unsere jugend
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Rezension: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e. V. (Hrsg. 2015):Wie ist der Jugendhilfe zu helfen? - Vorschläge von Harald Tornow
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Mathias Schwabe
Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e. V. (Hrsg. 2015): Wie ist der Jugendhilfe zu helfen? – Vorschläge von Harald Tornow 1. Auflage, Lambertus-Verlag, Freiburg, 96 Seiten, € 7,50
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uj 6 | 2018 283 Rezension Das Büchlein „Wie ist der Jugendhilfe zu helfen“ ist in der Reihe „Soziale Arbeit kontrovers“ des „Deutschen Vereins“ erschienen. Als 12. Bändchen einer mittlerweile auf 16 Exemplare angewachsenen Reihe stellt es sich dem Anspruch, „eine sachliche Erörterung unterschiedlicher Positionen“ vorzunehmen und dabei „Vorurteile, populistische Gemeinplätze oder Halbwahrheiten“ aufzugreifen, „auf ihre Bedeutung, Wahrheit und Relevanz“ zu untersuchen und „in eine fachlich angemessene Richtung“ zu führen (Tornow 2015, 3). In dem hier besprochenen Band wagt sich Harald Tornow gleich an den Aufriss sieben „heißer Themen“ heran, um seine Erkenntnisse am Ende in einer Vision zu bündeln. Dabei ist sein Text - wie die ganze Reihe - dicht und knapp angelegt und lässt sich in einer guten Stunde lesen. Autor Dr. Harald Tornow dürfte weit über die Diakonische Jugendhilfe und den EREV hinaus bekannt sein. Bekannt vor allem für das Evaluations- und Qualitätsentwicklungssystem „Wimes“ (siehe www.e/ l/ s-institut) und sein unablässiges Bemühen, praktische Ziele, theoretische Ansprüche und empirische Forschung eng aufeinander zu beziehen (wie zuletzt im Heimerziehungs-Abbrüche-Projekt ABiE gemeinsam mit Prof. Dr. H. Ziegler vorgeführt). Aufbau und Inhalt Tornow’s Büchlein ist in einer brillanten, immer verständlichen Prosa geschrieben. Es versammelt viele wichtige Themen, die derzeit an unterschiedlichen Orten der Jugendhilfe oft getrennt voneinander diskutiert werden. Dabei hat der Autor bereits 2015 einiges an Spannungen und Kontroversen vorweg gesehen, was im Sommer 2016 in Gestalt des „Referentenentwurfs“ wie vom Himmel herabzufallen schien. Insbesondere betreffen seine Fragen und Thesen ➤ unseren Umgang mit unabweisbarer Komplexität (ebd. 11ff ) ➤ unser notwendiges Schwanken zwischen Vertrauen und Kontrolle ➤ unseren Drang, Verfahren und Instrumente jeweils vor Ort erfinden zu wollen, statt sie zu standardisieren und vergleichbar zu machen (ebd. 19ff ) ➤ die Notwendigkeit, die Gesetze der Wahrscheinlichkeitsrechnung zur Kenntnis zu nehmen (ebd. 23ff ) ➤ die Bestimmung von Sozialer Arbeit als „Handwerk“ im Sinne von Richard Sennett (ebd. 32ff ) ➤ den Wert und die Grenzen von Analogiebildungen (ebd. 37ff ) ➤ das Spannungsfeld zwischen Planung und Evolution (Selbstentwicklung) von Systemen (ebd. 43ff ). Die sieben pointierten Aufrisse - mehr ist auf so knappem Raum nicht zu leisten (aber ein breiter angelegtes Buch ist im Entstehen) münden in die „Vision einer transparenten, effektiven und effizienten, kundenorientierten Dienstleistungsjugendhilfe“. Hier vier Zitate aus den Unterkapiteln, die den Stil und die Reichhaltigkeit seiner Argumentation belegen sollen: 1. „Komplexe Systeme lassen sich nicht linear im Sinne von Wenn - Dann steuern. Sehr wohl lassen sich lebendige Systeme aber gezielt beeinflussen. Dazu braucht man ein angemessenes Wirkmodell und die Fähigkeit, mit Wahrscheinlichkeiten rechnen zu können. Eine solche „Risikokompetenz“ wäre erlernbar, wenn SozialarbeiterInnen ihre Aversion gegen Statis- Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Hrsg. 2015): Wie ist der Jugendhilfe zu helfen? - Vorschläge von Harald Tornow 1. Auflage, Lambertus-Verlag, Freiburg, 96 Seiten, € 7,50 284 uj 6 | 2018 Rezension tik und rationale Algorithmen einmal überwinden könnten. System zu steuern heißt Bedingungen zu schaffen, die die Wirkungswahrscheinlichkeit erhöhen“ (ebd. 57). 2. „Je stärker man im Kinderschutz den Fehler vermeiden möchte, etwas zu übersehen (Sensitivität erhöhen), desto eher überreagiert man und sieht eine Gefährdung oder gar Verletzung, wo gar keine vorliegt (Spez 4. ,Je stärker man im Kinderschutz den Fehler vermeiden möchte, etwas zu übersehen (Sensitivität erhöhen), desto eher überreagiert man und sieht eine Gefährdung oder gar Verletzung, wo gar keine vorliegt‘ (Spezifität geht zurück). Bei der HzE- Bewilligung kann Ähnliches passieren. Vor lauter Angst, ein Problem zu übersehen, wird in jedem Fall eine Hilfe bewilligt. Umgekehrt wird beim Höherlegen der Schwelle für die Gewährung von Hilfen zur Erziehung der Fehler häufiger, berechtigte Leistungen zu versagen“ (ebd. 26)). 3. „Ein so komplexes System wie die Jugendhilfe kann nicht entwickelt werden, (…). Verstörende, ungeduldige und perfektionistische Interventionen sind kontraproduktiv. Allzu leicht wird Bewährtes gefährdet, werden Erfahrungen verschüttet, gehen motivierte Akteure verloren. … Es ließen sich aber Unterscheidungen treffen zwischen zufälligen tragischen Ereignissen (der chaotische, nicht planbare Teil im System) und Systemschwächen und individuell zuzurechnenden Fehlern“ (ebd.). 4. „MitarbeiterInnen der Jugendhilfe sollten klären, wann sie zu einer Zunft von Handwerkern oder zu einer Division sozialer Kontrolle oder zu einem Orden in der säkularen Kirche neuer Heilserwartungen auf ein gerechtes und selbstbestimmtes Leben gehören“ (ebd. 32). Na, Lust bekommen auf mehr? Man muss nicht allen Thesen zustimmen, die Harald Tornow formuliert. Aber die Fragen, die er aufmacht, hat in den letzten Jahren kaum einer so präzise gestellt wie er. Deswegen kann ich das Bändchen allen an übergreifenden Jugendhilfe-Diskursen Interessierten nur empfehlen. Prof. Dr. Mathias Schwabe Evangelische Hochschule Berlin E-Mail: Schwabe@eh-berlin.de DOI 10.2378/ uj2018.art43d
