frage, was er als besonders wichtig im Hinblick auf die Beteiligung im Hilfeprozess erlebt habe, dass er sich die Einrichtung zwei Wochen vor der Aufnahme seines Kindes habe ansehen können und erst mit seiner Zustimmung die Wahl auf diese Gruppe endgültig gefallen sei. Auch die Art und Weise des Empfangs zu Beginn der Aufnahme war bedeutsam, so schilderte eine befragte Mutter ihren ersten Eindruck: „Sie [die Betreuer_innen (Anmerkung der Autor.)] sind ganz vernünftig, total lieb, sind die auf mich eingegangen, hatten Gespräche geführt, haben mir die Wohngruppe gezeigt, in der mein Sohn dann in der Zeit leben wird (…)“. Die Mutter beschrieb weiter, dass sie sich stets mit einbezogen gefühlt habe und sie dadurch auch das Gefühl bekommen habe, dass sich die Situation positiv verändern lasse. Auch gab es positive Rückmeldungen darüber, dass eine gelingende Partizipation auch im weiteren Verlauf der Maßnahme bedeutsam sei. Hierbei wurden von den befragten Eltern insbesondere die Informationsweitergabe und der Kontakt zu den BetreuerInnen positiv hervorgehoben. So sagte eine Mutter: „Ich kann jederzeit in der Gruppe auch mit meinen Problemen anrufen. Wenn mein Kind was hat, (…) und (…) wenn irgendwie Unklarheiten herrschen, dann tauschen wir uns auch aus oder wenn da Probleme auftauchen, werde ich jedes Mal in Kenntnis gesetzt, dazu gefragt und damit wir das alles unter einen Hut kriegen.“ Hier wird auch deutlich, dass die Mutter das gemeinsame Erreichen von Zielen betonte. Eine weitere Befragte äußerte sich ebenfalls positiv in dieser Hinsicht im Zusammenhang mit der Aspekt des Vertrauensbegriffs Inhalte der Fragen Partizipation Inwieweit fühlten sich die Eltern in den Hilfeprozess eingebunden? Verlässlichkeit Wie verlässlich wurden die BetreuerInnen in schwierigen Situationen oder bei einem konkreten Hilfebedarf erlebt? Respekt Fühlten sich die Herkunftseltern von den BetreuerInnen ernst genommen? Vertrauenswürdigkeit Haben sich die BetreuerInnen genügend Zeit für die Anliegen der Eltern genommen und haben sie auch die Bereitschaft gezeigt, neben alltäglichen Angelegenheiten auch persönliche Themen zu besprechen? Tab. 1: Darstellung der vier berücksichtigten Aspekte des Vertrauensbegriffs innerhalb des verwendeten Leitfadens 43 uj 1 | 2017 Vertrauen von Herkunftseltern in die stationäre Erziehungshilfe geplanten Rückführung der Tochter. Auch sie macht deutlich, dass erst durch die Zusammenarbeit mit der Einrichtung dies möglich geworden sei. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich der überwiegende Teil der Befragten positiv über ihre Einbindung in die Maßnahme der Hilfe zur Erziehung geäußert hat. Hier wurde insbesondere das Einholen der Meinung der Eltern zum Beispiel bei der Auswahl der Einrichtung, die Informationsweitergabe, aber auch die konkrete Zusammenarbeit in den Phasen vor, während und im Hinblick auf den Abschluss der Hilfe zur Erziehung genannt. Dennoch gibt es auch einen Teil der Herkunftseltern, die sich nicht in die Hilfe eingebunden fühlten und das Gefühl hatten, mit ihren Schwierigkeiten alleine gelassen zu werden. So beschrieb eine der Befragten: „(…), ja es hieß dann natürlich, ja die kümmern sich drum und wir sprechen dann mal mit ihr und ja das war’s dann halt. Und ich stand eigentlich immer alleine da.“ In diesem Zusammenhang wurden außerdem insbesondere die schlechte Erreichbarkeit und fehlende Informationsweitergabe als Aspekte genannt, die zur Unzufriedenheit beigetragen haben. Verlässlichkeit Ein weiterer wichtiger Punkt bzgl. der Vertrauensbildung in der Arbeit mit Herkunftseltern ist der Aspekt der Verlässlichkeit. Die befragten Eltern hoben hierbei insbesondere den verlässlichen Umgang der BezugsbetreuerInnen mit ihnen hervor und betonten, dass ihnen die Umsetzung von Absprachen wichtig sei. Positiv wurde auch hervorgehoben, dass die Verlässlichkeit in schwierigen Situationen gewährleistet sei. So beschrieb eine Mutter eine Auseinandersetzung mit ihrem Kind bei einem heimischen Besuchskontakt, in der sie sich überfordert gefühlt habe. Sie sei hier von den BetreuerInnen sofort verlässlich unterstützt worden und von diesen beraten worden, wie sie alternativ mit der Situation umgehen könne. Es wird deutlich, dass die direkte Erfahrung im Hinblick auf verlässlich eingehaltene Absprachen, insbesondere auch in schwierigen Situationen, Aspekte sind, die von den Eltern unter dem Begriff der Verlässlichkeit genannt wurden. Respekt Als einer der zentralen Aspekte in der Auseinandersetzung mit dem Begriff „Vertrauen“ wurde der entgegengebrachte Respekt und das Ernstnehmen der eigenen Bedürfnisse und Anliegen von den Befragten besonders herausgestellt. Ein Vater fühlte sich von den BetreuerInnen respektiert und gut aufgehoben. Einige der Befragten haben dagegen keine positiven Erfahrungen in dieser Hinsicht mit den BetreuerInnen in der Einrichtung ihres Kindes gemacht. So äußerte eine der interviewten Mütter: „Den ersten Bezugsbetreuer, den mein Kind hatte, da habe ich so ein bisschen Schwierigkeiten gehabt, das hab ich dann aber auch offen geäußert, dass ich mich da so als Mutter nicht ernst genommen fühle von ihm (…). Wenn ich mit meinen Sorgen an ihn herangetreten bin, hatte ich halt immer das Gefühl, er nimmt mich nicht ernst, er sieht nur seine Position, er sieht nur das, was er will, und ist in keiner Weise wirklich auch auf meine Sorgen, damals als Mutter, eingegangen.“ Eine weitere Mutter merkte an, dass sie kein Vertrauen zu den MitarbeiterInnen der Wohngruppe habe aufbauen können, da sie das Gefühl hatte, dass ihr kein Interesse entgegengebracht worden sei. Hier wird deutlich, dass die Meinung der Eltern zu respektieren ist und ihnen direkt spürbares Interesse entgegengebracht werden sollte, z. B. in Form von Zuhören, um eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zu ermöglichen. 44 uj 1 | 2017 Vertrauen von Herkunftseltern in die stationäre Erziehungshilfe Vertrauenswürdigkeit In den Interviews wurde auch direkt nach der Vertrauenswürdigkeitder BezugsbetreuerInnen gefragt. Hier wurde deutlich, dass es wichtig ist, den Eltern zu Beginn einer Maßnahme Zeit zu geben. So äußerte eine der befragten Mütter, dass der Kontakt zwischen ihr und den BetreuerInnen von Anfang an gut gewesen sei, jedoch das Vertrauen zueinander erst einmal habe wachsen müssen. Eine andere Befragte bestätigte dies, merkte jedoch an, dass das Vertrauen von ihr nur durch einen bestimmten Ansprechpartner in der Einrichtung gewonnen werden konnte: „Am Anfang ja, keine Ahnung, also ich bin ein Mensch, die sehr auf Distanz geht, wenn es Schwierigkeiten gibt. Und bei dem Herrn D. ist es halt alles anders. Also ich habe Vertrauen zu dem, kann auf den zugehen, wenn es mir nicht gut geht oder wenn was mit meinem Sohn ist. Der hört mir einfach zu und dann überlegen wir, was wir dann halt gemeinsam machen können.“ Von den interviewten Eltern wurden außerdem Aspekte genannt, die nach ihrer Einschätzung die Vertrauenswürdigkeit der BezugsbetreuerInnen für sie erhöhen würden. So enthielten die Berichte häufiger Aspekte, die eine offene und wertschätzende Grundhaltung der Fachkräfte gegenüber den Eltern deutlich machte. Dies ist insbesondere unter dem Aspektzu beachten, dass Eltern in der Situation der Fremdunterbringung ihrer Kinder Scham- und Versagensgefühle empfinden können. Ein weiterer Aspekt, welcher als vertrauensbildende Maßnahmen angesehen wurde, sind gemeinsame Themen und Interessen. So nannte einer der befragten Väter, dass die gemeinsamen Interessen mit den BetreuerInnen als eine Art Türöffner für die Vertrauensbildung dienen könnten: „Ich war eigentlich drauf und dran, ich wollte unbedingt ein Tattoo haben und da hab’ ich gedacht, (…) der Herr S., der hat Tattoos und die gefielen mir eigentlich ganz gut und dann hab’ ich den einfach angesprochen. (…) Und ja, und dann sind wir darüber so erst mal ins Gespräch gekommen. (…)“. Generell wurde von den Befragten angemerkt, dass sie es nicht grundsätzlich erwarteten, dass die BetreuerInnen ihnen etwas Persönliches mitteilten. Trotzdem wurde dies immer wieder in den Interviews als vertrauensfördernd geschildert. Aber auch in den Fragen zur Vertrauenswürdigkeit äußerten sich einige befragte Eltern kritisch in Bezug auf ihre Erfahrungen mit den BetreuerInnen. Eine Befragte merkte an, dass sie Angst hatte, sich gegenüber den BetreuerInnen zu öffnen. In diesem Zusammenhang wurde auch die hohe Fluktuation innerhalb der MitarbeiterInnenschaft kritisch angesprochen und als ungünstig für den Prozess der Vertrauensbildung angesehen. Es bleibt festzuhalten, dass eine verlässliche und dauerhafte Beziehung die Vertrauenswürdigkeit von Fachkräften aus Sicht der Herkunftseltern fördert. Fazit In der vorliegenden Befragung von Herkunftseltern zeigt sich, dass sie mit der Hilfe zur Erziehung in Form der stationären Unterbringung ihrer Kinder eher zufrieden sind, wenn sie ein spezifisches Vertrauen (Wagenblass 2015) zu den BetreuerInnen aufbauen können. Da Partizipation von Herkunftseltern im Hilfeprozess einen positiven Effekt auf die Maßnahme hat (Macsenaere 2014), wäre zu überlegen, inwieweit die Partizipation von Eltern in der stationären Erziehungshilfe noch deutlich stärker im Bereich der Mitbestimmung ausgebaut werden könnte (Wolf/ Harting 2010, 2013), z. B. durch aktiveres Einbinden in den Gruppenalltag. 45 uj 1 | 2017 Vertrauen von Herkunftseltern in die stationäre Erziehungshilfe Ein zweiter wichtiger Aspekt für den Aufbau von Vertrauen ist die Verlässlichkeit. Dabei ist zu betonen, dass Verlässlichkeit in der Sozialen Arbeit auch stets „Handlung“ bedeutet und damit über die ausgeführte Tat definiert wird. Eine wichtige Voraussetzung um Verlässlichkeit zu erleben und damit Vertrauen aufzubauen, ist aus Sicht der Eltern, dass sie klare Ansprechpersonen haben, an die sie sich wenden können. Bereits Rogers (1981) hat diese Aspekte als wichtige Grundvariablen genannt, um eine tragfähige Arbeitsbeziehung herzustellen und positive Veränderungen zu ermöglichen. Auch in der Diskussion des professionellen Umgangs mit Nähe und Distanz wird inzwischen betont, dass nicht allein aufgrund eines Fachwissens „rollenförmig“ gehandelt werden sollte, sondern auch persönliche Erfahrungen eingebracht werden sollten (Dörr/ Müller 2012, 9). Das Einbringen persönlicherer Aspekte kann also beziehungsfördernd sein, ohne dadurch die Professionalität zu verlieren. Insgesamt kann als eine Handlungsempfehlung für die BetreuerInnen der stationären Jugendhilfe zusammengefasst werden, dass zur Vertrauensbildung die Verbesserung des Informationsflusses vor und während der Maßnahme dient und eine stärkere Einbindung der Herkunftseltern in beginnende und bestehende Prozesse der Fremdunterbringung ihres Kindes stattfinden sollte. Ferner ist eine konstante Ansprechperson sowohl für die Kinder und Jugendlichen selbst, aber auch für die Herkunftseltern sehr wichtig. Häufige Personalwechsel führen zu Irritationen und erschweren die Vertrauensbildung. Ein weiterer wichtiger Aspekt in der Arbeit mit Herkunftseltern ist der individuelle Beziehungsaufbau, der durch eine wertschätzende, offene und respektierende Haltung gefördert werden kann. Mit dem Einbringen von Themen, die die Herkunftseltern interessieren, kann eine tragfähige und professionelle Beziehung ebenfalls gefördert werden. Eine aktive und ernst gemeinte Partizipation der Herkunftseltern in den laufenden Hilfeprozess wird bei diesen die Hoffnung in Bezug auf eine Veränderung induzieren. Grundlage für die Einbindung ist eine vertrauensvolle Beziehung, die durch Beteiligung, Verlässlichkeit und Respekt gefördert werden kann. Prof. Dr. Katja Nowacki und Silke Remiorz Fachhochschule Dortmund Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften Emil-Figge-Str. 44 44227 Dortmund Literatur Blandow, J. (2004): Herkunftseltern als Klienten der Sozialen Dienste. Ansätze zur Überwindung eines spannungsgeladenen Verhältnisses. In: Sozialpädagogisches Institut (SPI) des SOS-Kinderdorf e.V. (Hrsg.): Herkunftsfamilien in der Kinder- und Jugendhilfe. Perspektiven für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit. Dokumentation 3. München, 8 - 32 Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.) (2010): Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Eigendruck, Bonn Destatis (2016): Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. Erzieherische Hilfen und sonstige Leistungen. In: www.destatis.de/ DE/ ZahlenFakten/ Gesellschaft Staat/ Soziales/ Sozialleistungen/ KinderJugendhilfe/ Tabellen/ ErzieherischeHilfen2013und2014.html, 19. 5. 2016 Dörr, M., Müller, B. (2012): Nähe und Distanz. Ein Spannungsfeld pädagogischer Professionalität. Juventa, Weinheim/ Basel Gadow, T., Peucker, C., Pluto, L., van Santen, E., Seckinger, M. (2013): Wie geht’s der Kinder- und Jugendhilfe? Empirische Befunde und Analysen. Beltz Juventa, Weinheim/ Basel Gragert, N., van Santen, E. & Seckinger, M. (2005): Eltern - die vergessenen Kooperationspartner der stationären Hilfen? Archiv für Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit 36 (2), 74 - 86 46 uj 1 | 2017 Vertrauen von Herkunftseltern in die stationäre Erziehungshilfe Grühn, C. (2010): Einführung in das Kinder- und Jugendhilferecht. Mit Beispielen für den leichten Einstieg. Fachverlag für Studienliteratur, Altenberge Gundelach, B. (2014): Ethnische Diversität und Soziales Vertrauen. Studien zur Politischen Soziologie, Bd. 29, Nomos, Baden-Baden Günder, R. (2015): Praxis und Methoden der Heimerziehung. Entwicklungen, Veränderungen und Perspektiven der stationären Erziehungshilfe. Lambertus, Freiburg im Breisgau Kinderschutz-Zentrum Berlin e.V. (Hrsg.) (2009): Kindeswohlgefährdung. Erkennen und Helfen. Eigendruck, Berlin Kuehn-Velten, J. (2007): Strafen, kontrollieren, belohnen - wie wird Kinderschutz in Deutschland effektiver? . DJI-Expertengespräch am 12. 4. 2007 im Bayerischen Rundfunk. Strafen, kontrollieren, belohnen - wie wird Kinderschutz in Deutschland effektiver? In: www. dji.de/ fileadmin/ user_upload/ dasdji/ home/ 2007_ 04_12_abs.pdf , 20. 8. 2016 Luhmann, N. (2000): Organisation und Entscheidung. Westdeutscher Verlag, Opladen/ Wiesbaden, http: / / dx.doi.org/ 10.1007/ 978-3-322-97093-0 Macsenaere, M. (2014): Wirkungsforschung und ihre Ergebnisse. In: Macsenaere, M., Esser, K., Knab, E., Hiller, S. (Hrsg.): Handbuch der Hilfen zur Erziehung. Lambertus, Freiburg im Breisgau, 592 - 598 Mayring, P. (2015): Qualitative Inhaltsanalyse: Grundlagen und Techniken. Beltz, Weinheim/ Basel Nowacki, K., Remiorz, S. (2014): Evaluationsstudie. Ergebnisse zum Aufnahmeprozess aus Sicht von Kindern und Jugendlichen in der stationären Jugendhilfe. In: Nowacki, K. (Hrsg.): Die Neuaufnahme in der stationären Heimerziehung. Lambertus, Freiburg im Breisgau, 107 - 131 Remiorz, S., Nowacki, K. (2014): Evaluationsstudie. Ergebnisse zum Aufnahmeprozess aus Sicht von MitarbeiterInnen der stationären Jugendhilfe. In: Nowacki, K. (Hrsg.): Die Neuaufnahme in der stationären Heimerziehung. Lambertus, Freiburg im Breisgau, 133 - 158 Rogers, C. (1981): Der neue Mensch. Klett-Cotta, Stuttgart Salgo, L. (2007): Verbleib oder Rückkehr? ! - Aus jugendhilferechtlicher Sicht. In: Stiftung zum Wohl des Pflegekindes (Hrsg.): 4. Jahrbuch des Pflegekinderwesens. Verbleib oder Rückkehr? ! Perspektiven für Pflegekinder aus psychologischer und rechtlicher Sicht. Schulz-Kirchner Verlag, Idstein, 43 - 71 Salgo, L. (2009): Die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zu Pflegekindern. In: Stiftung zum Wohl des Pflegekindes (Hrsg.): 5. Jahrbuch des Pflegekinderwesens: Grundbedürfnisse von Kindern - Vernachlässigte und misshandelte Kinder im Blickfeld helfender Instanzen. Schulz-Kirchner Verlag, Idstein, 213 - 228 Schneider, N. F. (2002): Elternschaft heute. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und individuelle Gestaltungsaufgaben - Einführende Betrachtungen. In: Schneider, N. F., Matthias-Bleck, H. (Hrsg.): Elternschaft heute. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und individuelle Gestaltungsaufgaben. In: Zeitschrift für Familienforschung, Sonderheft 2, 9 - 21 Schrapper, C. (2008): Keine Hilfe ohne Kontrolle? Keine Kontrolle ohne Hilfe! Thesen zu einem Spannungsverhältnis sozialpädagogischer Kinderschutzarbeit. In: Soziale Arbeit 12, 466 - 471 Schweer, M. (1997) (Hrsg.): Vertrauen und soziales Handeln. Facetten eines alltäglichen Handelns. Luchterhand, Neuwied Wagenblass, S. (2015): Vertrauen in der sozialen Arbeit. Theoretische und empirische Ergebnisse zur Relevanz von Vertrauen als eigenständiger Dimension. Juventa, Weinheim Wolf, M., Hartig, S. (2013): Gelingende Beteiligung in der Heimerziehung. Gute Praxis beim Mitreden, Mitwirken und Mitbestimmen von Kindern und Jugendlichen im Heimalltag. Ein Werkbuch für Jugendliche und ihre BetreuerInnen. Beltz Juventa, Stuttgart Wolf, M., Hartig, S. (2010): Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in der Heimerziehung. Empfehlungen des Projektes „Beteiligung - Qualitätsstandards für Kinder und Jugendliche in der Heimerziehung“. Juventa. Weinheim/ München Zmerli, S., Newton, K., Montero, J. R. (2007): Trust in people, confidence in political institutions, and satisfaction with democracy. In: van Deth, J. W., Montero, J. R., Westholm, A. (Hrsg.): Citizenship and Involvement in European Democracies. A comparative analysis. Routledge, London/ New York, 35 - 65
