eJournals unsere jugend70/4

unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Rezension: Jan Kuhl/Nils Euker (Hrsg.), 2016: Evidenzbasierte Diagnostik und Förderung von Kindern und Jugendlichen mit intellektueller Beeinträchtigung

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Wilhelm Topel
Jan Kuhl/Nils Euker (Hrsg.), 2016: Evidenzbasierte Diagnostik und Förderung von Kindern und Jugendlichen mit intellektueller Beeinträchtigung 1. Auflage, Hogrefe Verlag: Bern, 312 Seiten, € 29,95
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188 uj 4 | 2018 Rezensionen Jan Kuhl/ Nils Euker (Hrsg.), 2016: Evidenzbasierte Diagnostik und Förderung von Kindern und Jugendlichen mit intellektueller Beeinträchtigung 1. Auflage, Hogrefe Verlag: Bern, 312 Seiten, € 29,95 In wissenschaftlichen Abhandlungen in der Medizin, Psychologie und Pädagogik, aber auch in der praktischen Arbeit setzt sich immer mehr die Bezeichnung „evidenzbasiert“ durch, um damit zu unterstreichen, dass klientenorientierte Entscheidungen und Hilfsmaßnahmen auf einer empirisch nachgewiesenen Wirksamkeit beruhen sollten, um eine effektive Unterstützung (Therapie) zu ermöglichen. Auch in der Sozialen Arbeit ist das Bemühen erkennbar, mittels einer empirischen Wirksamkeitsforschung die Qualität von Diagnostik und Förderung zu verbessern. Anregungen dafür können auch die verschiedenen sonderpädagogischen Fachrichtungen liefern, zumal diese es häufig mit den gleichen Zielgruppen und ähnlichen Problemen zu tun haben. Die Herausgeber der vorliegenden Schrift möchtenmitden Beiträgender14Autoren(Sonderpädagogen, Psychologen) zum Thema Evidenzbasierung in der pädagogischen Arbeit mitintellektuell beeinträchtigten Kindern und Jugendlichen den aktuellen Diskussionsstand transparent machen. Unter intellektueller Beeinträchtigung (Intellectual Disability) verstehen sie eine erhebliche Einschränkung der Intelligenzleistungen (IQ < 70) und des adaptiven Verhaltens (schulrechtlicher Begriff: Förderschwerpunkt geistige Entwicklung). Zahlreiche Literaturangaben, Tabellen und Abbildungen fordern zur vertiefenden Auseinandersetzung mit den aufgeworfenen Fragestellungen auf und veranschaulichen zugleich theoretische Aussagen. Gewiss kann die Evidenzbasierung in den sonderpädagogischen oder sozialpädagogischen Handlungsfeldern nicht ein Allheilmittel des pädagogisch-psychologischen Agierens sein, vielmehr geht es um Prinzipien und Regeln, die zur Verbesserung der praktischen Arbeit beitragen können. Darauf wird auch im Teil I des Buches aufmerksam gemacht, in dem zur Kritik und den Grenzen des Konzepts Stellung genommen wird (Kapitel 1: Gefahr eines positivistischen und technologischen Wissenschaftsverständnisses). Trotz dieser Bedenken sollten jedoch nicht die vielfältigen Nachteile übersehen werden, die durch fehlende empirische Grundlagen hervorgerufen werden. Kriterien für die Beurteilung der Evidenz und die Hinweise auf Spezifika des evidenzbasierten Handelns bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung sind eine wertvolle Hilfe für die praktische Umsetzung des Konzepts. Im Gegensatz zu den theoretischen Ableitungen gemäß der geisteswissenschaftlichen Tradition der deutschen Pädagogik betonen die Autoren zu Recht die Bedeutung empirischer Befunde für die Effektivität des Unterrichts und der Förderung. Sie verweisen auf Prinzipien, die bei Menschen mit Intelligenzminderleistungen beachtet werden sollten (Kapitel 2: Entwicklungs-, Ressourcen- und Lebensweltorientierung). Nach den beiden grundlegenden und einführenden Kapiteln befasst sich Teil II (Kapitel 3 - 10) mit unterschiedlichen Förder- und Unterrichtsbereichen. Für Sozialarbeiter und Sozialpädagogen dürften insbesondere die Kapitel 8 (Diagnostik und Förderung sozial-adaptiver Kompetenz), 9 (Diagnostik und Intervention bei problematischen Verhaltensweisen) und 10 (Diagnostik und Förderung des Autismus) von Interesse sein. In ihnen kann gezeigt werden, wie auf der Basis eines fundierten diagnostischen Instrumentariums eine zielgerichtete Förderung und Intervention möglich ist. Überzeugend wird die Notwendigkeit der empirischen Forschung nachgewiesen. Obwohl einerseits uj 4 | 2018 189 Rezensionen der Ansatz einer evidenzbasierten Praxis in der Geistigbehindertenpädagogik noch nicht weit verbreitet ist und diverse Schwierigkeiten bestehen (geringe Reliabilität und Validität einiger Diagnoseverfahren, Erschwernisse bei der Inklusion von Schülern mit schwerer intellektueller Beeinträchtigung oder die dürftige nationale Forschungslage zu Problemverhaltensweisen bei Kindern mit intellektueller Beeinträchtigung), können andererseits wichtige Empfehlungen für die künftige Forschung, die Förderung und Intervention gegeben werden. Alles in allem: Obgleich der Fokus dieser Schrift auf Kinder und Jugendliche mit intellektueller Beeinträchtigung gerichtet ist, gilt doch der Anspruch, die tägliche pädagogisch-psychologische Tätigkeit mehr auf der Grundlage verlässlicher empirischer Erkenntnisse durchzuführen, auch für andere Fachgebiete, beispielsweise die Soziale Arbeit. Die Darlegungen der Autoren können dafür Denkanstöße geben. Dr. habil. Wilhelm Topel, Leipzig DOI 10.2378/ uj2018.art29d