eJournals unsere jugend70/3

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2018.art20d
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Nähe und Distanz in sozialpädagogischen Beziehungen

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2018
Karlheinz Thimm
Nähe und Distanz wird als sozialpädagogisches Praxisthema aufgegriffen und aus der Unbestimmtheit und Beliebigkeit herausgeführt, indem eine Variablenvielfalt rekonstruiert und geordnet wird. Erscheinungsräume werden systematisiert, Professionspolaritäten zur näheren Bestimmung herangezogen, Regulationsmodalitäten vorgestellt. Am Ende stehen sechs Leitlinien für Planungen, Durchführungen und Auswertungen von pädagogischer Praxis.
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130 unsere jugend, 70. Jg., S. 130 - 138 (2018) DOI 10.2378/ uj2018.art20d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Nähe und Distanz in sozialpädagogischen Beziehungen Nähe und Distanz wird als sozialpädagogisches Praxisthema aufgegriffen und aus der Unbestimmtheit und Beliebigkeit herausgeführt, indem eine Variablenvielfalt rekonstruiert und geordnet wird. Erscheinungsräume werden systematisiert, Professionspolaritäten zur näheren Bestimmung herangezogen, Regulationsmodalitäten vorgestellt. Am Ende stehen sechs Leitlinien für Planungen, Durchführungen und Auswertungen von pädagogischer Praxis. von Prof. Dr. Karlheinz Thimm Jg. 1954; Dipl.-Sozialpädagoge, Schwerpunkte Kinder- und Jugendhilfe/ Methoden, Ev. Hochschule Berlin Einleitung Beziehungen zwischen Fachkräften und AdressatInnen sind gezeichnet von Zweckbindung, Rollenhandeln, Lohnarbeit und werden geprägt von den persönlichen Werten der Fachkraft genauso wie von den Einrichtungskonzepten, die Leistungserbringung und dabei auch Beziehungsauffassungen rahmen oder gar vorgeben (wollen). Ohne Frage macht es Unterschiede, ob die professionelle Beziehung in Kontexten wie Bildung, Erziehung, Hilfe (Beratung, Begleitung, Assistenz, Betreuung, Training …) angesiedelt ist und welcher Grad an Selbstinitiiertheit durch Betroffene bzw. von Freiwilligkeit zugrunde liegt. Ganz überwiegend werden Fachkräften ein „ausgewogenes Verhältnis von Nähe und Distanz“ (Gahleitner 2017, 202), „Nähe-Distanz-Balance“ (Hausknecht 2012) oder „distanzierte Anteilnahme“ anempfohlen. In den theoretischen Erörterungen genauso wie in den Praxisreflexionen bleibt die Nachdenklichkeit allerdings oft unsystematisch, vage, unkonkret. In der Folge sollen ordnende Überlegungen entfaltet werden, die Orientierungen im professionellen Nähe- Distanz-Gelände versprechen. Damit wird so unterschiedlichen Kontexten wie stationäre Erziehungshilfe und Frauenhaus, Familienberatung und Schulsozialarbeit, Jugendfreizeiteinrichtung und Bildungsseminar eine analytische Sehhilfe ohne eigenes theoretisches Fundament zur Verfügung gestellt. Bereichsbezogene Systematisierung des Auftretens von Nähe und Distanz Nähe zwischen Menschen ist meist ein positiv konnotiertes Merkmal, so ergab eine eigene Seminarumfrage bei Studierenden im Jahr 2017, die u. a. mit Anvertrauen, Zuhören, Verbundenheit, Einverständnis, Geborgenheit, Gemeinsamkeit, Mitgefühl, Tiefe, Offenheit, Sympathie, Ansprechbarkeit, Unverstelltheit, Intimität assoziiert wird. Dem Bedeutungshof von Distanz wird u. a. Kühle, Vernunft, Abgrenzung, Ab- 131 uj 3 | 2018 Nähe und Distanz stand, Autonomie, Kontrolle, Nicht-Involvierung, Draußen-Bleiben, Beobachterrolle, Souveränität, Neutralität, Metaebene zugeschrieben. Es fällt nicht schwer, zunächst voll zu bejahen, dass all dies potenziell pädagogisches Kapital für die professionelle Beziehungsgestaltung ist. Aber es gibt die Schattenseiten. In der Entgleisung bzw. in der Nicht-Passung kann Nähe auch z. B. als Über-Identifikation, Übergriffigkeit, als einengend, grenzverletzend, „zudringlich und peinlich“ (Dörr 2012) identifiziert bzw. erfahren werden. Distanz kann z. B. auch als uninteressiert-gleichgültig, schmerzhaft verletzend, gar feindselig erlebt werden und in der Gefahr von Unterdrückungs- und Gewaltverhältnissen münden (Thiersch 2012). In Einrichtungen und Diensten werden sowohl explizit als auch implizit Beziehungsdefinitionen mitgeteilt, dabei lassen sich Auftretens- und Gestaltungsbereiche von Nähe und Distanz anhand von sechs Merkmalen gliedern: 1. Räume: Mit Blick auf eingelagerte Nähe und Distanz macht es einen Unterschied, ob jemand in einen professionell arrangierten, zweckgebunden-funktionalen Raum kommt oder ob die Fachkraft im Lebensraum der AdressatInnen arbeitet. Im Betreuten Gruppenwohnen können Personal- und Betreutenzimmer z. B. so dicht beieinanderliegen, dass mitgehört wird oder man sich morgens leicht bekleidet über den Weg läuft. 2. Körperlichkeit: In menschlichen Beziehungen gehen Nähewünsche, Näheausdruck u. Ä. fast immer mit einer leiblichen Abstandsminderung über den formalisierten Händedruck, rituelles Schulterklopfen etc. hinaus. Während in einer Beratungsstelle eine von der Fachkraft initiierte oder reaktiv beantwortete Umarmung oder ein Begrüßungs-„Kuss“ in der Regel nicht als passend erlebt werden dürfte, gilt dieses Apriori für die Bezugspädagogin im Betreuten Wohnen oder für die Familienhelferin weniger. Und in einem familienanalog arbeitenden Kinderheim gehört „Kuscheln vor dem Fernseher“ tendenziell sogar zum erwünschten Mitarbeiterverhalten. Fachkräfte müssen mithin Entscheidungen treffen, wen sie anfassen und von wem sie angefasst werden (Kriterien wie: von allen, von einigen, Geschlecht, Sympathie, Beziehungsdauer …? ), was und wie sie (nicht) anfassen (lassen) (z. B. selbstinitiiert-aktiv bzw. reaktiv-antwortend). In den vergangenen Jahren hat sich hier eine Vorsicht breitgemacht, die von der Gefahrenseite denkend Missverständliches zu vermeiden sucht. 3. Emotionen: Nähe kann sich auch unabhängig von körperlichem Kontakt beim Ausdruck von Gefühlen zeigen. Dabei können in Wechselseitigkeitsdynamik gleiche, ähnliche oder ganz andere Gefühle als bei den AdressatInnen entstehen. Besonders wenn sich die Gefühle überraschend, heftig, unkontrolliert, sichtbar Bahn brechen, wird oft der Verlust von professioneller Distanz diagnostiziert. Während die Psychoanalyse in Übertragung und Gegenübertragung Mittel der professionellen Arbeit sieht, wird in der Regel und in der Breite Emotionalität meist als Störfaktor gesehen: Ideal ist eher die bzw. der rationale, sich nach Möglichkeit weitestgehend steuernde, moderat auftretende Professionelle. Eine erhobene Stimme als Zeichen von Erregung ist in vielen Arbeitsfeldern das Höchstmaß des Erlaubten, für „mehr Gefühl“ schämt man sich, entschuldigt man sich, mehr wird nach Möglichkeit vermieden. 4. Mitteilende Selbstöffnung: Nähestiftend kann auch wirken, wenn Professionelle etwas Persönliches, gar Privates von sich preisgeben. Auch hier werden Erlaubnislinien nicht zuletzt kontextspezifisch gezogen: In der Psychiatrie oder der Trennungsberatung von Eltern in Situationen von Hochstrittigkeit werden eigene Erfahrungen weniger mitgeteilt (Abstinenzgebot) als in Rund-um-die-Uhr-Betreuungssettings mit Elementen von Teilen von Alltag und dem Sich-unausweichlich-Mitbekommen über Stunden, Tage, Jahre. Aber auch hier wird eher 132 uj 3 | 2018 Nähe und Distanz davor gewarnt, sich angreifbar zu machen, indem eine Fachkraft sich entblößt und ggf. sogar kompromittierende Dinge in die Adressatenverfügung geraten. Distanz halten bedeutet, jederzeit zu bedenken, was zweckreflektiert mit pädagogischem Blick auf die Adressatenentwicklung im Zuge von Von-sich-Erzählen-und-Mitbekommen nützen oder schaden könnte. Kurz: Sich-hinreißen-Lassen zu „intimen Selbstmitteilungen“ gilt als „unprofessionell“. 5. Gedankenbezug: Nähe bzw. Distanz kann sich auch im Bereich der Einstellungen zur Welt zeigen. So können geteilte Meinungen zu Geld, Arbeit, Treue, Gerechtigkeit, Autonomie, Zwecklügen, Familie, Männern, Frauen, Kindern, Alkohol, „dem Staat“ oder „der Regierung“ Gemeinsamkeiten oder Unterschiede aufweisen. Eine andere Dimension ist die zwanghafte Beschäftigung mit den AdressatInnen: Man fühlt sich besetzt, die Gedanken kreisen, es geht einem nicht aus dem Kopf. Ohne weiteres Zutun dürfte positive Nähe mit der Quantität und der Stärke der Überzeugungsschnittmenge und mit dem Ausmaß an Ähnlichkeiten und Übereinstimmung steigen. Dabei gilt als Professionalitätsmarker, Distanzerleben nicht mit geringerer Hilfe-, Zuwendungs- und Empathiequalität zu beantworten. 6. Symbolische Zeichen und Handlungen: Schließlich kommt es im professionellen Beziehungsalltag zu Entscheidungen, die in Graubereiche zu persönlichen Beziehungen hineinragen (können). Dieser Wirkungsraum ist sehr weit gefasst: Die Urlaubskarte, ein Treffen in der Wohnung der Fachkraft, „kumpelhafte“ Anredeformen, die Art, ein Zimmer zu betreten, ein besonderes Geburtsgeschenk, ein anteilnehmender Brief, die Herausgabe der privaten Handynummer oder die Einladung, auch nach der professionell geprägten Zeit miteinander in (losem) Kontakt zu bleiben. Hier können oft Gefahren wie unhaltbare Versprechungen oder Privilegierung Einzelner (der „Lieblinge“) annonciert werden. Relevante sozialpädagogische Polaritäten Angrenzende Polaritäten sind ebenfalls eher schwach theoretisch und empirisch bearbeitet (vgl. aber z. B. Heiner 2004). Bedeutsam sind zur näheren Bestimmung von Nähe und Distanz die Spannungsfelder Beziehung - „Sache“, Person - Rolle, Authentizität - So-tun-als-ob, Sympathie - Antipathie, Vertrautheit - Fremdheit, Vertrauen - Misstrauen. 1. Beziehung - „Sache“. Die sozialpädagogische Beziehung wird nicht um ihrer selbst willen eingegangen, sondern sie ist als Entwicklungs- und Lernhilfe, als Betreuung und Begleitung, als Exklusionsverhinderung und Inklusionsvermittlung im Kontext von Erziehung, Bildung, Hilfe etc. mit Zwecken wie z. B. Beschaffung von Gütern, Erwerb von kulturellem Kapital, Schutz vor Gewalt und Obdachlosigkeit oder Wiederherstellung von Gesundheit verknüpft. Die Beziehung dient den angestrebten Ergebnissen (ob selbst- oder fremddefiniert) als Medium, wobei sie selbst auch ein Wirkfaktor sui generis ist, als solcher eingesetzt wird oder werden kann. So müssen sich Nähe und Distanz gerade daran bewähren, ob sie erstens dem Zweck dienlich sind und zweitens die Beziehungsqualität als solche von Professionellen und AdressatInnen als wohltuend, stärkend, ermutigend, nützlich, passend, erträglich erlebt wird. 2. Person - Rolle. Professionelle treten AdressatInnen, ob sie wollen oder nicht, in einer Rolle gegenüber, die immer Vorgaben, Verpflichtungen, Grenzen etc. mit sich bringt. Neben Rollenübernahme (role taking) gibt es Ausgestaltungsräume (role making), die erheblich sind (Krappmann 1969). Relativ unabhängig (wenn auch immer gerahmt) vom Rollenhandeln treffen, in symmetrischer Dimension, Mensch und Mensch aufeinander. Auf dieser Ebene herrscht Gleichwertigkeit, von hier gewinnen professionelle Beziehungen Farbe und Einmaligkeit. Per- 133 uj 3 | 2018 Nähe und Distanz son und Rolle gehen in beruflicher Sozialer Arbeit ineinander über. So werden ggf. berufliche Haltungen (z. B. Empathie, Perspektivübernahme, Motivverstehen, Ressourcenfokus) zu personalen und umgekehrt, sodass womöglich nicht mehr auseinandergehalten werden kann, was in dieses oder in jenes Feld gehört. Auch wenn Person und Nähe sowie Rolle und Distanz auf den ersten Blick zusammenzugehören scheinen, lassen sich vielfältige Beispiele finden, dass die Rolle gerade der Schutzmantel ist, der sektorale und punktuelle Nähe aushaltbar und produktiv macht. 3. Authentizität - So-tun-als-ob. Häufig dürften Fachkräfte einen paradoxen Kunstgriff anwenden: Sie lassen das Rollenhandeln im Kontakt in den Hintergrund treten, sodass sich die Illusion einer einzigartigen, so gemeinten Personenbegegnung einstellt (allerdings durchaus mit echten Begegnungsmomenten von Mensch zu Mensch), ohne dass die Grundsubstanz der Beruflichkeit verschleiert wird. Professionelle tun so, als ob sie als Mensch tätig werden und handeln dabei doch in einer Rolle. Authentizität (Echtheit) kann sowohl im Rollenals auch im Personenhandeln gezeigt bzw. erlebt werden. Entscheidend ist die Stimmigkeit zwischen Meinen und Sagen und Handeln. 4. Sympathie - Antipathie. Unterschiedliche Grade von Zuneigung, von jemanden Mögen, von„Draht haben“ sind ein Kennzeichen menschlicher Beziehungen und sind demgemäß auch in professionellen Beziehungen nicht suspendierbar. Nähe und Sympathie sowie Distanz und geringere Anziehung werden oft gekoppelt sein. Von daher ist die Verpflichtung, die Leistung „ohne Ansehen der Person“ zu erbringen, unverzichtbares berufsethisch motiviertes Sollen, ja: Teil von, hier normativ gemeint, Professionalität. 5. Vertrautheit - Fremdheit. Ähnlichkeiten, Gemeinsamkeiten, Spiegelungen im Gegenüber führen zum Erleben von Vertrautheit in Beziehungen, Anders-Sein lässt Fremdheit wachsen bzw. bestehen bleiben. Hier erscheint eine einfache Zuordnung (Nähe/ Vertrautheit und Distanz/ Fremdheit) als realistisch, was wiederum dazu führt, in professioneller Dimension Reflexion und ggf. Gegensteuerung abzuverlangen. 6. Vertrauen - Misstrauen. Vertrauen kann sich als Institutions-, Rollen- und Personenvertrauen bzw. Misstrauen zeigen (vgl. Gahleitner 2017). Vertrauensbezogene Annäherungs- und Abstandsgrade dürften sich überwiegend reziprok, also in Wechselwirkung zwischen A und B entfalten, wobei Vertrauensbereitschaft und -fähigkeit lebens- und hilfegeschichtlich grundgelegt sind. Misstrauen ist zwar keine günstige Beziehungsgrundlage (weder personal noch beruflich), sollte jedoch respektvoll, die Funktion und den subjektiven Sinn explorierend, verstanden werden. Wenn AdressatInnen Misstrauen und damit Distanz brauchen und wollen, so verbleibt dies in ihrem Entscheidungsbereich, was Hinterfragen und Werben für anderes sowie Vertrauensvorleistungen von Professionellenseite nicht ausschließt. Quellen für die Nähe-Distanz-Regulation Welche Quellen für die Bezugsregulation sind denkbar, d. h. woher nehmen Professionelle potenziell Impulse dafür, von sich aus aktiv zu werden oder reaktiv Resonanz auf Angebote von AdressatInnen zu entfalten? Nähe und Distanz werden in der Folge als AdressatInnen-, Unterstützungsprozess-, Fachkraft-, Interaktions- und Situationsvariablen konzeptualisiert, wobei hier noch immer reduziert eine einseitige Gestaltung von Professionellen zu AdressatInnen angenommen wird. Der Regulationsbegriff wird für die bewusst-absichtsvolle Seite der professionellen Bezugsgestaltung reserviert und umfasst damit nicht die unbewussten und ungeplant-spontanen Beziehungsseiten. 134 uj 3 | 2018 Nähe und Distanz 1. Nähe- und Distanzregulation ist eine Variable in einem pädagogischen Prozess, der sich in Leistungsdreiecken oder -vierecken (z. B. Jugendliche - Eltern - Jugendamt - Einrichtung) ereignet. Dabei spielen fachliche Einschätzungen eine Rolle, die mit Blick auf die AdressatInnen zu einer geeigneten Hilfe-, Erziehungs-, Beratungs-, Bildungs-, Betreuungsbeziehung führen sollen - mit z. B. geringer oder ausgedehnter Kontaktzeit, beidseitigen oder einseitigen Rechten und Pflichten, Stützungen und Konfrontation. Wiederkehrende Fragen sind: Wen habe ich vor mir? Was braucht, auf der Grundlage von Fallverstehen, das Gegenüber? Was ist der Zweck im Rahmen der sozialpädagogischen Aufgabe? Wer will was, d. h. welche Aufträge und Ziele wurden gesetzt bzw. ausgehandelt? Ferner sind Zielgruppe und Ziele konstitutiv: Geht es um kleine Kinder in stationären Hilfen (Nähe eher a priori wünschenswert) oder um Jugendliche in Autonomiekonflikten (Distanzelemente partiell gesetzt) oder um Beratung mit einer umrissenen Thematik und wenigen Arbeitskontakten mit Geflüchteten, Eltern in Trennungssituationen, Angehörigen in einem Pflegestützpunkt (distanzierte Anteilnahme)? Relevant ist auch, in welcher Phase von Unterstützungsprozessen Nähe und Distanz gestaltet werden. So werden Fachkräfte in Anfangsphasen eher Vorsicht walten lassen, sondieren und ggf. experimentieren und in Schlussphasen Beziehungen eher lockern. Ein solcher Ansatz würde Näheentstehung als lineares Anwachsen konstruieren: Werden Ziele erreicht und nähert sich der Prozess seinem Ende, wird der Abstand vergrößert. Dabei wird unterschlagen, dass professionelle Beziehungen in der Praxis unerwarteten Wendungen und unplanbarer Dynamik unterliegen. So kann es beabsichtigte Wechsel von Sich-Nähern und Sich-Distanzieren auch von Fachkraftseite geben, z. B. zwecks Erhalts der Arbeitsfähigkeit oder weil man sich anfangs getäuscht hatte. Ein Prozess kann gleich zu Beginn mit einer Krise starten und dabei Näheelemente geradezu herausfordern oder die Nähe wird sogar über das Prozessende hinaus in eine„halbprofessionelle-halbpersönliche Beziehung“ überführt. Entscheidend ist: Nähe und Distanz werden interaktiv resonanzbasiert hergestellt - das Tun des einen bedingt das Tun des anderen. 2. Zudem ist der Ort, also der Kontext, relevant. Wo findet die Leistungserbringung statt? Nach welchem Konzept wird gearbeitet? Welche Einrichtungskultur herrscht? Es macht z. B. einen Unterschied, ob lebensweltergänzend und in einem staatlich geprägten und rechtlich normierten Rahmen etwa unfreiwillig am Thema Kinderschutz Kontakt gestaltet wird oder in einem Frauenhaus oder in einer lebensortersetzenden Jugendwohngemeinschaft sozialpädagogisch Freiräume gefüllt werden. 3. Nähe und Distanz werden je nach Leitkonzept (systemisch, lebensweltlich, verhaltens- und lerntheoretisch, tiefenpsychologisch, humanistisch, traumatheoretisch, familienanalog etc.) unterschiedlich gedacht. Programmatische Vorgaben dürften sich in individuellem Handeln hier mehr und dort weniger niederschlagen. 4. Einige Träger setzen auf Vorgaben, Team- und Leitungskontrolle. So sehen Leitlinien zum Umgang mit Nähe und Distanz in der Stationären Erziehungshilfe z. B. vor: „Kontakte mit Jugendlichen finden ausschließlich im dienstlich definierten Kontext statt.“; „Jugendliche (…) werden nicht über private oder familiäre Umstände („ursächliche“) informiert.“; „Geschenke werden immer im Namen des Teams gemacht.“; „Es gibt keine Informationen, die nur einzelnen MitarbeiterInnen vertraulich vorbehalten werden.“; „Jugendliche erhalten nie die persönlichen Adressen oder Telefonnummern der MitarbeiterInnen“ (St. Elisabeth-Verein 2009). 5. Weiter ist die Fachkraft als Person eine zu berücksichtigende Variable. Welche Mentalität bringt der bzw. die Professionelle mit? Gibt es biografische Besetzungen, die in die Gegenwart hineinspielen und zu Übertragungen und 135 uj 3 | 2018 Nähe und Distanz Gegenübertragungen einladen? Welche unerfüllten Bedürfnisse, Lebensthemen, „emotionalen wie kognitiven Interaktionsskripte“ (Gahleitner 2017, 79) aus der Vergangenheit wirken? 6. Auch die Situation ist mitbestimmend - z. B.: Wird in einer Krise Hilfe geleistet, ist eine Enttäuschung zu verkraften, gilt es etwas zu feiern oder ereignet sich eine konfrontationsgezeichnete gesteuerte oder eine unkontrollierbare Eskalation? Nähe und Distanz auf AdressatInnenseite Die Nähe und die Distanz gibt es in Beziehungen nicht, immer können Phänomenausprägungen durch Inhalte, Motive, Intensitätsniveaus, zeitliche Umfänge, Auftretensbereiche, Einseitigkeitsbzw. Gegenseitigkeitsgrade, andere umgebende Beziehungselemente etc. unterschieden werden. Daraus wäre eine genauere Typologie zu entwickeln. Hier soll nun ein Ordnungsversuch unternommen werden, vier erfahrungsbasierte Nähe-Distanz-Verhältniskonstellationen auf AdressatInnenseite zu unterscheiden. 1. Nähe übergewichtig: Hier ist die Kontaktmotivation hoch, AdressatInnen erheben ggf. Ansprüche bzw. äußern Bedürfnisse nach persönlichen Beziehungen. Dies manifestiert sich z. B. in: Wichtigsetzung der Fachkraft; Bereitschaft, Professionellen viel zu erzählen; Wünschen, richtig und wirklich verstanden zu werden; Verfügbarkeitsbegehren bzw. Einfordern eines hohen Maßes an Kontaktzeit; Anfragen zur Selbstöffnung der Fachkraft; Rivalitätserleben gegenüber „BeziehungskonkurrentInnen“. Rollenelemente sollen in den Hintergrund treten (AdressatInnen wollen das Gefühl haben, als Mensch gemeint zu sein) und nach Möglichkeit soll die Beziehung zwischen Professionellen und AdressatInnen ggf. sogar ein Ersatz für unzureichende Primärbeziehungen bzw. lebensweltliche Beziehungen im gegenwärtigen Alltag sein. Die herbeigerufene Nähe kann befriedigen, sie kann mit Unersättlichkeit einhergehen, sie kann ggf. nicht aushaltbar sein und wird deshalb von AdressatInnen wieder zerstört (siehe 4). 2. Distanz übergewichtig: Wird die Unterstützung generell abgelehnt (geringe Kontakt- und geringe Veränderungsmotivation, z. B. durch starke Unfreiwilligkeit bzw. Unvereinbarkeit von professioneller Unterstützung und Lebenswelt bzw. Peers), ist die Sache im Rahmen der Begleitung nicht bedeutsam bzw. nicht mit Sinn besetzt, fehlen Eigenziele oder wird die Fachkraft als Person abgelehnt, so sind starke Rollenförmigkeit (AdressatIn spielt als-ob; Opposition und Autonomiedemonstration) und in der Folge Distanz in der Beziehung wahrscheinlich. Dann wird der bzw. die AdressatIn die eigene Innenwelt abschirmen, wenig Zeit investieren, nur das Notwendigste für ein Bleiben-Dürfen tun oder sogar einen Abbruch provozieren. Es sind aber auch Zwecke und Settings denkbar (Kinderschutz; Forensik; Täterarbeit bei häuslicher Gewalt; Arbeit mit Rechtsorientierung; Strafvollzug …), für die Distanz geradezu zwingend für beide Seiten ist, um sich zu ertragen, miteinander Auflagen zu erfüllen bzw. produktiv zu arbeiten. 3. Spannungsarme Koexistenz von Nähe und Distanz: Ein Sowohl-als-auch kann sich im Nacheinander oder Nebeneinander entfalten. Im Nacheinander gibt es adressateninduzierte Phasen von Verbundenheit und Getrenntheit, von Teilen und Abschirmen, von viel und wenig Kontaktzeit, von Hilfesuchen und Alleinemachen, von übereinstimmendem Übernehmen und zurückweisendem Ablehnen. Im Nebeneinander gibt es Themen, an denen nah gelebt und gesprochen wird (z. B. Respekterwartung; Schule; Erziehung; Umgang mit Geld; Verhältnis zu den Eltern…) und andere, die ausgespart sind (z. B. Sexualität; politische Meinung; Kleidungsstil). 136 uj 3 | 2018 Nähe und Distanz 4. Konfliktäres Gegeneinander von Nähe und Distanz: Schließlich gibt es beziehungsfigurativ von inneren Ambivalenzen, gar unversöhnlicher Zerrissenheit geprägte Unentschiedenheiten, die weder das eine noch das andere mit den potenziellen Gewinnen wie z. B. Geborgenheit hier oder Autonomie dort erlauben. Ambivalenzgezeichnete Sätze wie „Sich-Hängen an jeden, Sich-Binden an keinen.“; „Nicht mit dir und nicht ohne dich.“; „Komm her, geh weg.“; „Bitte hilf mir. Ich brauche keine Hilfe.“ signalisieren dilemmatische, meist durch frühe Enttäuschungen und Erschütterungen entstandene Blockaden, die mit sich bringen, dass AdressatInnen selbst nicht wissen, was sie aktuell und/ oder situationsübergreifend wollen und brauchen. Es fehlen Konsistenz und kontinuierliche, berechenbare bzw. kontrollierbare Linien im Wollen und Erleben. Solche Hemmnisse werden uneindeutige, implizite, widersprüchliche Botschaften nach sich ziehen, die Fachkräfte verwirren und nur schwerlich Entwicklung unter dem Dach der professionellen Beziehung möglich machen. Umgangsstrategien von Professionellen In Fachkraft-Interviews zum Thema (Schostak 2017, N = 3; Hausknecht 2012, N = 3) vermerken Professionelle einen hohen Stellenwert von Berufserfahrung und Intuition für ihre übersituativen Handhabungen und momentweisen Gestaltungen. Sie priorisieren den ständig mitlaufenden Filter des Selbstschutzes (u. a. mit der Betonung der Gefahr, als übergriffig erlebt und dafür beschuldigt zu werden) und markieren Risiken wie Überforderung, Retraumatisierung, unproduktive Wiederholungen (z. B. in der stationären Erziehungshilfe, Schostak 2017). Besonders vor körperlichen Berührungen wird gewarnt. Der Trend geht eher zur Distanz, auch wesentlich festgemacht an dem Anrede-Sie in der Arbeit mit Erwachsenen (Hausknecht 2012). Der Ordnungsversuch hat ergeben: Nähe korrespondiert begünstigend mit Beziehungsgewichtung, Personenprägung, Authentizität, Sympathie, Vertrautheit und Vertrauen, ohne dass die jeweiligen Gegenpole, die eher die Distanzseite konstituieren, ihre reale Wirkmacht und die Korrekturfunktion verlieren (sollten). In der sozialen Praxis wird ihnen mitunter mit dem Label der Professionalität eine stärkere Bedeutung zuerkannt. Der Begriff und das bezeichnete Phänomen der reflektierten Nähe haben derzeit weniger Konjunktur. Der Selbstschutz der Fachkräfte und der Schutz der AdressatInnen vor Zudringlichkeit und Bemächtigung führen dazu, dass vielerorts Beziehungsnähe als gefährlich identifiziert wird und im Zweifelsfall rationale Sachlichkeit waltet. Es ist zu begrüßen, dass inzwischen Maßstäbe und Verfahren wie Selbstkontrolle und -steuerung, Ethikkodex, AdressatInnenrechte, Partizipation, Beschwerdemöglichkeiten, Supervision etabliert sind, die dem freien Kräftespiel (nicht zuletzt hinsichtlich körperlicher Interventionen) Einhalt gebieten und die „Privatpraxen“ von Fachkräften stark rahmen. Gleichwohl ist vermehrt Unbehagen, gar Angst zu registrieren. Man befürchtet Kontrollverluste (Hausknecht 2012, 64f ). Man ist angreifbar, wenn Wärme oder gar Hitze im Energiefeld von Nähe entsteht und man sich im Zuge von Spontaneität „gehen lässt“. Hier wird sehr schnell das Etikett „unprofessionell“ verwendet. Die sichere Seite des „Lieber mehr Distanz als weniger! “ kann dazu führen, dass Professionelle weniger wichtig sind. Einige Schlussfolgerungen 1. Personensensible Nähe-Distanz-Bezüge suchen Professionelles Handeln zeichnet sich durch reflexive Bewusstheit aus. Die Fachkraft sollte Fallwissen verfügbar haben oder machen, die AdressatInnen ernst nehmen, kennen und ein- 137 uj 3 | 2018 Nähe und Distanz schätzen können, sensibel für „Triggerpoints“ sein, die Quellen für die Regulation im Nähe- Distanz-Kontinuum beachten und ein Gespür für die Situation haben. 2. Berechenbare, wiederkehrende Nähe- und Distanzgrade für den Bezug vorgeben Das Postulat, stimmige Balancen zu finden, ist allgemein richtig und doch wenig aussagekräftig. Genauer wäre zu klären, welche Anlage die sozialpädagogische Nähe-Distanz-Regulation zwischen Berechenbarkeit und Flexibilität erhält. Als Grundtendenz wird hier empfohlen, die Erwartbarkeit klar zu konturieren. Zwar soll und wird es immer Augenblicksvariationen von Nähe und Distanz geben, aber die Basisarchitektur der je spezifischen professionellen Beziehung zwischen A und B sollte mehr durch Konstanz geprägt sein, weil dadurch Komplexitätsreduktion mit Folgen wie Sicherheit und Berechenbarkeit möglich ist. Dies gilt für das aktive Moment von Fachkraftseite genauso wie für die Beantwortung von Beziehungsangeboten, von Testmanövern, Provokationen, Verlockungen etc. 3. Mit unplanbarer Dynamik rechnen Es wurden Modellannahmen von Fachkraftseite aus entfaltet, die den Eindruck erwecken könnten, Nähe- und Distanzherstellung wäre steuerbar und ein durch und durch rationales Geschehen. Eine solche Denkweise unterstellt, dass die AdressatInnen reine Empfänger wären. Das Gegenteil ist der Fall. Nicht selten reagieren Professionelle auf die Vorgaben ihrer Gegenüber und es entsteht ein schwer kalkulierbares Wechselspiel. Hier sind Fachkräfte zwar gehalten, eine Linie hervorzubringen bzw. ein Durcheinander zu entwirren und auch für AdressatInnen verstehbar werden zu lassen. Letztlich gilt aber: Momente von Nähe und Distanz ereignen sich - und das nicht nur absichtsvoll gewollt und geplant. 4. Beobachten und mit Betroffenen thematisieren, wie der bzw. die AdressatIn auf Angebote reagiert bzw. was er bzw. sie selbst anbietet Dabei sind die Dimensionen von Resonanz und Aushandlung zu berücksichtigen. In die Aushandlung gehen die bewusstheitsfähigen Anteile ein: Was möchte der bzw. die AdressatIn? Was wird als angenehm und stimmig erlebt? Hier geht es um die Erfragung von Wünschen genauso wie um die Auswertung von gemeinsamen Lebensbzw. Gestaltungserfahrungen im aktuellen Bezug. Professionelle mit ausgeprägten Kontrollkonzepten gegenüber AdressatInnen, aber auch mit dem Fokus, „was sich als Professionelle (nicht) gehört“, präferieren einseitige Entscheidungen (Hausknecht 2012, 63) - dies gilt übrigens auch für die überwiegende Mehrzahl der von mir befragten Berliner Studierenden der Sozialen Arbeit. 5. Kollegiale Reflexion als geschützte Öffentlichkeit Nähemomente können entwicklungshemmend und abhängig machend oder sinnstiftend und entwicklungsförderlich sein - allemal sollte die Beziehungsgestaltung in der Organisations- und Teamöffentlichkeit stehen und Vorschriften, Absprachen und Kontrolle unterliegen. Mit Blick auf das Resonanzkonzept ist auch an szenisches Verstehen von verdeckteren Dynamiken zu denken. In leitungsgestützten Teamsitzungen und Supervision könnten auch rekonstruktiv halbbewusste und unbewusste Anteile der Professionellen entdeckt und besprochen werden. 6. AdressatInnenwohl und MitarbeiterInnenschutz als Regulative Das Wohl der AdressatInnen muss im Mittelpunkt stehen. Der Schutz der MitarbeiterInnen vor Selbst- und Adressatenüberforderung und Fehlforderung ist zweites fundamentales Regulativ. 138 uj 3 | 2018 Nähe und Distanz Nähestiftungs- und Distanzierungsfähigkeiten sind je gefordert, die in einer passenden Grundfiguration von professioneller Beziehung zu einzelnen AdressatInnen zwar eine gewisse „stehende Mixtur“ bilden, die aber situativ, mit einem angemessen begleitend-mitgehenden und ggf. auch konfrontierend-herausfordernden Stützungs- und Irritationspotenzial variiert werden. Prof. Dr. Karlheinz Thimm Braillestraße 4 12165 Berlin Literatur Gahleitner, S. B. (2017): Soziale Arbeit als Beziehungsprofession. Bindung, Beziehung und Einbettung professionell ermöglichen. Beltz Juventa, Weinheim/ Basel Hausknecht, B. (2012): Balanceakt Nähe und Distanz. Eine Herausforderung in der Sozialen Arbeit. Unveröffentlichte Masterarbeit an der Fachhochschule Neubrandenburg. In: http: / / digibib.hs-nb.de/ file/ dbhsnb _derivate_0000001276/ Masterarbeit-Hausknecht- 2012.pdf, 18. 10. 2017 Heiner, M. (2004): Professionalität in der sozialen Arbeit. Theoretische Konzepte, Modelle und empirische Perspektiven. Kohlhammer, Stuttgart Krappmann, L. (1969): Soziologische Dimensionen der Identität. Klett-Cotta, Stuttgart Schostak, D. (2017): Nähe und Distanz - Ein Spannungsfeld in professionellen Arbeitsbeziehungen am Beispiel von familienanalogen Wohngruppen. Unveröffentlichte Bachelor-Arbeit an der Evangelischen Hochschule Berlin St. Elisabeth-Verein Marburg (2009): Leitlinien zum Umgang mit Nähe und Distanz. In: www.erev.de/ auto/ Downloads/ Skripte_2009/ JH_Psychiatrie/ 2009 _Folien_II_AG_5_Naehe_distanz.pdf, 18. 10. 2017 Thiersch, H. (2012): Nähe und Distanz in der Sozialen Arbeit. In: Dörr, M., Müller, B. (Hrsg.): Nähe und Distanz - Ein Spannungsfeld pädagogischer Professionalität. 3. Aufl. Beltz Juventa, Weinheim/ Basel, 32 - 49