unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2018.art12d
4_070_2018_2/4_070_2018_2.pdf21
2018
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Mentoring-Paar-Betreuung
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2018
Eva Dirr-Bubik
Cindy Wedemann
Markus Weymann
Valentin Wider
Mentoring zur Förderung junger Menschen erfreut sich zunehmender Beliebtheit. In der Realität scheitert der Eintritt signifikanter Wirkungen oft an einem komplexen Bedingungsgefüge. Die AutorInnengruppe erörtert dieses und stellt ein Modell zur Betreuung von Mentoring-Beziehungen vor, das dieses Bedingungsgefüge beachtet und bereits in der Praxis erprobt wird.
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82 unsere jugend, 70. Jg., S. 82 - 90 (2018) DOI 10.2378/ uj2018.art12d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel von Eva Dirr-Bubik Jg. 1986; Pädagogin (M. A.), Leitung Qualitätsentwicklung und Evaluation, ROCK YOUR LIFE! gGmbH Mentoring-Paar-Betreuung Faktoren wirksamen Mentorings in der Praxis Mentoring zur Förderung junger Menschen erfreut sich zunehmender Beliebtheit. In der Realität scheitert der Eintritt signifikanter Wirkungen oft an einem komplexen Bedingungsgefüge. Die AutorInnengruppe erörtert dieses und stellt ein Modell zur Betreuung von Mentoring-Beziehungen vor, das dieses Bedingungsgefüge beachtet und bereits in der Praxis erprobt wird. Wenn man lange für ein Mentoring-Programm aktiv ist, kommen fast zwangsläufig gewisse Fragen auf: Bewirkt das Mentoring-Programm etwas bei den Mentees und wenn ja, was? Wie lassen sich Abbruchquoten senken und wie kann die Wirksamkeit des Programms weiter erhöht werden? Die AutorInnengruppe ist diesen Fragen mit dem Ziel nachgegangen, zentrale Aspekte ihrer praktischen Arbeit zu optimieren. Wichtig war dabei, theoretische Überlegungen und praktische Erfahrungen miteinander zu verknüpfen, um die größtmögliche Wirkung bei den Mentees zu erzielen. Dabei wurden - unter anderem in drei Abschlussarbeiten - verschiedene Bedingungsfaktoren für wirksame Mentoring-Beziehungen identifiziert. Der größte Bedarf im eigenen Mentoring-Programm wurde zunächst bei der Betreuung der Mentoring-Paare gesehen. Daraus entstanden ist ein Betreuungskonzept, welches den Anspruch hat, die Tandems auf ihrem Weg effektiv und zielorientiert zu begleiten. Das Konzept beschreibt nicht nur eine Arbeitsstruktur, sondern lässt auch konkrete Rückschlüsse auf die Auswahl und Ausbildung von ehrenamtlichen BetreuerInnen für die Mentoring-Paare zu. Cindy Wedemann Jg. 1991; Pädagogin (M. A.), Berufseinstiegsbegleiterin an der Fortbildungsakademie der Wirtschaft Kiel Markus Weymann Jg. 1993; Sozialpädagoge (B. A.), Fellow bei Teach First Deutschland Valentin Wider Jg. 1990; Doktorand in der Physikdidaktik an der PH Freiburg 83 uj 2 | 2018 Mentoring-Paar-Betreuung Theoretischer Hintergrund In den letzten Jahren haben Mentoring-Programme (auch Patenschaftsprogramme) in Deutschland stark zugenommen. Mentoring kommt dabei nicht nur in unterschiedlichen Bereichen zum Einsatz, sondern auch die Charakteristika der Mentees und MentorInnen sowie die übergeordneten Zielsetzungen unterscheiden sich je nach Programm. Jugend-Mentoring Allein in der Datenbank der „Aktion Zusammen Wachsen“ sind für Deutschland über 800 Mentoring- oder Patenschaftsprogramme für Kinder und Jugendliche gelistet. Diese sind oft lokal begrenzt, aber es gibt auch Programme, die bundesweit oder international tätig sind (BMFSFJ 2017). Bei diesem sogenannten formellen Mentoring werden die Beziehungen künstlich geschaffen und finden in strukturgebenden Programmen statt (Ehlers/ Kruse 2007). Gerade für benachteiligte Kinder und Jugendliche bieten sie die optimale Möglichkeit einer individuellen Unterstützung und Förderung. Während hierzulande Mentoring und vor allem die Mentoring- Forschung noch in ihren Anfängen stecken, sind sie in den USA schon seit Längerem etabliert (z. B. Rhodes 2015). Bislang gibt es aufgrund der Diversität in Theorie und Praxis im Bereich Mentoring keine allgemeingültige Definition. Die AutorInnengruppe fokussiert sich in diesem Artikel auf formelles Jugend-Mentoring in Form von Einszu-Eins-Beziehungen. Es werden folgende Kernelemente für zentral gehalten (Weymann 2016, 14): ➤ Eine persönliche, auf Vertrauen und Unterstützung basierende Beziehung zwischen einer/ m Jugendlichen (Mentee) und einer erfahreneren, älteren Person, meist ein/ e Erwachsene/ r (MentorIn); ➤ Regelmäßige Treffen des Mentoring-Paares; ➤ Zeitliche Stabilität und Kontinuität der Mentoring-Beziehung; ➤ Förderung der Entwicklung des Mentees auf einer oder mehreren Ebenen. Wirkungspotenzial von Jugend- Mentoring und Bedingungsfaktoren wirksamer Mentoring-Beziehungen Die Begründung des Wirkungspotenzials, also der möglichen Outcomes von Mentoring bei Jugendlichen, stützt sich sowohl auf spezielle Modelle als auch auf verschiedene Bezugstheorien der Mentoring-Forschung. Zu den umfangreichsten Modellen gehört das „Model of Youth Mentoring“, das von der amerikanischen Forscherin Jean E. Rhodes (2006) entwickelt wurde. Dem Modell zufolge können durch eine positive Mentoring-Beziehung die sozial-emotionale, die kognitive sowie die Entwicklung der Identität von Jugendlichen gefördert und so Outcomes erreicht werden, die von besseren Beziehungen zu Erwachsenen über die verbesserte Fähigkeit zur Auseinandersetzung mit Emotionen und die Förderung eigenständigen Denkens bis hin zu einem (positiv) veränderten Selbstbild reichen (Rhodes u. a. 2006, 692f ). Unterstützt werden die Überlegungen solcher Modelle durch Erkenntnisse, die auf verschiedene Bezugstheorien zurückgehen und positive Wirkungen von Mentoring annehmen lassen. Dazu gehören unter anderem die Bindungstheorie (z. B. Keller 2007), die Resilienz-Forschung (z. B. Rhodes 2002), die Theorie vom sozialen Kapital (z. B. Rhodes u. a. 2006) oder die sozialökologische Entwicklungstheorie (z. B. Darling 2005). Insgesamt lässt sich so ein enormes Wirkspektrum von Mentoring für Jugendliche vermuten. In der Realität von Mentoring-Programmen weichen die tatsächlich erreichten positiven Wirkungen bei Jugendlichen allerdings teils stark von dem hohen Potenzial ab, das aus theoretischer Sicht erreicht werden könnte (Stöger/ Ziegler 2012, 140f ). 84 uj 2 | 2018 Mentoring-Paar-Betreuung Dies ist in dem komplexen Bedingungsgefüge zu begründen, innerhalb dessen eine Mentoring-Beziehung verortet ist. Die verschiedenen Einflüsse reichen von der Auswahl der MentorInnen und Mentees über die Qualifizierung der MentorInnen, das Matching und die Betreuung (Tierney u. a. 2000, 4f, 31) bis hin zur Dauer und Qualität der Beziehung und äußeren Einflüssen, wie den Kontakten zu Eltern und Lehrkräften (Herrera u. a. 2007, S. 69ff ). Nach DuBois (2002, 22) und Rhodes u. a. (2006, 696) ist davon auszugehen, dass die verschiedenen Bedingungsfaktoren nicht unmittelbar auf die Wirksamkeit der Mentoring-Beziehung gerichtet sind, sondern indirekt die Beziehungsqualität zwischen MentorIn und Mentee beeinflussen. Diese ist damit ein wichtiger Prädiktor für wirksame Mentoring-Beziehungen. In einer Bachelorarbeit zum Thema (Weymann, 2016) wurde versucht, dieses komplexe Bedingungsgefüge in einem Modell abzubilden (Abb. 1). Im Zentrum steht dabei anhand der vorangegangenen Überlegungen das Entstehen einer qualitativ hochwertigen Beziehung, die von gegenseitigem Vertrauen, Empathie und Respekt geprägt und für den Mentee sowohl bedeutsam als auch andauernd ist (Rhodes u. a. 2006, 696). Die Einflussfaktoren innerhalb des Modells lassen sich in verschiedene Ebenen unterteilen: ➤ Programm: die Struktur und der Kontext des Mentoring-Programms, alle ablaufenden Prozesse, die Steuerung und Evaluation; ➤ Tandem: die Art der Gestaltung der Beziehung zwischen MentorIn und Mentee; ➤ MentorIn: Individuelle Dispositionen der MentorInnen, die sich auf die Beziehung auswirken können; ➤ Mentee: Individuelle Dispositionen der Mentees, die sich auf die Beziehung auswirken können; ➤ Kontext: das Umfeld des Mentoring- Programms und der Mentoring-Paare, insbesondere der Mentees. Das Modell hebt die Bedeutung der Qualität der Tandembeziehung hervor, auf die nicht nur die einzelnen Ebenen, sondern auch jeweils zugehörige Elemente einwirken. Darunter fallen Wirkfaktoren, die im direkten Zusammenhang mit den MentorInnen und Mentees stehen, wie zum Beispiel deren Alter, bisherige Erfahrungen und Eigenschaften. Auch ihr sozialer Kontext spielt eine Rolle für die Qualität der Beziehungen. Dazu kommen Wirkfaktoren, die direkt vom Programm gesteuert und beeinflusst werden. Ein Test des Modells in der Praxis steht noch aus, allerdings lassen sich sowohl die Elemente der Ebenen als auch die gezeigten Zusammenhänge anhand verschiedener Studien und Forschungsarbeiten theoretisch und/ oder empirisch begründen (Weymann 2016). Im Rahmen einer Masterarbeit (Wedemann 2016) wurden zur gleichen Thematik qualitative Interviews mit Vorstandsmitgliedern verschiedener ROCK YOUR LIFE! Vereine durchgeführt. Dabei sollten die befragten Mitglieder benennen, welche Faktoren aus ihrer Sicht vonseiten des Organisationsteams zusätzlich zur Mentoring-Beziehung zur Wirkung des Mentorings beitragen. Die Auswertung der verschiedenen Aussagen über mögliche Wirkfaktoren legt zusätzlich zum Modell in Abb. 1 nahe, dass einerseits das Gefühl von Zugehörigkeit und Gemeinschaft durch die freiwillige Teilnahme am Programm und gemeinsame Erlebnisse sowie die Motivation der TeilnehmerInnen Einfluss auf die Wirkung der Mentoring-Beziehungen haben. Andererseits tragen demnach auch eine transparente und konsequente Struktur im Organisationsteam, eine nachhaltige strukturelle Aufstellung des Vereins und ein offener Umgang mit der Gefahr von Abbrüchen zur Wirkung bei. 85 uj 2 | 2018 Mentoring-Paar-Betreuung Bedeutung der Betreuung Die Analyse der Bedingungsfaktoren für wirksames Mentoring macht deutlich, dass die tragende Organisation verschiedene Möglichkeiten hat, einen positiven Einfluss auszuüben. An dieser Stelle soll jedoch nur die Betreuung der Mentoring-Paare näher untersucht werden, da im eigenen Mentoring- Programm dabei der größte Bedarf gesehen wurde. Betreuung bezieht sich hier auf alle Formen der Begleitung der Tandems ab dem Matching, d. h. ab dem Start der Zusammenarbeit zwischen Mentees und MentorInnen. Unter Betreuung werden alle kontinuierlich getätigten Handlungen seitens der Organisation verstanden, wel- Screening Erwartungs-Kommunikation Matching Training Organisierte Aktivitäten Enge Betreuung Austauschformate Supervision Einbezug der Eltern Zielverfolgung Monitoring Programm-Ebene Individuelle Dispositionen Vorerfahrungen Eigenschaften/ Fähigkeiten Individual-Ebene MentorIn Häufigkeit der Treffen Dauer der Beziehung Tandem-Ebene Qualität der Mentoring-Beziehung Individuelle Dispositionen Alter und Entwicklungsstand Sozialkompetenz Bindungs-Erfahrungen Risikofaktoren Individual-Ebene Mentee Sozialer Kontext des Mentees Sozialer Kontext der MentorInnen Kontext des Programms Kontext-Ebene b a a b d b c c c Abb. 1: Modell für die Entstehung erfolgreicher und qualitativ hochwertiger Mentoring-Beziehungen (Weymann 2016, 37, eigene Überarbeitung) 86 uj 2 | 2018 Mentoring-Paar-Betreuung che in direktem Zusammenhang mit der Arbeit der Tandems stehen. Dies umfasst in erster Linie die Umsetzung der Inhalte auf Programm-Ebene (Intervisionen, Einzelgespräche, organisierte Events etc.). Die Professionalisierung der Betreuung bedeutet immer auch eine Weiterentwicklung auf der Programm-Ebene. Eine positive Wirkung des Mentoring-Programms kann so zwar nicht für die einzelnen Tandems garantiert, die Erfolgswahrscheinlichkeit insgesamt allerdings gesteigert werden (Neumann/ Schneider 2011, 223). Die Organisation sollte durch eine gute Betreuungsstruktur den dafür notwendigen Rahmen stellen. Hierzu gehören die Auswahl, Aus- und Weiterbildung der BetreuerInnen, eine genaue zeitliche und inhaltliche Rahmenstruktur sowie Materialien, Kommunikationsmöglichkeiten etc., um die Arbeitsbedingungen zu erleichtern. Alle Punkte müssen dabei aufeinander abgestimmt sein. Notwendige Kompetenzen für die Betreuung von Mentoring-Paaren In Anlehnung an das Kompetenzmodell für Lehrkräfte von Baumert u. a. (2011) wurden von Wider (2016) im Rahmen einer Abschlussarbeit Umgang mit Stress und Belastung Selbsteinschätzung Subjektive Arbeitsbelastung Selbstwirksamkeitsüberzeugungen Epistemologische Überzeugungen Autonomieerleben Soziale Eingebundenheit Feedbackkompetenz Fachwissen Allgemeines päd. Wissen Organisationswissen Beratungswissen Selbstregulierung Motivation Überzeugungen Wissen & Können Professionelle Handlungskompetenzen der BetreuerInnen Formales Lernen ➤ Erste Schulung ➤ Praxiserfahrung ➤ Weiterbildungen Nutzung Performanz Erfolg der… ➤ …Tandems ➤ …BetreuerIn Individuelle Voraussetzungen der BetreuerInnen Kompetenzmodell der BetreuerInnen bei ROCK YOUR LIFE! Freiburg e.V. Abb. 2: Kompetenzmodell für die BetreuerInnen in Anlehnung an das COACTIV-Modell (Baumert u. a. 2011) sowie Voss u. a. (2015) 87 uj 2 | 2018 Mentoring-Paar-Betreuung verschiedene Handlungskompetenzen von BetreuerInnen identifiziert. Unter Kompetenzen werden dabei die „bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können“ verstanden (Weinert 2014, 27). Baumert u. a. unterscheiden vier Kompetenzaspekte (Wissen und Können, Überzeugungen, Motivation und Selbstregulation). Da dieses Modell der professionellen Kompetenz bereits in verschiedenen Studien in unterschiedlicher Weise spezifiziert und umfangreich empirisch untersucht wurde (Baumert u. a. 2011; Meier 2015), ist es für die Adaption auf die BetreuerInnen sehr geeignet. Von diesem Modell ausgehend wurden die Kompetenzaspekte mithilfe einer Organisations- und Aufgabenanalyse in unterschiedliche Kompetenzbereiche untergliedert und diese wiederum zu operationalisierbaren Kompetenzen ausformuliert (Wider 2016). Durch diese Arbeit ist es möglich, ein sehr ganzheitliches Bild der notwendigen Kompetenzen der BetreuerInnen zu skizzieren. Dies ist notwendig, um nicht nur die Ausbildung/ Schulung der BetreuerInnen, sondern auch die Organisationsstruktur auf die Bedürfnisse der BetreuerInnen anzupassen. Darüber hinaus wird deutlich, dass es hilfreich ist, bereits bei der Auswahl der BetreuerInnen auf bestimmte Kompetenzen zu achten (z. B. Überzeugungen, Selbstregulation). Weitere Kompetenzbereiche gilt es - idealerweise im Vorhinein - an die BetreuerInnen zu vermitteln und durch praktische Übungen zu vertiefen (z. B. Feedbackkompetenz, Wissen und Können). Ergänzend können passende Weiterbildungsmaßnahmen entwickelt werden. MitarbeiterInnengespräche bilden hier eine Möglichkeit, Entwicklungsbedarf im Austausch mit den BetreuerInnen festzustellen und Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Elemente einer wirksamen Betreuung am Beispiel von ROCK YOUR LIFE! Die in diesem Kapitel vorgestellte Betreuungsstruktur ist eine Weiterentwicklung der für das Kompetenzmodell zugrunde liegenden Struktur bei ROCK YOUR LIFE! des lokalen Standorts. Durch das Modell deutlich gewordene wichtige Faktoren, wie der Einfluss der Struktur auf die Motivation, wurden dabei bereits berücksichtigt. Es wurde versucht, durch eine Mischung aus einem realistischen Anspruch an die Arbeit, der kompetenzorientierten Anfangsschulung der BetreuerInnen, einer durchdachten Betreuungsstruktur, einem begleitenden Nachschlagewerk sowie einer engen Evaluation das bestehende System immer wieder zu verbessern, um die BetreuerInnen bestmöglich zu unterstützen und so eine professionelle Betreuung zu gewährleisten. Das Mentoring-Programm ROCK YOUR LIFE! (RYL! ) ist eines der größten Mentoring-Programme im deutschsprachigen Raum. An über 50 Standorten in Deutschland und der Schweiz starten jährlich knapp 1000 Mentoring-Beziehungen. Das Programm richtet sich dabei v. a. an bildungsbenachteiligte SchülerInnen. Studierende werden als MentorInnen qualifiziert und begleiten die Jugendlichen ehrenamtlich und eins zu eins über zwei Jahre hinweg beim Übergang in die weiterführende Schule oder den Beruf (www.rockyourlife.de). RYL! ist als Social Franchise organisiert. Die gGmbH ist für alle ortsunabhängigen Aufgaben zuständig, z. B. für das Funktionieren des gesamten Netzwerks, die kontinuierliche Weiterentwicklung des Programms oder die Betreuung der Vereine. Der Aufbau und die erfolgreiche Durchführung des Programms ist Aufgabe der lokalen Standorte, die ehrenamtlich von Studierenden organisiert werden. Für die Betreuung der Mentoring-Paare werden sogenannte Mentoring-Paar-KoordinatorInnen (= MPK) eingesetzt. Diese zeichnen sich ebenso wie alle Studie- 88 uj 2 | 2018 Mentoring-Paar-Betreuung renden durch eine Vielfalt ihrer Fachrichtungen, unterschiedliche Vorkenntnisse und Erfahrungen sowie begrenzte zeitliche Ressourcen aus. Die Betreuung im Mentoring-Programm Die MPK gelten als Bindeglied zwischen Verein und Mentoring-Paaren und betreuen in der Regel je fünf bis acht Tandems. Um die MPK bestmöglich in ihrer Arbeit zu unterstützen, wurden im Herbst 2016 eine MPK-Schulung sowie die „TOOLBOX Betreuung“ entwickelt, die nach einer erfolgreichen Pilotierungsphase im Herbst 2017 weiter optimiert wurden. Beides entstand durch eine wechselseitige Weiterentwicklung mit dem oben beschriebenen Kompetenzmodell. Ziel beider Maßnahmen war es, die MPK effizient und zielorientiert auf ihre Aufgabe vorzubereiten und sie darin zu unterstützen, indem wichtiges Wissen und Methoden vermittelt und alle notwendigen Informationen bereitgestellt werden, sodass sie sich auf die Betreuung der Mentoring-Paare konzentrieren können. Gleichzeitig sind individuelle Anpassungen möglich, sodass jeder Verein und jeder MPK - im Rahmen eines Betreuungsgrundgerüsts - seinen eigenen Gestaltungsspielraum hat. Die MPK-Schulung findet durch speziell ausgebildete Trainer und Trainerinnen vor Ort bei den Standorten statt. Ziel ist es, dass sie ihre Rolle und Aufgaben kennen, relevantes Wissen und Methoden an die Hand bekommen und dadurch Sicherheit, Selbstvertrauen und Motivation erlangen. Neben der Vermittlung von Wissen über Mentoring und dem Üben konkreter Methoden wird die genaue Betreuungsstruktur am jeweiligen Standort festgelegt. Es wurde hierfür ein Grundgerüst der Betreuung entwickelt, das die Elemente beinhaltet, die sich in Forschung und Praxis als wirksam erwiesen haben (z. B. Garringer u. a. 2015). Diese werden als Mindestanforderung an eine gute Betreuung gesehen. Darüber hinaus steht es jedem Verein frei, eigene Ideen einzubringen, weitere Elemente zu ergänzen und die Betreuungsstruktur optimal an die Bedürfnisse und Gegebenheiten vor Ort anzupassen. Die entwickelte Betreuungsstruktur dient den MPK anschließend als Leitfaden für ihre Tätigkeit. Da die Anfangszeit einer Mentoring-Beziehung besonders kritisch ist, ist die Betreuung in den ersten Monaten intensiver. Hier legt das Mentoring-Paar die Grundlage für die Beziehung und der MPK die Grundlage für die weitere Arbeit mit seinen Tandems. Der MPK soll in dieser Zeit mindestens zweimal pro Monat mit MentorIn bzw. Mentoring-Paar in Kontakt stehen. Anschließend ist vor allem eine kontinuierliche Betreuung wichtig, um sowohl Informationen über die Beziehung zu gewinnen als auch eine Vertrauensbasis zu schaffen und zu halten. Deshalb steht im Zentrum der Betreuungsstruktur das monatliche Telefonat zwischen MPK und MentorIn. Im Telefonat erhält der MPK einen Überblick über den aktuellen Stand der Beziehung, kann Bedarfe und Herausforderungen frühzeitig erkennen und direkte und schnelle Unterstützung bieten. Ein weiteres zentrales Element ist die Intervision, die vom MPK geleitet wird. MPK und MentorInnen reflektieren und analysieren gemeinsam die Mentoring-Beziehungen und unterstützen sich gegenseitig. Alternativ kann hierfür auch ein/ e externer TrainerIn herangezogen werden und eine Supervision stattfinden. Darüber hinaus gibt es weitere Elemente wie ein anfängliches persönliches Treffen zwischen Mentoring-Paar und MPK, gemeinsame Aktivitäten für Mentoring-Paare und Vereinsmitglieder (Mentoring Together) oder MPK-Treffen, bei denen die MPK eines Standorts gemeinsam mit dem Mentoring-Koordinator (Vorstandsposten) alle Tandems besprechen und sich gegenseitig austauschen und beraten. Auch eine Teilnahme bei den Trainings, die Mentees und MentorInnen besuchen, ist Teil der Betreuungsstruktur. Die „TOOLBOX Betreuung“ dient als Anleitung und Nachschlagewerk für eine wirksame Betreuungsstruktur und enthält hilfreiche Hintergrundinformationen sowie zahlreiche Vorlagen und Methoden. Hier erhalten die MPK u. a. Informationen zu ihrer Rolle oder Details zu den unterschiedlichen Elementen der Betreuungsstruktur. Darüber hinaus finden sie dort praxis- 89 uj 2 | 2018 Mentoring-Paar-Betreuung Abb. 3: Grundgerüst der Betreuungsstruktur bei RYL! für das erste Jahr Training 2 Mentorentag MPK- Schulung Training 1 Tandemtag MPK- Treffen Mentoring Together Supervision Intervision MPK- Treffen Training 3 Mentorentag MPK- Treffen Briefing Betreuung Begleitende Evaluation Mentoring Together Supervision Intervision Mentor Mentoring- Paar MPK Telefonat Treffen Telefonat Telefonat Telefonat Telefonat Telefonat Telefonat Telefonat Telefonat Telefonat Matching Training 1 Treffen Telefonat Telefonat Training 2 Telefonat Telefonat Telefonat Telefonat Telefonat Telefonat Training 3 Telefonat Telefonat Okt Nov Dez Jan Feb März April Mai Juni Juli Aug Sept Mentor (z. T. Mentoring-Paar) MPK Legende nahe Hilfestellungen und Tipps für sensible Situationen, z. B. wenn sich ein Abbruch einer Mentoring-Beziehung andeutet. Zudem haben sie Zugriff auf zahlreiche Leitfäden und Vorlagen (z. B. Leitfaden für das monatliche Telefonat, Anleitung für eine Intervision etc.). Fazit Der individuelle Ansatz von Mentoring kann auf sehr verschiedene Arten wirken und dabei auch die Ziele der Jugendhilfe zusätzlich durch niedrigschwellige Angebote unterstützen. Dadurch können die Entwicklung von jungen Menschen gefördert und Benachteiligungen abgebaut werden. Dieses Wirkpotenzial wird allerdings oftmals nicht konsequent genutzt. Die Schwierigkeit besteht meist darin, alle theoretischen Gesichtspunkte in der Praxis zu berücksichtigen. Eine umfangreiche Betreuung kann jedoch effektiv zur Qualitätsentwicklung eines Mentoring-Programms beitragen. Dadurch wird nicht nur die Vernetzung zwischen Organisation und Mentoring-Paar verbessert, sondern auch Einfluss auf die Qualität der Mentoring-Beziehung genommen. Für ein Mentoring-Programm ist daher eine kompetenzorientierte Auswahl, Schulung und Weiterbildung von BetreuerInnen notwendig. Dies ist vor allem im ehrenamtlichen Kontext, in dem die BetreuerInnen unterschiedliche Hintergründe und Vorkenntnisse mitbringen, von besonderer Bedeutung. Durch die begrenzten zeitlichen und personellen Ressourcen im Ehrenamt muss darüber hinaus das passende Maß zwischen standardisierten Vorgaben und Vorlagen und individuellen Anpassungsmöglichkeiten ermöglicht werden. Dadurch können die Ressourcen effizient und zielführend für wirksame Mentoring-Beziehungen genutzt und gleichzeitig optimal an die Gegebenheiten vor Ort angepasst werden. So werden nicht nur die Mentoring-Paare bestmöglich unterstützt und unter anderem etwaige Abbrüche vermieden, sondern auch die Organisation kann die Informationen, welche durch eine enge Betreuung erlangt werden, effektiv zur Weiterentwicklung des Programms 90 uj 2 | 2018 Mentoring-Paar-Betreuung nutzen. Dabei muss sich das Programm stets an den Bedürfnissen der Mentees orientieren, um eine größtmögliche Wirkung bei diesen zu erlangen, was wiederum das Hauptziel eines jeden Mentoring-Programms sein sollte. Eva Dirr-Bubik ROCK YOUR LIFE! gGmbH Praterinsel 4 80538 München E-Mail: dirr@rockyourlife.de Literatur Baumert, J., Kunter, M., Blum, W., Neubrand, M. (Hrsg.) (2011): Professionelle Kompetenz von Lehrkräften. Ergebnisse des Forschungsprogramms COACTIV. Waxmann, Münster BMFSFJ (2017): Aktion Zusammen Wachsen. In: www. aktion-zusammen-wachsen.de, 15. 9. 2017 Darling, N. (2005): Mentoring Adolescents. In: DuBois, D. L., Karcher, M. J. (Hrsg.): Handbook of Youth Mentoring. Sage, Thousand Oaks, 177 - 190, https: / / doi. org/ 10.4135/ 9781412976664.n12 DuBois, D. L.,Neville, H., Parra, G., Pugh-Lilly, A. (2002): Testing a new model of mentoring. In: New Directions for Youth Development, 93 (Spring 2002), https: / / doi. org/ 10.1002/ yd.23320029305 Ehlers, J., Kruse, N. (Hrsg.) 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