unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2017.art49d
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Selbstdarstellung von Jugendlichen im Netz
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Niels Brüggen
Digitale Medien sind ein fester Bestandteil der Lebenswelt von Jugendlichen und sie fordern von Jugendlichen ein, sich medial selbst darzustellen. Der Beitrag reflektiert diese Notwendigkeit der Selbstdarstellung im Hinblick auf die Bedeutung für die Identitätsarbeit und Entwicklung von Jugendlichen.
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325 unsere jugend, 69. Jg., S. 325 - 332 (2017) DOI 10.2378/ uj2017.art49d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel von Niels Brüggen Jg. 1976; Leiter der Abteilung Forschung des JFF-Instituts für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, u. a. Mitglied in einer Expertengruppe der EU zu Digitalisierung und Jugendarbeit Selbstdarstellung von Jugendlichen im Netz Im Spannungsfeld zwischen Anpassung und Eigensinn Digitale Medien sind ein fester Bestandteil der Lebenswelt von Jugendlichen und sie fordern von Jugendlichen ein, sich medial selbst darzustellen. Der Beitrag reflektiert diese Notwendigkeit der Selbstdarstellung im Hinblick auf die Bedeutung für die Identitätsarbeit und Entwicklung von Jugendlichen. „Ich bin halt da so wie ich bin und nicht irgendwie anders“. (Julia, 15 Jahre) „Ich bleibe ich, egal wer da ist, egal was man macht.“ (Onur, 14 Jahre) In den Äußerungen von Julia und Onur wird die enge Verbindung deutlich, die Jugendliche zwischen ihren Selbstdarstellungen auf Internetplattformen und ihrer eigenen Person sehen. Entnommen sind die Zitate einer Studie, die die Bedeutung der Selbstdarstellung von Jugendlichen im Internet für ihre Identitätsarbeit untersuchte (Wagner/ Brüggen 2013). Dabei zeigt sich bei Julia, dass ihre Selbstdarstellung durchaus „anders“ ist, da sie online bewusst nur positive Aspekte ihrer Person präsentiert. Und auch bei Onur wurde deutlich, dass - ohne dass es Onur bewusst war - seine Selbstdarstellung durch bestimmte Plattformfunktionen und damit durch den medialen Rahmen verändert wurde. Es ist mithin „nicht egal“, was man online macht, da dies verändern kann, was, wie und womit man für andere sichtbar wird. Damit steht die Frage im Raum, welche Chancen und auch Herausforderungen die Selbstdarstellung von Jugendlichen in Online-Kontexten für ihre Identitätsarbeit und übergreifende Entwicklung mit sich bringen. Dieser Frage wird im Folgenden auf Basis der angesprochenen Studie, weiterer empirischer Befunde und anhand von praktischen Beispielen nachgegangen. Abschließend werden Perspektiven für die pädagogische Arbeit skizziert, die Jugendliche beim Aufwachsen in einer mediatisierten Lebenswelt unterstützen können. Allgegenwärtige Medienöffentlichkeiten in jugendlichen Lebenswelten Ein Interesse für die Selbstdarstellungen von Jugendlichen in und mit Medien besteht insbesondere seit mit dem Internet auch Jugendliche eigene Beiträge in mediale Öffentlichkeiten ein- 326 uj 7+8 | 2017 Selbstdarstellung von Jugendlichen im Netz bringen können. Zunächst standen private Homepages und Chaträume im Fokus der Betrachtung, die jeweils unterschiedliche Formen der medialen Selbstdarstellung bereitstellen (zusammenfassend Hartung/ Brüggen 2007). Während bei privaten Homepages die bewusste und reflexive Präsentation mit Texten und Bildern angenommen wurde (Misoch 2004), findet die Selbstdarstellung in Chaträumen dynamischinteraktiv in der Kommunikation mit anderen Nutzenden statt (Kammerl 2006). Beide Formen der Online-Selbstdarstellung wurden dann bei den sogenannten Sozialen Netzwerkdiensten bzw. sozialen Netzwerken wie schuelerVZ, MySpace oder facebook verbunden. Während aber private Homepages und auch Chaträume meist relativ begrenzte Reichweiten hatten, bieten Soziale Netzwerkdienste über die Vernetzungsstrukturen von Freunden und wiederum deren Freunden relativ schnell große mediale Öffentlichkeiten, in denen die Selbstdarstellung von Jugendlichen zu finden sind. Aktuell haben im Medienhandeln von Jugendlichen insbesondere Dienste ein großes Gewicht, die über Smartphone-Apps genutzt werden können, wie WhatsApp, Snapchat, Instagram aber auch weiterhin facebook (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2016). Diese Dienste sind darauf angelegt, dass die Jugendlichen Bilder mit Texten und Kommentaren und damit präsentative mit dynamischen Formen der Selbstdarstellung verbinden. Für die Betrachtung von Selbstdarstellungen sind damit nicht allein eingestellte Bilder relevant, sondern auch und insbesondere die sich daran anknüpfenden Interaktionen mit anderen Nutzenden. Da mittlerweile das Smartphone den zentralen Zugang zum Internet und den entsprechenden Diensten bereitstellt, hat das Fotografieren bzw. Filmen von kurzen Videosequenzen einen zentralen Stellenwert erhalten. So startet die App Snapchat direkt mit der Kamerafunktion, womit deutlich die Aufforderung verbunden ist, die App nicht primär rezeptiv zu nutzen und sich die Snaps anderer Nutzenden anzusehen, sondern auch eigene Beiträge zu produzieren. Eine weitere Besonderheit dieser App ist, dass gesnapte Bilder nach einer bestimmten Zeit wieder gelöscht werden - was den dynamischen Charakter der medialen Selbstdarstellung unterstützt. Diese Entwicklung aufgreifend wird in neueren Studien auch das Bildhandeln bzw. die Kultur der sogenannten „Selfies“ in den Blick genommen. Diese Fotografien sind dabei nicht nur als Einblicke in den Alltag und die Lebenswelten von jungen Menschen zu betrachten. Vielmehr bieten sie übergreifend auch Einblicke (und Ansatzpunkte für die pädagogische Arbeit), wie sich Jugendliche mit ihren Entwicklungsthemen und gesellschaftlichen Anforderungen auseinandersetzen. Selbstdarstellung Jugendlicher im Internet Zwei Perspektiven lassen sich grob unterscheiden, wenn Selbstdarstellungen von Jugendlichen (auch im öffentlichen Diskurs) thematisiert werden. Dies ist zum einen der Fokus auf negative Folgen und Problembereiche, die in massenmedialen Veröffentlichungen teils reißerisch dargestellt werden. Dabei geht es bspw. um Online-Selbstdarstellungen als potenzielle Angriffsflächen für Cybermobbing oder problematische Vorbilder. Gerade mit Blick auf den Umgang mit dem eigenen Körper sind Selbstdarstellungen als besonders kritisch zu betrachten, die selbstgefährdendes Handeln propagieren. Ein Beispiel sind sogenannte Pro-Ana-Foren, in denen überwiegend junge Frauen ihre Erkrankung (Anorexie) positiv inszenieren. Solche jugendschutzrelevanten Aspekte stehen allerdings nicht im Fokus dieses Beitrags, da dabei die psychosozialen Bedingungen eine gesonderte Betrachtung erfordern. Anschließend an diese Blickrichtung werden der Schutz von Jugendlichen vor derartigen Einflüssen und die Stärkung von Resilienz gefordert. 327 uj 7+8 | 2017 Selbstdarstellung von Jugendlichen im Netz Demgegenüber steht der Fokus auf positive Facetten der Selbstdarstellung und damit Bereichen, in denen Jugendlichen über die mediale Selbstdarstellung Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet werden, die für sie ohne das Internet nicht verfügbar wären. Hierzu gehört durchaus das Erproben von Persönlichkeitsfacetten, die die Jugendlichen erst entwickeln wollen und für die online ein erweiterter Handlungsraum bereitsteht. Gerade für marginalisierte oder benachteiligte Gruppen können solche medial vermittelten Räume wichtig sein, um Persönlichkeitsfacetten in selbstgewählten sozialen Bezügen zu erkunden (hierzu bspw. Hugger 2014; Tillmann 2017). Demnach finden sich online neue Räume für die kreative Aneignung von (Jugend-)Kulturen und damit eine wichtige Ressource für die Entwicklung gesellschaftlicher und kultureller Teilhabe (siehe auch Wagner et al. 2009). Die ,Sicherheit‘ dieser Räume muss allerdings im Hinblick auf eine umfassende Datenauswertung kommerzieller Betreiber kritisch reflektiert werden (Brüggen 2015). Forderungen an die Pädagogik sind hier entsprechend, solche positiven Möglichkeiten zu unterstützen und (ggf. abseits von kommerziellen Plattformen) zu ermöglichen. Der hier vertretene Ansatz der Medienaneignungsforschung verfolgt ausgehend vom Medienhandeln Jugendlicher beide Blickrichtungen. So geht es in der Erforschung von Prozessen der Medienaneignung darum herauszuarbeiten, inwiefern Jugendliche im Handeln mit Medien darin liegende Chancen realisieren können oder auch mit Herausforderungen konfrontiert oder gar überfordert sind. Medienaneignung umfasst dabei die konkrete Nutzung wie auch innerpsychische Verarbeitung von Medien unter Einbezug der jeweils relevanten sozialen und medialen Kontexte. Das Medienhandeln von Jugendlichen wird dabei also möglichst in Bezug gesetzt zu den lebensweltlichen Bedingungen und den (damit verbundenen) Handlungsmotiven der Jugendlichen. Von Interesse ist dabei dann insbesondere, wo sich Spannungsfelder zwischen Chancen und Problembereichen ergeben, die sich nicht mit einfachen Lösungsvorschlägen auflösen lassen. Denn genau in diesen Spannungsfeldern brauchen Jugendliche differenzierte Unterstützung und ggf. auch Schutz. Selbstdarstellung zwischen Eigensinn und Anpassung Anhand von ausgewählten Studien sollen nachfolgend empirische Befunde und übergreifende Themenfelder in der Auseinandersetzung mit der Selbstdarstellung Jugendlicher aufgezeigt werden. Thematische Ausrichtungen und Schwerpunkte in den Selbstdarstellungen Jugendlicher - der Forschungsschwerpunkt „Teilen, vernetzen, liken“ Mit einem fünfjährigen Forschungsschwerpunkt wurde am JFF-Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis mit insgesamt vier Teilprojekten der Frage nachgegangen, wie Jugendliche sich die neuen Möglichkeiten des ,Mitmachnetzes‘ aneignen. Vor dem Hintergrund der zentralen Bewältigungsaufgaben im Jugendalter (sich in der Welt orientieren, soziale Beziehung gestalten, sich mit dem eigenen Selbst auseinandersetzen sowie an der Welt teilhaben) standen in den qualitativ-explorativen Teilstudien insbesondere auch die Selbstdarstellungen von Jugendlichen im Fokus. In einer Analyse von Selbstdarstellungen von Jugendlichen auf der Plattform facebook.com wurden dabei die Bereiche „Alltag und Freunde“ sowie „(medienaffine) Interessen“ als Schwerpunkte der Selbstdarstellungen identifiziert. Dabei ergaben sich deutliche geschlechterspezifische Zuordnungen. Bis auf ein Mädchen waren alle Selbstdarstellungen von Mädchen der Schwerpunktsetzung „Alltag und Freunde“ zu- 328 uj 7+8 | 2017 Selbstdarstellung von Jugendlichen im Netz zuordnen, wohingegen die Jungen überwiegend ihre persönlichen Interessen in den Fokus ihrer Selbstdarstellung stellten. Die eingangs zitierten Jugendlichen Julia und Onur stehen beispielhaft für diese beiden Schwerpunkte (Brüggen/ Schemmerling 2013, 113f ): ➤ Julia ist ihre Beziehung zu ihren engen Freundinnen ausgesprochen wichtig und dies spiegelt sich auch in ihrem Umgang mit der Plattform facebook.com. So gratuliert sie ihren Freundinnen auch online zum Geburtstag, damit ihre Glückwünsche auch dort sichtbar werden. Sobald sie sich einloggt, überprüft sie ihre Benachrichtigungen, um so über Neuigkeiten aus der erweiterten Peergroup wie z. B. neue Profilbilder und Änderungen des Beziehungsstatus informiert zu sein. Bei Julia wird deutlich, wie neue Posts eine sozial-integrative Funktion übernehmen, da sie einen Anlass für Anschlusskommunikation wie Likes oder Kommentare bieten. Insgesamt ist Julia wichtig, dass sie sich angemessen präsentiert und entsprechend hält sie ihr Profil „sauber“. Sie wählt bewusst solche Inhalte aus, die sie in einem positiven Licht zeigen und bei denen sie davon ausgehen kann, dass sie bei anderen keinen Anstoß erregen. Zudem löscht sie ggf. auch Verlinkungen zu ihrer Person, die andere Nutzende erstellt haben. ➤ Onur ist zwar auch die Einbindung in den Freundeskreis wichtig. Für ihn ist facebook. com ein großer Jugendtreff, wo er aber zugleich einem inhaltlichen Interesse an lustigen Videos nachgehen kann. So legt er Wert darauf, dass er lustige Videos teilt, bevor sie alle anderen auch posten, um die entsprechende Resonanz mit Kommentaren und Likes zu erhalten. Im Interview betonte er diesbezüglich seine Expertise, mit der er sich vor anderen ausweisen möchte. Um selbst immer auf dem aktuellen Stand zu sein, folgt er verschiedenen Produzenten von Comedy-Videos. Dabei hatte er auch eine facebook-App installiert, über die automatisch neue Videos in seinem Namen gepostet wurden. Ohne sein Zutun und Wissen erschienen so also doch auch solche Videos in seinem Profil, die er eigentlich gerade nicht posten wollte und die gleichzeitig die Idee seiner Selbstdarstellung unterminierten. Die entsprechende Anwendung ist mittlerweile auf facebook.com nicht mehr verfügbar. Das Beispiel verdeutlicht aber, dass Jugendliche bei ihrer Selbstdarstellung immer auch auf technische Rahmenbedingungen angewiesen sind, die sie überblicken müssen. Aus dieser kurzen Skizze der Analysewerkzeuge und Fallbeispiele können zunächst drei Hinweise für die pädagogische Begleitung von Jugendlichen herausgezogen werden: 1. Es ist unverzichtbar, das Medienhandeln der Jugendlichen in Bezug zu ihrer Lebenswelt und ihren handlungsleitenden Themen bzw. aktuell-bearbeiteten Entwicklungsthemen zu betrachten. 2. Auch wenn auf Grundlage der explorativqualitativen Anlage der Teilstudien keine Verallgemeinerung möglich ist, sind geschlechterbezogene Unterschiede in den Aneignungsweisen doch auffällig. Gerade das von einigen Mädchen beschriebene Medienhandeln wirkt teils defensiv und beengt. Daran anschließend stellt sich aus einer subjektorientierten Perspektive die Frage, inwiefern hier eine gerechte Grundlage „zur größtmöglichen persönlichen und eigenverantwortlichen Entfaltung“ (Spatschek 2012, o. S.) gegeben ist. 3. Der mediale Rahmen der Selbstdarstellung hat einen deutlichen Einfluss darauf, was und wie Jugendliche darin ihre Themen verfolgen und bearbeiten. Neben den angesprochenen Anwendungen, die die Autonomie der Nutzenden unterminieren können, spielt dabei Resonanz in Form von Likes und Kommentaren eine wichtige Rolle. Diesbezüglich wird in Interviews mit Jugendlichen durchaus deutlich, dass für 329 uj 7+8 | 2017 Selbstdarstellung von Jugendlichen im Netz sie die üblicherweise nummerisch ausgewiesene Anzahl an Likes und Kommentaren eine wichtige Orientierungsgröße darstellt. Implizit befördert dies durchaus die Ausrichtung der Selbstdarstellung an Inszenierungsformen, die geeignet sind anerkennende Resonanz zu evozieren - seien dies lustige Beiträge, die Inszenierung von Schönheit oder andere positiv konnotierte Aspekte. Die Aufforderung ,Bitterechtfreundlich‘ ist durch diese Resonanzmechanismen immanent in die Plattformen eingearbeitet - wenngleich Jugendliche auch die Möglichkeit haben, dies eigensinnig umzudeuten. Der Körper in der privaten Bildpraxis - das Bildhandeln Jugendlicher Mit dem Fokus auf das Bildhandeln Jugendlicher in Sozialen Netzwerkdiensten hat Reißmann (2015) in einer ebenfalls explorativen Studie den präsentativen Teilbereich der Selbstdarstellungen von Jugendlichen untersucht. Aus der instruktiven Studie sollen an dieser Stelle nur die von ihm herausgearbeiteten Aneignungsfoki im Bildhandeln vorgestellt werden. Mit diesem Begriff bezeichnet Reißmann „sich wiederholende Orientierungen, Erfahrungen, Handlungs- und Interaktionsmuster sowie Diskussionen und Kontroversen“ (Reißmann 2015, 201), die er aus seinem empirischen Material herausgearbeitet hat. Er hat also nicht allein Bildmaterial analysiert, sondern auch die Perspektiven von Jugendlichen auf ihr eigenes Bildhandeln sowie auch Diskussionen und Kontroversen in Gruppendiskussionen unter Jugendlichen über das Bildhandeln ausgewertet. So wurden insgesamt sechs Aneignungsfoki aus dem Material abstrahiert: „eine körper- und stilzentrierte Bildpraxis (‚Spiegel‘), eine freund- und partnerschaftszentrierte Bildpraxis (‚Beziehung‘), eine szene- und präferenzbezogene Bildpraxis (‚Jugend- und Medienkultur‘), eine kontaktzentrierte Bildpraxis (‚Begegnung‘), eine werkzentrierte Bildpraxis (‚Kunst‘), und eine publikumszentrierte Bildpraxis (‚Bühne‘)“ (Reißmann 2015, 201). Interessant ist an der Studie, dass Reißmann auch Kontroversen über das Bildhandeln von Jugendlichen erfasst hat. So steht beim Aneignungsfokus ,Spiegel‘ die Auseinandersetzung mit dem Körper, dem eigenen Aussehen und dem persönlichen Stil im Vordergrund. Eine derartige Selbstthematisierung sieht Reißmann als Default-Modus des Bildhandelns in Sozialen Netzwerkdiensten, wo man sich mit Profilbildern, Steckbriefen und Ähnlichem als Vorbereitung einer Interaktion selbst offenbaren muss. Die Selbstdarstellung ist mithin „als eine notwendige Bedingung kommunikativer Interaktion in translokalen Kommunikationsnetzwerken zu denken“ (Reißmann 2015, 203). Bei dieser Selbstdarstellung spiele das ,Gut aussehen‘ und die wahrgenommene Schönheit eine große Rolle. Dabei sei auch das Zeigen des eigenen Körpers selbstverständlich, gerade Profilbilder werden demnach sorgsam ausgewählt, um einen guten Ersteindruck zu erzeugen. Die darin erkennbare Orientierung an Mainstreamvorstellungen wird von Jugendlichen aber auch in verschiedener Hinsicht gebrochen. So berichtet Reißmann (2015, 206) von Formen der demonstrativen Idealisierung und Überhöhung, die er als theatrale Varianten der Selbstinszenierung interpretiert. Doch auch wenn solche Poserbilder in der Überhöhung sowohl eine Anpassung als auch eine ironische Distanzierung beinhalten können, sind sie doch auf Resonanz und Kommentare ausgerichtet. Eine andere Form des Brechens mit der Anforderung des ,gut Aussehens‘ beschreibt Reißmann in der Strategie, sich den Blicken zu verweigern bzw. zu entziehen. Teils ist dies aus der Not geboren, da die Jugendlichen noch keine ausreichend schönen Bilder haben, die sie nutzen können. Teils sind es aber offenbar gezielte Strategien der Jugendlichen, den eigenen Körper nicht zu zeigen. Solche Strategien schließen die Nutzung von anonymen Bildern (z. B. von präferierten Medieninhalten oder -stars), Minimalvisualisierungen (nur ein Bild) oder Verdunkelungstaktiken (durch Bildeffekt, Überbelichtungen etc.) ein. 330 uj 7+8 | 2017 Selbstdarstellung von Jugendlichen im Netz Die an dieser Stelle nur ausschnittartig dargestellten Ergebnisse der Studie untermauern den Hinweis, dass in den Selbstdarstellungen von Jugendlichen eine Mainstreamorientierung zu finden ist. Zugleich beschreibt Reißmann auch Jugendliche, die Strategien der Selbstdarstellung entwickeln, die solche Normierungen aufbrechen. In ihren Selbstdarstellungen setzen sich Jugendliche mithin nicht nur mit sich und ihren Peers, sondern insbesondere auch mit gesellschaftlichen Anforderungen und Erwartungen auseinander. „bei glücklichen Selfies hast du deine ruhe“ - Selfies als Gradmesser des Glücks einer Generation? Mit dem angeführten Zitat als Titel wurde von Kathrin Kürzinger unter Mitarbeit von Sarah Schickell eine explorative Interviewstudie zum Zusammenhang zwischen Glück und Selfies veröffentlicht (Kürzinger 2016). Denn offenkundig sehen Menschen auf vielen Bildern nicht nur gut aus, sondern vielmehr dominieren gerade bei Egobildern solche, die die Fotografierten lächelnd zeigen. Ein Bezugspunkt von Kürzinger ist dabei die Studie Selfiecity (http: / / selfie city.net/ ) von Lev Manovich, der das Glückslevel ganzer Städte anhand des Anteils der lächelnden Menschen auf dort geposteten Selfies ableiten wollte. Die offenkundige Inszenierung von Selfies aufgreifend ging Kürzinger mit einer kleinen Stichprobe von 13 jungen Menschen der Frage nach, welche Verbindungen Jugendliche selbst zwischen Selfies und Glück sehen. Als Selfie wird dabei nur ein Egobild verstanden, das auch mit anderen geteilt oder auf einer Plattform gepostet wurde. Übergreifend ist interessant, dass die Hälfte der befragten Jugendlichen von sich behauptet, keine Bilder zu posten, wenngleich sie Bilder über den Dienst WhatsApp teilen. So oder so werden die Bilder aber Teil einer medialen Selbstdarstellung. Die Befragten wurden in den Interviews, die über WhatsApp geführt wurden, aufgefordert, drei Selfies auszuwählen, die sie selbst mit Glück verbinden. Die meisten so ausgewählten Bilder zeigen die Person mit anderen Personen aus der Familie, beste Freundinnen oder Partner. Glück in Bezug auf die Selbstdarstellung in Selfies erscheint damit als Gemeinschaftsaspekt (Kürzinger 2016, 107). Des Weiteren werden offenbar Bilder zu Selfies, die erlebte Glücksmomente bewahren, was eine Interviewpartnerin formuliert mit: „ich würde sagen wenn man einen glücklichen moment erlebt hat kann man ihn durch selfies einfach festhalten“ (Kürzinger 2016, 108). Bei beiden Aspekten sind deutliche Bezüge zu den oben dargestellten Studien erkennbar. Eine neue Facette bietet dagegen ein Zitat, das Kürzinger für den Einstieg in ihren Beitrag nutzt und das hier in voller Länge wiedergegeben werden soll. Die WhatsApp-eigene Schreibweise der Interviews wurde beibehalten: Interviewerin: Warum denkst du machen die meisten hauptsächlich Selfies, wenn sie glücklich sind? Teilnehmer: aja wer zeigt schon gerne seine schlechte seite? Wenn interesierts heute schon wirklich ob's einem schlecht geht? Da kommt dann nur geheucheltes mitleid und das machts nicht besser oder nervige oberflächliche fragen die einen nur noch mehr aufregen also totschweigen und gute miene zum schlechten spiel machen. Bei glücklichen selfies hast deine ruhe“ (Interview 011-102-104 m25 in Kürzinger 2016, 103) Gerade bei diesem Zitat wäre es hilfreich, weitere Kontextinformationen über den Befragten einbeziehen zu können, um diese Einschätzung einordnen zu können. Mit Blick auf pädagogische Konsequenzen verdeutlicht das Zitat aber bereits die Notwendigkeit, nicht die inszenierte Selbstdarstellung mit den sie darstellenden Personen zu identifizieren. Das Zurückhalten 331 uj 7+8 | 2017 Selbstdarstellung von Jugendlichen im Netz von Informationen kann dabei berechtigte Gründe im Datenschutz haben oder der reibungslosen Anpassung in eine Gemeinschaft dienen. Doch unter den Bedingungen mediatisierter Lebenswelten muss pädagogische Arbeit junge Menschen dabei unterstützen, diese Anforderungen in einer für ihr Leben hilfreichen und authentischen Art und Weise zu gestalten. Perspektiven für die praktische Arbeit Überraschend aktuell wirkt vor diesem Hintergrund der Vorschlag von Pazzini (1976) aus den 70er Jahren, in der Arbeit mit privaten Fotografien eine Auseinandersetzung mit der übergreifenden gesellschaftlichen „Aufforderung zum ‚Bitterechtfreundlich‘ als lebenslanger Fotografierpose, als Haltung in der ‚Öffentlichkeit‘ “ (Pazzini 1976, 56) anzustoßen. Heute geht es darum, ein Bewusstsein zu schaffen, welche Bedeutung es für die Identitätsarbeit von Jugendlichen hat, wenn diese Fotografierpose und die mediale Selbstdarstellung (im Fotografiertwerden oder sich selbst Fotografieren) mit dem Smartphone als Begleiter alltäglich geworden ist. Mithin ist neben den konkreten Selbstdarstellungen von Jugendlichen und über die individuelle Ebene der Jugendlichen hinaus erstens die anschließende bzw. die Selbstdarstellung einschließende Interaktion mit anderen zu thematisieren. Zweitens müssen auch übergreifende gesellschaftliche Anforderungen und Problemstellungen behandelt werden. Die Selbstthematisierung ist in modernen Gesellschaften selbstverständlich und unverzichtbar (vgl. Reißmann 2015, 202f ) und in einer mediatisierten Lebenswelt findet diese notwendigerweise auch als mediale Selbstdarstellung ihren Ausdruck. Im Sinne der souveränen Lebensführung in dieser Gesellschaft ist es dann aber wichtig zu erkennen, wie sich das dargestellte Selbst in den Medien durch Erwartungen, Verhaltensregeln und die genutzten Dienste verändert. Während früher Medialitätsbewusstsein als Teilbereich von Medienkompetenz vorrangig darauf bezogen war, mediale Inszenierungen in Werbung oder Filmen zu erkennen, muss heute auch die Reflexion der Mediatisierung des eigenen Handelns und der eigenen medialen Selbstdarstellung gefördert werden. Dies gilt für alle Jugendlichen (und vermutlich auch Erwachsene), die sich auch im beruflichen Umfeld zunehmend mit medialen Selbstdarstellungen auseinandersetzen müssen. Niels Brüggen JFF - Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis Arnulfstr. 205 80634 München Tel. (0 89) 68 98 91 52 E-Mail: niels.brueggen@jff.de Literatur Brüggen, N. (2015): Gedanken zur Neuausrichtung der Medienkompetenzförderung angesichts Big Data. In: Gapski, H. (Hg.): Big Data und Medienbildung. kopaed, München, 51 - 62 Brüggen, N., Schemmerling, M. (2013): Identitätsarbeit und sozialraumbezogenes Medienhandeln im Sozialen Netzwerkdienst facebook. In: Wagner, U.; Brüggen, N. (Hrsg.): Teilen, vernetzen, liken. Jugend zwischen Eigensinn und Anpassung im Social Web. BLM-Schriftenreihe, 101. Nomos, Baden-Baden, 141 - 210 Hartung, A., Brüggen, N. (2007): Selbstinszenierung Jugendlicher in (virtuellen) Kontaktbörsen. In: Neuß, N., Große-Loheide, M. (Hrsg.): Körper, Kult, Medien. Inszenierungen im Alltag und in der Medienbildung. Schriften zur Medienpädagogik, 40. GMK e.V., Bielefeld, 143 - 152 Hugger, K.-U. (Hrsg.) (2014): Digitale Jugendkulturen. Digitale Kultur und Kommunikation, VS, Wiesbaden Kammerl, R. (2006): Funktionalität und Dysfunktionalität des Chattens für Beziehungen von 14bis 16-jäh- 332 uj 7+8 | 2017 Selbstdarstellung von Jugendlichen im Netz rigen Jugendlichen. MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, http: / / www.medienpaed.com/ article/ view/ 233 Kürzinger, K. S. (2016): „bei glücklichen Selfies hast deine ruhe“. Selfies als Gradmesser des Glücks der aktuellen Jugendgeneration? Eine empirische Analyse. In: Gojny, T., Kürzinger, K. S., Kathrin S., Schwarz, S. (Hrsg.): Selfie - I like it. Anthropologische und ethische Implikationen digitaler Selbstinszenierung. Religionspädagogik innovativ. Kohlhammer, Stuttgart, 103 - 114 Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.) (2016): JIM-Studie 2016. 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Über die Genderdimensionen des sozialräumlichen Denkens und Handelns. sozialraum.de, Jg. 4, H. 1, http: / / www.sozialraum.de/ hat-der-sozialraum-ein-geschlecht.php, 27. 11. 2012 Tillmann, A. (2017): Genderbeben im Internet? Aushandlungen von Geschlecht im Kontext Internet. Zeitschrift für Medienpädagogik, Jg. 61, H. 1, 19 - 27 Wagner, U., Brüggen, N. (Hrsg.) (2013): Teilen, vernetzen, liken. Jugend zwischen Eigensinn und Anpassung im Social Web. BLM-Schriftenreihe, 101. Nomos, Baden-Baden Wagner, U., Brüggen, N., Gebel, C. (2009): Web 2.0 als Rahmen für Selbstdarstellung und Vernetzung Jugendlicher. Analyse jugendnaher Plattformen und ausgewählter Selbstdarstellungen von 14bis 20-Jährigen. http: / / www.jff.de/ dateien/ Bericht_Web_2.0_ Selbstdarstellungen_JFF_2009.pdf, 27. 11. 2012 Wagner, U., Brüggen, N., Gebel, C. (2010): Persönliche Informationen in aller Öffentlichkeit? 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