eJournals unsere jugend69/7+8

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2017.art45d
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Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Tätowierer oder Piercer

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Erich Kasten
Die vielleicht intelligenteste Art, mit dem Wunsch ihrer Tochter nach einem Tattoo umzugehen, bewies vor einigen Jahren eine Mutter aus meinem Bekanntenkreis. Sie sagte nur: „Cool, das finde ich super. So eine Tätowierung will ich auch haben, lass uns zusammen ins Tattoo-Studio gehen.“ Die Tochter trägt bis heute keinen Körperschmuck.
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290 unsere jugend, 69. Jg., S. 290 - 297 (2017) DOI 10.2378/ uj2017.art45d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Tätowierer oder Piercer Die vielleicht intelligenteste Art, mit dem Wunsch ihrer Tochter nach einem Tattoo umzugehen, bewies vor einigen Jahren eine Mutter aus meinem Bekanntenkreis. Sie sagte nur: „Cool, das finde ich super. So eine Tätowierung will ich auch haben, lass uns zusammen ins Tattoo-Studio gehen.“ Die Tochter trägt bis heute keinen Körperschmuck. von Prof. Dr. Erich Kasten Jg. 1953; Professor für Neurowissenschaften an der Medical School Hamburg (MSH). Ein Forschungsschwerpunkt ist u. a. die psychische Motivation von Body-Modification My Teenage Rebellion Unter dem Titel „My Wild Teenage Rebellion“ berichtet eine 16-Jährige anonym auf einer der einschlägigen Internetseiten: „Soweit ich mich zurückerinnern kann, wollte ich schon immer Tattoos und Piercing haben, aber mit meiner Ma’ war das völlig ausgeschlossen. Ich kann mich erinnern, […] als ich fragte, ob ich meine Zunge durchbohrt bekommen könnte, dass sie antwortete: ,Nicht solange bis Du aus dem Haus bist und ich es nie sehen muss.‘ Und sie meinte es genau so! Aber natürlich hielt mich das nicht auf […]. NEIN! Ich verbrachte die ganze Nacht am Telefon und rief alle Piercingstudios an, die ich in den Gelben Seiten finden konnte, und alle sagten mir, dass sie nur mit 18 stechen würden. Ich fing an entmutigt zu werden, da ich demnächst erst meinen 17. Geburtstag feiern würde. Schließlich fand ich einen Piercer, der klang gut und zu meinem Glück würde er mich auch schon mit 16 piercen. Ich entschied mich, ohne meinen Freund zu gehen, damit niemand meinen Schrei hören würde, wenn es passierte. Ich war überhaupt nicht nervös, bis ich in die Tür trat, ich war das erste Mal an einem solchen Ort und war ein wenig eingeschüchtert. Zu meinem Glück nahmen sie Laufkundschaft und konnten mich sofort drannehmen. […] Ein Mann kam herein, erklärte mir das Verfahren und reichte mir Listerine. Das war wohl der schlimmste Teil des Ganzen. Ich streckte meine Zunge heraus, er wischte sie ab und markierte sie. Ich war wirklich nervös, so nervös, ich glaube ich verstand kein Wort von dem, was er sagte. Er legte die Klemme an, zählte bis 3 und schon war die Nadel durch und der Stift drin. Es dauerte ein paar Minuten, um die Kugeln aufzuschrauben, weil es ein kleines bisschen blutete. Das war’s; ich hatte meine Zunge durchbohrt, und so begann meine ,wilde Teenager Rebellion‘. […] Ich gestand es meinen Eltern, aber sie reagierten überraschend cool. Die Heilung verlief zunächst langsam, ich konnte nichts essen und es 291 uj 7+8 | 2017 Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Tätowierer schmerzte jede Menge, vor allem am Morgen, aber das ging weg […]. Es ist fast ein Jahr her und ich liebe es immer noch.“ (Übersetzt aus: https: / / www.bme.com/ media/ story/ 855569/ ? cat=all) Pubertät und Adoleszenz sind bekanntermaßen Zeiten, in denen eine Fülle von Problemen auftreten. Body-Modifications können hier auf der einen Ebene förderlich für die Entwicklung sein, auf der anderen Ebene aber auch Streitigkeiten vergrößern und die zukünftige Laufbahn des Heranwachsenden behindern. „Think before you ink“ ist hier ein Aphorismus, der unbedingt beherzigt werden sollte. Risiken und Nebenwirkungen Da die Arbeitsgemeinschaft wiss.-med. Fachgesellschaften (AWMF) inzwischen Regelungen für Piercing- und Tattoo-Studios herausgegeben hat und auch einige Politiker die Einsicht haben, dass man eine Berufsausbildung mit staatlicher Abschlussprüfung auch für diesen Zweig braucht, sieht es in einem guten Studio nicht anders aus als in einer Arztpraxis, und es sollte ebenso hygienisch zugehen. Folgeerkrankungen sind vergleichsweise selten, wenn man (a) in ein solches vom Gesundheitssystem überwachtes Studio geht und (b) eine sinnvolle Nachsorge betreibt. Hieran hapert es oft. Gerade bei Tattoos ist ja ein relativ großes Hautareal tausendfach durchstochen worden und mit jedem Stich setzt man eine winzige Wunde, in die Bakterien eindringen können. Über die gesundheitlichen Risiken sind gerade Jugendliche sich kaum bewusst. In Italien stellte die Arbeitsgruppe um Galle im Jahr 2011 fest, dass zwar rund 80 % der Jugendlichen das Risiko einer Infektion bekannt war, aber nur 2 - 3 % war klar, dass es auch allergische Reaktionen geben kann, die gerade bei großflächigen Tattoos zu bedrohlichen Zuständen führen können. In einer aktuellen Studie fand Ramihi aus unserer Arbeitsgruppe heraus, dass das Wissen sowohl der tätowierten wie der untätowierten Befragten über solche gesundheitlichen Risiken nahe der Ratewahrscheinlichkeit lag (in Vorbereitung). Zu einer Zeit, in der jeder Liter Milch intensiv geprüft wird und viele Menschen aus gesundheitlichen Gründen vegan leben, wusste kaum jemand, was eigentlich in den Farben enthalten ist, die man ihm oder ihr in die Haut injiziert hatte. So wissen die wenigsten Träger von Piercings, dass die Haut auch in der engen Hautröhre, in der das Schmuckstück befestigt ist, ständig abschilfert und die toten Hautzellen einen idealen Nährboden für Bakterien darstellen. Man muss die Piercingröhre also ab und zu durchspülen. Der größere Teil von Komplikationen beruht somit eher auf dem nachlässigen Umgang mit dem Körperschmuck als auf den Fähigkeiten des Piercers oder Tätowierers. Das Anbringen von Body-Modifications verlangt kleine operative Eingriffe in den Körper, was bekanntlich selbst im Krankenhaus die Gefahr von Komplikationen birgt. Von 1.000 Piercing-Trägern einer Studie von Bone et al. (2008) berichteten immerhin 31 % von Komplikationen, 15 % mussten ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen und 1 % wurde ins Krankenhaus eingewiesen. Zu den häufigsten Folgen gehören Infektionen und allergische Reaktionen. Mayers et al. (2002) stellten bei 17 % Komplikationen fest, Stirn (2003) zitierte eine BBC-Meldung, in der 95 % der Hausärzte Patienten mit Komplikationen durch Piercings behandelt hatten. Insbesondere waren dies Blutungen, Gewebsschäden oder bakterielle Infektionen (Heudorf et al. 1998; Kaatz 2001). Nur ein winziger Bruchteil von Ärzten und Pflegepersonal weiß, wie man Piercings fachgerecht aus dem Körper entfernt, wenn zum Beispiel notfallmäßig eine MRT-Diagnostik stattfinden muss (Hadfield-Law 2001; Khanna et al. 1999). Schulz et al. (2008) beschrieben die allerdings sehr seltene granulomatöse Fremdkörperreaktion, eine Allergie, die erst Jahre bis Jahrzehnte nach der Tätowierung auftreten kann. Die Anzahl wissenschaftlicher Studien, die Hautkrebs mit Tätowierungen in Verbindung bringen, ist dagegen unerwartet gering geblieben (Gon Ados 292 uj 7+8 | 2017 Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Tätowierer et al. 2009; Kircik et al. 1993; Kirsch 1992; Lee/ Craig 1984; Paradisi et al. 2006; Ortiz/ Jamauchi 2009; Soroush et al. 1997; Stinco et al. 2003; Wolfort et al. 1974). Als Argument für Tattoos wird gerne vorgebracht, dass man es ja auch wieder weglasern lassen kann. Die dunklen Farbpigmente lassen sich gut zerschießen, rote und gelbe Farbteile jedoch sehr schlecht, ohnehin braucht man für jeden Farbton ein anderes Lasergerät. Helle Tattoofarben verbleiben dadurch oft in der Haut. Auch zahlen die Krankenkassen das Vertilgen dieser Jugendsünden definitiv nicht und die professionelle Entfernung in einer dermatologischen Klinik kostet - je nach Größe und Anzahl der Farben - bis zu mehreren Tausend Euros. Man muss wissen, dass Tattoofarbe in der Lederhaut eingebracht wird und auch nur dort überdauert. Die Oberhaut nutzt ab und regeneriert sich, im Fettgewebe unter der Lederhaut verschwimmt das Tattoo. Die Kunst des Tätowierers besteht darin, die Farbe genau in diese Lederhaut einzubringen, die bei Männern eine andere Dicke hat als bei Frauen und je nach Körperteil unterschiedliche Tiefe haben kann. Darüber hinaus bleiben nur große Farbpigmente in der Lederhaut. Durch ständige Bewegung wird auch davon ein Teil nach innen gedrückt und vom Lymphsystem abtransportiert, d. h. jedes Tattoo verwäscht im Lauf von Jahrzehnten und muss dann nachgestochen werden. Farbpartikel zerfallen durch Sonneneinstrahlung, UV-Licht in Sonnenstudios, insbesondere aber beim Weglasern in Spaltprodukte, die nach innen absacken, abtransportiert werden und sich zum Beispiel in Lymphknoten sammeln (Dominguez et al. 2008; Jack et al. 2005). Niemand weiß, ob sie dort evtl. das Immunsystem stören. Zu glauben, ein Tattoo bliebe für die Ewigkeit immer gleich schön, ist also trügerisch. Hinzu kommt, dass eine Verordnung für Tätowierfarben erst seit 2009 existiert. Es gibt kaum Erkenntnisse, welche Stoffe davor verwendet worden sind und in welche Spaltprodukte sie möglicherweise zerfallen. Nein, nicht alle haben ein Tattoo! Das Argument vieler Jugendlicher, dass heute doch jeder ein Tattoo trägt und man deswegen auch unbedingt eins haben muss, stimmt in dieser Einfachheit nicht. Der Anteil der tätowierten Bevölkerung über alle Altersstufen liegt bei 9 % (Trampisch/ Brandau 2014) und hat sich somit seit 2006 (Stirn/ Hinz/ Brähler) nicht nennenswert verändert. Körperschmuck ist zwar in allen gesellschaftlichen Schichten vertreten (Hainzl/ Pinkl 2003; Brähler et al. 2009), eine im Jahr 2008 von Bone et al. durchgeführte Befragung in England ergab aber auch unter der am häufigsten betroffenen Gruppe der unter 25-Jährigen lediglich eine Piercingquote von 27,4 %. Abb. 1: Verena G. hat im Leben Schlimmes erlebt und wäre mehrfach fast gestorben. Einen Teil ihrer Erlebnisse hat sie in ihren Tattoos verarbeitet. (Mit freundlicher Genehmigung von Verena G.) 293 uj 7+8 | 2017 Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Tätowierer Eine Studie aus dem Jahr 2006 von Stirn et al. fand eine Prävalenz von Piercings von 27,2 % unter 15 - 30-jährigen Deutschen. Im Auftrag der Ruhr-Universität Bochum befragte die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) 2.000 Männer und Frauen ab 16 Jahren deutschlandweit. Der Anteil an Menschen mit Körperschmuck betrug 40 %, davon 66 % Frauen und 15 % Männer. Am höchsten war der Anteil bei Personen mit Tattoos (22 %) im Bereich von 25 - 34 Jahren (Trampisch/ Brandau, 2014), 10 % der Frauen und 8 % der Männer waren tätowiert. Also selbst unter jungen Leuten besitzt bestenfalls ein Viertel ein Tattoo. Body-Modifications als Individualitäts- und Identitätsausdruck Die Motive für Body-Modifications sind breit gestreckt, Unterstreichung der Individualität und Identität bleiben die wichtigsten Gründe (Pöhlmann et al. 2014), gefolgt von Erhöhung der Attraktivität. In ausgesprochen vielen Fällen spielen Liebe, aber auch Sexualität eine Rolle. Viele Menschen markieren einen Lebensabschnitt damit, etwa das Bestehen einer Prüfung, auch religiöse und spirituelle Motive können eine Rolle spielen (Wessel/ Kasten 2011, 2014; Al-Rayess 2015). Körperschmuck ist immer auch eine Art der Kommunikation und Ausdruck der eigenen Persönlichkeit; hier ist der Inhalt des gestochenen Bildes ausschlaggebend (Cebula 2016; Falkenhayn 2016; Zeiler/ Kasten 2016). Viele Studien weisen auf positive Aspekte von Body-Modifications hin, hier wurden insbesondere Erhöhung der Individualität, Selbstverwirklichung und Steigerung der Attraktivität angegeben (Armstrong et al. 1993, 2002; Wohlrab/ Stahl/ Kappeler 2007; Forbes 2001). Swami (2011) fand drei Wochen nach dem Stechen höhere Werte in der Körperwahrnehmung und im Selbstwertgefühl sowie geringere Werte von Angst und Unzufriedenheit. Stirn und Hinz (2008) berichteten, dass Menschen eine Steigerung ihres Selbstwertgefühls durch das Anbringen von Piercings und Tattoos erfahren. In einer unserer Studien (Wessel/ Kasten, 2015) fanden wir die Bereiche „Körperkunst“ (33,6 %), „Unterstreichen der eigenen Identität“ (30,0 %) und „Steigerung der Attraktivität“ (14,3 %) als wichtigste Gründe. Durch die Piercings veränderten sich das Selbstbewusstsein, das Gefühl attraktiv zu sein und der Kontakt zur Bezugsgruppe (Jetten et al. 2001). In den Daten von Al-Rayess (2015) bestätigten 26,9 % der Teilnehmer eine Verbesserung der Sozialkontakte infolge der Tätowierung. Eine Studie aus dem Jahr 2015 konnte zeigen, dass keiner der Tätowierten das Tattoo bereute oder etwas daran verändern würde. Dabei waren die Hauptmotive für ein Tattoo die Einzigartigkeit, die Ästhetik wie auch der Wunsch nach Andersartigkeit (Brähler/ Hofmeister/ Appel/ Borkenhagen 2015). Ursprünglich stammen alle Formen von Body- Modifications aus uralten Mannbarkeitsritualen, in denen ein Heranwachsender zeigen musste, dass er Schmerz ertragen kann, um dann in den Status eines Kriegers erhoben zu werden (Reitzenstein 1923; Kasten 2006). Definitionsgemäß zählt man zu den Body-Modifications auch heute noch nur Arten des Körperschmucks, deren Erwerb mit Schmerzen verbunden ist. Gerade junge Menschen können daran wachsen: „Die Kamelie ist ein Symbol der Teenager-Rebellion, einer Bühne, die ich in den letzten Jahren betreten habe. Ich fand ein Bild von einer halb blühenden, halb verblühten Blume und brachte es mit nach Hause. Ich hatte das Gefühl, diese Tätowierung war nur für mich gemacht, nur dafür, um sie auf meinen Körper zu bekommen. […] Ich hatte von den Schrecken einer Tätowierung auf den Rippen gehört, und ich besitze eine extrem niedrige Schmerztoleranz, also war ich ängstlich […], aber es gab kein Zurück mehr. […] Ich ging mit meinem Freund in das Studio, konzentrierte mich nur auf die Atmung und nahm ein paar Schluck Wodka, die mich am Ende aber nur 294 uj 7+8 | 2017 Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Tätowierer sehr müde machten und sogar mehr Angst erzeugten, falls das überhaupt noch möglich war. Der Künstler zeigte mir seine Skizze; sie war etwa 10 x 10 cm, ein wenig größer als ich wollte, aber ich erkannte, dass jedes kleinere auf diesem Gebiet dumm aussehen würde. Ich zog mein Hemd aus und er legte mich auf die Seite. Ich glaube, mein Herz war im Begriff direkt aus meiner Brust zu hüpfen; ich zitterte, es war wirklich die Angst vor dem Unerwarteten. […] Ich denke, dass dieser Tattoo-Künstler nicht geglaubt hatte, dass ein wie aus einem Playboy-Heft stammendes Mädchen den Schmerz eines Rippen-Tattoos aushalten könne. Ich habe ihm das Gegenteil bewiesen! Als er begann, war es am schmerzhaftesten […] Die inneren Blütenblätter waren quälend, es war kein Spaziergang im Park, aber ich hatte da noch keine Ahnung, was noch kommen würde. Als er zu den äußeren Blütenblättern vorrückte, wurde meine Schmerztoleranz in einer Weise getestet, die ich nicht für denkbar gehalten hatte. Die Blütenblätter in der Nähe meiner Brüste, an der Spitze meines Brustkorbes, schmerzten so übel, dass ich immer bis drei gezählt habe und er das Tätowiergerät dann absetzen musste […]. Ich durfte nicht reden, weil sich dadurch meine Lungen füllen und meine Rippen bewegen würden. Ich zentrierte mich auf mein innerstes Ich und blinzelte nur mit den Augen. […] Die Schattierung, von der ich normalerweise dachte, es ist der einfachste Teil, fühlte sich an, als würde jemand Alkohol auf ein enthäutetes Knie reiben […]. Rundum dauerte es etwa zwei Stunden. Danach waren der Tattoo- Künstler und ich tolle Freunde […]. Er sagte mir, ich könnte gehen, aber mir war schwindelig vor Schmerzen. Ich habe in den nächsten Stunden kaum gesprochen […] Die nächsten Tage waren die Hölle, ich fühlte mich als wenn ich alle Rippen auf dieser Seite gebrochen hätte […]. Aber für ein paar Tage intensiver Schmerzen lohnte es am Ende doch und einen Monat später konnte ich nicht glücklicher sein. Es ist das schönste Tattoo, das ich je gesehen habe. Groß, aber angemessen und feminin, alles, was ich wollte. Ich bin sooo stolz auf mich selbst.“ (Übersetzt aus: https: / / www.bme.com/ media/ story/ 833155/ ? cat=all) Die Pubertät gilt gemeinhin als ein Lebensabschnitt, in dem ein junger Mensch seine eigene Identität überhaupt erst finden muss. Durch Body-Modifications wie Piercings oder Tattoos kann dies erleichtert werden. Letztlich unterstreicht man damit seine Individualität, macht sich von anderen unterscheidbar. Körperdysmorphe Störungen, die in anderen Lebensabschnitten als pathologisch angesehen werden, sind bei Adoleszenten geradezu Alltagsnorm, in kaum einem anderen Alter sieht man die eigene Attraktivität so kritisch. Hier lassen sich mit Körpermodifikationen als unschön beurteilte Stellen des eigenen Körpers verdecken und kompensieren (Wessel/ Kasten 2015). Body- Modifications können hier regelrecht therapeutische Funktion haben, so zeigen Menschen nach Misshandlung und sexuellem Missbrauch damit, dass ihr Körper ihnen gehört (Kasten 2006). Auch andere traumatische Erlebnisse werden durch Körpermodifizierungen verarbeitet. In dem Bildband „Trauertattoo“ haben Hartig und Oeft-Geffarth (2016) Geschichten und Fotos von Menschen zusammengestellt, die ihre Trauer über Tätowierungen verarbeitet haben. Body-Modifications bei Risikogruppen Eine „Risikogruppe“ für Body-Modifications stellen Borderline-Persönlichkeitsgestörte dar. Stirn & Hinz (2008) fanden unter den gepiercten und tätowierten Teilnehmern ihrer Studie eine Inzidenz für selbstverletzendes Verhalten von 27 %, die damit deutlich höher lag als in der Allgemeinbevölkerung. Cutting hat, wenn es entdeckt wird, immer negative Effekte. Die direkte Umwelt reagiert oft drastisch. Body-Modifications bieten die Möglichkeit sich selbst zu verletzen oder verletzen zu lassen, diesen negativen, peinlichen Aspekten aber aus dem Weg zu gehen (Favazza 1996). Während mit der Klinge geschnittene wirre Linien auf dem Unterarm zur Einweisung in die Psychiatrie führen, werden Piercings, Tätowierungen oder auch Schmucknarben zumindest von der Gruppe der Peers durchaus positiv bewertet. Rund 13 % der Teil- 295 uj 7+8 | 2017 Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Tätowierer nehmer der Studie von Stirn und Hinz (2008) berichteten, das selbstverletzende Verhalten eingestellt zu haben, seitdem sie sich piercen oder tätowieren ließen. In unserer Studie (Wessel/ Kasten 2014) untersuchten wir eine Gruppe von Personen, die sehr viele Piercings hatten. Von den Betroffenen, die ein auffälliges Ergebnis im Persönlichkeitsmerkmal Neurotizismus hatten, zeigten 46,9 % selbstverletzendes Verhalten. Genau ein Viertel, d. h. 25,0 %, gaben an, dass sie sich seltener selbst verletzten, seitdem sie sich hatten piercen lassen. Weitere 25,0 % hatten das selbstverletzende Verhalten sogar komplett aufgegeben (vgl. Abb. 2). Fazit Bei Jugendlichen auf gesundheitliche Risiken hinzuweisen, um sie von einem Tattoo oder einem Piercing abzuhalten, ist oft wenig erfolgreich, dennoch sollte man diese Risiken kennen. Während professionelle Piercer und Tätowierer heute unter absolut hygienischen Bedingungen arbeiten, gilt das leider für viele ihrer Kunden nicht. Oft wird die Nachsorge eher nachlässig ausgeführt, was dann leicht zu Infektionen führt. Den Wunsch nach Körperschmuck kann man Jugendlichen in der Mehrzahl der Fälle nicht ausreden, man sollte sich daher eher auf die Diskussion über das Motiv fokussieren. Für ein wirklich gutes, künstlerisches Tattoo muss man heute mindestens € 1.000,- einplanen. Geld, über das gerade Heranwachsende nicht verfügen und sich dann für halbherzige Lösungen entscheiden, was langfristig immer zu Unzufriedenheit führen wird. Bereits jetzt boomt kaum ein Wirtschaftszweig so wie der des Entfernens und Überarbeitens von solchen „Jugendsünden“, die man später dann doch bereut hat. Über Größe und bildhaften Inhalt des Körperschmucks kann man sich vorab gar nicht genug Gedanken machen. Mit einer Tätowierung wird letztlich nonverbal mit der Umwelt kommuniziert, man drückt damit etwas über sich selbst und den eigenen Charakter aus. Persönlichkeit verändert sich aber im Lauf des Lebens und die Frage, die ein 18-Jähriger nicht wirklich wird beantworten können, wäre: Passt dieses Bild auf der Haut auch in 30, 40 oder 50 Jahren noch zu mir? Niemand weiß im Voraus, in welche Positionen der gesellschaftlichen Hierarchie man aufsteigen wird und ob die barbusige Comic-Figur in der Haut des (damals noch durchtrainierten) Oberarms dann wirklich noch zum verheirateten Aufsichtsratsvorsitzenden passt, ist zumindest diskussionswürdig. Wenn man sich für eine Tätowierung entscheidet, dann sollte man wirklich nur ein Motiv nehmen, zu dem man auch noch steht, wenn man eine faltige Haut und graue Haare bekommt. Leider schaffen es nur die etwas Klügeren unter den Heranwachsenden, in derartig langfristigen Perspektiven zu denken. Prof. Dr. Erich Kasten Lehrstuhl für Neurowissenschaften Medical School Hamburg Am Kaiserkai 1 20457 Hamburg E-Mail: EriKasten@aol.com Internet: www.erich-kasten.de ceased completely has decreased hasn’t changed has increased 7 % 43 % 24 % 26 % Abb. 2: Veränderung selbstverletzender Verhaltensweisen infolge von Piercings (aus Wessel/ Kasten 2014). 296 uj 7+8 | 2017 Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Tätowierer Literatur Al-Rayess, A. (2015): Tattoos: Vorteile auf die Persönlichkeitsentwicklung? Unveröffentlichte Bachelorarbeit. Fakultät Psychologie, Medical School Hamburg Armstrong, M. L., Gabriel, D. C. (1993): Tattoos on women: Marks of Distinction or Abomination? Dermatology Nursing, 107 - 113 Armstrong, M. L., Owen, D. C., Roberts, A. E., Koch, J. R. (2002): College students and tattoos: The influence of image, identity, friends, and family. 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