eJournals unsere jugend71/5

unsere jugend
4
0342-5258
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/uj2019.art39d
4_071_2019_5/4_071_2019_5.pdf51
2019
715

Rezension: Katja Nowacki/Silke Remiorz (2017), Bindung bei Pflegekindern. Bedeutung, Entwicklung und Förderung

51
2019
Christine Köckeritz
Rezension Katja Nowacki/Silke Remiorz (2017): Bindung bei Pflegekindern. Bedeutung, Entwicklung und Förderung 1. Auflage, Kohlhammer, Stuttgart, 205 Seiten, € 36,–
4_071_2019_5_0010
uj 5 | 2019 231 Rezension Die Pflegekinderhilfe war in Deutschland über lange Zeit ein wissenschaftlich wenig beachtetes Feld der Jugendhilfepraxis. Relevante Publikationen zu entwicklungspsychologischen und rechtlichen Fragen gab es durchaus und sie fanden auch das starke Interesse von Pflegeeltern und ihren Organisationen und - lokal unterschiedlich - von Fachdiensten, aber grundsätzliche, theoretische und sogar empirisch fundierte Debatten über Hilfeplanung und unterstützende Interventionen, die die Entwicklung bundesweit akzeptierter Handlungsstandards einer guten Praxis für Pflegekinder begründet hätten, gab es nicht. Im Einzelfall war es (und ist es vielleicht immer noch? ) eine Frage der Erfahrung und Überzeugung einzelner Fachleute und ihrer Teams und eine Frage der Verfügbarkeit erfahrener Therapeuten, Gutachter und Rechtsanwältinnen, ob gute Entscheidungen für verletzbare Kinder getroffen wurden. Erst im Jahr 2011 wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend vom Deutschen Jugendinstitut e.V. (DJI) ein sehr umfangreiches Handbuch Pflegekinderhilfe publiziert, das den Anschluss an den internationalen Forschungsstand suchte und möglichst unauffällig auch darum bemüht war, das im DJI in den 80er-Jahren entwickelte, inzwischen fachlich gescheiterte Konzept der Pflegefamilie als Ergänzungsfamilie dem Vergessen zu überantworten. So wichtig umfangreiche Handbücher sind: Sie können durch die schiere Fülle des in ihnen versammelten Wissens auch entmutigen. Deshalb braucht man - zur gründlichen Einführung für Studierende oder für Fachleute, die noch nicht lange in der Pflegekinderhilfe tätig sind (man kann staatlich anerkannte Sozialarbeiterin sein, ohne im Studium je etwas über die Pflegekinderhilfe gehört zu haben) - nicht ausschließlich Rechtskenntnis (die auch, keine Frage), sondern v. a. einen konzentrierten und praxisrelevanten Überblick über die zentrale entwicklungspsychologische Frage der Pflegekinderhilfe, die für jede einzelne Hilfegestaltung bedeutsam ist: Welche Bindungserfahrungen haben Kinder, die in einer Pflegefamilie leben, schon gemacht, welche machen sie in ihrer gegenwärtigen Lebenssituation, welche Bedeutung haben diese Erfahrungen und was kann getan werden, um ihre weiteren Lebenswege günstig zu beeinflussen? Genau diese Frage ist das zentrale Thema des Buchs von Katja Nowacki und Silke Remiorz. Sechs Kapitel behandeln die Verfasstheit des Pflegekinderwesens in Deutschland und einigen anderen Ländern, die Vorerfahrungen von Pflegekindern, die relevanten Aspekte der Bindungstheorie und der Bindungsstörungen, Interventionsmöglichkeiten und schließlich einige naheliegende, die Zukunft betreffende sozialpolitische Überlegungen. Der Überblick über das Pflegekinderwesen in Deutschland gibt einen knappen historischen Einblick, um danach die wichtigsten sozial- und familienrechtlichen Regelungen darzustellen, an denen sich die Hilfe durch Vollzeitpflege hierzulande zu orientieren hat. Fragen der konzeptionellen Ausgestaltung wie Bereitschaftspflege und Dauerpflege, Besuchskontakte und Rückführungen werden kurz erläutert, sodass ein Überblick über die wichtigsten Ursachen entsteht und die tatsächlich schwierigen Fragen (etwa zum Gelingen und zu den Gefahren von Rückführungen oder zur zeitnahen Entscheidung für eine dauerhafte Unterbringung des Kindes) auch erkennbar werden. Warum das so ist und wozu Pflegeeltern z. T. umfangreiche Unterstützung benötigen, wird erkenn- Katja Nowacki/ Silke Remiorz (2017): Bindung bei Pflegekindern. Bedeutung, Entwicklung und Förderung 1. Auflage, Kohlhammer, Stuttgart, 205 Seiten, € 36,- 232 uj 5 | 2019 Rezension bar, wenn man sich in die Folgekapitel vertieft. Sie zeigen nämlich sehr sachlich, weshalb Pflegekinder, Pflegeeltern und Herkunftseltern auf die fachliche Sorgfalt der fallzuständigen Behörde angewiesen sind. Die Vorerfahrungen der Pflegekinder werden zunächst anhand schicksalhafter personaler Beeinträchtigungen der Herkunftseltern expliziert. Die Tatsache, dass eine beträchtliche Anzahl von Kindern wegen einer psychischen Erkrankung einer Elternperson nicht im Elternhaus aufwachsen kann, gerät anhand der vielen Berichte über ambulante Unterstützungsmaßnahmen der in ihren Familien lebenden Kinder manchmal aus dem Blick. Die Autorinnen zeigen nachvollziehbar, wieweit psychische Erkrankungen die elterliche Erziehungsfähigkeit beeinträchtigen können. Das praxisnahe Fallbeispiel macht dabei eher nebenher deutlich, wie lange und in welchem Umfang Kinder in diesem Zusammenhang gravierendsten Belastungen ausgesetzt sind, bevor sie zu ihrem Schutz in eine Pflegefamilie kommen. Neben den personalen Beeinträchtigungen von Eltern zeigen die Autorinnen auch die sehr viel weniger schicksalhaften Armutsverhältnisse, die massive Stressoren für Eltern sind und bei allem Fokus auf personenbezogene Unterstützung nicht aus den Augen verloren werden dürfen. Bei den Kindern kommt beeinträchtigte Elternschaft als Entwicklungsgefährdung durch Vernachlässigung, Misshandlung oder Missbrauch an. Die Erfahrungen haben ggf. den Stellenwert einer Traumatisierung mit den entsprechenden Entwicklungsfolgen. Hervorzuheben ist, dass die Autorinnen auch die Jugendhilfegeschichte der Pflegekinder als potentiell belastende oder sogar traumatisierende Konstellation in den Blick nehmen: Belastende Umstände vorläufiger Unterbringungen, Übergriffe in Einrichtungen und Pflegefamilien und wiederholte Beziehungsabbrüche sind ebenfalls beachtliche Entwicklungsrisiken. Das zentrale Kapitel, das für die Pflegekinderhilfe hoch relevant ist, ist ein sehr gut lesbarer, verständlicher Überblick über die Entwicklung bindungstheoretischen Denkens, das bei John Bowlby und seinen Beobachtungen zu kindlichen Trennungserfahrungen seinen Ausgangspunkt nahm und inzwischen sehr gut fundierte Modelle zum Verstehen kindlicher Verhaltensanpassung und Verhaltensabweichung als Ergebnis bedeutsamer emotionaler Erfahrungen bereithält. Das Kapitel ist eine hervorragende Einführung in das bindungstheoretische Denken und verdeutlicht die weitreichenden Einflüsse von emotionaler Zuwendung durch Bindungspersonen einerseits und der Erschütterung andererseits, die durch den Verlust von Bindungspersonen ausgelöst wird. Unterrichtet wird auch über das Konzept der Feinfühligkeit, über problematisch abweichende Fürsorge, dies anhand eines sehr anschaulichen Beispiels, über die unterschiedlichen Bindungsmuster als Anpassungsstrategien, über den aus psychopathologischer Sicht relevanten desorganisierten Bindungsstatus als Fehlen einer Anpassungsstrategie an überwiegend ängstigende und uneinfühlsame Bezugspersonen und schließlich auch über die im ICD kodifizierten Bindungsstörungen in ihrer Bedeutung als gravierende Entwicklungsbeeinträchtigungen. Für Leserinnen und Leser mit sozialpädagogischem Hintergrund besonders informativ ist der Überblick über die psychologische Diagnostik der Bindung an Bezugspersonen, der Bindungsrepräsentanzen und von Bindungsstörungen. Gehen Pflegekinder nach der Trennung von den leiblichen Eltern Bindungen an Pflegeeltern ein? Die Antwort auf diese Frage ist von großer praktischer Bedeutung. Immerhin hat der Deutsche Bundestag einen Reformversuch der Pflegekinderhilfe gestoppt, der die Anordnung eines dauerhaften Verbleibs bei der Pflegefamilie nach gescheiterten Unterstützungsmaßnahmen der Herkunftsfamilie zum Ziel hatte. Bei der Anhörung im Familienausschuss wurde behauptet, Pflegekinder seien gegenüber den Herkunftseltern immer loyal und ließen sich schon aus diesem Grund auf neue Beuj 5 | 2019 233 Rezension zugspersonen nicht ein. Die Forschung, die hier präsentiert wird, zeigt: Das stimmt nicht und zwar in doppelter Hinsicht. Es darf erstens nicht unterschätzt werden, wie häufig Kinder, die in Pflegefamilien untergebracht werden, schon Bindungsstörungen aufweisen; die entsprechenden Prävalenzstudien werden benannt. Zweitens ist empirisch gut nachgewiesen, dass nicht nur die jungen Kinder im Alter bis zu drei Jahren von der Unterbringung in Pflegefamilien profitieren, weil sie in einem sehr überschaubaren Zeitraum und in hoher Zahl sichere Bindungen eingehen, sondern auch die älteren Kinder mit deutlich mehr belastenden Beziehungserfahrungen, die sie aus ihren Vorgeschichten mitbringen. Pflegeverhältnisse eröffnen Chancen, auch wenn die Anforderungen an die Pflegeeltern und an die fachliche Begleitung - z. B. eine differenzierte kinderpsychologische Diagnostik und angemessene Unterstützungsleistungen - hoch sind. Für unterstützende Interventionen in der Pflegekinderhilfe haben sich geplante und gut strukturierte Programme bewährt. Die Autorinnen ermöglichen hier zuerst einen praxisorientierten Überblick zu den Angeboten, die sich an Bezugspersonen richten: an Eltern junger Kinder, die in ihrer Erziehungsfähigkeit gestärkt werden sollen - also auch bedeutsam für die Arbeit mit Herkunftsfamilien -, und an Pflegeeltern, die auf ihre Aufgaben vorbereitet werden oder bei der Fürsorge für Kinder mit Bindungsstörungen unterstützt werden sollen. Schließlich werden auch die Angebote beschrieben, die älteren Pflegekindern mit z. T. erheblichen Verhaltensproblemen helfen können, ihre Verhaltensanpassung mit Hilfe der Bezugspersonen zu verbessern. Für die Praxis in der Bundesrepublik, der es gewiss nicht am Mut zum Erfinden und Ausprobieren neuer Konzepte fehlt, zum Teil aber doch an empirisch fundiertem Wirkungswissen und an Anschluss an internationale Erfahrungen mit strukturierten und empirisch geprüften Programmen, ist dieser knappe Überblick von besonderem Wert. Dass in der Folge Anpassungs- und Implementierungsbemühungen entstehen, wäre sehr zu wünschen. Abschließend werden sozialpolitische Perspektiven ausgebreitet. Pflegefamilien müssen gut ausgewählt und angemessen bedarfsgerecht unterstützt werden. Umsonst ist das nicht zu haben, der Personalschlüssel in den Fachdiensten muss den hohen Anforderungen entsprechen. Die Fachlichkeit gegenüber Kindern, die nicht in ihren Herkunftsfamilien aufwachsen, und gegenüber ihren Bezugspersonen ist zu stärken. Dazu gehört auch, die Dauerhaftigkeit des Verbleibs in der Pflegefamilie zu ermöglichen. Hier hat die Politik leider gute Lösungen wieder verschoben. Zur Fachlichkeit gehört schließlich auch, die Heimerziehung unter der Perspektive der Bindungsbedürfnisse von Kindern weiterzuentwickeln. Heime sind nicht per se sinnvolle Alternativen zur Pflegefamilie, schon gar nicht, wenn die Unterbringung dort v. a. mit der Begründung erfolgt, Konkurrenz zwischen Herkunftsfamilien und neuen Bezugspersonen zu vermeiden. Wer das Buch aufmerksam gelesen hat, versteht, dass es die Kinder sein werden, die den Preis für solche Lösungsversuche zahlen müssen. Die Diskussionen um die Pflegekinderhilfe in der Wissenschaft, ihre Gestaltung in der Praxis und sogar die diesbezügliche Rechtsprechung sind nicht frei von Wunschvorstellungen, empirisch nicht fundierten Überzeugungen und bisweilen sogar ideologisch anmutenden Stereotypen. Die Autorinnen verzichten bewusst auf eine detaillierte Darstellung der infrage kommenden Konfliktlinien. Für die Leserschaft ist diese Entscheidung vorteilhaft, da so Raum entsteht, in die Grundfragen der Entwicklung von Pflegekindern und in die Möglichkeiten der Gestaltung angemessener Interventionen einzuführen. Im Ergebnis ist ein konstruktiver Beitrag zur Weiterentwicklung der Pflegekinderhilfe entstanden, dem unter Studierenden, Fachleuten und nicht zuletzt auch unter familiengerichtlichen Entscheiderinnen und Entscheidern eine große Resonanz zu wünschen ist. Prof. Dr. Christine Köckeritz E-Mail: christine.koeckeritz@hs-esslingen.de DOI 10.2378/ uj2019.art39d