unsere jugend
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Das Projekt „SToP“
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Funda Peker
Bei der Betrachtung und Bewertung von jugendlichen IntensivtäterInnen überwiegt oftmals eine kriminologische und polizeiliche Sichtweise. In diesem Beitrag wird die Arbeit des „SToP“-Teams mit diesen Kindern und Jugendlichen hingegen aus der Perspektive der praktischen Jugendhilfe beschrieben.
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473 unsere jugend, 71. Jg., S. 473 - 478 (2019) DOI 10.2378/ uj2019.art77d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel von Funda Peker Jg. 1983; Sozialpädagogin M. A., seit 2008 Leiterin des Projektes „SToP“ - Soziale Task Force für offensive Pädagogik, Geschäftsführerin von Sozius Hilfen Berlin - Institut für Jugendgewaltprävention und Perspektivenentwicklung Das Projekt „SToP“ Wie wir arbeiten und IntensivtäterInnen neue Perspektiven aufzeigen Bei der Betrachtung und Bewertung von jugendlichen IntensivtäterInnen überwiegt oftmals eine kriminologische und polizeiliche Sichtweise. In diesem Beitrag wird die Arbeit des „SToP“-Teams mit diesen Kindern und Jugendlichen hingegen aus der Perspektive der praktischen Jugendhilfe beschrieben. Einleitung Mit kaum einem Bereich der Kriminalität wird eine solche gesellschaftliche Aufmerksamkeit erzielt wie mit den sogenannten IntensivtäterInnen. Oftmals werden diese und deren (angebliche) Straftaten in den Medien dämonisiert, um die Aufmerksamkeit der LeserInnen zu gewinnen. Ein großes mediales Echo fand zum Beispiel der Fall „Mehmet“ aus München (Schöttauer 2018). Dass aber die öffentliche Wahrnehmung der Kinder- und Jugendkriminalität und der Intensivtäterschaft oftmals nicht auf fundierten Daten und Fakten beruht, zeigen exemplarisch folgende Zahlen: Der Anteil der Kinder und Jugendlichen an den Tatverdächtigen betrug im Jahr 2018 in Berlin lediglich 3,3 % beziehungsweise 7,6 %. Beim Anteil der Tatverdächtigen unter 21 Jahren gab es insgesamt einen Rückgang um 0,7 % (Polizeipräsident Berlin 2019, 26). Während es im Jahr 2015 in Berlin noch 486 IntensivtäterInnen gab, sank deren Zahl 2017 auf nur noch 437 Personen. Davon waren lediglich 44 im Kindes- oder Jugendalter (bis 18 Jahre) (Bruns 2018). Aus diesen Befunden geht hervor, dass Stigmatisierungen oftmals unbegründet sind und weder den Opfern noch der Gesellschaft helfen - auch nicht den IntensivtäterInnen. Aus diesem Grund wird in diesem Beitrag beschrieben, wie sich durch eine gezielte pädagogisch-therapeutische Intervention die Situation von jugendlichen IntensivtäterInnen verbessern lässt. Dazu werden die praktischen Erfahrungen aus elf Jahren Projektarbeit auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse dargestellt. Der Begriff „IntensivtäterInnen“ Bevor das konkrete konzeptionell-fachliche Vorgehen beschrieben werden kann, ist zunächst der Begriff „IntensivtäterInnen“ auf einer definitorischen Ebene näher zu analysieren. Dazu ist zu klären, welche besonderen Merkmale IntensivtäterInnen aufweisen. Was zeichnet sie aus? Im allgemeinen Sprachgebrauch 474 uj 11+12 | 2019 Projekt „SToP“ wird als IntensivtäterIn eine Person bezeichnet, die wiederholt und mehrfach Straftaten begangen hat ohne Berücksichtigung von deren Art, Umfang oder Intensität. Eine entsprechende Definition aus einer Fachveröffentlichung zu jugendlichen IntensivtäterInnen lautet: „Als Intensivtäter werden allgemein […] Mehrfachbzw. Wiederholungstäter bezeichnet, die in einem begrenzten Zeitabschnitt mehrfach kriminell in Erscheinung treten. Sie unterscheiden sich von den so genannten ‚intermittierenden‘, d. h. nur gelegentlichen deliktisch handelnden Rückfalltätern durch eine besonders hohe Sozialgefährlichkeit aufgrund von Art, Schwere und Häufigkeit der verübten Straftaten.“ (Hack 2011, 143) In einem Artikel von Anfang Oktober 2010 im Tagesspiegel hat Jörn Hasselmann erläutert, wie Kinder und Jugendliche zu IntensivtäterInnen werden: In einem ersten Schritt werden die Kinder und Jugendlichen zu kiezorientierten MehrfachtäterInnen (KoMT). Dies bedeutet, dass sie in ihrem sozialen Umfeld mehrmals hintereinander durch die Verübung von Straftaten auffallen. In dieser Phase sollte aus sozialpädagogischer Sicht noch die Prävention im Vordergrund stehen. Im zweiten Schritt werden die Kinder und Jugendlichen zu SchwellentäterInnen: Innerhalb eines Jahres verüben sie mehr als fünf Raubtaten. Im dritten Schritt gilt als IntensivtäterIn, wer zehn relevante Straftaten begangen hat und/ oder durch besondere Brutalität aufgefallen ist (Hasselmann 2010). Wie das „SToP“- Projekt genau mit dieser Zielgruppe arbeitet, soll nun im Folgenden dargestellt werden. Das Projekt „SToP“ - Vorgehensweise und Zielsetzung Das Projekt „SToP - Soziale Task Force für offensive Pädagogik“ wird seit dem Jahr 2008 durch die Senatsverwaltung für Jugend, Bildung und Familie in Berlin finanziert. Es ist als erste soziale Task Force in der Stadt tätig, dessen Schwerpunkt auf der Gewalt- und Kriminalitätsprävention liegt. Seit Anfang 2017 ist das „SToP“-Projekt ein Bestandteil des Berliner Präventions- und Sicherheitspakets. Es wurde als Reaktion auf den Anschlag vom 19. 12. 2016 verabschiedet und soll eine frühzeitige Integration von jungen Geflüchteten sicherstellen (Presse- und Informationsamt Berlin 2017). Die primäre Aufgabe des Projektes ist es, dem milieuspezifischen-Straßenphänomen von Delinquenz in pädagogischtherapeutischer Hinsicht zu begegnen. Das „SToP“-Team ermöglicht unter anderem einen schnellen Zugang zu den Familien der betroffenen Kinder und Jugendlichen, eine gezielte Ermittlung der aktuellen Lebenssituation und Fakten, die Erstellung einer Problemgenese, eine Elternaktivierung, die Prozessbegleitung von der Intervention bis zur Hilfeanbahnung sowie eine bedarfsgerechte Hilfeplanung und schließt hierbei die Lücke zwischen Auffälligkeit durch delinquentes Verhalten und dem Einsetzen institutioneller Hilfe. Dazu werden Kooperationen mit sämtlichen anderen Institutionen eingegangen, die aus fachlichen oder gesetzlichen Gründen ebenfalls Kontakt zu den WiederholungstäterInnen haben. Es werden für den Einzelfall professionelle Handlungsstrategien entwickelt, um den Kindern und Jugendlichen nachhaltig zu neuen Lebensformen, Zielen, Denk- und Verhaltensweisen zu verhelfen. Die Zielgruppe bilden hierbei Kinder und Jugendliche deutscher und nichtdeutscher Herkunft von 10 bis 17 Jahren und unbegleitete minderjährige Geflüchtete, die in der Vergangenheit als KoMT, Schwellen- und IntensivtäterInnen aufgefallen sind. Die IntensivtäterInnen können bis zu sechs Monate lang intensiv begleitet und betreut werden. Methodisches Vorgehen Wie kommt ein Auftrag zustande, wie kommt es, dass ein Kind oder Jugendliche/ r der Hilfe des „SToP“-Projektes bedarf? In erster Linie bedarf es der Tatsache, dass der Klient mehrere, 475 uj 11+12 | 2019 Projekt „SToP“ zum Teil schwere Straftaten in einem bestimmten Zeitraum (und in einem bestimmten sozialen Milieu) verübt haben muss. Das zuständige Jugendamt, die Personensorgeberechtigten oder der Justizapparat sehen eine Verfestigung kriminogen-pathologischer Strukturen, wollen Haft oder weitere Straftaten verhindern - und appellieren an „SToP“. Hier nun die erste Hürde: Nicht der Klient sieht einen Betreuungs-Bedarf, sondern die „Motivation“ wird an ihn „herangetragen“. Die umfangreiche Clearing-Phase in Modul 1 (zirka 4 - 6 Wochen) dient dazu, eine Arbeitsbeziehung zum Klienten und seiner Familie aufzubauen, sich ein Bild über die Konstellationen, Rahmenbedingungen und das Beziehungsgeflecht der Familienmitglieder zu machen, den Widerstand zu konterkarieren und eine gewisse Einsicht bei ihm/ ihr zu wecken. Je nach der Intensität des Falles werden gerade in der Primärphase des Fallverlaufs die Sorgeberechtigten sowie die Kinder und Jugendlichen mindestens zweimal in der Woche kontaktiert. Für die Task Force Manager heißt dies, dass insbesondere die Eltern intensiv betreut und beraten werden müssen (z. B. durch Betreuungs-Verträge und deren zeitnahe Überprüfung, muttersprachlichen Zugang, Information/ Beratung über gesellschaftliche Hilfesysteme usw.), sodass den Kindern und Jugendlichen ein klares Zeichen gesetzt wird. Unserer Erfahrung nach ist unsere Hilfe umso erfolgversprechender (d. h. Reduktion delinquenter Handlungen), je engagierter sich die Personensorgeberechtigten auf unser Projekt bzw. Hilfe „einlassen“. Neben der Elternarbeit werden in den ersten Tagen der Betreuung alle Institutionen, welche für den Fall bzw. im Leben dieser Zielgruppe eine Rolle gespielt haben, kontaktiert. Hierzu zählen primär die Schule, freie Träger (Familienhelfer, Migrationsverbände, Freizeiteinrichtungen etc.) und der justitiare Apparat (JGH, Bewährungshilfe, Polizei, Staatsanwaltschaft, Jugendrichterschaft). Ziel dieser Maßnahme ist es, Informationen zusammenzutragen und in der Folge dem Jugendamt zuzuführen. Nach dem Clearing erfolgt ein Kurzbericht an das Jugendamt. In der Modul-2-Phase der Betreuung wird versucht, mit intensiven Einzel- und Gruppen-Settings eine kontinuierliche Arbeitsbeziehung zu den Kindern und Jugendlichen zu schaffen (Klienten-Einzelgespräche, Familiengespräche, Hausbesuche), die Einbindung der Jugendlichen in den Sozialraum (Migrationsverbände, Freizeiteinrichtungen, Sportvereine etc.) zu stärken bzw. neue Ziele zu erarbeiten. Darüber hinaus werden in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt, Schulen und freien Trägern Hilfekonferenzen initiiert, um die erfolgten Maßnahmen auf ihre Effizienz zu überprüfen und/ oder Optimierungspotenziale im Verfahrensablauf bzw. im Fallverlauf aufzuzeigen. Schwierigkeiten treten auf, wenn deviant/ delinquente Kinder noch nicht strafmündig sind: es ist äußerst schwer in diesen Fällen, noch nicht erlebtes, emotionales Leid verbal-kognitiv an die Klienten heranzutragen. Daher wird eine Form konzentrierter Zusammenarbeit mit den Eltern, der Polizei, dem Jugendamt und/ oder den freien Trägern angestrebt und eine kindgerechte Art der Betreuung verfolgt. Es soll ihnen - z. B. durch erlebnispädagogische Angebote - aufgezeigt werden, dass ein Leben jenseits delinquenter Subkulturen existiert, sich lohnt - und vor allem Spaß machen kann. Die Ablösungsphase der Betreuung dient der Erarbeitung von Zielen nach der Betreuungszeit, verstärkter Einzel- und Familiengespräche, der Initiierung einer abschließenden Hilfeplan-Konferenz mit den beteiligten Instanzen und der Erarbeitung eines Anamneseberichtes an das Jugendamt, welche finale Erkenntnisse im vorliegenden Falle beinhaltet und in einer Empfehlung zu Anschlusshilfen (HzE-Maßnahmen) mündet. Erkenntnisse aus der Praxis und Empfehlungen für die praktische Jugendhilfe Seit der Initiierung des „SToP“-Projektes im Jahr 2008 wurden im Zeitraum vom 2008 bis 2018 insgesamt 536 Kinder und Jugendliche betreut. Davon waren ungefähr 38 % unbegleitete Min- 476 uj 11+12 | 2019 Projekt „SToP“ derjährige Ausländer (UMA), deren Anteil seit dem Jahr 2012 kontinuierlich ansteigt. Die häufigsten Herkunftsländer der 536 Kinder und Jugendlichen waren: Libanon (75 jugendliche IntensivtäterInnen), gefolgt von Ländern aus der ehemaligen Sowjetunion (57), Türkei (38), Marokko (20), Afghanistan (18) und Bosnien (14). Der Anteil der Kinder und Jugendlichen ohne Migrationshintergrund liegt bei ca. 7 % (33), das Durchschnittsalter der betreuten jugendlichen IntensivtäterInnen betrug in der Vergangenheit 15 Jahre, bei einer Altersspanne von 10 bis 17 Jahre. Geschlechtsspezifisch lag der Anteil der weiblichen Kinder und Jugendlichen bisher bei circa 2,5 % (vlg. zu diesen Daten EL Ghabra & Peker 2018). Eine grundlegende Erkenntnis aus der Arbeit mit der Zielgruppe ist, dass der Terminus „IntensivtäterInnen“ bereits einen Lösungsansatz für die Problematik enthält - und dies sowohl in diagnostischer als auch in betreuungsbezogener Hinsicht. Denn im juristisch-administrativ beziehungsweise kriminologisch benannten „Symptom“ der Intensivtäterschaft offenbart sich nicht nur ein sozio-pathologisches Syndrom, sondern vor allem eine psychopathologische Herausforderung. Diese ist häufig multifaktoriell bedingt - und erfordert daher für ihre Bewältigung multiprofessionelle und intensive pädagogische und therapeutische Interventionen. Grundsätzlich zeigen die bisherigen Praxiserfahrungen, dass es den Betroffenen häufig schwerfällt, sich auf eine herkömmliche Weise dem Hilfesystem zu nähern. Die Folge: Bei jugendlichen IntensivtäterInnen entsteht eine gewisse nonchalante, angstfreie Einstellung gegenüber dem deutschen repressiven System (etwa richterlichen Weisungen, Jugendarrest oder Jugendhilfemaßnahmen) und dieses wird daher nicht unbedingt als Barriere oder als abschreckend wahrgenommen. Die bisherigen Erfahrungen im Hinblick auf die Durchführung und Wirksamkeit des „SToP“-Projektes wurden im Jahr 2015 in einer Studie empirisch überprüft (Bartsch & Stroppel 2015). Die Ergebnisse zeigen, dass die Jugendlichen sowie ihre Eltern die Teilnahme an dem „SToP“- Projekt als eine sehr wertvolle Unterstützungsform wahrnehmen. Sie ist geeignet, die jugendlichen IntensivtäterInnen zu einer Verantwortungsübernahme zu motivieren und sich auf positive Veränderungen einzulassen (Bartsch & Stroppel 2015, 37). Als besonders effektiv wird die Arbeit in Co-Teams bewertet. Diese Vorgehensweise bietet die Möglichkeit, die individuellen Stärken und Schwächen bei den fallspezifischen Interventionen gegenseitig auszugleichen. WeitereVorteile sind die relativ kurze Betreuungsdauer (lediglich drei bis sechs Monate) sowie die einfache Beauftragung. Es erfolge eine zügige Anbindung der betroffenen Jugendlichen, ihrer Familien und den Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe (Bartsch & Stroppel 2015, 39). Im Rahmen dieser Studie wurden auch einige Schwachstellen des „SToP“-Projektes ermittelt. Diese lassen sich zum einen in den internen Voraussetzungen sowie in den externen Kontextbedingungen finden. Hinsichtlich der internen Strukturen und Abläufe zeigt sich, dass die ambulante Intervention nicht bei allen teilnehmenden Kindern und Jugendlichen dazu beitragen kann, eine positive persönliche Entwicklung einzuschlagen. Vielmehr leistet das „SToP“-Team lediglich eine Art „Anschubmotivation“. Um einen nachhaltigen Erfolg zu sichern, müsste eine stärkere Verzahnung mit weiteren Unterstützungsangeboten erfolgen, um die extrem komplexen und psychosozialen Defizite dieser Zielgruppe in Gänze zu kompensieren. Auch kann eine Betreuung von Kindern und jugendlichen IntensivtäterInnen mit einer psychischen oder seelischen Erkrankung nicht immer geleistet werden. Dies gilt vor allem für die Zielgruppe der unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten, die häufig mit massiven Traumatisierungen auffällig werden (Bartsch & Stroppel 2015, 38). Das „SToP“- Projekt versucht auch in diesen Fällen, niederschwellig beratend, kooperierend und vernetzend für diese Zielgruppe aktivierende Hilfestellung zu leisten. 477 uj 11+12 | 2019 Projekt „SToP“ Ferner hat sich in der Arbeit mit der Zielgruppe der unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten die Erarbeitung einer realistischen Perspektive, insbesondere in schulischer und beruflicher Hinsicht als gewalt- und kriminalpräventiv erwiesen. Um dies zu erreichen, bedarf es der genaueren Untersuchung von Ursachenzusammenhängen delinquenten Verhaltens, unter besonderer Betrachtung der lebensweltlichen Bedingungen, welche ihre Sozialisation sowie ihre bisherige Persönlichkeitsentwicklung geprägt haben. Das Ziel ist es dadurch, nicht nur die Ursachen-Wirkung ihrer derzeitigen Lebenssituation zu erforschen, sondern die eigenen Fähigkeiten und Ressourcen der Zielgruppe unter Einbeziehung ihrer Umwelt konsequent in den Fokus der Betreuung zu nehmen. Auf der Ebene der externen Rahmenbedingungen kann vor allem der Mangel an alternativen tagesstrukturierenden Angeboten für jugendliche IntensivtäterInnen dazu führen, dass das Projektteam durch eine entsprechende Suche enorm beansprucht wird. Erschwert wird die Arbeit zudem durch die in vielen Schulen noch immer übliche Sanktionspraxis: Die betroffenen Kinder und Jugendlichen werden von sozialen Aktivitäten und Beziehungen der Schule ausgeschlossen. Diese soziale Ausgrenzung ist jedoch nicht förderlich für die Erreichung der Projektziele. Unterstützt wird die Sichtweise vieler Lehrkräfte und Schulleitungen außerdem durch ein gesellschaftliches Klima, in dem Kindern und jugendlichen IntensivtäterInnen nur bedingt Verständnis und Empathie entgegengebracht wird (Bartsch & Stroppel 2015, 38). Für die Zusammenarbeit mit den Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe bedeuten diese praktischen Erfahrungen und Befunde zu dem „SToP“-Projekt, dass die allgemeine Betreuungsqualität und -quantität in der Arbeit mit Schwellen- und IntensivtäterInnen sowohl auf der pädagogisch-individuellen, familiären und administrativen Ebene so intensiv und ganzheitlich wie möglich gestaltet werden sollte. Des Weiteren sind den psychopathologisch-medizinischen Komponenten (wie etwa eine hyperkinetische Störung, Minderbegabung, Entwicklungsverzögerung oder eine neurologische Diagnostik) im Hilfeprozess eine angemessene Beachtung zu schenken. Was die Einbeziehung einer größeren Anzahl an SozialarbeiterInnen und/ oder ErzieherInnen mit Migrationshintergrund anbelangt, so sollte nicht nur die ethnische Herkunft, sondern auch die Persönlichkeitsstruktur der HelferInnen eine tragende Rolle spielen (authentische Vorbilder). Der eigene Migrationshintergrund reicht allein nicht aus, um die nötigen interkulturellen Kompetenzen für eine gelungene sozialpädagogische Intervention zu vermitteln. Neben den fachlichen Kompetenzen bedarf es in der Arbeit mit dieser Zielgruppe HelferInnen mit authentischen Persönlichkeiten, um eine handlungsorientierte und tragfähige Arbeitsbeziehung zu den KlientInnen aufzubauen. Darüber hinaus hat sich der systemische Ansatz, welcher sich an der Lebenswelt der AdressatInnen orientiert, als wirkungsvoll erwiesen. Der Früherkennung in den Kitas, Schulen oder Polizei-Abschnitten sollte darüber hinaus eine herausragende Stellung in Bezug auf ihren präventiven Charakter (vom kiezorientierten zum Schwellen- und Intensivtäter) beigemessen werden. Hilfen sollten nicht erst dann einsetzen, wenn das Kind bereits „in den Brunnen gefallen“ ist. In Bezug auf einen effektiven und effizienten Hilfeprozess müssen sowohl Hürden in der Kooperation (Konkurrenzdenken zwischen den Behörden) als auch Barrieren im bürokratischen Ablauf (schnellere Umsetzung von Hilfemaßnahmen) abgebaut werden. Auch der Zugang zum „SToP“-Projekt sollte vereinfacht und in seiner partiell schwerfälligen Administrationsweise deutlich verbessert werden (etwa durch einen Runden Tisch aller beteiligten Instanzen oder auch Betreuung von SelbstmelderInnen). Funda Peker E-Mail: peker.sozius-hilfen-berlin@web.de info.sozius-hilfen-berlin@web.de 478 uj 11+12 | 2019 Projekt „SToP“ Literatur Bartsch, S., Stroppel, S. (2015): In letzter Sekunde? SToP - Soziale Task Force für offensive Pädagogik. Ein Angebot für minderjährige Mehrfachtäter/ innen. In: Lüter, A. (Hrsg.): Prävention auf dem Prüfstand. Evaluationsstudien zu Berliner Maßnahmen und Projekten gegen Jugendgewalt, 31 - 40, Berliner Forum Gewaltprävention, Nr. 57. Berlin, BFG Bruns, H. (2018): Weniger Intensivtäter. Werden Berlins böse Jungs jetzt etwa brav? Artikel vom 20. 12. 2018 auf Berliner Zeitung. In: https: / / www.bz-berlin.de/ berlin/ werden-berlins-boese-jungs-jetzt-etwa-brav, 1. 9. 2019 El Ghabra, M., Peker, F. (2018): Sachbericht 2018 des Modellprojektes SToP. https: / / milaa-berlin.org/ wpcontent/ uploads/ 2019/ 03/ 2018_Sachbericht-SToP- Projekt.pdf Hack, W. (2011): Intensivtäter aus jugendpsychiatrischer Sicht. In: A. Boeger (Hrsg.), Jugendliche Intensivtäter. Interdisziplinäre Perspektiven. VS, Wiesbaden, 141 - 172, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-531-93017- 6_7 Hasselmann, J. (2010): Drei Schritte zum Intensivtäter. Artikel vom 8. 2. 2010, Tagesspiegel online. In: https: / / www.tagesspiegel.de/ berlin/ typologiedertaeterdrei-schritte-bis-zum-intensivtaeter/ 1678208.html, 2. 8. 2019 Polizeipräsident Berlin (2019): Polizeiliche Kriminalstatistik Berlin 2018. Kurzüberblick. https: / / doi.org/ 10. 5771/ 0170-5067-2010-3-11 Schöttauer, G. (2018): Fall Mehmet. Ex-Intensivtäter träumt 20 Jahre nach Abschiebung von Rückkehr nach Bayern. In: https: / / www.focus.de/ politik/ sicher heitsreport/ spaete-reue-eines-serien-kriminellenpruegel-kind-mehmet-habe-grossen-mist-gemacht_ id_9892599.html. 1. 8. 2019
