eJournals unsere jugend70/4

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2018.art24d
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2018
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Diagnostisches Fallverstehen in der Kinder- und Jugendhilfe

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2018
Silke Birgitta Gahleitner
Sozialdiagnostische Vorgehensweisen haben sich in den letzten 20 Jahren vielgestaltig entwickelt. Dennoch bestehen nach wie vor inter- und innerdisziplinäre Kluften. Gerade Diagnostik in der Kinder- und Jugendhilfe muss jedoch multiperspektivisch vorgehen. Integrative Modelle sind also gefragt. Der Artikel gibt einen Einblick in deren Entwicklungen und den aktuellen Stand.
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146 unsere jugend, 70. Jg., S. 146 - 154 (2018) DOI 10.2378/ uj2018.art24d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Diagnostisches Fallverstehen in der Kinder- und Jugendhilfe Sozialdiagnostische Vorgehensweisen haben sich in den letzten 20 Jahren vielgestaltig entwickelt. Dennoch bestehen nach wie vor inter- und innerdisziplinäre Kluften. Gerade Diagnostik in der Kinder- und Jugendhilfe muss jedoch multiperspektivisch vorgehen. Integrative Modelle sind also gefragt. Der Artikel gibt einen Einblick in deren Entwicklungen und den aktuellen Stand. von Silke Birgitta Gahleitner Jg. 1966; Prof. Dr., Diplom- Sozialarbeiterin/ Sozialpädagogin, Professorin an der Alice Salomon Hochschule Berlin - Arbeitsbereich Psychosoziale Diagnostik und Intervention Einführung Pädagogik und Soziale Arbeit - und damit große Bereiche der Kinder- und Jugendhilfe - haben sich dem Thema Diagnostik erst in den letzten beiden Jahrzehnten erneut explizit zugewandt. In zahlreichen Foren wurden sozialdiagnostische Verfahren zur Diskussion gestellt und die Ergebnisse über Veröffentlichungen zugänglich gemacht (vgl. aktuell Ader/ Schrapper i. E.; vgl. zur Übersicht über die Entwicklungen Buttner u. a. i. E.; Gahleitner u. a. 2013; Heiner 2004). Die darin stattfindende kontroverse Diskussion über das Thema Diagnostik und deren verschiedene Herangehensweisen ist jedoch noch nicht abgeschlossen. Bedauerlicherweise klafft im Diagnostikbereich zudem ein besonders tiefer, als historisch zu begreifender Graben zwischen den verschiedenen Professionen (Gahleitner/ Weiß 2016). Gerade zu einem selbstverständlichen Umgang mit Multiproblemlagen jedoch gehört ein interprofessionelles, mehrdimensionales Vorgehen (Gahleitner/ Homfeldt 2012). Diagnostik in der Kinder- und Jugendhilfe ist daher in besonderer Weise verpflichtet, die Schnittstelle zwischen psychischen, sozialen, physischen und alltagssituativen Dimensionen auszuleuchten sowie prozessual vorzugehen. Diese Sachverhalte begründen die Notwendigkeit einer integrativen Grundlagendiagnostik (Gahleitner u. a. 2013). Entlang dieser Überlegungen hat sich - über alle Methodenstreitigkeiten hinweg - eine Reihe integrativer Modelle entwickelt. Heiner (2013) hat für diese mehrdimensionale Ausgestaltung von Diagnostikprozessen, die zudem zentralen professionstheoretischen Standards der Sozialen Arbeit genügen, die Begrifflichkeit „Diagnostisches Fallverstehen“ geprägt. Der Artikel soll die Entwicklungen zu diesem integrativen Vorgehen skizzenhaft nachzeichnen und das angesprochene Vorgehen skizzieren. 147 uj 4 | 2018 Diagnostisches Fallverstehen Historischer Abriss Als Begriff und im praktischen Vorgehen hatte Diagnostik in Sozialarbeit und Sozialpädagogik über lange Strecken hinweg einen zweifelhaften Ruf. „Insofern kann die heutige Beschäftigung mit Sozialer Diagnostik im deutschen Sprachraum auch als ein Wiedererinnern und Rückbesinnen auf die Geschichte gesehen werden“ (Buttner u. a. i. E.). Insbesondere die menschenverachtenden, selektiven und eugenischen Verbrechen des Nationalsozialismus und der dortige Missbrauch medizinisch, sozial und psychiatrisch geprägten Wissens spielen hierfür eine zentrale Rolle. Auch nach 1945 jedoch wurde Diagnostik weder im disziplinären Selbstverständnis der Sozialarbeit noch jenem der Sozialpädagogik oder Pädagogik wieder zum „Kerngeschäft“ (vgl. ausführlich zur Historie Buttner u. a. i. E.). Das damalige Vakuum wurde stattdessen erneut durch medizinische und psychologische Konzepte gefüllt, die die Praxislandschaft der Diagnostik dominierten und zum Teil noch heute dominieren (vgl. Entscheidungen zum § 35 a: z. B. Fegert u. a. 2008). Aus dieser Entwicklung heraus hat sich ein Graben zwischen verschiedenen Herangehensweisen aufgetan. „Die klinische Diagnostik vertritt einen klassifikatorischen Ansatz, während in der Kinder- und Jugendhilfe eher der rekonstruktive Ansatz seinen Platz hat“ (Friedrich/ Weiß 2014, 61) und eine kritische Haltung gegenüber der klinischen Diagnostik als expertokratischem Diagnoseverfahren einnimmt (ebenda). Die offene Anamnese spielt dort eine untergeordnete Rolle, es besteht die Gefahr einer Etikettierung und Abwertung (Reddemann 2015, 224). Die häufig herausgearbeitete stigmatisierende Wirkung klinischer Klassifikationen beruht jedoch andererseits in weiten Teilen auf einer unangemessenen und ethisch nicht korrekten Anwendung der dort eingesetzten Systeme. Letztlich geht zudem alles menschliche Handeln von Vorstellungen aus, die einer Reduktion von Komplexität bedürfen (vgl. Röh 2010, 47f ). „So ist schon aus der griechischen Antike eine Kontroverse zwischen einzelfallorientierter und standardisierend-klassifizierender Diagnostik in der Medizin bekannt“ (Buttner u. a. i. E.). Heiner (2013, 19) resümiert dazu: „Die Vertreter des klassifikatorischen Ansatzes plädieren für eine möglichst zuverlässige Informationsverarbeitung mittels standardisierter Erhebungs- und Auswertungsinstrumente … Die Vertreterinnen und Vertreter des rekonstruktiven Ansatzes betonen die Notwendigkeit einer flexiblen, situations- und interaktionsabhängigen Informationssammlung in (alltagsnahen) Gesprächen … Hinter beiden Ansätzen stehen sowohl erkenntnistheoretisch als auch handlungstheoretisch unterschiedliche Überzeugungen“ (vgl. auch Heiner 2011). Es geht also um einen produktiven Umgang mit diesem Spannungsverhältnis, das bereits Dilthey (1900) mit dem Widerspruch zwischen Verstehen und Erklären aufgemacht hatte. Interessanterweise wird damit eine Entwicklung aufgegriffen, die bereits vor etwa hundert Jahren die Entwicklung der Sozialen Arbeit prägte (vgl. ausführlich Buttner u. a. i. E.). Vertieft man sich in Salomons historisches Werk zur „Sozialen Diagnose“ (1926), findet man viele ihrer Forderungen und Ausführungen bis heute uneingelöst (vgl. auch Richmond 1917). Zentrale Prämissen diagnostischen Vorgehens in der Kinder- und Jugendhilfe Der erste Schritt im Bereich von Diagnostik sowie Intervention in der Kinder- und Jugendhilfe ist in der Regel die Vertrauensbildung mit dem Kind und seinem Familiensystem, also eine unterstützende psychosoziale Erfahrung als positiver Gegenhorizont zu der entstandenen Problemkonstellation (Gahleitner 2017 a). 148 uj 4 | 2018 Diagnostisches Fallverstehen Die Fähigkeit zur Herstellung und Unterstützung von Bindung, Beziehung und Einbettung kann auch als „sozialökologische Orientierung“ bezeichnet werden und gehört zu den grundlegenden berufsethischen Dimensionen sozialarbeiterischen Handelns - verbunden mit einem Set an entsprechenden methodischen Standards. Dazu gehören neben der „sozioökologischen Orientierung“ (Abbildung 1, Punkt 2) auch die „partizipative Orientierung“ (Punkt 1), die „mehrperspektivische Orientierung“ (Punkt 3) und die „reflexive Orientierung“ (Punkt 4). Gerade im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe ist von zentraler Bedeutung, dass der Diagnostikprozess als gemeinsames und partizipatives Produkt von Klientel und Professionellen hergestellt wird. Das methodische wie diagnostische Vorgehen ist daher aushandlungsorientiert und beteiligungsfördernd anzulegen (vgl. Heiner 2013). „Divergierende Ansichten…werden nicht nur toleriert und offen angesprochen. Sie stellen zugleich einen Anlass dar, (zusätzliche) Informationen einzuholen, um alternative Wahrnehmungen und Interpretationen zu fördern, die in einem dialogischen Klima gemeinsam gedeutet und gewichtet werden“ (ebenda, 29, vgl. dazu ebenfalls Punkt 4 in Abbildung 1). Dazu gehört auch, nicht dogmatisch bestimmten methodischen Vorgehensweisen zu unterliegen, sondern stets eine mehrperspektivische Orientierung zu verfolgen. Über den gesamten Prozess hinweg ist eine reflexive Grundorientierung Programm. Ein weiteres Strukturelement zur Gestaltung diagnostischer Prozesse stellt die Systematik von Orientierungsdiagnostik, Risikodiagnostik, Zuweisungsdiagnostik und Gestaltungsdiagnostik (Heiner 2013) bereit. In Hilfeprozessen werden dafür zu Beginn, im Verlauf und am Ende von Maßnahmen richtungsweisende Aspekte für die dabei jeweils anstehenden Entscheidungsprozesse erfasst (vgl. hier und im Folgenden Gahleitner/ Pauls/ Glemser i. E.). Zu Beginn eines Prozesses fällt - häufig beim Allgemeinen Sozialen Dienst - zunächst die Aufgabe an, sich zu orientieren und eventuell Risikokonstellationen zu erfassen. Für beide Aufgaben werden klassifikationsorientierte Abklärungsinstrumente benötigt, die im ersten Fall eine große Breite, im zweiten Fall ein spezifisches Phänomen einzufangen haben, von dem aus Relevanzen für die Zuweisung zu bestimmten Hilfeformen gesammelt werden. Abb. 1: Professionsbegründete Prinzipien diagnostischen Fallverstehens (Heiner 2013, 28) 1 Partizipative Orientierung ➤ dialogisch ➤ aushandlungsorientiert ➤ beteiligungsfördernd 2 Sozialökologische Orientierung ➤ interaktionsbezogen ➤ umfeldbezogen ➤ infrastrukturbezogen 3 Mehrperspektivische Orientierung ➤ konstruktivistisch ➤ multidimensional ➤ historisch/ biografisch 4 Reflexive Orientierung ➤ rekursiv ➤ informationsanalytisch ➤ beziehungsanalytisch ➤ falsifikatorisch Professionsbegründete Prinzipien diagnostischen Fallverstehens 149 uj 4 | 2018 Diagnostisches Fallverstehen In der Gestaltungsdiagnostik hingegen geht es um die konkrete Gestaltung des Interventionsprozesses. Die involvierten Fachkräfte konzentrieren sich hier stärker auf die spezifischen Defizite, aber auch Bedürfnisse und Fähigkeiten der Klientel, um darauf aufbauend die Intervention zu gestalten. Daran wird auch die Ausgestaltung des Kooperationsprozesses mit der Klientel sowie dem Hilfesystem ausgerichtet. Dieser Prozess benötigt eine Vielzahl diagnostischer Herangehensweisen und schöpft das gesamte Spektrum von klassifikatorischen bis hin zu rekonstruktiven Verfahren aus, wobei das Schwergewicht jedoch im rekonstruktiven Bereich liegt. Entlang dieser Überlegungen lässt sich auch die immer wieder gestellte Frage nach dem Standardisierungsgrad besser einordnen. Heiner (2013) spricht von zwei Dimensionen, die bei Entscheidungen über eine passende Form der Komplexitätsreduktion von Belang sind und zugleich in wechselseitiger Abhängigkeit zueinander stehen: „die Reichweite der Klassifikation und die Präzision der Kategorien“ (25). Bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass klassifizierende ebenso wie rekonstruktive Instrumente an verschiedenen Orten ihren sinnvollen Platz haben können. Mitfühlendes Verstehen und analytisches Durchblicken sind also keine sich ausschließenden Gegensätze, sondern vielmehr Akzentuierungen, und sie treten in unterschiedlichen „Mischungsverhältnissen“ auf (Buttner u. a. i. E.). Diagnostisches Fallverstehen als Modell Auf der Basis der vorangegangenen Überlegungen zu einer multimethodischen Herangehensweise und Integration verschiedener erkenntnistheoretischer Hintergrundmodelle sowie auf der Basis der explizierten professionstheoreti- Klassifikatorische Diagnostik Diagnostisches Fallverstehen - Gestaltungsdiagnostik Biografie- Diagnostik Lebenswelt- Diagnostik Diagnostisches Fallverstehen entlang biopsychosozialer Koordinaten Stressoren Ressourcen Umfeld Person Ziele und Interventionsplanung Kontinuierliche Diagnostik in Form von Feedbackschleifen Abb. 2: Rahmenmodell Biopsychosozialer Diagnostik (nach Gahleitner u. a. 2014, 139) 150 uj 4 | 2018 Diagnostisches Fallverstehen schen Grundlegung hat sich unter der Begrifflichkeit „Diagnostisches Fallverstehen“ (Heiner 2013) ein Modell entwickelt, das seit einigen Jahren immer mehr Anwendung in der Praxis findet und kontinuierlich weiterentwickelt wird und zudem die in der Kinder- und Jugendhilfe bedeutsame interprofessionelle Zusammenarbeit fördert (das zugrundeliegende Modell liegt seit einigen Jahren vor und wird kontinuierlich weiterentwickelt. Die vorliegende Darstellung basiert daher auf einer Reihe weiterer Publikationen, insbesondere Gahleitner 2017 b, Gahleitner und Kollegen i. E., Gahleitner und Weiß 2016, Gahleitner und KollegInnen 2014 sowie Gahleitner und Kolleginnen 2017). In drei verschiedenen Schritten werden zahlreiche Informationen gesammelt und in einem handhabbaren Modell zusammengefasst, um für die Hilfeplanung zur Verfügung zu stehen (Abb. 2). Klassifikatorische Diagnostik In der Kinder- und Jugendhilfe hat sich in den letzten Jahren eine Reihe geeigneter Instrumente für spezifische Hilfesegmente entwickelt, wie z. B. die Sozialpädagogischen Diagnosetabellen des Bayerischen Landesjugendamtes (2009), die den erzieherischen Bedarf nach Risiken und Ressourcen in einer Kurzfassung von 20 Merkmalen zusammenfassen. Viele dieser neu entwickelten Instrumente lassen sich hervorragend ergänzend und qualitätssteigernd zur International Classification of Diseases (ICD) in diesem Diagnoseschritt nutzen. Dennoch stellt die ICD-Diagnose als bekanntestes psychodiagnostisches Klassifikationssystem (WHO 2001) nach wie vor in Jugendhilfekontexten nach § 35 a und in zahlreichen anderen Arbeitsfeldern die Grundlage für viele Hilfeentscheidungen dar - und besitzt damit entscheidende Relevanz für Prozesse der dortigen Zuweisungsdiagnostik. Meist muss diese Diagnostik von einem Fachdienst eingeholt werden. Dennoch oder gerade deshalb ist es unabdingbar, sich auch in diesen Systemen zurechtzufinden, um Hilfeprozesse angemessen und kritisch mitgestalten zu können und partizipative Aspekte möglich zu machen. Zudem können an dieser Stelle bei Bedarf weitere medizinische, psychiatrische und auch sozial orientierte Abklärungen vorgenommen werden (vgl. als Beispiel für eine kritisch orientierte Vorgehensweise Gahleitner 2017 b). Biografie- und Lebensweltdiagnostik Gestaltungsdiagnostik (Heiner 2011; vgl. auch Heiner/ Schrapper 2004) ist jedoch in erster Linie eine lebens-, subjekt- und situationsnahe Diagnostik, die grundlegende fallverstehende Aspekte der Biografie und Lebenswelt zusammenträgt. Biografie und Entwicklung eines Menschen bieten daher einen wichtigen Referenzrahmen für die Diagnostik, gerade im stark von Multiproblemlagen gekennzeichneten Kinder- und Jugendhilfebereich. Um diese Bedeutung entwicklungs- und biografieorientierter Prozesse einzufangen, benötigt man einen biografisch kontextualisierten und subjektorientierten Zugang. Hier bieten sich fallverstehende Modelle aus der Biografieforschung und angrenzenden Bereichen der Sozialen Arbeit an (vgl. ausführlich Gahleitner 2017 b). In der Integrativen Therapie und Beratung wird abbildungsorientiert mit dem „Lebenspanorama“ gearbeitet (vgl. z. B. Petzold u. a. 2000), Methoden der Biografiearbeit dagegen nutzen offene Anamnese- und Gesprächssituationen zwischen den Kindern und den BetreuerInnen (vgl. z. B. Fischer/ Goblirsch i. E.). Aufgrund ihrer prägenden Wirkung für die Persönlichkeit verzerren frühe Problemlagen die Erwartungen von Kindern und Jugendlichen an die Welt, an zwischenmenschliche Beziehungen und auch an sich selbst. Dafür sind sozial- und lebensweltorientierte diagnostische Instrumente ein zentrales Element. Das Ausmaß der Beeinträchtigung auf der Ebene der „Person-inder-Situation“ lässt sich z. B. sehr umfassend mit den „fünf Säulen der Identität“ aus dem Konzept der Integrativen Therapie und Beratung erheben (vgl. z. B. Petzold u. a. 2000). Die fünf Säulen der Identität - Leiblichkeit bzw. Gesundheitszustand, soziales Umfeld, Arbeit/ Freizeit/ Leistung, „materielles und kulturelles Kapital“ 151 uj 4 | 2018 Diagnostisches Fallverstehen (Bourdieu 1992) und Wertvorstellungen - werden dafür entlang der subjektiven situativen Wahrnehmung der Kinder und Jugendlichen bildlich oder sprachlich dargestellt. Jede der Säulen lässt sich auf Bedarf vertiefen. Das soziale Umfeld z. B. kann neben dem hinreichend bekannten Genogramm mithilfe des sozialen oder sozio-kontextuellen Atoms (Moreno 1937/ 1989) diagnostisch erfasst werden. Damit verbildlicht man den Personenkreis, mit dem ein Individuum in einer bestimmten Lebensphase in engem emotionalem Austausch steht oder stand (vgl. weitere Verfahren der Lebensweltdiagnostik im Herausgabeband Pantuček/ Röh 2009), eventuell ergänzt um die beteiligten Institutionen und das Hilfenetzwerk. Die beziehungs- und netzwerkrelevanten Erhebungsinstrumente erfassen zudem den aktuellen Stand der Verarbeitung der ehemals erlebten Bindungserfahrungen. An dieser Stelle berührt das sozio-kontextuelle Atom das Bindungsinterview (AAI; Gloger-Tippelt 2001). Das Interview wird im Volldurchlauf durch 18 Fragen strukturiert, lässt sich jedoch leicht in narrative Erzählsequenzen rund um die Erhebung des sozio-kontextuellen Atoms integrieren, die wertvolle Informationen über die Ursprungsfamilie und weitere wichtige Umfeldpersonen abbildet. Im Vordergrund steht bei der Auswertung der Erzählsequenzen zu wichtigen Bindungspersonen neben den erzählten Inhalten die Art und Weise, wie über die Erfahrungen erzählt wird, um daraus Rückschlüsse auf Bindungsformen zu ziehen (vgl. Gahleitner 2017 b). Koordinaten psychosozialer Diagnostik und Intervention In ihrer Summe jedoch muss Diagnostik - bei aller Komplexitätsanforderung - auf eine Strukturierung der komplexen Informationen hinauslaufen, die die Dimensionen Individuum und soziale Umwelt sowie die Dimensionen Defizite und Ressourcen möglichst umfassend, aber auch prägnant ausweist (Pauls 2004/ 2011). Umgebung Koordinaten psychosozialer Behandlung von Nathalie Person Stressoren, Belastungen, Defizite Stärken und Ressourcen ➤ schlechter sozioökonomischer Status ➤ hochtraumatisches geschlossenes Gewaltsystem ➤ Alkoholabusus Vater und Mutter ➤ geminderte Lernfähigkeit bei allen Kindern ➤ im Gewaltsystem eingeschlossene Mutter ➤ Geschwisterrivalitäten ➤ unsicher-vermeidende Bindung und desorganisierte Bindungsanteile ➤ komplexe PTSD ➤ kein prägnantes Selbst- und Identitätserleben ➤ geringe kognitive Fähigkeiten (Schule! ) ➤ undifferenzierter emotionaler Ausdruck ➤ mangelnde Selbstregulation, Psychosomatik ➤ Bindungsressourcen (Großvater, Geschwister, positiv besetzte emotionale Familienszenen) ➤ kommunikative Kompetenzen des Vaters ➤ partielle Erziehungskompetenz der Eltern ➤ engagiertes Hilfesystem ➤ Haustiere ➤ keine desorganisierte Bindung in größerem Umfang ➤ Beziehungsfähigkeit, Freundinnen ➤ Kreativität, Liebe zu Tieren ➤ Ausbildungsplatz, Tagesstruktur ➤ positiver Wertebezug(! ) - Zukunftspläne Nathalie, 16 Jahre Älteste von 4 Geschwistern, geschütztes Ausbildungssetting, häusliche Gewalterfahrung Abb. 3: Koordinaten psychosozialer Behandlung von Nathalie (vgl. Gahleitner 2017 b, 99) 152 uj 4 | 2018 Diagnostisches Fallverstehen Die „Koordinaten psychosozialer Diagnostik und Intervention“ (ebenda) ermöglichen im Rahmen einer Mehrebenen-Diagnostik eine systematische Problem- und Ressourcenanalyse auf der Basis unterschiedlicher, sich ergänzender - in den vorherigen Abschnitten dargestellter - diagnostischer Daten. Dadurch werden sie zu mehr als einem weiteren Instrument, nämlich zu einem strukturierenden und ordnenden Orientierungsmodell für die gesamte Interventionsplanung. Aus diesem Diagramm der „Koordinaten psychosozialer Diagnostik und Intervention“ lässt sich schließlich mühelos die Interventionsplanung ableiten. Aus den einzelnen Punkten kann eine Reihe von Interventionsimpulsen erarbeitet werden, die jeweils Ressourcen stärken und Defizite abbauen helfen. Aus diesen - zunächst ungeordneten - Interventionsimpulsen werden in einer Fallbesprechung unter Einbeziehung von Nathalie die Impulse nach Prioritäten sortiert. Als Ergebnis liegt ein gut strukturierter und systematisch erstellter Hilfeplan vor (Abb. 3; vgl. ausführlich Gahleitner 2017 b). Ausblick Das Vorgehen erweist sich als eine Integration unterschiedlicher Herangehensweisen der Diagnostik und des Fallverstehens im Kinder- und Jugendhilfebereich. Es unterstützt die Hilfeplanung und erlaubt einen flexiblen Umgang mit verschiedensten diagnostischen Instrumenten. Insgesamt ermöglicht es die dialogisch angelegte Klärung der Frage, welche Hilfebereiche bearbeitet werden sollten: mit welchen Ressourcen der beiden Dimensionen Person und Umfeld bei den AdressatInnen gearbeitet werden kann und welche Defizite auf die Notwendigkeit von spezifischer Unterstützung der Kinder und Jugendlichen und ihres Umfeldes verweisen. Betrachtet man die Anforderungen im Überblick, erscheint das Verfahren zunächst recht aufwendig. Der Gesamtdurchlauf lässt sich jedoch sehr kreativ abwandeln und den jeweiligen Umständen entsprechend gestalten. Viel bedeutsamer jedoch ist die Tatsache, dass zahlreiche Einrichtungen längst mit vielen dieser Methoden ihren Betreuungsalltag gestalten, jedoch seltener diese Investition in der Hilfeplanung gezielt und strukturiert „verwerten“. Insofern ist das Verfahren ein Plädoyer für ein „Zuschneiden“ des allgemein gehaltenen Systems auf die jeweiligen Einrichtungsbedarfe und damit auch ein Plädoyer für die eigenständige, aber dennoch theoriegeleitete Entwicklung eines sinnvollen Vorgehens. Statt einer häufig in der Praxis rein „intuitiven“ oder routiniert formale Kategorien abfragenden Diagnosestellung kann im optimalen Fall auf diese Weise eine systematische subjekt- und kontextberücksichtigende „psychosoziale Diagnose“ und Interventionsplanung gewonnen werden. Die gewonnenen Erkenntnisse aus dem diagnostischen Gestaltungsprozess sind zudem nicht nur Grundlage und Ausgangspunkt für eine dialogisch strukturierte Fallerkundung und für ein Fallverstehen - und damit die Gestaltung der Intervention -, sondern der diagnostische Prozess stellt bereits selbst eine dialogische Begegnungs- und Veränderungskonstellation dar. Dialogisch und prozessual orientiert, fördert diese Form der Diagnostik damit Selbstaneignungsprozesse, wirkt (un)sozialen Chancenstrukturen, Exklusionsprozessen und psychosozialen Beeinträchtigungen entgegen. Der Stand der Entwicklung der Sozialen Diagnostik zeigt daher: Es ist viel erreicht, aber „Soziale Diagnostik gehört zu den zentralen Aufgaben Sozialer Arbeit und ist zugleich ein unabgeschlossenes Großprojekt, das auf verwandte psychosoziale Arbeitsfelder ausstrahlt“ (Buttner u. a. i. E.). Prof. Dr. Silke Birgitta Gahleitner Alice Salomon Hochschule Alice-Salomon-Platz 5 12627 Berlin Tel: +49-1 75-2 42 23 15 E-Mail: silke.gahleitner@icloud.com Website: www.gahleitner.net 153 uj 4 | 2018 Diagnostisches Fallverstehen Literatur Ader, S., Schrapper, C. (i. E.): Fallverstehen und sozialpädagogische Diagnostik - ein Konzept für die Fallarbeit in der Kinder- und Jugendhilfe. In: Buttner, P., Gahleitner, S. B., Hochuli Freund, U., Röh, D. (Hrsg.): Handbuch Soziale Diagnostik. Deutscher Verein, Berlin Bayerisches Landesjugendamt (Hrsg.) (2009): Sozialpädagogische Diagnose. Arbeitshilfe zur Feststellung des erzieherischen Bedarfs. Neuauflage. Bayerisches Landesjugendamt, München Bourdieu, P. (1992): Schriften zu Politik & Kultur. Bd. 1: Die verborgenen Mechanismen der Macht. VSA, Hamburg Buttner, P. (2010): Diagnostische Ansätze, Verfahren und Instrumente - eine Orientierung für die Soziale Arbeit. 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