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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2018.art22d
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2018
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Rezension: Hans Hopf, 2017: Flüchtlingskinder gestern und heute
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2018
Wilhelm Topel
Hans Hopf, 2017: Flüchtlingskinder gestern und heute Klett-Cotta: Stuttgart, 237 Seiten, € 20,–
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140 uj 3 | 2018 Rezensionen Zu allen Zeiten mussten Menschen aus ethnischen, religiösen, sozialen oder politischen Gründen zwangsweise ihre Heimat verlassen. In Deutschland wurden die Begriffe Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg verwendet, um u. a. die Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlung von Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten und dem Sudetenland zu kennzeichnen. Für diese Bevölkerungsgruppe war in der DDR die Bezeichnung „Umsiedler“ gebräuchlich. Der Heimatverlust ist bei den davon Betroffenen nicht selten mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen des Erlebens und Verhaltens verbunden. Folgen können beispielsweise sein: Depressionen, pathologische Ängste, Suizide, Aggressionen und Kontaktstörungen. Kinder und Jugendliche, die ihre Heimat oft unter traumatisierenden Umständen verlassen haben, bedürfen verständnisvoller und empathischer Unterstützungsmaßnahmen, die auch auf Erkenntnisse der Psychotraumatologie und Traumapädagogik zurückgreifen sollten. Gegenwärtig sind die vielen unbegleiteten Flüchtlinge eine Problemgruppe, die infolge von vielfältigen Traumatisierungen hohe Anforderungen an die pädagogisch-psychologische Kompetenz von Lehrern, Erziehern und Sozialarbeitern stellen. Der Autor der vorliegenden Schrift, Kinder- und Jugendlichenpsychoanalytiker, thematisiert Spezifika der Persönlichkeitsentwicklung von vertriebenen und geflüchteten Kindern nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland und von heutigen unbegleiteten Minderjährigen, die ohne ihre Eltern die Heimat verlassen haben. Es gelingt ihm, Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Grundlage dafür sind seine Erfahrungen als Psychoanalytiker, therapeutischer Heimleiter, aber auch die eigene Biografie, die durch verschiedene Traumata und den jahrelangen Aufenthalt als Flüchtlingskind in einem westdeutschen Lager geprägt worden ist. Wesentliche Aspekte seiner Schrift werden bereits im Vorwort deutlich: „Meine Kindheit beginnt mit Krieg, Vertreibung und Flüchtlingslager. Die Ereignisse jener Zeit haben sich tief in meine Seele eingebrannt. Die Folgen waren furchtbar. Während meiner Kindheit und Jugend litt ich unentwegt an seelischen Störungen, bis ins Erwachsenenalter“ (S. 13). Oder: „Mit diesem Buch solidarisiere ich mich mit allen Flüchtlingskindern dieser Welt. Ich werde immer einer von euch bleiben“ (S. 15). Aus verständlichen Gründen setzt sich der Autor vor allem aus psychotherapeutischer Sicht mit der Thematik auseinander. Das schließt nicht aus, ebenfalls Bedingungskonstellationen zu Hans Hopf, 2017: Flüchtlingskinder gestern und heute Klett-Cotta: Stuttgart, 237 Seiten, € 20,- uj 3 | 2018 141 Rezensionen beachten, die im sozialen, gesellschaftlichen und politischen Bereich liegen. Es wird begründet, weshalb die Situation der Flüchtlinge und Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht in naiver Weise auf die heutigen Verhältnisse übertagen werden darf. Das Buch ist in 9 Kapitel gegliedert. Zunächst schildert H. Hopf sehr anschaulich in den ersten drei Kapiteln die Erlebnisse, die er als Vertriebenenkind hatte, wie sich das Leben in den Flüchtlingslagern gestaltete und die Erwachsenen das Schicksal der Vertreibung verarbeiteten („Ein Kriegs- und Vertriebenenkind“, „Leben im Flüchtlingslager“, „Traumatisierte Erwachsene“). Ihm ist zuzustimmen, wenn er betont, dass Flüchtlinge und Vertriebene eine Hochrisikogruppe für psychische und körperliche Erkrankungen sind. Deshalb ist schnelle Hilfe notwendig, zumal ein langes Asylverfahren das Risiko erhöht, gesundheitliche Schwierigkeiten zu bekommen. Überdenkenswert sind in diesem Kontext die Ausführungen über die Einstellungen einheimischer Bürger gegenüber Flüchtlingen und Vertriebenen, die Bedeutung engagierter und einfühlsamer Lehrer für die Persönlichkeitsentfaltung der Kinder, die Folgen von Armut und die Beschreibung von Verhaltensauffälligkeiten, die oft sichtbar werden. Die „Bilder“ aus der Nachkriegszeit und heute fordern dazu heraus, rechtzeitig soziale, pädagogische und gegebenenfalls therapeutische Hilfen zu gewähren. Im 4. Kapitel („Flüchtlingskinder heute“) wird auf die Relevanz entwicklungsfördernd gestalteter Tätigkeiten (Spielen, Lernen) in der Gemeinschaft für die Herausbildung von Persönlichkeitseigenschaften aufmerksam gemacht, die überdies dazu beitragen können, traumatische Zustände zu lindern oder zu überwinden. Die hier vorgestellten Angebote und Maßnahmen geben dafür wichtige Orientierungen. Traumatisierungen können, wenn keine adäquate Hilfe erfolgt, bis weit in das Erwachsenenalter hinein das Handeln und die Interaktionen beeinträchtigen (Depressionen, pathologische Ängste, Dissoziationen, soziale Phobien). Das bestätigen auch die Kapitel 5 und 6 („Meine Traumata“, „Bindung und Psychotherapien - was mir geholfen hat“), die stark auf die Biografie des Verfassers fokussiert sind. Damit werden nicht nur mögliche Ursachen von Traumata transparent gemacht, sondern zugleich über die therapeutischen Intentionen hinausgehend Verhaltensregeln erwähnt, die in alltäglichen Beziehungen wertvoll sein können (traumatisierten Menschen zuhören, verständnisvolle und feinfühlige Pädagogen etc.). Bemerkenswert sind die Darlegungen über geschlechtstypische Verhaltensweisen und Besonderheiten muslimischer Familien (7. Kapitel: „Väter, Männer, Jungen“). Die abschließenden Erörterungen (Kapitel 8 und 9: „Prävention und Psychotherapie“, „Das Virus ,Fremdenfeindlichkeit‘“) enthalten Hinweise auf wichtige Kriterien bei der Behandlung von Flüchtlingskindern („Kultursensibilität“, Beachtung der gesamten psychischen Struktur der Klienten, Mitbehandlung der Bezugspersonen) und setzen sich mit den Gründen der Fremdenfeindlichkeit auseinander. Der Autor meint, der pathologische Ausländerhass sei - ohne Einschränkung - das Merkmal einer Persönlichkeitsstörung (S. 223). Resümee: Eine allgemein verständliche, leicht lesbare Publikation, die sich engagiert und gefühlsbetont mit der Flüchtlings- und Vertriebenenproblematik auseinandersetzt, indem Erkenntnisse aus der eigenen Entwicklung und Erfahrungen aus der therapeutischen Praxis genutzt werden, um daraus Empfehlungen für die Integration von Kindern und Jugendlichen abzuleiten, die aus ihrer Heimat geflohen sind. Dr. habil. Wilhelm Topel, Leipzig DOI 10.2378/ uj2018.art22d
