unsere jugend
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0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2019.art29d
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2019
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Die Entwicklung der Integration Jugendlicher mit türkischem Migrationshintergrund
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2019
Dirk Baier
Marie Christine Bergmann
Sören Kliem
Die Integration türkischstämmiger Menschen, der größten Migrantengruppe in Deutschland, steht immer wieder im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Der Beitrag bestätigt unter Verwendung von Jugendbefragungen den unterdurchschnittlichen Integrationsstand dieser Gruppe; zugleich zeigt sich über die Jahre hinweg eine leichte Verbesserung der Integration.
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175 unsere jugend, 71. Jg., S. 175 - 185 (2019) DOI 10.2378/ uj2019.art29d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel von Prof. Dr. Dirk Baier Jg. 1976; Dipl.-Soziologe, Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention (ZHAW ) Die Entwicklung der Integration Jugendlicher mit türkischem Migrationshintergrund Ergebnisse einer Trendstudie der Jahre 2013 bis 2017 Die Integration türkischstämmiger Menschen, der größten Migrantengruppe in Deutschland, steht immer wieder im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Der Beitrag bestätigt unter Verwendung von Jugendbefragungen den unterdurchschnittlichen Integrationsstand dieser Gruppe; zugleich zeigt sich über die Jahre hinweg eine leichte Verbesserung der Integration. Türkischstämmige Menschen bilden mit einem Anteil von 14,4 % (2,8 Millionen Menschen) die größte Gruppe unter den Bürgerinnen und Bürgern mit Migrationshintergrund (etwa 19,3 Millionen Menschen) in der Bundesrepublik (destatis 2017); hiervon weisen 45,8 % (entspricht etwa 1,3 Millionen Menschen) eine eigene Migrationserfahrung auf. Aufgrund des bedeutenden Anteils von Menschen mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung überrascht es nicht, dass Fragen zur Integration und Identifikation dieser Gruppe wiederholt in Öffentlichkeit und Wissenschaft diskutiert werden. Eine Studie, die verschiedene Integrationsindikatoren in Bezug auf die Erwachsenenbevölkerung untersucht, kommt zu dem Schluss, dass „die türkische [Migrantengruppe; d. A.] weiterhin die stärksten Integrationsprobleme [aufweist; d. A.]. Dies ist im Wesentlichen auf das niedrige Bildungsniveau zurückzuführen, welches diese Zuwanderer aus ihrer Heimat mitgebracht haben […] Deshalb sind türkische Migranten auch im Erwerbsleben oft weniger erfolgreich. Im deutschen Schulsystem gelingt es den Kindern von türkischen Zuwanderern vergleichsweise selten, die Bildungsdefizite ihrer Eltern aufzuholen“ (Woellert/ Klingholz 2014, 6). Marie Christine Bergmann Jg. 1987; Soziologin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen Dr. Sören Kliem Jg. 1985; Dipl.-Psychologe, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen 176 uj 4 | 2019 Integration Jugendlicher mit türkischem Migrationshintergrund Als Integrationsindikatoren wurden in dieser Studie dabei allerdings lediglich Indikatoren der strukturellen Integration betrachtet (z. B. Bildungsabschluss, Erwerbslosenquote, Einkommen). Inwiefern Menschen mit türkischem Migrationshintergrund die deutsche Majoritätsgesellschaft wahrnehmen, an dieser partizipieren, inwieweit sie Beziehungen zu Bürgerinnen und Bürgern ohne Migrationshintergrund unterhalten und ob sie sich mit Deutschland ganz generell identifizieren, ist bei der Beurteilung dieses Integrationsstandes nicht berücksichtigt. Interessant erscheint in diesem Zusammenhang auch die Frage, wie sich die Integration türkischer Mitbürgerinnen und Mitbürger im Zeitverlauf verändert (vgl. auch Woellert et al. 2009). Im vorliegenden Beitrag liegt der Schwerpunkt auf der Integration türkischer Jugendlicher. Dabei sollen drei Fragen im Mittelpunkt stehen: 1. Welche Integrationswerte weist diese Gruppe bei verschiedenen Integrationsindikatoren auf? 2. Gibt es relevante Unterschiede der Integration im Vergleich verschiedener Subgruppen türkischer Jugendlicher? 3. Wie hat sich die Integration der türkischen Jugendlichen in den zurückliegenden Jahren entwickelt? Hierfür soll im Folgenden auf eine wiederholt durchgeführte Befragung zurückgegriffen werden, die in den Jahren 2013, 2015 und 2017 im Bundesland Niedersachen in der neunten Jahrgangsstufe durchgeführt wurde. Stichprobenbeschreibung Nachfolgend werden niedersachsenweit repräsentative Befragungen (paper-and-pencil während des Schulunterrichts) herangezogen, um Aussagen zur Integration von türkischen Jugendlichen treffen zu können. Die Befragungen beziehen sich auf Jugendliche der neunten Jahrgangsstufe (vgl. Bergmann et al. 2017; Bergmann et al. in Vorbereitung): Im Jahr 2013 wurden 9.512 Jugendliche befragt (Rücklaufquote 64,4 %), im Jahr 2015 10.638 Jugendliche (Rücklaufquote 68,5 %), im Jahr 2017 8.938 Jugendliche (Rücklaufquote: 59,2 %). Um die ethnische Herkunft allgemein sowie die türkische Herkunftim Besonderen zu bestimmen, wurden die Schülerinnen und Schüler gebeten, anzugeben, wo sie bzw. die leiblichen Eltern geboren wurden und welche Staatsangehörigkeit sie bzw. die Eltern besitzen. Sofern eine nichtdeutsche Herkunft berichtet wurde oder ein nicht-deutsches Geburtsland, zählt der Jugendliche als Schüler/ in mit Migrationshintergrund. Tabelle 1 zeigt, dass im Jahr 2013 N = 418, im Jahr 2015 N = 448 und im Jahr 2017 N = 361 türkischstämmige Jugendliche befragt wurden - dies entspricht zwischen 4,3 bis 4,5 % aller in diesen Jahren befragten Jugendlichen. Jeweils etwa die Hälfte der türkischstämmigen Jugendlichen waren männlichen Geschlechts, das Durchschnittsalter lag bei 15 Jahren. Mehr als neun von zehn Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund wurden in Deutschland geboren. Im Jahr 2013 gaben 53,5 % der türkischen Jugendlichen an, die deutsche Staatsangehörigkeit zu besitzen, 2017 waren es bereits 86,9 % (signifikanter Anstieg). Hierin spiegelt sich sicher auch eine gesetzliche Änderung: Seit der im Jahr 2014 in Kraft getretenen Neuregelung können in Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern beide Staatsangehörigkeiten behalten. Mit mindestens einem deutschen Elternteil wuchsen 2013 21,8 % der türkischen Jugendlichen auf, 2017 bereits 27,4 %. In Bezug auf das Jahr 2017 kann zudem konstatiert werden, dass Jugendliche mit einem SU- Migrationshintergrund (Länder der ehemaligen Sowjetunion) sowie Jugendliche mit einem polnischen Migrationshintergrund ebenfalls relevante Migrantengruppen darstellen (8,6 bzw. 3,1 % der Stichprobe). Daneben können mit den Daten folgende Gruppen unterschieden wer- 177 uj 4 | 2019 Integration Jugendlicher mit türkischem Migrationshintergrund den: Jugendliche aus Ländern des ehemaligen Jugoslawien, Südeuropas, Nord-/ Westeuropas, Asien und islamischen Ländern (u. a. Marokko, Algerien, Afghanistan, Syrien). Der Anteil an in Deutschland geborenen Jugendlichen ist in allen Gruppen hoch: Zwischen 70,3 und 86,1 % der Jugendlichen mit Migrationshintergrund sind in Deutschland geboren (höchster Wert: türkische Jugendliche). Im Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit sind zwischen 70,5 und 91,5 % der betrachteten Gruppen. Mit mindestens einem deutschen Elternteil wachsen zwischen 15,9 % und 77,8 % der Jugendlichen mit Migrationshintergrund auf. Ergebnisse Einstellungen zu Integration und Segregation Zunächst wird betrachtet, welche Einstellungen Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund zum Thema Integration aufweisen. Mit Esser (2000, 2001) kann zwischen vier verschiedenen Typen der Sozialintegration unterschieden werden: Migranten, die sich sowohl an der Mehrheitsals auch der Herkunftsgesellschaft orientieren und an diesen teilhaben, werden als (mehrfach) integriert (1) bezeichnet. Die Einbindung in die Mehrheitsgesellschaft bei gleichzeitiger Distanzierung von der Herkunftsgesellschaft wird mit dem Begriff der „Assimilation“ (2) beschrieben, der umgekehrte Fall als „Segregation“ (3). Akteure, die weder in die Mehrheitsnoch die Herkunftsgesellschaft eingebunden sind, gelten als marginalisiert (4). Im Rahmen der Jugendbefragung wurden die Einstellungen der Jugendlichen zu den verschiedenen Formen der Sozialintegration erhoben. Um die Einstellung zur Integration zu messen, war bspw. die Aussage „Die Leute meiner Herkunft, die in Deutschland leben, sollten ihre eigene Kultur beibehalten, sich zugleich aber auch an die deutsche Kultur anpassen“ zu bewerten. Die Segregation wurde z. B. mit der Aussage „Die Leute meiner Herkunft, die in Deutschland leben, sollten nur unter sich heiraten“ gemessen. Festgestellt werden kann, dass mehr als zwei Drittel der türkischen Jugendlichen der Integration zustimmen. Im Zeitverlauf ist allerdings ein leichter, nicht signifikanter Rückgang der Zustimmung festzustellen (von 73,8 über 70,1 auf 72,2 % Zustimmung). Gleichzeitig zeigt sich auch, dass mehr als ein Viertel der türkischen Jugendlichen Segregation befürwortet - dieser Anteil steigt von 27,3 auf 28,7 % leicht an, um dann aber im Jahr 2017 mit 26,2 % den niedrigsten Wert aller drei Erhebungsjahre anzunehmen (Veränderung ist nicht signifikant). Letztlich bedeuten diese Befunde, dass sich die Einstellungen zur Integration der türkischstämmigen Jugendlichen über die Jahre hinweg nicht verändert (und damit auch nicht verschlechtert) haben. Gleichwohl kann festgestellt werden, dass ein hoher Anteil an türkischstämmigen Jugendlichen Segregation befürwortet. Im Vergleich aller untersuchten Migrantengruppen ergibt sich die höchste Zustimmungsquote zu diesem Integrationsmodus bei türkischstämmigen Jugendlichen; bei allen anderen Gruppen variiert der Anteil zwischen 2,9 und 18,8 %. N Anteil in % Anteil männlich Durchschnittsalter in Dtl. geboren Besitz dt. Staatsang. mind. ein Elternteil dt. 2013 2015 2017 418 448 361 4,5 4,3 4,3 45,7 47,5 50,7 15.16 15.25 15.14 93,8 94,4 95,6 53,3 65,3 86,9 21,8 24,8 27,4 Tab. 1: Soziodemografische Merkmale der türkischen Befragten Fett: Unterschiede zwischen Jahren signifikant bei p < .05 178 uj 4 | 2019 Integration Jugendlicher mit türkischem Migrationshintergrund Stand und Entwicklung der Integration Die Einstellungen zu verschiedenen Formen der Sozialintegration stellen einen ersten Hinweis auf die Integration dar. Inwieweit Menschen mit Migrationshintergrund tatsächlich in die deutsche Gesellschaft integriert sind, kann nach Esser (2000, 271f; 2001, 8) anhand von vier verschiedenen Integrationsdimensionen dargestellt werden: 1. Erwerb von Sprachkenntnissen (kulturelle Integration); 2. Partizipation im Bildungssystem (strukturelle Integration); 3. interethnische Freundschaftsbeziehungen (soziale Integration); 4. emotionale Identifikation (identifikative Integration). Kulturelle Integration Ein zentraler Indikator für die kulturelle Integration sind die sprachlichen Kompetenzen, die als „Schlüssel zu allen weiteren Prozessen der Sozialintegration in das Aufnahmeland“ angesehen werden (Esser 2001, 26). Im Fragebogen wurde die sprachliche Integration der Jugendlichen in Bezug auf verschiedene Bereiche abgefragt: Die Jugendlichen sollten angegeben, welche Sprache sie überwiegend in dem jeweiligen Bereich verwenden. Die Ergebnisse zeigen, dass neun von zehn Jugendlichen mit den Freunden überwiegend deutsch sprechen - eine Veränderung dieses Anteils über die Jahre ist nicht festzustellen. Ein ebenso hoher Anteil der Jugendlichen liest Zeitschriften und Bücher in deutscher Sprache. Etwas niedriger fällt der Anteil aus, wenn die Sprache betrachtet wird, in der ein Befragter fernsieht; zudem hat es hier einen signifikanten Rückgang gegeben: Während 2013 noch 85,2 % der türkischen Jugendlichen angegeben haben, überwiegend Sendungen in deutscher Sprache zu sehen, liegt dieser Anteil 2017 bei nur noch 73,2 %. Im Gegenzug ist aber der Anteil an Jugendlichen signifikant gestiegen, die mit den Eltern deutsch sprechen (von 41,7 auf 55,3 %). Alles in allem zeigt sich daher für die kulturelle Integration keine signifikante Veränderung im Zeitverlauf: In durchschnittlich drei von vier Bereichen nutzen Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund die deutsche Sprache. Der Vergleich mit den anderen Herkunftsgruppen zeigt zugleich, dass die kulturelle Integration der türkischen Jugendlichen am niedrigsten ausfällt. Strukturelle Integration Die strukturelle Integration (auch als „Platzierung“ bezeichnet) bezieht sich auf „die Besetzung einer bestimmten gesellschaftlichen Position durch einen Akteur“ (Esser 2000, 272), die durch die Verleihung bestimmter Rechte wie der deutschen Staatsbürgerschaft oder durch die Übernahme beruflicher und anderer Positionen erfolgen kann. Die Übernahme entsprechender Positionen ist wiederum abhängig vom Durchlaufen einer Bildungskarriere (Esser 2000, 272). Inwieweit die Jugendlichen über die deutsche Staatsbürgerschaft in die bundesdeutsche Gesellschaft integriert sind, wurde bereits in Tabelle 1 gezeigt. Als Indikator für die strukturelle Integration können aber noch weitere Maße wie der Bildungsabschluss herangezogen werden. Da Jugendliche der neunten Jahrgangsstufe i. d. R. noch keinen Bildungsabschluss haben, wird an dieser Stelle auf den angestrebten Schulabschluss zurückgegriffen. Die Ergebnisse zum angestrebten Schulabschluss belegen, dass sich die strukturelle Integration der Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund verbessert hat: Der Anteil an Jugendlichen mit Förder-/ Hauptschulabschluss ist von 33,8 auf 22,4 % gefallen; gleichzeitig ist vor allem der Anteil an Jugendlichen mit angestrebtem Realschulabschluss gestiegen (von 42,8 auf 50,1 %). Allerdings gilt weiterhin, dass Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund besonders selten ein Abitur anstreben: Zwar ist der Anteil von 23,4 auf 27,5 % leicht gestiegen; bei allen anderen Herkunftsgruppen liegt der Anteil aber deutlich darüber (zwischen 30,4 und 69,7 %; deutsche Jugendliche: 49,7 %; jeweils 2017). 179 uj 4 | 2019 Integration Jugendlicher mit türkischem Migrationshintergrund Soziale Integration Die dritte Form der Integration wird von Esser als„Interaktion“ bezeichnet und bezieht sich auf Relationen, d. h. soziale Beziehungen, die Akteure miteinander eingehen (Esser 2000, 273; 2001, 10f ). Die sozialen Beziehungen können in Form von Nachbarschafts-, Freundschafts- oder ehelichen Beziehungen Gestalt annehmen. Im Fragebogen wurden interethnische Freundschaftsbeziehungen der Jugendlichen ohne bzw. mit Migrationshintergrund über egozentrierte Netzwerke erfasst (vgl. Baier/ Nauck, 2006). Für maximal fünf beste Freunde sollten die Jugendlichen das Herkunftsland angeben („Woher stammt die Person? “). Im Durchschnitt hatten im Jahr 2013 40,4 % der Freunde der Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund eine deutsche Herkunft. Im Jahr 2015 waren es bereits 43,4 %, im Jahr 2017 44,1 %. Dieser Anstieg ist dabei allerdings nicht signifikant, sodass die Zunahme lediglich als Trend zu bewerten ist. Im Vergleich aller Herkunftsgruppen ergibt sich für die Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund zugleich die niedrigste soziale Vernetzung: Der Anteil deutscher Freunde variiert für die anderen Herkunftsgruppen zwischen 45,1 und 78,6 % (Jahr 2017). Identifikative Integration Die identifikative Integration wird von Esser (2001) beschrieben als „besondere Einstellung eines Akteurs, in der er sich und das soziale Gebilde als eine Einheit sieht und mit ihm ‚identisch‘ ist“ (12). Zur Erfassung dieser Form der Integration sollten die Befragten angeben, ob sie sich selbst als deutsch, türkisch, russisch usw. wahrnehmen, wobei Mehrfachantworten möglich waren. Jugendliche, die sich (auch) als deutsch wahrnehmen, können als identifikativ integriert angesehen werden, da hierin die Verbundenheit mit der Mehrheitsgesellschaft zum Ausdruck kommt. Im Jahr 2013 gaben 34,2 % der Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund an, dass sie sich (auch) als deutsch wahrnehmen, 2015 waren es 33,3 % und 2017 37,2 %. Es zeigt sich also ein leichter Anstieg der identifikativen Integration, der allerdings statisch nicht signifikant ist. Im Vergleich aller Herkunftsgruppen ergibt sich für die türkischen Jugendlichen die niedrigste identifikative Integration; der Anteil variiert bei den anderen Gruppen zwischen 41,0 und 72,3 %. Zusammenfassende Darstellung Die einzelnen Dimensionen der Integration wurden in einen gemeinsamen Integrations- Index wie folgt zusammengeführt: Kognitive Integration: Zur Erfassung dieser Dimension der Integration wird die Sprache herangezogen, die a) zu Hause mit den Eltern gesprochen wird, b) beim Fernsehen präferiert wird, c) mit Freunden gesprochen wird und d) beim Lesen genutzt wird, wobei jeweils zwischen zwei Kategorien (1 = deutsch bzw. deutsch und andere vs. 0 = nur nichtdeutsch) unterschieden wird. Diese Werte werden aufaddiert und durch die Zahl der gültigen Werte geteilt. Strukturelle Integration: Strebt der Jugendliche einen Förder/ -Hauptschulabschluss an, gilt er als eher gering integriert und erhält den Wert 0, Realschüler/ innen bekommen den Wert 0,5, SchülerInnen, die ein Abitur anstreben, den Wert 1. Soziale Integration: Als Indikator der sozialen Integration werden die interethnischen Freundschaftsbeziehungen herangezogen, d. h. der Anteil an Freundschaften zu deutschen Jugendlichen. Dieser Anteil kann zwischen 0 und 100 % variieren. Identifikative Integration: Die Identifikation mit Deutschland lässt sich an der Selbstwahrnehmung der Migrantinnen und Migranten ablesen. Nehmen diese sich nicht als Deutsche wahr, ist von einer geringeren identifikativen Integration auszugehen (Wert 0), als wenn sie sich als Deutsche (und gleichzeitig ggf. auch als Nichtdeutsche) wahrnehmen (Wert 1). 180 uj 4 | 2019 Integration Jugendlicher mit türkischem Migrationshintergrund Aus den vier Variablen wurde ein Index gebildet (Mittelwert), wobei mindestens zu drei der vier Variablen ein gültiger Wert vorliegen musste. Zur einfacheren Darstellung wurde der Indexwert mit 100 multipliziert, sodass die entstandene Index-Variable Werte zwischen 0 und 100 annehmen kann: Je höher die Werte ausfallen, umso besser integriert ist eine Person. Wie Abbildung 1 zeigt, ist die Integration Jugendlicher mit türkischem Migrationshintergrund seit 2013 gestiegen, von 48.5 auf 53.1 Punkte - dieser Anstieg ist allerdings statistisch nicht signifikant; dies bedeutet, dass aus den vorliegenden Daten zwar ein Trend einer zunehmenden Integration Jugendlicher mit türkischem Migrationshintergrund herausgelesen werden kann, dieser Trend aber nicht ausreichend stark ausfällt, um ihn auf alle Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund Niedersachsens zu generalisieren. Insgesamt ist die Richtung aber positiv. Dass diese Entwicklung nicht selbstverständlich ist, belegt der Vergleich mit den anderen Herkunftsgruppen: Mit Ausnahme der Jugendlichen mit südeuropäischem bzw. asiatischem Migrationshintergrund zeigen sich für alle anderen Gruppen im Vergleich der Jahre 2013 und 2017 leicht rückläufige Integrationswerte. Allerdings belegt der Vergleich mit den anderen Herkunftsgruppen auch, dass die Integration der Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund derzeit noch am niedrigsten ausfällt. Erklärung des Stands der Integration Anhand der Befragung lassen sich verschiedene Variablen hinsichtlich des Zusammenhangs mit dem Integrationsindex für die Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund untersuchen. Tabelle 2 stellt die bivariaten Zusammenhänge anhand des Pearson-Korrelationskoeffizienten dar; in die Auswertungen gehen dabei alle in den Jahren 2013 bis 2017 befragten Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund ein. Neben den bereits bekannten Variablen finden sich zusätzlich Variablen, zu denen noch keine deskriptiven Auswertungen vorgestellt wurden. 90,0 80,0 70,0 60,0 50,0 40,0 30,0 20,0 10,0 0,0 Türkei: 2013 Türkei: 2015 Türkei: 2017 ehem. SU (2013: 68.6) Polen (2013: 73.5) ehem. Jugosl./ Albanien (2013: 57.0) Südeuropa (2013: 68.4) Nord-/ Westeuropa (2013: 81.5) Islamische Länder (2013: 60.4) Asien (2013: 74.7) 48,5 52,4 53,1 66,6 68,6 55,5 69,8 78,9 57,9 76,3 Abb. 1: Integrationsindex nach Migrationshintergrund (Mittelwerte) 181 uj 4 | 2019 Integration Jugendlicher mit türkischem Migrationshintergrund Werden zunächst die soziodemografischen Variablen betrachtet, so ergeben sich für zwei Variablen signifikante Zusammenhänge mit dem Integrationsindex: Jugendliche, die im Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit sind und die ein deutsches Elternteil haben, sind deutlich besser integriert als die übrigen türkischstämmigen Jugendlichen. Für alle anderen Variablen dieses Bereichs ergeben sich keine bedeutsamen Zusammenhänge. Demnach gilt für Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund nicht, dass hier geborene Jugendliche besser integriert wären oder dass eine Vereinsmitgliedschaft (z. B. Sportverein) förderlich für die Integration ist. Als bedeutsam für die Integration erweisen sich hingegen verschiedene Einstellungen. Auffallend ist dabei, dass vor allem die Befürwortung der Segregation ein deutliches Hemmnis für die Integration darstellt. Wenn die Jugendlichen selbst bzw. deren Eltern Einstellungen der Segregation aufrechterhalten, fällt der Integrationswert signifikant schlechter aus. Zu betonen ist an dieser Stelle, dass die Kausalbeziehung zwischen den Variablen nicht untersucht werden kann. Auszuschließen ist daher nicht, dass Einstellungen der Segregation auch eine Folge mangelnder Integration sein könnten. Längsschnittstudien wären zur Klärung der Kausalbeziehung daher wünschenswert. Die Segregationseinstellung der Eltern wurde mittels drei Aussagen erfasst (u. a. „Meine Eltern möchten, dass meine Freunde die gleiche Herkunft haben wie wir.“); im Vergleich der Jahre hat sich der Anteil an Jugendlichen, die ihren Eltern eine Befürwortung der Segregation zuschreiben, nicht signifikant verändert (jeweils ca. ein Drittel). Diskriminierungserlebnisse stehen in einem schwachen Zusammenhang mit dem Integrationsindex. Erfragt wurden indirekte bzw. verbale und physische Diskriminierungen. Die Jugendlichen sollten dabei in Bezug auf die zurückliegenden zwölf Monate mitteilen, wie häufig sie - weil sie keine Deutschen sind - komisch angeschaut, beim Einkauf unhöflich behandelt, abwertend angesprochen oder als Ausländer, Kanake oder Ähnliches beschimpft wurden (indirekt bzw. verbal) bzw. ob sie geschlagen und verletzt wurden, ob das Haus oder die Wohnung beschädigt wurde oder ob andere Sachen absichtlich beschädigt oder zerstört wurden (physisch). Da indirekte/ verbale Diskriminierungen recht häufig berichtet werden (ca. zwei Drittel aller Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund), wird hier nur der Anteil an Befragten mit häufigen Erlebnissen betrachtet; dieser hat sich über die Jahre hinweg nicht bedeutsam verändert (zwischen 19,3 und 23,2 %). Dies gilt auch für die physischen Diskriminierungen, von denen zwischen 3,4 und 7,8 % der türkischen Jugendlichen berichten. Gleichwohl gibt es zwischen 2015 und 2017 einen leichten Anstieg der berichteten Diskriminierungen. Der Zusammenhang mit der Integration fällt mit r = -.12 für die indirekten/ verbalen Diskriminierungen eher schwach (je eher ein Befragter diskriminiert wurde, umso niedriger ist sein Integrationswert), für die physische Diskriminierung nicht signifikant aus. Eine letzte Auswertung betrifft die Rolle der Religion. Bereits in früheren Jugendbefragungen hatte sich gezeigt, dass insbesondere eine stärkere Religiosität bei muslimischen Jugendlichen mit niedrigeren Integrationswerten einhergeht (Baier et al. 2010). Dies bestätigt sich auch in den Daten der niedersächsischen Jugendbefragung: Zum einen gilt, dass türkischstämmige Muslime signifikant schlechter integriert sind als Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund, die einer anderen Religionsgruppe bzw. keiner Religionsgruppe angehören; der Anteil der sich als Muslime einstufenden Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund sinkt dabei von 75,3 % in 2013 auf 67,1 % in 2017 (nicht signifikant). Zum anderen zeigt sich, dass eine stärkere Religiosität (unabhängig von der konkreten Religionszugehörigkeit) die Integration bei Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund senkt; der Anteil an Jugendlichen, die als religiös oder sehr religiös eingestuft werden, ändert sich dabei nicht signifikant über die Jahre hinweg (zwischen 55,8 und 62,5 %). Um die 182 uj 4 | 2019 Integration Jugendlicher mit türkischem Migrationshintergrund Religiosität zu messen, kamen vier Items zum Einsatz, die die Häufigkeit des Betens, die Häufigkeit des Gotteshausbesuchs, die subjektive Wichtigkeit der Religion im Alltag und die Wichtigkeit der Religion bei der Erziehung erfragten (Baier et al. 2010, 86). Je höher die Zustimmung Jugendlicher mit türkischem Migrationshintergrund hinsichtlich der Religiosität ausfällt, umso niedriger fällt der Integrationsindex aus - die Korrelation von r = -.47 ist die stärkste, die sich in den Analysen zeigt. Die Variablen, die einen signifikanten bivariaten Zusammenhang mit der Integration aufweisen, wurden in ein multivariates Erklärungsmodell (lineare Regressionsanalyse) aufgenommen (ohne Abbildung). Dabei bestätigen sich weitestgehend die Befunde der bivariaten Auswertungen. Der Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit sowie das Aufwachsen mit einem deutschen Elternteil gehen mit einem höheren Integrationsindex einher, wobei die Effekte im Vergleich zur bivariaten Auswertung geringer ausfallen. Als weiterhin sehr bedeutsam erweist sich die individuelle Segregationsbefürwortung (je mehr Befürwortung, desto niedriger die Integration); auch die eingeschätzte Einstellung der Eltern hat einen integrationshemmenden Einfluss, der wiederum schwächer ausfällt als dies bivariat der Fall war. Ein Unterschied zu den vorhergehenden Auswertungen ergibt sich mit Blick auf die Diskriminierungserfahrungen, die im multivariaten Modell keinen signifikanten Zusammenhang mit dem Integrationsindex aufweist. Die Befunde zur Religiosität bleiben hingegen eindeutig: Türkische Jugendliche, die nicht dem Islam angehören, weisen den höchsten Integrationsindexwert auf, sehr religiöse, muslimische Jugendliche hingegen den niedrigsten. Folgende Zusatzauswertung kann diesen Befund weiter verdeutlichen: In der Befragung 2017 lag der Integrationswert türkischstämmiger Jugendlicher bei 53,1. Religiöse bzw. sehr religiöse muslimische, türkischstämmige Jugendliche weisen dabei nur einen Wert von 46,8 auf, türkischstämmige Jugendliche, die keine Muslime sind, hingegen einen Wert von 65,3. Korrelation (r) Entwicklung 2013 - 2015 - 2017 Soziodemografie Geschlecht: männlich in Deutschland geboren Besitz der dt. Staatsangehörigkeit mind. ein Elternteil deutscher Herkunft abhängig von staatl. Transferleistungen Vereinsmitgliedschaft -.02 .06 .28*** .27*** -.07 .04 s. Tabelle 1 s. Tabelle 1 s. Tabelle 1 s. Tabelle 1 28,0 - 24,9 - 28,2 % 57,6 - 65,7 - 59,3 % Einstellungen Individuelle Einstellung: Integration Individuelle Einstellung: Segregation Individuelle Einstellung: Assimilation Segregationseinstellung Eltern .04 -.40*** .07 -.37*** 73,8 - 70,1 - 72,2 % 27,3 - 28,7 - 26,2 % 8,4 - 5,3 - 11,5 % 34,3 - 38,4 - 34,2 % Diskriminierungserleben indirekte/ verbale Diskriminierung: häufig physische Diskriminierung -.12** -.07 20,1 - 19,3 - 23,2 % 6,1 - 3,4 - 7,8 % Religion Muslim Religiosität -.35*** -.47*** 75,3 - 71,4 - 67,1 % 62,5 - 55,8 - 58,1 % Tab. 2: Korrelationen zwischen den Erklärungsvariablen und dem Integrationsindex (nur türkische Jugendliche) *** p < .001, ** p < .01 183 uj 4 | 2019 Integration Jugendlicher mit türkischem Migrationshintergrund Exkurs: Gegenseitige Wahrnehmung von deutschen und türkischen Jugendlichen Bislang wurde sich darauf konzentriert, die Erfahrungen und Einschätzungen der Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu betrachten. Diese beinhalten bspw. mit Blick auf die Freundschaftsnennungen oder die Diskriminierungserfahrungen z. T. eine Einschätzung dazu, wie einheimische Deutsche sich gegenüber türkischstämmigen Jugendlichen verhalten. Die Befragung wurde aber auch dazu genutzt, die Wahrnehmung der jeweils anderen Gruppe nicht nur indirekt, sondern auch direkt zu erheben. Hierfür wurden die deutschen Jugendlichen gebeten, einzuschätzen, als wie angenehm sie es einstufen würden, wenn eine türkische Person als Nachbar einziehen würde; parallel dazu wurden türkische Jugendliche gebeten, anzugeben, wie angenehm sie es finden würden, wenn bei ihnen ein deutscher Nachbar einzieht. Die Antwortvorgaben reichten dabei von „1 - sehr unangenehm“ bis „7 - sehr angenehm“; die Antworten 1 und 2 wurden an dieser Stelle zu „unangenehm“, die Antworten 6 und 7 als „angenehm“ eingestuft. Die Ergebnisse zu dieser Frage zeigen für deutsche wie für türkische Jugendliche, dass sich die gegenseitige Wahrnehmung verbessert. Der Anteil an Jugendlichen, die es als angenehm einstufen, wenn eine Person der anderen Herkunft einzieht, steigt im Vergleich der Jahre an - bei deutschen Jugendlichen fällt der Anstieg signifikant aus (von 28,5 auf 33,1 %), bei türkischstämmigen Jugendlichen nicht (von 62,4 auf 70,6 %). Von einer Verschlechterung der interethnischen Beziehungen kann daher nicht die Rede sein; im Gegenteil: die Wertschätzung für Mitbürgerinnen und Mitbürger mit türkischem Migrationshintergrund steigt unter deutschen Jugendlichen. Gleichwohl ist ebenfalls zu beachten, dass deutsche Jugendliche Personen mit türkischer Herkunft noch immer deutlich distanzierter gegenüberstehen, als dies umgekehrt der Fall ist. Zusammenfassung Die medialen Diskussionen der letzten Zeit haben den Eindruck entstehen lassen, dass es um die Integration der größten Migrantengruppe in Deutschland, den türkischstämmigen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, zunehmend schlechter bestellt ist, dies auch deshalb, weil die deutsche Gesellschaft immer weniger bereit ist, Integrationsangebote zu machen; stattdessen breiten sich Rassismus und Diskriminierung immer weiter aus. In diesen Diskussionen waren subjektive Meinungen verbreiteter als Ergebnisse empirischer Studien. Anliegen des vorliegenden Beitrags war es daher, erstmals systematische empirische Befunde zum Stand und zur Entwicklung der Integration Jugendlicher mit türkischem Migrationshintergrund zu präsentieren. Kann bereits unter Verweis auf vorhandene Befragungsstudien bezweifelt werden, dass die Diagnose eines zunehmenden Rassismus in der deutschen Gesellschaft korrekt ist (vgl. Baier 2018, 37f ), so geben die vorgestellten Befunde ebenfalls eher Anlass zum Optimismus als zum Pessimismus. So konnte gezeigt werden, dass Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund insgesamt nicht signifikant häufiger von Diskriminierungserlebnissen berichten; zudem nimmt die Distanz der deutschen Jugendlichen gegenüber türkischen Mitbürgern und Mitbürgerinnen ab - kenntlich gemacht anhand der Nachbarschaftsfrage. Hinsichtlich der einleitend formulierten Forschungsfragen lassen sich die Befunde wie folgt zusammenfassen: Die Integration der türkischstämmigen Jugendlichen ist über die Jahre hinweg tendenziell gestiegen und nicht gefallen. Insbesondere für die strukturelle Integration, den angestrebten Schulabschluss, zeigen sich signifikante Integrationsfortschritte. Auch bei der sozialen Vernetzung mit deutschen Freunden (soziale Integration) und der identifikativen Integration ergeben sich Verbesserungen im Zeitverlauf. Der Vergleich mit anderen Migrantengruppen ergibt dabei, dass eine Verbesserung des Integrationsstandes kei- 184 uj 4 | 2019 Integration Jugendlicher mit türkischem Migrationshintergrund ne Selbstverständlichkeit ist. Nur bei südeuropäischen und asiatischen Jugendlichen haben sich Verbesserungen der Integration im Zeitverlauf ergeben, bei den anderen Gruppen nicht. Die Vergleiche mit anderen Migrantengruppen bestätigen aber zugleich, dass Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund weiterhin als die am schlechtesten integrierte Migrantengruppe eingestuft werden muss. Alle anderen Gruppen weisen beim Integrationsindex höhere Werte auf. Dabei gilt für alle untersuchten Bereiche, dass die Integration der türkischstämmigen Jugendlichen hinter der Integration der anderen Gruppen liegt: die kulturelle Integration ist am niedrigsten ausgeprägt; der Anteil an Jugendlichen, die ein Abitur anstreben, ist bei dieser Gruppe am geringsten; der Anteil an deutschen Freunden im Freundesnetzwerk fällt bei diesen Jugendlichen am niedrigsten aus; und die Identifikation mit Deutschland hat den geringsten Wert. Weitere Anstrengungen zur verbesserten Integration sind daher ohne Zweifel nötig. Die Analyse der Einflussfaktoren der Integration gibt daneben darüber Auskunft, welche Subgruppen türkischstämmiger Jugendlicher besser, welche schlechter integriert sind. Dabei ist zunächst darauf hinzuweisen, dass hier geborene Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund nicht besser integriert sind als nicht hier geborene türkischstämmige Jugendliche, wobei gleichzeitig zu beachten ist, dass mehr als neun von zehn türkischstämmigen Jugendlichen mittlerweile der zweiten oder gar dritten Generation angehören. Ebenfalls zu erwähnen ist, dass eine Vereinsmitgliedschaft nicht ohne weiteres als Mittel der Integration zu betrachten ist, wie auch Erfahrungen der Diskriminierung für die Integration kein Hemmnis darzustellen scheinen. Als besonders bedeutsam für die Integration erweisen sich zwei Bereiche: Einerseits weisen Jugendliche, die die Segregation befürworten, niedrigere Integrationswerte auf. Hier könnte es sein, dass diese Einstellungen eine bessere Integration verhindern; gleichzeitig kann eine fehlende Integration aber auch zur Ausbildung solcher Einstellungen führen. Das Verhältnis zwischen diesen Einstellungen und der Integration ist daher noch weiter zu untersuchen. Zweitens weisen religiöse bzw. hochreligiöse türkischstämmige Muslime die schlechtesten Integrationswerte auf. Auch hier müssen weitere Studien das Verhältnis zwischen Religion und Integration genauer beleuchten, da gegenseitige Verstärkungszusammenhänge denkbar sind. In jedem Fall unterstreichen die Auswertungen aber, dass verstärkt hochreligiöse Milieus im Bereich der Integrationsarbeit erreicht werden müssten. Die Studie weist, wie die Ausführungen zu den Einflussfaktoren bereits zeigen, verschiedene Einschränkungen auf. Es handelt sich nicht um eine Längsschnittstudie, mit der es möglich wäre, Kausalzusammenhänge zu untersuchen. Es wurden wiederholt verschiedene Generationen türkischstämmiger Jugendlicher befragt, wobei die Rücklaufquote sinkt: Im Jahr 2017 wurden nur noch sechs von zehn anvisierten Jugendlichen tatsächlich befragt; dies kann sich auf die Qualität der Stichprobe auswirken. Zudem standen nur niedersächsische Personen sowie Jugendliche im Fokus der Befragung; inwieweit sich die Ergebnisse generalisieren lassen, kann mit den vorliegenden Daten nicht gesagt werden. Prof. Dr. Dirk Baier Institut für Delinquenz und Kriminalprävention (ZHAW ) Pfingstweidstr. 96 Postfach 8037 Zürich E-Mail: dirk.baier@zhaw.ch 185 uj 4 | 2019 Integration Jugendlicher mit türkischem Migrationshintergrund Literatur Baier, D. (2018): Gewalt und Radikalität - Forschungsstand und Präventionsperspektiven. Gutachten für den 23. Deutschen Präventionstag am 11. & 12. Juni 2018 in Dresden. http: / / www.praeventionstag.de/ dokumentation/ download.cms? id=2683&datei=23- DPT_Gutachten-2683.pdf Baier, D., Nauck, B. 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