unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Hochherzig und tatkräftig: Kitas begegnen der Situation von Flüchtlingskindern
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Franziska Larrá
Was können Kitas tun, um geflüchteten Familien eine wirksame Unterstützung zu bieten? Die Elbkinder als größter Hamburger Kita-Träger haben unterschiedliche Angebote entwickelt: Dabei geht es um die Unterstützung ehrenamtlicher Tätigkeit, die Kooperation mit anderen Flüchtlingsprojekten und um die professionellen Angebote der Elbkinder-Kitas und Eltern-Kind-Zentren.
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129 unsere jugend, 69. Jg., S. 129 - 135 (2017) DOI 10.2378/ uj2017.art20d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Einleitung Sie sind noch nicht vergessen, die Bilder von großen Menschenmengen, die sich auf den Weg in eine bessere Zukunft machten auf der Flucht vor Tod, Hunger und Armut. Auch nicht die Probleme bei der Ankunft in Deutschland, das Zusammengepferchtsein in engen Unterkünften, z. T. Notunterkünften ohne Privatsphäre in Zelten oder Baumärkten. Gerade große Städte wie Hamburg hatten in Hochzeiten mit täglich bis zu 500 neu Ankommenden zu tun, denen man wenigstens ein Dach über dem Kopf und Essen verschaffen wollte, bis eine bessere Lösung gefunden werden konnte. Der große Zustrom ließ aber die Verweildauer in den behelfsmäßigen Unterkünften länger werden, trotz höchsten Einsatzes aller Verantwortlichen in der städtischen Verwaltung, trotz mutiger und unbequemer Entscheidungen der Politik. In dieser Situation gab es in der Bevölkerung Hamburgs einen sehr verbreiteten Hilfeimpuls: Alle wollten etwas tun, irgendetwas, um dem durch die Medien jeden Tag gezeigten Elend entgegenzutreten. Diesen Impuls gab es auch bei unseren Mitarbeitenden und bei der Geschäftsführung. Wie sind die Elbkinder damit umgegangen, was haben sie für Erfahrungen gemacht und wo stehen sie heute? Wir wissen im Einzelfall oft nicht, was wir für geflüchtete Familien und ihre Kinder sind, wir wissen aber, dass wir das Ziel haben, durch unser Tun und unseren Umgang Geborgenheit und Willkommen zu vermitteln, darüber hinaus konkrete Hilfe für eine gute Bewältigung des Alltags zu bieten. Kinder sollen bei uns so gefördert werden, dass sie sich schnell in der neuen Umgebung zurechtfinden und die deutsche Sprache lernen. Hochherzig und tatkräftig: Kitas begegnen der Situation von Flüchtlingskindern Erfahrungsbericht eines Kita-Trägers Was können Kitas tun, um geflüchteten Familien eine wirksame Unterstützung zu bieten? Die Elbkinder als größter Hamburger Kita-Träger haben unterschiedliche Angebote entwickelt: Dabei geht es um die Unterstützung ehrenamtlicher Tätigkeit, die Kooperation mit anderen Flüchtlingsprojekten und um die professionellen Angebote der Elbkinder-Kitas und Eltern- Kind-Zentren. von Dr. Franziska Larrá Jg. 1954; Dipl.-Pädagogin 130 uj 3 | 2017 Kitas begegnen der Situation von Flüchtlingskindern Als großer Kita-Träger in Hamburg (wir betreuen täglich ca. 28.000 Kinder an 185 Kita- und 37 Schulstandorten) haben wir auf allen Ebenen und in allen Unternehmensbereichen versucht, dieses Ziel zu erreichen. Alle haben mitgewirkt, von der zentralen Verwaltung (z. B. Personal-, Bau- oder Rechtsabteilung) über das mittlere Management bis zu den Fachkräften und Leitungen der Kitas. Der Betriebsrat hat sich ebenfalls klar positioniert und die Geschäftsführung bei ihren Ideen und Aktivitäten unterstützt. Ausgangssituation Als vergleichsweise wohlhabender dicht bevölkerter Stadtstaat bekommt Hamburg einen hohen Anteil Flüchtlinge zugewiesen. Hinzu kommen viele, die sich selbst nach Hamburg durchschlagen, weil die Metropole große Anziehungskraft hat und durch einen hohen Anteil an migrantischer Bevölkerung aus der Perspektive der Geflüchteten die besten Voraussetzungen bietet, schnell Anschluss zu finden. Die Stadt hat zügig reagiert und in kürzester Zeit viele Erstunterkünfte (Zentrale Erstaufnahme - ZEA) geschaffen, die allerdings z.T. gerade für Familien mit kleinen Kindern keine guten Lebensbedingungen bieten konnten. Da die Folgeunterbringung bei der großen Zahl der in sehr kurzer Zeit eintreffenden Menschen nicht mehr in ausreichender Anzahl zur Verfügung stand und sich der Aufenthalt in den ZEA teilweise auf bis zu acht Monate verlängerte, hat Hamburg von Anfang an ein halboffenes Kinderbetreuungsangebot in den ZEA vorgesehen und finanziert. Diese Angebote wurden vornehmlich vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) organisiert, das z. T. auch die ZEAs betreibt. Außerdem wurden die vorhandenen Eltern- Kind-Zentren an Kitas mit zusätzlichen finanziellen Mitteln ausgestattet, um einmal wöchentlich in den Flüchtlingsunterkünften ein Angebot für Eltern mit kleineren Kindern machen zu können. Die umliegenden Kitas waren und sind ebenfalls bereit, Kinder zu betreuen. Dies ist aber nicht möglich, so lange die Kinder noch in der ZEA leben, denn dort besteht nach Auffassung der Länder noch kein Rechtsanspruch (Meysen/ Beckmann/ de Vigo 2016). Ein Rechtsanspruch ist aber in Hamburg die einzige Möglichkeit, einen Kita-Gutschein zu bekommen, der wiederum zur Aufnahme und Betreuung in einer Kita notwendig ist. Was haben die Elbkinder gGmbH unternommen? Klare Positionierung des Trägers Bereits sehr früh hat sich der Träger in der internen und externen Öffentlichkeit klar für Offenheit und Toleranz gegenüber Geflüchteten ausgesprochen. Die Wertegrundlagen des Unternehmens (Vision, Leitbild, pädagogisches Rahmenkonzept) setzen diese Haltung voraus. Durch ein bereits 2014 begonnenes unternehmensweites Projekt zur Implementierung einer inklusiven Haltung in allen Bereichen und auf allen Ebenen des Unternehmens haben wir 2015 und 2016 den Schwerpunkt der interkulturellen Pädagogik fokussiert und dabei folgende Prinzipien im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen in unseren Kitas verankert: ➤ Toleranz als Grundhaltung, die von allen in der Kita erwartet wird, auch von Kindern und Eltern, ➤ Interesse für den anderen, ➤ das Bemühen um Verstehen (wollen), ➤ das Miteinandersprechen. Die drei letztgenannten Punkte erwarten wir von den pädagogischen Fachkräften als professionelle Haltung. Konkrete Aktivitäten des Trägers Auch wenn die öffentliche Positionierung des Trägers als Orientierung für alle Mitarbeitenden ein wichtiges Element und die Voraussetzung 131 uj 3 | 2017 Kitas begegnen der Situation von Flüchtlingskindern für die folgenden Schritte war, so sind diese konkreten Maßnahmen wirksamer und ein deutliches Signal für gelebte Willkommenskultur nach innen und außen. Förderung des ehrenamtlichen Engagements der Mitarbeitenden durch: ➤ die Veröffentlichung einer Ideensammlung für sinnvolles ehrenamtliches Engagement auf Grundlage der Beratung durch ExpertInnen (Ehrenamtsbeauftragte) und Befragung von Mitarbeitenden, ➤ Tipps und wichtige Informationen für Mitarbeitende, die sich ehrenamtlich engagieren möchten, ➤ das Zurverfügungstellen von Kita-Räumen (inkl. Reinigung) für ehrenamtlich organisierte Kinderbetreuung am Wochenende und ➤ die Möglichkeit, Räume für ehrenamtlich organisierte Deutschkurse benutzen zu können. Unterstützung des Engagements der Kitas durch: ➤ das Zurverfügungstellen von Informationen im Intranet, die ständig gepflegt und ergänzt werden, ➤ den Aufbau einer interaktiven Internetplattform, durch die der Austausch von Informationen und Praxiserfahrungen zwischen den Kitas ermöglicht werden soll, ➤ die Beratung in pädagogischen Fragen bezüglich der Betreuung von Flüchtlingskindern (Traumapädagogik, Einstellen auf kurze Verweildauer in den Kitas, Vertrauensaufbau/ Hürdenabbau), ➤ Fachtagungen zum Thema interkulturelle Pädagogik mit dem Fokus auf Hürdenabbau, ➤ die Ermöglichung von Praktika und Beschäftigung von Geflüchteten, ➤ ein Projekt der bild- und gebärdengestützten Kommunikation zu Kita-Themen, in dem Kommunikation durch Gebärden oder Bilder unterstützt wird, ➤ Mitwirkung am Aufbau einer Hamburg-App, die verschiedene Dienstleister der Stadt (Volkshochschulen, Büchereien, Kitas der Elbkinder) erstellten, um Zugewanderten die Inanspruchnahme der städtischen Angebote zu erleichtern, ➤ Erstellung eines Pixi-Buchs über einen Tag in einer Elbkinder-Kita mit dem Ziel, die Angst vor der fremden Institution zu nehmen, ➤ Erstellung einer CD mit insbesondere traditionellen deutschen Kinderliedern zu Themen, die in allen Sprachen in Kinderliedern vorkommen und dadurch eine Brücke bauen. Die Erfahrung, dass die Begleitung durch Musik den Zugang zu einer fremden Sprache erleichtert, ist der Grund, warum deutsche Kinderlieder gewählt wurden. Hinzu kommen international gebräuchliche Lieder (z. B. Happy Birthday), die das Einbringen anderer Sprachen ermöglicht. Aktivitäten auf Kita-Ebene ➤ Wichtig ist die Aufnahme möglichst vieler Flüchtlingskinder. Dabei berücksichtigen wir insbesondere die älteren Kinder, die als Vorbereitung auf die Einschulung eine gute Einführung in die deutsche Sprache brauchen. ➤ Bewährt hat sich die Kontaktaufnahme in der Erstaufnahmeeinrichtung durch den gegenseitigen Besuch von Kindergruppen. ➤ Eltern-Kind-Zentren bieten Raum für Mütter aus den Notunterkünften und ZEA (Stillen, Duschen, Schleier ablegen können). ➤ Als Träger und Unternehmen sind wir ebenfalls bereit, die Trägerschaft von neuen Kitas zu übernehmen oder unsere Platzkapazitäten an bestehenden Kitas durch Anbau auszuweiten. ➤ Geflüchtete werden als PraktikantInnen, Honorarkräfte, im Bundesfreiwilligendienst beschäftigt. ➤ Die Zusammenarbeit mit bestehenden (ehrenamtlichen) Initiativen und Projekten für Geflüchtete muss gefördert werden. 132 uj 3 | 2017 Kitas begegnen der Situation von Flüchtlingskindern Einzelbeispiele für das Engagement unserer Kitas In den Unterkünften ist die räumliche Lage sehr beengt, auch die halboffene Betreuung muss mit schwierigen Rahmenbedingungen zurechtkommen. Eine benachbarte Elbkinder-Kita hat Kindergruppen aus einer großen Erstunterkunft zu sich eingeladen, einmal wöchentlich zusammen mit ihren BetreuerInnen einige Stunden in unseren schön ausgestatteten Räumen mit komfortablen Sanitärräumen mit den Kita-Kindern gemeinsam zu verbringen. Weil die Kitas in der Nähe einer Wohnunterkunft bis an die Kapazitätsgrenze gefüllt sind, haben sich einige zusammen mit Ehrenamtlichen eine interessante Lösung ausgedacht: Zwischen der Unterkunft und einem Stadtteil mit nicht ausgebuchten Kitas liegt nur der schöne, aber sehr große Ohlsdorfer Friedhof, den man mit einer Buslinie problemlos durchqueren kann. Außerdem wurden Fahrräder mit Kinderanhängern organisiert, die im Sommer zum Einsatz kommen sollen. Unsere Kitas im gegenüberliegenden Stadtteil haben sich zur Aufnahme bereit erklärt. Trotz dieses schönen Engagements landen noch nicht so viele Kinder aus geflüchteten Familien in unseren Kitas, wie wir es uns wünschen würden. Was sind die Hürden und was wird zu ihrer Überwindung getan? Schwierigkeiten und Lösungsansätze Hamburgspezifische Bürokratie Problem: In Hamburger Kitas ist die Vorlage eines Gutscheins vor Aufnahme der Betreuung eine notwendige Finanzierungsbedingung. Zur Erlangung des Gutscheins muss man einen Antrag in einem Amt stellen, das erst aufgesucht werden muss. Für die Kinder in den ZEA werden keine Gutscheine ausgestellt. Lösungen: Um diese bürokratische Hürde abzubauen, informiert die Sozialberatung in den Unterkünften über die Rechtsansprüche und Möglichkeiten in Hamburg. Kitas helfen die Formulare für den Antrag auszufüllen. Ehrenamtliche dolmetschen und begleiten zur Gutscheinstelle. Fehlende Deutschkenntnisse Problem: Den Kitas fällt es oft schwer, Geflüchteten ohne Deutschkenntnisse mithilfe von Wörterbüchern, Gesten und Mimik die Regularien für den Kita-Besuch ihres Kindes zu erklären, geschweige denn so komplexe Dinge wie die konzeptionellen Grundlagen oder die Notwendigkeit einer Eingewöhnung. Lösungen: ErzieherInnen mit eigenem Migrationshintergrund auch aus Nachbar-Kitas, ältere Kinder oder Eltern mit Migrationshintergrund, die schon länger in Deutschland leben, und DolmetscherInnen aus der Unterkunft helfen. Für die einfachen Fragen haben sich auch fachspezifische Wörterbücher und Übersetzungs-Apps bewährt. Hürden aufgrund der Fluchterfahrungen Problem: Manche Eltern wollen sich nicht von ihren Kindern trennen, sie sind aufgrund ihrer Erfahrungen auf der Flucht gegenüber Institutionen oft misstrauisch geworden, sodass Vertrauen erst wieder aktiv aufgebaut werden muss. Der Weg zur Kita ist manchen zu lang oder angstbesetzt. Lösungen: Ehrenamtliche oder Kita-Mitarbeitende holen die Kinder selbst ab; erste Kennenlernangebote für Eltern und Kinder in der Unterkunft (über Spendengelder finanziert) und/ oder Angebote für Eltern in der Kita oder im Eltern-Kind-Zentrum geben allen Sicherheit. 133 uj 3 | 2017 Kitas begegnen der Situation von Flüchtlingskindern Neue pädagogische Herausforderungen Andere Vorstellungen von Erziehung und Bildung Wenn geflüchtete Familien den Weg zu uns gefunden und wir sie aufgenommen haben, steht für unsere Kitas die Aufgabe an, die pädagogischen Vorstellungen, die unseren Konzepten und unserem Kita-Alltag zugrunde liegen, zu vermitteln. Auch wenn die Sprachbarrieren mithilfe von (ehrenamtlichen) DolmetscherInnen überwunden werden können, bleibt manchmal das Problem unterschiedlicher Bilder von Erziehung und Bildung. Dieses Thema stellt sich auch bei Familien anderer kultureller Herkunft. Daher ist zu dieser Thematik schon einiges an Material/ Literatur produziert bzw. verfasst worden, trägereigenes und von einschlägigen Fachverlagen, das im Zusammenhang der Kooperation mit geflüchteten Familien stark erweitert und ergänzt wurde, insbesondere um Übersetzungen ins Arabische. Besonders liegt uns daran, die bindungstheoretischen Grundlagen (auch für Bildung) zu vermitteln, die unsere Eingewöhnungskonzepte prägen. Wegen der ungewissen, manchmal kurzen Aufenthaltsdauer müssen wir unsere Eingewöhnungspraxis ebenfalls überdenken. Wir versuchen viele Elemente in den Alltag einzubauen, die Sicherheit geben (Tagesablauf, Essen, tägliche Begrüßungs- und Abschiedsrituale). Die Fachkräfte müssen sich auch selbst auf Abschiednehmen einstellen und dafür gute Praxis für Familien und Kinder und für sich selbst entwickeln. Die Fachberatung der Elbkinder hat dazu bereits eine kurze hilfreiche Handreichung verfasst. Religion wird zum Thema auch für den städtischen Träger Für religiös gebundene Menschen hat ihre Religion eine hohe Bedeutung: Sie strukturiert den Tag, das Jahr, begleitet alle Ereignisse des Lebens. Dazu muss man sich auch als weltanschaulich neutraler Träger mit dem Thema Religion auseinandersetzen und Wissen aneignen, um Erwartungen und Wünsche von Eltern besser einordnen und Eltern und Kinder besser verstehen zu können. Wie weit wir im Einzelfall entgegenkommen können, muss jedes Mal neu überlegt werden. So wird in unseren Küchen immer eine Alternative angeboten, wenn es mal Schweinefleisch gibt; wir erlauben unseren Erzieherinnen, Kopftücher zu tragen, aber das Gesicht darf nicht verschleiert sein; wir feiern auch wichtige muslimische Feste in den Kitas. Damit sind fast alle Familien zufrieden. In der Kindergruppe spielt Religion als Thema im Alltag kaum eine Rolle. Bei älteren Kindern (Schulalter) haben wir wegen unterschiedlicher religiöser Bindung schon tiefe Gräben innerhalb der Kindergruppe erlebt. Umgang mit traumatisierten Kindern Konkrete Erfahrungen mit Traumata von Eltern und Kindern, die auf Fluchterfahrungen zurückzuführen sind, machen die Kitas, die eine große Anzahl solcher Familien betreuen. Das Thema wurde eine Zeit lang aber so viel in der Öffentlichkeit diskutiert, dass bei den Fachkräften Angst aufkam, mit traumatisierten Kindern nicht umgehen zu können. Diese Angst kann man nehmen, denn von den Mitarbeitenden wird keine Traumatherapie erwartet. Sie brauchen Informationen über die Entstehung und Erscheinungsbilder von Traumata, um solche erkennen zu können und dann die richtige Hilfe zu vermitteln. Dazu haben wir flächendeckend Fachveranstaltungen durchgeführt und arbeiten mit einem traumapädagogischen Institut in Hamburg zusammen. Für den Umgang im Alltag, auch mit traumatisierten Kindern, haben sich die Prinzipien guter frühkindlicher Pädagogik bewährt: Wir setzen auf sichere Bindung und positive Vorbilder; wir ermöglichen Selbstwirksamkeitserleben und erhoffen uns, dass dadurch Selbst- und Weltvertrauen entstehen kann, ganz 134 uj 3 | 2017 Kitas begegnen der Situation von Flüchtlingskindern konkret, indem sich die Kinder in Bereichen beweisen können, die nicht die Beherrschung der deutschen Sprache voraussetzen: Turnen, Tanzen, Pantomime, Kreatives Gestalten. Erfahrungen aus einer Kita neben einer Unterkunft Die Elbkinder betreiben eine Kita in der direkten Nachbarschaft einer Flüchtlingsunterkunft (Projekt „Frühe Chancen“). Da diese sich nicht in der Nähe weiterer Wohnbebauung befindet, wird diese Kita nur von den Kindern aus geflüchteten Familien besucht. Damit sind besondere Herausforderungen verbunden, insbesondere deshalb, weil die Familien sich häufig nicht sehr lange in der Unterkunft aufhalten, weil sie in andere Wohnungen vermittelt oder abgeschoben werden. Dies führt zu einem ständigen Wechsel der Kinder und Familien, mit denen die Kita zusammenarbeitet. Erschwert wird sie auch dadurch, dass einige Familien tatsächlich so traumatische Fluchterfahrungen gemacht haben, dass auch die Kinder, aber insbesondere die Eltern diese noch nicht verwunden haben. Dies äußert sich in Misstrauen ggü. der fremden Institution, der man die Kinder nur anvertraut, weil das in der Unterkunft so üblich zu sein scheint. Wenn die Kinder aufgenommen sind, stellt die Kita manchmal fest, dass Eltern sich vollkommen von ihren Nachbarn und jedem sozialen Kontakt abschotten. Manchmal zeigen auch die Kinder ungewöhnliche und für die Kita zunächst unerklärliche Verhaltensweisen. Unsere Kita kann mit diesen für sie täglichen Erfahrungen inzwischen umgehen, auch dank eines Netzes von Kooperationspartnern, das Hilfe für die unterschiedlichen Probleme bietet. Die Kita selbst hat zu einem gelassenen und sehr zugewandten Umgang gefunden, der den Familien Vertrauen gibt und die Mitarbeitenden in ihrer Arbeit stärkt. Von der Kita selbst sind folgende Aspekte als Gelingensbedingungen genannt worden: ➤ Die ersten Tage und Wochen sind entscheidend. Hier muss es gelingen, Vertrauen aufzubauen. ➤ Die Kita muss sich ihren Alltag, ihre Prinzipien möglichst transparent, für alle zugänglich gestalten: z. B. durch einen bebilderten Speiseplan. ➤ Traumatisierung ist nicht das Normale. Für eine erste Orientierung hilft es, schon bei der Aufnahme nach den Fluchterfahrungen zu fragen. Die meisten sind dankbar für das Interesse. ➤ Die andere Sprache und Kultur der Geflüchteten sollte wertgeschätzt werden: durch Berücksichtigung von Essensregeln, Festen, Raumgestaltung, Materialien wie Bilderbücher in den Familiensprachen. Schlussbemerkung Die große Zahl der geflüchteten Familien stellt eine große Herausforderung für die staatlichen und kommunalen Stellen dar, was die Unterbringung und das Bereitstellen einer ausreichenden Zahl an Kita-Plätzen betrifft. Letzteres ist besonders bedeutsam, weil Kitas eine der wirksamsten Integrationsressourcen darstellen: Sie unterstützen bei ganz konkreten Fragen des Alltags, die Kinder lernen schnell Deutsch und bekommen damit eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Schulerfolg, sie vermitteln ein Bild der hier vorherrschenden Bildungs- und Erziehungsvorstellungen. Das wichtigste aber ist, dass sie den Familien helfen, Vertrauen in die neue Umgebung zu fassen, weil sie täglich merken, dass man es gut mit ihnen und ihren Kindern meint. Dr. Franziska Larrá Elbkinder Vereinigung Hamburger Kitas gGmbH Oberstraße 14 b 20144 Hamburg f.larra@elbkinder-kitas.de 135 uj 3 | 2017 Kitas begegnen der Situation von Flüchtlingskindern Literatur Meysen, T., Beckmann, J., González Méndez de Vigo, N. (2016): Flüchtlingskinder und ihre Förderung in Tageseinrichtungen und Kindertagespflege. Rechtsexpertise im Auftrag des Deutschen Jugendinstituts. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Willkommenskita im Projekt „Frühe Chancen“. In: http: / / www.fruehe-chancen.de, 20. 12. 2016
