unsere jugend
4
0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2019.art18d
4_071_2019_3/4_071_2019_3.pdf31
2019
713
Emotionen, Frustration und Belastungserleben von Fachkräften in der Kinder- und Jugendhilfe
31
2019
Hannelore Reicher
Das Handlungsfeld der Kinder- und Jugendhilfe erfordert ständige Beziehungs- und Gefühlsarbeit. Wie sieht die empirische Befundlage zum emotionalen Belastungserleben der Fachkräfte aus? Welche Rolle spielen hier ungünstige Arbeitsbedingungen als Risikofaktoren für Frustrationserleben bis hin zum Burnout? Und welche Implikationen für Prävention und Praxis ergeben sich daraus?
4_071_2019_3_0004
105 unsere jugend, 71. Jg., S. 105 - 111 (2019) DOI 10.2378/ uj2019.art18d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel von Hannelore Reicher Jg. 1965; Professorin am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft, Arbeitsbereich Sozialpädagogik der Universität Graz Emotionen, Frustration und Belastungserleben von Fachkräften in der Kinder- und Jugendhilfe Das Handlungsfeld der Kinder- und Jugendhilfe erfordert ständige Beziehungs- und Gefühlsarbeit. Wie sieht die empirische Befundlage zum emotionalen Belastungserleben der Fachkräfte aus? Welche Rolle spielen hier ungünstige Arbeitsbedingungen als Risikofaktoren für Frustrationserleben bis hin zum Burnout? Und welche Implikationen für Prävention und Praxis ergeben sich daraus? Emotionen, Frustration und Belastungserleben im beruflichen Kontext Emotionen: In der aktuellen psychologischen Forschung werden Emotionen als „bewegende Erfahrung“ (Becker-Carus/ Wendt 2017, 240), beschrieben, die sich auf drei Ebenen manifestieren: ➤ Der körperlich-physiologischen Ebene ➤ Der kognitiven Ebene mit dem subjektiven Erleben und dessen kognitiver Interpretation ➤ Der motorischen-handlungsbezogenen Ebene mit Verhalten, Ausdruck und Handlungstendenz „Emotionen sind körperlich-seelische Reaktionen, durch die ein Umweltereignis aufgenommen, verarbeitet, klassifiziert und interpretiert wird, wobei eine Bewertung stattfindet“ stellt Hülshoff (2012, 13) fest. Emotionen bilden also ein mehrdimensionales Geschehen ab, bestimmen unser Denken und Handeln und haben soziale Wirkungen. Sie sind integraler Bestandteil menschlichen Erlebens und sind auch im beruflichen Alltag präsent. Frustration: Unter Frustration wird ein spezifischer emotionaler Zustand bei Versagens-, Enttäuschungs- oder Misserfolgserlebnissen aufgrund unbefriedigter, nicht zu befriedigender oder enttäuschter Erwartungen verstanden (Spektrum der Wissenschaft o. J.). Das Nichtberücksichtigen bzw. die Frustration der zentralen psychologischen Grundbedürfnisse - Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit - wird in der neueren arbeits- und organisationspsychologischen Fachliteratur mit erhöhtem Stresserleben, Motivationsverlust, in weiterer Folge auch mit emotionaler Erschöpfung und erhöhten Fehlzeiten in Verbindung gebracht. Dieses Modell der Selbstbestimmung von Deci 106 uj 3 | 2019 Frustration und Belastungserleben von Fachkräften und Ryan wurde ursprünglich im Kontext der Lernmotivation von SchülerInnen entwickelt und wird neuerdings als makrotheoretische Perspektive auch auf die Motivation im Arbeitsleben übertragen (Deci u. a. 2017). Auch Job- Unsicherheit verletzt die psychologischen Grundbedürfnisse und kann zu Frustrationen und damit verbunden emotionaler Erschöpfung und Energieverlust führen (Elst u. a. 2012). Belastungserleben im beruflichen Kontext: Erhöhtes Belastungserleben im beruflichen Kontext kann bis zum Burnout führen. In den Modellen zur Entstehung von Burnout spielen personenbezogene Stressoren (hohe Leistungserwartungen, hohe Involviertheit in die Arbeit) und organisationale Stressoren (Rollenkonflikte, Rollenüberlastung, Häufigkeit, Länge und Intensität persönlicher Kontakte sowie hohe Erwartungen des Unternehmens, mangelndes Feedback oder mangelnde Autonomie) eine wichtige Rolle. Kernsymptome des Burnout- Syndroms sind emotionale Erschöpfung, Depersonalisierung und reduzierte Leistungsfähigkeit. Folgende Gemeinsamkeiten eines Burnout-Geschehens können identifiziert werden (Kauffeld/ Hoppe 2014): ➤ Eine hohe Motivation zu Berufsbeginn ➤ Frustration und Enttäuschung, da Erwartungen und Ziele nicht erreicht werden ➤ Ungünstige Arbeitsbedingungen (hohe und widersprüchliche Anforderungen, unzureichende Ressourcen) ➤ Ineffektives Bewältigungsverhalten mit prozessualem Verlauf nach längerer und erfolgloser Auseinandersetzung mit den Arbeitsanforderungen Emotionsarbeit im Handlungsfeld der Kinder- und Jugendhilfe Arlie Hochschild (2006) hat in ihrem soziologischen Klassiker „Das gekaufte Herz“ mit dem Konzept der „emotional work“ den hohen Stellenwert von Emotionen in Dienstleistungsberufen eindringlich beschrieben. Soziale Berufe zählen zu den personenbezogenen Dienstleistungsberufen. Diese beziehen sich auf Interaktionen und Beziehungsarbeit, „bei denen Ziele, Strategien und Maßnahmen zur Zielerreichung ausgehandelt werden müssen“ (Fuchs-Rechlin 2018, 701). Die Kinder- und Jugendhilfe kann als ein ausgesprochen vielfältiger sozialer Dienstleistungsbereich gesehen werden, der sich sowohl auf die öffentliche Infrastruktur zur Pflege, Erziehung und Bildung als auch auf Interventionsaufgaben und die Sicherung des Kindeswohls bezieht. Das Tätigkeitsspektrum reicht von der Förderung von Kindern in der Kindertagesbetreuung, der kommunalen Kinder- und Jugendarbeit bis zu Hilfen zur Erziehung mit stationären, teilstationären und ambulanten Angeboten. Beteiligung bzw. Mitbestimmung ist ein wichtiges Leitprinzip. Neuere Entwicklungen gehen in Richtung einer inklusiven Kinder- und Jugendhilfe mit Blickrichtung auf Diversität, wobei Verschiedenheit per se als Strukturelement von Kindheit und Jugend in der heutigen Gesellschaft in den Fokus genommen wird (Schröer/ Struck 2018). Warum ist Emotionsarbeit besonders in diesem Handlungsfeld bedeutsam? Das Tätigkeitsspektrum in der Kinder- und Jugendhilfe ist vielfältig: Unterstützung, Beratung, Hilfeplanung und -stellung und Beistand - all diese Tätigkeiten und Handlungsmuster haben eine soziale Dimension, entfalten sich auf einer professionellen Interaktionsebene und umfassen auch eine emotionale Komponente. Als Handlungslogiken in der Sozialen Arbeit werden komplexe Arbeitsbeziehungen, das Moment der Reflexion sowie diffuse Allzuständigkeit genannt (Müller-Herrmann/ Becker-Lenz 2018, 689). Neben dem gesellschaftlichen Auftrag seitens der Politik bzw. der Gesellschaft gibt es den Auftrag der KlientInnen (doppeltes Mandat); zudem geht es um die berufsethischen Grundlagen, die auftretende Konflikte zwischen Kontrolle und Hilfe in den Blick nehmen (triple Mandat). 107 uj 3 | 2019 Frustration und Belastungserleben von Fachkräften Empathie ist eine wichtige Voraussetzung für dauerhafte und tragfähige Beziehungen (Hülshoff 2012, 20). Fachkräfte benötigen sozialemotionale Kompetenzen; damit ist ein professioneller Umgang mit den Emotionen der KlientInnen und den eigenen Gefühlen gemeint. In der Beziehungsgestaltung gilt es, die richtige Position zwischen Nähe und Distanz zu KlientInnen zu finden, wobei sich durch Selbstbeobachtung und Reflexion die Fähigkeit zur „reflektierten Empathie“ entwickelt (Heiner 2007, 471). Auch mögliche emotionale Verstrickungen (Dörr/ Müller 2005, 233ff ) machen eine Regulation und Reflexion der eigenen Gefühle erforderlich. Hier gilt es, Phänomene der Übertragung und Gegenübertragung in den Blick zu nehmen (Dörr 2017). Ambivalenzen in den Interaktionen bzw. widersprüchliche Anforderungen machen einen professionellen Umgang mit Emotionen erforderlich. Hier kann Emotionsarbeit mit reflexiver Professionalität in Verbindung gebracht werden: „Sozialpädagogen sollen ihren Klienten ,moralische Gefühle‘ entgegenbringen und mit Engagement handeln, zugleich aber selbstkritisch die Gefühle der Klienten bis hin zu deren Affekten von eigenem Engagement unterscheiden können“ (Müller 2011, 456 zit. n. Schröder 2017, 37). Fachkräfte sind mit Paradoxien beruflichen Handelns konfrontiert, die sich vor allem in den ersten Berufsjahren in Berufsunzufriedenheit bis hin zu Burnout niederschlagen können; hier gilt es, neben dem Fachwissen auch soziale und emotionale Kompetenzen in den Blick zu nehmen (Deller/ Brake 2014, 74). Emotionen geben zudem über Beziehungsqualitäten Auskunft (Dörr/ Müller 2005, 235). Gefühle sind aber nicht nur Begleiterscheinungen oder Störvariablen (Dunkel 1988, 67), sondern Gefühlsarbeit ist mehrdimensional: Gefühle sind Gegenstand (Beeinflussung der emotionalen Befindlichkeit der KlientInnen), Mittel (Empathie) und Bedingung (im Sinne der Arbeit an den eigenen Gefühlen) zugleich. Fachkräfte sind mit emotional geladenen Themen wie Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung und Trennungen konfrontiert. Dies erzeugt emotionale Betroffenheit und erfordert einen professionellen Umgang mit den damit verbundenen Gefühlen (Angst, Traurigkeit, Wut, Ärger, Frustration, Verzweiflung, aber auch Zuneigung und Empathie). Diese „Affekte wahrzunehmen und auch auszuhalten“ (Dörr/ Müller 2005, 234) ist Teil des professionellen Anspruchs. „Soziale Fachkräfte sind dem Ziel verpflichtet, an der Durchsetzung der Grundrechte auf ein menschenwürdiges Leben und der Selbstbestimmung ihrer Klientel mitzuwirken. Der Beruf verlangt Empathiefähigkeit, Engagement und Interesse am Menschen, und die eigene Persönlichkeit kann dabei als wichtigstes Instrument gesehen werden“ betont Poulsen (2016, 15). Diese professionelle Beziehung bewegt sich zwischen angemessener Nähe und auch der notwendigen Distanz, was angesichts widersprüchlicher Anforderungen und Erwartungen nicht einfach ist. Auf die Frage, warum gerade in sozialen Berufen die Burnout-Gefahr so hoch ist, erwidert Poulsen (2016, 16): „Die Tätigkeit beinhaltet einen hohen emotionalen Faktor.“ Hohe emotionale Zuwendung und hohes Engagement werden aber wenig wertgeschätzt. „Man stößt an Grenzen, persönliche, betriebliche, gesetzliche und gesellschaftliche“ (Poulsen 2016, 16f ). Typische Stressoren sind Zeitdruck, zu hohes Tempo, zu hohe Fallzahlen, zu wenig Personal, zu große Gruppen, widersprüchliche Anforderungen, steigende Bürokratie und Dokumentationsaufwand, Konflikte im Team oder Berufsalltag. Der anfängliche Idealismus wird von Desillusionierung und Perspektivlosigkeit abgelöst. Empirische Befunde Wie sieht nun die empirische Forschungslage aus? Es kann vorweg konstatiert werden, dass die Burnout-Gefährdung im Handlungsfeld der Sozialen Arbeit hoch ist (Reicher 2018). Im Folgenden sollen exemplarisch einige Studien vorgestellt werden. 108 uj 3 | 2019 Frustration und Belastungserleben von Fachkräften Llyod u. a. (2002) kommen in ihrem Review zu Stresserleben in der Sozialen Arbeit zu dem Schluss, dass vor allem das Diskrepanzerleben zwischen Ansprüchen/ Philosophie/ Werthaltungen, den Arbeitsanforderungen und den Arbeitsbedingungen zu erhöhtem Belastungserleben führt. Supervision und Teamsupport sind dagegen ein protektiver Faktor. Fachkräfte in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern gehören zu den Berufsgruppen mit hoher Gesundheitsbelastung und Burnout-Gefährdung, folgern Allroggen u. a. (2017). Die AutorInnen betonen, dass Komplexitäten der Problemsituationen zugenommen haben und dass die Verantwortungskompetenz in Bezug auf Kinderschutz steigt. Rau u. a. (2017) untersuchen psychische Belastungen von Fachkräften in stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe basierend auf einer Online-Befragung von 426 Fachkräften mit dem Perceived Stress Questionnaire. Dabei kommen sie zu dem Ergebnis, dass es die jüngeren Fachkräfte sind, die höhere Anspannung zeigen; der Gesamtscore des Belastungserlebens generell ist vergleichbar mit dem von einer Normstichprobe Erwachsener; Termin- und Zeitdruck sowie das Anspannungserleben ist hingegen bei den Fachkräften im Sozialbereich deutlich höher (Allroggen u. a. 2017). In ihrer Dissertation befragte Steinlin-Danielsson (2016) an der Universität Zürich 319 MitarbeiterInnen in einer stationären Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung mittels Fragebogen; erfasst wurden Belastungen (Grenzverletzungen, bedrohliche Ereignisse) und Belastungserleben (Selbstwirksamkeit, Kohärenzgefühl, Selbstfürsorge). Die Ergebnisse zeigen, dass 91 % der Befragten belastende Ereignisse erlebt haben (v. a. Beschimpfungen, Drohungen und tätliche Angriffe). Die Autorin schließt aus ihren Ergebnissen, dass posttraumatische Belastungen und sekundäre Traumatisierung häufig auftreten. Bei 20 % kann auf eine Burnout-Gefährdung geschlossen werden; soziale Unterstützung sowie Selbstfürsorge korrelierte negativ mit Belastungserleben. In einer ethnografisch angelegten Studie analysierte Schröder (2017) das Verhältnis von Emotionen und professionellem Handeln in der Heimerziehung. Als Dimensionen der Emotionsarbeit werden diskursive Emotionsarbeit sowie Arbeit an den eigenen und fremden Emotionen differenziert. Emotionsarbeit hat eine Integrations- und Normierungsfunktion und kristallisiert sich in Sorge-, Hilfe-, Erziehungs- und Anerkennungsverhältnissen. Die Studie bietet sehr differenzierte Einblicke in Emotionspraktiken. Beteiligung und Mitbestimmung der Kinder, Jugendlichen und Familien sind in der Kinder- und Jugendhilfe wichtige Grundsätze. Pinkney (2009) zeigt in einer interessanten Studie aus Großbritannien, dass Angst und Stress der Fachkräfte zu Widerständen führt und Partizipation verhindern kann. Hier kann eine nicht unproblematische Verbindung zwischen dem fachlichen Anspruch an Partizipation und den Emotionen der Fachkräfte hergestellt werden. Zum Verhältnis von Partizipation und Emotion besteht weiterer Forschungsbedarf. Empfehlungen für Leitungs- und Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe Welche Konsequenzen lassen sich nun aus den vorliegenden Forschungsbefunden ableiten? Dies soll mit Bezug auf den Ansatz der Ressourcenstärkung sowie verhaltens- und verhältnispräventive Maßnahmen diskutiert werden. Stärken von Ressourcen Die Stärkung von Ressourcen für gesundheitsbezogene Prävention und Intervention kann auf verschiedenen Ebenen ansetzen (Kauffeld/ Hoppe 2014, 255): ➤ Auf der organisationalen Ebene geht es um Tätigkeitsspielräume, Qualifikationspotenziale und Partizipationsmöglichkeiten. 109 uj 3 | 2019 Frustration und Belastungserleben von Fachkräften ➤ Auf der sozialen Ebene gilt es, Unterstützung durch Vorgesetzte, ArbeitskollegInnen, LebenspartnerInnen, Familie und Freunde in den Blick zu nehmen. ➤ Ansätze auf der personalen Ebene fokussieren kognitive Kontrollüberzeugungen (Kohärenzerleben, Optimismus, Selbstkonzept in Bezug auf Kontaktfähigkeit und Selbstwertgefühl) bzw. Handlungsmuster (emotionsbezogener oder problembezogener Copingstil). Verhaltenspräventive Maßnahmen Verhaltensprävention bedeutet, dass auf einer personenbezogenen Ebene die Veränderung individueller gesundheitsbezogener Verhaltensmuster und Einstellungen angestrebt wird. In der betrieblichen Gesundheitsförderung wird zwischen Ansätzen zur Verhaltens- und Verhältnisprävention unterschieden. Die Person soll befähigt werden, mit Belastungen im Arbeitskontext erfolgreich umzugehen. Poulsen (2016) nennt hier eine Fülle von Möglichkeiten, die sie basierend auf eigenen empirischen Studien zum Thema erarbeitet und in Seminaren und Workshops mit betroffenen Fachkräften aus der Sozialen Arbeit umgesetzt hat. Ziel ist eine gesunde Selbstfürsorge, der Aufbau nützlicher Denkmuster und Verhaltensweisen, die helfen, kompetent mit beruflichen Anforderungen umzugehen. Folgende Aspekte sollen explizit genannt werden; im Buch finden sich dazu mit Bezug auf das Handlungsfeld der sozialen Arbeit auch konkrete Übungen, Reflexionsimpulse und Anregungen: ➤ Maßnahmen der individuellen Gesundheitsfürsorge: Entspannungsmethoden und Achtsamkeit, Bewegung, Schlaf, Ernährung, Pause machen und Entschleunigung ➤ Eigene Persönlichkeitsentwicklungsprozesse fördern: Grenzen setzen, „Nein“ sagen, innere Distanz, Überidentifikation erkennen, den Umgang mit der Zeit reflektieren ➤ Die Kraft von sozialen Netzwerken nutzen: im Privatleben soziale Beziehungen pflegen, Reflexionsgruppen und Selbsthilfegruppen, Engagement in Berufsvertretungen, Betriebsrat oder Gewerkschaft. Ebenso sind hier Supervisionsangebote, Teamarbeit oder kollegiale Beratung zu nennen, um „diskursive Emotionsarbeit“ (Schröder 2017, 253) zu leisten Was können Leitungspersonen tun? Mit Bezugnahme auf die Selbstbestimmungstheorie kann die Bedeutung von transformationaler Führung, Jobmerkmalen, Gerechtigkeit und Kompensationszugängen betont werden (Deci u. a. 2017). „Referred to as transformational leadership, such leaders would set an example of being engaged with work and solving problems with enthusiasm and open mindedness“ (Deci u. a. 2017, 31). Partizipative Organisationskulturen und Diskussionsräume, wertschätzende Arbeitsbeziehungen und ein gutes Teamklima sind hier wichtige Aspekte. Dabei spielen auch Abwertungsbzw. Nichtanerkennungsprozesse der Person z. B. betreffend Qualifikationen, Leistungen, Erfolgen bzw. der Profession der Sozialen Arbeit eine Rolle. Diese Prozesse von Ankerkennung und Missachtung sollen kurz anhand einer Fallstudie, die auf einer qualitativen Interviewstudie beruht, verdeutlicht werden (Behling/ Hardering 2017, 412): Bei einer weiblichen Führungskraft eines Sozialdienstes werden Emotionen in Folge von Missachtungs- und Nichtanerkennungserfahrungen in den Blick genommen. Prominent sind Enttäuschung, ein affektives Muster von Ärger und Trauer im Sinne von Erwartungsenttäuschung. Frustration wird dann erlebt, wenn Anerkennung nach einem zielgerichteten Verhalten nicht auftritt (Behling/ Hardering 2017, 412). Gezielte Missachtung und Machtdemonstrationen, vor allem seitens der direkten Vorgesetzten (zum Beispiel Abwertung aufgrund des Geschlechts, Nichteingeladenwerden zur Betriebsfeier) führten zu Wut und Frustrationserleben. Die Nichtanerkennung und die gesellschaftliche Wahrnehmung werden als belastend erlebt; in den emotionalen Reaktionen intensiver 110 uj 3 | 2019 Frustration und Belastungserleben von Fachkräften und belastender bzw. als identitätsbedrohend werden jedoch die Missachtungserfahrungen eingeordnet. Emotionen sind also nicht nur Indikator für Missachtung sowie ein Motivator für Anerkennung, sondern auch eine eigenständige Belastungsquelle, die mit einem spezifischen Selbstverständnis korrespondieren und zu einer ambivalenten Selbst-Sicht führen können, folgern die Autorinnen (Behling/ Hardering 2017, 420). Verhältnispräventive Ansätze Verhältnisprävention nimmt die Rahmenbedingungen der Arbeit in den Blick mit Bezug auf Arbeitsbedingungen, Abläufe und Aufgaben. Derzeit zeigt sich, dass atypische Beschäftigungen sowie prekäre Beschäftigung in Form befristeter Dienstverträge in sozialen Berufen häufiger sind als in anderen Berufen (Fuchs-Rechlin 2018). Beschäftigungsbedingungen sind aber auch Indikator für die Qualität der Arbeit. „So gefährden Befristung und Teilzeit prinzipiell die Kontinuität von Interaktions- und Beziehungsarbeit, die jedoch wichtige Voraussetzungen für den Aufbau stabiler und tragfähiger Beziehungen zwischen Fachkräften und Adressat_innen sind“ (Fuchs-Rechlin 2018, 710). Dass die Arbeitsbedingungen in der Sozialen Arbeit bereits stark „neoliberalisiert“ sind, konstatiert Ellen Bareis (2017, 27) in einem Streitgespräch zur Transformation Sozialer Arbeit. Stellenkürzungen sind an der Tagesordnung. Care Work wird zwar als wichtig angesehen, aber materiell und symbolisch abgewertet. Zudem ist eine schwache Lobbyarbeit bzw. ein schlechter Organisationsgrad in der Sozialen Arbeit festzustellen. Die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit kann zu einer Änderung der Funktionslogik und zu neuen Zumutungen an die Fachkräfte führen (Behling/ Hardering 2017), ebenso zu negativen gesundheitlichen Folgen (Seithe 2012). Auch der Schutz vor Gewalt in den Institutionen ist wichtig, dies impliziert Räume, Qualifizierungsmaßnahmen oder auch Angebote einer Traumafachberatung, die gegebenenfalls durch das Team in Anspruch genommen werden können (Allroggen u. a. 2017). Generell braucht es zudem einen Ausbau von systematischen Ansätzen der betrieblichen Gesundheitsförderung bzw. des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Hier wären als Varianten Gesundheitszirkel oder Gesundheitscoaching als partizipative und selbstbestimmte Zugänge zum Umgang mit den beruflichen Herausforderungen mit dem Fokus auf Gesundheit (Kauffmann/ Hoppe 2014, 258) zu nennen. Wie Rau u. a. (2017) belegen konnten, zeigen jüngere Fachkräfte ein höheres Belastungserleben. Interessant wäre in diesem Zusammenhang die Installation von Mentoring- Systemen beim Berufseinstieg. Ao. Univ. Prof. Mag. Dr. Hannelore Reicher Institut für Erziehungswissenschaft Universität Graz Merangasse 70/ II 8010 Graz Tel.: (00 43) 3 16/ 3 80-25 43 E-Mail: hannelore.reicher@uni-graz.at Literatur Becker-Carus, C., Wendt, M. (2017): Emotion. In: Becker- Carus, C., Wendt, M.: Allgemeine Psychologie. Eine Einführung. Springer, Berlin, 539 - 568, https: / / doi. org/ 10.1007/ 978-3-662-53006-1 Allroggen, M., Fegert, J. M., Rau, T. (2017): Psychische Belastung von Fachkräften in (sozial-)pädagogischen Arbeitsfeldern. Eine Übersichtsarbeit über Prävalenz, Entstehungsbedingungen, Folgen und Unterstützungsmöglichkeiten. Sozial Extra 5, 49 - 53, https: / / doi.org/ 10.1007/ s12054-017-0086-8 Bareis, E., Kessl, F., Leitner, S., Sanderman, P. (2017): Zur Transformation Sozialer Arbeit. Ein Streitgespräch. In: Bilgi, O. (Hrsg.): Widersprüche gesellschaftlicher Integration. Transformationen des Sozialen - Transformation Sozialer Arbeit. VS, Wiesbaden, 15 - 46, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-658-13769-4_2 111 uj 3 | 2019 Frustration und Belastungserleben von Fachkräften Behling, L., Hardering, F. (2017): Verweigerte Anerkennung und Emotionen in der sozialen Arbeit. Anerkennungsdynamiken im Kontext organisationalen Wandels. Soziale Passagen 9, 405 - 422, https: / / doi.org/ 10.1007/ s12592-017-0267-0 Deci, E. L., Olafson, A. H., Ryan, R. M. (2017): Self-determination theory in work organizations. The state of science. Annual Review of Organisational Psychology and Organisational Behavior 4, 19 - 43, https: / / doi. org/ 10.1146/ annurev-orgpsych032516-113108 Deller, U., Brake, R. (2014): Soziale Arbeit. UTB, Opladen Dörr, M. (2017): Nähe und Distanz in professionellen pädagogischen Beziehungen. In: Kessl, F., Kruse E., Stövesand, S., Thole, W. (Hrsg.): Soziale Arbeit - Kernthemen und Problemfelder. UTB, Opladen, 202 - 210 Dörr, M., Müller, B. (2005): „Emotionale Wahrnehmung“ und „begriffene Angst“. Anmerkungen zu vergessenen Aspekten sozialpädagogischer Professionalität und Forschung. In: Schweppe C., Thole, W. (Hrsg.): Sozialpädagogik als forschende Disziplin. Juventa, Weinheim, 233 - 252 Dunkel, W. (1988): Wenn Gefühle zum Arbeitsgegenstand werden; Gefühlsarbeit im Rahmen personenbezogener Dienstleistungstätigkeiten. Soziale Welt 39 (1), 66 - 85 Elst, T. V., Van den Broeck, A., De Witte, H., De Cuyper, N. (2012): The mediating role of frustration of psychological needs in the relationship between job insecurity and work-related well-being. Work & Stress 26 (3), 252 - 271, https: / / doi.org/ 10.1080/ 02678373.2012.70 3900 Fuchs-Rechlin, K. (2018): Beschäftigungsbedingungen in sozialen Berufen im Spiegel der amtlichen Statistik. In: Graßhoff G., Renker, A., Schröer, W. (Hrsg.): Soziale Arbeit. Eine elementare Einführung. VS, Wiesbaden, 699 - 712, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-658-15666- 4_48 Heiner, M. (2007): Soziale Arbeit als Beruf. Fälle - Felder - Fähigkeiten. Reinhardt, München Hochschild, A. R. (2006): Das gekaufte Herz. Die Kommerzialisierung von Gefühlen. Campus, Frankfurt/ Main Hülshoff, T. (2012): Emotionen. Reinhardt, München Kauffeld, S., Hoppe, D. (2014): Arbeit und Gesundheit. In: Kauffeld, S. (Hrsg.): Arbeits-, Organisations- und Personalpsychologie für Bachelor. Springer, Berlin, 241 - 264, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-642-42065-8_1 Lloyd, C., King, R., Chenoweth, L. (2002): Social work, stress and burnout: A review. Journal of Mental Health 11 (3), 255 - 265, https: / / doi.org/ 10.1080/ 096382300 20023642 Müller-Herrmann, S., Becker-Lenz, R. (2018): Professionalisierung: Studium, Ausbildung und Fachlichkeit. In: Graßhoff G., Renker, A., Schröer, W. (Hrsg.): Soziale Arbeit. Eine elementare Einführung. VS, Wiesbaden, 687 - 697, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-658-15666-4_47 Pinkney, S. (2009): Participation and emotions. Troubling encounters between children and social welfare professionals. Children & Society 25, 37 - 46, https: / / doi.org/ 10.1111/ j.1099-0860.2009.00261.x Poulsen, I. (2016): Weichen neu stellen. Ein Praxishandbuch zur Selbstfürsorge und Burnoutprävention für Fachkräfte in sozialen und pädagogischen Berufen. Books on Demand, Norderstedt Rau, T., Ohlert, J., Seidler, C., Fegert, J., Allroggen, M. (2017): Belastungen von Fachkräften in stationären Einrichtungen für Kinder und Jugendliche. Psychotherapie und Psychologie in der Medizin 67 (8), 331 - 337, https: / / doi.org/ 10.1055/ s-0043-101372 Reicher, H. (2018): Zwischen Engagement und Erschöpfung: Emotionale Anforderungen und Belastungserleben in sozialpädagogischen Handlungsfeldern. In: Kommission Sozialpädagogik (Hrsg.): Wa(h)re Gefühle? Sozialpädagogische Emotionsarbeit im wohlfahrtsstaatlichen Kontext. Beltz Juventa, Weinheim, 156 - 166 Schröder C. (2017): Emotionen und professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit. VS, Wiesbaden, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-658-18222-9_1 Schröer, W., Struck, N. (2018): Kinder- und Jugendhilfe. In: Graßhoff, G., Renker, A., Schröer, W. (Hrsg.): Soziale Arbeit. Eine elementare Einführung. VS, Wiesbaden, 115 - 131, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-658-15666- 4_9 Seithe, M. (2012): Schwarzbuch Soziale Arbeit. VS, Wiesbaden, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-531-940 27-4_4 Spektrum der Wissenschaft (o. J.): Lexikon der Psychologie: Frustration. In: https: / / www.spektrum.de/ lexi kon/ psychologie/ frustration/ 5364, 22. 10. 2018 Steinlin-Danielsson, C. (2016): Belastungen und Schutzfaktoren bei pädagogischen Mitarbeitenden in der stationären Kinder- und Jugendhilfe. Dissertation, Universität Basel. In: https: / / core.ac.uk/ download/ pdf/ 84007679.pdf, 23. 10. 2018
