unsere jugend
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Kai Bammann
„Aber heutzutage muss man über die Piercings und Tattoos hinwegsehen. Finden Sie nicht?“ (aus der US-TV-Serie „The Mentalist“)
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298 unsere jugend, 69. Jg., S. 298 - 306 (2017) DOI 10.2378/ uj2017.art46d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Tattoo you(th) Tätowierungen zwischen Mainstream und Identitätsfindung „Aber heutzutage muss man über die Piercings und Tattoos hinwegsehen. Finden Sie nicht? “ (aus der US-TV-Serie „The Mentalist“) von Dr. jur. Dr. phil. Kai Bammann Jg. 1971; Jurist, Diplom-Kriminologe, Diplom-Kunsttherapeut (FH), Kunstpädagoge Einleitung Tätowierungen teilen die Welt auf: in diejenigen, die ein Tattoo haben, und diejenigen, die keines haben. In diejenigen, die sich an Tattoos auf der Haut anderer Menschen stören, und diejenigen, die dies nicht tun. Für alle - mit und ohne, für und gegen Tattoos - ist der Alltag in den vergangenen Jahren komplizierter geworden. Wer Tattoos gerade aufgrund der Einzigartigkeit und als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit liebt und trägt, ist von Menschen umgeben, die dies genauso betrachten und praktizieren. Die zunehmende Verbreitung und damit einhergehende gesellschaftliche Normalität macht das eigene Tattoo nur noch zu einem unter vielen. Tattoos sind heute weiter denn je davon entfernt, den Träger aus der Masse hervorzuheben - oder als Symbol für Rebellion zu stehen. Schauspielerin Helen Mirren, die nahe ihrem linken Daumen ein kleines tätowiertes Symbol trägt, sagte hierzu kürzlich in einem Interview: „I decided to get a tattoo because it was the most shocking thing I could think of doing. Now I’m utterly disgusted and shocked because it’s become completely mainstream, which is unacceptable to me.“ (People Staff 2016, o. S.). Ähnlich auf den Kopf gestellt ist die Welt für all jene, die Tattoos weder haben noch an anderen Menschen sehen wollen. Tattoos sind überall: in der Werbung (im TV wie in Katalogen bis hin zur Wahlwerbung), an der Kasse im Supermarkt, auf der Straße. Neuerdings erreicht das Thema Tattoos auch die Museen. Je offener Tattoos getragen werden und je normaler der Anblick von Hautbildern wird, desto drängender ist die Frage, wie man selbst dazu steht. Dies gilt insbesondere in der Arbeit mit jungen Menschen, die ihren Weg im Leben noch suchen, sich an Vorbildern orientieren, von anderen abgrenzen wollen - und dabei lernen müssen, ihre eigene Position in der Welt abzustecken. In vielen jungen Menschen entsteht oft schon vor dem 18. Geburtstag der Wunsch nach einem Tattoo (oder Piercing oder anderer 299 uj 7+8 | 2017 Tattoo you(th) Körperveränderung). Die Gründe, sich dies zu wünschen, sind vielfältig. Was Menschen dazu motiviert, sich tätowieren zu lassen und wie Eltern, Lehrkräfte, ErzieherInnen, PädagogInnen, SozialarbeiterInnen darauf am besten reagieren können - darum soll es im folgenden Beitrag gehen. Und es sei vorweg geschickt, dass dies nicht Ablehnung und Verbot sein kann, sondern ein aufgeklärter, akzeptierender Umgang mit dem Thema „Ich will eine Tätowierung“ gefordert ist. Die Tätowierung ist nur eine Form der „Body Modification“ (Kasten 2006). Letzteres kann man als Oberbegriff für alle Formen der Körperveränderung verstehen. Wenn man die deutsche Übersetzung wörtlich nimmt, dann kann „Körperveränderung“ nahezu alles sein: von der Tätowierung über die Schönheitsoperation bis hin zur Kopfhaar-Frisur. Deutlich wird, dass auch hier eine Polarisierung im Sinne von „gut vs. schlecht“ lauert: es gibt Formen der Körperveränderung, die gesellschaftlich geboten sind (Haarpflege z. B.), solche, die gesellschaftlich toleriert sind (Ohrstecker), solche, bei denen die Gesellschaft sich nicht ganz sicher ist (Schönheits-OPs, Tätowierungen, Piercings an anderen Körperstellen) und letztlich andere, die auf Ablehnung und Unverständnis stoßen (z. B. Gesichtstätowierungen, Brandings). Auch hierzu gibt es jedoch vermutlich so viele Meinungen wie Menschen, sodass was für den einen anerkannt ist, für den anderen unverständlich oder gar abstoßend scheint. Wer sich auf eigene Body Modification einlässt, muss dies wissen - und für sich aushalten. Was gesellschaftlich akzeptiert und was verpönt ist, unterliegt auch dem Wandel der Zeit. Vor rund 30 Jahren war der Ohrring oder Ohrstecker bei Männern noch ein ungewohnter und Aufsehen erregender Anblick. Heute ist dies vollkommen normal. Dies führt sogar zu der Frage: ist der Ring oder Stecker im Ohr überhaupt ein Piercing? Im eigentlichen Sinne des Wortes - piercen = durchstechen der Haut oder des Gewebes: ja. Tatsächlich ist diese Schmuckform aber gar nicht mehr gemeint, wenn von Piercings die Rede ist. Auch bei der zunehmenden Verbreitung von Tätowierungen stellt sich die Frage, ob diese nun gesellschaftlich akzeptiert sind oder nicht? Der vorliegende Beitrag muss einen Schwerpunkt setzen und wendet sich daher in erster Linie den Tätowierungen zu, da das Thema „Body Modification“ (und deren Vielfalt) ganze Bücher füllt. Insbesondere im Bereich der Jugendarbeit gilt aber, dass Piercings in diesem Kontext mitzudenken sind. Sie sind auch oft genug so etwas wie „das kleinere Übel“, da sie sich auch wieder herausnehmen lassen und allenfalls kleine Spuren/ Narben von den einstigen Löchern bleiben. Mit Tätowierungen sieht es da anders aus, da diese zumeist auffälliger, auf jeden Fall aber langlebiger sind. Im Folgenden wird daher das Thema der Tätowierungen in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt. Manches der Ausführungen mag dabei auch für andere Formen der Body Modification gelten. Zahlen und Statistik Wie sehen die konkreten Zahlen aus? Das allgemeine Interesse an Tattoos führt dazu, dass es immer wieder auch Umfragen zum Thema gibt. Einer Studie von Brähler u. a. aus dem Jahr 2004 (bei Hinz et al. 2006) ergab, dass unter den 14 - 24-Jährigen in Deutschland befragten Personen 19,7 % der Männer und 14 % der Frauen angaben, tätowiert zu sein. Bei der Altersgruppe der 25 - 34-Jährigen sind es 22,4 % der Männer und 13,7 % der Frauen. Mit zunehmendem Alter nimmt diese Zahl dann ab - wobei hier ganz sicher der Effekt eine Rolle spielt, dass die Tattoos erst in den vergangenen 15 - 20 Jahren zu einem auch öffentlichen Trend geworden sind. Bei den Piercings zeigt sich übrigens die umgekehrte Geschlechter-Verteilung: in der Altersgruppe von 14 - 24 sind es nur 15,9 % der Männer, aber immerhin 38 % der Frauen, die ein Piercing haben. Da Piercings eine eher unter jungen Menschen beliebtere Form der Body- 300 uj 7+8 | 2017 Tattoo you(th) Modification ist, nehmen die Zahlen mit dem Alter schnell ab. So sind bei den 25 - 34-Jährigen nur noch 12,9 % der Männer und 17,5 % der Frauen gepierct. Die klassischen Ohrringe/ -stecker haben Brähler et al. dabei ausdrücklich ausgenommen (bei Hinz et al. 2006, 8). Einer neuen Allensbach-Studie aus dem Jahr 2014 zufolge haben 24 % der in Deutschland lebenden 16 - 29-Jähigen ein Tattoo (Frauen 30 %, Männer 18 %). In der Gesamtbevölkerung sind es 13 %, wobei in dieser Studie auch zurückgeblickt wird: in 2003 waren es demnach insgesamt 9 %, in 2008 11 % (Tattoos in der Gesamtbevölkerung, siehe Allensbach 2014). Insgesamt steigen die Zahlen, allerdings moderat. Bezüglich der Piercings zeigt sich, dass dies in der Tat zunächst einmal ein Jugendphänomen ist - und dass mit dem Erwachsenwerden die Piercings wieder herausgenommen werden. Der Natur eines Tattoos nach ist es jedoch ausgeschlossen, dass Tätowierungen, bzw. gesellschaftlich betrachtet das, was man als „Tattoo-Welle“ bezeichnen könnte, wieder verschwinden wird. Tattoos sind für immer, das heißt die Menschen, die heute ein Tattoo haben, behalten dies ihr Leben lang. Und so wird es - abhängig von der Körperstelle - auch ein Leben lang sichtbar sein. Die Zahl der im öffentlichen Raum anzutreffenden Tätowierten wird also nicht merklich abnehmen, zumal die Tattoo-Entfernung zwar möglich, aber langwierig und kostenintensiv ist. Solange nun Tattoos so offen(sichtlich) und präsent bleiben, wird es auch immer wieder NachahmerInnen geben, neue Fans, die sich zu einer eigenen (ersten) Tätowierung entscheiden. Es mag sein, dass das Thema an Beachtung verlieren wird, die Zahlen nehmen möglicherweise prozentual auch wieder ab. Tattoos sind aber in der bundesdeutschen Gesellschaft angekommen - und werden hieraus nicht wieder verschwinden. Dafür spricht auch, dass das Medium Internet einen unbegrenzten Vorrat und Nachschub an Ideen, Motivvorlagen - und populären TattooträgerInnen in den Social-Media-Formaten garantiert. Gründe, sich ein Tattoo stechen zu lassen Allgemeingültige Aussagen darüber, warum sich jemand ein Tattoo wünscht, lassen sich nicht treffen. Die oben genannten Zahlen belegen im Übrigen, dass dieser Wunsch schon längst nicht mehr bestimmten Szenen oder sozialen (Rand-)Gruppen vorbehalten ist. Der Wunsch nach einem Tattoo ist so vielfältig, wie es die TrägerInnen selbst sind. Das Gleiche gilt im Besonderen noch einmal für die Frage, welches Motiv ausgewählt wird und was dies für den Einzelnen bedeutet. Erst im Kontext der Lebensgeschichte lassen sich Tattoowunsch und Motiv einordnen und verstehen. Dennoch gibt es verschiedene Erklärungsmöglichkeiten, von denen einige, die im Bereich der Jugendarbeit besonders relevant sein können, hier kurz angesprochen werden sollen. Ritual/ rite de passage In archaischen Kulturen war - und ist, wo es sie noch gibt, auch heute noch - das Tattoo/ die Hautzeichnung eine erste Auszeichnung auf dem Weg in das Erwachsenenleben. Das Tätowiertwerden ist ein Ritual, das nach innen wie außen wirkt. Der Träger (zumeist, wenn auch kulturabhängig nicht immer nur, bezieht sich dies auf Männer) beweist Mut und Stärke, indem er den Schmerz der Tätowierung aushält. Das fertige Hautbild belegt dies auch nach außen. Findet es zu einem festgelegten Zeitpunkt im Leben statt oder haben die Motive eine tradierte, auch von Dritten lesbare Bedeutung, so steht das Tattoo auch als Zeichen dafür, dass der Träger einen bestimmten Abschnitt des Lebens passiert hat. Feste (allgemeingültige) Rituale solcher Art gibt es in heutigen modernen Gesellschaften allerdings kaum mehr. Kinder werden langsam und fließend (nicht in „harten“ Schritten) erwachsen. Kirchliche Feiern wie Kommunion und Konfirmation haben an Bedeutung verloren und sind 301 uj 7+8 | 2017 Tattoo you(th) nicht adäquat ersetzt worden. Es scheint eher, als würden Themen wie Schulwechsel, Klassenstufenwechsel und schließlich der Abschluss (und der Beginn von Beruf oder Studium) zu den modernen Wegmarken auf dem Weg vom Kind zum Erwachsenen. Für Rituale früherer Zeiten bleibt hier kaum noch Raum. Gleichzeitig verleihen Rituale dem Alltag jedoch Struktur - und fehlen, wo sie nicht mehr vorhanden sind. Auch in der modernen westlichen Gesellschaft kann eine Tätowierung hier eine kleine Lücke füllen. In der heutigen Zeit kann dies auf zwei Wegen geschehen: indem Eltern (oder stellvertretend der Tätowierer) sagt, dass der junge Mensch nun alt genug für ein Tattoo ist. Oder indem der junge Mensch 18 werdend die Entscheidung nunmehr alleine und in eigener Verantwortung trifft. Eine weitere Nebenrolle mag hierbei der Umstand spielen, dass ein Tattoo eine weitreichende - weil lebenslang anhaltende - Entscheidung ist und damit auch so etwas wie „die erste große Anschaffung“ (oder erste große eigene Entscheidung) sein kann. Gemeinschaftsidentität und Gruppenzwang Im Rahmen einer früheren Untersuchung zu Tattoos lernte der Verfasser einen Mann - zwischenzeitlich Familienvater - kennen, der gut sichtbar einen kleinen roten Cartoon-Teufel auf einem seiner Oberarme trug. Das Motiv schien vollkommen unpassend. Es stellte sich im Gespräch jedoch heraus, dass er in jüngeren Jahren einer Moped- und später Motorradgruppe angehörte, die im Namen ihrer Gruppe das Wort „Devils“ führte und deren Mitglieder übereingekommen waren, dass jeder von ihnen irgendwo - jedoch zwingend an vorzeigbarer Stelle - einen Teufel als Tattoo tragen musste. Da das konkrete Teufelsmotiv nicht vorgeschrieben war, suchte er sich diese kleine Comicfigur aus. Er nahm es im Übrigen zwischenzeitlich - fast 20 Jahre später - als Fehler aus seiner Jugend, zu dem er stehen konnte. Dies nicht zuletzt, weil diese Vergangenheit in seinem Leben als Familienvater nun keinen Platz mehr hatte, er sich aber gerne daran zurückerinnerte. Weitere Tattoos hatte er nicht und verspürte auch kein Bedürfnis danach; ebenso wenig wie den Wunsch, dieses entfernen oder überstechen zu lassen. Gruppen ist eigen, dass die Zusammengehörigkeit oft öffentlich und durch gemeinsame Symboliken bzw. auch Rituale gezeigt wird. Zum einen wird über das gemeinsame Tattoo eine Gruppenidentität geschaffen. Zum anderen gibt es auch eine Abgrenzung zu anderen, die das Tattoo nicht tragen (dürfen). Das Tattoo als Gruppenkennzeichen zeigt die Zugehörigkeit zu einer (geschlossenen) Gemeinschaft, die nach innen exklusiv ist und von der sich Außenstehende tunlichst - vor allem wenn es um den kriminellen Bereich geht - fernhalten sollten. Teilweise - z. B. bei US-amerikanischen Gangs oder im Bereich der russlanddeutschen organisierten Kriminalität - bilden die Tattoos den Lebensweg ab, die Karriere in der Gruppe sowie den Rang (Laubenthal 2010, 37). Dabei gibt es Hautbilder, die allgemein verständlich sind, aber auch andere, die nur für Eingeweihte lesbar bleiben. Auch ein solcher Code fügt zusammen - und grenzt ab. Individualisierung und Arbeit an der eigenen Identität Eine Tätowierung (oder die Landkarte des Körpers, die sich aus zahlreichen Tattoos zusammensetzt) bleibt jedoch immer etwas Höchstpersönliches. Dauerhaft in die eigene Haut geschrieben und immer dabei, wohin man auch geht. Sich-tätowieren-zu-lassen ist ein Weg zur Individualisierung und zur Findung/ Bildung der eigenen Identität. Ist das aber nicht angesichts der zunehmenden Verbreitung von Tattoos in der Gesellschaft ein Widerspruch? Die Antwort auf diese Frage lautet schlicht: nein. Denn jede Tätowierung ist einzigartig und fügt sich in eine individuelle Lebensgeschichte ein. Dies gilt im Übrigen sogar dann, wenn eine 302 uj 7+8 | 2017 Tattoo you(th) Gruppe ein gemeinsames Tattoo und Motiv vorschreibt, denn auch dann ist die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe Teil der höchsteigenen Geschichte des Trägers. Eine Tätowierung bedeutet immer auch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper. In Abgrenzung zu Schönheits-OPs lässt sich sagen: während eine Beauty-OP den Körper verändert (und voraussetzt, dass der Betreffende mit diesem Körper vorher unzufrieden war), ist eine Tätowierung (oder ein Piercing) eine Verzierung (siehe Kasten bei Meyer-Timpe 2014). Dies verlangt eine Akzeptanz und Annahme des eigenen Körpers. Mit dem, wie man ist, wird bewusst „gearbeitet“ und dieser eigene Körper wird verziert, neu dargestellt. Insbesondere in jenen Bereichen, in denen der eigene Körper abgelehnt wird, mag der aufkommende Wunsch nach einem Tattoo zu einer Auseinandersetzung mit dem eigenen Äußeren und der bewusst positiven Annahme des eigenen Körpers führen. Mindestens ist der Wunsch nach einem Tattoo oder Piercing ein Wunsch nach „Schmuck“ und es bleibt nicht aus, dass dies eine Auseinandersetzung mit dem verlangt, wie man ist, wer man ist, wie man sich im eigenen Körper fühlt - und wie (als wer) man gesehen werden will. Dass Tattoos eine dauerhafte Veränderung sind, hat auch das Potenzial eines dauerhaft anderen (neuen) Umgangs mit dem eigenen Körper. Und nicht zuletzt heißt es auch, sich im Außen neu zu zeigen. Dies erfordert (aufkommendes) Selbstbewusstsein im Sinne eines „Seht her, so bin ich! “ oder mindestens eines „Mir ist egal, was andere denken! “ (ähnlich Stirn 2008). Mode Grundsätzlich gilt, dass ein Tattoo immer nur die Bedeutung hat, die der/ die TrägerIn ihm zuschreibt. Denkbar ist allerdings auch das genaue Gegenteil: der verzweifelte (und dabei nicht selten blinde) Wunsch danach, „irgendwo“ dazuzugehören. Zum einen ist das Tätowiertsein selbst schon eine Modeerscheinung. Das Tattoo ist quasi zu einem „must-have“ geworden, das man (gerade Jugendliche und Jungerwachsene) tragen muss, um von der peergroup anerkannt zu sein. Zum anderen unterliegen auch die Motive wechselnden Moden und es gibt auch hierbei „ins and outs“. Allerdings ist die Dauerhaftigkeit eines Tattoos hier ein Problem, denn wenn sich die Mode längst geändert hat, bleibt das Tattoo dennoch erhalten. Und Moden haben einen großen Nachteil: was einmal „groß“ in Mode ist, kommt auch schnell wieder komplett aus der Mode. Das bekannteste Beispiel im Bereich der Body Modification ist sicherlich das Steißbeintattoo, das in Deutschland vor allem unter der Bezeichnung „Arschgeweih“ weitreichende Bekanntheit erreicht hat. Im englischen Sprachraum heißt es u. a. „tramp stamp“, was auch ins Deutsche übersetzt als „Schlampenstempel“ Verwendung findet. Aktuell wird aus einem anderen Mode-Tattoo eine neue Zielscheibe für Spott: der Assi-Propeller. Hierbei handelt es sich um das Unendlichkeitssymbol (Lemniskate), die liegende Acht, die seit einigen Jahren als Motiv sehr gefragt ist. Bei Tätowierungen entsteht der Eindruck, dass es eine paradoxe Reaktion gibt: je beliebter ein Motiv und je verbreiteter es innerhalb einiger Monate und Jahre wird, desto harscher wird kurz später die Kritik - oder auch der Spott - den TrägerInnen aushalten müssen, die die Modewelle mitgemacht und das Motiv nun dauerhaft auf ihrem Körper haben. Sollte es eine Empfehlung zur Motivauswahl geben, so müsste die folglich lauten: sich etwas Eigenes zu suchen und diesem die je eigene Bedeutung zuzuschreiben. Generell ist auch nicht zu empfehlen, die Tattoos von Stars nachzuahmen. Zum einen werden gerade diese Hautbilder auch von anderen Fans viel und oft nachgefragt. Sie sind daher selten einzigartig, im Gegenteil. Zum anderen unterliegt oft auch, wer Star ist, einer Mode und die Vorbilder von 303 uj 7+8 | 2017 Tattoo you(th) heute geraten manchmal schon morgen in Vergessenheit (oder in Skandale, die sie dann nicht mehr als Idole geeignet erscheinen lassen). Allerdings gilt auch hier: aus einem Modetattoo kann, wenn die Kritik zu heftig wird, auch eine Protesthaltung erwachsen. Dies setzt voraus, dass der Träger, die Trägerin sich ein „dickes Fell zulegen“ muss, sodass aus dem einstigen Modestatement nun ein „trotzdem“ wird. Das Tattoo als Lebenserfahrung Tätowierungen begleiten den Träger/ die Trägerin ein Leben lang und sind so auch Ausdruck von Lebenserfahrungen - positiven wie negativen. Sie können dabei allerdings auch ein Statement nach außen sein und eine Botschaft tragen. Hierzu einige Beispiele: Butterfly-Project Das „Butterfly-Project“ (z. B. butterfly-project. tumblr.com) ist gedacht als Selbsthilfe(gemeinschaft) im Rahmen des Themas „Nichtsuizidales Selbstverletzendes Verhalten“ (NSSV) und zielt zunächst einmal auf die Verhinderung von akuten Selbstverletzungen ab. In der ursprünglichen Ausgestaltung geht es darum, dass jemand, der/ die das Verlangen verspürt, sich selbst zu verletzen, an der gedachten Körperstelle - in der Regel wird es einer der Arme sein - mit einem Stift einen Schmetterling aufmalen soll. Der Schmetterling wird beschützt und solange er da ist, wird verhindert, dass die Verletzung ausgeführt wird. Symbolisch bedeutet es: solange der Schmetterling unversehrt ist, lebt er; erfolgt eine Selbstverletzung, stirbt er. In einem späteren Schritt kann aus dem aufgemalten Schmetterling ein Tattoo werden - dann durchaus abzielend auf eine langfristige Abstandnahme von Selbstverletzungen. Denn der tätowierte Schmetterling befindet sich nun dauerhaft auf der Haut und ist demgemäß auch dauerhaft zu beschützen. Unabhängig von diesem Projekt sind ähnliche Effekte durch Tätowierungen namentlich auf den Armen auch in anderen Fällen bekannt. So wird in einem Beitrag im Fokus-online eine junge Frau namens Nora vorgestellt. Sie verletzt sich selbst, als Rechtshänderin insbesondere den linken Arm. Der rechte Arm bleibe aber auch deshalb verschont, weil sich hierauf mehrere tätowierte Sterne befinden und sie hierzu sagt, sie „beschütze ihre Sterne“ (Hasselberg 2008, o. S.). Project Semicolon Das Semikolon-Projekt (z. B. www.projectsemi colon.com) ist ähnlich aufgebaut: als Selbsthilfe, Bewusstmachung (awareness) hier insbesondere der Themen Depressionen, Borderline und Suizidalität. Ins Leben gerufen wurde das Projekt von Amy Bleuler nach dem Suizid-Tod ihres Vaters. Das tätowierte Symbol ist hier ein Semikolon - oft ganz gezielt an einer öffentlich gezeigten Stelle. Das Semikolon als Satzzeichen ist „irgendetwas“ zwischen einem Punkt und einem Komma. Es ist mehr als die kurze Unterbrechung eines Kommas. Es ist aber auch nicht das Ende eines Satzes wie ein Punkt. Insofern steht das Semikolon auf der Haut für eine Zäsur im Leben, einen Einschnitt durch eigene psychische Erkrankung oder durch den Verlust eines geliebten Menschen. Es steht dafür, dass jede/ r der Autor/ die Autorin des eigenen Lebens ist, und dass die eigene Lebensgeschichte noch nicht zu Ende geschrieben ist. Gemeinsam ist den vorgestellten Projekten, dass sie ihr „Zuhause“ ebenso in der realen Welt wie im Internet haben und eine Brücke von der einen in die andere Welt schlagen. Individuelle Interessen, aber auch Sorgen und Nöte im realen Leben finden im Internet in entsprechenden Foren und Social-Media-Angeboten eine Ausdrucksform unter Gleichgesinnten. 304 uj 7+8 | 2017 Tattoo you(th) Fotos der Tattoos und/ oder der Lebensgeschichten (auch: der Selbstverletzungswie Heilungsgeschichten) werden online geteilt. Niedrigschwellig kann hier erprobt werden, von den eigenen Sorgen und Nöten zu „sprechen“ (= zu schreiben). Unter Gleichgesinnten ist es darüber hinaus einfacher, Verständnis zu finden. Dies gilt gerade für Themen wie Depression, Suizidgedanken und Selbstverletzung, bei denen Betroffene oft Ablehnung und Zurückweisung fürchten - oder real erfahren. Das Tattoo wird zum Zeichen der Selbstaneignung. Durch gemeinsame Symbole wie hier Schmetterling, Semikolon oder Zahl lassen sich gemeinsame Inhalte schreiben, online wie im realen Leben. Für jene, die das Zeichen nicht kennen, ist es dagegen einfach nur eine Tätowierung unter so vielen. Dieses implizite Geheimnis ist dabei geeignet, die Zusammen- und Zugehörigkeit nur noch weiter zu verstärken. 269life Die Aktion „269life“ (siehe www.269life.com) gehört dem (teilweise radikalen) Veganismus und der radikalen Tierschutzbewegung an. Es ist eine junge, wenn auch nicht zwingend eine Jugendkultur. Die Zahl 269 geht zurück auf ein Kalb, das von einer Tierschutzgruppe in Israel vor dem Schlachthof bewahrt wurde und die Nummer 269 als Ohrmarke trug. Für Aufmerksamkeit sorgten seither Aktionen, bei denen sich AktivistInnen teilweise öffentlich mit einem Brandeisen die Zahl 269 in die Haut einbrennen ließen. Zwischenzeitlich ist das Tattoo - in Form der reinen Zahl oder in Verbindung mit anderen Symbolen (zum Beispiel einer Art „Lebenslinie“ = Herz-Sinusrhythmus) - zu einem Kennzeichen für die Gruppe (und ggf. Gleichgesinnte darüber hinaus) geworden. Die (tätowierte) Zahl 269 steht dabei symbolisch zum einen für den Wert eines (jeden) Lebens an sich. Zum anderen steht sie aber auch dafür, wie gering der (biologische) Unterschied zwischen Menschen und Säugetieren doch ist. Hier ist die tätowierte Zahl zunächst ein nur Eingeweihten verständliches Statement. Im Rahmen der öffentlichen Aktionen ist es jedoch auch ein teils drastischer Protest gegen Missstände in der Gesellschaft, hier im Tierschutz. In diesem Kontext gilt noch mehr: die 269 ist Kennzeichen einer in-group, teils aber auch wütende, in den Körper eingeschriebene Abgrenzung gegen eine Gesellschaft als out-group, die die Belange der Tiere missachtet. Zusammengehörigkeit? Abgrenzung? Ja was denn nun? So vielfältig die Menschen und ihre Tattoos, so schwierig sind einfache Erklärungen. Tattoos können Zeichen einer Gruppenzugehörigkeit sein. Sie dienen aber immer auch der Bildung der eigenen Identität - die sich ja auch durch die Zugehörigkeit zu ganz verschiedenen Gruppen (mit)definiert. Gerade Butterfly- und Semicolon-Project zeigen die Tätowierungen als Mittel der Identitätsstiftung wie der Kommunikation: es geht um die TrägerInnen selbst (und ein Zeichen für ein oft dramatisches, höchstpersönliches Schicksal). Dasselbe Mittel dient dabei gleichermaßen der Herstellung einer Gemeinschaft mit/ aus Gleichgesinnten. Hier macht es auch nichts, dass sich manche Zeichen nicht von selbst erklären. Denn ein Tattoo auf der Haut kann immer auch ein Tor zum Anderen sein, indem das Gegenüber das Tattoo anspricht und zwei Menschen so miteinander in Kontakt treten können. Viele Tätowierte sprechen gerne über ihre Tattoos. Und wenn nicht: dann eben nicht. Handlungsempfehlungen für die Jugendarbeit Es dürfte schwierig, wenn nicht unmöglich sein, in unserer heutigen Gesellschaft Jugendlichen eine eigene Tätowierung auszureden - 305 uj 7+8 | 2017 Tattoo you(th) oder letztlich zu verbieten. Und belehrende Fragen wie „Was, wenn du es später bereust? oder „Wie sieht das aus, wenn du mal alt bist? “ bergen das Risiko, dass sie das Gegenüber zu Rechtfertigungen zwingen - und gefühlt in die Ecke drängen. Überzeugen lässt sich so kaum jemand. Viel eher ist ein akzeptierender und verstehender Umgang mit dem Wunsch nach einem Tattoo angezeigt. Nur unter einer solchen Voraussetzung ist es auch möglich, über mögliche Risiken und z. B. eventuelle soziale Folgen adäquat zu sprechen. Umso erfreulicher ist es, dass online zwischenzeitlich immer mehr Informationsmaterial über Tattoos und Piercings verfügbar ist. Dies geschieht zunehmend auch von staatlichen Stellen, hingewiesen sei hier beispielhaft auf die Stadt Berlin (siehe: Bezirksamt Tempelhof-Schönefeld 2014). Im Rahmen des Wunsches nach einem Tattoo (dies gilt zumindest teilweise natürlich auch für andere Formen der Body Modification) sollten Eltern oder Professionelle in der Jugendarbeit einige Problembereiche ansprechen: ➤ Ein Tattoo ist für immer. Zwar kann ein fachgerecht gestochenes Tattoo heute wieder entfernt werden, dies ist aber 1. nicht immer spurlos möglich, 2. verbleibt die Farbe dennoch im Körper und 3. ist - vielleicht ist dies am Wichtigsten - die Entfernung eines Tattoos langwieriger und sehr viel teurer als das Tattoo selbst. ➤ Dennoch wandelt sich das Tattoo mit der Zeit. Dies liegt in erster Linie daran, dass es auf eine lebende Leinwand gestochen wird: die Haut. Hinzu kommt, dass der ganze Körper sich verändert - durch Sport, durch das Alter, durch schwankendes Gewicht. Dies muss bei der Auswahl von Stelle, Motiv und Gestaltung eingeplant werden. ➤ Professionelle Tattoo-Studios arbeiten nur auf Termin. Vielfach sind diese Termine so nachgefragt, dass eine Wartezeit von einigen Wochen, je nach Studio auch von einigen Monaten erforderlich ist. Ein (professionelles) Tattoo taugt also nicht zur Spontanentscheidung. ➤ Es gibt Motive, die verboten sind und solche, die eine oder mehrere Bedeutung/ en haben, die möglicherweise vom Träger/ von der Trägerin nicht beabsichtigt sind. Daher ist bei der Auswahl eines Motivs am besten fachkundiger Rat einzuholen; mindestens sollten eigene Recherchen angestellt werden. ➤ Es gibt Berufe, in denen Tattoos nicht gern gesehen sind - oder offen sichtbare Tattoos sogar eine Berufstätigkeit ausschließen. Auch hier gilt, dass man sich vorher kundig machen sollte. ➤ Die Auswahl des Tattoos sollte nach den eigenen Wünschen erfolgen, nicht nach Vorgaben Dritter. Auch als Ausdruck einer aktuellen Mode taugt ein Tattoo nichts. ➤ Nur ein richtiges Tattoo-Studio ist eine Gewähr dafür, dass fachmännisch und sicher - vor allem auch hygienisch - gearbeitet und Folgerisiken so minimiert werden. Auch dann können gesundheitliche Folgen wie Infektionen, Allergien (insbesondere bei Piercings) oder Unverträglichkeiten nicht ausgeschlossen werden. Neue Tattoos und Piercings benötigen immer auch eine gewisse Nachsorge, sodass auch Pflegehinweise genau zu beachten sind. Ein Fazit: Tätowierungen und Piercings sind heute zur gesellschaftlichen Normalität geworden. So ist es auch Teil der Normalität, dass junge Menschen sich entsprechenden Körperschmuck wünschen. Generelle Verbote helfen nicht. Sie können allenfalls zu Trotzreaktionen führen - und im schlimmsten Fall dazu, dass ein Tattoo oder Piercing selbst gestochen wird, oder dass es heimlich unter fragwürdigen hygienischen Bedingungen „im Hinterhof“ gemacht wird. Wichtig ist daher im Umgang mit jungen Menschen und deren Wunsch nach einem Tattoo (oder Piercing), dass man ergebnisoffen das Thema anspricht, plant und hinter- 306 uj 7+8 | 2017 Tattoo you(th) Literatur Allensbach (2014): Tattoos und Piercings gefallen vor allem Jüngeren, Allensbacher Kurzbericht - 8. Juli 2014, http: / / www.ifd-allensbach.de/ uploads/ tx_re portsndocs/ PD_2014_12.pdf 27. 2. 2017 Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg (Hrsg.) (2014): Jugendliche und Tattoos & Piercings. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie …? , https: / / www.berlin. de/ imperia/ md/ content/ batempelhofschoeneberg/ abtjugfamsport/ regionschoeneberg-sued2009/ ju gendschutz/ tattoopiercings_flyer_online.pdf? start &ts=1431937745&file=tattoopiercings_flyer_online. pdf 28. 2. 2017 Hasselberg, S. (2008): Selbstverletzung.„Ich beschütze meine Sterne.“, http: / / www.focus.de/ familie/ kinder gesundheit/ ich-beschuetze-meine-sterne-selbstver letzung_id_2122546.html 28. 2. 2017 Hinz, A., Brähler, E., Brosig, B., Stirn, A. (2006): Verbreitung von Körperschmuck und Inanspruchnahme von Lifestyle-Medizin in Deutschland. BZgA FORUM 1/ 2006, 7 - 11 Kasten, E. (2006): Body modification. Psychologische und medizinische Aspekte von Piercing, Tattoo, Selbstverletzung und anderen Körperveränderungen. Reinhardt Verlag, München Laubenthal, K. (2010): Gefangenensubkulturen. Aus Politik und Zeitgeschichte: Strafvollzug 7/ 2010, 34 - 39 Meyer-Timpe, U. (2014): Was geschieht mit unserer Seele, wenn wir den Körper verändern? , Zeit Wissen Nr. 1/ 2015, online gestellt am 15. 12. 2014, URL: http: / / www.zeit.de/ zeit-wissen/ 2015/ 01/ body-modifica tion-tattoos-piercings-psychologie 28. 2. 2017 People Staff (2016): Helen Mirren ‘utterly disgusted’ by her drunken tattoo, updated September 23, 2016, http: / / people.com/ celebrity/ helen-mirren-utterlydisgusted-by-her-drunken-tattoo/ , 28. 2. 2017 Stirn, A. (2014): „Mein Körper gehört mir, ich kann damit machen, was ich will! “ Forschung Frankfurt 2/ 2014, 27 - 29 Websites zu den im Text genannten Projekten: http: / / butterfly-project.tumblr.com www.projectsemicolon.com fragt, warum es was sein soll. Das verlangt immer auch, die eigene Einstellung zum Thema Body Modification zu überprüfen, die eigene Position festzustellen und schlussendlich eine gemeinsame Lösung zu finden. Dr. Dr. Kai Bammann Querstraße 3 27404 Zeven E-Mail: kbammann@t-online.de
